Körpertrauma, eine Erklärung

In den vergangenen Wochen habe ich etwas Spannendes festgestellt: Ich habe einen Schock.

Ich hatte noch nie einen so Grossen. Einen, den ich lange nicht gespürt oder festgestellt hatte. Der Schock sass so tief, dass er sich gut verstecken konnte. Und als ich ihn dann mal erkannte, wusste ich sofort woher der kam und wo er sich befindet. Er hatte sich tief in mein Zwerchfell eingegraben, liess mich schwer atmen und oft seufzen. Und weil ich ihm nicht zuhörte, suchte er sich andere Ventile. Das sicherste Indiz: Immer wenn ich – oder jemand anders – mein verletztes Knie oder die Operationsnarbe berührte, fing das gesamte Bein an zu zittern. Und das zog sich wie heisse metallische Ladung dann durch beide Beine und hoch in meinen ganzen Körper. Ich schüttelte mich, zitterte, gefror. Das ging oft so, bis ich mich endlich darauf einlassen konnte und es mit dem psychosomatischen Arzt in der Klinik besprach. Und weil das Thema so elementar ist, schreibe ich darüber, denn – Körpertrauma. Das ist ein Thema, das viele von uns unbewusst haben.

Am 5. Februar fuhr ich glückselig singend über die irischen Landstrassen Richtung Fährhafen. Zwar wollte ich nur ungern meine Insel verlassen, aber ich war so glücklich und dankbar für die allerbeste Zeit meines Lebens, dass ich fröhlich und euphorisch war. Gefühlt war ich weit höher als nur im siebten Himmel. Ich liebte das Leben intensiv – La vie est belle,belle! Einige Male habe ich in den letzten 100km die Fenster herunter gelassen und geschrieen: I LOVE YOU IRELAND!

Und dann kam der Aufprall. Brutal und elementar. Metall gab nach, das Auto schleuderte, die Airbags sprangen heraus. Das Auto begann ohrenbetäubend zu hupen, das Handy auch. Ich sass eingeklemmt hinter dem Lenkrad. Die Tür liess sich nicht öffnen. Der Aufprall war gewaltig, der Andere donnerte mit 80 km/h ungebremst in mich hinein, wie wir inzwischen aus seiner Blackbox wissen. Meine Knochen im rechten Bein gaben nicht nach, sie zerbarsten. Der Sicherheitsgurt schnitt mir viele Hämatome in den Oberkörper. Die Brille sprang mir von der Nase. Ich prallte mit dem Oberkörper gegen etwas. Und dann war Stille. Ich wartete darauf, dass meine Lichter ausgehen. Mein Körper wusste: Das hier ist der letzte Moment. Todesgefahr.

Etwas in mir war in diesem Moment stehen geblieben. Nicht mein Bewusstsein, meine Stimme oder meine mentale Resilienz. Ich aktivierte mein Notfallprogramm. Brachte mich in Sicherheit, liess mich aus dem Auto ziehen, konnte immer noch fehlerfrei alles verstehen und sagen in meinem allerbesten irischen Englisch. Aber mein System blieb stehen. Ich war – abrupt! – aus einer Bewegung heraus gefallen und von Jetzt auf Gleich angehalten worden.

Die Welt ging weiter – Unfallort – Unfallhelfer – Emergency – Klinik – Heimflug mit liebevollem Profi – Spital – Op – Reha. Aber: Der Körper war nicht fertig. Hatte die nächste Bewegung nicht gemacht. War zu schnell, viel zu schnell vom hohen Himmel gestürzt direkt auf den eiskalten, harten Asphalt. Die Erinnerung war in meinem vegetativen Nervensystem gespeichert. Der Körper war immer noch im Überlebenskampf und verstand nicht, dass er überlebt hatte. Ehrlich gesagt, ich habe auch ein paar Tage dafür gebraucht, es aber schliesslich verstanden. Mit dem Kopf, nicht mit dem Körper. Der bebte noch immer in Todesgefahr.

Im Moment des Unfalls hatte der Körper alles getan, um mich zu schützen. Hatte sich angespannt, die Stresshormone aktiviert, mich zum Funktionieren gebracht. Und dennoch hatte er Bewegungen eingefroren, konnte nicht fliehen oder wegrennen oder ausweichen. Ich konnte nicht raus aus dem Moment. Das bleibt.

Der Körper befindet sich sofort in einem Prozess. Er arbeitet weiter an dem was war, obwohl doch aussen alles geregelt ist. Ich sah meine Narbe, von der alle sagten sie sei gut verheilt. Beim Fädenziehen wurde ich fast ohnmächtig. Es stresste mich gewaltig. Und dann stresste mich auch alles mögliche Andere. Ich war nicht mehr in der Lage etwas „auszuhalten“ was mir unangenehm war. Hatte keine Ressourcen mehr. Denn der Körper ist beschäftigt, während der Kopf beständig sagt: ist doch alles gut jetzt!

Das Nervensystem kennt keine Zeit. Und es hat auch nur zwei Programme: Gefahr – oder Sicherheit. Und es hört nicht schnell auf mit dem Impuls das hier gerade Gefahr ist. Es zittert und bebt und hat Angst – obwohl doch vermeintlich alles unter Kontrolle ist. Das System arbeitet hart: Es muss runterfahren und Ladung abbauen. Deshalb zittert der Körper.

Wissenschaftlich erklärt: Das autonome Nervensystem übernimmt bei einem solchen Ereignis. Ich habe nicht emotional reagiert, sondern neurobiologisch umgeschaltet: Der Sympathikus aktiviert Kräfte wie Kampf oder Flucht. Der ventrale Parasympathikus sorgt für Sicherheit und Ruhe und der dorsale Parasympathikus sorgt für Erstarrung und Abschalten (deswegen erinnern wir uns alle lange nicht, was bei einem Unfall passiert ist).

Bei einem Unfall passieren zwei Dinge gleichzeitig: Eine extreme Aktivierung (Herzrasen, Spannung, Stresshormone) und gleichzeitige Erstarrung (Freeze). Die Kälte bleibt sehr lange im Körper. Die Spannung baut sich ab, indem der Körper es immer wieder wegzittert.

Unsere Amygdala, das Stresszentrum im Gehirn, reagiert: Gefahr erkennen und speichern. Dabei gibt es keine Zeitachse, das bleibt als sichere Leitung im Kopf.

Sobald das System wieder getriggert wird (noch in der Phase des Abarbeitens) reagiert die Amygdala so, als wenn die Gefahr jetzt gerade wieder da ist.

Die unvollendeten defensiven Reaktionen wie weglaufen, kämpfen, schützen laufen weiter und bleiben schliesslich im Nervensystem stecken. Daraus entsteht ein Trauma. Dabei sind nach so einem Unfall oft die Verbindungen zwischen dem präfrontalem Cortex (Verstand, Einordnung, mentale Verarbeitung) und dem limbischen System vorübergehend gestört. Das heisst konkret: Man weiss, dass man sicher ist – aber der Körper weiss es noch nicht.

Es braucht Zeit und Verständnis und Einverstandensein, um dem Körper zuzuhören. Das System braucht länger, sich wieder sicher zu fühlen. Es gibt gute Therapien dafür: Wärme. Körperliches Wohlbefinden (sanfte Körpertherapie, Körperkontakt) langsames Aktivieren und Entladen. Längeres (hörbares) Ausatmen statt schnelles Einatmen. Mikrobewegungen. Und: Geduld.

Ich arbeite. Atme. Wärme mich. Und: Ich habe keine Eile. Das ist wichtig.

Immer noch denke ich: Das Leben ist schön! Schön! Was denn auch sonst!

