Die letzten Wochen hatten eine ganz besondere Dynamik und ich bin ein bisschen sprachlos, was sich alles an die Oberfläche kämpft. Ich hörte von einem Freund, der sich im September letzten Jahres das Leben nehmen wollte und danach nicht mehr den schönen Schein aufrecht erhalten konnte. Er war (für sich selbst gefühlt) schon immer Gay, hatte aber ein Scheinleben, eine Lüge, gelebt. Das hat ihn so belastet, dass seine Seele in immer kürzer werdenden Abständen aufschrie, bis er schliesslich seiner grössten Angst begegnen musste und sich outete. Seine erste Lösung war aber, auszuweichen und sich davon zu stehlen. Wie gut, dass der Suizid nicht gelungen ist. Nun aber zwang das Leben ihn, endlich einzugestehen wer er wirklich ist. Damit war seine Ehe hinfällig und viele Menschen in seinem Umfeld waren schockiert. Ich wünsche ihm von Herzen, dass man ihn in Ruhe sein wirkliches Leben leben lässt und er genug Kraft in sich trägt, jetzt den Weg seines wahren Selbst zu leben.
Und auch andere Menschen kreuzten meinen Weg, meist beruflich, die endlich Schluss machen wollen mit den Lebenslügen, den falschen Entscheidungen. Menschen, die das schnelle Geld korrumpiert hatte, andere die ihre Ideale verraten hatten. Menschen, die in toxischen Beziehungen steckten und endlich den Mut aufbrachten, von diesem unguten Klima auszubrechen. Ein guter Freund, der eine unmögliche Liebe mit allen Mitteln am Leben zu halten versucht, ein Umstand, bei dem er sich mehr und mehr selbst verliert, wenn er nicht endlich die scharfe Brille aufsetzt und sieht, was wirklich ist.
Wie schwer ist es doch, authentisch zu sein. Und wie überaus anstrengend.
Viel einfacher: Mit dem Strom schwimmen, mitspielen, tun was erwartet wird. Tun, was man gelernt hat, was die Gesellschaft, der Status, die Kultur von uns verlangt.
Wieder einmal schüttle ich den Kopf.
Ich muss ein bisschen schmunzeln, wenn ich bedenke, was mir Freunde geraten haben in den letzten Wochen: „Mach schön Deine Übungen!“ und „das wird schon bald wieder, du musst Geduld haben“ und „Denk dran, schön langsam! Nicht zu viel auf einmal“. Ich dachte mehr als einmal ein paar sehr hässliche Gedanken bei diesen Rat-Schlägen. Niemand geht in meinen Schuhen. Unsere Erziehung und Gesellschaft erwartet, dass schnellstmöglich alles wieder „normal“ sein soll. Ja nicht zu viel jammern oder Widerstand leisten. Es scheint wirklich für alles Schablonen zu geben, selbst für die Gesundung.
Wie zuwider ist mir das – der Mainstream. Das, was man soll. Und das, was man nicht soll. Wie genau man es soll. Wie es vorgeschrieben ist. Wie es sein muss. Was normal ist … Sind wir immer noch nicht weiter?
Was braucht es, um mutig eigene Entscheidungen zu treffen?
Wieviel Zivilcourage haben wir noch?
Was kostet es, ungemütlich zu sein?
Vor allem: Was braucht es, wirklich authentisch zu leben?
Das Entscheidende ist wohl vor allem, dass Authentizität kein egoistischer Akt ist, sondern etwas zutiefst Menschliches. Es geht nicht um Egoismus: „Ich mache jetzt nur noch was ich will“. Sondern: „Ich kann nicht länger gegen meine eigene Wahrheit leben, ohne innerlich einsam und traurig zu werden.“
Menschen funktionieren oft jahrzehntelang, erfüllen die Rollen, bedienen Erwartungen, halten Frieden und Harmonie hoch und wollen dazugehören, anerkannt sein. Und irgendwann merken sie dann, dass sie keine eigene Verbindung mehr zu ihrem Herz, zu ihren Sehnsüchten haben. Authentizität ist kein Luxus-Egoismus sondern ein psychischer Überlebensinstinkt.
Im Falle meines Freundes war es so, dass er wie nach einem viel zu langen Traum aufgewacht ist und erkannt hat, dass ihm sein gesamtes Leben fremd geworden war. Vehement hatte er seine Sehnsucht unterdrückt – und zum Teil betäubt mit immer grösser werdenden Mengen Alkohol. Bis zum Super-Gau. Kein Weg mehr zurück und auch keinen Weg nach vorne. Ein Wendepunkt. Eine Krise.
Ich glaube ja, der heutige Luxus ist nicht Reichtum, Status (-symbole), Ansehen, Macht, das Vorzeigen eines gut gestylten Lebens. Der heutige Luxus ist die Freiheit, sich selbst zu sein, auf sein Herz zu hören, den eigenen Weg zu gehen.
Irgendwann erreichen wir den Punkt, an dem Anpassung gefährlicher wird als Veränderung. Ein Punkt, an dem die Seele müde wird vom ständigen Verbiegen.
Authentizität ist kein rebellischer Akt, es ist ein Befreiungsschlag in das Leben, was wir eigentlich ersehnt hatten.
Vielleicht ist Authentizität heute der mutigste Luxus überhaupt: Lieber echte Ablehnung riskieren als lebenslängliche Anpassung. Das Ende eines langen inneren Verrats.
Denn: Unsere Tage sind gezählt und die Möglichkeit, wirklich authentisch zu leben ist genau jetzt. C.G.Jung hat gesagt: Es kommt der Tag, an dem Du entscheiden musst – Bist du gut – oder wahr? Es gibt nur das: Wahr.
Und vor allem sollten wir das immer im Auge behalten:
Ich muss schmunzeln, wenn ich das hier schreibe. Aber letzte Woche war ich nicht besonders amüsiert. Kaum hatte ich den Blog Eintrag beendet und abgeschickt, so ereilte mich die kosmische Rache. Ich lag noch in einer fragilen Verfassung nach der letzten Operation in meinem Spitalbett. Am Morgen war meine stille Nachbarin entlassen worden, eine junge feine Frau aus dem Welschland, die mit ihrem Freund flüsterte, wenn er da war, weil es mir nicht besonders gut ging und ich fast zwei Tage verschlief nach der langen Vollnarkose, die mein Körper zu verarbeiten hatte.
Ich klappte den Laptop zu und schmunzelte noch ein bisschen über meinen Milieu Beitrag- indem ich deutlich erwähnt habe, wie sehr mich alles Italienische stresst – als sozusagen ein karmischer Denkzettel mich ereilte. Nachdem der andere Spitalplatz gereinigt worden war öffnete sich die Tür und ein Inferno kam in meinen Raum in forma einer älteren italienischen Nonna. Sie sprach kein Wort Deutsch. Alle mussten sich anpassen und in den meisten Fällen mit Google Translator arbeiten, auch die Ärzte, deren sie sehr viele bedurfte.
Von Anfang an war Chaos. Die Nonna stöhnte, schrie, fluchte (Porca Miseria, Madonna mia!) und beschäftigte jeden, der auf den Beinen war. Sie machte auch keine Ausnahme, egal ob die Pflegenden ihr sagten, sie sprechen kein Italienisch. Es wurde sofort alles kommentiert und alle Wünsche mussten sofort erfüllt werden, Fenster auf und zu, was trinken, essen, den Blutdruck messen. „Sto male! Non mi sento bene! Sto morendo! Aiuto!“ – Ich bin krank! Ich fühle mich nicht wohl! Ich sterbe! Hilfe!. In den ersten Tagesstunden klingelte sie im Halbstundentakt. Während ich mir noch mit AirPods und Augenbinde meine kleine Heilungswelt zu bewahren versuchte. Ich atmete und machte alle Entspannungs- und Autosuggestionsübungen, die ich gelernt habe – und in meiner Arbeit lehre! Das würde schon gehen, dachte ich.
Ganz besonders heftig wurde es ab mittags. Da kam „La Famiglia!“ Und diese Familie war gross, sehr gross. Die Tür ging auf und immer das selbe Prozedere: „Mamma! Nonna! Oh mio Dio!“ es wurde immer gebrüllt, die Alte war allerdings nicht taub. Es war ein Ausdruck heftigen Entsetzens, dass die Gute im Spital war. Dann wurde geknutscht, die Blumen überreicht, Konfekt, Obst, Zeitschriften… und dann palavert. Sie standen an ihrem Bett, um ihr Bett herum. Die Zahl der Besucher variierte zwischen 4 und 12. Immer kam jemand und Neue folgten. Das ging den ganzen Tag so. Am Abend riefen weitere an und die Nonna brüllte ins Telefon, vielleicht waren die Anrufer taub oder wenigstens nahezu.
