Wenn Du morgen das Gedächtnis verlieren würdest. Wen würdest Du fragen?
Nach deinen liebsten Erinnerungen? Den Menschen, die Dich geprägt haben? Was Du am liebsten isst und was Du unvergleichlich gut kochen kannst? Nach Deinen Lieblingsbüchern? Den Orten, die Dir Heimat sind? Den Reisen, die unvergesslich waren? Den Begegnungen, die Dich tief bewegt haben? Deinen Lieblingsblumen? Nach dem Momenten, die Dir eine neue Richtung gegeben haben? Nach den Dingen und Kostbarkeiten, die für Dich unverzichtbar sind? Wer würde Dir Deine Lieblingsmusik vorspielen und mit Dir singen? Wer würde Dir etwas in die Hand geben, das Du gerne trägst und Dich erinnern wann und wo Du es gefunden hast und warum es Dich so kleidet? Wer würde mit Dir an die Orte fahren, an denen Du etwas Spezielles erlebt hast. Würde Dich an Gräber führen und Dir die Geschichten erzählen, die Dich besonders berührt haben? Wer würde Dir vorlesen und Dich Deine Lieblingpoesie neu entdecken lassen? Wer kommt mit Dir zu einem Konzert Deiner einstigen Lieblingsband? Wer schmeckt sich mit Dir durch alte Köstlichkeiten?
Das wären dann Deine Menschen tun, die das alles von Dir wissen und Dich behutsam dahin führen wo Du warst. Was Du berührt hast und was Dich berührt hat. Sie würden Dir keine Fotos zeigen oder Voicemails abspielen auf denen Du sprichst, was Dich nur irritieren würde oder Dich traurig machen würde. Sie würden die Puzzleteile auflesen und Dich neu zusammen setzen.
Daran dachte ich gestern, als ich mit einem lieben Freund durch seine alte Heimat fuhr. An jedem Hof wusste er etwas zu erzählen. Wer da wohnte und was sie verbunden hatte. Wo sie sonntags zum Mittagessen hingewandert waren. Mit wem sie was erlebt hatten. Wo die heimischen Kühe standen, die schwarzen mit der guten Milch. Wo es unvergleichlich gute Delikatessen gab. Wir kamen auch durch kleine Ortschaften mit mächtigen Klöstern oder Kirchen, wo seit langer langer Zeit Glück, Sorgen und Gebete gesammelt wurden. Und kleine Kapellen die als Busse von den Kirchenoberen verlangt worden waren. Und immer wieder gab es Hügel, Wege, kleine Abzweigungen, dichten Tannenwald und einsame Bänke, auf denen man ins Tal schauen konnte. Alles da war gefüllt mit Geschichten. Die Geschichten meines Freundes und seiner Familie, mehr sogar, der Ahnen.
Ich staunte, weil es für mich keine solche Landschaft mehr gibt, die meine Geschichte erzählen würde. Schon gar nicht die meiner Herkunft. Alles neu erschaffen. Alles neu kre-iert. Und da ist dann eben das neue Leben, die Einflüsse, die Düfte und Melodien und Worte, die sich angesammelt haben.
Es gibt ein Bänkchen auf der Halbinsel Au. Da weiss ich, dass mein jüngerer Sohn das erste Mal geküsst hat. Immer wenn ich vorbei gehe denke ich: Das Knutschbänkli.
Und dann erinnere ich mich an meinen ersten Kuss, ich weiss noch wo und wer. Aber schön war das leider nicht. Also denke ich daran, wo ich am allerliebsten geküsst habe und wen – und schon huscht ein Lächeln über meine Lippen.
Unser Leben besteht aus so vielen kleinen Details. Aneinander gereiht eine Vielzahl von kleinen Lieblichkeiten, die uns das Leben erzählt haben und uns zusammen gesetzt haben.
Herrlich, dieser Garten, in dem wir da spazieren gehen können! Egal wie alt wir sind, Erinnerungen haben wir alle. Und wenn wir sie schätzen, finden wir immer wieder zu uns zurück.
Bei dem allen darf man nicht vergessen….
La vie est belle! Das Leben ist schön.
