Anpassen? Rebellieren?

Das Prinzip „Anpassung oder Rebellion“ entsteht in der Regel schon früh. Als Kinder und Jugendliche wählen wir irgendwann einen der beiden Wege.

Es geht vor allem darum, wie wir mit den gesellschaftlichen Erwartungen umgehen. Während einige in den vorhandenen, vorgegebenen, erzogenen Strukturen ihren Weg gehen, wählen die anderen Abgrenzung auf der Suche nach der eigenen Identität. Rebellen setzen sich bewusst durch ihr Äusseres, durch ihr Verhalten und durch ihre Entscheidungen von dem Vorgegebenen ab.

Beide Wege werden immer wieder begangen, in der Folgezeit wählen wir unsere Partner, die Berufe, die Lebensform, die Entscheidungen aufgrund von Anpassung und Rebellion.

In meiner Arbeit als Coach sind mir beide Typen gleich lieb. Mit den einen ist es konfliktfrei und konstruktiv zu arbeiten, mit den anderen ist es lustig, unerwartet und kreativ. Was ich aber immer wieder gleich aufzeige, ist:

Du musst Deinem eigenen Wesen folgen.

Der Angepasste kann noch so sehr versuchen rebellisch zu sein, es wird ihm aber letztlich nie gelingen, weil er früher oder später wieder in die Komfortzone gleitet. Der Rebellische kann noch so sehr versuchen mizuspielen und zu gehorchen. Dieser Kraftakt wird ihn früher oder später in eine noch grössere Leidenschaft zum Ausbrechen bringen.

Das einzig Wichtige ist: Finde Deinen Wesenskern.

Was in in Dir ist wesentlich angelegt?

Was also ist für Dich wesentlich?

Welchen Idealen entsprichst Du? Welches Temperament hast Du? Wie fühlst Du Dich wohl? Was brauchst Du wesent-lich damit es Dir gut geht?

Ein berühmter Gelehrter aus dem Mittelalter, Meister Eckhart, hat einmal gesagt: „Die Menschen sollen nicht so viel nachdenken, was sie tun sollen, sie sollen vielmehr bedenken, was sie sind.“

Wenn unsere Berufswahl, die Wahl unserer Partner und die Wahl unserer Lebensform aufgrund unseres inneren Spürens, was für uns richtig ist, getroffen würde, dann wären wie immer auf dem richtigen Weg.

Ich schreibe diese Zeilen wegen dem Wahnsinn, der uns gerade von aussen begegnet. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht mit mehreren Meinungen und Interpretationen, Vermutungen und Befürchtungen konfrontiert werde. Das einzige, was mir dann wieder Boden unter die Füsse bringt ist:

Wie geht mein Wesen mit dieser Situation um, wenn es dem eigenen Wesentlichen folgt?

Was entspricht Dir?

Woran glaubst Du?

Lass Dich nicht von Dir weg bringen, wähle Deinem eigenen Wesen entsprechend. Passe Dich an Dich an. Rebelliere wenn es Dir entspricht gegen das aussen. Spiele beide Saiten – es ergibt einen Klang, der Dich beschreibt.

Also nochmals:

Passe Dich Deinem Wesen an.

Rebelliere, wenn es Dir entspricht.

Bleib Dir treu.

Willkommen in der Adlerperspektive.

Zürück zu Dir.

In der vergangenen Woche habe ich mit einer jungen Frau gesprochen, die schwer ausserhalb jeder Balance war. Das Leben hat sie hin und her getrieben, sie sagte, es ginge alles zu schnell, es wäre zu unordentlich…. wir mussten alle Puzzleteile auf einen Tisch werfen und neu zusammen setzen. Das Bild, das sich ergab war eine Art Spirale…

Es war ein bisschen so, als ob wir von aussen beginnen mussten, alle Teile wieder zu kon-zen-trieren und dann in ihre stille Mitte kommen konnten. Denn: Die Mitte ist in jedem von uns köstlich still. Mag das Leben auch noch so durchdrehen, es gibt etwas, in das Du Dich zurück ziehen kannst.

Die Coachee wusste das instinktiv. Die letzten Monate hat sie immer wieder die Embryostellung eingenommen, wenn sie schlief, sie musste sich zusammen rollen und in dieser Stellung in ihrer Körpermitte die Ruhe finden.

Etwas in Dir ist immer still und wertvoll. Manche nennen es „die innere Stimme“, manche nennen es „Intuition“. Ich bin überzeugt, in unserem tiefsten Inneren können wir immer entscheiden über Gut und Schlecht, Wahr und Unwahr, über das was für uns richtig und stimmig ist.

Nachdem unser aller Leben im Moment ein bisschen „durchdreht“ ist das Zurückfinden in den inneren Raum für uns vielleicht eine Lösung, etwas zu finden, das sich nicht erschüttern lässt. So wie die Nabe eines Rads, die stets ruhig bleibt, wenn das Rad sich dreht…

Wie findest Du also zurück?

Konzentriere Dich auf folgende Meditationsfragen:

Woran glaube ich, was ist unerschütterlich bei mir?

Was ist mir wichtig?

Was erwarte ich von meinem Leben?

Was habe ich zu geben?

Was in mir ist ganz besonders wertvoll?

Wenn Du diese Fragen beantwortes,t wirst Du sehr schnell eine innere Ruhe finden. Ein sicherer Hafen in Dir. Du kannst Dich immer wieder in diese Mitte zurück ziehen. Und wenn Du Dich wieder ausgeruht fühlst, dann gehst Du die Spirale wieder nach draussen und strahlst Deine innere Wahrheit in die Welt.

So kann die Welt ruhig ein bisschen schnell und unordentlich sein. In Dir selbst aber bist Du:

klar und ruhig.

Meine Coachee ist mit der neu ausgelegten Ordnung in sich selbst wieder beruhigt. Als ich sie zurück brachte hat sie gelacht und gestrahlt. Und Ihr Gang war gefühlte hundert Kilo leichter.

