Die Hürde

Es ist ziemlich lange her, dass mir dieses Tierchen das erste Mal begegnet ist. Vielleicht fünf Jahrzehnte oder mehr. Da sprach jemand davon, den inneren „Schweinehund“ zu überwinden. Ich wurde hellhörig: Was ist denn das für ein Tier? Ein Schweinehund? Ich war irritiert, den hatte ich noch nie irgendwo gesehen…

Erst später verstand ich. Und begegnete ihm auch von Zeit zu Zeit. Aber nicht zu oft, weil der Typ mir suspekt vorkam. Und ich entschieden hatte: Ich wollte stattdessen ein Glücksschwein sein. Dafür würde ich jede Extrameile gehen müssen. Gegen jeden Widerstand, gegen jede Unlust und vor allem – ekelhaft weit aus der verführerischen Komfortzone würde ich gehen müssen, das hatte ich jetzt vollends kapiert.

Es wurde bisweilen hart. Das Tier kam in allerlei Verkleidungen auf mich zu. Auch in Form von schönen Männern, die mir gerne im Weg standen. Oder getarnt als vernünftige Entscheidungen. Ich weiss noch, dass es einen Song gab, der das ganze Fiasko beschrieb: „Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund.“ das war ein Schlager, den jeder mitzusingen schien.

„Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund
Die Sonne brennt dort oben heiss…
Wer so hoch hinaus will, der ist in Gefahr
Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund
Glaub mir, ich mein es gut mit dir
Keiner hilft dir dann, ich weiß es ja
Wie′s damals bei mir war.“

Für sehr viele Jahre habe ich den Song meinen Coachees vorgespielt als ultimative Verführung, denn die Melodie des Liedes war von Ralph Siegel, einem Komponisten der seichten Art, eingehend und mit den richtigen Beats versehen, die alle in den Bann nahm. Viele Jahre habe ich gesehen, wie sich die Menschen da mitreissen liessen und mitsangen! Ich habe das Lied vom ersten Moment an gehasst.

Und dann kam er wieder, das Fabeltier, der Schweinehund und wollte, dass ich gemütlich werden sollte. Nicht so weit hinauf. Nicht weiter machen, lieber im gemütlichen Strom schwimmen, lieber mit der Masse, nicht heraus stechen, nicht Einzelgänger sein. Nicht andere Leute brüskieren, weil man eigenwillig war. Denn: Fast alle scheiterten am Schweinehund. Er erschien – und man folgte ihm. Blieb sitzen, ging nicht trainieren, hatte keine Lust etwas durch zu ziehen, musste nicht auf dem Instrument üben. Nicht lernen, lesen, streben. Lieber mit den anderen zocken – oder hängen. „Chill’s mal“ hiess es dann. Ich hörte das von überall. Auch von meinen Söhnen, wenn ich mal wieder heiss lief.

Ich war nie gemütlich. Das schlimmste Wort überhaupt für mich.

Jetzt bin ich in der Reha. Ich sitze im Rollstuhl oder klemme mir die Unterarmstützen unter die Ellebogen und schleppe mich voran. Das Bein brennt und schmerzt wie d’Sau (um in der Schweinefamilie zu bleiben). Jeder Schritt, jede stechende Muskelübung braucht bisweilen Überwindung. Auch von mir. Es gibt Momente da möchte ich einfach im Bett liegen und zaubern dass das alles vorbei ist. Dann sagen die Pflegenden oder Ärzte hier auch gerne: „Sie müssen sich auch ausruhen. Das gehört zur Heilung“. Wann kippt das Ausruhen in das Gehege des Schweinehunds und man steht nie mehr richtig auf?

Das Training findet in Gruppenräumen statt und jetzt beobachte ich den Schweinehund. Der sitzt auf jedermanns Schulter und sagt: hey, nicht zu viel. Auf keinen Fall die Gewichte hoch nehmen, nein, nicht noch ein 10er Set. Hey, chill’s mal, immer mit der Ruhe. Aua, das tut weh, nicht weitermachen. Ich sehe wie die Patienten sich selbst betrügen. Sie ziehen ein paar mal an dem weichen Terraband. Möglichst dem gelben, maximal mit dem Roten. Das mit dem weichen Widerstand. Sie halten das Band vor sich hin, ziehen, drei, vier, fünf Mal. Die Trainerin dreht sich zu einem anderen Patienten. Dann schnaufen sie. Hören auf zu üben. Vielleicht noch zwei, dreimal. Die Trainerin kommt und fragt: „Haben Sie es geschafft?“ Sie nicken. So sehen also drei Sets aus fünfzehn Wiederholungen aus.

An anderer Ecke, im Panorama, im Trainingssaal mit den vielen Geräten, da ist es noch schlimmer. Sie hängen in den Geräten. Schnaufen. Entspannen, warten, dass die Zeit vorbei geht. Bewegen sich ein bisschen. Nennen das Studio “Folterkammer“. Ich möchte es Heilungsraum nennen. Mache mehr Wiederholungen, mehr Gewicht. Ich zahle dafür, alles tut mir weh, nicht nur mein zerschmettertes Bein. Aber es lohnt sich auch. Meine Schultern sehen aus wie früher. Ich flitze mit dem Rolly und quietsche: „Let’s go Paralympics!“ Leider findet das kaum jemand amüsant. Ich nerve die, die sich verbündet haben mit dem Schweinehund. Ich meide ihn wie meinen grössten Feind. Es kostet alles. Vor allem Kraft.

Was mich motiviert: Mein ehemaliger Coachee, der Mr.Universe in Spe, Fabian. Mein Coachkollege Beat, der Eisbader. Ich denke an die taffe Jill. An die sportliche Jacqueline und Beat, den Zahnarzt auf dem Velo durch die Alpen. Ich denke an meinen älteren Sohn, der nachts über den Gotthard läuft wenn es ihm langweilig wird, ein Super-Siech. An meinen jüngeren Sohn, der endlose Stunden für seinen Traumjob arbeitet. Vor meinen inneren Augen erscheinen die Menschen, die ich kennenlernen durfte und die ihrer Leidenschaft folgen und streben, sich etwas abverlangen, nicht aufgeben. Ich will das auch nicht – aufgeben. Der verdammte Schweinehund. Er kann mir gestohlen bleiben, ich ringe jeden Tag mit ihm und er mit mir. Das macht keinen Spass. Keinen Spass. Sagt die hedonistische Seite von mir. Jammert der Schmerz in mir. Mein Widerstand gegen das was es verlangt ist wolkenkuckuckshoch.

Ich raste kurz. Schüttle meine Arme, drehe meinen Rücken entspannend in alle Richtungen. Schleppe mich unter Weh und Ach in die Dusche. Fluche manchmal wie ein Berserker. Der verdammte Schweinehund. Soll wo anders wohnen und es sich dort gemütlich machen. Ich werde niemals auf ihn eingehen.