Taub wurde ich auch langsam. Jetzt stöhnte ich. Niemals kann ich in so einem Milieu, einem solchen Klima gesunden. Ich war genervt, aggressiv, wütend. Ich wollte rüber gehen und ihr einen meiner Gehstöcke überbraten, vor allem weil das Theater die ganze Nacht weiter ging. Ich bekam keinen Schlaf, meine Nerven bluteten aus, sprichwörtlich. Ich war jetzt selbst „furioso“, so eine Emotion gibt’s gar nicht in schweizerdeutsch und in meinem feinen englisch auch sehr selten. Ausserdem hatte ich kaum die Nerven irgendwas zu tun, zu schwach, zu defensiv war ich.
Der nächste Tag ging genauso weiter. Ich war ausgeliefert. Und ein Teil von mir beobachtete die ganze Szenerie aus der Adlerperspektive. Ich sah uns beide von oben – und musste mich innerlich kaputt lachen, während ich real schon mein inzwischen kochendes Blut händeln musste. Meine vier Jahre im Tessin hatten sich potenziert, jetzt bekam ich die ganze verfluchte Ladung Italinata in 48 Stunden.
Ich habe nicht viele italienische Worte gelernt. Aber ich kann fluchen und ich kann Essen bestellen. Als die Nonna wieder einmal besonders ausrastete, weil die Pflegenden nicht sofort kamen, nahm ich all meine Kraft zusammen, setzte mich auf und brüllte sie an: „Ti spezzerò il collo tra un attimo, maledetta vecchia troia“! Ich werde das hier nicht übersetzen. Sie war schockiert, weil sie dachte ich verstünde kein Wort. Und ausserdem dass ich mich so etwas traute. Danach war Ruhe. Sie war eingeschüchtert. Wir wurden noch am selben Tag getrennt.
Es war nicht nett von mir. Und ich wollte auch nicht nett sein. Manchmal nutzt nur das. Ich wusste ich werde zur Mörderin, wenn das so weiter geht und die ganze Bagage wieder reinkommen würde. Ich musste handeln, um meine Nerven zu schützen und auch um irgendwie zu meinem Heilungsfrieden zu kommen. Basta.
Trotzdem habe ich in den letzten Tagen über das Thema Amüsement nachgedacht. Eine Haltung, die ich seit vielen Jahren als Leitfaden für mein Leben annehme:
Ich will mich amüsieren und nicht ärgern. Oder eben nicht amüsieren und entziehen. Es gibt keine weitere Entscheidungsvariante. Das habe ich von Queen Elisabeth II gelernt. Sie pflegte immer zu sagen: I am amused. Oder: I am not amused.
Irgendwann dachte ich: Die Queen will sich amüsieren, das scheint ihre Art zu sein, mit dem Leben umzugehen.
Seitdem habe ich mich grundsätzlich auch entschieden, dass ich mich zwingend jeden Tag amüsieren möchte. Hintergedanke ist, das Leben wie ein Theaterstück zu sehen. Das heisst nicht, dass ich oberflächlich bin, aber es heisst, dass ich der Bitterkeit keinen Raum geben möchte. Ich will mich einfach nicht empören oder runter ziehen lassen. Und die Wendungen des Lebens als absurd und interessant betrachten. Für mich eine gute Haltung, die ich vor allem oft in meinem Job brauche.
Wer sich noch wundern, lachen, also amüsieren und über die Tragikomik der Menschen staunen kann, der bleibt lebendig, beweglich und frei. Das ist keine Flucht vor dem Leben sondern eine Haltung, die uns hilft, das Leben nicht ganz so ernst zu nehmen. Ein Umstand, dem ich ohnehin noch nie viel Platz in meinem Dasein gegeben habe.
In den letzten Wochen habe ich viel über dieses Thema nachgedacht. Vor allem weil ich an einer reichen Fülle von unterschiedlichen Orten war. Ich kam aus einer Zeit der Stille und Leere in Nordirland, in der ich nur mit wenigen Menschen sprach und stundenlang den langen leeren Strand entlang schlenderte und den weit weiten Himmel genoss. Und dann ging es nach dem Unfall direkt los in ganz und gar andere Eindrücke.
Ich spürte, dass jede Umgebung etwas mit mir tat. Und die Gespräche mich verfolgten oder langweilten oder aufwühlten. Und das Gesehene mich inspirierte oder öffnete oder einengte. Und damit bin ich ja nicht allein. Es geht uns allen so.
Ein bisschen muss ich schmunzeln, dass ich einmal eine katastrophale Fehlentscheidung getroffen hatte. Vor einigen Jahren, es hatte mit der permanenten Aufenthaltsgenehmigung in Jersey nicht geklappt, hatte ich die wahnwitzige Idee ins Tessin zu ziehen. Oh du meine Güte. Ich mag kein italienisches Essen. Die Sprache und deren Tempo/Tonation nervt mich. Ich mag keine Touristen. Heisses Wetter ist gar nicht meins. Die verdammten Berge ekelhaft nah. Ich sass auf meinem Balkon und schaute ins Tal aber rechts und links schienen sich die riesigen Berge zu zu schieben, so dass sie mich zerquetschen würden. Alles ging mir da auf den Geist, ich fror im Winter erbärmlich und die Schönheit meines Tals erreichte mich nur an guten Tagen. Ich pickte mir die Kirschen: Das glasklare Wasser in den Flüssen und Wasserfällen, die Kirchen, die entlegenen einsamen Gegenden, die Unberührtheit und das Archaische in der Landschaft. Nur – lang hielt es mich! natürlich! nicht!
Ich bin in meinem Leben oft umgezogen, ich denke so alle 3-4 Jahre in der Regel, weil ich immer Lust auf Neues hatte. Und mich Routinen langweilen. Immer schon. Schon als kleines Mädchen wollte ich ständig was Neues erleben, spannenden Menschen zuhören. Noch immer, ungebremst, hungert es mich nach guten Büchern, neuen Ideen, anderen Gedanken, inspirierenden Gesprächen. Die Weite! Ich brauche sie unbedingt und überall. Ich bin eine Suchende und bleibe es auch.
Und dann dachte ich darüber nach, was das Milieu, in dem wir uns bewegen, mit uns macht. Wie es uns einnimmt, sich in uns einschleicht und uns, eigentlich im Wesentlichen – öffnet oder schliesst. Uns zu einem besseren Menschen macht. Oder eben das Gegenteil davon.
Interessanterweise bringt mich das in eine ganz eigene Richtung:
In wie fern sind wir wirklich frei in unseren Entscheidungen?
Zunächst prägt uns mal alles: Unsere Sprache prägt wesentlich unser Denken. Ist Dir schon aufgefallen, wie sich deine Stimmlage verändert, deine Wortwahl, dein Sprachtempo, wenn Du in einer anderen Sprache, oder einem Dialekt sprichst? Was tut es für Dich, Muttersprache zu sprechen oder Dich auf eine andere Sprache einzulassen? Ist Deine Sprache komplex oder einfach? Unterschiedlich in der gewählten Sprache? Sprache bildet Gedanken, erweitert den Geist oder reduziert ihn. (Nur noch Emojis zum Beispiel killen den Geist und die Kommunikation)
Gewohnheiten prägen uns in unserem Tagesablauf und können Sicherheit (bei den Sicherheitssuchenden) und Langweile und Einengung (bei den Freigeistern) sein.
Milieu kann zu einer inneren Struktur werden. Und auch hier gilt das alte Gesetz:
Anpassung oder Rebellion.
Wir suchen das Gleiche um uns geborgen und sicher zu fühlen. Oder wir suchen den Gegenentwurf um möglichst viel Risiko und Abenteuer in unserem Leben zu haben.
Wie wir aufwachsen, wo wir gross werden, was wir lernen, essen, sprechen, erfahren, als Vorbild annehmen, das alles ist ein inneres Gerüst, das wir entweder endlos nachahmen oder eben genau das Gegenteil davon machen. All das prägt uns.
Ich muss schmunzeln, wenn ich zum Beispiel daran denke, wie leidenschaftlich ich Minigolf spielen hasse (ich werde schon allergisch wenn ich Fotos davon sehe) oder wie sehr mir manches Essen zuwider ist. Oder erzwungene Floskeln und Phrasen. Oder Strassenkehren. Oder Anhäufen von Erinnerungsstücken. Oder überhaupt viele Dinge besitzen. Oder den muffigen Geruch von alten Textilien. Textilien überhaupt, ganz schlimm. … Gehe ich zurück darauf, warum ich das so hasse, dann sind es die Erinnerungen, die daran verknüpft sind. Eine Realität, die ich abgestreift habe.
