Charles et Amelia

In der vergangenen Woche hatte ich das grosse Vergnügen, die wunderbare Amelia und ihren Liebsten, Charles, kennenzulernen. Was für ein schönes und feines Paar! Sie waren ein paar Tage hier zu uns in die Ardèche gefahren um ein bisschen mitzuhelfen und Zeit mit uns allen zu verbringen. Ein sehr schönes, junges und frisches Paar.

Was gleich auffiel: Wie wunderbar die beiden miteinander umgingen. Ganz besonders aufmerksam und respektvoll und so fühlte ich mich schnell wohl mit ihnen. Amelia hatte es mir besonders angetan. Eine Frau, wie aus einem Gemälde mit grossen klaren und schönen Augen.

Augen wie Amelia’s wurden in der französischen Salon- und Porträtmalerei des zweiten Kaiserreichs etwa 1850-1870 so gemalt. In dieser Malerei in Frankreich wurden sie häufig etwas idealisiert dargestellt, gross und leuchtend und die Iris wurde deutlich herausgearbeitet, das Oberlid vergleichsweise schwer und der Blick oft nicht rein fotografisch sondern mit einer gewissen Innerlichkeit. Man wollte Schönheit, Empfindsamkeit und Persönlichkeit gleichsam vermitteln.

Ich habe ein solches Bild gefunden, es ist vom Maler W.A.Bouguereau von 1890:

Die Mischung zwischen der französischen Noblesse des Vaters und dem englischen Blut der Mutter war eine bezaubernde Kombination bei Amelia und man muss auch diese Geschichte ein bisschen erzählen. Amelia’s Papa war ein intellektueller Bohemien aus Versailles und ihre Mom ein rothaariges englisches Mädchen aus der Arbeiterklasse. Sie verliebten sich in London, hatte eine heisse Affäre und bald war klar, dass sie mit Amelia’s Bruder schwanger waren. Es wurde geheiratet und sie zogen nach Sheffield in UK, später aber nach Frankreich, in die Nähe von Paris. Es war eine stürmische Ehe, zwei Jahre nach dem Bruder wurde die kleine Amelia geboren.

Amelia’s Mom liebte schon immer Südfrankreich, die Provence, und so ging es oft in den Ferien in den Süden – oder zur englischen Grossmutter in die Nähe von Manchester. Da gab es Amelia’s Seelenfood: Bohnen auf Toast und schwarzen heissen Tee. Diese Zeit war so schön, dass Amelia oft weinte, weil sie keinesfalls erwachsen werden wollte.

Nach einer schönen Kindheit inclusive Haustiere, Karriere der Eltern aber auch ganz viel Nestsicherheit und Zärtlichkeit kam der Bohemien ein bisschen auf Abwege und hatte eine aussereheliche Affäre, aber Amelia’s Mutter kämpfte und bekam ihren Mann zurück. Sie wollten noch einen neuen Traum leben, zogen endlich in den Süden, reduzierten ihre enormen beruflichen Aktivitäten und verbrachten nochmals zehn gemeinsame Jahre, bis die Luft völlig aus der Ehe gewichen war.

Für Amelia war das tragisch. Sie hatte die letzten Jahre als Teenager bei Freunden der Eltern gewohnt, weil sie in Paris ihren Abschluss machen wollte. Das Zuhause in Südfrankreich wurde nun vom Vater bewohnt. Nur wenige Monate nach der Trennung hatte er seine Amour-fou von damals wieder belebt, eine Frau, die offenbar auf ihn gewartet hatte. Mom zog zurück nach Paris, todtraurig ihre grosse Liebe verloren zu haben. Ab diesem Moment suchte Amelia ihr Nest, ihr Zuhause, war hin und her gerissen und fühlte den Verlust von Geborgenheit.

Wie gut, dass sie Jahre zuvor, mit zarten 16 Jahren, ihren Charles kennengelernt hatte. Sie hatten sich über gemeinsame Freunde getroffen und schliesslich herausgefunden, dass sie in Sichtdistanz voneinander wohnten. Nun gingen sie jeden Tag gemeinsam mit ihren Hunden spazieren und es entwickelte sich erst tiefe Freundschaft und schliesslich auch romantische Liebe. Was durchaus nicht einfach war, weil Charles viele weibliche enge Freunde hatte und er diese Mädchen gerne in die Kategorie „Geschwister“ einordnete. Irgendwie ist Amor dann aber doch vorbei geflogen und hat den Liebespfeil abgeschossen, auf beide und sie wurden ein echtes schönes Liebespaar. 

Sie wurden auch gemeinsam erwachsen, was durchaus Herausforderungen und Ablenkungsmöglichkeiten mit sich brachte. Aber sie schafften es durch Höhen und Tiefen und ganz besonders: Sie wollten immer die nächste Version des Anderen miterleben und verliebten sich auch in die neuen Variationen des Anderen. Sie wuchsen – jeder für sich und doch miteinander.

Inzwischen sind sie 12 lange Jahre ein Paar und das erste mal traut sich Amelia, an eine Zukunft, vielleicht sogar mit Kindern, zu glauben. Die Erschütterung sitzt tief, weil die Ehe der Eltern, trotz der grossen Liebe, zerbrochen ist. Wie kann man wieder an die Ehe glauben wenn das Vorbild so vehement gezeigt hat, dass Liebe eben doch nicht alles ist? Wie kann man es schaffen für immer zusammen zu bleiben?

Ich glaube, die Lösung liegt darin, dass Amelia an eine Liebe glauben kann, für die es eben keine Garantie gibt. Niemand kann Amelia oder Charles versprechen, dass sie für immer zusammen bleiben werden.

Kein Mensch kann das einem anderen versprechen, vor allem nicht mit jener Sicherheit, nach der ein verängstigtes inneres Kind verlangt. Menschen verändern sich und das Leben hat allerlei Überraschungen für uns bereit. Und trotzdem kann Liebe sicher sein.

Hier bei uns haben sie ein neues Role-Model gefunden. Die Ehe und Liebe und Beziehung und Freundschaft und Romantik zwischen meinen Freunden Beat und Carina dauert nun auch schon über Dekaden. Aber die beiden sind trotzdem- zum Glück nicht!- kein Vorzeigepaar, das sagen würde: „Schau es geht doch!“. Sie zeigen etwas Wertvolleres: Wie man eine Beziehung immer wieder herstellt. Wie zwei eigenständige (und durchaus unterschiedliche!) Menschen verbunden bleiben, ohne voneinander Stillstand zu verlangen. Wie sie Veränderungen ausgehalten haben, Konflikte überstanden, sich Freiräume liessen und immer wieder zueinander gefunden haben.

Vielleicht ist genau das die Liebe nach vielen Jahren: Dass man nicht dieselben bleiben muss. Sondern dass man – so wie es Charles und Amelia es ja auch schon so lange tun – jede neue Version auch wieder neu liebt. 

Sind das Beweise genug für Dich, Amelia?

Ich glaube es gibt zwei Fragen, die wir uns alle stellen dürfen:

Wie verhindere ich, dass unsere Liebe endet?

Und noch viel wichtiger:

Wie will ich lieben, solange ich liebe?

Die Liebe zwischen Charles und Amelia und auch die zwischen Beat und Carina hat mir einmal mehr gezeigt, dass Liebe ein schöner Tanz ist, der alle anderen auch anstecken kann. Also nichts wie auf die Tanzfläche liebe Amelia! Ohne Garantie. Aber mit ganzem Herzen.

(ein anderes Mal, vielleicht, plaudere ich aus meinem Schatzkästchen)

Wo sonst als hier – könnte man das in voller Inbrunst rufen:

La vie est belle! Das Leben ist schön!