Es gibt keinen Grund, sich zu beeilen. Alles braucht seine Zeit. Das Zittern ist weniger geworden. Ich singe und lache wieder. Und hätte ich gerade ein Auto würde ich die Fenster öffnen und schreien: I LOVE YOU IRELAND. Daran hat sich nichts geändert. Also zurück auf Start. Kein Trauma dauert ewig – und vor allem ist ein Trauma kein Drama. Nur ein Prozess durch den wir gehen. Heilbar. Der Körper reguliert das schon, wenn man das zulassen kann.

Ich werde wieder Auto fahren. Lachen, tanzen, singen. Und nach Irland fahren. Mit der Fähre. An der Urlaubsstelle vorbei und den ganzen langen Weg zurück an meinen Strand. Aber jetzt bin ich hier. In der sicheren Schweiz. In sicheren Händen. In meinem lieben Körper, der sich sanft um mich kümmert. Ich habe überlebt. Das ist eine Einladung für mehr mehr mehr.

Mal schauen, was das Leben macht! Es ist bestimmt gut!

Denn: La vie est belle! Das Leben ist schön!

Engel in Tarnanzügen

Fünf Wochen habe ich in einer Rehaklinik verbracht und dabei intensiv beobachtet, wie ein solcher Betrieb funktioniert. Vor allem habe ich die Interaktionen zwischen den Angestellten und den Patienten verfolgt. Und

Ich ziehe meinen (imaginären) Hut! Ich verbeuge mich!

Nicht nur – aber natürlich auch – weil ich keinen dieser Jobs machen könnte weil mir schlicht die Nerven dafür fehlen würden!


Sondern vor allem, mit wieviel Liebe, Geduld und Hingabe die Therapeuten und Fachangestellten Gesundheit das machen. Wie freundlich die Menschen in der Cafeteria und im Speisesaal waren. Wie jeder, der in diesem Haus arbeitet, achtsam mit den Menschen umgegangen ist. Eine gleichbleibende Qualität und freundliche Grundhaltung. Auch untereinander. Niemand war irgendwie genervt oder sichtlich gestresst, obwohl es mehr als genug Arbeit gibt und sich manchmal dringende Notfälle entwickeln.

Ich habe kleine Gesten beobachtet. Ein jüngerer Mann kollabierte zweimal morgens vor seinem Zimmer und atmete schwer. Er bekam Notfallhilfe. Wir anderen gingen oder rollten an ihm vorbei, um ihn nicht mit neugierigen Blicken zu brüskieren. Und ich sah die Fa-Ge, wie sie ihm sanft über den Rücken streichelte, um ihn zu beruhigen. Im Speisesaal sah ich, wie eine Dame der Bedienung um den Hals fiel, um sich zum Abschied zu bedanken und die Angestellte die Umarmung herzhaft erwiderte. Ich sah sanfte Physiotherapeuten, die Mut zusprachen (auch mir) und eine handfeste Frau, die eher ein straffes Regiment führte und motivierte. Ich sah Angestellte, die lange lange unendliche Geduld hatten, wenn ich schon beim Zuschauen oder Zuhören fast explodierte über die Dreistigkeit der Patienten.

Und jede Woche liefen einige glücklich in die Freiheit und eine neue Armada neuer Patienten erschien. Jedes Bett wurde innert Stunden neu belegt und jedesmal begann alles von vorn: Patienten die mit Schmerzen und Beschwerden kamen, schwach und leidend, zerschmettert und angstvoll. Jedesmal wurden sie von den Angestellten liebevoll aufgenommen, gehegt, gepflegt, wieder auf die Beine gestellt.

Ein nie endender Strom von Phönixarbeit: Die Leute fallen ins Feuer und verbrennen und stehen wieder auf in neuem Glanz.

Woher nehmen diese wunderbaren Menschen diese Kraft das immer weiter zu machen? Ich konnte sie nicht fragen. Mit vielen war ich in einem schönen Austausch. Und doch habe ich nicht gefragt, weil ich mich bewusst zurück halten wollte. Ich war nicht als Coach da, sondern als Patient – und Patient heisst nun mal auf englisch: patient. Was so viel heisst wie: Geduldig sein.

Ich war so geduldig wie ich nur konnte. Aber beobachtet habe ich sie trotzdem, die hilfreichen Engel. Und gestaunt weil sie ihren Job so gut orchestriert, so effizient und so zugewandt gemacht haben. Einigen durfte ich ein bisschen über die Schulter schauen und die ein oder andere Hintergrundgeschichte erfahren. Ich glaube ganz fest, dass diese Menschen eine riesige Portion Nächstenliebe bekommen habe. Weit mehr als die meisten Menschen, die ich kenne.

Also noch einmal: Ich verneige mich.

Wie viel besser wäre es, wenn es mehr Menschen gäbe, die diese Qualitäten in ihre Arbeitsbereiche tragen. Es wird mir eine Inspiration für meine Arbeit sein. Und vielleicht habe ich genau das gelernt in der Reha: Geduldiger, freundlicher, milder, toleranter zu sein. Denn, unnötig zu sagen für meine Leser: Ich habe mich jeden Tag viele Male über die zum Teil undankbaren Patienten geärgert. Wenn ich sie aus den Augen der Angestellten sah, wurde ich etwas freundlicher 😉

Ein Loblied also auf alle, die sich den Menschen annehmen, ihre Liebe und Geduld und ihre Unterstützung geben und wirklich mitfühlen.

La vie est belle! Das Leben ist schön.

Spielräume

Bis vor fünfzehn Jahren habe ich ein Seminar angeboten, das „Spielräume“ hiess. Wir coachten fünf volle Tage in einem wunderschönen Haus über dem Ortasee in der Lombardei. Oh! Und wie exzessiv wir da das Leben feierten und in die Tiefe tauchten! Diese Tage lief mir wieder jemand über den Weg, der mich an die wilden Tage damals erinnerte – und plötzlich stand das Thema Spielräume wieder im Raum meines jetzigen Erlebens. Ich glaube, so ganz habe ich den Spielraum nie mehr verlassen…

Biologen, Psychologen und Neurologen haben seit einigen Jahren bei ihren gesellschaftlichen Untersuchungen fest gestellt, dass die Lebensfähigkeit jedes einzelnen Menschen sowie die Überlebensfähigkeit der Gesellschaft durch die Verdrängung und das Versäumen von Spiel zutiefst gefährdet ist.


Wie das?

Es geht alles in „Ordnungen“ voran, der Mensch hat gelernt seine Funktionalität immer mehr zu rationalisieren, zu perfektionieren. Viele Dinge laufen immer besser, auch der technologische Fortschritt wächst dynamisch und sehr schnell. Wir haben Prinzipien gelernt wie der Mensch funktioniert, wir haben gelernt wie man schneller, höher, weiter kommt, noch reicher wird, den Körper perfektioniert und wie man effizient arbeitet und natürlich haben wir gelernt wie wir uns in unseren Rollen verhalten müssen, um möglichst problemlos voran zu kommen. Inzwischen gibt es sogar Rollenmodelle für Plan B! Ich erkenne seit Jahren, dass Menschen, die ausbrechen wollen in die „Ausbrech-Schienen“ fallen und alle das selbe tun, was sie dann als „crazy“ bezeichnen aber genauso langweilig – weil vorhersehbar ist.

Wir leben in einer Dualität, im Schwarz-Weiss. Das geht, das geht nicht. Wenn man es zu etwas bringen will muss man sich so und so verhalten, die Regeln und Gesetze beachten, immer höflich, brav, lieb, angepasst, konventionell, linientreu, loyal und höflich sein. Wir leben nach dem Wenn-Dann Prinzip, sogar unsere Wahrnehmung ist bereits eingeschränkt, denn die Vielzahl der täglichen Anforderungen, der ständigen Ablenkung, der pausenlosen Lärm-Berieselung, der immer grossen Verfügbarkeit über Handy, Email, Telefon, Arbeitszeiten, Sport- und Hobby halten uns in Trab und unter einer kollektiven Hypnose, die keine eigenen Gedanken mehr zulässt.

