Die einen hatten sie und haben sie verloren, die anderen suchen lebenslänglich, einige halten sie für eine Fatamorgana, andere für den Sinn des Lebens, ganz wenige haben eine gefunden… was hat es nur auf sich mit dieser grossen, grossen Liebe.
Ich muss lachen, wie oft ich schon gehört habe, ich sei die „Liebe des Lebens“. Keiner der Männer ist noch an meiner Seite. Das Leben, muss ich feststellen, geht auch nicht immer wie wir das so wollen – und es ist nichts ewig. Oder sagen wir: Ganz selten und ganz rar ist das mal der Fall. Wenn mir mal wieder einer sagte, ich sei die Liebe seines Lebens, musste ich zunehmend schmunzeln. Eigentlich hatte sich der Mann damit disqualifiziert. Denn in meinen Augen hatte er nunmal das Leben nicht verstanden. Aber dazu später mehr…
Die Suche nach der „grossen Liebe“ und die Vorstellung davon ist eines der schönsten Märchen, die wir Menschen erfunden haben. Und gleichzeitig ist es die Quelle von so viel Leid, unerfüllter Sehnsucht und Lebensfrustration. Kürzlich sagte eine ansonsten fantastisch interessante Frau, ihr Leben sei nichts wert, weil sie den Traum der grossen Liebe nicht erfüllt bekommen hätte. Da blieb viel leerer Raum in ihrem Herzen, den sie dafür aufgespart hatte.
Ich muss wieder lachen – vor Jahren erzählte mir eine esoterische Selbstberufene man müsse unbedingt! Platz lassen für den Partner der Träume, sonst käme der nie.
Wieviele Menschen klammern sich an diese fixe Idee? Und warum gelingt es so selten?
Eine romantische Idee in uns sagt: Irgendwo gibt es genau den Menschen, der mich vollständig macht. Wenn ich ihn finde, ist alles richtig, rund und komplett. So in der Art von Yin und Yang, die nur gemeinsam ein Rund bilden. Doch darin steckt ein schwieriger Gedanke: Dass uns nämlich (immer noch) etwas fehlt zum totalen Glück.
Das ist eine Illusion – oder sogar: Spirituelle Eitelkeit im umgedrehten Sinn.

Vielleicht suchen wir die grosse Liebe so verzweifelt, weil wir meinen, unvollständig zu sein – oder sogar! OHA! Dass das Leben unvollständig ist.
Wir suchen eigentlich gar keinen anderen Menschen, sondern einen verlorenen Teil von uns selbst. Der Partner, (der arme Mensch), wird dann das Medikament und das Trostpflaster gegen innere Einsamkeit, Angst oder Leere. Niemand kann diese Aufgabe erfüllen.
Viele nennen sogar diese Idee mit dem durchgeschnittenen Ei um zu sagen, dass es den Einen also zwingend geben muss! Platon’s Lehre!
Es ist der Mythos des Kugelmenschen, den wir so gerne glauben:
Platon beschreibt es folgendermaßen: „Der griechischen Mythologie zufolge wurden die Menschen ursprünglich mit vier Armen, vier Beinen und einem Kopf mit zwei Gesichtern erschaffen. Aus Furcht vor ihrer Macht spaltete Zeus sie in zwei getrennte Hälften und verdammte sie dazu, ihr Leben lang nach ihrer anderen Hälfte zu suchen.“
Für Platon ist die Liebe kein blosses Vergnügen, sondern der ständige, schmerzhafte Drang, die eigene ursprüngliche Ganzheit wiederherzustellen. Die Anziehungskraft zwischen Menschen ist der Versuch, den Urzustand der Einheit zu erlangen. Da die Menschen auf grausamste Weise voneinander getrennt wurden, ist das Gefühl der Unvollständigkeit, der Sehnsucht nach Nähe und der Einsamkeit ein grundlegender Teil der menschlichen Existenz.
Wie überaus anstrengend und traurig klingt das! Keine Spur von Romantik!
Deshalb zerbrechen so viele Beziehungen (schau mal: BE-Zieh-ung) – nicht an mangelnder Liebe, sondern an enttäuschten Erwartungen.
Es könnte doch sein, dass die grosse Liebe gar keine Person ist? Sondern vielmehr ein Zustand?
Der Partner würde dann nicht mehr zur Quelle der Liebe sondern zu einem Spielraum, in der die Liebe möglich und sichtbar wird.
Mystiker aller Traditionen haben da etwas Ähnliches beschrieben: Nicht die Liebe eines Menschen ist das Höchste, sondern die Fähigkeit zu lieben.
Im Buch der Bücher steht demnach auch:
Das Hohelied der Liebe
1Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. 2Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. 3Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und meinen Leib dahingäbe, mich zu rühmen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.
4Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, 5sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, 6sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; 7sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.
8Die Liebe höret nimmer auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. 9Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. 10Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.
11Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. 12Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.
13Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die Grösste unter ihnen.
Wir sind oft so sehr auf einen Diamanten fixiert, dass wir die ganze Schatzkammer übersehen. Meine Antwort auf die Frage, was denn die grosse Liebe ist, wäre daher: Die grosse Liebe ist nicht der eine Mensch, den Du findest, sondern der Moment, in dem Du erkennst, dass Du auch ohne ihn vollständig bist.
Und paradoxerweise begegnen uns dann oft Menschen, die wir wirklich lieben können. Weil wir sie nicht mehr brauchen , sondern weil wir sie wählen.
Die grosse Liebe ist nicht das Ende einer Suche, sondern die wundervolle Suche nach dem Lieben.
Ach, ich habe auch oft geliebt, gross und klein. Und einmal sogar jemanden, den ich heute als die grosse Liebe bezeichnen würde. Weil er ganz und gar mit mir im Gleichklang war auf allen Ebenen. Vielleicht war er mein zweites Ich und ich seines. Diese Liebe hatte kein Happy-End. Sie endete nicht, sie dauert an in alle Ewigkeiten. Weil er mir gezeigt hat, was Liebe ist und sein kann.
Liebe kann immer sein, in jedem Moment und jeder Begegnung. Dazu braucht es kein Etikett. Kein Objekt. Kein Eigentum. Keine Verpflichtung. Keinen Schwur (alle Schwüre führen nirgendswo hin). Die grosse Liebe ist, wenn Du spürst: Ich muss gar nichts mehr haben, wollen, begehren. Ich bin da und ich bin ganz.
Dann kann man sich komplett schenken und aus 1 + 1 werden plötzlich 3.
Denn Ich und Du und Wir – jeder für sich alleine glücklich und im gemeinsamen Spielraum auch noch ein grosses Wir.
Die grosse Liebe, was für ein herrlicher Gedanke. Das Leben an sich ist es. Das Dasein. Das Ganzsein. Das erfüllte Herz.
Kinderleicht zu finden! Die Schatzkiste steht offen, denn:
La vie est belle – Das Leben ist schön.

„Trotzdem“ widme ich diesen Blog der grossen Liebe – Donna Heidi und Peter und der lieben Susanne, die ihre grosse Liebe vor vielen Jahren gehen lassen musste. Ich wünsche Susanne, dass sie wieder „ganz“ wird. Und Heidi und Peter, dass sie jeden weiteren Tag zusammen feiern können. L’amour est belle.















