Ich muss schmunzeln, wenn ich das hier schreibe. Aber letzte Woche war ich nicht besonders amüsiert. Kaum hatte ich den Blog Eintrag beendet und abgeschickt, so ereilte mich die kosmische Rache. Ich lag noch in einer fragilen Verfassung nach der letzten Operation in meinem Spitalbett. Am Morgen war meine stille Nachbarin entlassen worden, eine junge feine Frau aus dem Welschland, die mit ihrem Freund flüsterte, wenn er da war, weil es mir nicht besonders gut ging und ich fast zwei Tage verschlief nach der langen Vollnarkose, die mein Körper zu verarbeiten hatte.
Ich klappte den Laptop zu und schmunzelte noch ein bisschen über meinen Milieu Beitrag- indem ich deutlich erwähnt habe, wie sehr mich alles Italienische stresst – als sozusagen ein karmischer Denkzettel mich ereilte. Nachdem der andere Spitalplatz gereinigt worden war öffnete sich die Tür und ein Inferno kam in meinen Raum in forma einer älteren italienischen Nonna. Sie sprach kein Wort Deutsch. Alle mussten sich anpassen und in den meisten Fällen mit Google Translator arbeiten, auch die Ärzte, deren sie sehr viele bedurfte.
Von Anfang an war Chaos. Die Nonna stöhnte, schrie, fluchte (Porca Miseria, Madonna mia!) und beschäftigte jeden, der auf den Beinen war. Sie machte auch keine Ausnahme, egal ob die Pflegenden ihr sagten, sie sprechen kein Italienisch. Es wurde sofort alles kommentiert und alle Wünsche mussten sofort erfüllt werden, Fenster auf und zu, was trinken, essen, den Blutdruck messen. „Sto male! Non mi sento bene! Sto morendo! Aiuto!“ – Ich bin krank! Ich fühle mich nicht wohl! Ich sterbe! Hilfe!. In den ersten Tagesstunden klingelte sie im Halbstundentakt. Während ich mir noch mit AirPods und Augenbinde meine kleine Heilungswelt zu bewahren versuchte. Ich atmete und machte alle Entspannungs- und Autosuggestionsübungen, die ich gelernt habe – und in meiner Arbeit lehre! Das würde schon gehen, dachte ich.
Ganz besonders heftig wurde es ab mittags. Da kam „La Famiglia!“ Und diese Familie war gross, sehr gross. Die Tür ging auf und immer das selbe Prozedere: „Mamma! Nonna! Oh mio Dio!“ es wurde immer gebrüllt, die Alte war allerdings nicht taub. Es war ein Ausdruck heftigen Entsetzens, dass die Gute im Spital war. Dann wurde geknutscht, die Blumen überreicht, Konfekt, Obst, Zeitschriften… und dann palavert. Sie standen an ihrem Bett, um ihr Bett herum. Die Zahl der Besucher variierte zwischen 4 und 12. Immer kam jemand und Neue folgten. Das ging den ganzen Tag so. Am Abend riefen weitere an und die Nonna brüllte ins Telefon, vielleicht waren die Anrufer taub oder wenigstens nahezu.
Taub wurde ich auch langsam. Jetzt stöhnte ich. Niemals kann ich in so einem Milieu, einem solchen Klima gesunden. Ich war genervt, aggressiv, wütend. Ich wollte rüber gehen und ihr einen meiner Gehstöcke überbraten, vor allem weil das Theater die ganze Nacht weiter ging. Ich bekam keinen Schlaf, meine Nerven bluteten aus, sprichwörtlich. Ich war jetzt selbst „furioso“, so eine Emotion gibt’s gar nicht in schweizerdeutsch und in meinem feinen englisch auch sehr selten. Ausserdem hatte ich kaum die Nerven irgendwas zu tun, zu schwach, zu defensiv war ich.
Der nächste Tag ging genauso weiter. Ich war ausgeliefert. Und ein Teil von mir beobachtete die ganze Szenerie aus der Adlerperspektive. Ich sah uns beide von oben – und musste mich innerlich kaputt lachen, während ich real schon mein inzwischen kochendes Blut händeln musste. Meine vier Jahre im Tessin hatten sich potenziert, jetzt bekam ich die ganze verfluchte Ladung Italinata in 48 Stunden.
Ich habe nicht viele italienische Worte gelernt. Aber ich kann fluchen und ich kann Essen bestellen. Als die Nonna wieder einmal besonders ausrastete, weil die Pflegenden nicht sofort kamen, nahm ich all meine Kraft zusammen, setzte mich auf und brüllte sie an: „Ti spezzerò il collo tra un attimo, maledetta vecchia troia“! Ich werde das hier nicht übersetzen. Sie war schockiert, weil sie dachte ich verstünde kein Wort. Und ausserdem dass ich mich so etwas traute. Danach war Ruhe. Sie war eingeschüchtert. Wir wurden noch am selben Tag getrennt.
Es war nicht nett von mir. Und ich wollte auch nicht nett sein. Manchmal nutzt nur das. Ich wusste ich werde zur Mörderin, wenn das so weiter geht und die ganze Bagage wieder reinkommen würde. Ich musste handeln, um meine Nerven zu schützen und auch um irgendwie zu meinem Heilungsfrieden zu kommen. Basta.
Trotzdem habe ich in den letzten Tagen über das Thema Amüsement nachgedacht. Eine Haltung, die ich seit vielen Jahren als Leitfaden für mein Leben annehme:
Ich will mich amüsieren und nicht ärgern. Oder eben nicht amüsieren und entziehen. Es gibt keine weitere Entscheidungsvariante. Das habe ich von Queen Elisabeth II gelernt. Sie pflegte immer zu sagen: I am amused. Oder: I am not amused.
Irgendwann dachte ich: Die Queen will sich amüsieren, das scheint ihre Art zu sein, mit dem Leben umzugehen.
Seitdem habe ich mich grundsätzlich auch entschieden, dass ich mich zwingend jeden Tag amüsieren möchte. Hintergedanke ist, das Leben wie ein Theaterstück zu sehen. Das heisst nicht, dass ich oberflächlich bin, aber es heisst, dass ich der Bitterkeit keinen Raum geben möchte. Ich will mich einfach nicht empören oder runter ziehen lassen. Und die Wendungen des Lebens als absurd und interessant betrachten. Für mich eine gute Haltung, die ich vor allem oft in meinem Job brauche.
Wer sich noch wundern, lachen, also amüsieren und über die Tragikomik der Menschen staunen kann, der bleibt lebendig, beweglich und frei. Das ist keine Flucht vor dem Leben sondern eine Haltung, die uns hilft, das Leben nicht ganz so ernst zu nehmen. Ein Umstand, dem ich ohnehin noch nie viel Platz in meinem Dasein gegeben habe.
Denn: La vie est belle! Das Leben ist schön!
