Aggregatzustände

Die Tage hat die Natur dazu beigetragen, dass ich über das Schmelzen und das Frieren nachdenken konnte. Dieses Jahr hatten wir im Tessin viel Schnee. Und er ist noch immer da, an den Schattenstellen. Lange war der Schnee angefroren an den Boden, zum Teil eine spiegelglatte Fläche, die man kaum überwinden konnte. Das Laufen wurde mühsam und gefährlich und ich war nicht glücklich über die vielen eiskalten Morgenstunden mit dem Hund draussen, am zugefrorenen Fluss. Der Fluss, den ich im Sommer so gerne zu meiner Badewanne gemacht hatte, war jetzt kalt und überall war Eis. Dazu die Pfützen mit Schmelzwasser vom Tag zuvor – wieder steinhart zugefroren.

Sind nicht auch wir manchmal wie zugefroren, erstarrt?

Wie oft habe ich in den letzten Jahren von meinen Coachees den Satz gehört: Das hat mein Herz zum Schmelzen gebracht! Der Mensch bringt mich zum Schmelzen! Diese Musik schmelzt mein Herz! Achhh bei dieser Poesie schmelze ich wie Butter in der Sonne!

Wunderbar, dieses Schmelzen, das Zerfliessen. Das darf ich auch immer wieder erleben, dieses Auflösen von allem, was man zuvor festgehalten – oder eingefroren – hat. Und doch –

warum frieren wir unser Herz so oft ein, dass wir es immer wieder schmelzen lassen (müssen)? Oder wer oder was bringt uns dann zum Schmelzen?

Eine Berührung? Ein Wort? Ein Musikstück, ein Augenblick? Ein Lächeln?

Ein Kind? Ein glückliches Wesen? Ein Liebesbekenntnis? Unsere Lieblingstiere, Lieblingsmenschen? Filme, Poesie, Kunst? Erotik und Sinnlichkeit? Etwas, das wir gerne berühren? Etwas, das auf unserer Zunge zergeht?

Ich beobachte die Natur. Ein Ein- und Ausatmen ist es, dieses Schmelzen.

Den Tag über, bei Sonne, fliesst alles und taut und dringt in die Erde ein, am Abend zieht es an, verschliesst die Poren, erfriert erneut, wird steinhart und starr. Und am nächsten Tag beginnt der Tanz der Elemente aufs Neue.

Das erinnert mich an ein Stück Poesie, das ich vor vielen Jahren las:

Irrtum

Und mit der Liebe, sprach er, ist’s
wie mit dem Schnee: fällt weich
mitunter und auf alle –
aber bleibt nicht liegen.

Und sie darauf, die Liebe ist
ein Feuer, das wärmt im Herd
verzehrt wenn’s dich ergreift
muss ausgetreten werden.

So sprachen sie und so griff
er nach ihr, sie schlug’s nicht aus
und blieb auch bei ihm liegen.

Er schmolz, sie ward verzehrt
sie glaubten bis zuletzt an keine Liebe
die bis zum Tode währt.

(Ulla Hahn)

Es scheint auch in unserer Natur zu liegen, zu schmelzen, zu erstarren, wieder zu schmelzen. Betrachten wir uns als Teil der Natur, so ist es nur eben dies – die Pole immer wieder neu zu bestimmen, von warm nach kalt, von Nacht nach Tag, von Dunkel ins Licht, die Dualität, der Rhythmus, das Atmen, ein und aus, aus und ein.

Ganz natürlich, nicht wahr?

Könnte es uns nicht einfach glücklich machen, dass wir immer wieder schmelzen können?
Oder streben wir nach dem Warmsein, dem Immerwarmsein?

Na, ich sag mal so: Lauwarm ist auch kein echtes Leben. Da halten wir es doch lieber wie die Adler: Immer wieder alles rein geben. Immer wieder die Pole verschieben. Auf Leben und Tod.

Willkommen in der Adlerperspektive.

 

Mach langsam…

Immer mit der Ruhe… kennst Du das auch? Meistens meinen wir: Für Ruhe habe ich jetzt wirklich keine Zeit! Ich muss doch noch, ich geh mal schnell, ich erledige das noch rasch… Wir sind doch meistens auf der Rennspur statt die Dinge schön langsam, achtsam, gründlich zu machen. Das Herumeilen ist längst unsere Gewohnheit geworden.