Kostbarkeiten

Schon bin ich wieder in der Welt der Kostbarkeiten. Und der Kontrast könnte grösser nicht sein. Wenn ich mich in Zürich bewege, in der schönen und reichen Lebenswelt, dann spüre ich immer wieder eine tiefe Sehnsucht nach dem Einfachen und Echten. Und hier in der Ardeche gibt es viel davon. Allem voran natürlich die feinen schönherzigen Freunde. Und auch die Tierfamilie, die Fellknäuel mit Husky und Akitablut, die weise Aya und der lebenfrohe treue Togo, die luxuriös freien Katzen und die Pferdeherde, neu gemischt und neu aufgestellt.

Und dann wird jeder Tag kostbar, es fängt schon beim Heumachen an. In der Ardeche gibt es nur eine Heuernte im Jahr und das Gras wird lange gepflegt, so dass es eine reichhaltige Nahrungsgrundlage gibt. Mindestens 15 Zentimeter müssen die trockenen Halme lang sein, um für den Pferdemagen gut bekömmlich zu sein. Im Frühling gehen die beiden Freunde zu Fuss durch die Weiden um giftige Pflanzen mit der Hand heraus zu reissen. Das Gras bekommt keinerlei künstlichen Dünger, die Insekten bereichern die Artenvielfalt der Blumen, es entwickelt üppige Nährstoffe und viele Proteine. Wenn es schliesslich geschnitten, getrocknet, gewendet und gepresst wird, dann ist jeder einzelne Heuballen eine eigene Kostbarkeit.

Stopft man das Heu schliesslich in die Netze, um sie auf dem Trail auszubreiten, dann kann man das auch mit Zeit und gesteigerter Aufmerksamkeit tun. Ein Lebensmittel, für das so hart gearbeitet wird und das die Pferde so sehr geniessen, das darf mit einer gewissen Wertschätzung behandelt werden. Und dann kommt der Moment, alle Pferde sind schon gefüttert und stürzen sich auf die Heunetze, alleine oder zu zweit und dann mahlen sie mit ihren Zähnen. Eine tiefe Stille und Andacht kommt über die Herde, während sie genussvoll kauen. So hat die ganze Kette an Lebensmitteln einen grossen Wert: Aufmerksam behandeltes Gras, mit den Händen und der ganzen Kraft geerntet, schliesslich verteilt – und dann darf genossen werden.

Jenseits aller Hofromantik ist auf einer Farm wie dieser sehr viel Arbeit. Ein umgestürzter Zaun fiel uns heute morgen ins Auge, die Fliegenmasken müssen geflickt werden, die Weinreben hängen zu tief, die Steinhügel sind auseinander gefallen. Das Wasser muss überprüft werden, die Versorgung der neuen Kratzer im Fell beobachtet und gegebenenfalls behandelt werden. Es ist eine niemals endende Anhäufung von zusätzlichen Aufgaben, neben den routinierten Abläufen. 

Kostbar für uns Menschen sind dann die frühen Morgen zum Sonnenaufgang, wenn wir draussen sitzen, übers Land schauen und bis zum Horizont, an dem man den Montblanc ausmachen kann. Plaudernd und in aller Ruhe den Tag beginnen, was für eine Köstlichkeit. Ich muss lachen, wenn ich uns während des Tages sehe, die Kleidung ist zunehmend schmutziger, ohnehin nicht auf Hochglanz gebügelt, aber das Strahlen im Gesicht ist gross, weil es eben Arbeit ist, die man sehen kann und physisch spürt. Abends findet man wieder zusammen, isst was der Garten hergibt und lacht über Anekdoten. Was für eine Freude, so frei zu leben!

Am Beispiel der Heuernte fällt mir auf, wie wenig wir auf unsere Lebensmittel achten, die wir im Supermarkt kaufen. Vor Jahren habe ich gesehen, wie mein Koch-Sohn das Gemüse streichelt und das Fleisch mit dem Finger überprüft, wie er Nase, Tastsinn und Geschmack benutzt, um zu beurteilen ob etwas gut produziert worden ist. Könnten wir nicht alle dieser Kette an Arbeitsschritten nachgehen, die zu einem guten Lebensmittel führt?

Lebensmittel, was für ein spezielles Wort. Ist das, was wir essen, Lebensmittel oder ein Amuse-Bouche? Eine Sinnessensation ohne Nährwert?

Und was brauchen wir sonst zum Leben? Freundschaften? Sind sie wertvoll und tief? Welche Freundschaften nähren uns – und welche halten wir einfach aus Gewohnheit aufrecht?

Gute Literatur, Musik, Filme? Kunst und Kultur?

Liebe, auch von einem Partner oder der Familie?

Inspiration jedweder Art?

Reisen um den Horizont zu erweitern?

Ein geborgenes Zuhause?

Was nährt uns wirklich?

Hier in der Ardeche denke ich über Lebensmittel nach und was ich brauche. Es wird konkreter. 

Darin liegt die eigentliche Kostbarkeit dieser Tage: Sie verändern meinen Blick darauf, was ich für ein gutes Leben gehalten habe. Wenn vieles wegfällt – Status, Tempo, Komfort, die Inszenierung nach aussen – bleibt plötzlich erstaunlich deutlich übrig, was mich wirklich nährt. Und ebenso deutlich wird, was es nicht mehr tut.

Kostbarkeiten entstehen am Ende vor allem aus der Aufmerksamkeit, die wir den Dingen schenken. Der Sonnenaufgang ist überall schön, wenn man ihn denn sieht (und dafür sogar aufsteht). Die Stille ist überall hörbar, auch hinter den Geräuschen. Das Essen muss nicht exklusiv sein, aber achtsam produzierte Rohstoffe machen schon sehr viel aus. Nicht alles was wir konsumieren, nährt uns auch – alleine darauf zu achten, würde einen bedeutenden Unterschied machen.

Wo stehst Du gerade an? 
Was brauchst Du an Kostbarkeiten, damit Dein Leben lebenswert ist?

Was sind Dir die Dinge wert, die Dich umgeben?

Oder ganz einfach und auf den ultimativen Punkt gebracht:

Was ist Dir Dein Leben wert? 

Ich wünsche uns allen: Den Moment ganz und gar geniessen. Ihn auskosten. Das Leben feiern. Denn, so ist es nun mal:

La vie est belle! Das Leben ist schön!

Zugvögel


Schon drei Abende hintereinander bekomme ich Geschenke. Jeden Abend füllt sich hier die Luft. Ich schlafe auf 1200m, es ist nicht so heiss wie im Tal.

In den letzten Wochen bin ich durchs schöne Jostal gefahren auf dem Weg ins Schwimmbad. Und jedes Mal sah ich riesige Mengen Störche da durchs Moor laufen. Sie staksten auf ihren langen Beinen und suchten nach Essbarem. Ganz sicher haben sie auch am kleinen Bach getrunken, der gerade eben noch Wasser führt. Ich habe oft angehalten und sie beobachtet, weil ich Störche liebe. Neben den Adlern meine liebsten Vögel. Denn sie sind stark und eigenwillig und folgen der Schwarmlogik, aber dazu gleich mehr.

Ich habe den Störchen immer Hallo gesagt. Und dann geschah ein Wunder. Es kann schon sein, dass die Störche ihre Gründe hatten, vielleicht trugen sie einfach die Thermik oder der Wind zu uns hier hoch. Aber natürlich denke ich gerne, sie wäre wegen mir hier…Vor drei Abenden begannen sie, genau hier im Dorf zu übernachten. Nicht irgendwo, sondern rund um das Haus, in dem ich wohne. Sie kamen meist als Gruppe angeflogen und setzten sich auf die hohen Dächer, auch auf das über mir. Vor allem aber genau gegenüber, in weniger als 10 Metern Entfernung von meinem Fenster. Am ersten Abend kamen mir die Tränen, weil sie so zahlreich erschienen, es waren über 60 Vögel, am zweiten Abend sogar mehr.