Niemand lacht mehr über das Wort „Freizeitstress“.

Niemand stellt mehr in Frage, warum die Mehrzahl unserer Kinder und auch einige Erwachsene angeblich bereits am „Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom“ oder an der Hyperaktivität leiden. Oder warum es immer mehr Amokläufe, Burnouts und Depressionserkrankungen gibt, denn auch dafür gibt es bereits Lösungen, eine Schublade, in die der Mensch und seine „Krankheit“ passt, pharmazeutische Hilfe und der Therapieplan, die Wiedereingliederung in die Gesellschaft, die öffentliche Meinung ist auch darüber bereits manifestiert und Ärzte und Therapeuten haben ebenso gute Lösungen parat wie die Schulleitungen und die Personalabteilungen der Unternehmen.

Wir fahren alle – immer mal wieder oder beständig – auf einer „Schiene“…

je nach sozialem Status ist unsere Art, sich zu kleiden, wo und wie wir Urlaub machen, was wir essen und trinken, welche Hobbies wir pflegen, wohin wir zum Coiffeur gehen, welche Tageszeitung wir lesen, ja sogar welche Pages wir im Internet aufrufen, schon vor-programmiert denn wir entsprechen ja unserem Image, unserer Klasse.

Ein Beispiel: nennen wir ihn Benedikt, Anwalt in eigener Kanzlei in Zürich, 550.000 Franken p.a., 58, Militärrang des Oberstleutnants, inzwischen unglücklich oder gelangweilt verheiratet, zwei Kinder, beide in akademischer Laufbahn, Mitglied des juristischen Verbandes, der Rotarier und des Lions Clubs, trinkt gerne Barolo und mag die asiatische Küche, vor allem Sushi in der Sushi Bar auf der Bahnhofstrasse, dazu ein Glas Moet&Chandon zum Business Lunch. Spielt Golf, trägt Anzüge von Baldessarini und rahmengenähte Schuhe von Elgg, die er bei Grieder kauft, schenkt seiner Frau das Parfüm Chanel No.5, seiner Geliebten ein Dessous von Beldona oder ein Juwel von Les Ambassadeurs, denkt über ein Haartransplantat nach, liest die NZZ, macht Ferien in Singapur, Bora-Bora oder in einem exclusiven Club auf den Seychellen, fährt einen 93 Chevrolet mit vollverchromten Alu-Speicherfelgen oder einen dunkelgrünen Jaguar E-Type mit beigen Ledersitzen, auf seinem Schreibtisch liegen das Wall Street Journal, die Bilanz und das amerikanische Time Magazin, hinter seinem Schreibtischstuhl moderne Kunst, vielleicht eine Büste von Adorno. Seine Stadtvilla hat er verkauft oder seiner Frau überschrieben, er selbst lebt nun etwas ländlicher, auf der Türklingel steht aus Diskretions-gründen kein Name. Benedikt ist reich, kultiviert, verfügt über tadellose Manieren, einen hohen IQ, ein Golf-Handycap im professionellen Bereich und seinen alternden Körper hält er mit seinem personal Trainer fit.

Benedikt ist so gelangweilt dass es Tage gibt, an denen er nicht mal aufstehen mag. Denn dieses Leben kennt er seit 30 Jahren. Er weiss nichts anderes als das, was er leben muss weil es eben „seinen Kreisen“ entspricht. Dabei wäre er so gerne ganz anders, ganz simpel, aber das traut er sich nicht (mehr).

Das ist keine Idee, das ist ein realer Mensch, der in meinem Coaching war.

Wer nur noch schwarz und weiss sieht, kann die Farben eines Regenbogens nicht mehr wahrnehmen. Auch die fortgeschrittenste Gesellschaft kann weder Luft noch Nahrung noch Liebe und Beziehungen ersetzen und sie braucht Menschen, deren innere Lebendigkeit und spielerische Erfindungskraft noch nicht ganz eingeschlafen sind.

Es geht nicht um Spielerei, wenn wir fragen, inwieweit Leben Spiel sein kann.

Wo kämen wir denn da hin wenn jeder nur noch machen würde, was er will?

Das hat mich vor vielen Jahren eine wütende Dame am Telefon gefragt, weil sie einen Flyer von mir in den Händen hielt…

Ja, wo kämen wir denn da hin?

Vielleicht in den Eigensinn?

Vielleicht in die Kreativität?

Vielleicht sogar auf neue Gedanken?
Vielleicht auf neue Lebenskonzepte?

Vielleicht auf Lösungen, die man gar noch nicht kennt!

Vielleicht sogar auf Lösungen, die wir alle brauchen?

INS SPIEL?

Spiel ist keine Form des blossen Zeitvertreibs, den wir uns leisten können oder nicht. Spiel ist das Grundprinzip des Lebens – und Spielräume sind die Räume, in die hinein sich Leben entfaltet.

Spielen ist – wie im althochdeutschen „spelan“ enthalten – die suchende Bewegung durch die Welt, eine Lebensbewegung, die keinen ungebahnten Weg scheut, Umwege gerade nicht meidet und zugleich immer auf der Suche ist.

Der spielerischen Qualität und Haltung des Lebens haben wir eine gesellschaftliche Struktur und Ordnung entgegen gesetzt, die Spielräume gar nicht ertragen kann, oder diese zugebaut/gemauert hat – oder zugestuhlt hat damit kein Bewegungs-, eben kein Spielraum mehr besteht.

Wir alle träumen den Traum eines bewegten, abenteuerlichen, lustvollen, spontanen, freien, lustigen Lebens, wir alle träumen davon, das Leben selbst zu gestalten, vielleicht sogar ein Stück weit für die Gesellschaft anders zu gestalten, neue Spielräume zu erobern, auszubrechen aus den Schienen, der Langeweile, der vorgezeichneten Konzepte. Ich behaupte sogar, wir alle träumen davon, aus der ORDNUNG auszusteigen und in die Selbstwirksamkeit – und damit weiter! Zu kommen.

Wer sich frei durch Räume bewegt, ist schwer kontrollierbar. Werden wir wohl deswegen alle so gerne von der Karrierelaufbahn, den gesellschaftlichen Normen, der Medienlandschaft, Netflix und Co., TikTok und Social Media, dem Internet, dem sitzenden Spiel vor der Playstation betäubt? Damit wir ruhiggestellt sind und unseren inneren und äusseren Bewegungs- und Eroberungsdrang unter Kontrolle haben?

Schaut mal in die Ämter des öffentlichen Rechts, alles sitzende Wichtige. Für sie scheint die Eroberung der Spielräume wie eine Art der Anarchie!

Ich behaupte: Der Verlust unserer Spielfähigkeit und der Fähigkeit der Entdeckung und Eroberung von gegenteiligen neuen Lebensformen hat eine körperliche, geistige und emotionale Panzerung zur Folge. Wir sind ja schon alle völlig ungeschmeidig vom vielen Sitzen! Und das Paradox: Viele von uns sitzen sogar gerne!

Scham, Angst, Schuld, sitzen uns im selbst gewählten Gefängnis fest im Nacken. Es hält uns vom Ausbrechen ab. Allmählich wird so jede Lebens-Bewegung schmerzvoll abgestellt und selbst da, wo Spielräume und Veränderungs-Möglichkeiten greifbar sind, werden sie nicht genutzt und mit den unglaublichsten Begründungen sogar abgelehnt.

Wir alle also sitzen auf unserem Geld, dem Eigentum, der „Regeln“, auf unseren Beziehungen, auf unseren Meinungen und Weltanschauungen, auf unseren Positionen und Verdiensten samt Diplom, Medaillen und Orden. Ist das die vermeintliche Sicherheit, auf der wir sitzen? Anstatt zu leben sitzen die meisten von uns ihr Leben aus. Und dann ärgern wir uns krank, wenn das Leben sich nicht an unsere Bedingungen und Erwartungen hält.

