Lebst Du?

STOP! Werde Dir mal bewusst: Du atmest. Dein Herz schlägt.

Wenn Du es nicht glaubst, dann setze doch mal ein Stethoskop auf deine Brust. Hörst Du es? Bumm bumm bumm bumm.

Und dann Dein Atem: Ein, aus, ein, aus.

Dein Herz schlägt ohne Unterlass. Dein Atem geht ganz von alleine.

Bist Du Dir dessen bewusst, dass dieses fragile physikalische System dafür sorgt, dass Du lebst?

Und wenn es das nicht mehr tut? Wenn es mal stehen bleibt, Dein Herz?

Dann ist das Leben vorbei, ganz einfach. Und das kann jederzeit passieren. Bist Du Dir darüber im Klaren, dass Du sterben wirst und dass Du nicht weisst wann das passiert? Und – lebst Du? Bewusst und klar, entschieden und: GENUSSVOLL?

Oder musst du noch schnell…. machst du noch rasch… erledigst du noch im Lauftempo dies und das… machst alles nebenbei, ein bisschen wie ferngesteuert oder automatisch, weil es eben gemacht werden muss.

Ach – muss es gemacht werden?

Muss das Leben im mörderischen Tempo gelebt werden? Muss man immer alles schnell machen? Muss man überhaupt alles machen was man meint zu müssen?

Was musst Du denn??

Ich kannte vor Jahren einen Manager, der nach den USA fliegen wollte zu einem scheinbar so wichtigen Meeting. Schnell schnell meinte er noch dies und das einzukaufen und zu erledigen bevor es zum Flughafen ging. Bis ihm an der Supermarktkasse das Herz stehen blieb, einfach so. Die ultra-wichtigen Erledigungen waren einfach hinfällig geworden. Sogar im Rettungswagen sagte er: „Machen Sie mal schnell, mein Flieger geht heute Abend. Ich muss schnell wieder fit sein.“ Der selbe Manager hatte dann im Spital, unter den Händen der Ärzte den zweiten Herzinfarkt.

Für ein paar Minuten war er tot. Aus seinem Körper an die Decke geschwebt, sah er, wie die Ärzte um sein Leben kämpften. Es zog ihn zurück in diesen Körper. Ein paar Monate später sass er vor mir mit feuchten Augen im Coaching. Auf die Frage, was ihn da so erschüttert hätte, sagte er: „Ich wusste plötzlich nicht, wer da stirbt. Und ich wusste es auch nicht, als ich wieder drin war in diesem Körper“

Der Klient hatte bei all dem, was er meinte sein, tun, erledigen und gehorchen zu müssen das Leben an sich vergessen. Er war in Eiltempo gelaufen, in den Pflichten ertrunken und das Herz hatte keinerlei Raum in seinem Leben. Auch nicht die Herzensangelegenheiten. Und überhaupt: Die Gelegenheiten.

Die Möglichkeiten, das Leben einfach nur so in der Stille zu geniessen.

Heute sass ich mit einer Klientin auf einem wunderbaren schönen Aussichtspunkt. Die Sonne schien nicht zu heiss, die Luft war wunderbar frisch und sauber. Wir konnten einfach nur in die Ferne schauen und am Leben in uns und um uns herum teilnehmen. Bumm bumm bumm … ein und aus, ein und aus.

Es braucht auch in DEINEM Leben nichts mehr als das: Dein Herz, das pausenlos für Dich schlägt und sagt: Nimm mich ernst. Du wirst dieses Leben nicht für immer haben. Nimm Dir Zeit zum Leben. Zum Schlendern. Zum Geniessen. Zum nichts tun.

Der kluge Gandhi hat einmal gesagt: Es gibt Wichtigeres im Leben, als beständig dessen Tempo zu erhöhen.

Hör mal auf Dein Herz. Warum nicht gleich? Dafür hast Du immer Zeit.

Willkommen in der Adlerperspektive

 

 

Diesen Blogg widme ich in grosser Dankbarkeit der lebensfrohen Königin 230.

 

schauen

Aus und vorbei

Es gibt schöne Paare. Es gibt schreckliche Paare. Und es gibt Paare, bei denen man denkt, sie machen die Welt ein bisschen schöner, weil sie zusammen sind.

Ein Paar der dritten Kategorie hat sich letzte Woche getrennt. Ihre Trennung hat mich erschüttert, weil ich nicht damit gerechnet hätte. Einen ganzen Tag ging ich damit in meinen Gedanken. Es tat mir leid. Und ich stellte in Frage. Vor allem aber bedauerte ich, dass es nicht halten konnte.

Warum halten manche Verbindungen ewig, obwohl sie sich offenbar nicht gut tun und andere scheitern, obwohl sie uns als Vorbild dienen für das Echte, Schöne, Wahre?

Kann man da so einfach sagen: Das Leben hatte andere Pläne?

Eine Antwort gab mir vor vielen, vielen Jahren mein Freund Pan. Wir sassen vor dem Feuer in seinem Flusshaus und er kam mit einer Münze in der Hand. Er schnippte sie nach oben und sagte: „oh, die Kopfseite! Alles ist schön, das Leben macht Spass und ist gut, die gute Zeit!“ dann schnippte er wieder und zeigte die Zahlenseite: „oh und jetzt, ist alles schwer und traurig, macht wütend und frustriert, die schlechte Zeit“ und dann schnippte er wieder, drehte die Münze. Und meinte: „so ist es, das Leben. Es steht nicht still, es bleibt nichts für ewig, es wandelt sich. Das Leben besteht aus den beiden Seiten. Gewöhne dich nicht nur an die eine Seite, die Münze wird sich wieder drehen. Sie besteht, wie das Leben, aus zwei Seiten, die sich abwechseln. Willst Du die Münze behalten, dann akzeptiere dass sie beide Seiten hat.“

Warum verlangen wir, dass eine Beziehung die Kopfseite behält und wehren uns, wenn die Zahl uns anzeigt, was eben die Schattenseite ist?

