Der Anker

Vor einem Jahr kam ich in der Nähe von Galle an, am indischen Ozean, in der südlichsten Provinz von Sri Lanka. Es war sehr heiss, das Land war fremd. Ich hatte den Koffer voll mit nutzlosen Dingen, wie sich bald herausstellen würde. Und ich war erschöpft und müde nach vielen anstrengenden Jahren. Ich weiss noch genau, wie sich mein Puls, mein Herzschlag anfühlte, es war alles aus den Fugen geraten. Und der Ayurveda Arzt verdrehte die Augen und fragte mich, ob ich noch am Leben sei, als er meine Pulsdiagnose machte. Es dauerte fast vier Wochen, bis ich wieder tief atmete und dann ging die lange Reise los.

Wenn ich heute zurück sehe, schmunzle ich, dass ich so weit gereist war um etwas zu finden. Was, das wusste ich nicht so genau, aber dass, das schon. In den folgenden Monaten tingelte ich an alle Orte des indischen Ozeans und war glücklich, immer da, wo ich war. Endlose Stunden habe ich geschlafen, gesungen, geschrieben, gesonnt und mich ausgeruht. Und schliesslich ging es zurück nach Europa. Ich wusste vorher nicht, dass ich ganz tief im Herz eine Europäerin bin. Erst als ich im eiskalten Wind, im blaublauen endlosen Himmel der Bretagne stand. Da jubelte es in mir. Die folgenden drei Monate – Frankreich und Jersey – waren ein grossartiger Sommer mit vielen lieben Menschen und Momenten, ich fühlte Freiheit und begann, exzessiv zu schreiben.

Und dann war es schliesslich die Insel, die schon das ganze Jahr nach mir rief. Und auch hier musste ich nochmals suchen. Erst im Süden, dann den Wild Atlantic Way entlang an der Westküste und schliesslich – tatsächlich – fand ich meine Seelenheimat in Nordirland. Das hatte ich nicht mehr für möglich gehalten aber der Himmel öffnete sich und ich sah Regenbögen und Weite und das endlose atlantische Meer und meine Seele atmete auf.

Ausatmen – aufatmen.

Zehn Monate musste ich ausatmen, so sehr hatte ich in den letzten Jahren den Atem angehalten. Es war eine lange Reise zurück in die Entspannung. Und das obwohl ich mein selbst kreiertes Leben so liebe, von so vielen wunderbaren Menschen umgeben bin und die Schweiz sehr zu schätzen weiss. Ohne Pause war ich gerannt. Und hatte viel zu viel gearbeitet. Als ich meine Reise begann, hatte ich mir nur eine Frage vorgenommen, die ich beantworten wollte:

Wer bin ich, wenn ich nicht mehr (beruflich) wichtig bin?

In Nordirland schliesslich fand ich die Frau hinter all ihren Rollen und hey, die gefiel mir sehr gut! In den letzten Tagen bin ich traumwandlerisch an der Küste in Portstewart und Benone gelaufen und habe den Himmel, den Strand, die Weite, das Wetter umarmt. Habe Muscheln gesammelt und neue Seiten begonnen zu beschreiben. Und habe aufgeatmet, weil ich mich wieder finden konnte. In Resonanz mit dem, was sich mir hier zeigte: Ursprünglichkeit, Echtheit, Herz. Menschen die hinschauen, hinhören, das Leben feiern, spielen, laufen und über das Wetter reden. Und auch: Ruhe, Tiefe, Klarheit. Und auch: Den scharfen Blick. Die Gezeiten zeigen mir jeden Tag, wie das Leben spielt und endlich war sehr viel Ebbe bei mir und in mir. Wie herrlich!

Nun will ich die Balance besser halten von Ebbe und Flut. Den Anker nicht mehr verlieren, der mich fest hält, wenn das Leben tobt. Mich auf das Innen besinnen. Die kleinen Dinge bestaunen, das schöne Leben.

Ich bin dankbar für ein unbezahlbar wertvolles Jahr, die Langsamkeit, die es mir erlaubt hat, ganz genau hinzusehen und hinzuspüren. Es ist ein absoluter Luxus, so viel Zeit zu haben und reisen zu können, bis alles wieder gut ist.

Und jetzt ist alles wieder gut. Mein Herz ist voll. Ich bin reich beschenkt. Ich bin ausgeruht. Und jetzt kann’s wieder losgehen. Am Freitag geht die Fähre nach Frankreich und dann die lange Reise zurück. Ich komme mit mir selbst zurück, hab sie eingesammelt die Nomadin, an allen Stränden die ich gesehen habe. Die Taschen voll mit wertvollen Erinnerungen und neuen Begegnungen. Mein Glück ist besiegelt.

Ach und bevor ich es vergesse zu erwähnen:


Das Leben ist schön. La vie est belle.

Shawn

In Irland liegt nichts obenauf.
Alles ist bedeckt von Wind, Wasser, Geschichte. Selbst die Steine scheinen zu warten, bevor sie sprechen. Das Licht verändert sich ständig, alles ist in Bewegung und gleichzeitig auf eine zauberhafte Art still.

In der vergangenen Woche hatte ich eine überaus spannende Begegnung. Bei einer unserer Strandwanderungen hatte ich Al mal wieder von meiner Liebe zur irischen Musik vorgeschwärmt und dann hatte er mir erzählt, dass er einen Trommelbauer kenne. Er lebt in Inishowen, einer langgestreckten Landzunge etwa 50 Meilen von unserem Ort hier in Nordirland entfernt. So machten wir einen Besuch aus und es wurde eine überaus inspirierende Erfahrung.
Der Weg zu seiner Werkstatt führte durch Land, das nie ganz trocken wird. Moor, Gras, niedriger Himmel. Ein Ort, an dem man versteht, dass Festigkeit kein Versprechen ist, sondern ein Zustand auf Zeit. Ich kam nicht her, um etwas zu suchen. Ich kam, weil Irland einen dazu bringt, Dinge zu öffnen, die man woanders ordentlich verschlossen hält.

Er lebt wirklich sehr versteckt in einem winzigen Ort auf einem weitläufigen Gelände, es gab keine Strassennamen und kaum ein GPS Signal. So rumpelten wir schliesslich auf ein altes Gehöft in der Republik Irland, der Hof war etwa 200 Jahre alt und sehr verwittert und in der grossen Scheune war die Werkstatt von Shawn eingerichtet. Es roch nach Torffeuer, dem Meer, der Erde und nach Tieren, aber nicht unangenehm, der Himmel war wie immer in den letzten Tagen verhangen und es war düster – ganz ehrlich, ein bisschen spooky war es auch. In der Scheune empfingen uns zunächst einige Tierhäute, die da wie Landkarten aufgehängt waren. Und dann kam uns lächelnd Shawn entgegen, ein total irischer Typ. Bärtig und rustikal und herzlich und warm.

Wir kamen schnell in seinen Spielraum, er war gerade dabei eine Trommel zu bauen. Der Rahmen war aus dreilagigem Eichenfurnier, trotz dem harten Holz biegsam, weil es dünne Schichten sind, die noch ein bisschen flexibel sind. Und eine feine Ziegenhaut, die er gerade darüber gelegt hatte. „Die Trommel beginnt mit dem Tier, nicht mit dem Klang.“ So ging es los, ich hing ihm an den Lippen. Ich muss auch sagen: Wegen seinem sehr irischen Akzent, der mir immer noch eine hohe Konzentration abverlangt.

Shawn hatte in den Rand der Haut kleine Löcher gestochen und nun fädelte er mit dem feinen Lederfaden Stück für Stück ein.

Er sagte: „Das Trommelbauen ist eine Art Dialog zwischen mir und der Haut. Nicht zu fest, nicht zu schwach. Wir gehen eine Beziehung ein, ich muss mit allen Sinnen dabei sein. Hören, fühlen, sehen. Bitte seid ruhig, wenn ich nicht spreche.“ Wir sassen andächtig bei ihm und ab und zu gab er uns einen Einblick in das, was er tat.