Wenn die Welt in Unordnung gerät, dann finde die Ruhe in Dir.

Willkommen in der Adlerperspektive.

Irrweg und Herzweg

In der vergangenen Woche hatte ich eine wunderbare, gefährliche Frau im Coaching. Dass sie gefährlich ist, haben wir erst nach einigen Stunden intensiver Arbeit heraus gefunden. Warum denn das? Sie hatte drive, Feuer, Eigen-sinn, Eigen-artigkeit und extrem viel Lust am Leben. Und: Sie hatte radikale Entscheidungen getroffen, für deren Durchsetzung sie noch ein bisschen Schubkraft brauchte.

Die Geschichte ist exemplarisch: Die Coachee hatte viele Jahre, gar Jahrzehnte, ein angepasstes Leben geführt. Wirklich unglücklich war sie dabei nicht, das Leben war gut und es verlief vorhersehbar und in den so genannten „geregelten Bahnen“. Aber es hatte eben wenig Eigensinn und sie erledigte ihre Pflichten, war zufrieden, weil man das von ihr ungesagt verlangte.

Das ungelebte Leben schrie schon sehr laut, als sie den Verlust eines nahen Menschen verkraften musste. Aus dieser Krise heraus nahm sie sich die Freiheit, noch einmal ein ganz anderes Leben zu leben. Quasi eine Kehrtwende um 180 Grad. Mutig! Sie hat wirklich alles aufgegeben und verändert was ging.

Die Kraft und das glucksende Lachen, das daraus entstand, war noch verhalten, aber ich bemerkte es gleich in ihren Augenwinkeln, als ich sie sah.

Im Adlercoaching war sie zu noch mehr Wagnissen bereit. Sie stellte sich den eigenen Blockaden und sprang in riesigen Sätzen auf den Abgrund zu, um schliesslich kraftvoll ins eigene Leben zu fliegen.

Menschen, die sich nach einem Irrweg noch einmal zu einem neuen Leben entscheiden, machen mir Freude. Wie mutig und eigensinnig, wie radikal und freudvoll, das eigene Leben in beide Hände zu nehmen und zu sagen: So, jetzt stelle ich mich mal ans Ruder!

Warst Du in Deinem Leben auch schon einmal verirrt?

Wie lange bist Du dem falschen Weg gefolgt? Und vor allem: Warum?

Nicht, dass ich davon ganz frei wäre, derzeit korrigiere ich selbst einen fatalen Fehler, der mich tief in den Dschungel statt in die endlose wunderbare Himmelsweite führte. Ich muss schmunzeln, wenn ich das heute betrachte.

Irrwege sind nicht schlimm. Ihnen zu folgen auch nicht. Nur: Irgendwann darf man auch einmal aus einem Traum aufwachen und sagen: Das reicht jetzt, ich muss umkehren, den Weg zurück nehmen bis an den Moment, an dem ich falsch abgebogen bin. Und dann in die andere Richtung laufen. Da gibt es plötzlich Rückenwind und es treibt uns so schnell vorwärts, als hätte der Weg lange auf uns gewartet und müsste uns jetzt die vergangene Zeit wieder gut machen.

Wo bist Du einmal falsch abgebogen?

Und: Hast Du schon korrigierend eingegriffen oder folgst Du dem Weg, weil Du meinst, die Kraft nicht aufzubringen, da auszubrechen?

Oder suchst Du etwas und weisst nicht genau was? Und gehst halt so lange auf dem eingeschlagenen, auch irgendwie gemütlichen Weg weiter?

Es gibt einen wunderbaren Text von Carlos Castaneda, den ich hier zitieren möchte:

Der Weg mit Herz

Alles, was du tust, ist einer von tausend möglichen Wegen. Darum denke immer daran, dass ein Weg nur ein Weg ist. Wenn du spürst, dass du ihm nicht folgen solltest, dann setz ihn nicht fort, unter keinen Umständen. Um diese Klarheit zu erzielen musst du ein diszipliniertes bewusstes Leben führen. Nur dann wird dir stets bewusst sein, dass ein Weg nur ein Weg ist – und dass es keine Schande ist, weder für dich noch für andere – ihn zu verlassen, wenn dein Herz es befiehlt.

Deine Entscheidung, einen Weg zu verfolgen oder ihn zu verlassen, muss aber frei von Angst und Ehrgeiz sein. Ich warne dich. Prüfe jeden Weg genau und mit Sorgfalt. Erprobe ihn so oft, wie du es für notwendig hältst. Es gibt eine Frage, die nur ein sehr weiser Mensch stellt. Mein väterlicher Freund hat mir davon berichtet, als ich jung war; aber damals war mein Geist noch zu stürmisch, als das ich sie verstanden hätte. Jetzt verstehe ich sie. Ich werde dir sagen, wie sie lautet: Hat dieser Weg ein Herz?

Alle Wege sind gleich: Sie führen nirgendwo hin. Sie führen durch den Wald oder in den Wald hinein oder hinaus. In meinem Leben, darf ich wohl sagen, bin ich viele lange Wege gegangen, aber ich stehe nirgendwo. Die Frage meines väterlichen Freundes ergibt jetzt einen Sinn. Hat dieser Weg ein Herz?

Wenn er eins hat, dann ist der Weg gut, wenn nicht, ist er nutzlos. Beide Wege führen nirgendwohin aber einer hat ein Herz, der andere nicht. Der eine wird eine freudvolle Reise bringen, solange du ihm folgst, wirst du im Einklang leben. Auf dem anderen wirst du dein Leben verfluchen. Der eine macht dich stark, der andere schwächt dich.