Und: Müssen wir denn die Münze unbedingt behalten?

Anne Morrow Lindbergh hat in ihrem Buch „Muscheln in meiner Hand“ einmal eine schöne Umschreibung gefunden.

„Wenn man jemanden liebt, so liebt man ihn nicht die ganze Zeit, nicht Stunde um Stunde auf die gleiche Weise. Das ist unmöglich. Und doch ist es das, was die meisten fordern. Wir haben so wenig Vertrauen in die Gezeiten des Lebens, der Liebe, der Beziehungen.

Wir jubeln der steigenden Flut entgegen und wehren uns erschrocken gegen die Ebbe. Wir haben Angst, die Flut würde nie zurückkehren.

Wir verlangen Beständigkeit, Haltbarkeit und Fortdauer; und die einzige mögliche Fortdauer des Lebens wie der Liebe liegt im Wachstum, im täglichen Auf und Ab-­‐in der Freiheit; einer Freiheit im Sinne von Tänzern, die sich kaum berühren und doch Partner in der gleichen Bewegung sind. Die Partner brauchen sich nicht aneinander festzuhalten, da sie sich freiwillig zum selben Muster bewegen, froh, leichtfüssig und frei.“

Paare kommen zusammen, Paare trennen sich. So ist es nun mal. Kein Drama. Kein Weltuntergang. Und doch: Ein bisschen mehr verlieren wir jedes mal von unserer Illusion, dass die Liebe immer siegt. Manchmal siegt sie auch nicht.

Dann trennen sich Menschen wegen der Ebbe und der Flut, weil sie den Gleichklang suchen und nicht die Abwechslung von immer neuen Impulsen und Einflüssen auf die zarte Verbindung.

Als Partner-Coach meine ich: Jede Beziehung kann geheilt und gerettet werden, wenn man sich wieder auf das besinnt, was am Anfang war und wenn man gleichzeitig das Fundament stärkt, dass die Beiden verbindet. Aber: Es muss Liebe sein. Keine Illusion und kein Deal, keine Bequemlichkeit und keine egoistischen Interessen. Keinesfalls die Erwartungen der Anderen oder weil es eben besser wäre man bliebe zusammen.

Wenn die Liebe nicht stark genug ist, auf einer oder auf beider Seiten – dann gebt die Münze zurück. Trennt Euch in gegenseitigem Respekt. Macht aus dem Wir wieder ein Du und ich. Der Weltenlauf wird Euch an neue Ufer spülen und Euch wieder einen Schatz in die Hand legen. Wird die nächste Münze auf beiden Seiten geliebt? Dann wird sie Dich bereichern. Stellt sich nach einer Weile heraus, dass die Zahlenseite die Münze wertlos erscheinen lässt – dann geh weiter.

Es gibt schöne Paare.

Es gibt schreckliche Paare.

Es gibt Paare, die die Welt ein bisschen besser machen.

Zu welcher Kategorie gehört die Verbindung in der Du Dich befindest?

Was tust Du damit?

Wie pflegst Du die Beziehung?

Wie viel Liebe, Wertschätzung, Pflege gibst Du ihr?

Oder: Warum hältst Du fest, obwohl die Liebe nicht mehr fliesst?

Mache Dir in dieser Woche den Wert Deiner Verbindungen bewusst. Entscheide Dich: Willst Du Recht haben – oder in Verbindung sein?

Festhalten oder loslassen?

Wertschätzen oder befreit weiter ziehen?

Das Gold liegt überall.

Willkommen in der Adlerperspektive.

goldmünze

Diesen Blog widme ich gleich dreien: Meiner schönen Liebe mit Stefan und Frank, beide vorbei. Meinem Freund Pan für die Lektion. Und meiner aktuellen Liebe, mit Potential eine drei zu sein, Remko. Danke für das viele wunderbare Gold!

Kettenreaktion

Hast Du Dich auch schon mal verlaufen? Ich meine, nicht einfach so, wenn Du auf einem Weg warst, um etwas zu finden und dann falsch gelaufen bist. Ich meine: SO RICHTIG verlaufen. Also eine fatale Fehlentscheidung, die Dich an Orte gebracht hat, wohin Du nicht wolltest und was Dich dann nach und nach richtig nachhaltig geärgert, verändert, enttäuscht oder gar verletzt hat.

Wenn Du von Deinem Weg abgekommen bist – und das eine Folge von weiteren Schritten nach sich gezogen hat, die Du fast nicht mehr stoppen konntest.

Eine tragische Sache. Fast alle waren wir schon einmal in einer solchen Situation.

Vor Jahren hatte ich einen wunderbaren Coachee, der sich mit einer Partnerin verband, die ihm nicht gut tat. Als ich ihn nach vielen Jahren wieder sah, hatte er sich selbst sehr weit verraten. Ich konnte sein gutes, goldenes Herz nur noch schwach schimmern sehen. Ihn aus dieser Geschichte heraus zu wickeln (dafür steht das Wort Ent-wicklung) war für uns beide sehr anstrengend und nervenaufreibend. Am Ende war alles gut und heute ist er gestärkt aus dieser Geschichte heraus gekommen.

Manchmal brauchen wir die Umwege zum Glück.

Aber man kann auch präventiv das Richtige tun, um solche Umstände gar nicht erst in sein Leben zu lassen. Dazu braucht es dringend: Bewusstsein. Sich selbst kennen. Und die eigenen Bedürfnisse sehr ernst nehmen.

Ich gebe Dir ein Beispiel. Als ich meinen letzten runden Geburtstag feierte, bekam ich zwei unglaubliche Geschenke. Von einem lieben Kunden das Angebot 4 Wochen in ein super Luxus Ressort in Thailand zu gehen. Ein unglaubliches Angebot. 4 Wochen in einem holistischen Spa der Extraklasse auf einer Insel im Golf von Thailand. Der andere sehr dankbare Kunde wollte mir für vier Wochen eines seiner sensationellen Häuser an der portugiesischen Algarve zur Verfügung stellen. Inclusive Pool, Hausangestellte und 11 Zimmern, die ich mit meinen Freunden hätte füllen dürfen.