Ich behaupte: Wir alle wollen zurück ins Spiel. Und wir alle wollen zurück zur Liebe. Nur ist unser Panzer schon so dicht geworden, das nichts Leichtes mehr durchdringen kann.

Aber wir können doch beginnen den Panzer aufzubrechen und zu schauen was drin ist. Zu schauen was an Leben, Leidenschaft, Leichtigkeit, Lebenslust, Liebe, Aufregung, Freude, Euphorie und Ekstase noch da ist.

Leben ist Beziehung und muss sich in Räumen gestalten, die auch einen Spielraum aufweisen, in den hinein sich etwas Neues entwickeln kann. In jedem Raum ist Spielraum! In jedem Raum ist Spielraum!

Schaffen wir uns also eine eigene Welt in dem wir die unsinnigen und nicht mehr notwendigen Ordnungen, Normen, Grenzen und Beschränkungen nieder reissen und mit hemmungsloser Spontaneität ausprobieren wer und was wir eigentlich sind.

Das können wir überall! Auch in einer sterbenslangweiligen Rehaklinik.

Ob ich dieses herrlich wilde Seminar wieder anbieten sollte?
Lust dazu hätte ich!

Vor allem: La vie est belle! Das Leben ist schön!

Wintereinbruch

Am Samstag ging’s wieder los mit der weissen Pracht. Die Tage vorher waren sonnig und schön und der Frühling protzte üppig mit seiner Kraft. Alle Knospen brachen auf, die Blumen explodierten auf den Wiesen. Die ganze wilde Kraft der auflebenden Jahreszeit zeigte ihre Gier und ihre starke Ladung in der Natur. Und kaum angekommen drängten alle nach draussen. Die Köpfe der Patienten gingen nach oben, die Wirbelsäulen streckten sich, der Gang wurde dynamischer oder leichter. Auch bei mir. Und dann: Schneite es. 30 Zentimeter über Nacht. Alles war zugedeckt, eine bewegte Wolkenwand machte alles dunkel und dramatisch.

Was tun wir bei einem Rückschritt? Fast immer sinkt man zurück. Auch ich dachte: Es geht einfach nicht (nicht genug, nicht schnell, nicht signifikant) voran. Die Ebbe hatte mich wieder erreicht. Und dann dachte ich, wie sehr ich die Ebbe in Nordirland geliebt hatte. Fast immer hatte das Meer bei Ebbe eine riesige Menge an wunderschönen Muscheln und Wellhornschnecken zurück gelassen. Ich war bei Ebbe gerne am Benone Strand spaziert und hatte die Weite und Leere genossen. Meine Seele war ruhig geworden. Hatte geatmet, ganz oft ausgeatmet und manchmal auch wieder aufgeatmet. Denn: Die Flut hatte ja immer krass aufgewühlt. Mich beherrscht und aufgeregt und immer hatte sie nach Aktionen gerufen: In die eiskalte Brandung springen. Ich hatte den Surfern zugesehen wie sie auf den Wellen tanzten und den Möwen, wie sie im Aufwind segelten und Kapriolen schlugen.

Aber jetzt war Ebbe. Nicht an meinem Strand. Sondern hier erstarrte die Welt im Schnee. Alles wurde schlagartig langsam. Ich auch. Den ganzen Sonntag ruhte ich. Alle anderen auch. Die Flure waren gespenstig leer. Die Welt erstarrte.

Nichts für mich, da ich die Welt des bewegten Windes liebe. Das Fortgehen, das Wehen, das Mitschwingen.

Was tun wir, wenn die äusseren Umstände uns zur Ruhe zwingen?

Puh. Ich atme. Ich nerve mich. Dann beruhige ich mich. Hingabe heisst nicht Aufgeben. Hingabe heisst: Mit den Dingen fliessen.

Das bekannte Zitat von Anne Morrow Lindbergh über Ebbe und Flut aus ihrem Buch „Muscheln in meinem Sandkorb“ lautet:

„Wir haben so wenig Vertrauen in die Gezeiten des Lebens, der Liebe, der Beziehungen. Wir jubeln der steigenden Flut entgegen und wehren uns erschrocken gegen die Ebbe. Wir haben Angst, sie würde nie zurückkommen“.

Das Leben verläuft in Wellenbewegungen, vergleichbar mit den Gezeiten. Sowohl die „Flut“ (positive, produktive Phasen) als auch die „Ebbe“ (ruhige, schwierige oder leere Phasen) gehören zum natürlichen Rhythmus. Oft wird die Ebbe fälschlicherweise als endgültiger Verlust statt als notwendige Übergangsphase gesehen.

Ich erinnerte mich daran und akzeptierte das veränderte Tempo. Stand wieder gerade. Hörte ruhige Musik. Sagte mir: Das gehört zum Prozess. Anspannen – Entspannen. Das hatte ich schon tausende Male gemacht. Der Widerstand war das Problem, nicht der Prozess. Also: Weiter machen. Aushalten. Durchatmen. Durch das Tal hindurch und am Ende wieder nach oben.

Ein Schritt nach dem anderen.

Wenn Du also gerade das Tal spürst. Wenn die Ebbe kommt. Der Schnee. Der Winter zurück kehrt obwohl wir doch gerade noch am Aufblühen waren. Dann: Langsam werden. In die Tiefe wachsen. Nochmal Anlauf nehmen.

Diesen Blog schreibe ich auch für „Lucky“. Am Ende des Verharrens und Abwartens und genervten Ebbelebens wird – der Sprung stehen. Ins Leben. Blüh auf!

Siehe da: Der Schnee ist geschmolzen. Die Sonne strahlt. Das Leben ist wieder da.

Ich mache noch 100 Beinpressen. Jetzt gleich. Die Beine wollen wieder tanzen.

La vie est belle! Das Leben ist schön!

Die Hürde

Es ist ziemlich lange her, dass mir dieses Tierchen das erste Mal begegnet ist. Vielleicht fünf Jahrzehnte oder mehr. Da sprach jemand davon, den inneren „Schweinehund“ zu überwinden. Ich wurde hellhörig: Was ist denn das für ein Tier? Ein Schweinehund? Ich war irritiert, den hatte ich noch nie irgendwo gesehen…

Erst später verstand ich. Und begegnete ihm auch von Zeit zu Zeit. Aber nicht zu oft, weil der Typ mir suspekt vorkam. Und ich entschieden hatte: Ich wollte stattdessen ein Glücksschwein sein. Dafür würde ich jede Extrameile gehen müssen. Gegen jeden Widerstand, gegen jede Unlust und vor allem – ekelhaft weit aus der verführerischen Komfortzone würde ich gehen müssen, das hatte ich jetzt vollends kapiert.

Es wurde bisweilen hart. Das Tier kam in allerlei Verkleidungen auf mich zu. Auch in Form von schönen Männern, die mir gerne im Weg standen. Oder getarnt als vernünftige Entscheidungen. Ich weiss noch, dass es einen Song gab, der das ganze Fiasko beschrieb: „Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund.“ das war ein Schlager, den jeder mitzusingen schien.

„Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund
Die Sonne brennt dort oben heiss…
Wer so hoch hinaus will, der ist in Gefahr
Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund
Glaub mir, ich mein es gut mit dir
Keiner hilft dir dann, ich weiß es ja
Wie′s damals bei mir war.“

Für sehr viele Jahre habe ich den Song meinen Coachees vorgespielt als ultimative Verführung, denn die Melodie des Liedes war von Ralph Siegel, einem Komponisten der seichten Art, eingehend und mit den richtigen Beats versehen, die alle in den Bann nahm. Viele Jahre habe ich gesehen, wie sich die Menschen da mitreissen liessen und mitsangen! Ich habe das Lied vom ersten Moment an gehasst.