Er führte die Schnüre kreisförmig um die Haut, um den Rahmen und dann ins nächste Loch. Es wurde nicht gezogen, es wurde wie ein Netz gewebt. Es war eine meditative Arbeit. Zwei die schauten, einer der etwas baute. Und so entstand ganz akkurat, ganz gleichmässig, eine schöne Form im Innen und Aussen der Trommel. Schliesslich begann das Spannen, Shawn sagte, das sei der wichtigste Part des Bauens: Ich wartete auf die Kraft. Auf den Moment, in dem er anziehen würde. In Irland wartet man oft vergeblich auf klare Übergänge.

„Man spannt nicht zuerst“, sagte er leise. „Man verteilt.“

Er spannte nicht gegen das Material. Er legte an.

Die Schnüre begannen ein Netz zu bilden, das noch nichts hielt. Das Fell bewegte sich, reagierte. Ich spürte, wie unruhig mich das machte. Ich kenne das Gegenteil. Ich kenne das schnelle Festziehen. Das schnelle Funktionieren.

Das Sich-Zusammennehmen.

„Die Haut hört zu“, sagte er. „Wenn du sie zwingst, vergisst sie.“

Er zog minimal an einer Schnur. Das Fell antwortete mit einem dumpfen Laut. Kein Klang, eher ein Erinnern. Dann an einer anderen Stelle. Immer weiter. Immer im Kreis. Nie an derselben Stelle zweimal. Nie dort, wo es am einfachsten gewesen wäre.

Die losen Enden standen in alle Richtungen.
Es sah aus wie etwas, das nicht abgeschlossen war.

„Warum schneidest du sie nicht ab?“ fragte ich zaghaft.

Er sah mich an, als hätte ich gefragt, warum man dem Wind befiehlt, stillzustehen.
„Weil es sonst reisst“, sagte er. Dann, nach einer Pause:
„Alles, was klingen soll, braucht Spielraum.“

Das Fell spannte sich. Es wurde tragfähig, ohne hart zu werden. Es begann zu halten. Er klopfte mit der Hand auf die Haut. Ein Ton, der nicht in den Raum ging, sondern in die Tiefe. Ich hatte das Gefühl, als hätte ich ihn schon einmal gehört. Lange vor mir.

„Die Trommel ist älter als das Lied“, sagte er.
„Sie erinnert den Körper an etwas, das er nie gelernt hat.“

Die Trommel war fertig.

Ich verstand:
Nicht alles, was hält, muss fixiert sein.
Nicht alles, was offen ist, ist verloren.
Manches bleibt nur ganz, weil es nachgeben darf und Spielraum hat. Wie wunderbar!

Und schliesslich spielte Shawn noch für uns. Auf einer anderen Trommel. Er schlug einmal fest. Dann sagte er: „Das ist die Einladung.“ Wir waren wach. Dann spielte er und wir lauschten und fielen in eine Art Begegnung. Wir drei in einem Raum und die Haut eines Tieres, das Geschichten erzählt.

Hatte ich erwähnt, dass Irland das Land der Geschichtenerzähler ist?

Nach einer Stunde und einem Tee gingen wir und wir schwiegen den ganzen Weg zurück. Weil wir ergriffen waren, unseren Gedanken nachhingen und irgendwie auch nach Hause gekommen waren in einen Ur-Rhythmus.

La vie est belle – einmal mehr, aber lieber wieder so wie Shawn spricht: Tá an saol go hálainn – Das Leben ist schön.

Von den öffnenden Blüten

Ich wüsste nicht, wie ich die Begegnungen der letzten Woche zum Erzählen auswählen sollte, denn ich hatte eine Fülle von grossartigen Menschen um mich herum. Bevor ich meinen kurzen Aufenthalt in Hamburg antrat, war ich etwas eingeschüchtert bei der Vorstellung, wieder unter viele Menschen zu gehen. Hier in Nordirland lebe ich die totale Einsiedelei, habe mit einigen wenigen Menschen Kontakt und versenke mich jeden Tag ins Schreiben, Lesen und Recherchieren.

Und dann ging es sofort los. In Belfast hatte ich den falschen Flughafen angesteuert und war in einen Strudel aus Stressmomenten gekommen. Trotzdem lachte ich mich kaputt. War ich ein Jahr durch die ganze Welt gereist, an den abenteuerlichsten Flughäfen abgeflogen, mit Kringeli-Schrift und Fremdartigkeiten und jetzt scheiterte ich daran, ob ich in der kleinen Stadt Belfast den International statt den City Airport gewählt hatte! Als ich durch die diversen Abschrankungen des Airports nicht heraus kam, half mir ein Mann vom Bodenpersonal. Er beruhigte mich auch. Legte seine Hand auf meinen Unterarm, sah mir (mit seinen wunderschönen blaublauen Augen!) in meine Augen und sagte: „Lady, just breathe a bit! Everything will be okay!“ Everything war dann auch okay. Auf dem Flug nach London traf ich eine spannende Frau, mit der ich munter plauderte und die ich gerne wieder sehen werde.

Und dann sammelte ich Juwelen. Die beiden Damen auf dem Flug nach Hamburg, eine Opernsängerin und eine Professorin für Nachhaltigkeit. Meine liebe Freundin seit 30 Jahren, die mich abholte. Und dann natürlich Xavier Naidoo, der uns alle mit einem grossartigen Konzert umhaute. Und ich lernte die neue Liebe meiner Freundin kennen, ein wahres Goldstück. Was für ein schöner Mensch! Wie sehr freue ich mich für meine Freundin, dass sie wieder so glücklich ist.

Zurück über London lernte ich einen Drehbuchautor kennen, der mich vollends verzauberte, über den ich zu gegebener Zeit einmal erzählen werde. Und dann zurück hier nach Portrush. Am Fenster stand mein Blumentopf und zeigte mir das erste Schneeglöckchen.

Schneeglöckchen waren für mich immer schon ein Symbol für das neue Jahr, ganz ehrlich, für mich beginnt das Leben erst, wenn sie aus dem Boden spriessen und mir zeigen, dass die lange kalte Nacht, der Winter, vorbei ist. Jetzt beginnt das Aufbrechen, das neue Leben. Auch für mich. In den kommenden Wochen heisst es, wieder in die südlichen Gefilde zu reisen. Nicht ohne mein eines Bein hier zu lassen. Nordirland bleibt mein „zweites Standbein“, das ist ganz sicher.

Ich habe viel über das Aufbrechen nachgedacht die letzten Wochen. Nicht nur, weil ich ein entsprechendes Buch geschrieben habe. Sondern weil ich sehe, was es mit Menschen macht, wenn sie es nicht tun. Dabei erinnere ich mich besonders an eine Managerin, die ich vor sehr vielen Jahren gecoacht habe. Sie war stahlhart. Undurchdringlich. Unzugänglich.

Weil ich damals gerne im Wald statt in der Praxis arbeitete, ging ich auch mit dieser Lady zu einem schönen Forst in der Nähe. Sie preschte sportlich voran und ich musste sie bremsen, wir waren nicht auf einem ihrer geliebten Marathon Läufe, sondern in einem kontemplativen Gespräch um in ihre Tiefe zu kommen. Sie verteidigte ihre knallharte Oberfläche und liess sich nicht ein. Da sah ich eine alte Baumnuss auf dem Boden liegen, die vom Herbst zuvor übrig geblieben war. Ich schüttelte sie, dann legte ich sie der Coachee in die Hand. Forderte sie auf die Nuss zu schütteln, die jetzt wie eine Rassel klang. Dann knackte ich sie. Die Frucht war winzig und stahlhart. Die Hülle natürlich auch. Ich zeigte ihr das Teil. „Wenn sich die Nuss nicht öffnet, oder nicht aufgebrochen wird, dann wird die köstliche Frucht schliesslich vertrocknen und ungeniessbar werden.“. Damit konnten wir arbeiten.

Wie ein Mantra könnte ich das 24/7 sagen: Raus aus der Komfortzone! Raus aus dem Bekannten! Raus aus dem Vertrauten! Trau Dich!

