In den vergangenen Wochen habe ich etwas Spannendes festgestellt: Ich habe einen Schock.
Ich hatte noch nie einen so Grossen. Einen, den ich lange nicht gespürt oder festgestellt hatte. Der Schock sass so tief, dass er sich gut verstecken konnte. Und als ich ihn dann mal erkannte, wusste ich sofort woher der kam und wo er sich befindet. Er hatte sich tief in mein Zwerchfell eingegraben, liess mich schwer atmen und oft seufzen. Und weil ich ihm nicht zuhörte, suchte er sich andere Ventile. Das sicherste Indiz: Immer wenn ich – oder jemand anders – mein verletztes Knie oder die Operationsnarbe berührte, fing das gesamte Bein an zu zittern. Und das zog sich wie heisse metallische Ladung dann durch beide Beine und hoch in meinen ganzen Körper. Ich schüttelte mich, zitterte, gefror. Das ging oft so, bis ich mich endlich darauf einlassen konnte und es mit dem psychosomatischen Arzt in der Klinik besprach. Und weil das Thema so elementar ist, schreibe ich darüber, denn – Körpertrauma. Das ist ein Thema, das viele von uns unbewusst haben.
Am 5. Februar fuhr ich glückselig singend über die irischen Landstrassen Richtung Fährhafen. Zwar wollte ich nur ungern meine Insel verlassen, aber ich war so glücklich und dankbar für die allerbeste Zeit meines Lebens, dass ich fröhlich und euphorisch war. Gefühlt war ich weit höher als nur im siebten Himmel. Ich liebte das Leben intensiv – La vie est belle,belle! Einige Male habe ich in den letzten 100km die Fenster herunter gelassen und geschrieen: I LOVE YOU IRELAND!
Und dann kam der Aufprall. Brutal und elementar. Metall gab nach, das Auto schleuderte, die Airbags sprangen heraus. Das Auto begann ohrenbetäubend zu hupen, das Handy auch. Ich sass eingeklemmt hinter dem Lenkrad. Die Tür liess sich nicht öffnen. Der Aufprall war gewaltig, der Andere donnerte mit 80 km/h ungebremst in mich hinein, wie wir inzwischen aus seiner Blackbox wissen. Meine Knochen im rechten Bein gaben nicht nach, sie zerbarsten. Der Sicherheitsgurt schnitt mir viele Hämatome in den Oberkörper. Die Brille sprang mir von der Nase. Ich prallte mit dem Oberkörper gegen etwas. Und dann war Stille. Ich wartete darauf, dass meine Lichter ausgehen. Mein Körper wusste: Das hier ist der letzte Moment. Todesgefahr.
Etwas in mir war in diesem Moment stehen geblieben. Nicht mein Bewusstsein, meine Stimme oder meine mentale Resilienz. Ich aktivierte mein Notfallprogramm. Brachte mich in Sicherheit, liess mich aus dem Auto ziehen, konnte immer noch fehlerfrei alles verstehen und sagen in meinem allerbesten irischen Englisch. Aber mein System blieb stehen. Ich war – abrupt! – aus einer Bewegung heraus gefallen und von Jetzt auf Gleich angehalten worden.
Die Welt ging weiter – Unfallort – Unfallhelfer – Emergency – Klinik – Heimflug mit liebevollem Profi – Spital – Op – Reha. Aber: Der Körper war nicht fertig. Hatte die nächste Bewegung nicht gemacht. War zu schnell, viel zu schnell vom hohen Himmel gestürzt direkt auf den eiskalten, harten Asphalt. Die Erinnerung war in meinem vegetativen Nervensystem gespeichert. Der Körper war immer noch im Überlebenskampf und verstand nicht, dass er überlebt hatte. Ehrlich gesagt, ich habe auch ein paar Tage dafür gebraucht, es aber schliesslich verstanden. Mit dem Kopf, nicht mit dem Körper. Der bebte noch immer in Todesgefahr.
Im Moment des Unfalls hatte der Körper alles getan, um mich zu schützen. Hatte sich angespannt, die Stresshormone aktiviert, mich zum Funktionieren gebracht. Und dennoch hatte er Bewegungen eingefroren, konnte nicht fliehen oder wegrennen oder ausweichen. Ich konnte nicht raus aus dem Moment. Das bleibt.