Der Storch ist ein Zugvogel, ein Wanderer. Er gehört nie nur an einen Ort. Er kehrt zurück und bricht wieder auf. Seine Heimat besteht aus mehreren Heimaten. Das erinnert mich an Menschen, die unterwegs sind, Menschen die gelernt haben dass Heimat nicht ein Ort ist, sondern vor allem ein Gefühl. Vielleicht liebe ich den Storch deshalb: Er muss sich nicht entscheiden wohin er gehört. Er weiss, wann es Zeit ist zu bleiben – und wann er wieder aufbrechen will.

Er diskutiert nicht mit dem Wind, er fliegt. Er folgt einem stillen Rhythmus. Und was ich besonders an ihm liebe: Er fliegt ohne Anstrengung. Er nimmt die Thermik, die warme Luft, die nach oben steigt. Er schlägt erstaunlich wenig mit den Flügeln, er nutzt die Natur.

Wenn er von Europa zurück nach Afrika fliegt dann geht er viele Umwege und meidet das Mittelmeer, weil es dort zu wenig Aufwind hat. Stattdessen fliegt er einen grossen Bogen über Land und immer durch die nächste warme Luft. Selbst ein Storch nimmt nicht den kürzesten Weg, er nimmt den, wo er am wenigsten Kraft braucht. Bei einer Weltreise von bis zu 10.000km eine kluge Wahl!

Und dann kam der erste Abend. Wie eine Karawane flogen sie zusammen hier ins Dorf. Liessen sich still nieder. Mit genügend Abstand zueinander und doch zusammen setzten sie sich auf die Dächer. Begannen das Gefieder zu putzen, klapperten manchmal für die Neuankömmlinge und dann im Laufe der untergehenden Sonne steckten sie die Schnäbel ins Gefieder, zogen ein Bein hoch und schliefen friedlich ein. Ich habe sie stundenlang beobachtet. Wie sie da standen. Eine ganz magische Ruhe war über dem Bild.

Die Dorfbewohner hatten das noch nie erlebt und deshalb bilde ich mir ein, sie wären für mich gekommen. Weil ich eben ihre Beobachterin war, gestern sogar die halbe Nacht. Ich schaute sie mir an und stellte mir vor, wieviele Kilometer die riesigen Vögel schon geflogen waren, was sie alles gesehen hatten und wie sie immer wieder den Weg zurück zu ihren Nestern fanden.

Mich fasziniert ihre Schwarmlogik. Es gibt keine Hierarchie, schon gar keinen blinden Gehorsam. Vielmehr ziehen sie einen Nutzen aus dem Schwarm. Wer zuerst die Thermik findet gleitet und die mitfliegenden Vögel folgen instinktiv. Sie lernen voneinander und profitieren voneinander und teilen, was sie haben. Das spart Kraft und sie unterstützen sich gegenseitig. Wie schön wäre es, wenn Menschen das auch täten!

Das Bild, das sich mir bot war fast schon meditativ. Wie sie da sassen und friedlich schlummerten und erst gegen 6:00 wurden sie wach und zogen dann gemeinsam wieder ins Tal, in dem ich sie später wieder sah. Sie hatten auf den höchsten Dachfirsten gesessen und den Überblick genossen. Das Licht am Abend hatte sie fast golden gefärbt. Und dann später, unten im Tal waren sie wieder die, die nach Nahrung suchten, entlang spazierten und sich scheinbar Zeit liessen besondere Leckerbissen zu finden.

Ach, ich hab sie sehr genossen und natürlich wünsche ich mir, dass sie sich heute wieder hier von mir bewundern lassen. Aber vorerst staune ich über die Bilder, die ich von ihnen machen durfte. Und das, was ich von ihnen verstanden habe. Was sie mir gespiegelt haben.

Die Störche haben mich berührt. Mit ihrer Freiheit. Mit der Tatsache dass sie ihre Kraft einteilen, weil sie auf den Wind warten, der sie trägt. Weil sie weiterziehen, wenn es Zeit ist. Weil sie instinktiv wissen was richtig ist und den richtigen Rhythmus spüren. Aber auch mit ihrer Stille wenn sie ruhen, mit ihrem respektvollen Abstand und doch dem Wissen um die Gemeinschaft. Weil sie eben wandern wohin es sie zieht.

Manche Geschenke kann man nicht auspacken. Man kann sie beobachten, sich selbst darin erkennen und sie fotografieren und weitergeben. Damit gebe ich dieses Geschenk auch an meine Leser weiter.

Ach. Ich bin doch auch so gerne ein Zugvogel.

La vie est belle, belle! Das Leben ist schön.

Wiedersehen!

In den vergangenen zwei Wochen habe ich ungewöhnlich viele Menschen wieder gesehen. Nicht nur wegen meines Abwesenheitsjahres 2025 hatten sich unsere Wege getrennt. Manche Menschen hatte ich viele Jahre nicht gesehen, andere erst seit kurzer Zeit.

Ich sah „meinen“ Rettungssanitäter Bert und seine Liebste und damit einen Menschen, der mich vor wenigen Monaten aus Irland zurück in die Schweiz brachte. Ich konnte ihm jetzt auf meinen eigenen (noch nur ein kleines bisschen wackeligen Beinen) entgegenkommen. Was für ein schönes warmes Treffen war das! Er hatte mich in der fragilsten Situation erlebt und mir Stabilität und Geleit gegeben auf einem nicht einfachen Weg. Ich kann mich noch gut an die Schmerzen erinnern, die mich plagten – und dass meine Wahrnehmung völlig matschig war von den vielen Opiaten, die meinen Kopf in Watte gepackt hatten.

Dass wir doch in ein wertvolles Gespräch über viele Stunden kamen, war schön und wir konnten es mühelos weiterführen, als wäre nichts dazwischen passiert. Dieses Wiedersehen zeigte mir, wie viel Gutes inzwischen passiert ist und dass die lange harte Zeit der Genesung vorbei ist, weil mich Bert an meine verletzte Zeit erinnerte.

Am selben Tag sah ich auch eine Coachee von 2012. 14 lange Jahre waren vergangen seit ihrem intensiven Prozess. Und wie schön war das denn! Sie ist richtig „erwachsen“ geworden inzwischen, glücklich verheiratet, bald eine Mama. Und trotzdem machten wir den Spagat zurück zu damals und hinein ins Heute und lachten und erinnerten uns gern an ihre Kapriolen. Sie erinnerte mich auch an mich als deutlich jüngere Frau in einem ganz anderen Lebenssetting und das war toll und amüsant und ich war stolz auf uns beide.

Am Freitag sah ich dann eine liebe liebe tolle Frau, mit der ich im Februar 2025 in Sri Lanka in einer Lagune schwamm und mit der ich tagtäglich zusammen die Nase rümpfte, wenn wir unsere scheusslichen Ayurveda-Tinkturen schluckten. Das ging richtig tief und war schön und echt und authentisch. Unsere Erinnerungen brachten uns zum Schwelgen, Staunen, Lachen und Wundern. Eine wertvolle neue Connection, die wir beide aufrecht erhalten wollen.

