Wahrheit

Die letzten Wochen hatten eine ganz besondere Dynamik und ich bin ein bisschen sprachlos, was sich alles an die Oberfläche kämpft. Ich hörte von einem Freund, der sich im September letzten Jahres das Leben nehmen wollte und danach nicht mehr den schönen Schein aufrecht erhalten konnte. Er war (für sich selbst gefühlt) schon immer Gay, hatte aber ein Scheinleben, eine Lüge, gelebt. Das hat ihn so belastet, dass seine Seele in immer kürzer werdenden Abständen aufschrie, bis er schliesslich seiner grössten Angst begegnen musste und sich outete. Seine erste Lösung war aber, auszuweichen und sich davon zu stehlen. Wie gut, dass der Suizid nicht gelungen ist. Nun aber zwang das Leben ihn, endlich einzugestehen wer er wirklich ist. Damit war seine Ehe hinfällig und viele Menschen in seinem Umfeld waren schockiert. Ich wünsche ihm von Herzen, dass man ihn in Ruhe sein wirkliches Leben leben lässt und er genug Kraft in sich trägt, jetzt den Weg seines wahren Selbst zu leben.

Und auch andere Menschen kreuzten meinen Weg, meist beruflich, die endlich Schluss machen wollen mit den Lebenslügen, den falschen Entscheidungen. Menschen, die das schnelle Geld korrumpiert hatte, andere die ihre Ideale verraten hatten. Menschen, die in toxischen Beziehungen steckten und endlich den Mut aufbrachten, von diesem unguten Klima auszubrechen. Ein guter Freund, der eine unmögliche Liebe mit allen Mitteln am Leben zu halten versucht, ein Umstand, bei dem er sich mehr und mehr selbst verliert, wenn er nicht endlich die scharfe Brille aufsetzt und sieht, was wirklich ist.

Wie schwer ist es doch, authentisch zu sein. Und wie überaus anstrengend.

Viel einfacher: Mit dem Strom schwimmen, mitspielen, tun was erwartet wird. Tun, was man gelernt hat, was die Gesellschaft, der Status, die Kultur von uns verlangt.

Wieder einmal schüttle ich den Kopf.

Ich muss ein bisschen schmunzeln, wenn ich bedenke, was mir Freunde geraten haben in den letzten Wochen: „Mach schön Deine Übungen!“ und „das wird schon bald wieder, du musst Geduld haben“ und „Denk dran, schön langsam! Nicht zu viel auf einmal“. Ich dachte mehr als einmal ein paar sehr hässliche Gedanken bei diesen Rat-Schlägen. Niemand geht in meinen Schuhen. Unsere Erziehung und Gesellschaft erwartet, dass schnellstmöglich alles wieder „normal“ sein soll. Ja nicht zu viel jammern oder Widerstand leisten. Es scheint wirklich für alles Schablonen zu geben, selbst für die Gesundung.

Wie zuwider ist mir das – der Mainstream. Das, was man soll. Und das, was man nicht soll. Wie genau man es soll. Wie es vorgeschrieben ist. Wie es sein muss. Was normal ist … Sind wir immer noch nicht weiter?

Was braucht es, um mutig eigene Entscheidungen zu treffen?

Wieviel Zivilcourage haben wir noch?

Was kostet es, ungemütlich zu sein?

Vor allem: Was braucht es, wirklich authentisch zu leben?

Das Entscheidende ist wohl vor allem, dass Authentizität kein egoistischer Akt ist, sondern etwas zutiefst Menschliches. Es geht nicht um Egoismus: „Ich mache jetzt nur noch was ich will“. Sondern: „Ich kann nicht länger gegen meine eigene Wahrheit leben, ohne innerlich einsam und traurig zu werden.“

Menschen funktionieren oft jahrzehntelang, erfüllen die Rollen, bedienen Erwartungen, halten Frieden und Harmonie hoch und wollen dazugehören, anerkannt sein. Und irgendwann merken sie dann, dass sie keine eigene Verbindung mehr zu ihrem Herz, zu ihren Sehnsüchten haben. Authentizität ist kein Luxus-Egoismus sondern ein psychischer Überlebensinstinkt.

Im Falle meines Freundes war es so, dass er wie nach einem viel zu langen Traum aufgewacht ist und erkannt hat, dass ihm sein gesamtes Leben fremd geworden war. Vehement hatte er seine Sehnsucht unterdrückt – und zum Teil betäubt mit immer grösser werdenden Mengen Alkohol. Bis zum Super-Gau. Kein Weg mehr zurück und auch keinen Weg nach vorne. Ein Wendepunkt. Eine Krise.

Ich glaube ja, der heutige Luxus ist nicht Reichtum, Status (-symbole), Ansehen, Macht, das Vorzeigen eines gut gestylten Lebens. Der heutige Luxus ist die Freiheit, sich selbst zu sein, auf sein Herz zu hören, den eigenen Weg zu gehen.

Irgendwann erreichen wir den Punkt, an dem Anpassung gefährlicher wird als Veränderung. Ein Punkt, an dem die Seele müde wird vom ständigen Verbiegen.

Authentizität ist kein rebellischer Akt, es ist ein Befreiungsschlag in das Leben, was wir eigentlich ersehnt hatten.

Vielleicht ist Authentizität heute der mutigste Luxus überhaupt: Lieber echte Ablehnung riskieren als lebenslängliche Anpassung. Das Ende eines langen inneren Verrats.

Denn: Unsere Tage sind gezählt und die Möglichkeit, wirklich authentisch zu leben ist genau jetzt. C.G.Jung hat gesagt: Es kommt der Tag, an dem Du entscheiden musst – Bist du gut – oder wahr? Es gibt nur das: Wahr.

Und vor allem sollten wir das immer im Auge behalten:

La vie est belle – Das Leben ist schön! Schön!

Hinterlasse einen Kommentar