Für mein Leben sehe ich eine andere Wahl: Ich reise nur auf Wegen, die ein Herz haben – auf jedem Weg, der ein Herz haben könnte. Diesen Weg wähle ich, und die einzige Herausforderung von Wert liegt darin, ihn in seiner vollen Länge zu Ende zu gehen. Dort also gehe ich und suche und suche, atemlos.

(Das Leben des Don Juan)

Wo ist Dein Weg? Gehst Du ihn schon?

Oder verleugnest Du ihn?

Oder traust Dich nicht, ihn zu gehen?

Wieder einmal möchte ich meine Adler Analogie aufnehmen: Wenn der Adler keinen Aufwind hat: Dann fliegt er nicht. Niemals käme er auf die Idee, in einen luft (thermik-) leeren Raum zu fliegen und seine Schwingenkraft mit Flattern zu verbrauchen. Er entscheidet immer wieder neu. Er lässt sich nicht verführen durch das, was sich aussen zeigt. Er folgt seinem inneren tiefen Wissen wer er ist, was er will, was er braucht. Und dann: Holt er es sich.

Wir können uns verirren. Und das tun wir hoffentlich alle einmal. Wichtig ist: Neu entscheiden: Dient dieser Weg mir? Entspricht er meinen Herzenswünschen? Will ich ihn weiter gehen? Gibt es einen, der mir mehr entspricht?

Überprüfe das doch diese Woche. Sind Deine Wege noch die, die Dich wirklich glücklich machen?

Wenn nicht: SPRING AB: Entscheide Dich neu. Du kannst das.

Willkommen in der Adlerperspektive.

Diesen Blog widme ich in grosser Freude und Anerkennung: Susanne und Kathalin.

Feuer!

Letzte Woche wurde ich durch eine spannende Begegnung an meine liebste Frage erinnert, denn endlich durfte ich sie wieder einmal stellen:

Wofür brennst Du?

Der Klient war ein junger Mann, der tatsächlich brennt. An allen Ecken, vollständig. Was für ein Vergnügen!

Also, hier ist sie noch mal, die Frage aller Fragen:

Wofür brennst Du?

Und ich muss hinterher schicken: Brennst Du überhaupt?

Das ist wohl auch der Grund, warum ich die Frage länger nicht mehr stellen konnte. Wir haben das Brennen verloren. Ich sehe nur noch wenig glänzende Augen und atemloses Berichten von leidenschaftlichen Aktionen, Plänen und Ideen.

Dabei ist es so wichtig, das Brennen. Die Leidenschaft. Vielleicht auch sogar ein bisschen die Obsession. Eine Sache, der wir alles unterordnen. Der rote Faden, der sich durch unser Leben zieht und dem wir wild entschlossen folgen.

Zurück kommend auf den jungen Klienten finde ich eine Geschichte, die ich schon so oft gehört habe. Die Berufswahl. Die grossen Fragen: Wie mit wem und von was will ich leben? Was entspricht mir? Was wähle ich? Was will ich unbedingt?

Die meisten Menschen stolpern in eine Vita. Werden geleitet, von den Eltern, den Erziehern, den Vor-Bildern. Und laufen mal los. Ganz ehrlich: Meist in die falsche Richtung. Denn wir lernen uns ja nicht selbst kennen, lernen lieber den Soff, den die Schule vorgibt, lernen die gesellschaftlichen Regeln, lernen wie andere Leben. Nur wenige leiten daraus ab, was sie auch möchten oder nicht möchten. Viel Zeit geht verloren, während wir erst mal mitspielen.

Hast Du Dein eigenes Drehbuch geschrieben?

Hast Du entschieden, was Du wirklich willst?

Hast Du Dich so gut kennengelernt, dass Du weisst was Deinem Wesen entspricht?

Denn: Nur so geht das Brennen. Du musst an die Quelle von deinem Wesen vordringen, es tief inhalieren – tief inhalieren!

Und dann: BUMM. Die Initialflamme entzünden und losrennen in DEIN Leben.

Menschen, die brennen, wissen vor allem, dass sie diese Kraft haben und abrufen können. Diese Kraft ist nicht erschöpfbar sondern brennt von innen heraus. Lichterloh.

Ich meine damit nicht, dass es etwas Dynamisches oder Aggressives sein muss. In manchen Menschen brennt auch Mitgefühl, Sanftheit, Hilfsbereitschaft.

In anderen: Explosive Kräfte von Heldentum, von Risikobereitschaft und Durchsetzungskraft.

Aber: An die Quelle alles Brennens, dahin musst Du unbedingt.

Denn nur so wirst Du nie ausbrennen sondern in einen natürlichen Fluss von Energie und Leistung kommen. Nur so kannst Du den richtigen Beruf (im Sinne der Berufung), die richtige Lebensweise, die richtigen Entscheidungen treffen.

Also, noch einmal: Lass Dich auf diese Frage ein:

Wofür brennst Du?

Wo spürst Du Deine grösste Kraft? Wo spürst Du die Energie, die Dich aus dem Bett treibt und handeln lässt? Was machst Dich gross und stark? Was kannst Du IMMER und am liebsten 24 Stunden lang?

Ich hatte vor vielen Jahren einen genialen jungen Mann im Coaching, er kam, weil er meinte einen Burnout zu haben. Ein Psychiater hatte diese Diagnose auch legitimiert und einen Stempel auf die schöne Stirn meines Klienten gedrückt. Er war wunderbar eigen-artig, hatte ein wildes Aussehen, war überaus kreativ, hatte einen stechenden hungrigen Blick, ein riesiges Lächeln, eine subtile Extravaganz. Ich fragte ihn, was er (neben seinem langweiligen Job) am liebsten machen würde und er sagte: Musik komponieren! Seine Augen glänzten, er sprudelte über vor Freude. Dieser Mann hatte keinen

Burn-out

sondern einen

Bore-out.

Heute managed er easy sein buntes Leben. Und macht Musik. Jedes Mal wenn ich ihn sehe freue ich mich an seiner Lebendigkeit.