Und dann sah ich noch Vater & Sohn, zwei sehr lässige und gemütliche Männer die beide einzeln und einmal zusammen bei mir im Coaching waren. Wie schön war das zu sehen, dass diese Art der Beziehung möglich ist. Es waren viele Jahre vergangen inzwischen und ich staunte sie an, wie liebevoll sie miteinander sind, wie geradlinig und achtsam sie miteinander umgehen. Ein wahrer Genuss – vielleicht durfte ich an diesem Nachmittag sogar ein kleines Stück der Langzeitwirkung ihres Coachings von 2019 erleben.

Ich kann gar nicht aufzählen, wen ich alles wieder gesehen habe nach langer und manchmal auch nicht so langer Zeit. Das geht jede Woche weiter und jede Begegnung ist eine schöne Erinnerung, eine gewachsene Beziehung, ein wertvoller Kontakt. Ich bin sehr reich beschenkt mit schönen Menschen um mich herum.

So habe ich mich einmal etwas intensiver mit dem Thema Wiedersehen auseinandergesetzt…

Wir verändern uns langsam und merken das deshalb kaum. Erst im Wiedersehen erkennen wir plötzlich unsere eigene Entwicklung. Der andere wird zum Spiegel. Wir sehen in seinen Augen nicht nur ihn – wir sehen, wer wir einmal waren und wer wir heute sind.

Ein Wiedersehen zeigt uns bisweilen auch, wie weit wir gekommen sind.

Nicht jedes Wiedersehen führt zurück. Manche führen endlich nach vorne. Weil sich aus dem Wiedersehen eben auch ein Erkennen formt und man weiss: Die Person möchte ich ein bisschen mehr und näher in meinem Leben haben.

Es gibt Menschen, die tragen einen Schlüssel zu einer Version von uns, die wir längst vergessen hatten. Wie schön, wenn man dann auch ein bisschen zusammen zurück blättern kann. In alte Zeiten. Ich liebe es, wenn Menschen mir von früher erzählen und wie ich damals auf sie gewirkt habe oder was ich bei Ihnen ausgelöst und hinterlassen habe. Das geht uns doch in unserem schnellen und immerzu komplexen Leben mitunter verloren.

Manche Begegnungen enden nie. Sie machen nur eine lange Pause. Ein Wiedersehen ist die leise Frage des Lebens: Weisst du noch, wer du damals warst? Herrlich sich gegenseitig zu erinnern und im besten Fall miteinander zu lachen!

Vielleicht sind Wiedersehen deshalb so berührend. Weil sie uns daran erinnern, dass unser Leben keine gerade Linie ist. Es besteht aus Menschen, die kommen und gehen, aus Geschichten, die pausieren, und aus Augenblicken, die plötzlich wieder lebendig werden. Manche Menschen kehren zurück, nicht um die Vergangenheit festzuhalten, sondern um uns zu zeigen, wie weit wir inzwischen gegangen sind.

Ich freue mich auf viele neue Wiedersehen in den nächsten Wochen. Ich werde zwei ehemalige wilde Coachees wieder sehen. Ich werde eine lustige Freundin wiedersehen. Ich werde meine liebsten Freunde in der Ardeche wiedersehen und das Pferd, das mein Herz gestohlen hat. Ich werde eine ganz besondere Frau auf Jersey wiedersehen die tiefe Spuren in meinem Herzen hinterlassen hat. Und ich werde meine irischen Freunde wiedersehen, die mir die schönsten Monate beschert haben. Ach und ich werde den allerliebsten Ort wiedersehen, Portrush in Nordirland.

Vielleicht ist das Leben genau das: Ein langes Gehen durch die Zeit, bis uns plötzlich wieder jemand entgegen kommt, den unser Herz nicht vergessen hat. Ich freue mich auf jedes Herz, das meinen Weg nochmals kreuzt, auf jeden Menschen, den das Leben irgendwann wieder zu mir führt.

Und immer so weiter… das Leben, ach, es ist schön!

La vie est belle!

Trennt Euch, um Himmelswillen!

Letzte Woche sah ich ein ehemaliges Paar zum Erstgespräch. Initiiert war es von ihm, offiziell waren sie auch noch verheiratet. Aber – sie kamen zwar zusammen in den Raum, aber keineswegs miteinander. Die Partnerin sass ganz aussen, nah zum Ausgang des Raumes. Und noch lieber wäre sie gleich draussen geblieben, das sah man deutlich.

Sie sollten abwechselnd erzählen warum sie da sind. Und auch da war klar: Er stritt noch, erklärte sich und die Situation. Er konfrontierte sie mit Vorwürfen und Anklagen. Sie war genervt, gestresst, frustriert. Sie wurden sogar ein bisschen laut und – super verletzend.

Sie waren ein grausames Paar. Die einzelnen Personen waren im Miteinander grausam. Jeder für sich eine Perle von Mensch, miteinander katastrophal. Sie hatten fast zehn Jahre hinter sich, in denen die meiste Zeit gestritten wurde. Erst um Kleinigkeiten, schliesslich um Grundsätzliches. Die Umstände hatten sie zusammen gehalten, es gab gemeinsame Verpflichtungen und auch die Familien waren involviert. Aber nirgends ein wohlwollendes Wort, keine Basis zum Wachsen. Ein grausames Miteinander ohne jegliche gegenseitige Inspiration.

Ich sah keinen Weg für das Paar. In den wenigen Interventionen, die ich vorschlug gab es nicht den Hauch einer Chance. In solchen Fällen ist für mich der Fall klar und eindeutig: Da lohnt sich kein Coaching mehr. Ich gebe nur selten einen Fall auf aber diesen hier, den mochte ich nicht einmal beginnen. Der Graben zwischen den beiden war schon zu gross, es gab keinerlei Grund, auf dem es sich zu bauen vermochte.

Ich bemühte noch das Bild einer Kiefer – der Baum mit den längsten Nadel – wächst sogar auf Fels und fast ohne gute Erde. Aber nicht einmal das waren sie. Eigentlich schon eher ein Bananenbaum, aber ohne köstliche Früchte. Der Bananenbaum lässt sich mit einem Brotmesser fällen und ohne jede Anstrengung. Manchmal ist eben von Anfang an nichts möglich miteinander.

Wieder einmal dachte ich darüber nach, warum Paare zusammen bleiben, wenn es eben nicht um Liebe geht. Fast immer ist eine Obsession, ein Trugbild (fake wie man heute sagt). Eine Obsession ist oft Besessenheit, eine Form der negativen Leidenschaft. Ich mag in diesem Zusammenhang das Wort „besetzt“ – oder eben besessen. Meist geht es mit Kontrolle einher und fast immer ist es zwanghaft und krank. Auch in diesem Fall – sie wollten einander unbedingt. Aber nicht wirklich den anderen. Mehr das Besitzen, das Füllen einer Lücke, eines Mangels. Ungut, zerstörerisch und schmerzhaft.

Ich entliess sie nach eineinhalb Stunden aus dem Gespräch. Sie hatten alles gegeben – Beleidigungen, Vorwürfe, Geschrei, Schuldzuweisungen. Eine vergiftete Atmosphäre, die auch in meinem Raum blieb, als sie schon gegangen waren. Ich musste mich schütteln und danach lange im schönen Zürichsee schwimmen und in den Himmel sehen. Ich musste wieder in den Fluss kommen, in jeder Hinsicht.

Mein Rat an die beiden war, sich endlich zu trennen und sich selbst alleine wieder zu finden. Da war viel kaputt gegangen im Krieg miteinander. Ich bin ganz sicher dass die beiden alleine besser leuchten können. Denn: Sie waren eigentlich schöne Menschen, hatten aber im Anderen wirklich nur das Hässlichste zum Vorschein gebracht.

