Heute war es dann endlich wieder so weit. Ich sass auf der Terrasse im schönsten Panorama und Sonnenschein. Hatte die AirPods auf den Ohren und Tommy Flemming säuselte mir mein irisches Herz voll mit Peosie. Lautstark sang ich mit. Jetzt wusste ich: Ich bin auf dem Weg der Besserung. Dreieinhalb Wochen war ich verstummt. Der Unfall war schockierend, die Landung auf dem harten Boden wirklich brutal.
Ich hatte mir vorgenommen nicht zu jammern. Weder über die Entwicklungen, die ich nicht eingeladen hatte zu kommen, noch über die zerstörerischen Schmerzen. Eine Handvoll Schmerzmittel, Tag für Tag. Opiate die meinen Kopf durcheinander machen, Schwindel und Seufzen.
Aber dann kam mein Geburtstag und eine Liebeslawine entlud sich über mich und mummelte mich ein. Wie schön!
Was aber wirklich half: Als ich heute morgen meinen Schmuck abnahm für die Dusche sah ich dieses Schmuckstück aus Portstewart an. Ich hatte es im Dezember bei einer kreativen irischen Lady gekauft. Sie sagte es sei der Leitstern und das Rund, das entsteht, wenn man ihm folgt. Meinen Leitstern hatte ich gefunden an den weiten Stränden von Nordirland. Mein Rund aber war aufgegangen als ich aus dem dem siebten Himmel stürzte. Es ging zu schnell. Es war zu elementar.
Drei Wochen habe ich mich mit dem Neuen arrangieren müssen. Es war nicht schwer. Ich war neugierig dran gegangen und ich war dankbar. Dann kamen Freunde und meine Söhne in die Kliniken. Die Ärzte gaben ihr Bestes um mein Bein zu retten. Die Versicherung war freundlich. Der Ton mit der Polizei in Irland auch. Alles tat ein kleines Puzzlestück dazu, mich dem Leben wieder anzuvertrauen. Und schliesslich begegnete ich noch einem meiner Jersey Adler, der hier hoch in die Rehaklinik fuhr und mit dem ich über Schicksalsschläge und (Über)-leben sprechen konnte. Auch er hatte ein bewegtes Leben und das letzte halbe Jahr hat ihn über alle Massen heraus gefordert. Er wurde – wie ich – brutal aufgehalten von dem Fluss, den das Leben genommen hatte. Aber wir waren beide einig: Wären wir beide Katzen, dann hätten wir schon viele der 7 Leben aufgebraucht. Aber vielleicht haben wir ja auch noch eins übrig.
Ich schaue die Kette noch mal an – der Leitstern. Das Rund.
Nach vielen Wochen der eingefrorenen Stimme hat sie heute wieder gesungen: Meine mit der von Tommy. Und ich schloss die Augen und träumte mich zurück nach Downhill, Castlerock, Benone, Ballintoy, Inishowen. Zurück an den Strand, den Meeressaum, zu den Wellhornschnecken, den Muscheln, dem Wind, den Regenbögen, den Polarlichtern. Ich weiss, wo mein Leitstern ist. Ich bin sicher und zuhause wenn ich meine irischen Herzens-Vibes spüre. Da gehört mein Herz hin, meine Sehnsucht wird mich nach Hause bringen.
Ich habe meine Mitpatienten also mit meinem Singsang unterhalten und dann mein lädiertes Bein berührt und gesagt: Hey, wir müssen wieder zurück. Im Winter wollen wir zu den Polarlichtern tanzen! Mit Al im schwarzen Ozean verscwhinden! Im Dezember in die Kathedrale in Lisburn um mit Tommy zu singen! Ich schwöre, das Knie hat gezuckt. Und es hat wahrscheinlich gesagt: Na klar Dude! Streng dich an mit der Physio!
Wo ist dein Leitstern? Ist es ein Mensch? Eine Aufgabe? Ein Sehnsuchtsort? Eine Melodie? Freunde? Ein Land?
Wichtig ist einzig: Wir sind verankert. Auch in unseren Freundschaften. Auch in unserer Liebe zu und von der Welt. Dahin dürfen wir gehen.
Ich danke von Herzen: Yvonne, Ramona, Beatrice, Kathi, Z&Z, Daniel,Ruth, Al, Heiri!, LMM, Ralf und Schwöösch. Und all die Lieben, die mir geschrieben, mich angerufen, mich besucht, mir Blumen geschickt und an mich gedacht haben. Ihr wisst schon! Wer wäre ich, ohne Eure Begleitung durch dieses turbulente, herrliche Leben.
Denn eins ist klar: La vie est belle. Das Leben ist schön.

Hard times come again NO MORE
