Auch ich hatte es mir hier in meinem Strandhaus wieder bequem gemacht und die selben kleinen Zirkel gezogen, als es so dunkel und kalt war. Und auch ich musste wieder ausbrechen aus meinen liebgewonnenen kleinen Routinen. Manchmal ist das schwer, weil es eben gerade so gemütlich geworden ist und man vertraut ist mit allem. Ich muss mich dann überwinden das zu verlassen. Aber ohne den Schritt nach aussen erweitert sich unser Blick, unser Geist, unser Leben nun mal nicht.

Bevor ich meine Reise antrat, haben mir viele gesagt es sei mutig, dass ich aufbreche und die Dinge hinter mir lasse. Wenn ich jetzt mit einem Erfolg zurück kehre, dann werden alle sagen: Es hat sich gelohnt. Würde ich aber nicht mit einem sichtbaren Erfolg zurück kommen, dann würden sie von Übermut reden.

Warum fürchten wir uns nur so sehr von dem Unbekannten, dem Neuen?

Ich habe in diesem grossartigen Jahr, dessen Bonusmonat ich gerade noch geniesse, so viele interessante Menschen und Orte gefunden! So viele neue wertvolle Freundschaften geschlossen, Ideen bekommen, Einblicke gehabt, Zauber erlebt. Ich könnte es gar nicht genug aufzählen oder gewichten. In seiner Fülle war es kunterbunt, fremd, tief und amüsant, schockierend, völlig absurd, gefährlich, magisch, aber vor allem bereichernd. Als ich zum Jahresende ein Resümee geschrieben habe, dachte ich, das war das beste Jahr meines Lebens. Ein Riesen Geschenk.

Vielleicht aber auch, war es „nur“ der Anfang. Das Schneeglöckchen ist aufgegangen und sagt mir klar und deutlich: Wart nur mal ab, es geht gerade erst los.


Weil:

La vie est belle – Das Leben ist schön!

Windrichtungen

Der Wind hat sich gedreht hier in Nordirland. In den letzten acht Tagen hatten wir steifen Nordwind, direkt aus dem Polarkreis. Auch mir wurde bewusst, dass ich jetzt wirklich im Norden bin. Ich habe sofort aufgehört mein Morgenbad im Atlantik zu machen. Denn: Nass aus dem Wasser raus, das ging gar nicht mehr. Alleine der Weg über den Strand wäre schon grauenhaft kalt gewesen. Natürlich musste ich auch über mich selbst lachen und mich als „Weichei“ beschimpfen, denn die Iren, die gehen bei jedem Wetter und jeder Temperatur noch schwimmen …

Es wurde alles ein bisschen ungemütlicher und vor allem wurde es krass kalt. Nach einer feuchten Nacht inclusive Nebel war am nächsten Morgen alles mit Eis glasiert. Wie eine dünne Schicht Lack sah das aus: Alles war eingefroren. Leider schaute ich nicht erst genau auf die Landschaft draussen, bevor ich das Haus verliess. Also zwei Schritte raus und es haute mich direkt der Länge nach hin. Knallhart der Boden… gut, dass ich mich nicht ernsthaft verletzte. Ich lag noch, als ein netter Mann auf mich zu schlitterte und mir helfen wollte. Aber ich winkte ab – er war ja selbst nicht sicher auf den Füssen! So kroch ich auf allen vieren zurück zur Haustür und blieb drinnen an dem Tag. Natürlich hoffte ich auch ein bisschen, dass kein Autofahrer in meinen Mini rutschen würde. Aber ich sah grundsätzlich fast niemanden draussen fahren oder gehen. Das wollte niemand riskieren.

Und jetzt drehte sich der Wind gestern. Der Himmel riss auf und zeigte sein schönstes Blau. Der Südwind war ganz lau, es wurden über 10 Grad und alle liefen wieder am Strand, ohne Mütze und Handschuhe wie die letzten Tage.

Auch für mich wird sich der Wind wieder ein bisschen mehr drehen. Morgen werde ich aus meiner Einsiedelei ausbrechen und von Belfast nach London und dann weiter nach Hamburg fliegen. Dort mit meiner Freundin auf ein lang ersehntes Konzert gehen mit tausenden anderen Menschen. Das macht mir ein bisschen Kopfzerbrechen. Auch wenn es nur für zwei Tage ist: Kann ich noch mit so vielen Leuten? Wie kann ich da ganz ruhig bleiben? Oder wird es mich überwältigen?

Wie gut, dass ich letzte Woche ein grossartiges Gespräch mit einem Shaolin Meister gehört habe. Shi Heng Yi. Das ganze Interview kann ich jedem ans Herz legen, der sich mal zweieinhalb Stunden Zeit nehmen will. Da sagt Shi, dass wir eben nicht zu sehr involviert sein dürfen in das Aussen und bei uns selbst bleiben müssen. Wie wohltuend, wenn man bedenkt, dass das eine echte Lösung sein kann. Ich weiss seit Jahren, dass der Verzicht auf TV und News mir gut tut. Bin ich doch einmal konfrontiert mit dem, was andere Menschen sagen, dann weiss ich, wie schnell es mich packt und ich meinen inneren Frieden verliere.

Aktuell zum Beispiel meint ein Komiker er könne sich ein Land zu eigen machen, das sich dafür gar nicht interessiert. Sehe ich die Schlagzeilen, ja leider, dann nervt mich das sofort und ich habe eine Meinung dazu, die mich in eine Emotion bringt. Aber was habe ich damit zu tun? Nichts. Kann ich daran etwas ändern? Nein. Kann ich dem Typen sagen er soll den Mund halten? Nein. Na gut. Ich kehre zu mir zurück. Denn mein Leben ist woanders. Um konkret zu sein: Im Moment an der Nordküste von Nordirland.

Wenn der Wind sich dreht, ist es gut, wenn man einen inneren Kompass hat, der uns den Weg zu uns selbst zurück weist. Und noch eins kann man machen: Man kann sich auch vornehmen, alles im Leben zu geniessen. Damit meine ich nicht das Lesen der News. Sondern: Wo bist Du gerade, wenn du mit den News konfrontiert wirst? Wer ist bei dir? Wie fühlst du dich?

Ich habe das Experiment gemacht. Habe den Laptop aufgeschlagen. Die Newsseite angesteuert (weil ich wissen wollte ob der Airport Hamburg wieder landefähig ist). Da sprang mir die Headline mit dem Komiker entgegen. Ich ärgerte mich, sofort. Dann klappte ich den Laptop zu. Spürte, dass ich bequem mit einer Tasse irischen Tee hier an meinem Tisch sass. Mit Blick auf den Atlantik. In meinem geliebten Irland. Beim Sturz hatte ich meine Balance etwas verloren aber heute ist alles wieder fein. Ich sah, was vor mir liegt. Auch die nächsten Tage. Wiedersehen mit meiner Freundin. Grossartiges Konzert. Endlich mal wieder deutsch sprechen in seiner schönsten Form. Abenteuer London am Donnerstag und Rückkehr hierher nach Hause am Donnerstagabend. Ach ja und das ausgedruckte Manuskript liegt neben mir.
Kein Komiker weit und breit in meinem persönlichen Lebensraum. Und Grönland – zu weit weg, um dort hin zu schauen.

Der Südwind ruft mich, ich fahre an den Strand.

La vie est belle! Das Leben ist schön.

Wie weiter?

Liebe Leser,

Ich habe mir eigentlich gedacht, dass ich diesen Blog einstelle. Acht wunderbare Jahre lang habe ich gebloggt.

Mit dem Fertigstellen meines ersten Buches und der ersten Kapitel des nächsten dachte ich: Vielleicht schreibe ich jetzt einfach mal ein bisschen epischer 😉

Und dann erreichten mich viele Nachrichten von meinen Abonnenten, die mich dringend baten, weiter zu schreiben. Und vor allem auch montags zu veröffentlichen, weil es ein köstlicher Start in die Woche sei. Eine schrieb sogar: „Denk nicht mal daran, damit aufzuhören!“ Also, na gut, dann denke ich halt nicht daran!