Am nächsten Tag hörte ich durch Zufall einen Song, den ich seit Jahren kenne aber dessen Text mir nie sonderlich aufgefallen war:

„I don’t care – I love it“. Ein Song wie ein Befreiungsschlag. Genau deshalb wirkt der Song bis heute so mitreissend: Er verwandelt Schmerz in Energie und Trotz in Lebensfreude. Diese Mischung aus Wut, Erleichterung und neu gewonnener Freiheit macht ihn zu einer Hymne für Menschen, die sich aus etwas Befreiendes lösen.

Es gibt Beziehungen, die muss man lassen. Weil die beiden aneinander ziehen und manchmal auch erziehen – und sich nicht gemeinsam irgendwohin bewegen. Und bei all dem Toxischen ist eins sicher: Streiten sie noch, dann gibt es vielleicht noch gemeinsame Leidenschaft oder irgendeine Form der Emotion, wird einer der beiden oder beide ruhig und still – dann ist es vorbei. Die innere Kündigung ist noch nicht ausgesprochen aber schon vollzogen.

Ich habe in meinem Leben viele solche ehemalige Beziehungen gesehen und auch selbst erlebt. Es ist nichts Falsches daran sich zu trennen. Oft ist genau das ein Akt der Liebe – sich gehen zu lassen weil es niemandem – oder sich selbst – nicht mehr gut tut. Das ist ehrlich und dient der Liebe. Denn Liebe ist niemals Kampf oder Zwängerei.

Das Leben ist zu kurz für schlechte Paarungen. Dann geht man besser alleine weiter und stellt sich ins eigene Licht.


Denn – das Leben muss gelebt und geliebt werden! Ich werde nicht müde, das zu sagen:

La vie est belle – Das Leben ist schön.

There’s a crack in everything….

….that’s where the light get’s in (Leonard Cohen)

In den vergangenen zwei Wochen hatte ich es mit Brüchen zu tun. Allen Formen davon. Auch Knochenbrüche, natürlich. Aber vor allem: Brüchen in der Vita. Ich war in einem Trainingscamp für Menschen, die Physio und Training brauchen um im wahrsten Sinne des Wortes wieder „auf die Füsse zu kommen“ und dabei begegnete ich – meist im Pool – einigen, die gebrochen waren an einem Unfall oder einer Krankheit. Ich reihte mich ein, wir schwammen jeden Tag nebeneinander. Und ich hörte so allerlei über die Brüche, die das Leben meinen Mitschwimmern zugemutet hat.

Einer erzählte von einem Motorradunfall. Eine andere von einem Schlaganfall.
Ein älterer Mann sagte fast nebenbei: „Laufen lernt man mit siebzig noch einmal.“

Und ich muss auch an andere Brüche denken. Die „Ab-Brüche“ an den Klippen in Irland. Viele viele Stunden habe ich mir die angesehen und sie bewundert.

Auch die Menschen, die ich dort traf und die meine Freunde wurden, waren von „Wind und Wetter“ gezeichnet. Es gab nicht viel Rosarot und Zuckersüss, dafür ist das Land zu herb.

Irland hat in seiner Literatur und Musik etwas, das Schmerz nicht sofort reparieren will. In vielen irischen Liedern, Gedichten und Geschichten dürfen Trauer, Sehnsucht und Humor nebeneinander existieren. Niemand sagt: „Jetzt reiss dich zusammen.“ Stattdessen heisst es eher: „Setz dich ans Feuer. Erzähl.“

Vielleicht ist das der Grund, warum so unterschiedliche Menschen auch dort etwas finden, das sie anderswo vermissen. Nicht, weil Irland frei von Problemen wäre – ganz im Gegenteil –, sondern weil es kulturell eine lange Tradition hat, den Brüchen des Lebens einen Platz zu geben.

Manche Menschen versuchen ihr ganzes Leben, ihre Brüche zu verstecken.
Andere lernen, sie zu überschminken, zu verleugnen, zu verschweigen und zu verdrängen (wie überaus unklug, sie kommen immer zurück). Und dann gibt es jene wenigen, die aus ihnen Kunst machen.

Brüche sind keine Unterbrechungen des Lebens. Sie sind die Stellen, an denen das Leben seine Richtung ändert.

Fast jeder Mensch erlebt sie: Eine Krankheit, einen Unfall, den Verlust eines Menschen, eine Scheidung, das Scheitern eines Traums, Verrat, Schuld, das Älterwerden.

Wir nennen sie Brüche, weil etwas nicht mehr so weitergeht wie zuvor. Aber vielleicht ist genau das ihr Sinn.

Nicht jeder Bruch macht einen Menschen weiser. Manche machen ihn bitter.
Manche machen ihn hart. Aber manche öffnen eine Tiefe, die vorher nicht da war.

Da ist meine Verbindung zu Irland: Viele Menschen lieben Irland nicht nur wegen seiner grünen Hügel (die gibt es in der Schweiz auch, zuhauf!)
Vielleicht lieben wir es, weil dort die Brüche des Lebens nicht versteckt werden. Weil in den Liedern die Trauer mitsingen darf. Weil der Wind nichts glättet.
Weil Geschichten dort Narben tragen dürfen.

Wir verbringen so viel Kraft damit, heil erscheinen zu wollen. Dabei berühren uns fast nie die makellosen Menschen. Es sind die Gebrochenen, die den Mut gefunden haben, sichtbar zu bleiben.

Das erinnert mich an etwas, das der japanischen Ästhetik des Kintsugi nahesteht: Zerbrochene Keramik wird nicht versteckt, sondern mit Gold repariert. Nicht, weil der Bruch schön wäre, sondern weil er zur Geschichte des Gefässes gehört.

Ich hüte mich, immer nur zu sagen, dass der Bruch an sich etwas Gutes ist, ich möchte das nicht romantisieren, dafür fand ich es selbst auch stellenweise zu traumatisch. Niemand wünscht sich einen Unfall, eine schwere Krankheit oder den Verlust eines Menschen. Der Bruch ist nie das Geschenk. Die Art, wie wir ihm begegnen, kann eines werden.

Und dann musste ich wieder an einen meiner Lieblingsorte denken: die irische Küste.

Die Klippen an der Westküste Irlands sind wegen des Atlantiks so beeindruckend. Millionen von Jahren haben Wind und Wellen an ihnen gearbeitet, sie aufgerissen, geformt, ausgehöhlt. Gerade diese Risse, Kanten und Abstürze machen ihre Schönheit aus.

Vielleicht gilt das auch für Menschen.

Nicht jeder Sturm veredelt uns. Manche hinterlassen Wunden, die lange schmerzen. Aber wenn wir ihnen nicht ausweichen, sondern sie in unsere Geschichte integrieren, entsteht etwas, das glattere Lebensläufe oft nicht hervorbringen: Tiefe.

Nach zwei Trainingswochen laufe ich nun aufrechter. Nicht nur körperlich. Auch deshalb, weil ich meine Geschichte neben die Geschichten der anderen stellen durfte. Mein Bruch erscheint dadurch nicht kleiner – aber anders. Er hat mich gezwungen, das zu überprüfen, was ich seit Jahren weitergebe. Kann ich selbst leben, wovon ich spreche? Kann ich annehmen, was ist, statt nur darüber zu reden? Vielleicht war genau das die eigentliche Lektion dieser Wochen. „Walk your talk“ ist für mich wesentlich. Ich hab meine Prüfung bestanden.

Vielleicht werden manche Brüche erst im Rückblick zu den Orten, an denen wir uns selbst wirklich begegnen.

Denn: La vie est belle – Das Leben ist schön!

Was für ein Traum!