Er hat den roten Faden gefunden. Nie mehr losgelassen. Seine Kreativität entfaltet. Seine spannende Seele offen gelegt. Er macht auch heute zum Geldverdienen manchmal einen langweiligen Job. Aber: Er brennt für seine neuen Lebensthemen. Und tanzt jetzt durch seine Tage.

Siehst Du?

Und wofür brennst Du nun?

Willkommen in der Adlerperspektive.

Diesen Blog widme ich Ingo und Fabian. Danke für Euer Feuer!

Lebst Du noch?

Als meine Kinder klein waren weinte mein Jüngerer immer mal wieder, weil ihm der Körper, speziell seine Beine, so weh tat. Er hatte Wachstumsschmerzen.

Ich weiss noch, wie ich ihn damit tröstete, dass das nun mal zum Grosswerden dazu gehörte, dafür würde er aber ein grosser starker Held werden. Zu dieser Zeit wollte er unbedingt ein Supermann, ein Held werden. Ich bestärkte ihn gerne darin. Schliesslich hatte ich meinen beiden Söhnen lange genug gepredigt, dass man nicht klein und schwach bleiben soll, sondern gross und stark werden kann.

Heute werde ich hin und wieder damit konfrontiert, dass Menschen dieses Wachstum verweigern. Es ist so bequem in der schützenden Kleinheit zu sein, sich anzupassen, sich da einzurichten wo man eben ist. Sich anstrengen ist bei vielen Menschen nicht mehr angesagt. Wir haben ja heute alles, bekommen alles geboten, werden bespasst und können Bequemlichkeiten kaufen.

Diese Gedanken hatte ich vergangene Woche, als mir ein Endzwanziger erzählte, er habe sich einen Massagesessel gekauft. Ich war wirklich erschrocken. So ein Teil aus der Nostalgie kaufte man doch eigentlich immer erst so nach 70 Jahresringen? Wenn der Körper schon immer mehr morsch war und alles schmerzte?

Ich sah den jungen, gut durchbluteten Mann mit seinen schönen Muskeln in diesem entsetzlichen Stuhl liegen. Und hätte am liebsten einen kleinen Sabotageakt gemacht. Mensch Junge, bewegst Du Dich auch mal? Kannst Du Dich auch noch stretchen statt Dich von einem miesen kleinen Motor amüsieren zu lassen?

Ich musste an die Generationen vor dem Mann denken. Wir hatten uns doch wirklich reichlich bewegt? Uns vorwärts getrieben, die nächsten Ziele anvisiert? Wir hatten erobert und gejagt. Wir waren politisch auf die Strasse gegangen und hatten für Rechte gekämpft. Wir hatten unsere eigenen Berufe erschaffen – ja, auch den des Mental Coaches – und uns immer wieder neu erfunden. Waren rastlos und nie wirklich völlig befriedigt weiter gezogen, auf der Reise nach neuen Zielen und Plänen und Ideen, die verwirklicht werden wollten.

Wie steht es denn heute mit DEINEM Wachstum?

Bist Du schon gewachsen?

Oder wächst Du bisweilen immer noch über Dich hinaus?

Kannst Du Dich noch selbst überraschen?

Stellst Du Dich Deiner Angst, Deinen Zweifeln, deinen Dämonen?

Oder machst Du es Dir bequem und wartest bis der Anfall von Aktionismus frustriert an Dir vorbei gezogen ist?

In meiner Praxis habe ich das riesige Glück, Menschen beim Wachsen zu zusehen und fast immer wachsen sie über sich hinaus. In den vergangenen Jahren durfte ich Menschen in Prozessen begleiten, die die einengenden Hüllen hinter sich lassen konnten und sich frei machten von Begrenzungen innen und aussen. Wie wunderbar, wenn ich sie dann jubeln sah, wenn sie sich die Freiheit (zurück) erobert hatten.

Es ist Arbeit, zu wachsen. Auch immer wieder für mich. Denn es hört nicht auf, dieses Ringen und Winden aus der verdammten Komfortzone. Dieses Aufgeben von zu viel „Gemütlichkeit“ für das, was erreicht werden kann.

Hebe den Blick. Wohin kannst Du Dich als nächstes entwickeln?

Wenn das Leben Stillstand wird, dann sieht es aus wie eine Null-Linie auf einem Monitor. Letztlich ist das die ultimative Visualisierung von Tod.

Du hast es in der Hand. Gehst Du durch Wachstumsschmerzen oder verharrst Du in der Embryohaltung?

Gehst Du mutig und entschlossen weiter oder bleibst Du stehen – oder legst Dich in einen Massagesessel?

Deine Zeit läuft ab. Beweg Dich. Wachse über Dich hinaus.

Werde Superman oder Superwoman!

DU bestimmst Dein Leben.

Willkommen in der Adlerperspektive.

Mit vollen Händen

In den vergangenen Wochen traf ich immer wieder zurückhaltenden Menschen, auf scheue Menschen und Menschen, die sich nicht wagen, ihre intimen Gedanken auszusprechen. Schade, finde ich, denn genau diese Menschen interessieren mich besonders.

Was halten sie denn zurück?

Meistens das Beste, was sie zu bieten haben. Authentische Gedanken und Meinungen, Ideen und vielleicht auch: Spinnereien. Meistens haben zurück-haltende Menschen ein Geheimnis, das besser ist als ihre Geheimniskrämerei.

Warum halten wir uns zurück?

Fast immer, weil wir den gesellschaftlichen Normen und Konventionen folgen wollen oder müssen, weil uns die indoktrinierte Moral etwas verbietet, weil wir Bescheidenheit erzogen bekommen haben, weil es sich eben nicht gehört, alles zu zeigen und auszuleben.

Kennst Du das auch?

Was hältst Du denn zurück?

Und warum?

Lohnt sich der Preis?

Werden wir denn ewig leben? Müssen wir etwas aufsparen für später?