Die Angebote waren toll. Ich war sehr dankbar dafür. Und meine Freunde freuten sich wie verrückt und wollten unbedingt mitfliegen. Ich ging mit den Angeboten schwanger. Beide Kunden wollten schnellstmöglich einen Termin von mir. Wochen schob ich die Hochglanzprospekte über den Schreibtisch. Ich wich aus und ich wusste es. Und fragte mich: Warum sage ich nicht einfach zu und mache einen Termin fix? Warum kann ich mich nicht wie verrückt freuen?

Als die Anfragen nach meinen Wunschterminen und meine Antworten an die Spender immer drängender wurden ging ich einmal mit meinem Hund über die Hügel, der Wind blies stark und ich war glücklich. Ich fragte mich: Was würde ich mir selbst raten, wenn ich mein eigener Coach wäre?

Es war lustig, die Antwort kam sofort:

Was macht mich denn glücklich, wenn ich vier Wochen Ferien mache?

Nun, was soll ich sagen. Es war keineswegs die Hitze von Thailand oder Portugal. Es war der Wind, der gerade um meine Ohren blies, es war die raue Landschaft, es war das kalte Wetter, der Regen und die Wolken und ein langer wilder Galopp an einem einsamen Strand. Es war irische Livemusik und Guiness, Riverdance und gälisches Sprechen.

Auf einmal war die Antwort ganz leicht. Keines der Angebote annehmen. Nach Irland, in den wilden Westen, sollte es gehen.

Frage Dich jetzt gleich einmal:

Was macht mich glücklich?

Was brauche ich?

Was möchte ich gerne erleben, in meinem neuen Job, in meiner Partnerschaft, in meinen Ferien, in meinem neuen Zuhause?

Was ist für mich ganz persönlich elementar wichtig?

Was ist MEINE Wahl, wenn ich sie habe?

Wenn Du diese Grundgedanken in Deinem Leben beantworten kannst, dann wirst Du er-folg-reiche Entscheidungen treffen, die Dich an den richtigen Ort, zu den richtigen Menschen, an die richtigen Gegebenheiten führen. Alles ist dann folge-richtig genau für Dich gemacht.

Denn es ist Dein Leben. Niemand anders weiss, was Du wirklich in deinem Herz begehrst. DU BIST DIE WICHTIGSTE PERSON FÜR DEINEN WEG.

Mach eine Kettenreaktion daraus. Entscheide jetzt gleich:

Was will ich wirklich?

Dann wird sich alles fügen. Versprochen.

Willkommen in der Adlerperspektive!

eire

Die kleine Extravaganz

Karl Lagerfeld hat einmal gesagt: „Kreativität ist ein Muskel, Du musst ihn genauso trainieren wie Deine anderen Muskeln, sonst erschlafft sie“

Viele Menschen meinen, Kreativität sei basteln und malen und irgendwelche Dinge dekorativ herstellen oder verändern. Aber Kreativität ist sehr viel mehr und geht sehr viel tiefer. Erinnerst Du Dich an den letzten Blog? Ich habe darin erwähnt, dass wir nur 2% neue Gedanken haben während eines Tages. Meistens trauen wir uns gar nicht aus der Komfortzone des bereits Bekannten heraus zu denken.

Kreativität heisst kre-ieren. Also etwas erschaffen. Und alles Neue ist demnach Kreativität. In der Tat ist es meistens etwas Originelles, also etwas, das nur von Dir gemacht wird.

Können wir also einen Schritt weitergehen dann ist Kreativität ein Ausdruck von Deiner Authentizität und Individualität.

Du kennst das sicher, wenn Du Dir einmal Kunsthandwerk, ein Bild, etwas Selbstgemachtes ansiehst: Du erkennst darin denjenigen, der es erschaffen hat.Oder wenn Du einen Text liest, manchmal sogar wenn es sich um einen Zeitungsbeitrag handelt: Du erkennst die Melodie, die Aussagekraft, das Wesen des Schreibenden. Kreativität ist immer ganz nah an dem, der es erschafft. Man kann deutlich erkennen, ob etwas „mit Seele“ gemacht wurde oder nur konventionell erschaffen wurde.

In der vergangenen Woche war ich in einer grossen Buchhandlung in Zürich um zwei Bücher meiner Lieblingsautoren für meine Freundin zu kaufen. An der Kasse kam ich ins Gespräch mit der Buchhändlerin und wir gerieten ins Fachsimpeln. Am Ende waren wir beide von einem der beiden Autoren begeistert und hatten den selben Eindruck, von dem was er schreibt: Es ist immer eine eigenartige Form des Amüsements wenn man seine Texte liest. Er hat Schalk. Und seine Texte sind nicht reisserisch sondern verzaubern ein bisschen.

(Wer das gerne hat: Alex Capus: Königskinder)

Alles was Du kreativ erschaffen kannst trägt vor allem auch Dein Wesen in sich. Da geht es nicht mehr nur um Abrufen dessen, was Du schon weisst (unser Dinosaurier-Hirn mit 98% Prozent vollgestopften alten Wissens) sondern –

um die kleine Extravaganz, die Dich ausmacht.

Wie kann ich also meine 2% neue Gedanken erweitern und damit mein Gehirn und das ewige Denken damit ein bisschen ablenken?

Du brauchst dringend: I N S P I R A T I O N.

Und die bekommst Du vor allem durch Neues. Neue Menschen, neue Orte, neue Bücher, neue Gesprächsthemen, neue Fragen (an Dich und von Dir), neue Sinneseindrücke. Du musst Dir pro-aktiv und hungrig, offen und gierig (deshalb spricht man von Neugier) das Neue holen.

Manchmal reicht es schon, wenn Du Deine Aufmerksamkeit auf das Absurde lenkst. Du stellst Dir einfach vor, jetzt ein paar Wunder zu sehen und zu erleben. Das öffnet Deinen Geist sofort und Du erlebst Dinge, die wunder-bar sind.