Und dann kam er wieder, das Fabeltier, der Schweinehund und wollte, dass ich gemütlich werden sollte. Nicht so weit hinauf. Nicht weiter machen, lieber im gemütlichen Strom schwimmen, lieber mit der Masse, nicht heraus stechen, nicht Einzelgänger sein. Nicht andere Leute brüskieren, weil man eigenwillig war. Denn: Fast alle scheiterten am Schweinehund. Er erschien – und man folgte ihm. Blieb sitzen, ging nicht trainieren, hatte keine Lust etwas durch zu ziehen, musste nicht auf dem Instrument üben. Nicht lernen, lesen, streben. Lieber mit den anderen zocken – oder hängen. „Chill’s mal“ hiess es dann. Ich hörte das von überall. Auch von meinen Söhnen, wenn ich mal wieder heiss lief.

Ich war nie gemütlich. Das schlimmste Wort überhaupt für mich.

Jetzt bin ich in der Reha. Ich sitze im Rollstuhl oder klemme mir die Unterarmstützen unter die Ellebogen und schleppe mich voran. Das Bein brennt und schmerzt wie d’Sau (um in der Schweinefamilie zu bleiben). Jeder Schritt, jede stechende Muskelübung braucht bisweilen Überwindung. Auch von mir. Es gibt Momente da möchte ich einfach im Bett liegen und zaubern dass das alles vorbei ist. Dann sagen die Pflegenden oder Ärzte hier auch gerne: „Sie müssen sich auch ausruhen. Das gehört zur Heilung“. Wann kippt das Ausruhen in das Gehege des Schweinehunds und man steht nie mehr richtig auf?

Das Training findet in Gruppenräumen statt und jetzt beobachte ich den Schweinehund. Der sitzt auf jedermanns Schulter und sagt: hey, nicht zu viel. Auf keinen Fall die Gewichte hoch nehmen, nein, nicht noch ein 10er Set. Hey, chill’s mal, immer mit der Ruhe. Aua, das tut weh, nicht weitermachen. Ich sehe wie die Patienten sich selbst betrügen. Sie ziehen ein paar mal an dem weichen Terraband. Möglichst dem gelben, maximal mit dem Roten. Das mit dem weichen Widerstand. Sie halten das Band vor sich hin, ziehen, drei, vier, fünf Mal. Die Trainerin dreht sich zu einem anderen Patienten. Dann schnaufen sie. Hören auf zu üben. Vielleicht noch zwei, dreimal. Die Trainerin kommt und fragt: „Haben Sie es geschafft?“ Sie nicken. So sehen also drei Sets aus fünfzehn Wiederholungen aus.

An anderer Ecke, im Panorama, im Trainingssaal mit den vielen Geräten, da ist es noch schlimmer. Sie hängen in den Geräten. Schnaufen. Entspannen, warten, dass die Zeit vorbei geht. Bewegen sich ein bisschen. Nennen das Studio “Folterkammer“. Ich möchte es Heilungsraum nennen. Mache mehr Wiederholungen, mehr Gewicht. Ich zahle dafür, alles tut mir weh, nicht nur mein zerschmettertes Bein. Aber es lohnt sich auch. Meine Schultern sehen aus wie früher. Ich flitze mit dem Rolly und quietsche: „Let’s go Paralympics!“ Leider findet das kaum jemand amüsant. Ich nerve die, die sich verbündet haben mit dem Schweinehund. Ich meide ihn wie meinen grössten Feind. Es kostet alles. Vor allem Kraft.

Was mich motiviert: Mein ehemaliger Coachee, der Mr.Universe in Spe, Fabian. Mein Coachkollege Beat, der Eisbader. Ich denke an die taffe Jill. An die sportliche Jacqueline und Beat, den Zahnarzt auf dem Velo durch die Alpen. Ich denke an meinen älteren Sohn, der nachts über den Gotthard läuft wenn es ihm langweilig wird, ein Super-Siech. An meinen jüngeren Sohn, der endlose Stunden für seinen Traumjob arbeitet. Vor meinen inneren Augen erscheinen die Menschen, die ich kennenlernen durfte und die ihrer Leidenschaft folgen und streben, sich etwas abverlangen, nicht aufgeben. Ich will das auch nicht – aufgeben. Der verdammte Schweinehund. Er kann mir gestohlen bleiben, ich ringe jeden Tag mit ihm und er mit mir. Das macht keinen Spass. Keinen Spass. Sagt die hedonistische Seite von mir. Jammert der Schmerz in mir. Mein Widerstand gegen das was es verlangt ist wolkenkuckuckshoch.

Ich raste kurz. Schüttle meine Arme, drehe meinen Rücken entspannend in alle Richtungen. Schleppe mich unter Weh und Ach in die Dusche. Fluche manchmal wie ein Berserker. Der verdammte Schweinehund. Soll wo anders wohnen und es sich dort gemütlich machen. Ich werde niemals auf ihn eingehen.

Ich bin ein Glücksschwein! What else! Der Preis ist hoch. Ich zahle.

Und bei all dem darf man ja nicht vergessen: Das Leben ist schön! Schön! La vie est belle.

Leitstern

Heute war es dann endlich wieder so weit. Ich sass auf der Terrasse im schönsten Panorama und Sonnenschein. Hatte die AirPods auf den Ohren und Tommy Flemming säuselte mir mein irisches Herz voll mit Peosie. Lautstark sang ich mit. Jetzt wusste ich: Ich bin auf dem Weg der Besserung. Dreieinhalb Wochen war ich verstummt. Der Unfall war schockierend, die Landung auf dem harten Boden wirklich brutal.

Ich hatte mir vorgenommen nicht zu jammern. Weder über die Entwicklungen, die ich nicht eingeladen hatte zu kommen, noch über die zerstörerischen Schmerzen. Eine Handvoll Schmerzmittel, Tag für Tag. Opiate die meinen Kopf durcheinander machen, Schwindel und Seufzen.

Aber dann kam mein Geburtstag und eine Liebeslawine entlud sich über mich und mummelte mich ein. Wie schön!

Was aber wirklich half: Als ich heute morgen meinen Schmuck abnahm für die Dusche sah ich dieses Schmuckstück aus Portstewart an. Ich hatte es im Dezember bei einer kreativen irischen Lady gekauft. Sie sagte es sei der Leitstern und das Rund, das entsteht, wenn man ihm folgt. Meinen Leitstern hatte ich gefunden an den weiten Stränden von Nordirland. Mein Rund aber war aufgegangen als ich aus dem dem siebten Himmel stürzte. Es ging zu schnell. Es war zu elementar.

Drei Wochen habe ich mich mit dem Neuen arrangieren müssen. Es war nicht schwer. Ich war neugierig dran gegangen und ich war dankbar. Dann kamen Freunde und meine Söhne in die Kliniken. Die Ärzte gaben ihr Bestes um mein Bein zu retten. Die Versicherung war freundlich. Der Ton mit der Polizei in Irland auch. Alles tat ein kleines Puzzlestück dazu, mich dem Leben wieder anzuvertrauen. Und schliesslich begegnete ich noch einem meiner Jersey Adler, der hier hoch in die Rehaklinik fuhr und mit dem ich über Schicksalsschläge und (Über)-leben sprechen konnte. Auch er hatte ein bewegtes Leben und das letzte halbe Jahr hat ihn über alle Massen heraus gefordert. Er wurde – wie ich – brutal aufgehalten von dem Fluss, den das Leben genommen hatte. Aber wir waren beide einig: Wären wir beide Katzen, dann hätten wir schon viele der 7 Leben aufgebraucht. Aber vielleicht haben wir ja auch noch eins übrig.

Ich schaue die Kette noch mal an – der Leitstern. Das Rund.