Die Tage wurde ich damit konfrontiert was passiert, wenn wir zum Beispiel an einer Erkältung erkranken. Für fast alle Menschen, die ich kenne, geht es dann aufs Sofa oder ins Bett und plötzlich „können“ wir ganz langsam laufen, weil der Körper eben jetzt nicht mehr schnell kann. Und wie köstlich, wenn plötzlich alles langsam gemacht wird. Wir den Tee geniessen können, die stillen Stunden, das Lesen…

Von unseren Haustieren, ich von meinem Zenmeister Hund, können wir lernen, dass Aktion und Entspannung in einer wunderbaren Balance sein können. Er ruht einfach nach dem Essen, nach einem langen Spaziergang und auch mal so, zwischendurch. Während ich mich dabei ertappe, die Dinge schnell erledigen zu wollen, einige Male an dem entspannten Hund vorbei zu rennen und ihn sehnsüchtig neidisch betrachte, wie er es sich einfach gemütlich macht.

Warum müssen wir alles schnell machen? Wer um Himmels willen hat denn unsere Geschwindigkeit ständig erhöht? Das Leben war doch nicht dafür gedacht möglichst schnell zu rennen. Wie wäre es mal mit Schlendern?

In einem weltweit durchgeführten Hektik Experiment wurde beobachtet, dass die Fussgänger in Singapur für 60feet knapp 10 Sekunden brauchten, in Malawi dagegen fast 40 Sekunden. Die Afrikaner haben es nicht eilig, oft sieht es ja sogar so aus, als tanzten sie. Oder sie beobachten was um sie herum passiert, ob Gefahr droht oder etwas sehen können, was sie brauchen könnten. Sie lassen sich Zeit. Vielleicht auch, weil sie Zeit haben.

Was mich dazu führt zu fragen ob wir nicht alle die selbe Zeit haben? Warum denn so schnell und wohin und vor allem: Ist das wirklich nötig?

Ich hatte mal einen Autounfall vor vielen Jahren, da hatte ich mich wirklich sehr beeilt weil ich nicht zu spät kommen wollte. Nachdem der Unfallgegner in mich hineingerast war, hatte ich plötzlich s e h r viel Zeit um wieder alles zusammen zu sortieren. Die Eile hatte sich nicht gelohnt. Wäre ich eine oder zwei Minuten später an der Stelle gewesen hätte er mich nicht erwischt.

Was wäre wenn… was würde passieren wenn Du Dir mal Zeit nimmst?

Und nun sag nicht, das gehe nicht weil Du keine Zeit für die Zeit hast. Es geht immer etwas, um die Zeit zu verlangsamen. Genüsslich essen vielleicht. Den Abwasch geniessen, das Atmen verlangsamen oder auch mal ganz langsam gehen. Wenn ich mit meinem Hund langsam gehe, weil er überall schnüffeln muss, spüre ich, wie sich Entspannung in mir Raum nimmt.

Viele Jahre war mein zweiter Vorname „Ungeduld“, ich musste lernen langsam zu machen und natürlich zwingt uns auch das Leben dazu. Hin und wieder anhalten und sagen: JETZT. Ah! Das Leben findet gerade statt während ich renne. Langsam also, langsam…

Natürlich kann auch ich nicht warten bis die Schneeglöckchen endlich wachsen. Wie lange will denn der Winter auch noch dauern? Ich kann ihn nicht mehr sehen, den Schnee. Da hilft mir der Spruch eines Zenmeisters: „Ich freue mich wenn etwas lange dauert. Denn wenn ich mich nicht freue, dann dauert es genauso lang“.

Achte diese Woche einmal auf Dein Zeitgefühl. Geniesse jeden Tag etwas langsam. Nimm Dir Zeit und Raum. Schau Dir die Schönheit an im Moment.

Der Frühling kommt dann schon, wenn er Lust dazu hat.

Willkommen in der Adlerperspektive!

Weisst Du noch?

Kennst Du das, das Weisst-Du-noch? Ach, wie schön, in Erinnerungen zu schwelgen. Vergangene Woche hatte ich meine Freundin zu Besuch, die schon über 20 Jahre an meiner Seite tanzt. Wir hatten viele Weisst-Du-noch-Geschichten. Am Schönsten aber war, dass wir herzhaft lachen konnten über uns selbst. Denn unabhängig von den Situationen, Orten und Menschen an die wir uns erinnerten, waren da auch kleine Erinnerungsfetzen aneinander.