Letzte Woche sah ich zum Beispiel eine Dame im Pelzmantel bei 30 Grad Hitze. Eine, die einen riesigen Stapel Teller balancierte. Ein Vater der drei Waffeln Eis hielt die alle über seine Hände liefen während seine Kinder mit einem Hund beschäftigt waren und ihm das Eis nicht abnehmen wollten. Eine alte Lady, die mit einem jungen Verkäufer flirten wollte und der dabei die Augen verdrehte.

Ich könnte die Liste ewig weiterführen.

Inspiration heisst – Den Geist erhellen, das Schöpferische, Erleuchtende erleben.

In der Medizin kommt Inspiration von lateinisch „inspiratio“: Einhauchen, einatmen.

Und das ist es, was Dein Gehirn braucht, wenn es kreativ sein will: Es muss den Dingen, dem Leben, den Gesprächen etwas Spannendes, Neues und Aussergewöhnliches einhauchen.

Hast Du Deinen Kreativitätsmuskel heute schon trainiert?

Öffne Deine Sinne und erlebe das, was ist, als neu. Das kannst Du immer. Du musst es eben einfach wollen.

Willkommen in der Adlerperspektive.

Unser Gehirn ist ein Spiesser!

Wir denken alle. Unentwegt. Ich sage auch gerne: Es denkt. Denn wie oft passiert es Dir, dass Du aufwachst und das Gefühl hast, Du wachst mitten in der „Arbeit“ auf? Vielleicht hat Dein Gehirn ein Gespräch im Geist wiederholt und Varianten davon gespielt. Dann denkt „es“ zum Beispiel: „ich hätte das sagen können und dann hätte er/sie vielleicht anders reagiert“.

Oder das Gehirn denkt nach – denkt nach ! – was passiert ist, wiederholt und prognostiziert nach vorne, was passieren könnte, was eintreffen könnte, was nicht sein sollte, was man tun könnte.

Unser Gehirn denkt und denkt. In einem durchschnittlichen Gehirn bewegen sich etwa 60.000 Gedanken pro Tag! Ganz schön aktiv, dieses Ding.

Nur gerade mal 2 % unserer Gedanken sind neue Gedanken!

Ansonsten denkt unser Gehirn gerne zurück und vor.

Ein bisschen als wenn wir eine CD hören (immer die gleiche CD) und immer wieder unsere Lieblingssongs darauf anklicken. Rewind hiess das früher bei den Tonbändern. Zurück und vor – in einer Endlosschleife.

Wie geht es Dir damit? Wenn Du einmal genau hinschaust, wirst Du sehen, dass nichts Neues passieren kann, weil wir in den alten Dingen verharren.

Vor Jahren hatte ich einmal ein überaus wunderbares Gespräch mit einem Mental Coach aus Kanada. Ich war damals überfordert von zu vielen to-do’s und er sagte: „Das ist wie ein Baum, der viele Äste hat und viel Laub und ganz schwere Früchte daran trägt. Der Baum kann nicht mehr wachsen, er braucht ganz viel Kraft um alle Äste zu versorgen. Du musst einen dicken oder ein paar kleinere Äste abschneiden, dann bekommt der Baum wieder mehr Kraft“.

Du kannst Dir denken, was in den nächsten Tagen passiert ist. Mein Gehirn war gierig auf das neue Gedankenspiel. Hin und her, vor und zurück. Plötzlich waren alle Äste schön, jeder hatte seine Berechtigung und von keinem wollte ich mich verabschieden. Der Lieblingsgedanke war dann: Was passiert als nächstes, wenn ich diesen Ast abschneide? Und was bei diesem? Dabei meinte mein schlaues Denkorgan, auf alles Antworten zu haben. Kein Platz mehr für Neues.

„Es“ dachte und dachte. Ganz schön viel Verkehr in meinem Kopf. Aber: Es ging nirgendwohin. Ich fuhr im Kreisel. Keine Ausfahrt in Sicht.

Wie die Geschichte ausging? Ich schnitt den ganzen Baum ab. Ich liebe radikale Lösungen. Nur – was dann? Auf dem neuen Spielfeld gab es keine Schwere mehr. Ich konnte neu aufbauen und wie durch Zauber fügte sich alles richtig dafür.

Der schlaue Albert Einstein hat einmal gesagt, man könne kein Problem mit der selben Denkweise lösen, mit der es entstanden ist.

Unser Gehirn ist langweilig. Es wiederholt sich. Es ist nicht kreativ. Nur selten findet es neue Ideen – dann „fällt uns etwas ein“. Wenn wir Glück haben.

Wenn wir kein Glück haben, dann – genau – fährt es weiter in diesem verdammten Kreisel.

In meinem Studium habe ich etwas Spannendes gelernt: Die Kraft der Argumentation. Dabei gibt es ein Phänomen. Es heisst: Ad nauseam. Als ad nauseam bezeichnet man einen Argumentationsfehler, bei dem eine Behauptung – auch durch verschiedene Menschen und in verschiedenen Worten – wiederholt wird, bis sie als wahr akzeptiert wird, auch dann, wenn es keine Beweise dafür gibt. Also: Eine Lüge kann so oft erzählt werden, bis sie schliesslich zur Wahrheit wird.

Unser Gehirn ist ein Langweiler. Ein Spiesser. Ein Dinosaurier.

Während wir unsere Computer immer mal wieder dechiffrieren (also entschlüsseln) können, um die Daten wieder ordentlich zu sortieren, können wir das mit unserem Gehirn nicht. Stoisch hält es an Altem fest. Das was wir gelernt oder gepredigt bekamen, das was wir als wahr abgespeichert oder angenommen haben, das was sein sollte oder wogegen wir rebellieren. Wir sind – l a n g w e i l i g – wenn wir die immer gleichen Dinge denken.

Wie kannst Du aussteigen?