Müssen wir unsere intimen Gedanken zurück-halten, weil man das eben nicht denken darf?

In einem meiner letzten Blogs habe ich erzählt, wie wunderschön und liebenswürdig Wahrheit und Authentizität ist. Dass man sich sofort verliebt in einen Menschen, der sich total zeigt.

Zeigst Du Dich? Echt und nackt?

Und wenn nein, warum nicht?

Ich halte Zurückhaltung in den allermeisten Fällen nicht für eine Tugend sondern für Feigheit und auch Lüge. Denn der Mensch denkt, fühlt und glaubt ohnehin das, was er tut. Nur: Er teilt es nicht. Er lässt andere nicht teilhaben.

Zurückhaltung kann fein sein, wenn sie aus Achtsamkeit geschieht. Wenn zum Beispiel ein sehr extrovertierter Mensch sich in einer Runde zurückhält um anderen den Raum zu geben. Wenn ein Mensch, der starke Meinungen hat, nicht andere damit umhaut, sondern sie sanft und selbstverständlich äussern kann.

Wenn man etwas zurückhalten muss, um andere Menschen nicht zu verstören oder zu verängstigen.

Aber die Zurückhaltung, die ich meine heisst: Furcht.

Du kannst Dich dem anderen ruhig zumuten! Sei echt! Sei authentisch! Sei da! Verschenke Dich! Mit Allem, was Du hast!

Als ich dieses Thema beim Autofahren überdachte, hörte ich zufällig einen Song von Sarah Connor. Wie so oft fällt einem in dem Moment etwas in die Hände, wenn man gerade einen Gedanken ausgiebig betrachtet. Der Text sprach genau dieses Thema an:

Hast du auch manchmal Gedanken
Die du keinem sagst
Und obwohl alles okay ist
Dich trotzdem manchmal fragst
Wie wär es wohl gewesen
Hätt‘ ich die andere Tür genommen
Doch mit jeder kleinen Narbe
Bin ich hier heute angekommen

Und ich hör nicht auf, hör nicht auf
Hör niemals auf
Ah, dich zu verschwenden
Mit vollen Händen
Denn genauso wie ich bin, bin ich gemacht
Ja auch wenn es weh tut
So richtig weh tut
Lass es passieren, zieh mir das Leben richtig rein

Zurückhaltung ist auch eine Handlung. Wenn Du zurück hältst sind Deine Hände eigentlich immer voll. Aber Du gibst es nicht. Und die Geschenke des Lebens fallen dann an Dir vorbei und Du kannst sie nicht auffangen, weil die Hände ja noch voll sind.

Ich möchte Dich heute motivieren diese Woche damit zu verbringen, etwas von Dir zu geben, das Du lange, lange zurück gehalten hast. Trau Dich.

Ich wette, es ist ein Schatz.

Willkommen in der Adlerperspektive.

Youtube vom Song: https://www.youtube.com/watch?v=WsmXwzIt0x4

Vom Häuten der Libellen

Ich habe einen Coachee, der regelmässig Sauerstoff braucht. Nicht das, was man hinlänglich damit meint, es ist vielmehr mentaler Sauerstoff. Ein bisschen geht im die Geduld aus. Und wenn es dann wieder knapp wird, weil seine Nerven in eisigen Höhen unterwegs sind, dann braucht er eine Sauerstoffladung, die ich ihm dann schicken kann. Der Prozess, durch den er geht, ist nicht einfach und verlangt ihm viel ab. Aber er geht. Schritt für Schritt. Atmen.

Lieber würde er voran stürmen und den Gipfelerfolg feiern, aber wir sind im mühsamen Weg nach oben.

Wenn ich diesen schönen und warmherzigen Menschen betrachte, dann denke ich an die Geschichte der Libellen.

Libellen, die letzten Drachen, werden ebenso wie ihre verwandten Artgenossen, die Schmetterlinge, aus einer Raupe geboren.
Die Libelle geht durch eine einzigartige Metamorphose. Als Metamorphose bezeichnet man die Abwandlung in Gestalt und Lebensweise eines Tieres im Laufe seiner Individualgestaltung. Die Larven einer Libelle häuten sich 8 bis 14 mal im Wasser, bis sie eines Tages aus dem Wasser klettern, meist bei schönem Sonnenschein, und sich dort an Land auf die nächste Entwicklungsstufe begeben. Während der nächsten Stunde atmet sie ein und füllt ihren Concon mit Sauerstoff, um die Hülle, die sie bis jetzt geschützt hat, zum Aufplatzen zu bringen. Jetzt schiebt sie sich heraus. Ein mühsames Unterfangen, bei dem die Libelle immer wieder Pausen einlegen muss.

Zu diesem Zeitpunkt hängt da ein recht hässliches Etwas, was noch meilenweit von der Schönheit und Grazie einer fertigen Libelle entfernt ist. Nach einigen Stunden ist sie nun trocken, zunächst blass und schwach, und startet zu ihrem Jungfernflug. In den nächsten 14 Tagen wird sie schillernde Schönheit gewinnen und Magie und Staunen bei ihren Beobachtern auslösen.

Würde man in diesen Geburtsprozess eingreifen und der Libelle aus der Hülle helfen wollen, so würde das Sekret, das sie zum Herauswinden braucht, an ihren Flügeln kleben und nicht, wie unbedingt nötig, mit der Larve zurück gelassen werden. Die Libelle würde niemals fliegen und während der Neugeburt sterben.

Was tue ich nun mit meinem Coachee? Ich muss ihm die Geschichte der Libelle erzählen, vielleicht wieder und wieder. Weil es eben ganz viele Komponenten braucht in der Entwicklung. Die mühsame Arbeit, wenn man die ganzen schützenden Häute abstreift. Dann das Klettern auf neues Terrain, auf dem man sich noch nicht auskennt. Dann das Aufblasen des Concons, damit er von dem neuen Leben weichen kann. Der Jungfernflug, die Zeit um die Farben zu bekommen.