Was wir mal gesagt und mit dem Brustton der Überzeugung behauptet hatten. Woran wir glaubten, wofür wir demonstrierten oder gar kämpften und welche Glaubensbekenntnisse wir verrieten. Wie wir uns getäuscht hatten. Wie wir auf dem falschen Weg eingebogen waren und aus Freundschaft einander zwar beistanden, aber nicht eingriffen auf dem Irrweg. Ja und dann noch die Dinge die wie nicht gesagt oder sogar bewusst verschwiegen hatten.

Wir alle kennen das, dass wir nach sehr vielen Jahren jemanden wieder treffen, in den wir einmal verliebt waren und dann sagen können: Weisst Du noch damals? Da war ich unsterblich in Dich verschossen. Nicht selten bedauern wir dann, dass wir Wichtiges nicht gesagt haben, dass wir nicht geholfen haben oder etwas nicht bemerkt haben obwohl wir doch dachten das sei für alle offensichtlich gewesen.

Ich hatte heute morgen einen solchen Weisst-Du-noch Moment. Ich musste ein paar Dinge im Bad aufräumten und mir fiel ein kleiner Rest eines Kajal-Stifts in die Hand. Die perfekte Farbe für meine türkisfarbenen Augen. Ich liebte diesen Stift immer und inzwischen, das fiel mir ein, ist er nahezu 30 Jahre alt. Gekauft hatte ich ihn auf der Maximilianstrasse in München in einer winzigen Parfümerie mit meinem damaligen Herzmann, einem kühlen, egozentrischen Mann aus Hamburg, der mich immer gerne geschminkt und zurecht gemacht sah. Der Flashback war amüsant, denn neben der Erinnerung an den Moment kam ja auch das alte Ego zum Vorschein, das Lebensgefühl von damals, die 80er, die Schulterpolster und Sturmfrisuren, die Coolness und die Musik. Herrlich, diese kleine Zeitreise!

Was macht das mit uns, dieses Weisst-Du-noch? Im günstigsten Fall amüsiert und bereichert uns das. Zeigt uns auf, was in der Schatzkiste verborgen ist.

Und im günstigsten Fall erinnern wir uns an die schönen, spannenden Momente in unserem Leben, an Menschen, die uns einmal viel bedeutet haben, an Orte, die wir immer noch gerne erinnern.

In manchen Fällen erinnern wir uns aber auch an Dinge, die wir nicht mehr mit uns herum tragen wollen und die dann getriggert werden, wenn wir jemandem begegnen, der sie noch weiss. Oder die Weisst-Du-noch Geschichten, die nicht gut ausgegangen sind. Die verpassten Chancen, die unerledigten Geschichten in unserem Herzen, die Lieben ohne Happy-end. Die Umzüge und Verluste, die Kränkungen und Fehlentscheide und immer wieder – die Momente in denen wir etwas verpasst und das nachher bereut haben.

Ich wünsche Dir, dass Deine Weisst-Du-noch Geschichten schöne Geschichten sind, die Du wie ein Foto betrachten kannst aus einer alten vergilbten Kiste und dann zurück legen kannst. Vielleicht mit einem kleinen Seufzer der Melancholie, vielleicht mit einem lieben Dankesagen, mit einem belustigten Lächeln. Und dann – nach vorne gehen.

Im Italienischen sagt man gerne „Tempi passati“ – die Zeiten sind vorbei.

Verpassen wir also vor lauter Vergangenheit das JETZT nicht. Denn: Sich feiern wegen der alten Erinnerungen macht viel Freude. (In diesem Sinne vielen lieben Dank an Dich, meine Freundin H.J.S.W.)

Wir sind ja immer noch da. Und haben jeden Tag die Chance für einen Neubeginn.

Der Adler klebt nicht an Vor-stellungen und Rück-blicken. Er muss aus der Situation heraus entscheiden, jedes Mal wieder neu die Bedingungen einschätzen, wie das Leben jetzt ist. Die alten (Jagd-)erfolge sind passati. Die alten Gefährten vielleicht längst weiter geflogen. Das Wetter hat sich geändert, die Winde sowieso.

Was ist denn nun das JETZT?

Ich wünsche Euch viel Freude wenn Ihr Euch an Weisst-Du-noch-Geschichten erinnert. Und dann, das ist das Gesetz der Stunde: Volle Kraft voraus in die Tage die (noch) auf uns warten.