Ich bin ein Glücksschwein! What else! Der Preis ist hoch. Ich zahle.

Und bei all dem darf man ja nicht vergessen: Das Leben ist schön! Schön! La vie est belle.

Leitstern

Heute war es dann endlich wieder so weit. Ich sass auf der Terrasse im schönsten Panorama und Sonnenschein. Hatte die AirPods auf den Ohren und Tommy Flemming säuselte mir mein irisches Herz voll mit Peosie. Lautstark sang ich mit. Jetzt wusste ich: Ich bin auf dem Weg der Besserung. Dreieinhalb Wochen war ich verstummt. Der Unfall war schockierend, die Landung auf dem harten Boden wirklich brutal.

Ich hatte mir vorgenommen nicht zu jammern. Weder über die Entwicklungen, die ich nicht eingeladen hatte zu kommen, noch über die zerstörerischen Schmerzen. Eine Handvoll Schmerzmittel, Tag für Tag. Opiate die meinen Kopf durcheinander machen, Schwindel und Seufzen.

Aber dann kam mein Geburtstag und eine Liebeslawine entlud sich über mich und mummelte mich ein. Wie schön!

Was aber wirklich half: Als ich heute morgen meinen Schmuck abnahm für die Dusche sah ich dieses Schmuckstück aus Portstewart an. Ich hatte es im Dezember bei einer kreativen irischen Lady gekauft. Sie sagte es sei der Leitstern und das Rund, das entsteht, wenn man ihm folgt. Meinen Leitstern hatte ich gefunden an den weiten Stränden von Nordirland. Mein Rund aber war aufgegangen als ich aus dem dem siebten Himmel stürzte. Es ging zu schnell. Es war zu elementar.

Drei Wochen habe ich mich mit dem Neuen arrangieren müssen. Es war nicht schwer. Ich war neugierig dran gegangen und ich war dankbar. Dann kamen Freunde und meine Söhne in die Kliniken. Die Ärzte gaben ihr Bestes um mein Bein zu retten. Die Versicherung war freundlich. Der Ton mit der Polizei in Irland auch. Alles tat ein kleines Puzzlestück dazu, mich dem Leben wieder anzuvertrauen. Und schliesslich begegnete ich noch einem meiner Jersey Adler, der hier hoch in die Rehaklinik fuhr und mit dem ich über Schicksalsschläge und (Über)-leben sprechen konnte. Auch er hatte ein bewegtes Leben und das letzte halbe Jahr hat ihn über alle Massen heraus gefordert. Er wurde – wie ich – brutal aufgehalten von dem Fluss, den das Leben genommen hatte. Aber wir waren beide einig: Wären wir beide Katzen, dann hätten wir schon viele der 7 Leben aufgebraucht. Aber vielleicht haben wir ja auch noch eins übrig.

Ich schaue die Kette noch mal an – der Leitstern. Das Rund.

Nach vielen Wochen der eingefrorenen Stimme hat sie heute wieder gesungen: Meine mit der von Tommy. Und ich schloss die Augen und träumte mich zurück nach Downhill, Castlerock, Benone, Ballintoy, Inishowen. Zurück an den Strand, den Meeressaum, zu den Wellhornschnecken, den Muscheln, dem Wind, den Regenbögen, den Polarlichtern. Ich weiss, wo mein Leitstern ist. Ich bin sicher und zuhause wenn ich meine irischen Herzens-Vibes spüre. Da gehört mein Herz hin, meine Sehnsucht wird mich nach Hause bringen.

Ich habe meine Mitpatienten also mit meinem Singsang unterhalten und dann mein lädiertes Bein berührt und gesagt: Hey, wir müssen wieder zurück. Im Winter wollen wir zu den Polarlichtern tanzen! Mit Al im schwarzen Ozean verscwhinden! Im Dezember in die Kathedrale in Lisburn um mit Tommy zu singen! Ich schwöre, das Knie hat gezuckt. Und es hat wahrscheinlich gesagt: Na klar Dude! Streng dich an mit der Physio!

Wo ist dein Leitstern? Ist es ein Mensch? Eine Aufgabe? Ein Sehnsuchtsort? Eine Melodie? Freunde? Ein Land?

Wichtig ist einzig: Wir sind verankert. Auch in unseren Freundschaften. Auch in unserer Liebe zu und von der Welt. Dahin dürfen wir gehen.

Ich danke von Herzen: Yvonne, Ramona, Beatrice, Kathi, Z&Z, Daniel,Ruth, Al, Heiri!, LMM, Ralf und Schwöösch. Und all die Lieben, die mir geschrieben, mich angerufen, mich besucht, mir Blumen geschickt und an mich gedacht haben. Ihr wisst schon! Wer wäre ich, ohne Eure Begleitung durch dieses turbulente, herrliche Leben.

Denn eins ist klar: La vie est belle. Das Leben ist schön.

Hard times come again NO MORE

Ikarus

Es war mein erster Tag in der Reha. Ich kam mit dem Rolli aus dem Lift und da ging die Tür meines Zimmernachbarn auf. Ich starrte ihn an und war völlig verblüfft. Obwohl dieses Exemplar hier etwa 20 Jahre jünger war als mein Freund Al aus Irland, so sah er ihm frappant ähnlich. Ich starrte so „laut“ dass er nun auch mich irritiert ansah und ich fragte ihn (auf englisch….) wie er heisst. Er sagte: „Alec. Aber Du kannst mich auch Al nennen!“

Wäre ich nicht ohnehin gesessen, so hätte es mich von den Füssen gerissen. Das gibt’s doch nicht! Ich sagte ihm, ich müsse unbedingt mit ihm sprechen, zeigte ihm ein Bild vom Surfer-Al und jetzt wollte er auch alles wissen. Zwei Stunden später sassen wir zum Kaffee auf der Sonnenterrasse und froren uns ein bisschen die Nase ein.

Alec sagte, er sei aus allen Himmeln gefallen. Dahinter verbarg sich eine besondere Geschichte. Ende Oktober war er bei guter Thermik von einem der Churfirsten Gipfel gesprungen. Es war ein grandioser Tag zum Gleitschirmfliegen und er war auch nicht alleine am Himmel. Für eine sehr lange Zeit schwebte er, kam schliesslich aber leider in einen Luftwirbel und ein Teil seines Schirms klappte ein und liess sich nicht mehr entwirren. Jetzt ging es rasant nach unten und er drohte vollends abzustürzen. Gerettet hat ihn schliesslich zunächst eine sehr hohe Tanne, die den Sturz verlangsamte und nun knallte er zwar dennoch auf dem Boden auf, aber brach sich „nur“ beide Beine, die Knie, die Füsse. Er war zwar bewusstlos wegen der schweren Schmerzen, aber im Spital war bald klar, dass es keine organischen Schäden gab und alles oberhalb der Hüften intakt war.