Jede Phase in einem Prozess muss in Ruhe reifen. Wenn es ein schwerer Prozess ist, durch den ein Coachee geht, braucht es unendlich viel Geduld. Die vielen kleinen Schritte bis zum Flug sind oft nicht gut zu sehen. Von Aussen betrachtet sieht es gar nicht nach Entwicklung aus. Und doch tut sich etwas. Sehr langsam. Mühsam langsam. Aber: Die Libelle wird fliegen. Wenn man ihr Zeit lässt sich von Altem zu befreien, in dem Neuen zurecht zu finden. Wenn man warten kann, bis sie den Concon von alleine sprengt weil sie erkennt, das jetzt die neue Lebensphase beginnt.

Geduld ist auch nicht meine Tugend und war es nie. Wie gerne würde ich meine Klienten aus der Larve ziehen. Einen schnellen scharfen Schnitt machen und sie wie eine Hebamme ins schöne sonnenbeschienene leichte Leben transformieren. Aber auch ich muss warten. Noch eine Haut, noch eine Haut…. und dann auf den Stein und jetzt gut zureden: „Komm raus aus Deinem Gefängnis, die Welt ist schön und wartet auf Dich!“

Zunächst werde ich meinen Sauerstoff Lastwagen vor seinem Haus deponieren.
Geduld.

Bald fliegt sie, die Libelle.

Sei geduldig mit Dir und anderen. Wir sind alle auf dem Weg.


Willkommen in der Adlerperspektive.

Perfekt oder leicht?

Kennst Du das auch: Du willst das Haus nicht verlassen, bevor nicht alles bestens aufgeräumt und geputzt ist? Du musst immer alles noch einmal kontrollieren? Du möchtest unbedingt pünktlich sein? Du musst es unbedingt beim ersten Mal schaffen? Du kommst pünktlich, aber der Andere ist noch nicht parat? Du willst unbedingt das Kleid tragen und schüttest Dir vor dem Weg gehen aus Versehen den Kaffee darüber?

Sicher kennst Du solche Situationen auch: Wir haben etwas im Kopf und dann muss es auch genau so sein. Und dann kommt uns das Leben dazwischen und wir hadern mit dem Ergebnis. Oder wir verlassen das Haus dann doch zu spät, vergessen Dinge zuhause, haben etwas nicht fertig gestellt bevor wir gegangen sind.

Das nagt. Manchmal nervt es auch. In seltenen Fällen beschäftigt uns das ewig lang und nimmt uns den Spass an dem, was im Anschluss passiert.

Wir sind alle ein bisschen Perfektionisten.

In der vergangenen Woche erlebte ich gleich mehrere solche Geschichten.

Perfektionismus ist ein psychologisches Konstrukt, das uns das Leben vermiest. Er treibt uns an, ist in den meisten Fällen zwanghaft, bringt uns weit über unsere Grenzen hinaus und ist geradezu tödlich für Spontanität und Leichtigkeit.

Warum wollen wir nur alle so perfekt sein?

Es hat leider etwas mit Kontrolle zu tun. Wir werden von klein auf mit Leistung konfrontiert, wir müssen immer etwas tun, wir werden gelobt wenn wir etwas erledigt haben, noch mehr, wenn wir etwas perfekt gemacht haben. Das brennt sich in uns ein. Oft binden wir unseren Selbstwert auch an Ergebnisse, an Erfolge, statt an unsere Persönlichkeit. Der Kreis wird dann enger, die Anforderungen grösser.

Und wir schämen uns, wenn wir nicht so gut, ordentlich, gesund, gutaussehend, wohlhabend und erfolgreich sind wie andere.

Menschen, die immer alles perfekt tun und perfekt sein möchten, fällt es nicht leicht, loszulassen. Und doch müssten sie genau das: Die Fixierung aufgeben auf das allerbeste Ergebnis. Auf die kontrollierende Aussensicht von anderen auf das eigene Leben. Loslassen von Applaus und Anerkennung.

Vielmehr würde es helfen zu spüren was jetzt wirklich sein muss – und was wir sein lassen können.

Die Kunst des Weglassens.

Was musst Du denn unbedingt?

Was muss jetzt unbedingt sein?

Was meinst Du nicht gut genug zu tun / getan zu haben?

Und wenn morgen ein Schicksalsschlag eintreffen würde: Wie wichtig wäre das dann gewesen?

In Relation gesetzt ist das alles nichts. Wenn Du wieder in einen Strudel gerätst, weil Du meinst etwas müsste genau so und nicht anders sein. Wenn Du meinst es gehe nicht ein bisschen weniger perfekt, wenn Du Dich hetzt um nur ja genau auf die Minute pünktlich zu sein, dann frage Dich:

Ist das jetzt wirklich LEBENSWICHTIG?

Geht die Welt unter wenn es nicht geschafft oder erledigt ist?

Die Antwort auf diese Frage ist immer: NEIN.

Spürst Du, wie sich sofort etwas in Dir entspannt?

Statt Perfektion wünsche ich Dir: Selbstfürsorge.

Was brauchst Du jetzt für Dich? Eine Pause? Ein Durchatmen? Einen Moment der Besinnung? Ein bisschen mehr Leichtigkeit?

Nimm Dir das.

Das heisst nicht, dass Du die Dinge nicht erledigen sollst. Aber es ist mit mehr Ruhe ohnehin besser gemacht. Du darfst auch mal eine Prüfung nicht im ersten Anlauf schaffen. Oder mal etwas zu spät kommen.

Die Welt dreht sich weiter. Und Du kannst tanzen statt rennen. Lachen statt Grübeln. Atmen und weitergehen.

Lass die Hand um Deine eigene Kehle los, gib die Kontrolle auf. Alles wird ohnehin immer (irgendwann) gut.