Man könnte provokant sagen, dass wir die meisten Dinge nicht entscheiden, sondern wiederholen. Auch die Abneigungen!
Milieu kann also ein Ausgangspunkt sein, muss aber nicht immer das Gleiche bleiben. Wir können uns ein neues Milieu suchen, zu dem wir uns mehr dazugehörig fühlen. Sozusagen als Gegenentwurf zum Gegebenen. Oder dem, was wir schon ausprobiert und nicht als förderlich befunden haben. Nur eins ist ganz gewiss:
Je genauer Du weisst, wer Du bist – desto sicherer kannst Du Dir Dein eigenes Milieu aussuchen – und das Falsche unbedingt verlassen! Freiheit muss man sich erobern und es ist bisweilen mühsam. Denn: Wenn es das falsche Milieu ist, in dem Du Dich befindest, so wird es Dich lähmen, klein halten, in Angst festhalten, Deine Möglichkeiten beschränken. Wenn es das Richtige ist, dann hebt es Dich, lässt Dich aufblicken, über alle Komfortzonen und Einengungen hinaus in Dein Potential wachsen.
Der Mensch ist ein soziales Wesen, Zugehörigkeit ist existenziell. Also wird Dein Herz sowieso danach streben da zu sein, wo es singen und tanzen kann. Es ist eigentlich ganz einfach: Überall wo Du glücklich, friedlich und entspannt bist, da bist Du richtig. Überall wo Du lachen kannst, Menschen und Situationen Dich berühren, da bist Du willkommen. Alles was zu Dir passt löst Glücksgefühle bei Dir aus. Wähle nur das und Du hast ein glückliches Leben!
Wir alle sind in einem Milieu. Mit diesem Blog möchte ich Dich auffordern nach innen zu fragen: Fühle ich mich hier wohl? Bin ich glücklich? Inspiriert? Hat dieser Weg, diese Situation, diese Verbindung ein Herz? Entspricht es meinem Innersten? Kann ich hier wachsen?
Wenn nein, musst Du unbedingt weiterziehen und die richtige Atmosphäre suchen, in der Du Dich entfalten und das Leben geniessen kannst. Wenn ja, dann mach weiter! Mach Dein Leben schön, gross, bunt und mach Dich glücklich!
Denn, am Ende geht’s nur darum, das Leben zu geniessen so lange wir es haben.
Ich bin hundertemale vom Pferd gefallen. So oft, dass mein Reitlehrer, ich war gerade 13, mir ein paar Sicherheitsgurte empfahl, die man unter dem Sattel anbringen sollte und meinen Oberkörper fixieren könne. Ich fiel immer wieder. Alle rieten mir ab, das Reiten weiterhin zu versuchen, der Reitlehrer sagte er hätte noch nie ein Kind mit so wenig Talent gesehen.
Ich fiel bei Turnieren weil mein ausgeliehenes Pferd mich über das Hindernis schmiss, statt selbst darüber zu springen. Ich fiel, wenn mein Pflegepferd vor Freude Bocksprünge machte. Ich fiel, weil ein anderes Pferd, das ich ab und zu ritt, Angst vor Traktoren und Mähdreschern hatte und durchging. Ich fiel sogar, weil ich vergessen hatte den Sattelgurt anzuziehen. Ich fiel, weil ich mich nicht halten konnte, weil ich nicht vorausschauend ritt, weil mein Pferd auch fiel. Weil ich nicht aufpasste, weil das Pferd scheute, weil andere mich zum Sturz brachten. Einmal fiel ich bei einer Jagd im wilden Galopp. Ich brach mir viele Knochen. Alles glatte Brüche, mehrere Wochen Gipsverband und dann sass ich wieder auf. Unerschütterlich. Ich war 42 Jahre eine Reiterin. Und habe längst vergessen, welche Blessuren mein Körper in dieser Zeit hatte.
Und dann bin ich auch ab und zu aus allen Wolken gefallen. Wenn mir etwas klar wurde mit dem ich nie gerechnet hatte. Oder eine Überraschung aus dem Nichts kam. Oder weil ich im Liebeskummer ertrank.
Fallen war nie das Problem. Aufstehen danach auch nicht.
Aber: Es hat noch nie so lange gedauert, wieder aufzustehen wie dieses Mal. Und es war noch nie so vielschichtig. So elementar und brutal und subtil.
Vor zwei Wochen hatte ich mir ein neues Auto angesehen. Ein chices Ding in einer eigenwilligen Farbe. Aber als ich hinter dem Lenkrad sass konnte ich meinen Fuss nicht aufs Pedal stellen ohne Panikattacke. Ich fuhr das Auto nicht Probe. Ich stieg wieder aus und liess es. Aber – Ich liebe doch Autofahren! Und ich brauche meine Freiheit mich jederzeit irgendwo hin zu bewegen!
Also rief ich meinen Psychiaterfreund an und er riet mir, den selben Minicooper auszuleihen, den ich an meinem Unfall bei mir hatte. Mit viel Glück hatte meine ehemalige Garage genau so einen zum Probefahren. Ich musste das Auto anlassen, losfahren und so oft wie möglich nach rechts abbiegen (der Unfall geschah als ich gerade abbiegen wollte).
Ich fuhr also los und redete mir gut zu und ich nahm einen Trick mit: Wenn man Angst hat und das vegetative Nervensystem beruhigen möchte, dann muss man so tun, als ob man nur durch einen Strohhalm atmen könne. Ich nahm den Trick. Es funktionierte. Ich war ruhig und dennoch: Meine Nerven waren aufs Äusserste gespannt. Ich fuhr los. Das Modell hat inzwischen 160 PS mehr. Er schoss los. Ich bog ab, fuhr, bog wieder ab. Es funktionierte! Ich fuhr eine halbe Stunde.
Trotzdem wollte ich das Auto nicht kaufen. Ich sah, wie mein Knie ganz nah am Armaturenbrett war. Das hatte zum Bruch geführt und würde mir nie mehr passieren dürfen.
Also ein paar Tage später: Wieder ein Auto Probefahren. Und diesmal ging es, ich blieb ruhig, wenn auch sehr verhalten. Ich fühlte mich wohl und sicher. Und herrlich, wie übersichtlich die Strasse von etwas weiter oben ist. Dieses Modell hatte ich vor vielen Jahren schon einmal gefahren und hatte ihn geliebt und bis zum letzten Kilometer seines langen Lebens genossen. Ich kaufte ihn, gab ihm einen Namen. Und schliesslich war ich wieder „on the road“.
Ich war also quasi wieder aufs Pferd gestiegen. Aber ach. Es war nicht mehr so leichtfertig wie früher. Diesmal werde ich nicht viele Geschwindigkeitsübertretungen haben. Keine Bussen mehr budgetieren müssen. Ich krieche. Aber: Ich geniesse! Wie herrlich, wieder auf dem Weg zu sein. Unterwegs. Das Dachfenster öffnen und den Windwiderstand geniessen, wenn man die Hand heraus hält. Kilometer zu machen. Menschen zu besuchen, die ich sehr sehr lange nicht gesehen habe. An tolle Orte zu fahren.
Dass ich dann aussteige und aus den hinteren Sitzen die Gehhilfen hole, kein Problem. Hauptsache: Wieder unterwegs sein!
Etwas ist mir aufgefallen: Diesmal war alles intensiv. Früher war ich nach jedem Fall, jedem Sturz, ganz einfach wieder aufgestiegen und hatte weiter gemacht. Und diesmal war alles neu. Alles frisch. Jeder Handgriff war speziell. Die Bewegung. Das Sichtfeld. Das Gefühl.
Mit ganz grossen offenen Augen sah ich Dinge, die ich lange nicht gesehen hatte. Und bereits seit geraumer Zeit als „selbstverständlich“ angesehen hatte. Wie viel nehmen wir gar nicht mehr wahr, tun es jeden Tag, ohne es zu bewundern, ausgiebig zu feiern und wert zu schätzen. Das wird meine neue Haltung: Alles zu bewundern was da ist. Und wenn es noch so gewöhnlich ist: Den Wasserkocher, den irischen Tee. Den Kühlschrank, eine weiche Matratze, die Waschmaschine, das Türschloss. Den Computer natürlich! Unsere Kleidung, die Zahnbürste, die Dusche mit dem herrlich heissen und kalten Wasser. Und ja – natürlich! Auch den Körper. Wie er läuft. Meiner läuft jetzt ein paar Tage ohne Gehhilfen. Dann kommt die nächste Operation und das ganze Hochkämpfen geht von vorne los.