Dennoch legte man ihn in ein künstliches Koma und viele Operationen folgten. Nun ist er seit Beginn des Jahres hier in meiner Rehaklinik und leicht ist es nicht. Denn er geht zwar auf Krücken, aber er hat ja kein gutes Standbein und ist auf Arme und Oberkörper angewiesen.

Ich fragte ihn bald immer tiefer. Spannend, dass Alec kaum Mitgefühl bekommt. „Selbst schuld“ hört er oft, weil Paragleiten eben ein Risikosport ist und bei vielen Menschen das Verständnis dafür fehlt. Wir kommen auf unsere Besuche, unser Umfeld und auch Mitpatienten zu sprechen. Alec’s Unfall stösst auf wenig Verständnis. Er will ja entschieden weder Mitleid noch eine Opferrolle. Aber dennoch erschreckt es ihn, wie kühl und distanziert die Menschen werden, wenn er erzählt warum er seinen persönlichen langen Weg zurück ins Leben macht, wie alle hier.

Wir reden und reden und kommen bald an einen sensiblen Punkt. Wie wir das Geschehen empfunden haben, als wir wussten, hey, jetzt ist das Leben wohl gleich vorbei. Das hatten wir beide. Er, als er aus dem Himmel fiel, ich, als das Auto in mich reindonnerte. Für jeden von uns gab es den Moment, als wir dachten: Das war’s. Jetzt schaltet uns jemand gleich das Licht aus

Wir wurden immer stiller und unmerklich hielten wir die Luft an, als wir darüber sprachen. Nicht, dass wir das tragisch genommen hätten. Alec könnte vom Alter her mein Sohn sein. Aber wir waren beide bereit gewesen, jetzt abzufliegen. Trotzdem hat sich dieser Moment, bei mir nur einige Sekunden, bei ihm Minuten, eingeprägt. Weil das Leben plötzlich sehr scharf wurde, glasklar und extrem präsent. Keine Angst, kein Bedauern, nur Wahrnehmen: Aha! So passiert das also und es passiert jetzt.

Für uns beide war es eine riesige Überraschung, dass es eben doch nicht so war. Dass das Leben weiter ging, dass unser Herz weiter schlug. Dass es offensichtlich noch zu früh war, um abzudanken. Wir mussten ein bisschen verhalten schmunzeln. Inzwischen waren wir in der Patientenlounge. Er hatte beide Beine auf einen Hocker gelegt, ich meines ausgestreckt. Wir sassen ungemütlich, immer wieder die Haltung ausgleichend um dem Schmerz zu entkommen. Zwei havarierte Helden. Zwei Wracks. Aber mit einem riesigen Lächeln auf dem Gesicht.

Wir hätten beide keinen Wake-up-call gebraucht. Ich war jubelnd und überglücklich nach einem grandiosen Jahr auf der Rückreise aus meinem geliebten Irland. Er hatte eben noch laut gejuchzt, weil das Schweben im sonnigen Himmel und die Aussicht auf das Plateau der Berge so wunderschön war. Wir waren und sind intensiv am Leben. Ich sagte ihm, dass ich beschlossen hatte, die WARUM Frage partout nicht zu überdenken.

Trotzdem bleibt etwas, bei beiden, ganz intensiv: Wir waren an der Schwelle und wurden zurück ins Leben geschubbst. Jetzt gilt es zu überdenken: Was machen wir mit dem ganzen Rest dieses köstlichen Lebens? Was ist unser Herzenswunsch? Wohin will das Leben uns führen? Ich denke, es bleibt spannend.

Es ist egal, ob man diese Erfahrung gemacht hat oder nicht: Das Leben ist kostbar und muss unbedingt gelebt und genossen werden, solange noch Zeit dazu ist. Das möchte ich mit diesem Blog nochmals erinnern. Jeder Moment ist kostbar. Es ist immer Deine Wahl, ob Du es so siehst oder dieses wertvolle Geschenk an Dir vorbei ziehen lässt.

Denn: La vie est belle – Das Leben ist schön!

Ich widme diesen Blog Post auch meinem lieben südtirolerischen Adler Martino. Und allen, die das gerade hören mussten.

Perspektivenwechsel

Wie schnell sich doch eine Perspektive ändern kann! Jetzt sehe ich aus meinem Bett auf eine neue Landschaft. Die Stadt, den See und gar nicht mal so weit die weissen Schneeberge. Die Menschen reden wieder schwyzerdütsch. In den letzten Wochen und Monaten habe ich nicht so viel gesprochen wie hier in einer Woche. Und ich bin langsam, auf den Krücken, von anderen abhängig. Es hat sich alles gekehrt.
Stoisch bleibe ich bei meinem Vorhaben für alles dankbar zu sein, weil mir das hilft, meinen zappeligen Körper und meinen unruhigen, gierigen Geist zu zügeln.

Dankbarkeit ist ausserdem einfach, wenn man nichts mehr alleine machen kann, wenn man viele hilfreiche Hände braucht. Aber auch: Zuspruch. Ich wusste nicht, dass ich das so nötig habe. Ich war es gewohnt, unabhängig und autonom zu sein und berauschte mich jeden Tag an meinen eigenen Entscheidungen, die mich da hin brachten, wo es etwas zu geniessen gibt.

Und jetzt freue ich mich über die Gesten, die Worte meiner Lieben, die guten Wünsche. Ein bisschen scheint es mir, dass sich vor allem eins gedreht hat: Jetzt schauen andere auf mich und nicht mehr ich auf die Welt. Wie überaus spannend!

Wie das Leben so will sammle ich auch hier Eindrücke. Was mich nachhaltig beeindruckt, ist das Management, wie die Dinge hier ineinander greifen, alles mit Checklisten abläuft, jeder weiss was der andere tut und was als Nächstes passieren wird. Ich muss ein bisschen schmunzeln über meine „ordentliche“ Schweiz. Wie habe ich mich darüber amüsiert als ich auf meiner wilden Reise war – und jetzt dreht sich die Perspektive und ich freue mich darüber.

Etwas rückt wieder an die richtige Stelle. Die Puzzleteile ergänzen sich.

Und auch andere neue Erkenntnisse zeigen sich mir jetzt. Wie sich das Leben in einem Rollstuhl anfühlt. Wie es ist in eine CT Röhre geschoben zu werden. Was man sieht, wenn man in einem Bett durch lange Flure geschoben wird. Wie unterschiedlich die Kommunikation von Ärzten läuft. Welche Charaktere die Pflegenden mitbringen. Ich hatte hier einen Nachtengel, die mich in der ersten und schlimmsten Nacht nach der OP bei Laune gehalten hat. Sie sprach wie ein Drogendealer und teilte gerne vom „guten Stoff“ aus. Ich musste immer lachen, wenn sie das so bezeichnete. Eine andere war eher handfest und rustikal, die mochte ich sehr. Sie kommt aus Mazedonien und man fühlte sich sofort wie ein beschütztes Baby bei ihr. Sie nahm burschikos alles in die Hand und fackelte nicht lange.