Willkommen in der Adlerperspektive.

„Du musst Dich entscheiden, willst Du gut sein, oder ganz“ (C.G.Jung)

Vor vielen Jahren, in der Schleyer-Halle in Stuttgart: Tosender Applaus braust auf, die Zuschauer werden aus den Sitzen gerissen. Wir jubeln, trampeln, schreien. Wir sind – verzückt. Ben Becker kommt zurück auf die Bühne und lässt sich feiern. Gerade noch hat er uns alle in den Bann gezogen. Ein Punk, ein enfant terrible, ein polarisierender aber grandioser Schauspieler hat sich gewagt, „Die Bibel“ zu lesen. Mit Pathos und Kraft, mit Leib und Seele. Sein Vortrag war ein Tanz auf der scharfen Messerklinge. Er hat sich gezeigt, zur Verfügung gestellt- Wieder und wieder verbeugt er sich, umarmt sich selbst und schreit schliesslich: „Was bin ich doch nur für eine selbstverliebte Sau!“

Ein neues Bild. In Grosnez, der steilsten Klippe auf Jersey. Martin steht da und streckt sich und dann bricht es aus ihm heraus: Seine Wahrheit. Sein Wesen offenbart sich. Mit einem Mal sprengt er seine Ketten, seine Rüstung, seine Zurückhaltung fliegt uns um die Ohren und er schreit seine intimsten Gedanken, macht sich nackt, zeigt sich vollständig. Wie so oft gehe ich in die Knie und bin schockverliebt in diesen Menschen, der sich da so verwundbar so echt so authentisch ausdrückt.

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Ich habe mich in jeden Coachee verliebt, der je auf Jersey seine Wahrheit gefunden und offenbart hat. Weil es eben ECHT war. Und die Ehrlichkeit, die Authentizität den Raum füllte. Man sagt dem heute gerne: Präsenz.

Ben Becker spielt keine Rollen, er lässt sie unter seine Haut kriechen und verbindet sie mit seinem Wesenskern. Er kann nur so: Intensiv. Leidenschaftlich. Laut. Verzweifelt. Bis aufs Blut.

Und so fühlt es sich für jeden Menschen an, der authentisch sich selbst ist: Alles Unechte verschwindet. Jedes Spielen einer Rolle, jede Zurückhaltung, jedes Ausweichen, jede gespielte Bescheidenheit, jede Anpassung fällt in sich zusammen und es zeigt sich: Der wahre Mensch.

Warum wagen so viele Menschen nicht, sich selbst zu sein?

Warum ist es so viel einfacher sich zu verstecken, zu verstellen, damit man in die Masse passt?

Es ist ein riesiges Wagnis und zeugt von grossem Mut, sich zu zeigen. Denn unsere Aussenwelt zeigt dann gerne mit dem Finger und urteilt, verurteilt auch. Man soll sich nicht zu sehr zeigen, das mache verletzlich, das lernen wir schon früh.

Ich behaupte aber, es verletzt so viel mehr, sich nicht selbst zu sein. Es schmerzt unendlich, sich anzupassen an ein Bild, dem man nicht entspricht.

Wir ersticken alle im Funktionieren, im Pflichterfüllen, im Erwartungen gerecht werden, im Bravsein. Und: Es ist ohnehin offensichtlich, das man dabei lügt.

Der Concon aus antrainierter Bescheidenheit und Zurückhaltung zwingt uns alle in eine Haltung, die uns implodieren lässt. Früher oder später – aber auf jeden Fall sicher! – wird sich unser wahres Wesen zeigen. Dieses Verstecken geht niemals für immer. Und je stärker wir es vehement unterdrücken umso mehr wird es uns schliesslich unter eine riesige Spannung bringen, die dann explodiert, wenn es eigentlich gerade nicht förderlich ist.

C.G.Jung hat in diesem Zusammenhang von dem Moment gesprochen, der uns radikal auf uns selbst zurück wirft. Die Individuation.

Individuation bedeutet: zum Einzelwesen werden, und, insofern wir
unter Individualität unsere innerste, letzte und unvergleichbare Einzigartigkeit verstehen, zum eigenen Selbst werden. Man könnte ,Individuation‘ darum auch als ,Verselbstung‘ oder als Selbstverwirklichung‘ übersetzen“     (C.G.Jung 1933)

C.G.Jung nannte den „Spiegel-Moment“ den Zeitpunkt des Erwachens. Jeder Mensch kommt in der Lebensmitte an diesen Punkt. Und danach beginnt die „Individuation“, die Befreiung unseres wahren Wesenskerns.

Es geht nicht mehr darum, sich danach zu richten, was man tun sollte und was im Allgemeinen richtig wäre, sondern um die eigene innere Wahrheit.

Wie frei – wie authentisch bist Du?

Wie sehr nackt und ehrlich, authentisch und intim zeigst Du Dich?

Bist Du – wahr?

In meinen Coachings ist das ein ganz wesentlicher Kernpunkt: Sich endlich! endlich! befreien von den einengenden Ketten, die wir uns zunächst selbst angelegt haben. Und dann auch allen anderen erlaubt haben, sie uns anzulegen. Denn: Wenn wir spielen, lieb und brav und angepasst zu sein, dann sind wir keine Gefahr für andere, wir sind berechenbar und manipulierbar. Denn: Wir antworten ja nicht mit der uns eigenen Wesensart, sondern auch so, wie man es von uns erwartet.

Sich selbst sein bringt die grösste Freiheit und kostet den grössten Mut. Denn dann wirst Du nicht mehr mit der Masse schwimmen, sondern heraustreten und Deine eigene Meinung, deine eigenen Handlungen, deine eigenen Entscheidungen treffen.