Aber: Aufrecht werden, sich aufrichten. Damit dürfen wir niemals aufhören. Auch wenn es bisweilen etwas länger braucht.
Denn: Das Leben muss gefeiert werden! La vie est belle! Das Leben ist schön!
Die letzte Woche habe ich über ein Phänomen nachgedacht… Über Zufälle. Über Schicksal. Über Vorbestimmung… ich wurde mir nicht einig mit mir selbst also habe ich recherchiert. Vorausgegangen waren ein paar „Zeichen“, wie ich sie nenne.
Nach acht Monaten kam ich zurück in mein Domizil, das ich im Sommer verlassen hatte. Ich war damals zum Umpacken kurz dort gewesen für zwei Tage und hatte die Sonntags NZZ gelesen. Sie war durchgelesen und trotzdem entsorgte ich sie nicht, liess sie auf einem Sessel liegen. Mir gefiel das Wortspiel, das als Titel dick gedruckt war… schau selbst…
Im Nachhinein, jetzt, nach acht Monaten, schien es wie eine Zukunftserinnerungen, ein Omen, ein Zeichen, wohin das Aufbrechen mich führen würde. Und auch weitere Zeichen hatte ich erhalten, dass das grosse Abenteuer vielleicht ein anderes Ende nehmen würde als von mir beabsichtigt. Ich ging dem nach. Wenn es sehr viele Zeichen in die gleiche Richtung gibt, dann muss ich das ernst nehmen.
Ich las ein paar populär gewordene Gedankenexperimente aus der Anfangszeit der Modernen Physik, beschäftigte mich mit Quantenphysik und Zufälligkeiten, dem Nachweisen was Bewusstsein in Bezug auf unser Leben macht. Über das hatte ich in einem früheren Blog Post schon einmal geschrieben: https://adler-perspektiven.blog/2026/01/05/das-unsichtbare-netz
Und jetzt kam ich zu einem ganz neuen Spektrum: Das Herrmann Gitter.
Es ist „eigentlich“ eine klassische optische Täuschung, bei der an den Kreuzungspunkten eines weißen Gitters auf schwarzem Grund (oder umgekehrt) flimmernde, graue Flecken erscheinen. Diese Flecken verschwinden, wenn man sie direkt fixiert. „Eigentlich“ also ein neurologisches Phänomen, das vor allem im Aufbau des Auges, der Netzhaut und der Wahrnehmung existiert. Aber es wirft eben auch Fragen auf: Wenn Dinge einfach verschwinden, wenn man sie fixiert, heisst das dann auch, dass sie vielleicht von Anfang an nicht existiert haben?
Im Gitter der Welt, klar gezogen in Schwarz und Weiß, beginnt etwas zu flimmern, das nie dort war. An den Kreuzungen entstehen Schatten, flüchtige Punkte, wie Zweifel, die nur im Augenwinkel leben. Schaust du sie an, verschwinden sie. Hältst du inne, sind sie wieder da als hätte dein Blick sie erschaffen und zugleich vertrieben.
So arbeitet das Innere: Es ergänzt, verdichtet, erfindet,wo die Welt eigentlich still und eindeutig wäre. Und vielleicht ist das die leiseste Wahrheit: Nicht alles, was dich beunruhigt, ist wirklich da – aber es ist wirklich in dir entstanden.
Das heisst ganz konkret: Das Hermann-Gitter zeigt etwas Grundlegendes:
Wir sehen nicht einfach die Realität Wir sehen eine Interpretation unseres Gehirns.
Können wir also – im Umkehrschluss – auch Dinge erschaffen, die wir sehen wollen, die wir erleben sollen? Wieviel Power hat unser Bewusstsein, die Dinge zu bewegen, die Realität zu erschaffen? Im besten Fall: Das was wir wünschen wird Realität. Im schlimmsten Fall: unsere Befürchtungen/Prognosen/Ängst wahr werden lassen, weil wir sie lange genug fixiert haben?
Puhhh, das war ein spannender und herausfordernder Gedanke.
Das Indra-Netz sagt: Alles hängt miteinander zusammen
Das Hermann-Gitter sagt: Was du siehst, entsteht in dir
Zusammengenommen entsteht ein dritter Gedanke:
Die Welt, die du erlebst, ist
ein Zusammenspiel aus äusserer Vernetzung und innerer Deutung.
Oder noch klarer:
Aussen: ein Netz aus Beziehungen
Innen: ein Netz aus Bedeutungen
Und beide spiegeln sich.
Und, wie krass. Das ist keine Esoterik. Es ist Physik die zu Erkenntnis und zur Forschung unseres Bewusstseins dient
Vielleicht also ist die Welt ein Gewebe, so fein, dass kein Anfang und kein Ende sichtbar ist. Ein Netz, in dem alles mit allem spricht –leise, spiegelnd, ohne Worte.
Und mitten darin: Dein Blick.
Er wandert über die Knotenpunkte und beginnt zu deuten, zu ergänzen, zu erfinden.
Hier ein Schatten, der keiner ist. Dort ein Zusammenhang, der entsteht, weil du ihn siehst.
So treffen sich zwei Geheimnisse: Dass alles miteinander verbunden ist –und dass du es bist, der diese Verbindung sichtbar macht.
Vielleicht ist Wirklichkeit genau dort: wo das Netz der Welt und das Netz in dir sich für einen Augenblick ineinander erkennen.
Das war sehr viel zum Denken. Ich weiss, es ist ein überaus anstrengender Blog. Aber die Welt kann eben nicht immer in der Oberfläche betrachtet werden. Es laufen so viele Dinge zusammen, ich lade gerne ein, weiter zu denken, weiter zu erkennen. Ich persönlich glaubte immer schon an Zeichen, an Wendungen, die ich selbst provoziert habe, an Dinge die Dinge begünstigt haben. An Orte, die Entwicklungen stimuliert oder auch erst möglich gemacht haben.
In diesem Zusammenhang hat mir gestern ein Freund ein schönes neues Wort kreiert: „Eigentlichkeiten“. Manchmal sind wir so sehr damit beschäftigt, in die falsche Richtung zu blicken, dass wir nicht sehen, was direkt vor unseren Augen ist. Und in anderen Momenten sehen wir, was noch gar nicht da ist – und erschaffen es. Wo ist der Anfang und das Ende?
Ich glaube wir sind mitten drin im spannendsten aller Leben.
Und ganz fest glaube ich: La vie est belle – Das Leben ist schön!
In den vergangenen Wochen habe ich etwas Spannendes festgestellt: Ich habe einen Schock.
Ich hatte noch nie einen so Grossen. Einen, den ich lange nicht gespürt oder festgestellt hatte. Der Schock sass so tief, dass er sich gut verstecken konnte. Und als ich ihn dann mal erkannte, wusste ich sofort woher der kam und wo er sich befindet. Er hatte sich tief in mein Zwerchfell eingegraben, liess mich schwer atmen und oft seufzen. Und weil ich ihm nicht zuhörte, suchte er sich andere Ventile. Das sicherste Indiz: Immer wenn ich – oder jemand anders – mein verletztes Knie oder die Operationsnarbe berührte, fing das gesamte Bein an zu zittern. Und das zog sich wie heisse metallische Ladung dann durch beide Beine und hoch in meinen ganzen Körper. Ich schüttelte mich, zitterte, gefror. Das ging oft so, bis ich mich endlich darauf einlassen konnte und es mit dem psychosomatischen Arzt in der Klinik besprach. Und weil das Thema so elementar ist, schreibe ich darüber, denn – Körpertrauma. Das ist ein Thema, das viele von uns unbewusst haben.
Am 5. Februar fuhr ich glückselig singend über die irischen Landstrassen Richtung Fährhafen. Zwar wollte ich nur ungern meine Insel verlassen, aber ich war so glücklich und dankbar für die allerbeste Zeit meines Lebens, dass ich fröhlich und euphorisch war. Gefühlt war ich weit höher als nur im siebten Himmel. Ich liebte das Leben intensiv – La vie est belle,belle! Einige Male habe ich in den letzten 100km die Fenster herunter gelassen und geschrieen: I LOVE YOU IRELAND!
