Letzte Woche sah ich ein ehemaliges Paar zum Erstgespräch. Initiiert war es von ihm, offiziell waren sie auch noch verheiratet. Aber – sie kamen zwar zusammen in den Raum, aber keineswegs miteinander. Die Partnerin sass ganz aussen, nah zum Ausgang des Raumes. Und noch lieber wäre sie gleich draussen geblieben, das sah man deutlich.
Sie sollten abwechselnd erzählen warum sie da sind. Und auch da war klar: Er stritt noch, erklärte sich und die Situation. Er konfrontierte sie mit Vorwürfen und Anklagen. Sie war genervt, gestresst, frustriert. Sie wurden sogar ein bisschen laut und – super verletzend.
Sie waren ein grausames Paar. Die einzelnen Personen waren im Miteinander grausam. Jeder für sich eine Perle von Mensch, miteinander katastrophal. Sie hatten fast zehn Jahre hinter sich, in denen die meiste Zeit gestritten wurde. Erst um Kleinigkeiten, schliesslich um Grundsätzliches. Die Umstände hatten sie zusammen gehalten, es gab gemeinsame Verpflichtungen und auch die Familien waren involviert. Aber nirgends ein wohlwollendes Wort, keine Basis zum Wachsen. Ein grausames Miteinander ohne jegliche gegenseitige Inspiration.
Ich sah keinen Weg für das Paar. In den wenigen Interventionen, die ich vorschlug gab es nicht den Hauch einer Chance. In solchen Fällen ist für mich der Fall klar und eindeutig: Da lohnt sich kein Coaching mehr. Ich gebe nur selten einen Fall auf aber diesen hier, den mochte ich nicht einmal beginnen. Der Graben zwischen den beiden war schon zu gross, es gab keinerlei Grund, auf dem es sich zu bauen vermochte.
Ich bemühte noch das Bild einer Kiefer – der Baum mit den längsten Nadel – wächst sogar auf Fels und fast ohne gute Erde. Aber nicht einmal das waren sie. Eigentlich schon eher ein Bananenbaum, aber ohne köstliche Früchte. Der Bananenbaum lässt sich mit einem Brotmesser fällen und ohne jede Anstrengung. Manchmal ist eben von Anfang an nichts möglich miteinander.
Wieder einmal dachte ich darüber nach, warum Paare zusammen bleiben, wenn es eben nicht um Liebe geht. Fast immer ist eine Obsession, ein Trugbild (fake wie man heute sagt). Eine Obsession ist oft Besessenheit, eine Form der negativen Leidenschaft. Ich mag in diesem Zusammenhang das Wort „besetzt“ – oder eben besessen. Meist geht es mit Kontrolle einher und fast immer ist es zwanghaft und krank. Auch in diesem Fall – sie wollten einander unbedingt. Aber nicht wirklich den anderen. Mehr das Besitzen, das Füllen einer Lücke, eines Mangels. Ungut, zerstörerisch und schmerzhaft.
Ich entliess sie nach eineinhalb Stunden aus dem Gespräch. Sie hatten alles gegeben – Beleidigungen, Vorwürfe, Geschrei, Schuldzuweisungen. Eine vergiftete Atmosphäre, die auch in meinem Raum blieb, als sie schon gegangen waren. Ich musste mich schütteln und danach lange im schönen Zürichsee schwimmen und in den Himmel sehen. Ich musste wieder in den Fluss kommen, in jeder Hinsicht.
Mein Rat an die beiden war, sich endlich zu trennen und sich selbst alleine wieder zu finden. Da war viel kaputt gegangen im Krieg miteinander. Ich bin ganz sicher dass die beiden alleine besser leuchten können. Denn: Sie waren eigentlich schöne Menschen, hatten aber im Anderen wirklich nur das Hässlichste zum Vorschein gebracht.
Am nächsten Tag hörte ich durch Zufall einen Song, den ich seit Jahren kenne aber dessen Text mir nie sonderlich aufgefallen war:
„I don’t care – I love it“. Ein Song wie ein Befreiungsschlag. Genau deshalb wirkt der Song bis heute so mitreissend: Er verwandelt Schmerz in Energie und Trotz in Lebensfreude. Diese Mischung aus Wut, Erleichterung und neu gewonnener Freiheit macht ihn zu einer Hymne für Menschen, die sich aus etwas Befreiendes lösen.
Es gibt Beziehungen, die muss man lassen. Weil die beiden aneinander ziehen und manchmal auch erziehen – und sich nicht gemeinsam irgendwohin bewegen. Und bei all dem Toxischen ist eins sicher: Streiten sie noch, dann gibt es vielleicht noch gemeinsame Leidenschaft oder irgendeine Form der Emotion, wird einer der beiden oder beide ruhig und still – dann ist es vorbei. Die innere Kündigung ist noch nicht ausgesprochen aber schon vollzogen.
Ich habe in meinem Leben viele solche ehemalige Beziehungen gesehen und auch selbst erlebt. Es ist nichts Falsches daran sich zu trennen. Oft ist genau das ein Akt der Liebe – sich gehen zu lassen weil es niemandem – oder sich selbst – nicht mehr gut tut. Das ist ehrlich und dient der Liebe. Denn Liebe ist niemals Kampf oder Zwängerei.
Das Leben ist zu kurz für schlechte Paarungen. Dann geht man besser alleine weiter und stellt sich ins eigene Licht.
Denn – das Leben muss gelebt und geliebt werden! Ich werde nicht müde, das zu sagen:
La vie est belle – Das Leben ist schön.