Nach vielen Wochen der eingefrorenen Stimme hat sie heute wieder gesungen: Meine mit der von Tommy. Und ich schloss die Augen und träumte mich zurück nach Downhill, Castlerock, Benone, Ballintoy, Inishowen. Zurück an den Strand, den Meeressaum, zu den Wellhornschnecken, den Muscheln, dem Wind, den Regenbögen, den Polarlichtern. Ich weiss, wo mein Leitstern ist. Ich bin sicher und zuhause wenn ich meine irischen Herzens-Vibes spüre. Da gehört mein Herz hin, meine Sehnsucht wird mich nach Hause bringen.

Ich habe meine Mitpatienten also mit meinem Singsang unterhalten und dann mein lädiertes Bein berührt und gesagt: Hey, wir müssen wieder zurück. Im Winter wollen wir zu den Polarlichtern tanzen! Mit Al im schwarzen Ozean verscwhinden! Im Dezember in die Kathedrale in Lisburn um mit Tommy zu singen! Ich schwöre, das Knie hat gezuckt. Und es hat wahrscheinlich gesagt: Na klar Dude! Streng dich an mit der Physio!

Wo ist dein Leitstern? Ist es ein Mensch? Eine Aufgabe? Ein Sehnsuchtsort? Eine Melodie? Freunde? Ein Land?

Wichtig ist einzig: Wir sind verankert. Auch in unseren Freundschaften. Auch in unserer Liebe zu und von der Welt. Dahin dürfen wir gehen.

Ich danke von Herzen: Yvonne, Ramona, Beatrice, Kathi, Z&Z, Daniel,Ruth, Al, Heiri!, LMM, Ralf und Schwöösch. Und all die Lieben, die mir geschrieben, mich angerufen, mich besucht, mir Blumen geschickt und an mich gedacht haben. Ihr wisst schon! Wer wäre ich, ohne Eure Begleitung durch dieses turbulente, herrliche Leben.

Denn eins ist klar: La vie est belle. Das Leben ist schön.

Hard times come again NO MORE

Ikarus

Es war mein erster Tag in der Reha. Ich kam mit dem Rolli aus dem Lift und da ging die Tür meines Zimmernachbarn auf. Ich starrte ihn an und war völlig verblüfft. Obwohl dieses Exemplar hier etwa 20 Jahre jünger war als mein Freund Al aus Irland, so sah er ihm frappant ähnlich. Ich starrte so „laut“ dass er nun auch mich irritiert ansah und ich fragte ihn (auf englisch….) wie er heisst. Er sagte: „Alec. Aber Du kannst mich auch Al nennen!“

Wäre ich nicht ohnehin gesessen, so hätte es mich von den Füssen gerissen. Das gibt’s doch nicht! Ich sagte ihm, ich müsse unbedingt mit ihm sprechen, zeigte ihm ein Bild vom Surfer-Al und jetzt wollte er auch alles wissen. Zwei Stunden später sassen wir zum Kaffee auf der Sonnenterrasse und froren uns ein bisschen die Nase ein.

Alec sagte, er sei aus allen Himmeln gefallen. Dahinter verbarg sich eine besondere Geschichte. Ende Oktober war er bei guter Thermik von einem der Churfirsten Gipfel gesprungen. Es war ein grandioser Tag zum Gleitschirmfliegen und er war auch nicht alleine am Himmel. Für eine sehr lange Zeit schwebte er, kam schliesslich aber leider in einen Luftwirbel und ein Teil seines Schirms klappte ein und liess sich nicht mehr entwirren. Jetzt ging es rasant nach unten und er drohte vollends abzustürzen. Gerettet hat ihn schliesslich zunächst eine sehr hohe Tanne, die den Sturz verlangsamte und nun knallte er zwar dennoch auf dem Boden auf, aber brach sich „nur“ beide Beine, die Knie, die Füsse. Er war zwar bewusstlos wegen der schweren Schmerzen, aber im Spital war bald klar, dass es keine organischen Schäden gab und alles oberhalb der Hüften intakt war.

Dennoch legte man ihn in ein künstliches Koma und viele Operationen folgten. Nun ist er seit Beginn des Jahres hier in meiner Rehaklinik und leicht ist es nicht. Denn er geht zwar auf Krücken, aber er hat ja kein gutes Standbein und ist auf Arme und Oberkörper angewiesen.

Ich fragte ihn bald immer tiefer. Spannend, dass Alec kaum Mitgefühl bekommt. „Selbst schuld“ hört er oft, weil Paragleiten eben ein Risikosport ist und bei vielen Menschen das Verständnis dafür fehlt. Wir kommen auf unsere Besuche, unser Umfeld und auch Mitpatienten zu sprechen. Alec’s Unfall stösst auf wenig Verständnis. Er will ja entschieden weder Mitleid noch eine Opferrolle. Aber dennoch erschreckt es ihn, wie kühl und distanziert die Menschen werden, wenn er erzählt warum er seinen persönlichen langen Weg zurück ins Leben macht, wie alle hier.

Wir reden und reden und kommen bald an einen sensiblen Punkt. Wie wir das Geschehen empfunden haben, als wir wussten, hey, jetzt ist das Leben wohl gleich vorbei. Das hatten wir beide. Er, als er aus dem Himmel fiel, ich, als das Auto in mich reindonnerte. Für jeden von uns gab es den Moment, als wir dachten: Das war’s. Jetzt schaltet uns jemand gleich das Licht aus

Wir wurden immer stiller und unmerklich hielten wir die Luft an, als wir darüber sprachen. Nicht, dass wir das tragisch genommen hätten. Alec könnte vom Alter her mein Sohn sein. Aber wir waren beide bereit gewesen, jetzt abzufliegen. Trotzdem hat sich dieser Moment, bei mir nur einige Sekunden, bei ihm Minuten, eingeprägt. Weil das Leben plötzlich sehr scharf wurde, glasklar und extrem präsent. Keine Angst, kein Bedauern, nur Wahrnehmen: Aha! So passiert das also und es passiert jetzt.

Für uns beide war es eine riesige Überraschung, dass es eben doch nicht so war. Dass das Leben weiter ging, dass unser Herz weiter schlug. Dass es offensichtlich noch zu früh war, um abzudanken. Wir mussten ein bisschen verhalten schmunzeln. Inzwischen waren wir in der Patientenlounge. Er hatte beide Beine auf einen Hocker gelegt, ich meines ausgestreckt. Wir sassen ungemütlich, immer wieder die Haltung ausgleichend um dem Schmerz zu entkommen. Zwei havarierte Helden. Zwei Wracks. Aber mit einem riesigen Lächeln auf dem Gesicht.

Wir hätten beide keinen Wake-up-call gebraucht. Ich war jubelnd und überglücklich nach einem grandiosen Jahr auf der Rückreise aus meinem geliebten Irland. Er hatte eben noch laut gejuchzt, weil das Schweben im sonnigen Himmel und die Aussicht auf das Plateau der Berge so wunderschön war. Wir waren und sind intensiv am Leben. Ich sagte ihm, dass ich beschlossen hatte, die WARUM Frage partout nicht zu überdenken.

Trotzdem bleibt etwas, bei beiden, ganz intensiv: Wir waren an der Schwelle und wurden zurück ins Leben geschubbst. Jetzt gilt es zu überdenken: Was machen wir mit dem ganzen Rest dieses köstlichen Lebens? Was ist unser Herzenswunsch? Wohin will das Leben uns führen? Ich denke, es bleibt spannend.

Es ist egal, ob man diese Erfahrung gemacht hat oder nicht: Das Leben ist kostbar und muss unbedingt gelebt und genossen werden, solange noch Zeit dazu ist. Das möchte ich mit diesem Blog nochmals erinnern. Jeder Moment ist kostbar. Es ist immer Deine Wahl, ob Du es so siehst oder dieses wertvolle Geschenk an Dir vorbei ziehen lässt.

Denn: La vie est belle – Das Leben ist schön!