Geniesse den aufkommenden Frühling, er duftet schon, der Winter ist bald vorbei. Die Weisst-Du-noch-Geschichten auch.

Willkommen in der Adlerperspektive!

Flug aus der Komfortzone in den grossen Raum

Gerne reden wir immer alle über unsere Komfortzone und wie wichtig es wäre, diese regelmässig zu verlassen. Das Nachdenken darüber hat mich letzte Woche mit einem Paragliding Piloten zusammen gebracht. Schon viele Jahre kenne ich diesen fliegenden Adler auf zwei Beinen und habe ihm schon oft bei seinen geistigen Höhenflügen über die Schulter schauen dürfen. Nun aber ging es ums wirklich ganz reale Fliegen.

Er schenkte mir eine Stunde seiner Zeit und ich durfte ihn ausfragen und reinspüren, was das Paragliden mit dem Piloten macht. Ich flog gerne gedanklich mit ihm, fasziniert von seinem Erzählen und von dem Mut, den es meiner Meinung nach braucht, sich so ins Leben stürzen zu können.

Der Pilot sagte dann ein paar Dinge, die mich ganz nah an das brachten, was ich über das Verlassen der Komfortzone teilen möchte.

Zum einen sagte er, man fliege ab in eine neue, eine dritte Dimension, in den unendlichen Raum des Himmels. Nirgends kann man sich mehr festhalten, nichts ist greifbar, keine Sicherheitsebene mehr vorhanden als das eigenen Können, das Umgehen mit dem Schirm, den Winden, der Thermik. Wenn man beim Fliegen zum Beispiel ohnmächtig würde oder eine andere Schwäche hätte, so wäre man dennoch gezwungen, seine gesamte mentale und physische Kraft und das Zusammenspiel mit dem Material aufzurufen um sicher wieder zu landen. Beeindruckend!

Auf meine Frage, was denn der eigentliche Benefit wäre, was das Ultimative bei diesem Erlebnis ausmacht, antwortete er etwas, was ich nicht gedacht hätte: Es sei das Verlassen des sicheren Bodens, der jedes Mal wieder das Adrenalin nach oben treibt, etwas das jedes mal wieder neu „gefährlich“ und gleichzeitig enorm herausfordernd ist. Er erzählte mir jedes Detail, aber das blieb mir am meisten: Dieser eine entscheidende Schritt den man macht, den Sprung in das Neue, das Unsichere, das Abenteuer. Das ist der Kick.

Als wir nach dem bereichernden Gespräch zurück liefen, sagte er dann noch etwas, das tiefer ging: Es sei eigentlich einfach diesen einen Sprung in den offenen Raum des Himmels zu machen, wenn man es oft genug getan hätte. Aber wieviel mehr würde ihn manchmal herausfordern, diesen einen Telefonanruf zu machen, das Gespräch zu beginnen, eine Frage zu stellen die einen auf unsicheres Terrain bringe, ohne Sicherheitsleine sich selbst nackt zu machen in der eigenen Ansicht, der geäusserten Absicht oder auch, wenn man einmal Gedanken äussern möchte, die nicht „gesellschaftskonform“ sind und weit riskanter sind, als viele Menschen denken.

Ich staunte sehr, hat dieser wunderschöne Mensch mich doch so oft damit bezaubert, dass er wirklich zwischen Himmel und Erde unterwegs ist. Nicht nur mental als Adler, sondern ganz und gar. Dem Himmel, der Thermik und den Wetterkapriolen ausgesetzt.

Nun, wie gehst Du also mit dem Verlassen der Komfortzone um?

Wann verlässt Du den sicheren Raum und traust Dich, ganz ohne „Versicherung“ ganz authentisch und ganz und gar Dich selbst zu zeigen?

Wie handelst Du, wenn Du nur noch auf Dich selbst gestellt bist? Gehst Du mutig diesen einen Schritt ins scheinbar Leere oder verharrst Du ängstlich auf dem sicheren Boden?

Beobachte Dich diese Woche einmal. Wann springst Du ab?

Und was braucht es für Dich, ganz und vollständig in den Mut zu springen das Abenteuer Authentizität zu leben?

Ich wünsche Dir – und dem Paraglider – das Herz eines Adlers. Entschlossen und frei von jeglicher Angst. Gross und weit und ganz mutig und selbstsicher.

