Sich aufrichten

Ich bin hundertemale vom Pferd gefallen. So oft, dass mein Reitlehrer, ich war gerade 13, mir ein paar Sicherheitsgurte empfahl, die man unter dem Sattel anbringen sollte und meinen Oberkörper fixieren könne. Ich fiel immer wieder. Alle rieten mir ab, das Reiten weiterhin zu versuchen, der Reitlehrer sagte er hätte noch nie ein Kind mit so wenig Talent gesehen.

Ich fiel bei Turnieren weil mein ausgeliehenes Pferd mich über das Hindernis schmiss, statt selbst darüber zu springen. Ich fiel, wenn mein Pflegepferd vor Freude Bocksprünge machte. Ich fiel, weil ein anderes Pferd, das ich ab und zu ritt, Angst vor Traktoren und Mähdreschern hatte und durchging. Ich fiel sogar, weil ich vergessen hatte den Sattelgurt anzuziehen. Ich fiel, weil ich mich nicht halten konnte, weil ich nicht vorausschauend ritt, weil mein Pferd auch fiel. Weil ich nicht aufpasste, weil das Pferd scheute, weil andere mich zum Sturz brachten. Einmal fiel ich bei einer Jagd im wilden Galopp. Ich brach mir viele Knochen. Alles glatte Brüche, mehrere Wochen Gipsverband und dann sass ich wieder auf. Unerschütterlich. Ich war 42 Jahre eine Reiterin. Und habe längst vergessen, welche Blessuren mein Körper in dieser Zeit hatte.

Und dann bin ich auch ab und zu aus allen Wolken gefallen. Wenn mir etwas klar wurde mit dem ich nie gerechnet hatte. Oder eine Überraschung aus dem Nichts kam. Oder weil ich im Liebeskummer ertrank.

Fallen war nie das Problem. Aufstehen danach auch nicht.

Aber: Es hat noch nie so lange gedauert, wieder aufzustehen wie dieses Mal. Und es war noch nie so vielschichtig. So elementar und brutal und subtil.

Vor zwei Wochen hatte ich mir ein neues Auto angesehen. Ein chices Ding in einer eigenwilligen Farbe. Aber als ich hinter dem Lenkrad sass konnte ich meinen Fuss nicht aufs Pedal stellen ohne Panikattacke. Ich fuhr das Auto nicht Probe. Ich stieg wieder aus und liess es. Aber – Ich liebe doch Autofahren! Und ich brauche meine Freiheit mich jederzeit irgendwo hin zu bewegen!

Also rief ich meinen Psychiaterfreund an und er riet mir, den selben Minicooper auszuleihen, den ich an meinem Unfall bei mir hatte. Mit viel Glück hatte meine ehemalige Garage genau so einen zum Probefahren. Ich musste das Auto anlassen, losfahren und so oft wie möglich nach rechts abbiegen (der Unfall geschah als ich gerade abbiegen wollte).

Ich fuhr also los und redete mir gut zu und ich nahm einen Trick mit: Wenn man Angst hat und das vegetative Nervensystem beruhigen möchte, dann muss man so tun, als ob man nur durch einen Strohhalm atmen könne. Ich nahm den Trick. Es funktionierte. Ich war ruhig und dennoch: Meine Nerven waren aufs Äusserste gespannt. Ich fuhr los. Das Modell hat inzwischen 160 PS mehr. Er schoss los. Ich bog ab, fuhr, bog wieder ab. Es funktionierte! Ich fuhr eine halbe Stunde.

Trotzdem wollte ich das Auto nicht kaufen. Ich sah, wie mein Knie ganz nah am Armaturenbrett war. Das hatte zum Bruch geführt und würde mir nie mehr passieren dürfen.

Also ein paar Tage später: Wieder ein Auto Probefahren. Und diesmal ging es, ich blieb ruhig, wenn auch sehr verhalten. Ich fühlte mich wohl und sicher. Und herrlich, wie übersichtlich die Strasse von etwas weiter oben ist. Dieses Modell hatte ich vor vielen Jahren schon einmal gefahren und hatte ihn geliebt und bis zum letzten Kilometer seines langen Lebens genossen. Ich kaufte ihn, gab ihm einen Namen. Und schliesslich war ich wieder „on the road“.

Ich war also quasi wieder aufs Pferd gestiegen. Aber ach. Es war nicht mehr so leichtfertig wie früher. Diesmal werde ich nicht viele Geschwindigkeitsübertretungen haben. Keine Bussen mehr budgetieren müssen. Ich krieche. Aber: Ich geniesse! Wie herrlich, wieder auf dem Weg zu sein. Unterwegs. Das Dachfenster öffnen und den Windwiderstand geniessen, wenn man die Hand heraus hält. Kilometer zu machen. Menschen zu besuchen, die ich sehr sehr lange nicht gesehen habe. An tolle Orte zu fahren.

Dass ich dann aussteige und aus den hinteren Sitzen die Gehhilfen hole, kein Problem. Hauptsache: Wieder unterwegs sein!

Etwas ist mir aufgefallen: Diesmal war alles intensiv. Früher war ich nach jedem Fall, jedem Sturz, ganz einfach wieder aufgestiegen und hatte weiter gemacht. Und diesmal war alles neu. Alles frisch. Jeder Handgriff war speziell. Die Bewegung. Das Sichtfeld. Das Gefühl.

Mit ganz grossen offenen Augen sah ich Dinge, die ich lange nicht gesehen hatte. Und bereits seit geraumer Zeit als „selbstverständlich“ angesehen hatte. Wie viel nehmen wir gar nicht mehr wahr, tun es jeden Tag, ohne es zu bewundern, ausgiebig zu feiern und wert zu schätzen. Das wird meine neue Haltung: Alles zu bewundern was da ist. Und wenn es noch so gewöhnlich ist: Den Wasserkocher, den irischen Tee. Den Kühlschrank, eine weiche Matratze, die Waschmaschine, das Türschloss. Den Computer natürlich! Unsere Kleidung, die Zahnbürste, die Dusche mit dem herrlich heissen und kalten Wasser. Und ja – natürlich! Auch den Körper. Wie er läuft. Meiner läuft jetzt ein paar Tage ohne Gehhilfen. Dann kommt die nächste Operation und das ganze Hochkämpfen geht von vorne los.

Aber: Aufrecht werden, sich aufrichten. Damit dürfen wir niemals aufhören. Auch wenn es bisweilen etwas länger braucht.

Denn: Das Leben muss gefeiert werden! La vie est belle! Das Leben ist schön!

Screenshot

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