Dafür gibt es ein kurzes Video. Niemand kann das besser sagen als Mooji:

https://www.youtube.com/watch?v=C3Cvqmt3ByM

In Deinem CD Player im Kopf gibt es noch eine wichtige Taste, neben Play und Rewind –

P A U S E.

Lass Dir etwas „einfallen“ was noch nie da wahr. So entstehen  Wunder.

 

Willkommen in der Adlerperspektive.

Schritt für Schritt

Manchmal wird alles einfach ein bisschen viel. Es gibt so Momente, da stapelt sich die Arbeit bereits und dann kommt noch etwas und noch etwas.

Wenn ich schon ohnehin eine todo-Liste habe die ewig lang ist und dann meine Scheinwerferbirnen vom Auto beide ausfallen. Oder nachdem ich ohnehin schon stundenlang geputzt habe fällt mir ein Glas mit einer klebrigen Flüssigkeit auf den Boden und verspritzt alles im Umkreis von 8 Metern, es klingelt an der Haustüre und ich denke an all die Mails, die ich noch beantworten muss. Dann kann es gut vorkommen dass ich die Nerven verliere – oder vor den noch zu erledigenden Aufgaben kapituliere.

Das kennst Du auch: es will einfach nicht weniger werden. Manchmal fangen wir dann bei einem Teilziel an, die neuen Baustellen aufzureissen. Es ist eben einfach – zu viel.

Was können wir dann tun? Alles verkaufen und verschenken und in den Purismus gehen, im Wald und ohne Sachen leben? Kein Haus, kein Auto, keine Verpflichtungen mehr? Die meisten Menschen denken an Flucht, weil sie vor dem Berg stehen und nicht weiter gehen.

Vor Jahren wollte ich mit meinem damaligen Partner auf einen Berg. Es war unsere Abschiedswanderung, mir lag wirklich etwas daran. Am Abend hatten wir das Essen vorbereitet und in handliche Mengen portioniert, die gesamte Ausrüstung geckeckt, die Rucksäcke gepackt, die Füsse mit Tapes versehen, die Kleidung abgestimmt. Früh am Morgen ging es für das erste Teilstück auf die Bahn, dann traversierten wir in Richtung der Route. Wir gingen los, immer bergauf. Wir waren schon zwei Stunden schweisstreibend unterwegs, als wir vor einem Geröllfeld standen. Er ging wie immer beherzt los. Und ich blickte mir dieses schwierige Wegstück an. Nach dem Geröll ging es in steile Alpwiesen, danach kam der Fels. Ich rief ihn und sagte: „Das war’s für mich, ich drehe um, ich will das nicht mehr“.

Ich konnte einfach nicht mehr die Motivation aufbringen, das weiter zu ziehen. Der ganze Weg war schon eine Tortur und angesichts der nächsten Stunden harter Arbeit knickte ich ein und lief, beschwingt von der Freiheit, Nein zu sagen, den Berg hinunter. Ich ging sogar so weit, die Umwelt zu verschmutzen weil ich meine Bergstiefel auszog und sie mit Riesenfreude in einen Tobel warf. Ich habe nie mehr einen Berg bestiegen. Heute bedaure ich, dass wir unser letztes Gipfelbild nicht mehr machen konnten. Aber wir hatten eben etwas Wichtiges vergessen:

Wir hatten die Etappenziele nicht gefeiert. Jedes Mal wenn wir eine Etappe geschafft hatten, waren wir einfach weiter gegangen. Hätten wir aber diese kleinen Momente nach einer bestandenen Herausforderung mit einem langen dankbaren Blick auf das was hinter uns lag „gefeiert“, dann wäre es für mich gewiss einfacher gewesen.

So kann man die Berge heute noch angehen. Wenn Dir die Arbeit, die todo Liste zu lange wird, dann breche kleine Gipfel heraus. Und jedes Mal wenn Du etwas davon abgehakt hast, setze Dich kurz, betrachte das, was erledigt ist und gönne Dir etwas: Fünf Minuten deinen Lieblingssong, einen stolzen Blick auf das was getan ist. Eine SMS in dem Du „JUHU ich hab es geschafft“ schreibst. Eine leckere Belohnung. Ein kleines Freudentänzchen. Oder einfach nur: Tief durchatmen. Du bestimmst das Quantum, das heute erledigt werden kann – und Du belohnst Dich. Und dann gehst Du zurück in den Flow und nimmst das Nächste.

So kannst Du den Berg hochgehen, atmen, pfeifen und Dich freuen.

Nimm Dir nicht zu viel auf einmal vor. Zugegeben ist die Liste am Anfang lang. Aber Du musst sie ja nur einmal schreiben und ab dann ist das ganze Durchlesen verboten. Vielmehr kannst Du sehen wie sie schrumpft wenn Du Linie für Linie durchstreichst.

Was machen Menschen, wenn sie es auf den Gipfel geschafft haben? Genau, sie jubeln, sie schauen sich den Weg an, den sie geschafft haben (ein zutiefst befriedigendes Gefühl). Sie machen einen Freudensprung. Sie feiern die Leistung. Dann steigen sie wieder ab. Aber das Leben hält nicht an. Der nächste Berg kommt bestimmt.

Du musst nicht alle Deine Sachen verschenken und in den Wald ziehen ohne etwas zu besitzen. Aber es hilft schon, sich auch von Dingen zu verabschieden, die einfach nicht mehr sein müssen. So wie bei mir damals: Ich war schon jahrelang mit dem Partner über Berge gegangen. Es war anstrengend. Und ich wusste, dass ich es nach der Trennung leichter haben würde.

Mach Dich frei von dem, was nicht mehr sein muss.

Und das andere machst Du Schritt für Schritt und mit Applaus für Dich selbst.

Willkommen in der Adlerperspektive.