Ich sammle Eindrücke. Ich amüsiere mich. Ich bin dankbar. Diese drei Aufgaben habe ich jetzt. Zwischendrin aber schliesse ich die Augen und träume mich zurück an den langen weiten Strand von Benone und stehe mit Al am Mussenden Temple in Downhill, um auf den Atlantik zu schauen.
Ich hatte das allerschönste Jahr 2025. Mal sehen, welche Abenteuer dieses Jahr hier auf uns warten. Es bleibt spannend.

La vie est belle – Das Leben ist schön!

Eine Phönixgeschichte

In meinem letzten Blog hatte ich noch geschrieben: Mein Herz ist voll.

Das war ein gutes Fundament für die Überraschung, die das Leben noch für mich hatte.

Ich war den ganzen Weg aus Nordirland herunter gefahren an die Südküste, um von dort die Fähre nach Frankreich zu nehmen. Hatte einen letzten Abend in Kilkenny genossen. Noch mal ein Stew gegessen, ein Guiness getrunken und bei „Max the Miller“ mit Benny, dem irischen Musiker, gesungen. Am nächsten Morgen war ich singend aufgebrochen, gut in der Zeit, mit der Voice von Ireland aus den Boxen und ich hatte mich gefreut. Um das Abschiednehmen leicht zu machen, hatte ich mir noch mal diese grossartigen Monate in Irland vor Augen geführt.

Kurz, ganz kurz vor dem Hafen, beschloss ich, nochmals voll aufzutanken, damit ich gleich weiter fahren könnte in Frankreich, nach Ankunft am nächsten Tag. Es regnete. Ich bog ab in die Tankstelle. Und – wurde abgeschossen.

Ein Fahrer mit sehr hohem Tempo raste in mich hinein. Mein Mini drehte seine feine englische Nase um 180 Grad, die Airbags sprangen raus. Es rauchte. Ich schleuderte. Der verengte Innenraum brach mir ein Bein. Ich hatte eine Vollbremsung bekommen. Man befreite mich aus meinem leider demolierten Auto. Ich fiel auf die regennasse Strasse. Um mich herum schrien alle. Der Verkehr wurde geregelt, Polizei und Ambulance gerufen. Ein lieber Handwerker las mich vom Asphalt auf und setzte mich in seinen Van. Da sass ich – im Wollmantel. Nass. Die Brille verloren. Erschrocken.

Und dann rettete mich etwas, das ich von Jed Mc Kenna gelernt habe: Dass meine Reaktion auf egal was – erst mal Dankbarkeit sein würde.

Denn: Ich hatte das überlebt. Wenn man überlegt dass der Typ, der mich als Rammbock benutzt hatte, mit ca. 80 km/h in mich reingedonnert war. Mein kleiner Mini mich beschützt hatte indem er nachgab und nicht stoisch stehen blieb. Der Handwerker mir von der Strasse geholfen und mir die wichtigen Sachen aus dem Wrack geholt hat. Und ich einen Weekender gepackt hatte, eigentlich für die Übernachtung auf dem Schiff, dessen Inhalt mir sehr wertvoll wurde. Und dass die Ambulance schnell da war. Dass die Menschen freundlich waren.

Die kommenden acht Stunden lag ich dann im Flur einer Emergency Station in Wexford und lernte die grüne Insel nochmals von einer ganz anderen Seite kennen. Ich war noch nie in einer solchen Situation und war völlig überwältigt, wie es da zugeht. Es war Stress, ganz ehrlich. Man liegt unter Neonlampen, wird nicht versorgt, kann nicht alleine pinkeln. Und wartet. Auf Röntgen und MRI und Einschätzungen. Mitten in der Nacht brachten sie mich in ein anderes Spital. Ich hatte viel Zeit zum Grübeln. Und verbat mir die Warum-Frage. Warum das noch passieren musste? Warum ich das unbedingt noch erleben musste nach dieser schönen Zeit? Wer weiss?

Wäre echt nicht nötig gewesen! Ja!

Aber was nutzt es da, in den Widerstand zu gehen? Gar nichts. Gar nichts. Auch nicht, als ich um 4:45 schliesslich auf ein Zimmer gebracht und von da an alle 15 Minuten wieder geweckt wurde. Ein Sechsbettzimmer in einem lausigen Krankenhaus, miese Hygiene, Fliessbandbetrieb. Um mich herum – ein Käfig voller Narren. Hätte ich nicht gewusst, dass ich in der Orthopädie bin, dann wäre mein Eindruck gewesen in der Psychiatrie zu sein. Die Patienten wurden hin und her geschoben, verloren alle verfügbaren Körpersäfte, stöhnten und schrien und diskutierten und waren wütend oder ängstlich oder desorientiert. Wow, so viel Wahnsinn hatte ich lange nicht gesehen.

Und dann bekam ich eine Bettnachbarin Illiin aus Tipperary, mit der alles leicht wurde. Wir lachten viel, erzählten, amüsierten uns. Es wurde lustig, ein irischer Craig sozusagen, wie so oft an anderer Stelle erlebt.

Und noch mehr Dankbarkeit war möglich: Meine Krankenkasse, die mich ausfliegen lässt in meine zuverlässige sichere Schweiz, mit einem netten starken Rettungssanitäter, der mir mit allem hilft. Die Versicherungen, die nun um alles kämpfen was mir zusteht. Meine neuen Freunde Ruth und Al, die sich um die Logistik meines Gepäcks kümmern.

Ich informierte nach zwei Tagen alle darüber, die es wissen mussten. In der Not, sagt man, wisse man, wo die Freunde sind. Ich hatte noch nie so eine Not, aber jetzt sah ich sie deutlich. Engmaschig woben sie mir ein Sicherheitsnetz aus Liebe und Zuspruch. Ich wurde aufgefangen. Auch von meinem Smaragdfreund und von meinem Lieblingsgesprächpartner in den Nächten, meinen Freunden in Frankreich, die stundenlang mit mir sprachen, weil sie wussten, dass man die Dinge erzählen muss. Von so vielen, die etwas für mich tun wollen. Von meinen Freunden, Geschwistern und meinen Söhnen, die gedanklich bei mir waren. Alle rückten zusammen, auch meine irischen Freunde und alle hatten helfende Hände und offene Herzen.

Jetzt habe ich verstanden, um was es ging: Ich sollte erkennen, dass es sich lohnt, nach diesem langen fantastischen Jahr in Solitude zurück zu kommen in die Zirkel meiner Lieblingsmenschen. Ich fühle mich mehr als willkommen in der Schweiz, bin dankbar für deren Ordnung und Sauberkeit und Seriösität. Ich werde auf weichen Händen zurück getragen in mein „altes“ Leben. Und das, was ich im letzten Jahr gelernt habe, die Essenz aus allem, die Freude, das volle Herz, es trägt mich. Es hält was aus. Es füllt mich an.