Ich widme diesen Blog Post auch meinem lieben südtirolerischen Adler Martino. Und allen, die das gerade hören mussten.

Perspektivenwechsel

Wie schnell sich doch eine Perspektive ändern kann! Jetzt sehe ich aus meinem Bett auf eine neue Landschaft. Die Stadt, den See und gar nicht mal so weit die weissen Schneeberge. Die Menschen reden wieder schwyzerdütsch. In den letzten Wochen und Monaten habe ich nicht so viel gesprochen wie hier in einer Woche. Und ich bin langsam, auf den Krücken, von anderen abhängig. Es hat sich alles gekehrt.
Stoisch bleibe ich bei meinem Vorhaben für alles dankbar zu sein, weil mir das hilft, meinen zappeligen Körper und meinen unruhigen, gierigen Geist zu zügeln.

Dankbarkeit ist ausserdem einfach, wenn man nichts mehr alleine machen kann, wenn man viele hilfreiche Hände braucht. Aber auch: Zuspruch. Ich wusste nicht, dass ich das so nötig habe. Ich war es gewohnt, unabhängig und autonom zu sein und berauschte mich jeden Tag an meinen eigenen Entscheidungen, die mich da hin brachten, wo es etwas zu geniessen gibt.

Und jetzt freue ich mich über die Gesten, die Worte meiner Lieben, die guten Wünsche. Ein bisschen scheint es mir, dass sich vor allem eins gedreht hat: Jetzt schauen andere auf mich und nicht mehr ich auf die Welt. Wie überaus spannend!

Wie das Leben so will sammle ich auch hier Eindrücke. Was mich nachhaltig beeindruckt, ist das Management, wie die Dinge hier ineinander greifen, alles mit Checklisten abläuft, jeder weiss was der andere tut und was als Nächstes passieren wird. Ich muss ein bisschen schmunzeln über meine „ordentliche“ Schweiz. Wie habe ich mich darüber amüsiert als ich auf meiner wilden Reise war – und jetzt dreht sich die Perspektive und ich freue mich darüber.

Etwas rückt wieder an die richtige Stelle. Die Puzzleteile ergänzen sich.

Und auch andere neue Erkenntnisse zeigen sich mir jetzt. Wie sich das Leben in einem Rollstuhl anfühlt. Wie es ist in eine CT Röhre geschoben zu werden. Was man sieht, wenn man in einem Bett durch lange Flure geschoben wird. Wie unterschiedlich die Kommunikation von Ärzten läuft. Welche Charaktere die Pflegenden mitbringen. Ich hatte hier einen Nachtengel, die mich in der ersten und schlimmsten Nacht nach der OP bei Laune gehalten hat. Sie sprach wie ein Drogendealer und teilte gerne vom „guten Stoff“ aus. Ich musste immer lachen, wenn sie das so bezeichnete. Eine andere war eher handfest und rustikal, die mochte ich sehr. Sie kommt aus Mazedonien und man fühlte sich sofort wie ein beschütztes Baby bei ihr. Sie nahm burschikos alles in die Hand und fackelte nicht lange.

Ich sammle Eindrücke. Ich amüsiere mich. Ich bin dankbar. Diese drei Aufgaben habe ich jetzt. Zwischendrin aber schliesse ich die Augen und träume mich zurück an den langen weiten Strand von Benone und stehe mit Al am Mussenden Temple in Downhill, um auf den Atlantik zu schauen.
Ich hatte das allerschönste Jahr 2025. Mal sehen, welche Abenteuer dieses Jahr hier auf uns warten. Es bleibt spannend.

La vie est belle – Das Leben ist schön!

Eine Phönixgeschichte

In meinem letzten Blog hatte ich noch geschrieben: Mein Herz ist voll.

Das war ein gutes Fundament für die Überraschung, die das Leben noch für mich hatte.

Ich war den ganzen Weg aus Nordirland herunter gefahren an die Südküste, um von dort die Fähre nach Frankreich zu nehmen. Hatte einen letzten Abend in Kilkenny genossen. Noch mal ein Stew gegessen, ein Guiness getrunken und bei „Max the Miller“ mit Benny, dem irischen Musiker, gesungen. Am nächsten Morgen war ich singend aufgebrochen, gut in der Zeit, mit der Voice von Ireland aus den Boxen und ich hatte mich gefreut. Um das Abschiednehmen leicht zu machen, hatte ich mir noch mal diese grossartigen Monate in Irland vor Augen geführt.

Kurz, ganz kurz vor dem Hafen, beschloss ich, nochmals voll aufzutanken, damit ich gleich weiter fahren könnte in Frankreich, nach Ankunft am nächsten Tag. Es regnete. Ich bog ab in die Tankstelle. Und – wurde abgeschossen.

Ein Fahrer mit sehr hohem Tempo raste in mich hinein. Mein Mini drehte seine feine englische Nase um 180 Grad, die Airbags sprangen raus. Es rauchte. Ich schleuderte. Der verengte Innenraum brach mir ein Bein. Ich hatte eine Vollbremsung bekommen. Man befreite mich aus meinem leider demolierten Auto. Ich fiel auf die regennasse Strasse. Um mich herum schrien alle. Der Verkehr wurde geregelt, Polizei und Ambulance gerufen. Ein lieber Handwerker las mich vom Asphalt auf und setzte mich in seinen Van. Da sass ich – im Wollmantel. Nass. Die Brille verloren. Erschrocken.

Und dann rettete mich etwas, das ich von Jed Mc Kenna gelernt habe: Dass meine Reaktion auf egal was – erst mal Dankbarkeit sein würde.

Denn: Ich hatte das überlebt. Wenn man überlegt dass der Typ, der mich als Rammbock benutzt hatte, mit ca. 80 km/h in mich reingedonnert war. Mein kleiner Mini mich beschützt hatte indem er nachgab und nicht stoisch stehen blieb. Der Handwerker mir von der Strasse geholfen und mir die wichtigen Sachen aus dem Wrack geholt hat. Und ich einen Weekender gepackt hatte, eigentlich für die Übernachtung auf dem Schiff, dessen Inhalt mir sehr wertvoll wurde. Und dass die Ambulance schnell da war. Dass die Menschen freundlich waren.

Die kommenden acht Stunden lag ich dann im Flur einer Emergency Station in Wexford und lernte die grüne Insel nochmals von einer ganz anderen Seite kennen. Ich war noch nie in einer solchen Situation und war völlig überwältigt, wie es da zugeht. Es war Stress, ganz ehrlich. Man liegt unter Neonlampen, wird nicht versorgt, kann nicht alleine pinkeln. Und wartet. Auf Röntgen und MRI und Einschätzungen. Mitten in der Nacht brachten sie mich in ein anderes Spital. Ich hatte viel Zeit zum Grübeln. Und verbat mir die Warum-Frage. Warum das noch passieren musste? Warum ich das unbedingt noch erleben musste nach dieser schönen Zeit? Wer weiss?

Wäre echt nicht nötig gewesen! Ja!

Aber was nutzt es da, in den Widerstand zu gehen? Gar nichts. Gar nichts. Auch nicht, als ich um 4:45 schliesslich auf ein Zimmer gebracht und von da an alle 15 Minuten wieder geweckt wurde. Ein Sechsbettzimmer in einem lausigen Krankenhaus, miese Hygiene, Fliessbandbetrieb. Um mich herum – ein Käfig voller Narren. Hätte ich nicht gewusst, dass ich in der Orthopädie bin, dann wäre mein Eindruck gewesen in der Psychiatrie zu sein. Die Patienten wurden hin und her geschoben, verloren alle verfügbaren Körpersäfte, stöhnten und schrien und diskutierten und waren wütend oder ängstlich oder desorientiert. Wow, so viel Wahnsinn hatte ich lange nicht gesehen.