 

arbeitsberg

Du bist GROSSARTIG

Kürzlich sass ich im Gespräch mit einer wunderbaren Frau. Wenn ich sage „wunderbar“ dann muss es für mich auf allen Ebenen stimmen. Also nicht nur klug und erfolgreich, sondern vor allem seelisch und psychisch schön. Die Lady ist für mich eine echte Klassefrau. Vor allem deswegen, weil sie wach ist und selbstverantwortlich handelt. Weil sie sich selbst pusht und keine anderen Menschen (miss-)braucht. Weil sie sich ihren Bedürfnissen widmet und sich holt was sie braucht um sich weiter zu entwickeln.

Die Wunderbare also sagte aber plötzlich ich einem anklagenden Ton: „Da habe ich mir gesagt: Das hast Du auch wieder nicht hingekriegt.“

Ich widersprach vehement, denn diese Frau hat alles geschafft. Schaue ich auf ihr CV sehe ich nichts, was sie nicht erreicht hätte. Und schaue ich in ihr Wesen, dann sehe ich nichts was zu verbessern wäre. Ausser vielleicht eins: Ihr Selbstvertrauen. Ihren Selbstwert. Ihre Selbstsicherheit. Und schliesslich auch noch: Ihre Selbstliebe.

Es macht mich wütend, dass Eltern das ihren Kindern nicht vermitteln. Dieses: Du bist GUT so wie Du bist! Du bist RICHTIG so wie Du bist! Du bist LIEBENSWERT. Du bist WUNDERBAR.

Wann fängt das an, dass wir nicht mehr an uns glauben?

Wegen den Leistungszwängen?

Weil wir schon bald beweisen müssen, dass wir etwas (schon) können und dafür gelobt werden wenn wir etwas tun, statt wenn wir jemand sind?

Ein geringer Selbstwert kann viele psychische Probleme induzieren. Depressionen weil wir meinen nicht gut genug zu sein, soziale Phobien, weil wir meinen in den Augen der anderen nichts wert zu sein oder etwas falsch zu machen. Versagens- und Verlustängste, weil wir uns nichts zutrauen.

Selbstwertprobleme haben immer einen biographischen Hintergrund. Die Aussenwelt (Eltern, Familienangehörige, Erzieher) werten uns bewusst oder unbewusst ab. Wie oft hören wir: Tollpatsch, Heulsuse, Memme, Dummkopf, Schussel, Brave, sei stark, sei tapfer (wenn wir es gerade nicht sind), reiss Dich zusammen, streng Dich an… die Liste ist lang. In der Schweiz heisst es gar: Sie/er ist halt es Dumms….

Nirgends werden wir so stark beeinflusst wie in unserer Kindheit. Bald auch von anderen Kindern, weil die Konkurrenz Situation vorgelebt wird. Und wer kennt nicht auch Lehrer, die uns nicht gefördert, sondern ausgegrenzt haben.

Was in den ersten Jahren von aussen geschieht. passiert bald von innen: Unser innerer Kritiker macht uns kaputt. Wie oft hören wir von anderen: „Ich bin so blöd, da war ich wieder so doof, ich hab es wieder nicht kapiert, ich hab es nicht geschafft wie üblich, ich bin schusselig, ich bin daneben, ich bin nicht gut genug.“

Unsere guten, brillanten, wertvollen, wunderbaren Seiten fristen bald ein Schattendasein – denn die Energie geht da hin, worauf wir uns kritisieren. Und da wir so gut gelernt haben uns auf Negatives zu konzentrieren, nimmt es bald unser gesamtes Bild ein.

SCHLUSS DAMIT.

DU BIST WUNDERBAR!

DU BIST WERTVOLL!

DU BIST LIEBENSWERT!

DU HAST DAS BESTE VERDIENT!

Das schwache Selbstbild, der niedrige Selbstwert ist eine Illusion!

Schreibe eine Liste. Am besten jetzt gleich, nach dem Du das hier gelesen hast. Schreibe: Ich liebe mich weil….

Und dann schreibe 20! mindestens 20! Dinge auf, die Du an Dir magst! Dass Du fair bist, dass Du auch an andere denkst, dass Du oft voller verrückter Ideen bist, dass Du wunderschöne Tagträume hast, dass Du eine tolle Freundin bist, loyal, treu, wohlwollend, grosszügig, kreativ, sportlich, freundlich, fröhlich, wunderschön anders, zärtlich, vorsichtig, sorgfältig, ein schönes Lächeln hast das du gerne gibst…. mach eine  L A N G E Liste und lies es wieder und wieder.

Denn: Es ist eine Illusion dass Du denkst etwas wäre nicht gut an Dir.

Fang an Dich zu feiern!

Dich zu mögen!

Dich anzuerkennen!

Schaffe Dir Freiräume in dem Du Dich selbst gern hast. Dann brauchst Du niemanden anderen dafür.

Mach Dich gross und stark in Deinem Wesen. Denn DU BIST GROSSARTIG.

Willkommen in der Adlerperspektive.
Dieser Blog ist vor allem für Dich, Bernadette.

 

free

Downunder

Wann warst Du das letzte mal „down“? Oder bist Du es noch?

Und was tust Du dagegen?

Wir kennen diese Phasen alle: In denen nichts gelingen will. In denen jeder Blick in die ferne oder nahe Zukunft einfach nur düster wirkt.

Oder der Moment, in dem wir krank im Bett liegen und meinen, nie mehr an die rettende frische Energie zu kommen.

Was tun wir dann? Aufgeben? Uns hingeben?

Meistens machen wir zweierlei: Erst Jammern – und dann Widerstand, gegen das was gerade schief läuft, leisten. Eher wenige Menschen lassen der Natur ihren Lauf und warten auf das „Besserwerden“.

Es gibt da einen schönen Begriff, der die letzte Phase eines Gesundungsprozesses beschreibt: Rekonvaleszens. Er kommt aus dem Lateinischen von reconvalescere – wieder kräftig werden, wieder stark werden zu valere – gedeihen, heil sein.

Meist nehmen wir uns nicht die Zeit zum Heilwerden. Wir versuchen das zu erzwingen. Auch in der Psychotherapie gibt es dieses Phänomen. Da soll es hopp hopp und schnell wieder gut werden. Oft habe ich auch von Menschen gehört, die einen schweren Schicksalsschlag erlebten: Ich will dass alles wieder so wird wie es war.