Und dann kam der Aufprall. Brutal und elementar. Metall gab nach, das Auto schleuderte, die Airbags sprangen heraus. Das Auto begann ohrenbetäubend zu hupen, das Handy auch. Ich sass eingeklemmt hinter dem Lenkrad. Die Tür liess sich nicht öffnen. Der Aufprall war gewaltig, der Andere donnerte mit 80 km/h ungebremst in mich hinein, wie wir inzwischen aus seiner Blackbox wissen. Meine Knochen im rechten Bein gaben nicht nach, sie zerbarsten. Der Sicherheitsgurt schnitt mir viele Hämatome in den Oberkörper. Die Brille sprang mir von der Nase. Ich prallte mit dem Oberkörper gegen etwas. Und dann war Stille. Ich wartete darauf, dass meine Lichter ausgehen. Mein Körper wusste: Das hier ist der letzte Moment. Todesgefahr.
Etwas in mir war in diesem Moment stehen geblieben. Nicht mein Bewusstsein, meine Stimme oder meine mentale Resilienz. Ich aktivierte mein Notfallprogramm. Brachte mich in Sicherheit, liess mich aus dem Auto ziehen, konnte immer noch fehlerfrei alles verstehen und sagen in meinem allerbesten irischen Englisch. Aber mein System blieb stehen. Ich war – abrupt! – aus einer Bewegung heraus gefallen und von Jetzt auf Gleich angehalten worden.
Die Welt ging weiter – Unfallort – Unfallhelfer – Emergency – Klinik – Heimflug mit liebevollem Profi – Spital – Op – Reha. Aber: Der Körper war nicht fertig. Hatte die nächste Bewegung nicht gemacht. War zu schnell, viel zu schnell vom hohen Himmel gestürzt direkt auf den eiskalten, harten Asphalt. Die Erinnerung war in meinem vegetativen Nervensystem gespeichert. Der Körper war immer noch im Überlebenskampf und verstand nicht, dass er überlebt hatte. Ehrlich gesagt, ich habe auch ein paar Tage dafür gebraucht, es aber schliesslich verstanden. Mit dem Kopf, nicht mit dem Körper. Der bebte noch immer in Todesgefahr.
Im Moment des Unfalls hatte der Körper alles getan, um mich zu schützen. Hatte sich angespannt, die Stresshormone aktiviert, mich zum Funktionieren gebracht. Und dennoch hatte er Bewegungen eingefroren, konnte nicht fliehen oder wegrennen oder ausweichen. Ich konnte nicht raus aus dem Moment. Das bleibt.
Der Körper befindet sich sofort in einem Prozess. Er arbeitet weiter an dem was war, obwohl doch aussen alles geregelt ist. Ich sah meine Narbe, von der alle sagten sie sei gut verheilt. Beim Fädenziehen wurde ich fast ohnmächtig. Es stresste mich gewaltig. Und dann stresste mich auch alles mögliche Andere. Ich war nicht mehr in der Lage etwas „auszuhalten“ was mir unangenehm war. Hatte keine Ressourcen mehr. Denn der Körper ist beschäftigt, während der Kopf beständig sagt: ist doch alles gut jetzt!
Das Nervensystem kennt keine Zeit. Und es hat auch nur zwei Programme: Gefahr – oder Sicherheit. Und es hört nicht schnell auf mit dem Impuls das hier gerade Gefahr ist. Es zittert und bebt und hat Angst – obwohl doch vermeintlich alles unter Kontrolle ist. Das System arbeitet hart: Es muss runterfahren und Ladung abbauen. Deshalb zittert der Körper.
Wissenschaftlich erklärt: Das autonome Nervensystem übernimmt bei einem solchen Ereignis. Ich habe nicht emotional reagiert, sondern neurobiologisch umgeschaltet: Der Sympathikus aktiviert Kräfte wie Kampf oder Flucht. Der ventrale Parasympathikus sorgt für Sicherheit und Ruhe und der dorsale Parasympathikus sorgt für Erstarrung und Abschalten (deswegen erinnern wir uns alle lange nicht, was bei einem Unfall passiert ist).
Bei einem Unfall passieren zwei Dinge gleichzeitig: Eine extreme Aktivierung (Herzrasen, Spannung, Stresshormone) und gleichzeitige Erstarrung (Freeze). Die Kälte bleibt sehr lange im Körper. Die Spannung baut sich ab, indem der Körper es immer wieder wegzittert.
Unsere Amygdala, das Stresszentrum im Gehirn, reagiert: Gefahr erkennen und speichern. Dabei gibt es keine Zeitachse, das bleibt als sichere Leitung im Kopf.
Sobald das System wieder getriggert wird (noch in der Phase des Abarbeitens) reagiert die Amygdala so, als wenn die Gefahr jetzt gerade wieder da ist.
Die unvollendeten defensiven Reaktionen wie weglaufen, kämpfen, schützen laufen weiter und bleiben schliesslich im Nervensystem stecken. Daraus entsteht ein Trauma. Dabei sind nach so einem Unfall oft die Verbindungen zwischen dem präfrontalem Cortex (Verstand, Einordnung, mentale Verarbeitung) und dem limbischen System vorübergehend gestört. Das heisst konkret: Man weiss, dass man sicher ist – aber der Körper weiss es noch nicht.
Es braucht Zeit und Verständnis und Einverstandensein, um dem Körper zuzuhören. Das System braucht länger, sich wieder sicher zu fühlen. Es gibt gute Therapien dafür: Wärme. Körperliches Wohlbefinden (sanfte Körpertherapie, Körperkontakt) langsames Aktivieren und Entladen. Längeres (hörbares) Ausatmen statt schnelles Einatmen. Mikrobewegungen. Und: Geduld.
Ich arbeite. Atme. Wärme mich. Und: Ich habe keine Eile. Das ist wichtig.
Immer noch denke ich: Das Leben ist schön! Schön! Was denn auch sonst!
Es gibt keinen Grund, sich zu beeilen. Alles braucht seine Zeit. Das Zittern ist weniger geworden. Ich singe und lache wieder. Und hätte ich gerade ein Auto würde ich die Fenster öffnen und schreien: I LOVE YOU IRELAND. Daran hat sich nichts geändert. Also zurück auf Start. Kein Trauma dauert ewig – und vor allem ist ein Trauma kein Drama. Nur ein Prozess durch den wir gehen. Heilbar. Der Körper reguliert das schon, wenn man das zulassen kann.
Ich werde wieder Auto fahren. Lachen, tanzen, singen. Und nach Irland fahren. Mit der Fähre. An der Urlaubsstelle vorbei und den ganzen langen Weg zurück an meinen Strand. Aber jetzt bin ich hier. In der sicheren Schweiz. In sicheren Händen. In meinem lieben Körper, der sich sanft um mich kümmert. Ich habe überlebt. Das ist eine Einladung für mehr mehr mehr.
Mal schauen, was das Leben macht! Es ist bestimmt gut!
Fünf Wochen habe ich in einer Rehaklinik verbracht und dabei intensiv beobachtet, wie ein solcher Betrieb funktioniert. Vor allem habe ich die Interaktionen zwischen den Angestellten und den Patienten verfolgt. Und
Ich ziehe meinen (imaginären) Hut! Ich verbeuge mich!
Nicht nur – aber natürlich auch – weil ich keinen dieser Jobs machen könnte weil mir schlicht die Nerven dafür fehlen würden!
Sondern vor allem, mit wieviel Liebe, Geduld und Hingabe die Therapeuten und Fachangestellten Gesundheit das machen. Wie freundlich die Menschen in der Cafeteria und im Speisesaal waren. Wie jeder, der in diesem Haus arbeitet, achtsam mit den Menschen umgegangen ist. Eine gleichbleibende Qualität und freundliche Grundhaltung. Auch untereinander. Niemand war irgendwie genervt oder sichtlich gestresst, obwohl es mehr als genug Arbeit gibt und sich manchmal dringende Notfälle entwickeln.
Ich habe kleine Gesten beobachtet. Ein jüngerer Mann kollabierte zweimal morgens vor seinem Zimmer und atmete schwer. Er bekam Notfallhilfe. Wir anderen gingen oder rollten an ihm vorbei, um ihn nicht mit neugierigen Blicken zu brüskieren. Und ich sah die Fa-Ge, wie sie ihm sanft über den Rücken streichelte, um ihn zu beruhigen. Im Speisesaal sah ich, wie eine Dame der Bedienung um den Hals fiel, um sich zum Abschied zu bedanken und die Angestellte die Umarmung herzhaft erwiderte. Ich sah sanfte Physiotherapeuten, die Mut zusprachen (auch mir) und eine handfeste Frau, die eher ein straffes Regiment führte und motivierte. Ich sah Angestellte, die lange lange unendliche Geduld hatten, wenn ich schon beim Zuschauen oder Zuhören fast explodierte über die Dreistigkeit der Patienten.