Und dann bekam ich eine Bettnachbarin Illiin aus Tipperary, mit der alles leicht wurde. Wir lachten viel, erzählten, amüsierten uns. Es wurde lustig, ein irischer Craig sozusagen, wie so oft an anderer Stelle erlebt.

Und noch mehr Dankbarkeit war möglich: Meine Krankenkasse, die mich ausfliegen lässt in meine zuverlässige sichere Schweiz, mit einem netten starken Rettungssanitäter, der mir mit allem hilft. Die Versicherungen, die nun um alles kämpfen was mir zusteht. Meine neuen Freunde Ruth und Al, die sich um die Logistik meines Gepäcks kümmern.

Ich informierte nach zwei Tagen alle darüber, die es wissen mussten. In der Not, sagt man, wisse man, wo die Freunde sind. Ich hatte noch nie so eine Not, aber jetzt sah ich sie deutlich. Engmaschig woben sie mir ein Sicherheitsnetz aus Liebe und Zuspruch. Ich wurde aufgefangen. Auch von meinem Smaragdfreund und von meinem Lieblingsgesprächpartner in den Nächten, meinen Freunden in Frankreich, die stundenlang mit mir sprachen, weil sie wussten, dass man die Dinge erzählen muss. Von so vielen, die etwas für mich tun wollen. Von meinen Freunden, Geschwistern und meinen Söhnen, die gedanklich bei mir waren. Alle rückten zusammen, auch meine irischen Freunde und alle hatten helfende Hände und offene Herzen.

Jetzt habe ich verstanden, um was es ging: Ich sollte erkennen, dass es sich lohnt, nach diesem langen fantastischen Jahr in Solitude zurück zu kommen in die Zirkel meiner Lieblingsmenschen. Ich fühle mich mehr als willkommen in der Schweiz, bin dankbar für deren Ordnung und Sauberkeit und Seriösität. Ich werde auf weichen Händen zurück getragen in mein „altes“ Leben. Und das, was ich im letzten Jahr gelernt habe, die Essenz aus allem, die Freude, das volle Herz, es trägt mich. Es hält was aus. Es füllt mich an.


In den Tagen im Sechsbettzimmer habe ich unentwegt Tommy zugehört und die Schlafmaske auf meine Augen gezogen, die mir meine Schwester zu Weihnachten geschickt hat. Ich lag in meinem Spitalbett, hatte Opiate gegen die Schmerzen, überall Nadeln in den Venen, konnte mich kaum bewegen wegen des Schleudertraumas. Und: War glücklich wie viel Liebe mir entgegen kam. Und dankbar, dass mich alle gehalten haben, als ich am verletzlichsten war.

Abgestürzt aus dem siebten irischen Himmel. Und dann wieder aufgestiegen nach der knallharten Landung. Es ist noch ein lange Weg, bis ich wieder tanzen kann. Aber: Mein Herz ist voll.

Also gut, es geht weiter, der Himmel muss noch ein bisschen auf mich warten.

Hatte ich es schon erwähnt? Das Leben ist schön! Was denn auch sonst.

Nicht müde werden, dem Leben, wie einem Vogel, immer wieder die Hand hinhalten nach jedem Sturz aus dem Himmel.

La vie est belle. Tá an saol go hálainn.

Der Anker

Vor einem Jahr kam ich in der Nähe von Galle an, am indischen Ozean, in der südlichsten Provinz von Sri Lanka. Es war sehr heiss, das Land war fremd. Ich hatte den Koffer voll mit nutzlosen Dingen, wie sich bald herausstellen würde. Und ich war erschöpft und müde nach vielen anstrengenden Jahren. Ich weiss noch genau, wie sich mein Puls, mein Herzschlag anfühlte, es war alles aus den Fugen geraten. Und der Ayurveda Arzt verdrehte die Augen und fragte mich, ob ich noch am Leben sei, als er meine Pulsdiagnose machte. Es dauerte fast vier Wochen, bis ich wieder tief atmete und dann ging die lange Reise los.

Wenn ich heute zurück sehe, schmunzle ich, dass ich so weit gereist war um etwas zu finden. Was, das wusste ich nicht so genau, aber dass, das schon. In den folgenden Monaten tingelte ich an alle Orte des indischen Ozeans und war glücklich, immer da, wo ich war. Endlose Stunden habe ich geschlafen, gesungen, geschrieben, gesonnt und mich ausgeruht. Und schliesslich ging es zurück nach Europa. Ich wusste vorher nicht, dass ich ganz tief im Herz eine Europäerin bin. Erst als ich im eiskalten Wind, im blaublauen endlosen Himmel der Bretagne stand. Da jubelte es in mir. Die folgenden drei Monate – Frankreich und Jersey – waren ein grossartiger Sommer mit vielen lieben Menschen und Momenten, ich fühlte Freiheit und begann, exzessiv zu schreiben.

Und dann war es schliesslich die Insel, die schon das ganze Jahr nach mir rief. Und auch hier musste ich nochmals suchen. Erst im Süden, dann den Wild Atlantic Way entlang an der Westküste und schliesslich – tatsächlich – fand ich meine Seelenheimat in Nordirland. Das hatte ich nicht mehr für möglich gehalten aber der Himmel öffnete sich und ich sah Regenbögen und Weite und das endlose atlantische Meer und meine Seele atmete auf.

Ausatmen – aufatmen.

Zehn Monate musste ich ausatmen, so sehr hatte ich in den letzten Jahren den Atem angehalten. Es war eine lange Reise zurück in die Entspannung. Und das obwohl ich mein selbst kreiertes Leben so liebe, von so vielen wunderbaren Menschen umgeben bin und die Schweiz sehr zu schätzen weiss. Ohne Pause war ich gerannt. Und hatte viel zu viel gearbeitet. Als ich meine Reise begann, hatte ich mir nur eine Frage vorgenommen, die ich beantworten wollte:

Wer bin ich, wenn ich nicht mehr (beruflich) wichtig bin?

In Nordirland schliesslich fand ich die Frau hinter all ihren Rollen und hey, die gefiel mir sehr gut! In den letzten Tagen bin ich traumwandlerisch an der Küste in Portstewart und Benone gelaufen und habe den Himmel, den Strand, die Weite, das Wetter umarmt. Habe Muscheln gesammelt und neue Seiten begonnen zu beschreiben. Und habe aufgeatmet, weil ich mich wieder finden konnte. In Resonanz mit dem, was sich mir hier zeigte: Ursprünglichkeit, Echtheit, Herz. Menschen die hinschauen, hinhören, das Leben feiern, spielen, laufen und über das Wetter reden. Und auch: Ruhe, Tiefe, Klarheit. Und auch: Den scharfen Blick. Die Gezeiten zeigen mir jeden Tag, wie das Leben spielt und endlich war sehr viel Ebbe bei mir und in mir. Wie herrlich!

Nun will ich die Balance besser halten von Ebbe und Flut. Den Anker nicht mehr verlieren, der mich fest hält, wenn das Leben tobt. Mich auf das Innen besinnen. Die kleinen Dinge bestaunen, das schöne Leben.

Ich bin dankbar für ein unbezahlbar wertvolles Jahr, die Langsamkeit, die es mir erlaubt hat, ganz genau hinzusehen und hinzuspüren. Es ist ein absoluter Luxus, so viel Zeit zu haben und reisen zu können, bis alles wieder gut ist.

Und jetzt ist alles wieder gut. Mein Herz ist voll. Ich bin reich beschenkt. Ich bin ausgeruht. Und jetzt kann’s wieder losgehen. Am Freitag geht die Fähre nach Frankreich und dann die lange Reise zurück. Ich komme mit mir selbst zurück, hab sie eingesammelt die Nomadin, an allen Stränden die ich gesehen habe. Die Taschen voll mit wertvollen Erinnerungen und neuen Begegnungen. Mein Glück ist besiegelt.

Ach und bevor ich es vergesse zu erwähnen:


Das Leben ist schön. La vie est belle.