Ein poetischer Abend vor zwei Wochen. Meine liebe Freundin aus der Ardèche war in der Schweiz und wir gingen in ein literarisches Konzert in St.Gallen. Es fand in einem alten umgebauten Bahnhof statt, eine fantastische Location. Wir hatten den ganzen Nachmittag verplaudert und jetzt sollten es eben diese Stimmen sein. Der Titel des Konzerts war vielversprechend: „Wie schön, hier zu verträumen“. Wir sassen in der ersten Reihe – mit Carina kann man nur in der ersten Reihe sitzen, da gehört sie hin, ins Rampenlicht, an die vorderste Front. Carina selbst ist ein Ereignis.

Aber jetzt waren es Sänger von einem Collegium Musicum, die den Ton angaben.

Mir war gleich klar, das war nicht meine Veranstaltung. Nicht meine Musik, schon gar nicht meine Klangwelt. Es gab keine Resonanz zu meinem wilden, irischen Herzen. Aber wir schauten die Sänger an und kamen beide zu unseren Gedanken. Ich sah den Pianisten, der sah aus wie aus dem Mittelalter gesprungen. Und starrte auf die Lackschuhe des Dirigenten, wie er sich hob und senkte, um der Musik einen Körper zu geben. Carina schwang mit den Gesichtern und deren Geschichten. Ich ging mit der Poesie und den Worten. Jede von uns zog etwas Eigenes aus dem Konzert.

Für mich hatte schon der Titel gereicht. Der Traum. Sich verträumen. Eine ganze Reihe Gedanken löste das bei mir aus. Vielleicht am Vordergründigsten den Traum meines Jahres 2025. Das wertvollste Jahr. Und auch jetzt schien es wie ein Traum, neben Carina zu sitzen. Wir hatten diesen absolut herrlichen Sommer in der Ardèche zusammen erlebt, bald werde ich wieder bei ihr und Beat sein, um erneut über die Felder und mit den Pferden zu laufen – auch das ein Traum.

Und dann dachte ich: Wie schön, hier zu verträumen.

Waren wir vielleicht alle in einem Traum? Ich erinnerte mich an einen Gedanken, den ich mit knapp 20 hatte und dem ich lange lange nachgehängt hatte. Damals war ich im Royal Shakespeare Theatre in Birmingham gewesen und sie hatten „The Tempest“ – den „Sturm“ gespielt. Ein eigenwilliges Stück vom alten Shakespeare. Die Hauptfigur Ariel hatte eine Kaskade an neuen Gedanken eingeläutet.

Ariel sagt: „Wir sind aus solchem Stoff, aus dem man Träume macht – und unser kleines Leben umschliesst ein Schlaf.“

Ich hatte damals den Eindruck dieser Satz sei nur für mich und verbirgt ein aufgedecktes Geheimnis. Der Satz lief mir lange nach … aus dem Theater heraus… Ich sah wie verzaubert in fremde Gesichter und alles erschien mir plötzlich unwirklich. Der Satz war wie ein Donnerschlag gewesen und erzeugte in mir einen riesigen Widerhall: „Wir sind aus solchem Stoff, aus dem man Träume macht – und unser kleines Leben umschliesst ein Schlaf“.

Was, wenn wir wirklich nur träumen und dieses Leben wäre gar nicht real? Was, wenn das alles nur eine Filmkulisse ist? Was, wenn es egal wäre, was wir als nächstes tun, wir also unser Leben nur so weiter weben wie einen Film und jede Wendung, jedes Ende, jede Szene von uns beabsichtigt wäre, um eine Storyline daraus zu machen? Was, wenn alles möglich wäre, weil es ja nur ein Traum ist, weil dieses Leben zwischen zwei Episoden eines langen Schlafes stattfindet?

Mir gefällt der Gedanke immer noch. In den letzten beiden Wochen habe ich das Leben wieder so wahr genommen: Es beobachten und mich amüsieren. Wie auf einer Theaterbühne (oder in meinem Fall in einer eigenwilligen Konzerthalle). Ein bisschen Zeuge sein, hinter mir her laufen und quasi von hinten durch meine Augen sehen. Ich ging mit mir in Patientengespräche, ins Schwimmbad, beobachtete Menschen in der Physiotherapie. Ich sass in einem grauenhaft staubigen Büro eines Notars. Fuhr mit mir durch den Hochschwarzwald. Sprach mit extrem interessanten Menschen. Hatte Videocalls und Begegnungen jeglicher Couleur.

Spürte Resonanz in einem langen Telefongespräch, das in mir die Sehnsucht nach „früher“ wieder neu befeuerte. Schwamm und arbeitete an meinem noch immer langsamen Gang zurück ins Leben.

Und bei all dem dachte ich: Träume ich das gerade oder ist das real? Und was ist denn real? Und was ist denn, wenn wir alle Bewertungen und Interpretationen einfach mal weglassen und uns einfach mal eine Weile einbilden, das Leben sei ein Traum, dem wir unsichtbar folgen?

Würde dann nicht die ganze Schwere und all das Bedeutungsvolle von uns abfallen? Würden wir endlich aufhören können, das Leben so ernst zu nehmen? Was für ein herrlicher Gedanke!

Spielt es eine Rolle, ob wir wach sind oder träumen? Und wenn wir träumen, verlieren wir uns dann in diesem Leben oder begegnen wir dem Leben staunend?

Seit dem Konzert begleitet mich dieser Gedanke, quasi frisch und recycelt, wieder. Ich beobachte wieder mehr und interpretiere oder beurteile weniger. Menschen werden wieder zu Figuren ihrer eigenen Geschichte und Begegnungen zu Szenen. Zufälle zu Regieanweisungen.

Das ist doch auch die wirkliche Freiheit: Dass wir nicht wissen, was Realität ist. Den Augenblick als kostbar zu erleben – ob nun Traum oder Wirklichkeit.

Das Konzert war nichts für mich, aber der Titel und die Texte haben wieder eine Tür geöffnet, durch die ich schon oft gegangen bin. Shakespeare hat Jahrzehnte später wieder angeklopft und ich habe mich gerne und lächelnd erinnert. Auch das könnte ja ein Traum sein – unsere Erinnerungen, deren es so viele Wunderbare gibt, in unser aller Leben.

Ich sitze hier nachts in meinem Bett und schmunzle. Ich sollte schlafen, es ist 3 Uhr morgens, die Muse hat mich geweckt und diesen Text diktiert. Letzte Woche konnte ich nicht bloggen, es war einfach noch nicht fertig überlegt. Aber – der Sommer ist ja auch heiss und brennt uns in den Kopf. Auch darüber muss ich lachen. Mein Sohn wurde 30, wirklich? Ich staunte. Und alles dreht sich, die Menschen kommen und gehen auf der Bühne.

Neue und alte Begegnungen, viele Kommunikationswege, stille Momente am See und schwimmen mit geschlossenen Augen und Beinen, die vergessen haben, dass sie noch nicht wieder so funktionieren wie sie es einst taten. Ich muss lächeln. Wenn ich aus dem Wasser komme, in dem ich dynamisch und geschmeidig meine Bahnen gezogen habe, hinke ich wieder. Gestern habe ich so getan als ob ich nicht hinke. Ich streckte mich aufrecht und ging wie eine Diva. Ist es nicht so – wenn das Leben ein Traum zwischen zwei langen Episoden wäre – dann könnte man ja eigentlich alles machen….

