Es war mein erster Tag in der Reha. Ich kam mit dem Rolli aus dem Lift und da ging die Tür meines Zimmernachbarn auf. Ich starrte ihn an und war völlig verblüfft. Obwohl dieses Exemplar hier etwa 20 Jahre jünger war als mein Freund Al aus Irland, so sah er ihm frappant ähnlich. Ich starrte so „laut“ dass er nun auch mich irritiert ansah und ich fragte ihn (auf englisch….) wie er heisst. Er sagte: „Alec. Aber Du kannst mich auch Al nennen!“
Wäre ich nicht ohnehin gesessen, so hätte es mich von den Füssen gerissen. Das gibt’s doch nicht! Ich sagte ihm, ich müsse unbedingt mit ihm sprechen, zeigte ihm ein Bild vom Surfer-Al und jetzt wollte er auch alles wissen. Zwei Stunden später sassen wir zum Kaffee auf der Sonnenterrasse und froren uns ein bisschen die Nase ein.
Alec sagte, er sei aus allen Himmeln gefallen. Dahinter verbarg sich eine besondere Geschichte. Ende Oktober war er bei guter Thermik von einem der Churfirsten Gipfel gesprungen. Es war ein grandioser Tag zum Gleitschirmfliegen und er war auch nicht alleine am Himmel. Für eine sehr lange Zeit schwebte er, kam schliesslich aber leider in einen Luftwirbel und ein Teil seines Schirms klappte ein und liess sich nicht mehr entwirren. Jetzt ging es rasant nach unten und er drohte vollends abzustürzen. Gerettet hat ihn schliesslich zunächst eine sehr hohe Tanne, die den Sturz verlangsamte und nun knallte er zwar dennoch auf dem Boden auf, aber brach sich „nur“ beide Beine, die Knie, die Füsse. Er war zwar bewusstlos wegen der schweren Schmerzen, aber im Spital war bald klar, dass es keine organischen Schäden gab und alles oberhalb der Hüften intakt war.
Dennoch legte man ihn in ein künstliches Koma und viele Operationen folgten. Nun ist er seit Beginn des Jahres hier in meiner Rehaklinik und leicht ist es nicht. Denn er geht zwar auf Krücken, aber er hat ja kein gutes Standbein und ist auf Arme und Oberkörper angewiesen.
Ich fragte ihn bald immer tiefer. Spannend, dass Alec kaum Mitgefühl bekommt. „Selbst schuld“ hört er oft, weil Paragleiten eben ein Risikosport ist und bei vielen Menschen das Verständnis dafür fehlt. Wir kommen auf unsere Besuche, unser Umfeld und auch Mitpatienten zu sprechen. Alec’s Unfall stösst auf wenig Verständnis. Er will ja entschieden weder Mitleid noch eine Opferrolle. Aber dennoch erschreckt es ihn, wie kühl und distanziert die Menschen werden, wenn er erzählt warum er seinen persönlichen langen Weg zurück ins Leben macht, wie alle hier.
Wir reden und reden und kommen bald an einen sensiblen Punkt. Wie wir das Geschehen empfunden haben, als wir wussten, hey, jetzt ist das Leben wohl gleich vorbei. Das hatten wir beide. Er, als er aus dem Himmel fiel, ich, als das Auto in mich reindonnerte. Für jeden von uns gab es den Moment, als wir dachten: Das war’s. Jetzt schaltet uns jemand gleich das Licht aus
Wir wurden immer stiller und unmerklich hielten wir die Luft an, als wir darüber sprachen. Nicht, dass wir das tragisch genommen hätten. Alec könnte vom Alter her mein Sohn sein. Aber wir waren beide bereit gewesen, jetzt abzufliegen. Trotzdem hat sich dieser Moment, bei mir nur einige Sekunden, bei ihm Minuten, eingeprägt. Weil das Leben plötzlich sehr scharf wurde, glasklar und extrem präsent. Keine Angst, kein Bedauern, nur Wahrnehmen: Aha! So passiert das also und es passiert jetzt.
Für uns beide war es eine riesige Überraschung, dass es eben doch nicht so war. Dass das Leben weiter ging, dass unser Herz weiter schlug. Dass es offensichtlich noch zu früh war, um abzudanken. Wir mussten ein bisschen verhalten schmunzeln. Inzwischen waren wir in der Patientenlounge. Er hatte beide Beine auf einen Hocker gelegt, ich meines ausgestreckt. Wir sassen ungemütlich, immer wieder die Haltung ausgleichend um dem Schmerz zu entkommen. Zwei havarierte Helden. Zwei Wracks. Aber mit einem riesigen Lächeln auf dem Gesicht.
Wir hätten beide keinen Wake-up-call gebraucht. Ich war jubelnd und überglücklich nach einem grandiosen Jahr auf der Rückreise aus meinem geliebten Irland. Er hatte eben noch laut gejuchzt, weil das Schweben im sonnigen Himmel und die Aussicht auf das Plateau der Berge so wunderschön war. Wir waren und sind intensiv am Leben. Ich sagte ihm, dass ich beschlossen hatte, die WARUM Frage partout nicht zu überdenken.
Trotzdem bleibt etwas, bei beiden, ganz intensiv: Wir waren an der Schwelle und wurden zurück ins Leben geschubbst. Jetzt gilt es zu überdenken: Was machen wir mit dem ganzen Rest dieses köstlichen Lebens? Was ist unser Herzenswunsch? Wohin will das Leben uns führen? Ich denke, es bleibt spannend.
Es ist egal, ob man diese Erfahrung gemacht hat oder nicht: Das Leben ist kostbar und muss unbedingt gelebt und genossen werden, solange noch Zeit dazu ist. Das möchte ich mit diesem Blog nochmals erinnern. Jeder Moment ist kostbar. Es ist immer Deine Wahl, ob Du es so siehst oder dieses wertvolle Geschenk an Dir vorbei ziehen lässt.
Denn: La vie est belle – Das Leben ist schön!
Ich widme diesen Blog Post auch meinem lieben südtirolerischen Adler Martino. Und allen, die das gerade hören mussten.