Die Themen werden allerdings nicht mehr die gleichen sein. Ich habe mein Land gefunden, in dem ich mein zweites Bein parkieren werde… und werde nicht mehr um die ganze Welt reisen. Und daher werde ich auch keine „fernen“ Geschichten mehr erzählen und die Begegnungen werden anders sein. Natürlich habe ich jetzt auch noch den Anspruch, dass sich nichts hier im Blog UND im Buch wiederholen soll. Weder in dem Manuskript, das ich Ende der Woche an meinen Wunschverlag schicke, noch im neuen Projekt.

Aber was ich Euch anbieten kann, sind Lebensgedanken. Neue Themen. Gedankliche Ausflüge. Natürlich immer! orientiert an dem was in der Woche passiert ist. Da ich eine Geschichtenerzählerin bin, wird mir der Stoff gewiss nicht ausgehen.

Und es wird bei „La vie est belle“ bleiben. Weil ich nicht damit aufhören kann, das immer wieder zu erwähnen. Das Leben muss unbedingt genossen und gefeiert, vor allem aber auch seine Schönheit gefühlt werden. Gerade in einer Zeit, wie wir sie jetzt gerade erleben.

Eine meiner Leserinnen hat mir vorgeschlagen, den Blog mit einem Sponsoring zu unterstützen. Sie hat einen grosszügigen Betrag angeboten. Ein bisschen „Schmiergeld“ liebste Sabine 😉 und das nehme ich zum Anlass, Dir, lieber Leser, auch anzubieten: Wenn es Dir etwas wert ist, dann darfst Du gerne einen Sponsoring Betrag an mich senden. Die Schweizer ganz einfach mit Twint, allen anderen würde ich Paypal (Konto: maren@adlerflug.ch) oder einen IBAN Auftrag empfehlen. Es ist kein Muss – sondern Du selbst entscheidest, ob und was es Dir wert ist. 52 Gedankensprünge im Jahr.

Ich freue mich, dass dieser Blog so vielen Menschen etwas bedeutet, dass Ihr so schöne Feedbacks gegeben habt und mit mir auch weiterhin das Leben feiern möchtet.

Ganz herzlich: Maren Simon

Das unsichtbare Netz

In der vergangenen Woche habe ich mein Manuskript redigiert und das war nicht so eine kleine Aufgabe, wie ich mir vorgestellt hatte. Da mussten etliche „Brückenkapitel“ geschrieben werden, die den Handlungslauf homogener machen und es war auch sehr viel Korrekturarbeit. Ich musste schmunzeln, als ich sah, welche Worte ich inflationär zu oft benutzt hatte: Schön – schrullig – Freiheit – eigensinnig. Die kamen so oft vor, da musste ich manchmal in die Synonym Trickkiste greifen.

Bei Durchsicht meiner Kapitel und auch manchmal sogar beim Schreiben schon, war ich sehr überrascht, wie sehr sich manchmal Dinge wiederholt hatten. Viele Geschichten bekamen ein Äquivalent zu einer späteren Episode, auch wenn die beiden scheinbar gar nichts miteinander zu tun hatten. Das war mir 2025 auch auf meiner weiten und langen Reise passiert. Es versetzte mich so sehr ins Staunen, dass ich etwas recherchierte. Und ich fand – auch Dank dem Tip eines Freundes – das hinduistische Indra Net das Juwelennetz. Es ist eine Metapher für die unendliche Vernetzung und Interdependenz des Universums: Ein riesiges unendliches Netz mit einem Juwel an jedem Knotenpunkt, wobei jedes Juwel alle anderen Juwelen reflektiert und in sich trägt, was die Einheit von Allem und die gegenseitige Abhängigkeit aller Erscheinungen symbolisiert.

Ich kann Euch dazu eine höchst merkwürdige Geschichte erzählen, die ich letztes Jahr erlebt hatte. Sie geschah auf Bali. Ich war dort in einem Yoga-Ressort, in dem ich unglaublich tolle Menschen kennenlernte. Abends sassen alle meist zusammen an einem grossen runden Tisch. Es wurden viele spannende Geschichten erzählt und gemeinsam genossen und gelacht. Gleich am zweiten Abend erzählten sie alle von einem Herrmann, einem Mann, den ich noch nicht kennengelernt hatte. Er war der Bruder der Besitzerin und besuchte die Gäste fast jeden Abend.

Am dritten Abend also erschien er und es war von Anfang an für mich eine merkwürdige Begegnung. Da schien ein unsichtbares Band zwischen uns zu bestehen, das ich nicht deuten konnte. Auf eine eigensinnige Art war er mir vertraut, obwohl ich ihn natürlich noch nie gesehen hatte. An einem der Abende kamen wir also ins sehr inspirierende Gespräch. Was ich spürte: Eine seltsame Anziehung und gleichzeitig einen komischen Widerstand, der aber nichts mit ihm zu tun hatte. Beim Abschied streifte er mir mit dem Zeigefinger über die Schulter. Ich kannte diese Geste! Und jetzt sah ich auch seinen Gang! Auch der: vollkommen vertraut.

Ich musste noch ein paar Tage beobachten und dann traf es mich wie einen Blitz. Er erinnerte mich an jemanden, an den ich mich nun wirklich nicht erinnern wollte. Ich nenne ihn hier mal: Meinen grössten Irrtum. Einen Mann, den ich schon viele Jahre aus meinem Gedächtnis zu verdrängen versuchte. Trotzdem war nach all den Jahren ein Rest Ärger immer noch in meinem Herzen übrig geblieben, wenn ich an ihn dachte. In Wahrheit konnte ich mir einfach selbst meinen Irrtum nicht verzeihen. Wir gingen auf Bali auch zu einige rituellen Zeremonien und in diesem Rahmen lief mir auch dieser Irrtum wieder über den Weg. Wie gerne wollte ich meinen Ärger, mich damals so getäuscht zu haben, vergessen.

Und nun sass Herrmann vor mir. Es erstaunte mich, wie ähnlich er meiner Erinnerung sah! Wie er sich bewegte, sogar seine Körpergrösse, sein Haar, seine Geschichte, seine Selbstsicherheit, sein musisches Wesen. Und schliesslich fand ich auch heraus: der selbe Geburtsmonat inclusive des Jahres. Das konnte doch nicht sein! Was aber ganz erstaunlich war: Den Irrtum hatte ich wegen den Eigenschaften gewählt, die dieses Exemplar hier auf wunderschöne Art auslebte. Ich war neugierig. Was sollte mir das sagen?

Bevor ich abfuhr aus Bali hatte mich Herrmann zu einem Essen in sein Haus eingeladen und weil ich immer noch rätselte, nahm ich das gerne an. Es regnete aus allen Eimern an dem Tag. Als ich aus dem Taxi stieg, sah ich ihn dort stehen, am Rande seiner Terrasse. Genau die selbe Haltung wie der Irrtum. Ich ging auf ihn zu und wir umarmten uns. Das selbe Gefühl. Er führte mich durch sein Haus, war charmant, witzig, geistreich. Und schliesslich standen wir vor einem riesigen Ölbild, das er selbst gemalt hatte. Mir wurde ein bisschen schwindelig, als ich es sah: Vor vielen Jahren hatte ich dem Irrtum ein Bild von Hermes, dem Götterboten, geschenkt. Dieses Bild hier sah ihm gespenstisch ähnlich, es war aber viel schöner und detailreicher gemalt. Ich war geflasht.

Und dann wurde es richtig eigenartig. Beim Essen gesellte sich Herrmann’s Freund zu uns. Ein total feiner Mensch, den ich sofort mochte. Und die beiden leben sehr harmonisch zusammen.
Wenn es etwas gibt, was den Irrtum, unter vielen anderen Gesichtspunkten, zu einem solchen machte, dann ist es auch, dass ich ihm immer unterstellte, dass er in Wahrheit eigentlich besser einen Mann an seiner Seite hätte. Plötzlich sass ich jetzt hier, im fernen Bali. Mit einem Mann, der alle guten Eigenschaften meines Irrtums verkörperte, wie er aussah, sich wie er anfühlte und dazu noch mit einem so freundlichen Mann zusammen war. Bald danach verabschiedete ich mich. Ich bekam es einfach nicht auf die Reihe, das musste ich erst mal verdauen.

