….that’s where the light get’s in (Leonard Cohen)
In den vergangenen zwei Wochen hatte ich es mit Brüchen zu tun. Allen Formen davon. Auch Knochenbrüche, natürlich. Aber vor allem: Brüchen in der Vita. Ich war in einem Trainingscamp für Menschen, die Physio und Training brauchen um im wahrsten Sinne des Wortes wieder „auf die Füsse zu kommen“ und dabei begegnete ich – meist im Pool – einigen, die gebrochen waren an einem Unfall oder einer Krankheit. Ich reihte mich ein, wir schwammen jeden Tag nebeneinander. Und ich hörte so allerlei über die Brüche, die das Leben meinen Mitschwimmern zugemutet hat.
Einer erzählte von einem Motorradunfall. Eine andere von einem Schlaganfall.
Ein älterer Mann sagte fast nebenbei: „Laufen lernt man mit siebzig noch einmal.“
Und ich muss auch an andere Brüche denken. Die „Ab-Brüche“ an den Klippen in Irland. Viele viele Stunden habe ich mir die angesehen und sie bewundert.

Auch die Menschen, die ich dort traf und die meine Freunde wurden, waren von „Wind und Wetter“ gezeichnet. Es gab nicht viel Rosarot und Zuckersüss, dafür ist das Land zu herb.
Irland hat in seiner Literatur und Musik etwas, das Schmerz nicht sofort reparieren will. In vielen irischen Liedern, Gedichten und Geschichten dürfen Trauer, Sehnsucht und Humor nebeneinander existieren. Niemand sagt: „Jetzt reiss dich zusammen.“ Stattdessen heisst es eher: „Setz dich ans Feuer. Erzähl.“
Vielleicht ist das der Grund, warum so unterschiedliche Menschen auch dort etwas finden, das sie anderswo vermissen. Nicht, weil Irland frei von Problemen wäre – ganz im Gegenteil –, sondern weil es kulturell eine lange Tradition hat, den Brüchen des Lebens einen Platz zu geben.
Manche Menschen versuchen ihr ganzes Leben, ihre Brüche zu verstecken.
Andere lernen, sie zu überschminken, zu verleugnen, zu verschweigen und zu verdrängen (wie überaus unklug, sie kommen immer zurück). Und dann gibt es jene wenigen, die aus ihnen Kunst machen.
Brüche sind keine Unterbrechungen des Lebens. Sie sind die Stellen, an denen das Leben seine Richtung ändert.
Fast jeder Mensch erlebt sie: Eine Krankheit, einen Unfall, den Verlust eines Menschen, eine Scheidung, das Scheitern eines Traums, Verrat, Schuld, das Älterwerden.
Wir nennen sie Brüche, weil etwas nicht mehr so weitergeht wie zuvor. Aber vielleicht ist genau das ihr Sinn.
Nicht jeder Bruch macht einen Menschen weiser. Manche machen ihn bitter.
Manche machen ihn hart. Aber manche öffnen eine Tiefe, die vorher nicht da war.
Da ist meine Verbindung zu Irland: Viele Menschen lieben Irland nicht nur wegen seiner grünen Hügel (die gibt es in der Schweiz auch, zuhauf!)
Vielleicht lieben wir es, weil dort die Brüche des Lebens nicht versteckt werden. Weil in den Liedern die Trauer mitsingen darf. Weil der Wind nichts glättet.
Weil Geschichten dort Narben tragen dürfen.
Wir verbringen so viel Kraft damit, heil erscheinen zu wollen. Dabei berühren uns fast nie die makellosen Menschen. Es sind die Gebrochenen, die den Mut gefunden haben, sichtbar zu bleiben.
Das erinnert mich an etwas, das der japanischen Ästhetik des Kintsugi nahesteht: Zerbrochene Keramik wird nicht versteckt, sondern mit Gold repariert. Nicht, weil der Bruch schön wäre, sondern weil er zur Geschichte des Gefässes gehört.
Ich hüte mich, immer nur zu sagen, dass der Bruch an sich etwas Gutes ist, ich möchte das nicht romantisieren, dafür fand ich es selbst auch stellenweise zu traumatisch. Niemand wünscht sich einen Unfall, eine schwere Krankheit oder den Verlust eines Menschen. Der Bruch ist nie das Geschenk. Die Art, wie wir ihm begegnen, kann eines werden.
Und dann musste ich wieder an einen meiner Lieblingsorte denken: die irische Küste.
Die Klippen an der Westküste Irlands sind wegen des Atlantiks so beeindruckend. Millionen von Jahren haben Wind und Wellen an ihnen gearbeitet, sie aufgerissen, geformt, ausgehöhlt. Gerade diese Risse, Kanten und Abstürze machen ihre Schönheit aus.
Vielleicht gilt das auch für Menschen.
Nicht jeder Sturm veredelt uns. Manche hinterlassen Wunden, die lange schmerzen. Aber wenn wir ihnen nicht ausweichen, sondern sie in unsere Geschichte integrieren, entsteht etwas, das glattere Lebensläufe oft nicht hervorbringen: Tiefe.
Nach zwei Trainingswochen laufe ich nun aufrechter. Nicht nur körperlich. Auch deshalb, weil ich meine Geschichte neben die Geschichten der anderen stellen durfte. Mein Bruch erscheint dadurch nicht kleiner – aber anders. Er hat mich gezwungen, das zu überprüfen, was ich seit Jahren weitergebe. Kann ich selbst leben, wovon ich spreche? Kann ich annehmen, was ist, statt nur darüber zu reden? Vielleicht war genau das die eigentliche Lektion dieser Wochen. „Walk your talk“ ist für mich wesentlich. Ich hab meine Prüfung bestanden.
Vielleicht werden manche Brüche erst im Rückblick zu den Orten, an denen wir uns selbst wirklich begegnen.
Denn: La vie est belle – Das Leben ist schön!
