Vor Jahren ging ich zu einem Falkner, der mich gleich mit den allerersten Worten ins Mark erschütterte. Er liess den mächtigen Adler ausfliegen und zeigt auf den Boden des abschüssigen Berges vor uns. Dann sagte er: „Hast Du gesehen, was jetzt gerade passiert ist? Der Adler zeigt sich am Himmel. Und alles verhält sich jetzt korrekt.“

Willst Du, das sich Menschen Dir gegenüber korrekt verhalten?

Korrekt in diesem Sinne meint: Deinem wirklichen Wesen entsprechend. Das heisst im Umkehrschluss: Du muss radikal zeigen wer Du bist, wie Du bist. Du machst Dich damit durchaus auch: Verwundbar. Denn es gibt keine Rüstung mehr die Dich schützt.

Bist Du bereit, Dich nackt zu machen und zu zeigen?

Willst Du gut sein? Oder ganz?

Willkommen in der Adlerperspektive.

Das Interview mit Ben: Echt und authentisch.

Die Gefühlskönigin

Was machst Du mit Deiner Liebe? Und was macht die Liebe mit Dir?

Bist Du in einer „Beziehung“?

Für mich ist das Wort Beziehung immer so ein bisschen „einander ziehen“ manchmal auch „einander erziehen“. Am Anfang sicher geprägt von der „Anziehung“… gar nicht mal so liebevoll. Sondern meistens ein miteinander ringen, verhandeln, manchmal kämpfen.

Oder bist Du in einer Verbindung? Fühlst Du Dich verbunden? Angebunden? Oder gar: Fest gebunden?

Die Liebe wird leider oft missverstanden. Und auch, ja ein bisschen: misshandelt. Denn ganz ehrlich: Fast in jedem Gespräch geht es darum, wer wie was tut. Ob einfach wunderbar oder eben – einander herum ziehen.

Die letzten Coachingwochen hörte ich sehr viel über die Liebe. In allen Facetten ist sie mir begegnet. Als stürmische Affäre, als tiefe Verbindung, als lange Ehe mit grossen Problemen, als neue Beziehung mit enormen Herausforderungen, als verratene Liebe, als schmerzhafte Trennung, als sehnsuchtsvolle Suche, als im Himmel geschlossenes Bündnis. Die Liebe, scheint es, hat sehr viele Gesichter und sie ruft eine riesige Palette an Gefühlen ab.

Was tun wir denn da? Wissen wir noch um die Liebe oder lassen wir uns hin und her bewegen – ist es eine E-motion, eine Bewegung mit Impulsen, die uns je nach Gefühlslage in den Himmel oder in die Hölle bringen?

Wie steht es um Deine Liebe?
Was liebst Du?

Wen liebst Du?

Wer meine Homepage kennt findet dort eines meiner liebsten Zitate über die Liebe. Von Emily Dickinson:

„Manchmal mit dem Herzen

selten mit der Seele

kaum je mit Kraft

wenige – lieben überhaupt.“

Wie oft wird die Liebe missverstanden. Ich nehme mich keinesfalls aus. Meine Liebesbilanz ist ziemlich umfassend. Und in puncto „Beziehung“ eher nicht sehr erfolgreich. Ich habe es eben auch erst ganz spät gelernt, dass es bei der Liebe nicht um die Zweisamkeit, um „das Objekt der Begierde“ gehen kann.

Liebe darf einfach eine Haltung sein.

Warte mal, eine Haltung?

Ja, ein täglicher Begleiter. Eine grosse Offenheit und Achtsamkeit. Eine Grundstimmung, die alles berührt. Ein Fundament in uns, das durchaus handlungsfähig ist. Aber eben nicht nur focussiert auf die eine Person.

Denn: Dann wird sie in eine Abhängigkeit kommen. Wenn Liebe nur für die eine, den einen blüht, dann wird unsere Fixierung uns bald in viele Egothemen bringen. Dann „muss“ der Partner bald dies und das tun, damit wir glücklich und zufrieden sind. Dann „müssen“ bald Regeln eingehalten werden, damit die Beziehung gelingen kann. Dann muss es plötzlich weltliche Formen annehmen und die Liebe erstickt allmählich (wie Emily sagt: Sie verliert an Kraft) in gegenseitigen Erwartungen und Forderungen.

Viele Beziehungen sind letztlich an diesen Egothemen gescheitert. Die gegenseitige Wertschätzung geht schnell verloren, wenn man sich über die alltäglichen Dinge nicht mehr einigen kann. Und dann meistens entnervt weg rennt.
Ich behaupte, dass das dann niemals Liebe war oder ist. Sondern Komfortzonen, über die die beiden verhandeln. Wer braucht wieviel Platz? Wofür? Wer will was von dem anderen? Warum? Einander brauchen – ist das Liebe? Oder vielleicht vielmehr: gegenseitige Bedürfnisbefriedigung?

Liebe darf frei sein. Und muss zwingend frei lassen.

Wenn es wirklich Liebe ist, dann hört sie auch nicht auf, wenn eine Beziehung beendet ist. Liebe hat kein Happy End, weil Liebe nicht endet.

Enden werden immer nur eigenartige Formen des Miteinanders, die man als Liebe bezeichnet.

Als Coach und auch als Mensch sage ich: Wenn es endet und keine Liebe zurückbleibt, dann war es auch nie eine.

Wie also gehen wir um mit der Liebe?

Gerne hier noch einmal: Liebe ist eine Haltung, die alles durchdringt. Wie Wasser. Wie Luft. Wie das Leben an sich.

Ein wirklich poetisches Meisterstück habe ich vor vielen Jahren im Buch der Bücher, der Bibel, gefunden. Es heisst „Das Hohelied der Liebe“

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und meinen Leib dahingäbe, mich zu rühmen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.
Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf,
sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu,
sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit;
sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.
Die Liebe hört nimmer auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die Grösste unter ihnen.

Möge die kommende Woche die Liebe Dich tragen. Frei und im Fluss bleiben.

Willkommen in der Adlerperspektive.