Ehrlich, das Thema Geduld habe ich ganz gewiss nicht erfunden. Und in den letzten beiden Wochen war mein diesbezüglicher Kredit aufgebraucht. Ich hatte keine Lust mehr und ich ging durch alle Phasen der Ungeduld. Von der puren Verzweiflung bis zur furiosen Wut. Seit dem 5.Februar habe ich keinen einzigen Schritt mehr gemacht auf meinen beiden Beinen. Und es gibt ja auch noch eine Steigerung von „lahm“ und die hiess: Lahm auf beiden Seiten. Ich war in einer Rage, schmiss die Gehstöcke, fluchte wie ein Berserker… leider hat das alles nichts genutzt. Wie hat mir ein alter Freund einmal versichert: Das Gras wächst nicht schneller wenn man daran zieht.
Dabei brauchen alle guten Dinge Geduld. Oder sagen wir mal so: Was gut sein will muss reifen.
Geduld ist ein Reizwort für mich, deshalb will ich es lieber anders aufgleisen…
Fast alles Lebendige widerspricht unserer täglichen Hast. Natur als Spiegel – ist Reifen in Ruhe und mit Zeit. Der Schmetterling entsteht nicht trotz der langen Dunkelheit im Kokon – sondern wegen ihr. Dieser Satz ist wichtig und genau deshalb schreibe ich ihn nochmals:
Der Schmetterling entsteht nicht trotz der langen Dunkelheit im Kokon – sondern wegen ihr.
Ein Küken, das man zu früh aus dem Ei reisst, stirbt. Ebenso der Schmetterling – oder die Libelle. Es braucht das Abstreifen jeder einzelnen Haut, das Herauswinden – oder sagen wir es schöner: Das Entfalten. Ein Wein, den man beschleunigt, verliert Tiefe. Und Wunden, die man zu früh belastet, reissen wieder auf.
Das Thema ist nicht nur Geduld beim Werden – sondern ein Vertrauen in die Reifung.
(hier muss ich seufzen… wirklich SEHR LAUT SEUFZEN)
Wir leben in einer Zeit, in der wir jeden Schmerz schnell ausschalten wollen, die Heilung sofort wollen. In den letzten Wochen habe ich das immer wieder gesehen. Und in einem psychologischen Prozess muss die Transformation Schritt für Schritt gehen. Niemals darf der Therapeut zu schnell voran preschen, weil er die Lösung schon kennt. Nicht zu viel Druck machen damit der Patient sich bewegt. Es muss alles in Ruhe passieren, im Tempo, das sich der Wichtigkeit anpasst.
Geht etwas „zu schnell“, dann verliert es an Tiefe. Es muss reifen, es muss vom Kopf ins Herz und dann in den Bauch rutschen. Dann durchatmen. Und neu starten, Schritt für Schritt wieder raus ins neue Leben. Puh, ganz schön anstrengend für einen zappeligen ungeduldigen Mensch.
Aber fast alles Wertvolle entsteht langsam. Das Trocknen von Holz. Das Reifen der Früchte, Gemüse und Weintrauben, das Keltern. Das Aufblühen der Blumen, das Wachstum von Bäumen. Und hey, eine gute Liebe braucht auch Zeit. Verbindungen sowieso. Oder neu Erlerntes bis zur Souveränität. Vertrauen braucht Zeit. Trauer braucht Zeit. Jede Form von Heilung braucht Zeit.
Reifen ist kein Stillstand sondern Wachstum! Unsichtbare Arbeit.
Dabei denke ich an den chinesischen Bambus. Die Geschichte des chinesischen Bambus ist deshalb so kraftvoll, weil sie etwas beschreibt, das wir Menschen ständig vergessen: Dass Wachstum oft unsichtbar bleibt.
Man pflanzt den Samen des chinesischen Bambus in die Erde. Dann giesst man ihn. Tag für Tag. Monat für Monat. Jahr für Jahr. Und scheinbar passiert – nichts.
Kein grüner Trieb. Keine sichtbare Veränderung. Keine Belohnung für die Geduld. Viele würden irgendwann glauben, der Samen sei tot. Oder der Gärtner habe versagt.
Doch unter der Oberfläche geschieht etwas Gewaltiges: Der Bambus baut sein Wurzelwerk auf. Breit und tragfähig, tief und stark. Und dann, nach vielen Jahren, geschieht das Unfassbare: Der Bambus schiesst innerhalb weniger Wochen meterhoch in den Himmel. Nicht weil er plötzlich wächst – sondern weil er schon immer gewachsen ist. Aber eben zuerst in die Tiefe und dann in die Höhe.
Manchmal glaubt man mitten im gefühlten Stillstand, dass nichts vorangeht – obwohl man in Wahrheit gerade Wurzeln bildet für eine Höhe, die ohne diese Tiefe nicht möglich gewesen ist.
Und vielleicht sind genau die Zeiten, in denen wir glauben stillzustehen, jene, in denen das Leben am tiefsten in uns arbeitet.
( so, jetzt atme ich aus. SEHR TIEF AUS)
Du auch?
Jedes Jahr kommt der Frühling rechtzeitig. Die Singvögel und Bienen und Insekten erwachen und es geht wieder los mit dem guten Leben.
Denn wie auch immer wir es drehen und wenden:
La vie est belle – Das Leben ist schön!