In den Tagen im Sechsbettzimmer habe ich unentwegt Tommy zugehört und die Schlafmaske auf meine Augen gezogen, die mir meine Schwester zu Weihnachten geschickt hat. Ich lag in meinem Spitalbett, hatte Opiate gegen die Schmerzen, überall Nadeln in den Venen, konnte mich kaum bewegen wegen des Schleudertraumas. Und: War glücklich wie viel Liebe mir entgegen kam. Und dankbar, dass mich alle gehalten haben, als ich am verletzlichsten war.

Abgestürzt aus dem siebten irischen Himmel. Und dann wieder aufgestiegen nach der knallharten Landung. Es ist noch ein lange Weg, bis ich wieder tanzen kann. Aber: Mein Herz ist voll.

Also gut, es geht weiter, der Himmel muss noch ein bisschen auf mich warten.

Hatte ich es schon erwähnt? Das Leben ist schön! Was denn auch sonst.

Nicht müde werden, dem Leben, wie einem Vogel, immer wieder die Hand hinhalten nach jedem Sturz aus dem Himmel.

La vie est belle. Tá an saol go hálainn.

Der Anker

Vor einem Jahr kam ich in der Nähe von Galle an, am indischen Ozean, in der südlichsten Provinz von Sri Lanka. Es war sehr heiss, das Land war fremd. Ich hatte den Koffer voll mit nutzlosen Dingen, wie sich bald herausstellen würde. Und ich war erschöpft und müde nach vielen anstrengenden Jahren. Ich weiss noch genau, wie sich mein Puls, mein Herzschlag anfühlte, es war alles aus den Fugen geraten. Und der Ayurveda Arzt verdrehte die Augen und fragte mich, ob ich noch am Leben sei, als er meine Pulsdiagnose machte. Es dauerte fast vier Wochen, bis ich wieder tief atmete und dann ging die lange Reise los.

Wenn ich heute zurück sehe, schmunzle ich, dass ich so weit gereist war um etwas zu finden. Was, das wusste ich nicht so genau, aber dass, das schon. In den folgenden Monaten tingelte ich an alle Orte des indischen Ozeans und war glücklich, immer da, wo ich war. Endlose Stunden habe ich geschlafen, gesungen, geschrieben, gesonnt und mich ausgeruht. Und schliesslich ging es zurück nach Europa. Ich wusste vorher nicht, dass ich ganz tief im Herz eine Europäerin bin. Erst als ich im eiskalten Wind, im blaublauen endlosen Himmel der Bretagne stand. Da jubelte es in mir. Die folgenden drei Monate – Frankreich und Jersey – waren ein grossartiger Sommer mit vielen lieben Menschen und Momenten, ich fühlte Freiheit und begann, exzessiv zu schreiben.

Und dann war es schliesslich die Insel, die schon das ganze Jahr nach mir rief. Und auch hier musste ich nochmals suchen. Erst im Süden, dann den Wild Atlantic Way entlang an der Westküste und schliesslich – tatsächlich – fand ich meine Seelenheimat in Nordirland. Das hatte ich nicht mehr für möglich gehalten aber der Himmel öffnete sich und ich sah Regenbögen und Weite und das endlose atlantische Meer und meine Seele atmete auf.

Ausatmen – aufatmen.

Zehn Monate musste ich ausatmen, so sehr hatte ich in den letzten Jahren den Atem angehalten. Es war eine lange Reise zurück in die Entspannung. Und das obwohl ich mein selbst kreiertes Leben so liebe, von so vielen wunderbaren Menschen umgeben bin und die Schweiz sehr zu schätzen weiss. Ohne Pause war ich gerannt. Und hatte viel zu viel gearbeitet. Als ich meine Reise begann, hatte ich mir nur eine Frage vorgenommen, die ich beantworten wollte:

Wer bin ich, wenn ich nicht mehr (beruflich) wichtig bin?

In Nordirland schliesslich fand ich die Frau hinter all ihren Rollen und hey, die gefiel mir sehr gut! In den letzten Tagen bin ich traumwandlerisch an der Küste in Portstewart und Benone gelaufen und habe den Himmel, den Strand, die Weite, das Wetter umarmt. Habe Muscheln gesammelt und neue Seiten begonnen zu beschreiben. Und habe aufgeatmet, weil ich mich wieder finden konnte. In Resonanz mit dem, was sich mir hier zeigte: Ursprünglichkeit, Echtheit, Herz. Menschen die hinschauen, hinhören, das Leben feiern, spielen, laufen und über das Wetter reden. Und auch: Ruhe, Tiefe, Klarheit. Und auch: Den scharfen Blick. Die Gezeiten zeigen mir jeden Tag, wie das Leben spielt und endlich war sehr viel Ebbe bei mir und in mir. Wie herrlich!

Nun will ich die Balance besser halten von Ebbe und Flut. Den Anker nicht mehr verlieren, der mich fest hält, wenn das Leben tobt. Mich auf das Innen besinnen. Die kleinen Dinge bestaunen, das schöne Leben.

Ich bin dankbar für ein unbezahlbar wertvolles Jahr, die Langsamkeit, die es mir erlaubt hat, ganz genau hinzusehen und hinzuspüren. Es ist ein absoluter Luxus, so viel Zeit zu haben und reisen zu können, bis alles wieder gut ist.

Und jetzt ist alles wieder gut. Mein Herz ist voll. Ich bin reich beschenkt. Ich bin ausgeruht. Und jetzt kann’s wieder losgehen. Am Freitag geht die Fähre nach Frankreich und dann die lange Reise zurück. Ich komme mit mir selbst zurück, hab sie eingesammelt die Nomadin, an allen Stränden die ich gesehen habe. Die Taschen voll mit wertvollen Erinnerungen und neuen Begegnungen. Mein Glück ist besiegelt.

Ach und bevor ich es vergesse zu erwähnen:


Das Leben ist schön. La vie est belle.

Shawn

In Irland liegt nichts obenauf.
Alles ist bedeckt von Wind, Wasser, Geschichte. Selbst die Steine scheinen zu warten, bevor sie sprechen. Das Licht verändert sich ständig, alles ist in Bewegung und gleichzeitig auf eine zauberhafte Art still.

In der vergangenen Woche hatte ich eine überaus spannende Begegnung. Bei einer unserer Strandwanderungen hatte ich Al mal wieder von meiner Liebe zur irischen Musik vorgeschwärmt und dann hatte er mir erzählt, dass er einen Trommelbauer kenne. Er lebt in Inishowen, einer langgestreckten Landzunge etwa 50 Meilen von unserem Ort hier in Nordirland entfernt. So machten wir einen Besuch aus und es wurde eine überaus inspirierende Erfahrung.
Der Weg zu seiner Werkstatt führte durch Land, das nie ganz trocken wird. Moor, Gras, niedriger Himmel. Ein Ort, an dem man versteht, dass Festigkeit kein Versprechen ist, sondern ein Zustand auf Zeit. Ich kam nicht her, um etwas zu suchen. Ich kam, weil Irland einen dazu bringt, Dinge zu öffnen, die man woanders ordentlich verschlossen hält.