Und dann – fliegen!

Willkommen in der Adlerperspektive.

Vom wilden Denken

In meinem heutigen Beitrag möchte ich ein bisschen in die Gedankenwelt von „Go wild“ einführen. Das neue Coaching, das derzeit entsteht und das so voll mit Inspiration ist, so dass es mich – und ganz sicher auch Euch beflügelt.

Wildheit hat enorm viele Seiten, es ist nicht einfach ein Motto, mit dem man sich gerne schmückt. Wildheit heisst: Authentizität. DAS Echte, das Ursprüngliche. Eine heilige Reise zurück zu den Wurzeln.

Heute soll es zunächst Deinen Geist inspirieren. Heute geht es ums Denken, denn längst haben wir alle Dinge millionenfach wiederholt und immer wieder gedacht. Aus dem endlosen Wiederholungsstrang sind neue Glaubens- und Überzeugungsansätze geworden, die uns in einer gedanklichen Enge zurücklassen, aus der es kaum ein Entkommen gibt – es sei denn, wir verändern etwas ganz Wesentliches.

Wir brauchen heute ein Denken, freier und beweglicher, fliessender und kreativer, das uns erlaubt, den Bezug zur dynamischen (nicht stoischen/dogmatischen) Ordnung herzustellen und aus dem Undenkbaren zu schöpfen. Nur so können auf allen Ebenen neue Wege entstehen.

Der Begriff „wildes Denken“ (franz. pensee sauvage) wurde von dem französischen Ethnologen Claude Levi-Strauss geprägt, der als Mitbegründer des Strukturalismus in den 60er Jahren die Geisteswissenschaften revolutionierte.

Sein Ziel war es, universale Strukturen des Denkens aufzudecken. Obwohl sein Ansatz in eine ganz andere Richtung zielte, waren seine Grundgedanken Zündfunken für neue Kreativität und geistige Freiheit.

Hier eine kleine Erklärung: Levi-Strauss deckte auf, dass unser rationales Denken vor allem in Gegensätzen stattfindet und damit dual und binär ist (vergleichendes Denken, Abwägen von Wahrheit durch Überprüfen des Gegensätzlichen). Dagegen ist das „wilde Denken“ eine magische Weltsicht, die alle Wesen, Erscheinungen und Phänomene in einem unsichtbaren Zusammenhang vereint. Das wilde Denken ist verbindend, assoziativ und eng mit der sinnlichen Wahrnehmung und der Imaginationskraft verknüpft. Hier entsteht nicht nur „gefühlte Wahrheit“ sondern auch Mythos und Symbolik.

Das „wilde Denken“ also verbindet Intuition und Intellekt, Wissenschaft und Weisheit. Ein ganzes Bild also, statt nur eine punktuelle Betrachtung.

So entsteht auch ein „Wir“, eine beseelte Welt, ein gegenseitiges Geben und Nehmen, ein Austausch und eine Zusammengehörigkeit.

Das Eingebundensein vermittelt Sinn und Urvertrauen (ganz ehrlich: Wie oft denkst du, ob etwas Sinn macht? Siehst Du dann das „big picture“ oder hältst Du Dich an kleine Details?)

Wenn wir das Ganze im wilden Denken betrachten, finden wir uns in einer Ordnung, von der wir ein Teil sind, also mittendrin gleichermassen. Das ermöglicht uns, im Lot zu bleiben, auch in stürmischen Zeiten.

Manchmal fallen wir durch das binäre Denken aus dieser Ordnung heraus, dann gibt es: Mich und der Andere, Mich und das was geschieht, Mich und das was gerade ist. Dieses vergleichende Denken macht uns kaputt. Wir sind abgetrennt und in einer Zeugenperspektive statt mitten drin und auch dabei.

Zurück zur Adlerperspektive: Der Adler hat den Blick auf das Ganze. Und das Verständnis des Ganzen. Die Winde, das Wetter, die Gefahr, die Chancen, die eigenen Kräfte, die Instinkte, die Intuition, die Energie, die er abrufen kann, das Zusammenspiel von Natur und ihm selbst. Er betrachtet von oben – aber er ist gleichzeitig auch ein Teil des Oben. Er ist mittendrin. Nicht Zeuge sondern Mispieler.

Willst Du wild denken?

Betrachte heute alles was Dir geschieht, alles was Du hörst, alles was Du siehst mit einem verbindenden Geist, mit dem wilden Denken.