Traum oder Wirklichkeit – unsere Wahl. Es ist immer unsere Wahl wie wir wahrnehmen. Wie schön, hier zu verträumen…

La vie est belle! Das Leben ist schön.

l’Enchantresse – die Verzauberin

Eine wunderbare Woche ist angebrochen, in der ich mir das Zuhause von Freunden ausleihen durfte. Sie sind unterwegs und haben mir ihre schöne kleine Farm überlassen. So hüte ich also 12 Federvieh Persönlichkeiten. Zwei Hasen, die sich gerne hinterher jagen. Und einige dutzende Blumentöpfe und Gemüsebeete, die gegossen werden wollen. Hier auf dem Hof hat alles Geschichte. Es ist ein altes Farmhaus aus Holz und Stein und eigenwilligen Winkeln. Ich geniesse jeden Moment.

Ganz besonders aber hat es mir ein Baum angetan, der majestätisch über das Anwesen wacht. Eine Blutbuche. Sie ist stabil und alt und tief verwurzelt, hat ein riesiges Blätterdach, unter dem es sich geborgen sitzen lässt.

Ich habe mir vorgenommen unter diesem Baum Gespräche zu führen und dazu habe ich ein paar Leute eingeladen, die ich gerne sehen wollte und noch sehen möchte. Und ach, wie sehr hat der Baum die Gespräche beeinflusst. Sie wurden tief und fein und achtsam und ganz und gar persönlich. Wie herrlich dieser Baum die Energie verändert und mitgestaltet!

Die Buche gehört zu den ältesten europäischen Symbolbäumen. Interessanterweise stammt das deutsche Wort Buch vermutlich von der Buche. Auf Buchenstäbe und Buchenholz wurden früher Runen und Zeichen geritzt.

Die Buche ist daher seit Jahrhunderten verbunden mit:

Wissen

Erinnerung

Weisheit

Überlieferung

Wahrheit

geistiger Klarheit

Wer unter einer Buche sitzt, sitzt symbolisch unter einem Baum, der seit Jahrtausenden als Hüter von Geschichten und Erkenntnissen gilt.

Im Baumorakel wird die Buche oft so gedeutet:

Wenn die Buche zu dir kommt, erinnert sie dich daran:

Vertraue deiner eigenen Erfahrung. Höre auf das, was du längst weisst.

Suche nicht ständig neue Antworten. Werde still und erinnere dich.

Die Blutbuche fügt hinzu: Lebe mutig. Zeige dich.

Verstecke dein Licht nicht. Verkörpere deine Wahrheit

Schau Dir dieses Prachtexemplar an:

Was für ein beeindruckender Baum.

Schon rein äusserlich wirkt diese Blutbuche nicht wie ein gewöhnlicher Gartenbaum, sondern eher wie ein Dorfwächter oder Grenzhüter. Sie steht genau dort, wo Wege zusammentreffen. Das ist interessant, denn in vielen alten Traditionen galten grosse Bäume an Wegkreuzungen als Orte der Entscheidung, Begegnung und Orientierung.

Er wirkt wie ein Baum, der sagt:

„Bleib einen Moment stehen.
Bevor du weitergehst,
erinnere dich daran, wer du bist.“

Während manche Bäume nach aussen drängen, scheint diese Blutbuche nach innen zu weisen.

Zusätzlich zu den wunderbaren Menschen, die ich unter die Buche eingeladen habe, bin ich selbst sehr lange und intensiv darunter gesessen. Am Morgen um meinen Tee zu trinken, am Abend um den roten Himmel zu bewundern. Die Buche und ich haben uns zugehört. Sie hat mir gesagt:

Werde nicht jünger.

Werde tiefer.

Werde nicht schneller.

Werde verwurzelter.

Die Blutbuche wächst nicht durch Eile.
Sie wächst durch Jahre.

Und genau deshalb wirkt sie so majestätisch.

Was für ein Glück habe ich doch mit solchen Begegnungen. Und noch eine wunderschöne Begegnung hatte ich heute mit einer „Wahlmutter“, die ich schon mehr als 20 Jahre kenne. Wir sassen gemeinsam auf ihrer herrlichen Terrasse und bewunderten den schönen Zürichsee. Und dann drehte sie sich zu mir und sagte: „Das ist alles nur geliehen“.

Wie alles im Leben – geliehen. Denn am Ende zählen andere Dinge als Haben. Ich würde sagen: Sein.

Vor allem ja nun mal glücklich und erfüllt… denn – La vie est belle!

Memory

Wenn Du morgen das Gedächtnis verlieren würdest. Wen würdest Du fragen?

Nach deinen liebsten Erinnerungen? Den Menschen, die Dich geprägt haben? Was Du am liebsten isst und was Du unvergleichlich gut kochen kannst? Nach Deinen Lieblingsbüchern? Den Orten, die Dir Heimat sind? Den Reisen, die unvergesslich waren? Den Begegnungen, die Dich tief bewegt haben? Deinen Lieblingsblumen? Nach dem Momenten, die Dir eine neue Richtung gegeben haben? Nach den Dingen und Kostbarkeiten, die für Dich unverzichtbar sind? Wer würde Dir Deine Lieblingsmusik vorspielen und mit Dir singen? Wer würde Dir etwas in die Hand geben, das Du gerne trägst und Dich erinnern wann und wo Du es gefunden hast und warum es Dich so kleidet? Wer würde mit Dir an die Orte fahren, an denen Du etwas Spezielles erlebt hast. Würde Dich an Gräber führen und Dir die Geschichten erzählen, die Dich besonders berührt haben? Wer würde Dir vorlesen und Dich Deine Lieblingpoesie neu entdecken lassen? Wer kommt mit Dir zu einem Konzert Deiner einstigen Lieblingsband? Wer schmeckt sich mit Dir durch alte Köstlichkeiten?

Das wären dann Deine Menschen tun, die das alles von Dir wissen und Dich behutsam dahin führen wo Du warst. Was Du berührt hast und was Dich berührt hat. Sie würden Dir keine Fotos zeigen oder Voicemails abspielen auf denen Du sprichst, was Dich nur irritieren würde oder Dich traurig machen würde. Sie würden die Puzzleteile auflesen und Dich neu zusammen setzen.

Daran dachte ich gestern, als ich mit einem lieben Freund durch seine alte Heimat fuhr. An jedem Hof wusste er etwas zu erzählen. Wer da wohnte und was sie verbunden hatte. Wo sie sonntags zum Mittagessen hingewandert waren. Mit wem sie was erlebt hatten. Wo die heimischen Kühe standen, die schwarzen mit der guten Milch. Wo es unvergleichlich gute Delikatessen gab. Wir kamen auch durch kleine Ortschaften mit mächtigen Klöstern oder Kirchen, wo seit langer langer Zeit Glück, Sorgen und Gebete gesammelt wurden. Und kleine Kapellen die als Busse von den Kirchenoberen verlangt worden waren. Und immer wieder gab es Hügel, Wege, kleine Abzweigungen, dichten Tannenwald und einsame Bänke, auf denen man ins Tal schauen konnte. Alles da war gefüllt mit Geschichten. Die Geschichten meines Freundes und seiner Familie, mehr sogar, der Ahnen.

Ich staunte, weil es für mich keine solche Landschaft mehr gibt, die meine Geschichte erzählen würde. Schon gar nicht die meiner Herkunft. Alles neu erschaffen. Alles neu kre-iert. Und da ist dann eben das neue Leben, die Einflüsse, die Düfte und Melodien und Worte, die sich angesammelt haben.

Es gibt ein Bänkchen auf der Halbinsel Au. Da weiss ich, dass mein jüngerer Sohn das erste Mal geküsst hat. Immer wenn ich vorbei gehe denke ich: Das Knutschbänkli.

Und dann erinnere ich mich an meinen ersten Kuss, ich weiss noch wo und wer. Aber schön war das leider nicht. Also denke ich daran, wo ich am allerliebsten geküsst habe und wen – und schon huscht ein Lächeln über meine Lippen.