Er lebt wirklich sehr versteckt in einem winzigen Ort auf einem weitläufigen Gelände, es gab keine Strassennamen und kaum ein GPS Signal. So rumpelten wir schliesslich auf ein altes Gehöft in der Republik Irland, der Hof war etwa 200 Jahre alt und sehr verwittert und in der grossen Scheune war die Werkstatt von Shawn eingerichtet. Es roch nach Torffeuer, dem Meer, der Erde und nach Tieren, aber nicht unangenehm, der Himmel war wie immer in den letzten Tagen verhangen und es war düster – ganz ehrlich, ein bisschen spooky war es auch. In der Scheune empfingen uns zunächst einige Tierhäute, die da wie Landkarten aufgehängt waren. Und dann kam uns lächelnd Shawn entgegen, ein total irischer Typ. Bärtig und rustikal und herzlich und warm.

Wir kamen schnell in seinen Spielraum, er war gerade dabei eine Trommel zu bauen. Der Rahmen war aus dreilagigem Eichenfurnier, trotz dem harten Holz biegsam, weil es dünne Schichten sind, die noch ein bisschen flexibel sind. Und eine feine Ziegenhaut, die er gerade darüber gelegt hatte. „Die Trommel beginnt mit dem Tier, nicht mit dem Klang.“ So ging es los, ich hing ihm an den Lippen. Ich muss auch sagen: Wegen seinem sehr irischen Akzent, der mir immer noch eine hohe Konzentration abverlangt.

Shawn hatte in den Rand der Haut kleine Löcher gestochen und nun fädelte er mit dem feinen Lederfaden Stück für Stück ein.

Er sagte: „Das Trommelbauen ist eine Art Dialog zwischen mir und der Haut. Nicht zu fest, nicht zu schwach. Wir gehen eine Beziehung ein, ich muss mit allen Sinnen dabei sein. Hören, fühlen, sehen. Bitte seid ruhig, wenn ich nicht spreche.“ Wir sassen andächtig bei ihm und ab und zu gab er uns einen Einblick in das, was er tat.

Er führte die Schnüre kreisförmig um die Haut, um den Rahmen und dann ins nächste Loch. Es wurde nicht gezogen, es wurde wie ein Netz gewebt. Es war eine meditative Arbeit. Zwei die schauten, einer der etwas baute. Und so entstand ganz akkurat, ganz gleichmässig, eine schöne Form im Innen und Aussen der Trommel. Schliesslich begann das Spannen, Shawn sagte, das sei der wichtigste Part des Bauens: Ich wartete auf die Kraft. Auf den Moment, in dem er anziehen würde. In Irland wartet man oft vergeblich auf klare Übergänge.

„Man spannt nicht zuerst“, sagte er leise. „Man verteilt.“

Er spannte nicht gegen das Material. Er legte an.

Die Schnüre begannen ein Netz zu bilden, das noch nichts hielt. Das Fell bewegte sich, reagierte. Ich spürte, wie unruhig mich das machte. Ich kenne das Gegenteil. Ich kenne das schnelle Festziehen. Das schnelle Funktionieren.

Das Sich-Zusammennehmen.

„Die Haut hört zu“, sagte er. „Wenn du sie zwingst, vergisst sie.“

Er zog minimal an einer Schnur. Das Fell antwortete mit einem dumpfen Laut. Kein Klang, eher ein Erinnern. Dann an einer anderen Stelle. Immer weiter. Immer im Kreis. Nie an derselben Stelle zweimal. Nie dort, wo es am einfachsten gewesen wäre.

Die losen Enden standen in alle Richtungen.
Es sah aus wie etwas, das nicht abgeschlossen war.

„Warum schneidest du sie nicht ab?“ fragte ich zaghaft.

Er sah mich an, als hätte ich gefragt, warum man dem Wind befiehlt, stillzustehen.
„Weil es sonst reisst“, sagte er. Dann, nach einer Pause:
„Alles, was klingen soll, braucht Spielraum.“

Das Fell spannte sich. Es wurde tragfähig, ohne hart zu werden. Es begann zu halten. Er klopfte mit der Hand auf die Haut. Ein Ton, der nicht in den Raum ging, sondern in die Tiefe. Ich hatte das Gefühl, als hätte ich ihn schon einmal gehört. Lange vor mir.

„Die Trommel ist älter als das Lied“, sagte er.
„Sie erinnert den Körper an etwas, das er nie gelernt hat.“

Die Trommel war fertig.

Ich verstand:
Nicht alles, was hält, muss fixiert sein.
Nicht alles, was offen ist, ist verloren.
Manches bleibt nur ganz, weil es nachgeben darf und Spielraum hat. Wie wunderbar!

Und schliesslich spielte Shawn noch für uns. Auf einer anderen Trommel. Er schlug einmal fest. Dann sagte er: „Das ist die Einladung.“ Wir waren wach. Dann spielte er und wir lauschten und fielen in eine Art Begegnung. Wir drei in einem Raum und die Haut eines Tieres, das Geschichten erzählt.

Hatte ich erwähnt, dass Irland das Land der Geschichtenerzähler ist?

Nach einer Stunde und einem Tee gingen wir und wir schwiegen den ganzen Weg zurück. Weil wir ergriffen waren, unseren Gedanken nachhingen und irgendwie auch nach Hause gekommen waren in einen Ur-Rhythmus.

La vie est belle – einmal mehr, aber lieber wieder so wie Shawn spricht: Tá an saol go hálainn – Das Leben ist schön.

Von den öffnenden Blüten

Ich wüsste nicht, wie ich die Begegnungen der letzten Woche zum Erzählen auswählen sollte, denn ich hatte eine Fülle von grossartigen Menschen um mich herum. Bevor ich meinen kurzen Aufenthalt in Hamburg antrat, war ich etwas eingeschüchtert bei der Vorstellung, wieder unter viele Menschen zu gehen. Hier in Nordirland lebe ich die totale Einsiedelei, habe mit einigen wenigen Menschen Kontakt und versenke mich jeden Tag ins Schreiben, Lesen und Recherchieren.

Und dann ging es sofort los. In Belfast hatte ich den falschen Flughafen angesteuert und war in einen Strudel aus Stressmomenten gekommen. Trotzdem lachte ich mich kaputt. War ich ein Jahr durch die ganze Welt gereist, an den abenteuerlichsten Flughäfen abgeflogen, mit Kringeli-Schrift und Fremdartigkeiten und jetzt scheiterte ich daran, ob ich in der kleinen Stadt Belfast den International statt den City Airport gewählt hatte! Als ich durch die diversen Abschrankungen des Airports nicht heraus kam, half mir ein Mann vom Bodenpersonal. Er beruhigte mich auch. Legte seine Hand auf meinen Unterarm, sah mir (mit seinen wunderschönen blaublauen Augen!) in meine Augen und sagte: „Lady, just breathe a bit! Everything will be okay!“ Everything war dann auch okay. Auf dem Flug nach London traf ich eine spannende Frau, mit der ich munter plauderte und die ich gerne wieder sehen werde.

