Am Samstag ging’s wieder los mit der weissen Pracht. Die Tage vorher waren sonnig und schön und der Frühling protzte üppig mit seiner Kraft. Alle Knospen brachen auf, die Blumen explodierten auf den Wiesen. Die ganze wilde Kraft der auflebenden Jahreszeit zeigte ihre Gier und ihre starke Ladung in der Natur. Und kaum angekommen drängten alle nach draussen. Die Köpfe der Patienten gingen nach oben, die Wirbelsäulen streckten sich, der Gang wurde dynamischer oder leichter. Auch bei mir. Und dann: Schneite es. 30 Zentimeter über Nacht. Alles war zugedeckt, eine bewegte Wolkenwand machte alles dunkel und dramatisch.
Was tun wir bei einem Rückschritt? Fast immer sinkt man zurück. Auch ich dachte: Es geht einfach nicht (nicht genug, nicht schnell, nicht signifikant) voran. Die Ebbe hatte mich wieder erreicht. Und dann dachte ich, wie sehr ich die Ebbe in Nordirland geliebt hatte. Fast immer hatte das Meer bei Ebbe eine riesige Menge an wunderschönen Muscheln und Wellhornschnecken zurück gelassen. Ich war bei Ebbe gerne am Benone Strand spaziert und hatte die Weite und Leere genossen. Meine Seele war ruhig geworden. Hatte geatmet, ganz oft ausgeatmet und manchmal auch wieder aufgeatmet. Denn: Die Flut hatte ja immer krass aufgewühlt. Mich beherrscht und aufgeregt und immer hatte sie nach Aktionen gerufen: In die eiskalte Brandung springen. Ich hatte den Surfern zugesehen wie sie auf den Wellen tanzten und den Möwen, wie sie im Aufwind segelten und Kapriolen schlugen.
Aber jetzt war Ebbe. Nicht an meinem Strand. Sondern hier erstarrte die Welt im Schnee. Alles wurde schlagartig langsam. Ich auch. Den ganzen Sonntag ruhte ich. Alle anderen auch. Die Flure waren gespenstig leer. Die Welt erstarrte.
Nichts für mich, da ich die Welt des bewegten Windes liebe. Das Fortgehen, das Wehen, das Mitschwingen.
Was tun wir, wenn die äusseren Umstände uns zur Ruhe zwingen?
Puh. Ich atme. Ich nerve mich. Dann beruhige ich mich. Hingabe heisst nicht Aufgeben. Hingabe heisst: Mit den Dingen fliessen.
Das bekannte Zitat von Anne Morrow Lindbergh über Ebbe und Flut aus ihrem Buch „Muscheln in meinem Sandkorb“ lautet:
„Wir haben so wenig Vertrauen in die Gezeiten des Lebens, der Liebe, der Beziehungen. Wir jubeln der steigenden Flut entgegen und wehren uns erschrocken gegen die Ebbe. Wir haben Angst, sie würde nie zurückkommen“.
Das Leben verläuft in Wellenbewegungen, vergleichbar mit den Gezeiten. Sowohl die „Flut“ (positive, produktive Phasen) als auch die „Ebbe“ (ruhige, schwierige oder leere Phasen) gehören zum natürlichen Rhythmus. Oft wird die Ebbe fälschlicherweise als endgültiger Verlust statt als notwendige Übergangsphase gesehen.
Ich erinnerte mich daran und akzeptierte das veränderte Tempo. Stand wieder gerade. Hörte ruhige Musik. Sagte mir: Das gehört zum Prozess. Anspannen – Entspannen. Das hatte ich schon tausende Male gemacht. Der Widerstand war das Problem, nicht der Prozess. Also: Weiter machen. Aushalten. Durchatmen. Durch das Tal hindurch und am Ende wieder nach oben.
Ein Schritt nach dem anderen.
Wenn Du also gerade das Tal spürst. Wenn die Ebbe kommt. Der Schnee. Der Winter zurück kehrt obwohl wir doch gerade noch am Aufblühen waren. Dann: Langsam werden. In die Tiefe wachsen. Nochmal Anlauf nehmen.
Diesen Blog schreibe ich auch für „Lucky“. Am Ende des Verharrens und Abwartens und genervten Ebbelebens wird – der Sprung stehen. Ins Leben. Blüh auf!
Siehe da: Der Schnee ist geschmolzen. Die Sonne strahlt. Das Leben ist wieder da.
Ich mache noch 100 Beinpressen. Jetzt gleich. Die Beine wollen wieder tanzen.
La vie est belle! Das Leben ist schön!



