Das ist absurd – Wir nehmen uns keine Zeit für die Langsamkeit. Auch nicht im Gesundungsprozess. Es muss eben schnell gehen, weil wir nicht leiden wollen, weil wir nicht schwach sein wollen, weil wir kein Mitleid wollen, weil wir leisten, leisten, leisten wollen. Dann forcieren wir, dass es schnell geht. Und graben uns die nächste Grube, in die wir dann fallen werden.

Wenn Du gerade in ganz niedriger Energie bist, aus welchem Grund auch immer, dann frage Dich:

Wie bin ich da hin gekommen?

Was hat mich so gelähmt und geschwächt?

Warum brauchte ich diese Situation, Krankheit, den Unfall?

Erst wenn Du erkennst, was hinter den Dingen steht, kannst Du daraus etwas ziehen, was die Situation als Geschenk mit sich bringen wird. Für irgendetwas ist jede Krise gut. Ich behaupte: Für Wachstum.

Ich weiss, Du wirst vielleicht sagen: Du hast gut reden, ich muss ja mit der Krise umgehen. Das stimmt. Aber wir sind alle einmal in einer Krise. Wir sind immer wieder oben und unten. Das Leben geht in Wellen. Niemandem geht es dauerhaft immer nur gut.

Wenn Du also gelernt hast, um was es aktuell ging/geht, dann kommt der Kraftaufbau von ganz alleine. Das liegt in unserer Natur. Die Dinge heilen. Alle Dinge heilen. Ob wir wollen oder nicht, unsere Physiogonomie, alles Leben, ist so konzipiert: Die Dinge kommen in Unordnung. Und dann kommen die wieder in Ordnung.

Der Tag, an dem Du das erste Mal wieder in der neu aufgebauten Energie die Welt siehst, könnte somit ein Wundertag werden. Ein Tag, an dem Du die Augen öffnest und verblüfft fest stellst: Ach, eigentlich ganz schön, die Welt!

Nimm Dir Zeit von unten nach oben. Und wenn Du oben bist: Geniesse.

Willkommen in der Adlerperspektive.

 

Zart und zerbrechlich

Letzte Woche hatte ich ein feines, zartes Mädchen in meiner Therapie. Ich kenne sie, seit sie ein sehnsüchtiger Gedanke ihrer lieben Mutter war. Inzwischen ist sie 14, grossgewachsen, sehr dünn, sehr zart. Wie eine Elfe. Das Bild wurde rasch gestört als ich die vielen Schnitte an ihrem Arm sah. Sie ritzt sich.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich damit zu tun habe. Ich hatte vor Jahren eine junge Frau in der Therapie, schon in deren Dreissigern, deren ganzer Körper übersät war mit Narben. Eine Ausdrucksform von innerem Schmerz, der nach aussen sicht- und spürbar gemacht werden musste.

Diese hochsensiblen Menschen leben in unserer so rauen Welt wie Blumen, die bereits zittern wenn ein Wind kommt und dann von einem Lastwagen überfahren werden. Hochsensibilität ist eine Form unseres psychischen Lebens, das oft nicht rechtzeitig erkannt und dazu in den meisten Fällen einfach als Krankheit abgetan wird.

Etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen gelten als hochsensibel. Ihre Wahrnehmungsfähigkeit ist überdurchschnittlich differenziert, zudem wird das Aussen in ihrem Inneren wahrgenommen und ebenso differenziert verarbeitet – oder eben erlitten. Ausserdem ist das Gehirn eines Hochsensiblen nicht in der Lage, die Reizüberflutung adäquat zu verarbeiten.

Ihnen fehlt damit die „dicke Haut“ an der vieles abprallen kann.

Andererseits verfügen Hochsensible über ein riesiges Potential an Intuition, Kreativität und Einfühlungsvermögen und können andere sanft unterstützen und begleiten. Dieses Potential wird oft nicht erkannt oder gefördert. Die Gesellschaft versucht, diese feinen Menschen in das Funktionieren zu zwingen und verlangt, sie mögen sich doch jetzt mal ein bisschen zusammen reissen und in den Griff bekommen. Schliesslich reissen wir uns ja alle zusammen.

Und hier liegt dann ja auch das Dilemma. Wir leben in einer rauen Welt. Schon vor hundert Jahren hat mein Lieblingsdichter, Rainer Maria Rilke, das formuliert:

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.

Sie sprechen alles so deutlich aus:

Und dieses heisst Hund und jenes heisst Haus,

und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch Ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,

sie wissen alles, was wird und war;

kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;

ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.

Die Dinge singen hör ich so gern.

Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.

Ihr bringt mir alle die Dinge um.

 

Wie ist unser Umgang mit unserer eigenen Sensibilität?

Wo lebst Du (noch) Deine innere Feinheit?

In den vielen Jahren meiner Tätigkeit als Coach, zudem als Mensch, sind mir viele begegnet, die hochsensibel und wunderschön waren. Und viele, die sich eine riesige steinerne Mauer gebaut hatten, um nicht verletzt zu werden.

Die dicke Haut adelt uns nicht – sie macht uns in Wahrheit schwach.

Weil wir dann falsch eingeschätzt werden, weil andere laut und grob sind, da sie das weiche Innere nicht sehen können und damit nicht so mit uns umgehen wie wir es eigentlich brauchen.

Eine Orchidee kann nicht in einem Kartoffelacker blühen. Ein Reh wird nicht inmitten einer Herde Wildschweine leben. Man muss die richtige Kultur wählen, um sich zu entfalten. Wohl dem, der Angehörige hat, wie meine kleine Elfe von letzter Woche, die einfühlsam sind und das Reh, die Orchidee, beschützen und sanft und aufmerksam in den eigenen Weg begleiten.