Und dann sammelte ich Juwelen. Die beiden Damen auf dem Flug nach Hamburg, eine Opernsängerin und eine Professorin für Nachhaltigkeit. Meine liebe Freundin seit 30 Jahren, die mich abholte. Und dann natürlich Xavier Naidoo, der uns alle mit einem grossartigen Konzert umhaute. Und ich lernte die neue Liebe meiner Freundin kennen, ein wahres Goldstück. Was für ein schöner Mensch! Wie sehr freue ich mich für meine Freundin, dass sie wieder so glücklich ist.

Zurück über London lernte ich einen Drehbuchautor kennen, der mich vollends verzauberte, über den ich zu gegebener Zeit einmal erzählen werde. Und dann zurück hier nach Portrush. Am Fenster stand mein Blumentopf und zeigte mir das erste Schneeglöckchen.

Schneeglöckchen waren für mich immer schon ein Symbol für das neue Jahr, ganz ehrlich, für mich beginnt das Leben erst, wenn sie aus dem Boden spriessen und mir zeigen, dass die lange kalte Nacht, der Winter, vorbei ist. Jetzt beginnt das Aufbrechen, das neue Leben. Auch für mich. In den kommenden Wochen heisst es, wieder in die südlichen Gefilde zu reisen. Nicht ohne mein eines Bein hier zu lassen. Nordirland bleibt mein „zweites Standbein“, das ist ganz sicher.

Ich habe viel über das Aufbrechen nachgedacht die letzten Wochen. Nicht nur, weil ich ein entsprechendes Buch geschrieben habe. Sondern weil ich sehe, was es mit Menschen macht, wenn sie es nicht tun. Dabei erinnere ich mich besonders an eine Managerin, die ich vor sehr vielen Jahren gecoacht habe. Sie war stahlhart. Undurchdringlich. Unzugänglich.

Weil ich damals gerne im Wald statt in der Praxis arbeitete, ging ich auch mit dieser Lady zu einem schönen Forst in der Nähe. Sie preschte sportlich voran und ich musste sie bremsen, wir waren nicht auf einem ihrer geliebten Marathon Läufe, sondern in einem kontemplativen Gespräch um in ihre Tiefe zu kommen. Sie verteidigte ihre knallharte Oberfläche und liess sich nicht ein. Da sah ich eine alte Baumnuss auf dem Boden liegen, die vom Herbst zuvor übrig geblieben war. Ich schüttelte sie, dann legte ich sie der Coachee in die Hand. Forderte sie auf die Nuss zu schütteln, die jetzt wie eine Rassel klang. Dann knackte ich sie. Die Frucht war winzig und stahlhart. Die Hülle natürlich auch. Ich zeigte ihr das Teil. „Wenn sich die Nuss nicht öffnet, oder nicht aufgebrochen wird, dann wird die köstliche Frucht schliesslich vertrocknen und ungeniessbar werden.“. Damit konnten wir arbeiten.

Wie ein Mantra könnte ich das 24/7 sagen: Raus aus der Komfortzone! Raus aus dem Bekannten! Raus aus dem Vertrauten! Trau Dich!

Auch ich hatte es mir hier in meinem Strandhaus wieder bequem gemacht und die selben kleinen Zirkel gezogen, als es so dunkel und kalt war. Und auch ich musste wieder ausbrechen aus meinen liebgewonnenen kleinen Routinen. Manchmal ist das schwer, weil es eben gerade so gemütlich geworden ist und man vertraut ist mit allem. Ich muss mich dann überwinden das zu verlassen. Aber ohne den Schritt nach aussen erweitert sich unser Blick, unser Geist, unser Leben nun mal nicht.

Bevor ich meine Reise antrat, haben mir viele gesagt es sei mutig, dass ich aufbreche und die Dinge hinter mir lasse. Wenn ich jetzt mit einem Erfolg zurück kehre, dann werden alle sagen: Es hat sich gelohnt. Würde ich aber nicht mit einem sichtbaren Erfolg zurück kommen, dann würden sie von Übermut reden.

Warum fürchten wir uns nur so sehr von dem Unbekannten, dem Neuen?

Ich habe in diesem grossartigen Jahr, dessen Bonusmonat ich gerade noch geniesse, so viele interessante Menschen und Orte gefunden! So viele neue wertvolle Freundschaften geschlossen, Ideen bekommen, Einblicke gehabt, Zauber erlebt. Ich könnte es gar nicht genug aufzählen oder gewichten. In seiner Fülle war es kunterbunt, fremd, tief und amüsant, schockierend, völlig absurd, gefährlich, magisch, aber vor allem bereichernd. Als ich zum Jahresende ein Resümee geschrieben habe, dachte ich, das war das beste Jahr meines Lebens. Ein Riesen Geschenk.

Vielleicht aber auch, war es „nur“ der Anfang. Das Schneeglöckchen ist aufgegangen und sagt mir klar und deutlich: Wart nur mal ab, es geht gerade erst los.


Weil:

La vie est belle – Das Leben ist schön!

Windrichtungen

Der Wind hat sich gedreht hier in Nordirland. In den letzten acht Tagen hatten wir steifen Nordwind, direkt aus dem Polarkreis. Auch mir wurde bewusst, dass ich jetzt wirklich im Norden bin. Ich habe sofort aufgehört mein Morgenbad im Atlantik zu machen. Denn: Nass aus dem Wasser raus, das ging gar nicht mehr. Alleine der Weg über den Strand wäre schon grauenhaft kalt gewesen. Natürlich musste ich auch über mich selbst lachen und mich als „Weichei“ beschimpfen, denn die Iren, die gehen bei jedem Wetter und jeder Temperatur noch schwimmen …

Es wurde alles ein bisschen ungemütlicher und vor allem wurde es krass kalt. Nach einer feuchten Nacht inclusive Nebel war am nächsten Morgen alles mit Eis glasiert. Wie eine dünne Schicht Lack sah das aus: Alles war eingefroren. Leider schaute ich nicht erst genau auf die Landschaft draussen, bevor ich das Haus verliess. Also zwei Schritte raus und es haute mich direkt der Länge nach hin. Knallhart der Boden… gut, dass ich mich nicht ernsthaft verletzte. Ich lag noch, als ein netter Mann auf mich zu schlitterte und mir helfen wollte. Aber ich winkte ab – er war ja selbst nicht sicher auf den Füssen! So kroch ich auf allen vieren zurück zur Haustür und blieb drinnen an dem Tag. Natürlich hoffte ich auch ein bisschen, dass kein Autofahrer in meinen Mini rutschen würde. Aber ich sah grundsätzlich fast niemanden draussen fahren oder gehen. Das wollte niemand riskieren.

