Ein poetischer Abend vor zwei Wochen. Meine liebe Freundin aus der Ardèche war in der Schweiz und wir gingen in ein literarisches Konzert in St.Gallen. Es fand in einem alten umgebauten Bahnhof statt, eine fantastische Location. Wir hatten den ganzen Nachmittag verplaudert und jetzt sollten es eben diese Stimmen sein. Der Titel des Konzerts war vielversprechend: „Wie schön, hier zu verträumen“. Wir sassen in der ersten Reihe – mit Carina kann man nur in der ersten Reihe sitzen, da gehört sie hin, ins Rampenlicht, an die vorderste Front. Carina selbst ist ein Ereignis.
Aber jetzt waren es Sänger von einem Collegium Musicum, die den Ton angaben.
Mir war gleich klar, das war nicht meine Veranstaltung. Nicht meine Musik, schon gar nicht meine Klangwelt. Es gab keine Resonanz zu meinem wilden, irischen Herzen. Aber wir schauten die Sänger an und kamen beide zu unseren Gedanken. Ich sah den Pianisten, der sah aus wie aus dem Mittelalter gesprungen. Und starrte auf die Lackschuhe des Dirigenten, wie er sich hob und senkte, um der Musik einen Körper zu geben. Carina schwang mit den Gesichtern und deren Geschichten. Ich ging mit der Poesie und den Worten. Jede von uns zog etwas Eigenes aus dem Konzert.
Für mich hatte schon der Titel gereicht. Der Traum. Sich verträumen. Eine ganze Reihe Gedanken löste das bei mir aus. Vielleicht am Vordergründigsten den Traum meines Jahres 2025. Das wertvollste Jahr. Und auch jetzt schien es wie ein Traum, neben Carina zu sitzen. Wir hatten diesen absolut herrlichen Sommer in der Ardèche zusammen erlebt, bald werde ich wieder bei ihr und Beat sein, um erneut über die Felder und mit den Pferden zu laufen – auch das ein Traum.
Und dann dachte ich: Wie schön, hier zu verträumen.
Waren wir vielleicht alle in einem Traum? Ich erinnerte mich an einen Gedanken, den ich mit knapp 20 hatte und dem ich lange lange nachgehängt hatte. Damals war ich im Royal Shakespeare Theatre in Birmingham gewesen und sie hatten „The Tempest“ – den „Sturm“ gespielt. Ein eigenwilliges Stück vom alten Shakespeare. Die Hauptfigur Ariel hatte eine Kaskade an neuen Gedanken eingeläutet.
Ariel sagt: „Wir sind aus solchem Stoff, aus dem man Träume macht – und unser kleines Leben umschliesst ein Schlaf.“
Ich hatte damals den Eindruck dieser Satz sei nur für mich und verbirgt ein aufgedecktes Geheimnis. Der Satz lief mir lange nach … aus dem Theater heraus… Ich sah wie verzaubert in fremde Gesichter und alles erschien mir plötzlich unwirklich. Der Satz war wie ein Donnerschlag gewesen und erzeugte in mir einen riesigen Widerhall: „Wir sind aus solchem Stoff, aus dem man Träume macht – und unser kleines Leben umschliesst ein Schlaf“.
Was, wenn wir wirklich nur träumen und dieses Leben wäre gar nicht real? Was, wenn das alles nur eine Filmkulisse ist? Was, wenn es egal wäre, was wir als nächstes tun, wir also unser Leben nur so weiter weben wie einen Film und jede Wendung, jedes Ende, jede Szene von uns beabsichtigt wäre, um eine Storyline daraus zu machen? Was, wenn alles möglich wäre, weil es ja nur ein Traum ist, weil dieses Leben zwischen zwei Episoden eines langen Schlafes stattfindet?