Der Körper befindet sich sofort in einem Prozess. Er arbeitet weiter an dem was war, obwohl doch aussen alles geregelt ist. Ich sah meine Narbe, von der alle sagten sie sei gut verheilt. Beim Fädenziehen wurde ich fast ohnmächtig. Es stresste mich gewaltig. Und dann stresste mich auch alles mögliche Andere. Ich war nicht mehr in der Lage etwas „auszuhalten“ was mir unangenehm war. Hatte keine Ressourcen mehr. Denn der Körper ist beschäftigt, während der Kopf beständig sagt: ist doch alles gut jetzt!
Das Nervensystem kennt keine Zeit. Und es hat auch nur zwei Programme: Gefahr – oder Sicherheit. Und es hört nicht schnell auf mit dem Impuls das hier gerade Gefahr ist. Es zittert und bebt und hat Angst – obwohl doch vermeintlich alles unter Kontrolle ist. Das System arbeitet hart: Es muss runterfahren und Ladung abbauen. Deshalb zittert der Körper.
Wissenschaftlich erklärt: Das autonome Nervensystem übernimmt bei einem solchen Ereignis. Ich habe nicht emotional reagiert, sondern neurobiologisch umgeschaltet: Der Sympathikus aktiviert Kräfte wie Kampf oder Flucht. Der ventrale Parasympathikus sorgt für Sicherheit und Ruhe und der dorsale Parasympathikus sorgt für Erstarrung und Abschalten (deswegen erinnern wir uns alle lange nicht, was bei einem Unfall passiert ist).
Bei einem Unfall passieren zwei Dinge gleichzeitig: Eine extreme Aktivierung (Herzrasen, Spannung, Stresshormone) und gleichzeitige Erstarrung (Freeze). Die Kälte bleibt sehr lange im Körper. Die Spannung baut sich ab, indem der Körper es immer wieder wegzittert.
Unsere Amygdala, das Stresszentrum im Gehirn, reagiert: Gefahr erkennen und speichern. Dabei gibt es keine Zeitachse, das bleibt als sichere Leitung im Kopf.
Sobald das System wieder getriggert wird (noch in der Phase des Abarbeitens) reagiert die Amygdala so, als wenn die Gefahr jetzt gerade wieder da ist.
Die unvollendeten defensiven Reaktionen wie weglaufen, kämpfen, schützen laufen weiter und bleiben schliesslich im Nervensystem stecken. Daraus entsteht ein Trauma. Dabei sind nach so einem Unfall oft die Verbindungen zwischen dem präfrontalem Cortex (Verstand, Einordnung, mentale Verarbeitung) und dem limbischen System vorübergehend gestört. Das heisst konkret: Man weiss, dass man sicher ist – aber der Körper weiss es noch nicht.
Es braucht Zeit und Verständnis und Einverstandensein, um dem Körper zuzuhören. Das System braucht länger, sich wieder sicher zu fühlen. Es gibt gute Therapien dafür: Wärme. Körperliches Wohlbefinden (sanfte Körpertherapie, Körperkontakt) langsames Aktivieren und Entladen. Längeres (hörbares) Ausatmen statt schnelles Einatmen. Mikrobewegungen. Und: Geduld.
Ich arbeite. Atme. Wärme mich. Und: Ich habe keine Eile. Das ist wichtig.
Immer noch denke ich: Das Leben ist schön! Schön! Was denn auch sonst!
Es gibt keinen Grund, sich zu beeilen. Alles braucht seine Zeit. Das Zittern ist weniger geworden. Ich singe und lache wieder. Und hätte ich gerade ein Auto würde ich die Fenster öffnen und schreien: I LOVE YOU IRELAND. Daran hat sich nichts geändert. Also zurück auf Start. Kein Trauma dauert ewig – und vor allem ist ein Trauma kein Drama. Nur ein Prozess durch den wir gehen. Heilbar. Der Körper reguliert das schon, wenn man das zulassen kann.
Ich werde wieder Auto fahren. Lachen, tanzen, singen. Und nach Irland fahren. Mit der Fähre. An der Urlaubsstelle vorbei und den ganzen langen Weg zurück an meinen Strand. Aber jetzt bin ich hier. In der sicheren Schweiz. In sicheren Händen. In meinem lieben Körper, der sich sanft um mich kümmert. Ich habe überlebt. Das ist eine Einladung für mehr mehr mehr.
Mal schauen, was das Leben macht! Es ist bestimmt gut!
Denn: La vie est belle! Das Leben ist schön!



















