Es ist ziemlich lange her, dass mir dieses Tierchen das erste Mal begegnet ist. Vielleicht fünf Jahrzehnte oder mehr. Da sprach jemand davon, den inneren „Schweinehund“ zu überwinden. Ich wurde hellhörig: Was ist denn das für ein Tier? Ein Schweinehund? Ich war irritiert, den hatte ich noch nie irgendwo gesehen…
Erst später verstand ich. Und begegnete ihm auch von Zeit zu Zeit. Aber nicht zu oft, weil der Typ mir suspekt vorkam. Und ich entschieden hatte: Ich wollte stattdessen ein Glücksschwein sein. Dafür würde ich jede Extrameile gehen müssen. Gegen jeden Widerstand, gegen jede Unlust und vor allem – ekelhaft weit aus der verführerischen Komfortzone würde ich gehen müssen, das hatte ich jetzt vollends kapiert.
Es wurde bisweilen hart. Das Tier kam in allerlei Verkleidungen auf mich zu. Auch in Form von schönen Männern, die mir gerne im Weg standen. Oder getarnt als vernünftige Entscheidungen. Ich weiss noch, dass es einen Song gab, der das ganze Fiasko beschrieb: „Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund.“ das war ein Schlager, den jeder mitzusingen schien.
„Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund
Die Sonne brennt dort oben heiss…
Wer so hoch hinaus will, der ist in Gefahr
Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund
Glaub mir, ich mein es gut mit dir
Keiner hilft dir dann, ich weiß es ja
Wie′s damals bei mir war.“
Für sehr viele Jahre habe ich den Song meinen Coachees vorgespielt als ultimative Verführung, denn die Melodie des Liedes war von Ralph Siegel, einem Komponisten der seichten Art, eingehend und mit den richtigen Beats versehen, die alle in den Bann nahm. Viele Jahre habe ich gesehen, wie sich die Menschen da mitreissen liessen und mitsangen! Ich habe das Lied vom ersten Moment an gehasst.
Und dann kam er wieder, das Fabeltier, der Schweinehund und wollte, dass ich gemütlich werden sollte. Nicht so weit hinauf. Nicht weiter machen, lieber im gemütlichen Strom schwimmen, lieber mit der Masse, nicht heraus stechen, nicht Einzelgänger sein. Nicht andere Leute brüskieren, weil man eigenwillig war. Denn: Fast alle scheiterten am Schweinehund. Er erschien – und man folgte ihm. Blieb sitzen, ging nicht trainieren, hatte keine Lust etwas durch zu ziehen, musste nicht auf dem Instrument üben. Nicht lernen, lesen, streben. Lieber mit den anderen zocken – oder hängen. „Chill’s mal“ hiess es dann. Ich hörte das von überall. Auch von meinen Söhnen, wenn ich mal wieder heiss lief.
Ich war nie gemütlich. Das schlimmste Wort überhaupt für mich.
Jetzt bin ich in der Reha. Ich sitze im Rollstuhl oder klemme mir die Unterarmstützen unter die Ellebogen und schleppe mich voran. Das Bein brennt und schmerzt wie d’Sau (um in der Schweinefamilie zu bleiben). Jeder Schritt, jede stechende Muskelübung braucht bisweilen Überwindung. Auch von mir. Es gibt Momente da möchte ich einfach im Bett liegen und zaubern dass das alles vorbei ist. Dann sagen die Pflegenden oder Ärzte hier auch gerne: „Sie müssen sich auch ausruhen. Das gehört zur Heilung“. Wann kippt das Ausruhen in das Gehege des Schweinehunds und man steht nie mehr richtig auf?
Das Training findet in Gruppenräumen statt und jetzt beobachte ich den Schweinehund. Der sitzt auf jedermanns Schulter und sagt: hey, nicht zu viel. Auf keinen Fall die Gewichte hoch nehmen, nein, nicht noch ein 10er Set. Hey, chill’s mal, immer mit der Ruhe. Aua, das tut weh, nicht weitermachen. Ich sehe wie die Patienten sich selbst betrügen. Sie ziehen ein paar mal an dem weichen Terraband. Möglichst dem gelben, maximal mit dem Roten. Das mit dem weichen Widerstand. Sie halten das Band vor sich hin, ziehen, drei, vier, fünf Mal. Die Trainerin dreht sich zu einem anderen Patienten. Dann schnaufen sie. Hören auf zu üben. Vielleicht noch zwei, dreimal. Die Trainerin kommt und fragt: „Haben Sie es geschafft?“ Sie nicken. So sehen also drei Sets aus fünfzehn Wiederholungen aus.
An anderer Ecke, im Panorama, im Trainingssaal mit den vielen Geräten, da ist es noch schlimmer. Sie hängen in den Geräten. Schnaufen. Entspannen, warten, dass die Zeit vorbei geht. Bewegen sich ein bisschen. Nennen das Studio “Folterkammer“. Ich möchte es Heilungsraum nennen. Mache mehr Wiederholungen, mehr Gewicht. Ich zahle dafür, alles tut mir weh, nicht nur mein zerschmettertes Bein. Aber es lohnt sich auch. Meine Schultern sehen aus wie früher. Ich flitze mit dem Rolly und quietsche: „Let’s go Paralympics!“ Leider findet das kaum jemand amüsant. Ich nerve die, die sich verbündet haben mit dem Schweinehund. Ich meide ihn wie meinen grössten Feind. Es kostet alles. Vor allem Kraft.
Was mich motiviert: Mein ehemaliger Coachee, der Mr.Universe in Spe, Fabian. Mein Coachkollege Beat, der Eisbader. Ich denke an die taffe Jill. An die sportliche Jacqueline und Beat, den Zahnarzt auf dem Velo durch die Alpen. Ich denke an meinen älteren Sohn, der nachts über den Gotthard läuft wenn es ihm langweilig wird, ein Super-Siech. An meinen jüngeren Sohn, der endlose Stunden für seinen Traumjob arbeitet. Vor meinen inneren Augen erscheinen die Menschen, die ich kennenlernen durfte und die ihrer Leidenschaft folgen und streben, sich etwas abverlangen, nicht aufgeben. Ich will das auch nicht – aufgeben. Der verdammte Schweinehund. Er kann mir gestohlen bleiben, ich ringe jeden Tag mit ihm und er mit mir. Das macht keinen Spass. Keinen Spass. Sagt die hedonistische Seite von mir. Jammert der Schmerz in mir. Mein Widerstand gegen das was es verlangt ist wolkenkuckuckshoch.
Ich raste kurz. Schüttle meine Arme, drehe meinen Rücken entspannend in alle Richtungen. Schleppe mich unter Weh und Ach in die Dusche. Fluche manchmal wie ein Berserker. Der verdammte Schweinehund. Soll wo anders wohnen und es sich dort gemütlich machen. Ich werde niemals auf ihn eingehen.
Ich bin ein Glücksschwein! What else! Der Preis ist hoch. Ich zahle.
Und bei all dem darf man ja nicht vergessen: Das Leben ist schön! Schön! La vie est belle.


