Unser Leben besteht aus so vielen kleinen Details. Aneinander gereiht eine Vielzahl von kleinen Lieblichkeiten, die uns das Leben erzählt haben und uns zusammen gesetzt haben.

Herrlich, dieser Garten, in dem wir da spazieren gehen können! Egal wie alt wir sind, Erinnerungen haben wir alle. Und wenn wir sie schätzen, finden wir immer wieder zu uns zurück.

Bei dem allen darf man nicht vergessen….

La vie est belle! Das Leben ist schön.

Potpourri

In der vergangenen Woche hatte ich sehr viele spannende Begegnungen, bekannte und neue Menschen und jedesmal hüpfte mein Herz ein bisschen. Ich war so lange alleine unterwegs letztes Jahr und auch in diesem Jahr habe ich viel Zeit in der Solitude verbracht, da spüre ich, wie meine Neugier auf Menschen wieder neu entfacht ist. Und wie ich alte Bekannte und Freunde, sogar meine Söhne, mit neuen Augen sehe. Wie herrlich!

Wir alle begegnen im Laufe unseres Lebens Tausenden von Menschen und doch bleiben nur wenige in unserer inneren Landschaft zurück. Im vergangenen Jahr traf ich in Sri Lanka die wunderbare Katja, als wir uns Blut abzapfen lassen sollten. Die tiefe schöne Seele von Susanne, der ich bei einem gemeinsamen Essen begegnete. Und meine Seelenverwandte Gabriele, die ich erst auf den zweiten Blick als eine jahrelang bewunderte Pferdefotografin erkannte. Wie beglückt reiste ich ab, um auf Bali Alexandra, Andrea und Christine zu begegnen und dann im Pool Melanie und Svenja kennenzulernen. Zweimal sass ich im Boot mit Claire und Lucy um Delfine zu sehen. Das waren spannende Morgen auf dem Wasser! In Lombok traf ich Nova, ein grossartiger Mensch, der jahrzehntelang für eine Pilgerreise nach Mekka spart. Auf dem Segeltörn traf ich die allerschönsten Menschen, mit denen ich durch das Auge eines Sturm segelte. Und dann weiter, immer weiter, bis ich in der Bretagne einige Kapriolen mit Thomas und Alexandre schlug und in Jersey alte Freunde umarmte. Ach und die grossartige Zeit in der Ardeche mit meinen liebsten Beiden, Carina und Beat! Und dann Irland, mein liebstes Land. Al und Tommy und Ruth und Marleen. Das ganze Jahr war voller wundervoller Begegnungen und die hier erwähnten begleiten mich immer noch. Was für einen goldigen Reichtum habe ich da eingesammelt in der Welt. Sie fügen sich kinderleicht ein in die Reigen meiner liebsten Menschen hier in der Schweiz und in Deutschland.

Von den vielen Menschen, denen wir begegnen, bleiben nur Wenige in unserem Herzen, ganz nah bei uns. Andere sind Komparsen, laufen uns über den Weg und hinterlassen nichts. Manchmal klickt es zwischen Menschen und manchmal eben nicht.

Es gibt eben Begegnungen, die zu einem Gespräch, einem Dialog werden. Andere, die nur ein Vorübergehen sind, quasi eine Art Besucher, die nur kurz verweilen. Und dann die, die wir wieder erkennen. Quasi als Resonanz zu unserem eigenen Herzen.

Ich glaube: wir begegnen am liebsten den Menschen, die etwas in uns zum Klingen bringen. Und das kann immer wieder etwas Unterschiedliches sein. In der vergangenen Woche traf ich zwei Frauen, mit denen ich solidarische Seelenverwandtschaft fühlte. Einen herrlich verpeilten Typen, der Kapriolen schlug und mich mit seiner Freiheit und seinem Humor und seinem Chaos abholte. Eine tiefe, feine Seele, die mich mit Melancholie berührte. Was für eine ereignisreiche Woche. Und es geht ja immer weiter. Ich staune über die Lebensklugheit meines Sohnes. Über den herrlichen lustigen Physiotherapeuten, der mich mit seinem trockenen Schalk inspiriert. Über die grosszügige Freundlichkeit von Menschen, die ich im vergangenen Jahr noch nicht so nah hatte. Ich staune und staune und freue mich über die vielen wertvollen, bereichernden Kontakte die ich erleben darf.

Vielleicht bleiben wir manchmal nicht im Leben der Anderen oder sie in unserem. Aber: Eine gute Begegnung, ist eine, die etwas hinterlässt.


Ich war lange mit einem Künstler aus Baselland befreundet. Viele Jahre hatten wir Kamingespräche vor seinem, meinem oder dem Kamin im Trois Rois in Basel. Die Wärme unserer Gespräche war immer noch tagelang fühlbar für uns beide. Schliesslich haben wir uns aus den Augen verloren, aber die Erinnerung ist immer die selbe: Warm und fein, tief und kunterbunt. Ein Lebensbegleiter, den ich nicht missen möchte, auch wenn sich unsere Wege getrennt haben.

Vielleicht sind die wertvollsten Begegnungen nicht mit den beeindruckendsten Menschen, sondern die mit jenen, bei denen wir aufhören können, jemand sein zu müssen. Bei ihnen müssen wir uns nicht erklären, nicht beweisen, nicht anpassen. Wir dürfen einfach sein. Und vielleicht erkennen wir gerade daran unsere Seelenverwandten. Nicht daran, dass sie uns verändern wollen – sondern daran, dass wir in ihrer Nähe mehr wir selbst werden.

Wir sind nicht ein abgeschlossenes Individuum – vielmehr glaube ich, durch die Begegnungen formen wir schliesslich denjenigen, der wir selbst sind. Wir werden quasi ein Mosaik aus Begegnungen, jeder und jede, die wertvoll sind für uns, fügen ein Teil hinzu oder lehren uns etwas, das uns verändert oder unsere Sicht auf die Welt bereichert.

Manchmal fühlen wir uns angezogen von einem Menschen, der uns etwas spiegelt, das wir in uns selbst vergessen haben. Und jemanden kennenlernen könnte ja auch heissen: Wir haben den Menschen nicht gesucht, sondern er tauchte auf, im richtigen Moment mit dem einen Satz, den wir gerade hören mussten.

Wir gehen durchs Leben und glauben, wir würden Menschen begegnen. Vielleicht ist es manchmal aber genau umgekehrt: Vielleicht sind es genau die Menschen, die erscheinen, damit wir uns selbst ein Stück näher kommen. Am Ende erinnern wir uns besonders an jene, die etwas in uns zum Leuchten gebracht haben.

Ich bin reich beschenkt. Gerade denke ich an meinen philosophischen nachdenklichen Freund Reino, der nun diesen Blog liest und in dem eine Saite zum Klingen kommt. An Sabine, die reich beschenkt aus Japan zurück gekehrt ist, diesen Blog liest und sich an Menschen erinnert, denen sie auf ihrer Reise begegnet ist. An Charlotte, die diesen Blog liest und unser nächtliches Gelage von letzter Woche erinnert. An Jan, der seit 2018 jede Woche diesen Blog liest und dann vielleicht an den Moment auf der Klippe in Jersey denkt. An Heiri, der diesen Blog liest und schmunzelt und seine Liebste anschmachtet als grosses Geschenk einer letzten Liebe.

Menschen, bunt wie ein Potpourri, alle ganz unterschiedlich. Mein Herz ist voll mit den wunderschönen Menschen in meinem Leben. Was brauche ich Gold und Tant!

Ach, und um das nicht zu vergessen:

La vie! et les gens – sont belle! – Das Leben und die Menschen sind schön!

Screenshot
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