Im Nachgang habe ich mir gedacht: Vielleicht gibt es ja mehrere Variationen von uns. In unterschiedlichen Leben. Auf unterschiedlichen Umlaufbahnen. Keinesfalls wollte ich mich da esoterisch hineinsteigern, aber es war auch zu deutlich, als dass ich es als Koinzidenz abstempeln konnte.

Könnte es sein, dass wir im Leben immer wieder gleiche Menschen anziehen? In unterschiedlichen Ausprägungen? Aber doch immer wieder die gleichen Begegnungen, aus irgendeinem Grund? Und dann noch die Muster, denen wir folgen. Die gleichen Dinge, die wir wählen, Fettnäpfchen, in die wir treten. Fehler, die sich wiederholen bis wir sie gelernt und verstanden und damit endgültig korrigiert haben? Den Fragen werde ich noch ein bisschen auf den Grund gehen.

Fakt ist: Herrmann war die um so vieles bessere Version des Irrtums. Ich bin dankbar, dass ich ihm begegnen durfte. Seitdem hat mein Herz Frieden. Die Erinnerung hat sich korrigiert.

Das Leben ist sonderbar ab und zu – oder eben auch wunderbar.
Na, nennen wie es eben beim Namen: La vie est belle – Das Leben ist schön!

In dem Moment, das ich diesen Blogbeitrag schreibe, sehe ich vor meinem Stubenfenster einen Regenbogen. Der Atlantik, Nordirland, das Land voller Magie und Wunder.

Das neue Licht

Ihr Lieben,

jetzt ist Zeit für Weihnachten. Auch hier bei mir in Nordirland, das auch jetzt, in der Weihnachtszeit, absolut zauberhaft ist. Noch immer gehe ich jeden Tag für einen schnellen Dipp ins eiskalte Meer, dann frühstücken mit Blick auf den Atlantik und später an den langen Strand von Benone um der Brandung zu zusehen und am endlosen Beach zu laufen.

Ich habe viel Glück, mein jüngerer Sohn kommt für Weihnachten nach Hause 🙂 Wir lieben Irland beide sehr und ich kann ihm dann all die herrlichen Orte hier zeigen und mit ihm gemeinsam geniessen.

Den älteren Sohn trage ich in meinem Herzen mit, er möchte leider nicht fliegen, ich lasse ihn seine Wahl treffen und verstehe es als ein Privileg, einen Sohn mit eigenen Regeln und Haltungen zu haben.

Bis Ende des Jahres wird mein Manuskript redigiert sein und ich werde es bei dem Verlag meiner Wahl einreichen, mit ganz viel Herzblut, dass sie es verlegen möchten. Daumendrücken gewünscht!

Ich pausiere den Blog bis Beginn des neuen Jahres, dann werde ich auch eine Antwort darauf haben, ob ich ihn weiterführe.

Ich wünsche Euch allen eine wunderschöne Weihnachtszeit und ein ganz und gar glückliches neues Jahr 2026!

Maren, das Glücksschwein!

Alastair

Im Sommer in der Ardeche hatte ich diesen Artikel gelesen: „Der Atlantik ist meine Therapie“ und ich hatte gestaunt und mich gefreut, weil der Atlantik auch mich schon so lange und intensiv begleitet. Der Bericht über Al Mennie hatte mich inspiriert und gelockt, ihm zu begegnen. Im Oktober würde ich in Irland sein, den ganzen Winter dort verbringen. Zu meiner grossen Freude sagte er zu. Nach einigen Wochen an der Westküste und schliesslich an der Causeway Coastline in Nordirland war es Zeit für eine Begegnung. Ich hatte sein neustes Buch „Night Swimming“ verschlungen und mich auf seiner Webseite in seine abenteuerliche Geschichte eingelesen.

Wie begegnet man einem Helden des Meeres? Ich wollte eine neue Geschichte bei Al finden. In den Presseartikeln, die seit seinem 14.Lebensjahr über ihn geschrieben wurden, war er eine Legende, voll von Superlativen. Ein Big Wave Surfer, der erste Ire der in einer Nation, die keinesfalls fürs Surfen bekannt war, die riesigen Wellen geritten hatte. In Nazare/Portugal, in Maverick die Monsterwellen bezwungen hatte und schliesslich den Virus nach Irland getragen hatte: Hier hatte er das Surfen etabliert, hatte in Mullaghmore, an den Cliffs of Moher, an der Nordküste von Irland gezeigt, was Big Wave Surfen war. Und er war mit einem Surfboard von Irland nach Schottland gepaddelt.

Schliesslich begann er in 2020 in der Nacht im Atlantik zu schwimmen. Zunächst für 100 Nächte in Folge, jede Nacht, im Winter, bei jedem Wetter. Eine Disziplin, die er noch immer einhält. Er hat einen schwarzen Gurt in MMA und viele athletische Ziele erreicht. Seine sportliche Geschichte ist beeindruckend und bringt einen zum Staunen.

Aber Al ist nicht nur ein Sportler der Sonderklasse sondern auch ein ganz besonderer Mensch. Wie schön kann man sich dem annähern, wenn man sein Buch „Escape“ liest und auch seine sensibel erzählten Kinderbücher, vor allem „Rise“, in dem es darum geht, wie der kleine Al als Junge den Traum hatte, einmal die grössten Wellen der Welt zu surfen. Ein Mutmacher, der auch Kinder dazu bringt, an ihre Träume zu glauben. Mit viel Disziplin, einem brennenden Herzen und riesiger Motivation hat er daran gearbeitet und seither mittlerweile jahrzehntelang alle seine Träume verwirklicht.

Ich treffe Al an einem Morgen, an dem wir mit seinem Hund Blyton einen kleinen Spaziergang machen wollen, um von den Klippen bei Mussenden Temple, oberhalb von Castlerock, seine Schwimmstrecke anzusehen.

Eigentlich hatten wir gewartet, bis der Regen etwas nachliess, aber auf dem Weg zurück regnete es in Strömen, das Wasser durchweichte uns in wenigen Minuten, der Hagel trommelte auf uns ein. Ich glitt etwas aus, seine helfende Hand hatte er in Sekundenschnelle zu mir ausgestreckt und dann wechselte er die Seite, um mich mit seinem grossen Körper etwas vom seitlichen Regen zu schützen. Schon da fällt mir auf, was für ein schönes Herz er hat. Al ist jemand, der sich hingebungsvoll kümmert, später werde ich das in vielen kleinen Gesten bemerken.

Ich muss ein bisschen schmunzeln, als er mir erzählt, dass in einer der letzten Nächte plötzlich eine Formation von Soldaten am Strand postiert standen. Er hatte sich gewundert, wer die Menschen waren, die da plötzlich am sonst immer menschenleeren riesigen Strand aufgetaucht waren. Schon bei seiner Geburt war so ein Phänomen aufgetreten. Am selben Tag war der Sohn eines hohen Politikers geboren worden, im selben Spital und das ganze Krankenhaus war mit Soldaten beschützt worden. Ich glaube ganz fest: Al wird beschützt. Im übertragenen Sinne. Denn seine sportlichen Aktivitäten sind von aussen betrachtet sehr gefährlich. Der Nordatlantik ist kein mildes Mittelmeer, vielmehr ein Ozean, der seine eigenen Gesetze hat. Man darf nicht vergessen: Er hat sich auch das „unsinkbare Schiff“ geholt. Der Atlantik reisst, tobt, schaukelt, spült, nimmt mit, wirft zurück. Ein bewegtes, wundervolles Biest.

Wie gut, das auch ein anderer auf ihn aufpasst: Der

Manannán mac Lir eine zentrale Figur der keltischen , Mythologie, ein Meeresgott, Herrscher der Anderswelt und mit der Insel Man verbunden, was sich in seinem Namen „Sohn des Meeres“ widerspiegelt; er ist ein Beschützer der Seefahrer, Krieger und nutzt übernatürliche Gaben und magische Gegenstände wie einen Nebelmantel (der Manannán kann sich unsichtbar machen, genau wie Al) und ein magisches Schwert (wenn das kein Symbol für einen Soldaten ist).