Und? Was spürst Du?

Frieden?

Willkommen in der Adlerperspektive.

Bist Du sicher?

Die letzten Tage habe ich intensiv über Sicherheit nachgedacht. Ein Wort das oft in Verbindung gebracht wird mit Materiellem, Verträgen oder Versicherungen. Was für ein köstliches Wort: Versicherung!

Gibt es das, eine Versicherung? Kann man sich versichern? Und gibt es eine Garantie auf Sicherheit?

Gestern fuhr ich 150km lang in Eis- und Schneesturm, die Strassen wechselten alle paar Kilometer ihren Wetterzustand. Es schneite, regnete, fror, taute, die Schneepflüge brachten eine spiegelglatte Fahrbahn und warfen Unmengen Salz auf die Strasse. Sicher fühlte sich das nicht an. An einer Stelle überholte ein grosser Jeep unsere Kolonne aus sicher fahrenden Autos (50 km/h und mit sehr viel Distanz). Der Jeep überholte mit hohem Tempo und wir alle auf der rechten Fahrbahn zuckten zusammen. Offenbar fühlte sich der Jeepfahrer sicher. Ein paar Kilometer weiter sah ich ihn in der Leitplanke, offenbar war er dann doch ins Rutschen gekommen. Auch einige andere Autos wurden abgeschleppt, versorgt, vom Winterdienst wieder aus den Schneewehen gezogen…

Niemand konnte sich sicher fühlen, egal in welchem Auto wir unterwegs waren, egal wie gut wir fahren konnten und wie sehr wir erfahren waren mit dem Fahren auf glattem Untergrund.

In dieser Zeit versorgte mich mein Lieblingsmann mit Voicemails und seiner totalen Aufmerksamkeit und Präsenz. Er sah sich auf der Karte meine Route an und gab mir Sicherheit, in dem er mir spiegelte wie sehr er meinem Fahrstil und meinem Focus auf die Strasse vertraute. Natürlich musste ich mit der Situation umgehen und es war angespannt und gefährlich. Aber wie sehr gab mir das Sicherheit, dass er daran glaubte dass ich alles richtig machen würde.

Was gibt uns wirklich Sicherheit im Leben?

Im Vorfeld zu der halsbrecherischen Fahrt hatte ich ein Coaching, in dem meine Klientin erkannte, dass sie sich sicher fühlt, wenn sie mit ihrem Wesenskern verbunden ist. Und dass sie sich sofort unsicher fühlt, wenn sie eine Rolle spielen muss oder sich an Gegebenheiten anpassen muss, die sie nicht möchte.

Das Handeln in einem anderen Tempo als unserem eigenen, mit anderen Werten, mit erzwungenem Verhalten schwächt uns alle.

Wann fühlst Du Dich sicher? Und warum dann genau?

Vielleicht wenn Du ganz bei Dir sein kannst? Wenn Du Deine Kraft erkannt hast und abrufen kannst?

Wo kannst Du Dich verankern wenn die wilde See um Dich tobt?

Sicherheit ist weltweit die grösste Sehnsucht von uns allen. Dass dem so ist, kann man an seinem eigenen Lebensgefühl, seiner persönlichen Befindlichkeit nachvollziehen. Wer „selbst-sicher“ ist, sprich: sich seiner selbst sicher ist, hat es leichter. Mit anderen Worten: Sicherheit ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, um Geborgenheit zu erleben.

Was hat aber Sicherheit nun mit Geborgenheit zu tun?

Sicherheit liegt viel tiefer als Angst. Es verankert uns. Das ist die Geborgenheit, die wir oft vergebens im Aussen suchen.

Als ich das erste Mal einen Adler sah, wie er in den Flug startet, war ich verblüfft: Er springt ab und lässt sich fallen, fast ohne Flügelschlag. Ich dachte wirklich, er stürzt ab. Sehr zum Amüsement des Falkners. Er sagte: Der Adler geht immer auf Leben und Tod. Weil er es kann. Und warum kann er es? Weil er total verankert ist in seine eigene Sicherheit der Wahrheit. Er weiss, dass er ein Adler ist und mit jeder Luft- oder Lebenssituation umgehen kann. Er ist ganz tief verbunden mit seinem mutigen Herzen.