Und jede Woche liefen einige glücklich in die Freiheit und eine neue Armada neuer Patienten erschien. Jedes Bett wurde innert Stunden neu belegt und jedesmal begann alles von vorn: Patienten die mit Schmerzen und Beschwerden kamen, schwach und leidend, zerschmettert und angstvoll. Jedesmal wurden sie von den Angestellten liebevoll aufgenommen, gehegt, gepflegt, wieder auf die Beine gestellt.
Ein nie endender Strom von Phönixarbeit: Die Leute fallen ins Feuer und verbrennen und stehen wieder auf in neuem Glanz.
Woher nehmen diese wunderbaren Menschen diese Kraft das immer weiter zu machen? Ich konnte sie nicht fragen. Mit vielen war ich in einem schönen Austausch. Und doch habe ich nicht gefragt, weil ich mich bewusst zurück halten wollte. Ich war nicht als Coach da, sondern als Patient – und Patient heisst nun mal auf englisch: patient. Was so viel heisst wie: Geduldig sein.
Ich war so geduldig wie ich nur konnte. Aber beobachtet habe ich sie trotzdem, die hilfreichen Engel. Und gestaunt weil sie ihren Job so gut orchestriert, so effizient und so zugewandt gemacht haben. Einigen durfte ich ein bisschen über die Schulter schauen und die ein oder andere Hintergrundgeschichte erfahren. Ich glaube ganz fest, dass diese Menschen eine riesige Portion Nächstenliebe bekommen habe. Weit mehr als die meisten Menschen, die ich kenne.
Also noch einmal: Ich verneige mich.
Wie viel besser wäre es, wenn es mehr Menschen gäbe, die diese Qualitäten in ihre Arbeitsbereiche tragen. Es wird mir eine Inspiration für meine Arbeit sein. Und vielleicht habe ich genau das gelernt in der Reha: Geduldiger, freundlicher, milder, toleranter zu sein. Denn, unnötig zu sagen für meine Leser: Ich habe mich jeden Tag viele Male über die zum Teil undankbaren Patienten geärgert. Wenn ich sie aus den Augen der Angestellten sah, wurde ich etwas freundlicher 😉
Ein Loblied also auf alle, die sich den Menschen annehmen, ihre Liebe und Geduld und ihre Unterstützung geben und wirklich mitfühlen.
Bis vor fünfzehn Jahren habe ich ein Seminar angeboten, das „Spielräume“ hiess. Wir coachten fünf volle Tage in einem wunderschönen Haus über dem Ortasee in der Lombardei. Oh! Und wie exzessiv wir da das Leben feierten und in die Tiefe tauchten! Diese Tage lief mir wieder jemand über den Weg, der mich an die wilden Tage damals erinnerte – und plötzlich stand das Thema Spielräume wieder im Raum meines jetzigen Erlebens. Ich glaube, so ganz habe ich den Spielraum nie mehr verlassen…
Biologen, Psychologen und Neurologen haben seit einigen Jahren bei ihren gesellschaftlichen Untersuchungen fest gestellt, dass die Lebensfähigkeit jedes einzelnen Menschen sowie die Überlebensfähigkeit der Gesellschaft durch die Verdrängung und das Versäumen von Spiel zutiefst gefährdet ist.
Wie das?
Es geht alles in „Ordnungen“ voran, der Mensch hat gelernt seine Funktionalität immer mehr zu rationalisieren, zu perfektionieren. Viele Dinge laufen immer besser, auch der technologische Fortschritt wächst dynamisch und sehr schnell. Wir haben Prinzipien gelernt wie der Mensch funktioniert, wir haben gelernt wie man schneller, höher, weiter kommt, noch reicher wird, den Körper perfektioniert und wie man effizient arbeitet und natürlich haben wir gelernt wie wir uns in unseren Rollen verhalten müssen, um möglichst problemlos voran zu kommen. Inzwischen gibt es sogar Rollenmodelle für Plan B! Ich erkenne seit Jahren, dass Menschen, die ausbrechen wollen in die „Ausbrech-Schienen“ fallen und alle das selbe tun, was sie dann als „crazy“ bezeichnen aber genauso langweilig – weil vorhersehbar ist.
Wir leben in einer Dualität, im Schwarz-Weiss. Das geht, das geht nicht. Wenn man es zu etwas bringen will muss man sich so und so verhalten, die Regeln und Gesetze beachten, immer höflich, brav, lieb, angepasst, konventionell, linientreu, loyal und höflich sein. Wir leben nach dem Wenn-Dann Prinzip, sogar unsere Wahrnehmung ist bereits eingeschränkt, denn die Vielzahl der täglichen Anforderungen, der ständigen Ablenkung, der pausenlosen Lärm-Berieselung, der immer grossen Verfügbarkeit über Handy, Email, Telefon, Arbeitszeiten, Sport- und Hobby halten uns in Trab und unter einer kollektiven Hypnose, die keine eigenen Gedanken mehr zulässt.
Niemand lacht mehr über das Wort „Freizeitstress“.
Niemand stellt mehr in Frage, warum die Mehrzahl unserer Kinder und auch einige Erwachsene angeblich bereits am „Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom“ oder an der Hyperaktivität leiden. Oder warum es immer mehr Amokläufe, Burnouts und Depressionserkrankungen gibt, denn auch dafür gibt es bereits Lösungen, eine Schublade, in die der Mensch und seine „Krankheit“ passt, pharmazeutische Hilfe und der Therapieplan, die Wiedereingliederung in die Gesellschaft, die öffentliche Meinung ist auch darüber bereits manifestiert und Ärzte und Therapeuten haben ebenso gute Lösungen parat wie die Schulleitungen und die Personalabteilungen der Unternehmen.
Wir fahren alle – immer mal wieder oder beständig – auf einer „Schiene“…
je nach sozialem Status ist unsere Art, sich zu kleiden, wo und wie wir Urlaub machen, was wir essen und trinken, welche Hobbies wir pflegen, wohin wir zum Coiffeur gehen, welche Tageszeitung wir lesen, ja sogar welche Pages wir im Internet aufrufen, schon vor-programmiert denn wir entsprechen ja unserem Image, unserer Klasse.
Ein Beispiel: nennen wir ihn Benedikt, Anwalt in eigener Kanzlei in Zürich, 550.000 Franken p.a., 58, Militärrang des Oberstleutnants, inzwischen unglücklich oder gelangweilt verheiratet, zwei Kinder, beide in akademischer Laufbahn, Mitglied des juristischen Verbandes, der Rotarier und des Lions Clubs, trinkt gerne Barolo und mag die asiatische Küche, vor allem Sushi in der Sushi Bar auf der Bahnhofstrasse, dazu ein Glas Moet&Chandon zum Business Lunch. Spielt Golf, trägt Anzüge von Baldessarini und rahmengenähte Schuhe von Elgg, die er bei Grieder kauft, schenkt seiner Frau das Parfüm Chanel No.5, seiner Geliebten ein Dessous von Beldona oder ein Juwel von Les Ambassadeurs, denkt über ein Haartransplantat nach, liest die NZZ, macht Ferien in Singapur, Bora-Bora oder in einem exclusiven Club auf den Seychellen, fährt einen 93 Chevrolet mit vollverchromten Alu-Speicherfelgen oder einen dunkelgrünen Jaguar E-Type mit beigen Ledersitzen, auf seinem Schreibtisch liegen das Wall Street Journal, die Bilanz und das amerikanische Time Magazin, hinter seinem Schreibtischstuhl moderne Kunst, vielleicht eine Büste von Adorno. Seine Stadtvilla hat er verkauft oder seiner Frau überschrieben, er selbst lebt nun etwas ländlicher, auf der Türklingel steht aus Diskretions-gründen kein Name. Benedikt ist reich, kultiviert, verfügt über tadellose Manieren, einen hohen IQ, ein Golf-Handycap im professionellen Bereich und seinen alternden Körper hält er mit seinem personal Trainer fit.
Benedikt ist so gelangweilt dass es Tage gibt, an denen er nicht mal aufstehen mag. Denn dieses Leben kennt er seit 30 Jahren. Er weiss nichts anderes als das, was er leben muss weil es eben „seinen Kreisen“ entspricht. Dabei wäre er so gerne ganz anders, ganz simpel, aber das traut er sich nicht (mehr).