Aber Al geht nicht ins Meer um der Gefahr ausgesetzt zu sein. Er geht um ganz und gar zu leben. Das Leben intensiv zu erleben und zu erspüren und ganz mit ihm zu verschmelzen. Das Wort „intensiv“ ist in sein Herz eintätowiert. Und das spürt man, wenn man mit ihm zu tun hat: Er brennt.

Einen Abend später darf ich ihn zum Nachtschwimmen begleiten. Er hat es schön geplant, mich mit Sicherheit geführt, den Treffpunkt ausgemacht, mir Licht mitgebracht. Und dann sehe ich, wie er sich freut. Als wir zum Startpunkt des Schwimmens laufen, es ist eine herrlich dunkle Nacht, dreht er sich immer wieder am endlos weitem Strand, zeigt mir das spiegelnde Wasser im Zwielicht und die riesige Weite. Er jubelt, breitet seine weiten Arme aus und umarmt die Landschaft. Und dann geht er zum Meeressaum und verschwindet in der Schwärze des Ozeans. Gibt sich hin, verschmilzt. Ich laufe langsam zurück und stelle mir vor, wie es sich anfühlt, jetzt in der eiskalten Brandung zu schwimmen. Wie er durchzieht, sich in den Flow begibt und vom Meer ganz und gar aufgenommen wird.

Als er schliesslich wieder auftaucht, lässt er mich mit einem Pfiff aus seiner Trillerpfeife wissen, dass er wieder da ist, lange bevor ich ihn sehen kann. Er kommt aus der Dunkelheit zurück ins Licht, ist euphorisch und glücklich und ich bewundere ihn. Was für ein Abenteuer! Das kann ich so gut verstehen! Ich laufe neben ihm her und kann sein Glück sehen, das hier jede Nacht entsteht.

Wir fahren zurück vom Strand und ich drücke ihn zum Abschied. Sein ganzer Körper ist Kraft und Dynamik. Ich glaube, so eine Energie habe ich noch nie umarmt. Aber was auch zu fühlen ist: Al ist eine Seele von Mensch, aufmerksam, zugewandt, bewusst, caring und sensibel. In der Zwischenzeit hatte ich mehrere Gelegenheiten, ihn zu erkennen. Ich muss ein bisschen lächeln – in fast allen Berichten über ihn wird er als „Gigant“ dargestellt, immer bezieht sich das auf seine stattlichen Zweimeter Körpergrösse. Aber tief innen, da ist er noch viel mehr ein grosses Juwel.

Ich freue mich, dass ein Mensch wie Al sich schenken kann. Mit seinen Büchern, seinen Charity Projekten, der Arbeit mit Kindern und als Speaker gibt er etwas weiter, das er in der Freiheit des Meeres findet – die Liebe zum intensiven Leben.

Dass er mit dem Meer tanzt, wie er schreibt, kann man fühlen, wenn man ihm begegnet. Ich bitte Manannán darum, ihn immer wieder zu umarmen und zu beschützen, mit ihm zu spielen. Ihn aber auch immer wieder zurück ans Land zu bringen, damit die Menschen ihn geniessen können.

La vie est belle – Tá an saol go hálainn! Das Leben ist schön!

Www.almennie.com

Instagram: swimthroughdarkness und al_mennie

und hier noch ein Film: https://www.youtube.com/watch?v=AvFOP19XMTc

Belfast

Ich fand Belfast schon immer spannend. Lange bevor ich es jetzt das erste mal besuchte. Weil es eine Stadt ist, in der die grossen Schiffe gebaut werden, das Berühmteste wohl das „Schiff der Träume“ – die Titanic. Und es ist eine Stadt, die immer wieder, bis zum Karfreitagsabkommen, mit den Unruhen um Nordirland in Verbindung gebracht wurde.

Ich mag den Klang Belfast. Habe es viele hundert Male in irischen Songs gehört, kenne viele Bands aus Belfast. Es hat abends natürlich! die spektakulären Gigs und Livemusiker, die Stadt lebt. Sie im Dezember kennenzulernen heisst vor allem: Im Lichterglanz, mit dem grossen spektakulären Weihnachtsmarkt rund um die Kathedrale.

Und es gibt wirklich extrem bunte Menschen in Belfast, etwa 350.000 sind es inzwischen. Nachdem ich die letzten Wochen alle in einsamen Gegenden unterwegs war, war Belfast zunächst auch eine Challenge. Vor allem dort mit dem Auto unterwegs zu sein, in einem riesigen Gewimmel von Strassen in denen man mal links mal rechts fuhr, komplizierte Ampellandschaften und Kreisel und überall Menschen. Was für ein Abenteuer!

Nach dem Abend bei Tommy Fleming, der mich total verzaubert hatte, war ich gewillt Belfast einfach ganz und gar zu lieben und es grossartig zu finden. Und zu meinem Erstaunen war es das auch. Am Montag besuchte ich die Studios in denen die fantastische Serie „Game of Thrones“ gedreht wurde. Ging mit zwei Hand voll Serienfans durch die heiligen Filmhallen. Lernte dort Seamus und Ian kennen, zwei eingefleischte Fans und Mitarbeiter, die dort seit nunmehr 3 Jahren jeden Tag in den Linen Mills Studios die Fans begleiten. Wir fachsimpelten lange über die Charaktere im Hauptcast und sie waren erstaunt, dass ich ausgerechnet Theon Greyjoy als meinen Lieblingscharakter nannte. Das musste ich erklären und es entstand eine lebendige Diskussion über Helden und Charakterrollen. Ich hätte ewig mit den beiden reden können, schaute mir aber auch noch die original Kostüme, Requisiten und natürlich den eisernen Thron an, der eine eher schäbige Plastik Replique und leider unspektakulär ist.

Am Abend streifte ich durch die Pubs, hörte wirklich gute irische Musik im „Crown“, einer Bar aus dem 19. Jahrhundert das vollständig im viktorianischen Stil eingerichtet ist. Es war ein herrliches Nachtleben und das an einem Montagabend!

Am nächsten Tag fuhr ich in den Süden nach Newcastle, in die Mourne Mountains (die eher Hügel sind, aber das sage ich den Iren nicht). Immer der wunderschönen östlichen Küste entlang. Newcastle war ein Glücksgriff, ein kleines Küstenstädtchen mit riesigem Charme. Ich streifte durch den Hafen und die kleinen Läden und beschloss auf einen späten Lunch in ein kleines Cafe zu gehen.

Ich hatte mich kaum hingesetzt als eine ältere Lady um die 70 herein kam. Das Cafe war sehr voll und auch sie sagte der Kellnerin, sie sei alleine da. Ich bot ihr gerne an bei mir am Tisch zu sitzen. Die einzige normale Frage, die mir Jane stellte war: „Where do you come from?“ und dann ging es sofort los. Von 0 auf 100. Sie quetschte mich aus, hatte Sprachwitz und Esprit und wir hatten eine Unterhaltung, die ich niemals vergessen werde. Schon bald sprachen wir über irische Männer und sie holte so richtig aus und plauderte aus dem Nähkästchen. Wir lachten und lachten und sie war total schamlos und unglaublich witzig. Das Gespräch wurde so lebendig dass wir laut gröhlten und kaum mehr unser Mittagessen verzehren konnten. Eine köstliche Unterhaltung, die uns beide an ungeahnte Orte brachte.

Einmal lachten wir so laut, dass die Kellnerin kam und uns bat ein bisschen auf die anderen Besucher zu achten. Das amüsierte uns sehr, denn wir waren in etwas Ur-Irischem gelandet – einem Craic. Das ist das irische Wort für eine spassige und lustige Zeit, eine Unterhaltung in der man viel lacht. Mein erster Craic ever hatte eben stattgefunden. Als Jane ging beglich sie an der Kasse meine Rechnung ebenfalls, ohne mich das wissen zu lassen und dann kam sie und drückte mich fest an ihre ausladende Oberweite. Ich habe sie extrem genossen.