Mir gefällt der Gedanke immer noch. In den letzten beiden Wochen habe ich das Leben wieder so wahr genommen: Es beobachten und mich amüsieren. Wie auf einer Theaterbühne (oder in meinem Fall in einer eigenwilligen Konzerthalle). Ein bisschen Zeuge sein, hinter mir her laufen und quasi von hinten durch meine Augen sehen. Ich ging mit mir in Patientengespräche, ins Schwimmbad, beobachtete Menschen in der Physiotherapie. Ich sass in einem grauenhaft staubigen Büro eines Notars. Fuhr mit mir durch den Hochschwarzwald. Sprach mit extrem interessanten Menschen. Hatte Videocalls und Begegnungen jeglicher Couleur.
Spürte Resonanz in einem langen Telefongespräch, das in mir die Sehnsucht nach „früher“ wieder neu befeuerte. Schwamm und arbeitete an meinem noch immer langsamen Gang zurück ins Leben.
Und bei all dem dachte ich: Träume ich das gerade oder ist das real? Und was ist denn real? Und was ist denn, wenn wir alle Bewertungen und Interpretationen einfach mal weglassen und uns einfach mal eine Weile einbilden, das Leben sei ein Traum, dem wir unsichtbar folgen?
Würde dann nicht die ganze Schwere und all das Bedeutungsvolle von uns abfallen? Würden wir endlich aufhören können, das Leben so ernst zu nehmen? Was für ein herrlicher Gedanke!
Spielt es eine Rolle, ob wir wach sind oder träumen? Und wenn wir träumen, verlieren wir uns dann in diesem Leben oder begegnen wir dem Leben staunend?
Seit dem Konzert begleitet mich dieser Gedanke, quasi frisch und recycelt, wieder. Ich beobachte wieder mehr und interpretiere oder beurteile weniger. Menschen werden wieder zu Figuren ihrer eigenen Geschichte und Begegnungen zu Szenen. Zufälle zu Regieanweisungen.
Das ist doch auch die wirkliche Freiheit: Dass wir nicht wissen, was Realität ist. Den Augenblick als kostbar zu erleben – ob nun Traum oder Wirklichkeit.
Das Konzert war nichts für mich, aber der Titel und die Texte haben wieder eine Tür geöffnet, durch die ich schon oft gegangen bin. Shakespeare hat Jahrzehnte später wieder angeklopft und ich habe mich gerne und lächelnd erinnert. Auch das könnte ja ein Traum sein – unsere Erinnerungen, deren es so viele Wunderbare gibt, in unser aller Leben.
Ich sitze hier nachts in meinem Bett und schmunzle. Ich sollte schlafen, es ist 3 Uhr morgens, die Muse hat mich geweckt und diesen Text diktiert. Letzte Woche konnte ich nicht bloggen, es war einfach noch nicht fertig überlegt. Aber – der Sommer ist ja auch heiss und brennt uns in den Kopf. Auch darüber muss ich lachen. Mein Sohn wurde 30, wirklich? Ich staunte. Und alles dreht sich, die Menschen kommen und gehen auf der Bühne.
Neue und alte Begegnungen, viele Kommunikationswege, stille Momente am See und schwimmen mit geschlossenen Augen und Beinen, die vergessen haben, dass sie noch nicht wieder so funktionieren wie sie es einst taten. Ich muss lächeln. Wenn ich aus dem Wasser komme, in dem ich dynamisch und geschmeidig meine Bahnen gezogen habe, hinke ich wieder. Gestern habe ich so getan als ob ich nicht hinke. Ich streckte mich aufrecht und ging wie eine Diva. Ist es nicht so – wenn das Leben ein Traum zwischen zwei langen Episoden wäre – dann könnte man ja eigentlich alles machen….
Traum oder Wirklichkeit – unsere Wahl. Es ist immer unsere Wahl wie wir wahrnehmen. Wie schön, hier zu verträumen…
La vie est belle! Das Leben ist schön.



Ach wie schön deinen Gedanken und Gefühlen zu folgen und zu träumen 😴 zu träumen wieder frei zu seinBin gefangen
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