Und jetzt drehte sich der Wind gestern. Der Himmel riss auf und zeigte sein schönstes Blau. Der Südwind war ganz lau, es wurden über 10 Grad und alle liefen wieder am Strand, ohne Mütze und Handschuhe wie die letzten Tage.

Auch für mich wird sich der Wind wieder ein bisschen mehr drehen. Morgen werde ich aus meiner Einsiedelei ausbrechen und von Belfast nach London und dann weiter nach Hamburg fliegen. Dort mit meiner Freundin auf ein lang ersehntes Konzert gehen mit tausenden anderen Menschen. Das macht mir ein bisschen Kopfzerbrechen. Auch wenn es nur für zwei Tage ist: Kann ich noch mit so vielen Leuten? Wie kann ich da ganz ruhig bleiben? Oder wird es mich überwältigen?

Wie gut, dass ich letzte Woche ein grossartiges Gespräch mit einem Shaolin Meister gehört habe. Shi Heng Yi. Das ganze Interview kann ich jedem ans Herz legen, der sich mal zweieinhalb Stunden Zeit nehmen will. Da sagt Shi, dass wir eben nicht zu sehr involviert sein dürfen in das Aussen und bei uns selbst bleiben müssen. Wie wohltuend, wenn man bedenkt, dass das eine echte Lösung sein kann. Ich weiss seit Jahren, dass der Verzicht auf TV und News mir gut tut. Bin ich doch einmal konfrontiert mit dem, was andere Menschen sagen, dann weiss ich, wie schnell es mich packt und ich meinen inneren Frieden verliere.

Aktuell zum Beispiel meint ein Komiker er könne sich ein Land zu eigen machen, das sich dafür gar nicht interessiert. Sehe ich die Schlagzeilen, ja leider, dann nervt mich das sofort und ich habe eine Meinung dazu, die mich in eine Emotion bringt. Aber was habe ich damit zu tun? Nichts. Kann ich daran etwas ändern? Nein. Kann ich dem Typen sagen er soll den Mund halten? Nein. Na gut. Ich kehre zu mir zurück. Denn mein Leben ist woanders. Um konkret zu sein: Im Moment an der Nordküste von Nordirland.

Wenn der Wind sich dreht, ist es gut, wenn man einen inneren Kompass hat, der uns den Weg zu uns selbst zurück weist. Und noch eins kann man machen: Man kann sich auch vornehmen, alles im Leben zu geniessen. Damit meine ich nicht das Lesen der News. Sondern: Wo bist Du gerade, wenn du mit den News konfrontiert wirst? Wer ist bei dir? Wie fühlst du dich?

Ich habe das Experiment gemacht. Habe den Laptop aufgeschlagen. Die Newsseite angesteuert (weil ich wissen wollte ob der Airport Hamburg wieder landefähig ist). Da sprang mir die Headline mit dem Komiker entgegen. Ich ärgerte mich, sofort. Dann klappte ich den Laptop zu. Spürte, dass ich bequem mit einer Tasse irischen Tee hier an meinem Tisch sass. Mit Blick auf den Atlantik. In meinem geliebten Irland. Beim Sturz hatte ich meine Balance etwas verloren aber heute ist alles wieder fein. Ich sah, was vor mir liegt. Auch die nächsten Tage. Wiedersehen mit meiner Freundin. Grossartiges Konzert. Endlich mal wieder deutsch sprechen in seiner schönsten Form. Abenteuer London am Donnerstag und Rückkehr hierher nach Hause am Donnerstagabend. Ach ja und das ausgedruckte Manuskript liegt neben mir.
Kein Komiker weit und breit in meinem persönlichen Lebensraum. Und Grönland – zu weit weg, um dort hin zu schauen.

Der Südwind ruft mich, ich fahre an den Strand.

La vie est belle! Das Leben ist schön.

Wie weiter?

Liebe Leser,

Ich habe mir eigentlich gedacht, dass ich diesen Blog einstelle. Acht wunderbare Jahre lang habe ich gebloggt.

Mit dem Fertigstellen meines ersten Buches und der ersten Kapitel des nächsten dachte ich: Vielleicht schreibe ich jetzt einfach mal ein bisschen epischer 😉

Und dann erreichten mich viele Nachrichten von meinen Abonnenten, die mich dringend baten, weiter zu schreiben. Und vor allem auch montags zu veröffentlichen, weil es ein köstlicher Start in die Woche sei. Eine schrieb sogar: „Denk nicht mal daran, damit aufzuhören!“ Also, na gut, dann denke ich halt nicht daran!

Die Themen werden allerdings nicht mehr die gleichen sein. Ich habe mein Land gefunden, in dem ich mein zweites Bein parkieren werde… und werde nicht mehr um die ganze Welt reisen. Und daher werde ich auch keine „fernen“ Geschichten mehr erzählen und die Begegnungen werden anders sein. Natürlich habe ich jetzt auch noch den Anspruch, dass sich nichts hier im Blog UND im Buch wiederholen soll. Weder in dem Manuskript, das ich Ende der Woche an meinen Wunschverlag schicke, noch im neuen Projekt.

Aber was ich Euch anbieten kann, sind Lebensgedanken. Neue Themen. Gedankliche Ausflüge. Natürlich immer! orientiert an dem was in der Woche passiert ist. Da ich eine Geschichtenerzählerin bin, wird mir der Stoff gewiss nicht ausgehen.

Und es wird bei „La vie est belle“ bleiben. Weil ich nicht damit aufhören kann, das immer wieder zu erwähnen. Das Leben muss unbedingt genossen und gefeiert, vor allem aber auch seine Schönheit gefühlt werden. Gerade in einer Zeit, wie wir sie jetzt gerade erleben.

Eine meiner Leserinnen hat mir vorgeschlagen, den Blog mit einem Sponsoring zu unterstützen. Sie hat einen grosszügigen Betrag angeboten. Ein bisschen „Schmiergeld“ liebste Sabine 😉 und das nehme ich zum Anlass, Dir, lieber Leser, auch anzubieten: Wenn es Dir etwas wert ist, dann darfst Du gerne einen Sponsoring Betrag an mich senden. Die Schweizer ganz einfach mit Twint, allen anderen würde ich Paypal (Konto: maren@adlerflug.ch) oder einen IBAN Auftrag empfehlen. Es ist kein Muss – sondern Du selbst entscheidest, ob und was es Dir wert ist. 52 Gedankensprünge im Jahr.

Ich freue mich, dass dieser Blog so vielen Menschen etwas bedeutet, dass Ihr so schöne Feedbacks gegeben habt und mit mir auch weiterhin das Leben feiern möchtet.

Ganz herzlich: Maren Simon