Ich wünsche Dir, dass Du die eigene Kraft erkennst und nutzt. Dass Du sicher sein kannst, über Dich, Dein Können, Deine Möglichkeiten. Und dann, wenn es einmal nötig ist, einen Menschen hast, der Dich daran erinnert, was in Dir steckt.

Mehr Sicherheit gibt es nicht. Vertraue Dir selbst.

Willkommen in der Adlerperspektive.

Der Dialog

Gerade war der Tag der heiligen drei Könige, der 6.te Januar. Man kennt die drei Freunde, Caspar, Melchior, Balthasar, als die Drei, die Geschenke brachten, den Weihrauch, die Myrrhe, das Gold. In den letzten Wochen haben wir öfters mal über Geschenke nachgedacht…

Daraus ergab sich für mich ein genaueres Hinsehen auf etwas, das uns alle tagtäglich beschäftigt: Das Geben und Nehmen.

Meist steht Geben und Nehmen im Ungleichgewicht. Fast keine Beziehung, die ich kenne, oder die ich coachen durfte, hatte da ein ausgewogenes Verhältnis. Meistens gibt eine Seite sehr viel, die andere aber immer weniger.
Ein Mensch, der altruistisch veranlagt ist, hat oft Freude an der Grosszügigkeit. Das Geben geht für solche Menschen ganz leicht und ihr Herz ist davon erfüllt, sich zu verschenken und anderen Menschen mit Rat und Tat, mit Materiellem, aber vor allem mit der reichen emotionalen Fülle zur Verfügung zu stehen. Es fliesst aus solchen Menschen heraus, meistens deswegen weil sie einfach gerne leben und sich und anderen gerne jede Freude gönnen.

Der Empfangende ist aber bisweilen überfordert mit dieser Fülle, weiss nicht wie er es annehmen soll. Vor allem aber: Wie kann das Gegengewicht wieder hergestellt werden? Ist der Empfänger nicht grosszügig veranlagt, so wird es ihm immer schwerer fallen, angemessen zurück zu geben. Daraus entsteht ein Ungleichgewicht, das Beziehungen zerstören kann, denn der Gebende hört ja nicht auf zu liefern und der Empfangende hat schon lange genug. Psychologisch gesehen wird das gefährlich: Der Empfangende wird sich ins Gegenteil verwandeln und nicht mehr dankbar sondern genervt auf die Geschenke reagieren, weil er sich zunehmend ohnmächtig oder in der Schuld fühlt.

Wie kann man also ein Geben und Nehmen praktizieren, das für beide passt?
Zuerst einmal mit der richtigen Wahl des Partners oder der Freunde. Grosszügige Menschen, die mit grosszügigen Menschen zusammen kommen, haben viel Freude miteinander, baden gerne gegenseitig in der Fülle. Damit meine ich keineswegs das Materielle. Es ist essentiell, das beide Seiten gleichviel geben wollen und können. Das beginnt im Kleinen. In der Aufmerksamkeit, der Achtsamkeit, der Zeit, die man sich füreinander nimmt.

Vor allem aber der gelebten Wertschätzung, der gegenseitigen Toleranz.

Und ein wichtiger Faktor mit dem Gleichgewicht ist Dankbarkeit. Kultivierte Dankbarkeit macht ein sanftes Empfangen aus. Und daraus ergibt sich ganz geschmeidig und natürlich die Gegengabe.

Für diejenigen unter uns, die gerne viel geben: Ich wünsche Euch, dass Ihr ein Pendent findet, Freunde, Bekannte, Kunden, die ihre Dankbarkeit auch dadurch zeigen, dass sie gerne zurück geben und es ihnen wichtig ist, es in schönster Weise zu tun. Wie erfüllend ist es dann, gemeinsam eine schöne Basis miteinander zu feiern!

In diesem Sinne bedanke ich mich gleich zu Jahresbeginn einmal bei denen, die meine Gaben zu schätzen wissen, sie dankbar annehmen und zurück spiegeln. Das ist der wahre Reichtum: Einander sehen zu können mit all dem Schönen, was wir füreinander tun können.

Ich wünsche Euch immer viele wunderbare Geschenke, das ganze Jahr über. Und dass Eure Geschenke, sei es ein Lächeln, ein Händedruck, eine Nachricht, eine Umarmung, ein Mitbringsel, offen und leicht angenommen werden kann, voller Wertschätzung und Dankbarkeit.

Das ist das echte Glück. Teilen und mitteilen.

Willkommen in der Adlerperspektive.