Als ich wieder auf die Strasse kam wandte ich etwas an, das mir Jane eingebleut hatte: Ich solle ganz genau geradeaus schauen und ja keinem Iren in die Augen sehen! Lieber einen Engländer wählen, statt einen Iren! Und eigentlich eh gleich am besten keinen Mann. Das wäre ja in den meisten Fällen in unserem Alter so „unappetitlich“ – ja, das Wort hatte sie wirklich verwendet! Ich starrte also geradeaus als wenn ich niemanden sehen würde und musste giggeln und schmunzeln als ich in den Hafen zurück lief. Trotzdem wurde ich von drei irischen Männern angesprochen und gegrüsst. Ich war sicher, dass Jane sie dazu angestiftet hatte.

Am Mittwochmorgen wurde ich dann noch am Frühstückstisch von einem spannenden Paar gefesselt mit denen ich zwei lange Stunden plauderte und wir tauschten uns unsere Eindrücke über Belfast und Nordirland aus. Ein wunderbares Gespräch, das einfach herzerwärmend und bereichernd war. Beglückt fuhr ich an der Küste zurück und hatte noch ein paar wunderschöne Landschaften vor Augen, gondelte zur Nordküste entlang den grossen Klippen namens „The Gobbins“ in der Grafschaft Antrim, in der auch mein derzeitiges Zuhause liegt.

Belfast war wunderbar – und vor allem waren es die Menschen. Wie überall in Irland wurde ich verzaubert und beschenkt, hatte viel Lachen und Staunen und konnte tief eintauchen in die irische Seele. Tommy’s Album „Songs of Hope“ begleitet mich auf allen Autofahrten und den langen Stunden, die ich am breiten Benone Strand verbringe. Was bin ich nur für ein Glücksschwein. Ich habe so lange auf meine „Magic Moments“ gewartet seit ich im Januar abgefahren bin. Hier bekomme ich sie jeden, jeden Tag. Mein Herz ist definitiv irisch und ich bleibe noch ein bisschen.

La vie est belle –
Tá an saol go hálainn! – Das Leben ist schön!


The Gobbins Cliff Path Larne Co Antrim Northern Ireland






































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Ich
fand Belfast schon immer spannend. Lange bevor ich es jetzt das erste
mal besuchte. Weil es eine Stadt ist, in der die grossen Schiffe
gebaut werden, das Berühmteste wohl das „Schiff der Träume“ –
die Titanic. Und es ist eine Stadt, die immer wieder, bis zum
Karfreitagsabkommen mit den Unruhen um Nordirland in Verbindung
gebracht wurde.


Ich
mag den Klang Belfast. Habe es viele hundert Male in irischen Songs
gehört, kenne viele Bands aus Belfast. Es hat abends natürlich! die
spektakulären Gigs und Livemusiker, die Stadt lebt. Sie im Dezember
kennenzulernen heisst vor allem: Im Lichterglanz, mit dem grossen
spektakulären Weihnachtsmarkt rund um die Kathedrale.


Und
es gibt wirklich extrem bunte Menschen in Belfast, etwa 350.000 sind
es inzwischen. Nachdem ich die letzten Wochen alle in einsamen
Gegenden unterwegs war, war Belfast zunächst auch eine Challenge.
Vor allem dort mit dem Auto unterwegs zu sein, in einem bunten
Gewimmel von Strassen in denen man mal links mal rechts fuhr,
komplizierte Ampellandschaften und Kreisel und überall Menschen. Was
für ein Abenteuer!

Nach
dem Abend bei Tommy Fleming, der mich total verzaubert hatte, war ich
gewillt Belfast einfach ganz und gar grossartig zu finden. Und zu
meinem Erstaunen war es das auch. Am Montag besuchte ich die Studios
in denen die fantastische Serie „Game of Thrones“ gedreht wurde.
Ging mit zwei Hand voll Serienfans durch die heiligen Filmhallen.
Lernte dort Seamus und Ian kennen, zwei eingefleischte Fans und
Mitarbeiter, die dort seit nunmehr 3 Jahren jeden Tag in den Linen
Mills Studios die Fans begleiten. Wir fachsimpelten lange über die
Charaktere im Hauptcast und sie waren fasziniert, dass ich
ausgerechnet Theon Greyjoy als meinen Lieblingscharakter nannte. Das
musste ich erklären und es entstand eine lebendige Diskussion über
Helden und Charakterrollen. Ich hätte ewig mit den beiden reden
können, schaute mir aber auch noch die original Kostüme, Requisiten
und natürlich den eisernen Thron an, der eine eher schäbige Plastik
Replique und leider unspektakulär ist.

Am
Abend streifte ich durch die Pubs, hörte wirklich gute irische Musik
im „Crown“, einer Bar aus dem 19. Jahrhundert das vollständig im
viktorianischen Stil eingerichtet ist. Es war ein herrliches
Nachtleben und das an einem Montagabend!

Am
nächsten Tag fuhr ich in den Süden nach Newcastle, in die Mourne
Hills. Immer der wunderschönen östlichen Küste entlang. Newcastle
war ein Glücksgriff, ein kleines Küstenstädtchen mit riesigem
Charme. Ich streifte durch den Hafen und die kleinen Läden und
beschloss auf einen späten Lunch in ein kleines Cafe zu gehen.

Ich
hatte mich kaum hingesetzt als eine ältere Lady um die 70 herein
kam. Das Cafe war sehr voll und auch sie sagte der Kellnerin, sie sei
alleine da. Ich bot ihr gerne an bei mir am Tisch zu sitzen. Die
einzige normale Frage, die mir Jane stellte war: „Where do you come
from?“ und dann ging es sofort los. Von 0 auf 100. Sie quetschte
mich aus, hatte Sprachwitz und Esprit und wir hatten eine
Unterhaltung, die ich niemals vergessen werde. Schon bald sprachen
wir über irische Männer und sie holte so richtig aus und plauderte
aus dem Nähkästchen. Wir lachten und lachten und sie war total
schamlos und unglaublich witzig. Das Gespräch wurde so lebendig dass
wir laut gröhlten und kaum mehr unser Mittagessen verzehren konnten.
Eine köstliche Unterhaltung, die uns beide an ungeahnte Orte
brachte.


Einmal
lachten wir so laut dass die Kellnerin kam und uns bat ein bisschen
auf die anderen Besucher zu achten. Das amüsierte uns sehr, denn wir
waren in etwas Ur-Irischem gelandet – einem Craic. Das ist das
irische Wort für eine spassige und lustige Zeit, eine Unterhaltung
in der man viel lacht. Mein erster Craic ever hatte eben
stattgefunden. Als Jane ging beglich sie an der Kasse meine Rechnung
ebenfalls, ohne mich das wissen zu lassen und dann kam sie und
drückte mich fest an ihre ausladende Oberweite. Ich habe sie extrem
genossen.

Als
ich wieder auf die Strasse kam wandte ich etwas an, das mir Jane
eingebleut hatte: Ich solle ganz genau geradeaus schauen und ja
keinem Iren in die Augen sehen! Lieber einen Engländer wählen,
statt einen Iren! Und eigentlich eh gleich am besten keinen Mann. Das
wäre ja in den meisten Fällen in unserem Alter so „unappetitlich“
– ja, das Wort hatte sie wirklich verwendet! Ich starrte also
geradeaus als wenn ich niemanden sehen würde und musste giggeln und
schmunzeln als ich in den Hafen zurück lief. Trotzdem wurde ich von
drei irischen Männern angesprochen und gegrüsst. Ich war sicher,
dass Jane sie dazu angestiftet hatte.

Am
Mittwochmorgen wurde ich dann noch am Frühstückstisch von einem
spannenden Paar gefesselt mit denen ich zwei lange Stunden plauderte
und wir tauschten uns unsere Eindrücke über Belfast und Nordirland
aus. Ein wunderbares Gespräch, das einfach herzerwärmend und
bereichernd war. Beglückt fuhr ich an der Küste zurück und hatte
noch ein paar wunderschöne Landschaften vor Augen, gondelte zur
Nordküste entlang den grossen Klippen namens „The Gobbins“ in
der Grafschaft Antrim, in der auch mein derzeitiges Zuhause liegt.