Das ist keine Idee, das ist ein realer Mensch, der in meinem Coaching war.
Wer nur noch schwarz und weiss sieht, kann die Farben eines Regenbogens nicht mehr wahrnehmen. Auch die fortgeschrittenste Gesellschaft kann weder Luft noch Nahrung noch Liebe und Beziehungen ersetzen und sie braucht Menschen, deren innere Lebendigkeit und spielerische Erfindungskraft noch nicht ganz eingeschlafen sind.
Es geht nicht um Spielerei, wenn wir fragen, inwieweit Leben Spiel sein kann.
Wo kämen wir denn da hin wenn jeder nur noch machen würde, was er will?
Das hat mich vor vielen Jahren eine wütende Dame am Telefon gefragt, weil sie einen Flyer von mir in den Händen hielt…
Ja, wo kämen wir denn da hin?
Vielleicht in den Eigensinn?
Vielleicht in die Kreativität?
Vielleicht sogar auf neue Gedanken? Vielleicht auf neue Lebenskonzepte?
Vielleicht auf Lösungen, die man gar noch nicht kennt!
Vielleicht sogar auf Lösungen, die wir alle brauchen?
INS SPIEL?
Spiel ist keine Form des blossen Zeitvertreibs, den wir uns leisten können oder nicht. Spiel ist das Grundprinzip des Lebens – und Spielräume sind die Räume, in die hinein sich Leben entfaltet.
Spielen ist – wie im althochdeutschen „spelan“ enthalten – die suchende Bewegung durch die Welt, eine Lebensbewegung, die keinen ungebahnten Weg scheut, Umwege gerade nicht meidet und zugleich immer auf der Suche ist.
Der spielerischen Qualität und Haltung des Lebens haben wir eine gesellschaftliche Struktur und Ordnung entgegen gesetzt, die Spielräume gar nicht ertragen kann, oder diese zugebaut/gemauert hat – oder zugestuhlt hat damit kein Bewegungs-, eben kein Spielraum mehr besteht.
Wir alle träumen den Traum eines bewegten, abenteuerlichen, lustvollen, spontanen, freien, lustigen Lebens, wir alle träumen davon, das Leben selbst zu gestalten, vielleicht sogar ein Stück weit für die Gesellschaft anders zu gestalten, neue Spielräume zu erobern, auszubrechen aus den Schienen, der Langeweile, der vorgezeichneten Konzepte. Ich behaupte sogar, wir alle träumen davon, aus der ORDNUNG auszusteigen und in die Selbstwirksamkeit – und damit weiter! Zu kommen.
Wer sich frei durch Räume bewegt, ist schwer kontrollierbar. Werden wir wohl deswegen alle so gerne von der Karrierelaufbahn, den gesellschaftlichen Normen, der Medienlandschaft, Netflix und Co., TikTok und Social Media, dem Internet, dem sitzenden Spiel vor der Playstation betäubt? Damit wir ruhiggestellt sind und unseren inneren und äusseren Bewegungs- und Eroberungsdrang unter Kontrolle haben?
Schaut mal in die Ämter des öffentlichen Rechts, alles sitzende Wichtige. Für sie scheint die Eroberung der Spielräume wie eine Art der Anarchie!
Ich behaupte: Der Verlust unserer Spielfähigkeit und der Fähigkeit der Entdeckung und Eroberung von gegenteiligen neuen Lebensformen hat eine körperliche, geistige und emotionale Panzerung zur Folge. Wir sind ja schon alle völlig ungeschmeidig vom vielen Sitzen! Und das Paradox: Viele von uns sitzen sogar gerne!
Scham, Angst, Schuld, sitzen uns im selbst gewählten Gefängnis fest im Nacken. Es hält uns vom Ausbrechen ab. Allmählich wird so jede Lebens-Bewegung schmerzvoll abgestellt und selbst da, wo Spielräume und Veränderungs-Möglichkeiten greifbar sind, werden sie nicht genutzt und mit den unglaublichsten Begründungen sogar abgelehnt.
Wir alle also sitzen auf unserem Geld, dem Eigentum, der „Regeln“, auf unseren Beziehungen, auf unseren Meinungen und Weltanschauungen, auf unseren Positionen und Verdiensten samt Diplom, Medaillen und Orden. Ist das die vermeintliche Sicherheit, auf der wir sitzen? Anstatt zu leben sitzen die meisten von uns ihr Leben aus. Und dann ärgern wir uns krank, wenn das Leben sich nicht an unsere Bedingungen und Erwartungen hält.
Ich behaupte: Wir alle wollen zurück ins Spiel. Und wir alle wollen zurück zur Liebe. Nur ist unser Panzer schon so dicht geworden, das nichts Leichtes mehr durchdringen kann.
Aber wir können doch beginnen den Panzer aufzubrechen und zu schauen was drin ist. Zu schauen was an Leben, Leidenschaft, Leichtigkeit, Lebenslust, Liebe, Aufregung, Freude, Euphorie und Ekstase noch da ist.
Leben ist Beziehung und muss sich in Räumen gestalten, die auch einen Spielraum aufweisen, in den hinein sich etwas Neues entwickeln kann. In jedem Raum ist Spielraum! In jedem Raum ist Spielraum!
Schaffen wir uns also eine eigene Welt in dem wir die unsinnigen und nicht mehr notwendigen Ordnungen, Normen, Grenzen und Beschränkungen nieder reissen und mit hemmungsloser Spontaneität ausprobieren wer und was wir eigentlich sind.
Das können wir überall! Auch in einer sterbenslangweiligen Rehaklinik.
Ob ich dieses herrlich wilde Seminar wieder anbieten sollte? Lust dazu hätte ich!
Am Samstag ging’s wieder los mit der weissen Pracht. Die Tage vorher waren sonnig und schön und der Frühling protzte üppig mit seiner Kraft. Alle Knospen brachen auf, die Blumen explodierten auf den Wiesen. Die ganze wilde Kraft der auflebenden Jahreszeit zeigte ihre Gier und ihre starke Ladung in der Natur. Und kaum angekommen drängten alle nach draussen. Die Köpfe der Patienten gingen nach oben, die Wirbelsäulen streckten sich, der Gang wurde dynamischer oder leichter. Auch bei mir. Und dann: Schneite es. 30 Zentimeter über Nacht. Alles war zugedeckt, eine bewegte Wolkenwand machte alles dunkel und dramatisch.
Was tun wir bei einem Rückschritt? Fast immer sinkt man zurück. Auch ich dachte: Es geht einfach nicht (nicht genug, nicht schnell, nicht signifikant) voran. Die Ebbe hatte mich wieder erreicht. Und dann dachte ich, wie sehr ich die Ebbe in Nordirland geliebt hatte. Fast immer hatte das Meer bei Ebbe eine riesige Menge an wunderschönen Muscheln und Wellhornschnecken zurück gelassen. Ich war bei Ebbe gerne am Benone Strand spaziert und hatte die Weite und Leere genossen. Meine Seele war ruhig geworden. Hatte geatmet, ganz oft ausgeatmet und manchmal auch wieder aufgeatmet. Denn: Die Flut hatte ja immer krass aufgewühlt. Mich beherrscht und aufgeregt und immer hatte sie nach Aktionen gerufen: In die eiskalte Brandung springen. Ich hatte den Surfern zugesehen wie sie auf den Wellen tanzten und den Möwen, wie sie im Aufwind segelten und Kapriolen schlugen.
Aber jetzt war Ebbe. Nicht an meinem Strand. Sondern hier erstarrte die Welt im Schnee. Alles wurde schlagartig langsam. Ich auch. Den ganzen Sonntag ruhte ich. Alle anderen auch. Die Flure waren gespenstig leer. Die Welt erstarrte.
Nichts für mich, da ich die Welt des bewegten Windes liebe. Das Fortgehen, das Wehen, das Mitschwingen.
Was tun wir, wenn die äusseren Umstände uns zur Ruhe zwingen?
Puh. Ich atme. Ich nerve mich. Dann beruhige ich mich. Hingabe heisst nicht Aufgeben. Hingabe heisst: Mit den Dingen fliessen.
Das bekannte Zitat von Anne Morrow Lindbergh über Ebbe und Flut aus ihrem Buch „Muscheln in meinem Sandkorb“ lautet:
„Wir haben so wenig Vertrauen in die Gezeiten des Lebens, der Liebe, der Beziehungen. Wir jubeln der steigenden Flut entgegen und wehren uns erschrocken gegen die Ebbe. Wir haben Angst, sie würde nie zurückkommen“.