Achte doch in dieser Woche einmal, wie Du Dich ausdrückst und wie es die Menschen um Dich herum tun. Lebe Deine eigene Sensibilität wieder einmal vollständig aus. Kein Mensch wurde je aus Stein gemacht. Wir sind alle verwundbar und – empfänglich. Unsere Haut ist weich und durchlässig. Alles andere ist eine scheinbare Anpassung an ein hartes Aussen. In jedem Menschen gibt es aber bestimmt noch etwas von dem weichen Kern.

Achte auf Deine Wortwahl in der Woche, die nun beginnt. Ein Wort kann ein Geschenk sein, eine Lieblichkeit. Oder ein Pfeil oder ein Beil. Du hast immer die Wahl.

Willkommen in der Adlerperspektive.

Mimosa pudica or sensitive plant

Spuck’s aus

Kürzlich hat eine liebe Freundin eine gewagte Aussage gemacht und dann gehört: „Das darf man doch nicht sagen!“.

Ach – darf man nicht?

In meiner kalten nordischen Heimat bekam ich als Kind gesagt: „Wenn Du nichts Nettes zu sagen hast, dann sag lieber nichts“.

Wir wurden alle zum Lügen erzogen. Oder zumindest: Zum Verschweigen.

Weil es einen moralischen Kodex gibt, der uns ein kleines, gepflegtes Maulkörbchen anzieht. Weil „man“ eben nicht sagt, wie die Dinge sind. Sondern sich schön an die Regeln von Anstand und Moral halten muss – und weil im Zweifelsfall sowieso niemand mit der Wahrheit umgehen kann und will.

Lieber Schönreden, lieber nicht sagen. Lieber dazu gehören und das kleine verlogene Spiel mitspielen, aus Angst vor Regressionen oder Ablehnung.

Sigmund Freud bezeichnete das Zurückhalten von Handlungsweisen, die die gesellschaftliche Ordnung stören könnten, als Regression und meinte damit: Abwehrmechanismus. Längst hat sich das in unserer Sprache niedergeschlagen. Aus Angst vor Ablehnung verschweigen wir unsere ehrlichen und intimen Gedanken und Meinungen.

Direktheit ist nicht mehr angesagt. Direktheit und Ehrlichkeit ist nur erlaubt, wenn der andere es gut heissen kann oder wenn man sich damit positionieren kann.

Aber so ganz direkt sagen, was man fühlt oder denkt, das darf in den meisten Fällen nicht stattfinden oder uns wurde beigebracht, lieber den Mund zu halten und es nicht zu sagen. Auf die Frage: Wie geht’s?“ antworten wir also alle brav: „Gut, und Dir?“, dann kann das Gegenüber erleichtert sagen: „Mir auch!“. Wir wollen nicht konfrontiert werden mit negativen Gefühlen oder Situationen, lieber lügen wir uns alle schön in die Tasche und wahren das Gesicht.

Und so laufen wir alle mit geheimen Gedanken und Gefühlen und spielen dieses eigenartige Spiel um Ausweichen und Verschweigen mit.
Ich weiss es aus eigener leidvoller Erfahrung, dass das krank macht. Obwohl ich mit einem grossen Paket aus Mut gesegnet bin, habe ich auch lange und oft geschwiegen und mich angepasst.

Etwas nicht sagen, was wir spüren, heisst manchmal: Gift trinken und erwarten, dass der andere daran stirbt. Leider funktioniert das nicht.

Besser wäre: Das, was es zu sagen gibt wirklich sagen. Aber es so gewaltfrei wie möglich formulieren. Also nicht: Wenn Du nichts Nettes zu sagen hast, dann sag lieber nichts. Sondern: Wenn Du es nicht nett sagen kannst, dann warte, bis sich deine negativen Emotionen abgekühlt haben und dann sag es freundlich und ehrlich.

Wir müssen alle wieder lernen, ehrlich zu sein. Nur dann haben wir schliesslich die Chance auf Beziehungen, die tief sind und auf einem intimen Fundament stehen.

Ganz ehrlich: Ich weiss nicht, wie gut die Chancen dafür stehen. Wir leben in einer Gesellschaft der Heuchelei.

Kürzlich habe ich mich das erste mal in den sozialen Medien politisch geäussert und bekam einen Shitstorm, weil es sich für eine Therapeutin nicht gehört, sich so zu positionieren. Lieber schön positiv bleiben und auf Chancen hinweisen. Lieber schön an den konstruktiven Ansätzen bleiben. Kann ich auch – ist aber nicht ehrlich.

Xavier Naidoo hat einmal den Begriff „Heiliger Zorn“ geprägt.

Ich denke, jeder von uns darf auch einmal über das Ziel hinaus schiessen und eine Meinung äussern, die nicht mit der Neutralität und Anpassung zusammen passt. Vielleicht wäre es dann gut, die Wortwahl zu treffen, dass es der Nächste gerade noch ertragen kann. Aber: Es muss eine ICH-Botschaft sein.

Wenn Du Deine Gefühle, Gedanken, Eindrücke und Bedürfnisse ausdrücken kannst, ohne deinem Nächsten die Verantwortung dazu zu zuschieben, dann hast Du ein Statement gesetzt, das ehrlich ist und nicht verletzen muss.

Ich habe das gelernt. Auch weil ich mit meinem Lieblingsmann die Abmachung habe, dass wir ehrlich sind. Das ist für uns beide manchmal nicht ganz einfach, aber durch aktives Zuhören und durch das gegenseitige Wohlwollen, das wir einander bedingungslos schenken, ist es möglich. Sich öffnen und dabei freundlich formulieren, das ist eine Lösung für Wahrheit.

Zieh Deinen verbalen Maulkorb aus und äussere Deine Gefühle, auch die, die Dich sonst vergiften würden.

Sich einem anderen ausschütten bis eine Insel entsteht – das wäre Boden zum stehen.

Willkommen in der Adlerperspektive.

 

Diesen Blog widme ich Nadia, deren Wahrheit ich immer schon schätze und in Liebe meinem Mann Remko, der mir immer wieder Boden zum Stehen gibt.

 

wahrheit