Belfast
war wunderbar – und vor allem waren es die Menschen. Wie überall
in Irland wurde ich verzaubert und beschenkt, hatte viel Lachen und
Staunen und konnte tief eintauchen in die irische Seele. Tommy’s
Album „Songs of Hope“ begleitet mich auf allen Autofahrten und
den langen Stunden, die ich am breiten Benone Strand verbringe. Was
bin ich nur für ein Glücksschwein. Ich habe so lange auf meine
„Magic Moments“ gewartet seit ich im Januar abgefahren bin. Hier
bekomme ich sie jeden, jeden Tag. Mein Herz ist definitiv irisch und
ich bleibe noch ein bisschen.


La
vie est belle – Das Leben ist schön!

The voice of Ireland!

Gestern habe ich den ganzen Abend geweint. Weil es eben einfach so schön war.

Als ich Tommy Flemming das erste Mal gehört habe, wusste ich sofort: Der singt sich die Seele aus dem Leib. Ich war völlig hin und weg. Seit vielen Jahren höre ich fast ausschliesslich irische Musik. Sie ist meine Seelenmusik, oft meine Therapie, immer mein „Aufsteller“. Und irgendwann erreichte mich auch „The Voice of Ireland“. Tommy ist ein Tenor, der ein breites Crossover aus traditioneller irischer Musik und neuen und alten Songs singt „die zu ihm passen und die er liebt“ – das ist seine Entscheidungsgewalt.

Wie durch einen Zufall geführt, hörte ich auch endlos Tommy zu, als ich in den vergangenen Tagen und Wochen durch Nordirland fuhr. Einer momentanen Intention folgend googelte ich, wo er lebt und ob es Konzerte gibt in der nächsten Zeit. Und zu meinem riesigen Glück gab es ein Konzert in der Nähe Belfast, wo ich mich gerade befinde. Also zweimal schnell geklickt und das Ticket war gesichert. Ich schrieb bei meiner Bestellung noch einen Gruss an Tommy’s Management und dass ich aus der Schweiz komme und Tommy schon ewig höre und bewundere. Ich bekam das Ticket und eine Einladung zum Meet-and-Greet backstage vor seinem Soundcheck. Was für ein Wunder!

Leider hatte ich nur ganz kurz Zeit mit ihm, aber wie sehr genoss ich, ihm ein paar Fragen stellen zu dürfen und ihn als Mensch wahrzunehmen. Warum er singt wollte ich wissen. Und er: „Ich singe seit ich winzig bin, ich habe gesungen bevor ich gesprochen habe. Mit 7 hatte ich meinen ersten Auftritt. Ich kann nicht anders, es muss einfach aus mir heraus. Ich muss meine Stimme herausschreien, weil so viel Liebe in mir ist für Musik.“ Ehrlich gesagt, ich habe noch nie jemanden gesehen, der seine Antworten so sehr körperlich ausdrücken konnte. Tommy legte eine Hand aufs Herz. Das hat er während des Konzerts immer wieder gemacht. Ich konnte fühlen was er da aus sich heraus explodieren lässt. Und nicht nur ich.

Wie alle Iren ist auch Tommy sehr gläubig und sagte, er habe diese unglaubliche Stimme als Gabe von Gott bekommen und er könne nicht anders, als sie zu geben. Und das trotz aller Widerstände.

Für Tommy aus dem abgelegenen Dorf Aclare in der Grafschaft Sligo war nicht immer alles eitel Sonnenschein. Wie viele andere auch beschritt er den Weg der verrauchten Hinterzimmer-Gigs, Wohltätigkeitsauftritte und rauen Festival-Tourneen, durchlebte schwere Zeiten und überlebte dank seiner Jugend, seiner Begeisterung und sehr wenig Geld, während er auf den schwer fassbaren „Durchbruch” wartete.

Resilienz ist eine starke Charaktereigenschaft. Tommy Fleming verfügt über diese Eigenschaft im Überfluss und hat sie schon oft genutzt, als seine Karriere ihm zu entgleiten schien. Ein Beispiel dafür ist die Zeit nach einem schweren Autounfall, bei dem Tommy sich aus dem brennenden Auto befreite, sich das Genick brach und eine Zwangspause einlegen musste. Tommy trotzte allen Widrigkeiten, konzentrierte sich auf seine Gabe und kehrte nach einer zehnmonatigen Pause zurück auf die Bühne, die er mit Leidenschaft und Engagement wieder in Besitz nahm.

Und noch ein Schicksalsschlag ereilte ihn. Seine Eltern starben beide innerhalb eines Tages, die Mutter am Morgen, der Vater am Abend. Tommy, der mit drei älteren Schwestern und in einer überaus glücklichen Familie aufgewachsen war, haute es völlig aus den Schuhen. Seine Trauer und Verzweiflung waren so gross, dass er drei Jahre nicht singen konnte. Seine Stimme wollte sich einfach nicht ausdrücken.

Dann kam er zurück. Er hatte einen Song geschrieben, der ihn immer wieder tröstete: „Good bye my old friend“ – und er beschloss, die Verzweiflung nicht mehr wegzudrücken sondern sie als seinen, vielleicht lebenslänglichen, Begleiter mitzunehmen. Auch gestern hat er den Song performed und kein Auge blieb trocken.

Um sich „neu zu fokussieren“, legte er eine Pause ein. Typisch für den leidenschaftlichen Tommy – nicht irgendeine Pause – keine zwei Wochen auf Mallorca für die Stimme Irlands, sondern sein kämpferischer oder vielleicht auch rastloser Geist veranlasste den enthusiastischen Tommy, eine sechsmonatige Pause einzulegen und sich GOAL als Aussendienstmitarbeiter im Südsudan anzuschließen.

Eine demütigende Erfahrung, die seine Überzeugung, das Leben aus einer „halbvollen“ Perspektive zu betrachten, nur noch bekräftigte. Nach seiner Rückkehr eroberte Tommy die irische und britische Szene wie ein Tornado, gewann an Kraft, als er durch die Konzertsäle fegte, sorgte für Furore in den USA und Japan, erreichte mit starkem Rückenwind die Küsten Australiens und hinterliess wie alle guten Stürme seine Spuren. Multi-Platin-Verkäufe – ausverkaufte Tourneen – Fernsehauftritte – Forderungen nach mehr – seine Shows, die sich in wenigen Jahren weiterentwickelt, vergrössert und gereift sind, werden nun von einer kompletten Band und einem Orchester begleitet.

Und doch ist er total bodenständig. Ich durfte nach dem kurzen Treffen, das ich jede Sekunde genossen habe, sein Konzert in der Kathedrale erleben. Er kam ohne Schnickschnack auf die Bühne am Altar, sang los, nahm die Menschen für sich ein und berührte – ganz sicher! – jedes einzelne Herz.

Wie berührend, als er „Hallelujah“ von Leonard Cohen sang … wir alle sangen den Refrain mit. Und dann passierte etwas Unglaubliches: Wir sassen in den Kirchenbänken und sangen mit vollen Stimmen den Refrain der Hymne und dann – legten wir alle unsere Arme um die Schultern der Sitznachbarn. Das war eine kollektive Geste, die ich so noch nie erfahren habe. Ich war tief beeindruckt. Tommy stand vorn und legte sich die Hände aufs Herz. Er erzählte, dass er in den letzten Wochen durch eine schwierige Zeit gegangen wäre. Er habe damit gehadert, ob er in Belfast singen könne. Aber jetzt wüsste er wieder, warum er all das macht, was da zusammen entsteht. Seine Dankbarkeit konnte ich deutlich in seinen Augen sehen. Ein tiefer, wunderschöner Mensch.

Tommy schenkt sich der Welt. Ganz und gar und ohne Rückhalt.

Wie oft kann man sich eigentlich verlieben?

Ich denke: Jeden Tag. Ins Leben.

Denn: La vie est belle – Das Leben ist schön.