Das Leben verläuft in Wellenbewegungen, vergleichbar mit den Gezeiten. Sowohl die „Flut“ (positive, produktive Phasen) als auch die „Ebbe“ (ruhige, schwierige oder leere Phasen) gehören zum natürlichen Rhythmus. Oft wird die Ebbe fälschlicherweise als endgültiger Verlust statt als notwendige Übergangsphase gesehen.
Ich erinnerte mich daran und akzeptierte das veränderte Tempo. Stand wieder gerade. Hörte ruhige Musik. Sagte mir: Das gehört zum Prozess. Anspannen – Entspannen. Das hatte ich schon tausende Male gemacht. Der Widerstand war das Problem, nicht der Prozess. Also: Weiter machen. Aushalten. Durchatmen. Durch das Tal hindurch und am Ende wieder nach oben.
Ein Schritt nach dem anderen.
Wenn Du also gerade das Tal spürst. Wenn die Ebbe kommt. Der Schnee. Der Winter zurück kehrt obwohl wir doch gerade noch am Aufblühen waren. Dann: Langsam werden. In die Tiefe wachsen. Nochmal Anlauf nehmen.
Diesen Blog schreibe ich auch für „Lucky“. Am Ende des Verharrens und Abwartens und genervten Ebbelebens wird – der Sprung stehen. Ins Leben. Blüh auf!
Siehe da: Der Schnee ist geschmolzen. Die Sonne strahlt. Das Leben ist wieder da.
Ich mache noch 100 Beinpressen. Jetzt gleich. Die Beine wollen wieder tanzen.
Es ist ziemlich lange her, dass mir dieses Tierchen das erste Mal begegnet ist. Vielleicht fünf Jahrzehnte oder mehr. Da sprach jemand davon, den inneren „Schweinehund“ zu überwinden. Ich wurde hellhörig: Was ist denn das für ein Tier? Ein Schweinehund? Ich war irritiert, den hatte ich noch nie irgendwo gesehen…
Erst später verstand ich. Und begegnete ihm auch von Zeit zu Zeit. Aber nicht zu oft, weil der Typ mir suspekt vorkam. Und ich entschieden hatte: Ich wollte stattdessen ein Glücksschwein sein. Dafür würde ich jede Extrameile gehen müssen. Gegen jeden Widerstand, gegen jede Unlust und vor allem – ekelhaft weit aus der verführerischen Komfortzone würde ich gehen müssen, das hatte ich jetzt vollends kapiert.
Es wurde bisweilen hart. Das Tier kam in allerlei Verkleidungen auf mich zu. Auch in Form von schönen Männern, die mir gerne im Weg standen. Oder getarnt als vernünftige Entscheidungen. Ich weiss noch, dass es einen Song gab, der das ganze Fiasko beschrieb: „Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund.“ das war ein Schlager, den jeder mitzusingen schien.
„Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund Die Sonne brennt dort oben heiss… Wer so hoch hinaus will, der ist in Gefahr Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund Glaub mir, ich mein es gut mit dir Keiner hilft dir dann, ich weiß es ja Wie′s damals bei mir war.“
Für sehr viele Jahre habe ich den Song meinen Coachees vorgespielt als ultimative Verführung, denn die Melodie des Liedes war von Ralph Siegel, einem Komponisten der seichten Art, eingehend und mit den richtigen Beats versehen, die alle in den Bann nahm. Viele Jahre habe ich gesehen, wie sich die Menschen da mitreissen liessen und mitsangen! Ich habe das Lied vom ersten Moment an gehasst.
Und dann kam er wieder, das Fabeltier, der Schweinehund und wollte, dass ich gemütlich werden sollte. Nicht so weit hinauf. Nicht weiter machen, lieber im gemütlichen Strom schwimmen, lieber mit der Masse, nicht heraus stechen, nicht Einzelgänger sein. Nicht andere Leute brüskieren, weil man eigenwillig war. Denn: Fast alle scheiterten am Schweinehund. Er erschien – und man folgte ihm. Blieb sitzen, ging nicht trainieren, hatte keine Lust etwas durch zu ziehen, musste nicht auf dem Instrument üben. Nicht lernen, lesen, streben. Lieber mit den anderen zocken – oder hängen. „Chill’s mal“ hiess es dann. Ich hörte das von überall. Auch von meinen Söhnen, wenn ich mal wieder heiss lief.
Ich war nie gemütlich. Das schlimmste Wort überhaupt für mich.
Jetzt bin ich in der Reha. Ich sitze im Rollstuhl oder klemme mir die Unterarmstützen unter die Ellebogen und schleppe mich voran. Das Bein brennt und schmerzt wie d’Sau (um in der Schweinefamilie zu bleiben). Jeder Schritt, jede stechende Muskelübung braucht bisweilen Überwindung. Auch von mir. Es gibt Momente da möchte ich einfach im Bett liegen und zaubern dass das alles vorbei ist. Dann sagen die Pflegenden oder Ärzte hier auch gerne: „Sie müssen sich auch ausruhen. Das gehört zur Heilung“. Wann kippt das Ausruhen in das Gehege des Schweinehunds und man steht nie mehr richtig auf?
Das Training findet in Gruppenräumen statt und jetzt beobachte ich den Schweinehund. Der sitzt auf jedermanns Schulter und sagt: hey, nicht zu viel. Auf keinen Fall die Gewichte hoch nehmen, nein, nicht noch ein 10er Set. Hey, chill’s mal, immer mit der Ruhe. Aua, das tut weh, nicht weitermachen. Ich sehe wie die Patienten sich selbst betrügen. Sie ziehen ein paar mal an dem weichen Terraband. Möglichst dem gelben, maximal mit dem Roten. Das mit dem weichen Widerstand. Sie halten das Band vor sich hin, ziehen, drei, vier, fünf Mal. Die Trainerin dreht sich zu einem anderen Patienten. Dann schnaufen sie. Hören auf zu üben. Vielleicht noch zwei, dreimal. Die Trainerin kommt und fragt: „Haben Sie es geschafft?“ Sie nicken. So sehen also drei Sets aus fünfzehn Wiederholungen aus.
An anderer Ecke, im Panorama, im Trainingssaal mit den vielen Geräten, da ist es noch schlimmer. Sie hängen in den Geräten. Schnaufen. Entspannen, warten, dass die Zeit vorbei geht. Bewegen sich ein bisschen. Nennen das Studio “Folterkammer“. Ich möchte es Heilungsraum nennen. Mache mehr Wiederholungen, mehr Gewicht. Ich zahle dafür, alles tut mir weh, nicht nur mein zerschmettertes Bein. Aber es lohnt sich auch. Meine Schultern sehen aus wie früher. Ich flitze mit dem Rolly und quietsche: „Let’s go Paralympics!“ Leider findet das kaum jemand amüsant. Ich nerve die, die sich verbündet haben mit dem Schweinehund. Ich meide ihn wie meinen grössten Feind. Es kostet alles. Vor allem Kraft.
Was mich motiviert: Mein ehemaliger Coachee, der Mr.Universe in Spe, Fabian. Mein Coachkollege Beat, der Eisbader. Ich denke an die taffe Jill. An die sportliche Jacqueline und Beat, den Zahnarzt auf dem Velo durch die Alpen. Ich denke an meinen älteren Sohn, der nachts über den Gotthard läuft wenn es ihm langweilig wird, ein Super-Siech. An meinen jüngeren Sohn, der endlose Stunden für seinen Traumjob arbeitet. Vor meinen inneren Augen erscheinen die Menschen, die ich kennenlernen durfte und die ihrer Leidenschaft folgen und streben, sich etwas abverlangen, nicht aufgeben. Ich will das auch nicht – aufgeben. Der verdammte Schweinehund. Er kann mir gestohlen bleiben, ich ringe jeden Tag mit ihm und er mit mir. Das macht keinen Spass. Keinen Spass. Sagt die hedonistische Seite von mir. Jammert der Schmerz in mir. Mein Widerstand gegen das was es verlangt ist wolkenkuckuckshoch.
Ich raste kurz. Schüttle meine Arme, drehe meinen Rücken entspannend in alle Richtungen. Schleppe mich unter Weh und Ach in die Dusche. Fluche manchmal wie ein Berserker. Der verdammte Schweinehund. Soll wo anders wohnen und es sich dort gemütlich machen. Ich werde niemals auf ihn eingehen.
Ich bin ein Glücksschwein! What else! Der Preis ist hoch. Ich zahle.
Und bei all dem darf man ja nicht vergessen: Das Leben ist schön! Schön! La vie est belle.