Schon bin ich wieder in der Welt der Kostbarkeiten. Und der Kontrast könnte grösser nicht sein. Wenn ich mich in Zürich bewege, in der schönen und reichen Lebenswelt, dann spüre ich immer wieder eine tiefe Sehnsucht nach dem Einfachen und Echten. Und hier in der Ardeche gibt es viel davon. Allem voran natürlich die feinen schönherzigen Freunde. Und auch die Tierfamilie, die Fellknäuel mit Husky und Akitablut, die weise Aya und der lebenfrohe treue Togo, die luxuriös freien Katzen und die Pferdeherde, neu gemischt und neu aufgestellt.
Und dann wird jeder Tag kostbar, es fängt schon beim Heumachen an. In der Ardeche gibt es nur eine Heuernte im Jahr und das Gras wird lange gepflegt, so dass es eine reichhaltige Nahrungsgrundlage gibt. Mindestens 15 Zentimeter müssen die trockenen Halme lang sein, um für den Pferdemagen gut bekömmlich zu sein. Im Frühling gehen die beiden Freunde zu Fuss durch die Weiden um giftige Pflanzen mit der Hand heraus zu reissen. Das Gras bekommt keinerlei künstlichen Dünger, die Insekten bereichern die Artenvielfalt der Blumen, es entwickelt üppige Nährstoffe und viele Proteine. Wenn es schliesslich geschnitten, getrocknet, gewendet und gepresst wird, dann ist jeder einzelne Heuballen eine eigene Kostbarkeit.
Stopft man das Heu schliesslich in die Netze, um sie auf dem Trail auszubreiten, dann kann man das auch mit Zeit und gesteigerter Aufmerksamkeit tun. Ein Lebensmittel, für das so hart gearbeitet wird und das die Pferde so sehr geniessen, das darf mit einer gewissen Wertschätzung behandelt werden. Und dann kommt der Moment, alle Pferde sind schon gefüttert und stürzen sich auf die Heunetze, alleine oder zu zweit und dann mahlen sie mit ihren Zähnen. Eine tiefe Stille und Andacht kommt über die Herde, während sie genussvoll kauen. So hat die ganze Kette an Lebensmitteln einen grossen Wert: Aufmerksam behandeltes Gras, mit den Händen und der ganzen Kraft geerntet, schliesslich verteilt – und dann darf genossen werden.
Jenseits aller Hofromantik ist auf einer Farm wie dieser sehr viel Arbeit. Ein umgestürzter Zaun fiel uns heute morgen ins Auge, die Fliegenmasken müssen geflickt werden, die Weinreben hängen zu tief, die Steinhügel sind auseinander gefallen. Das Wasser muss überprüft werden, die Versorgung der neuen Kratzer im Fell beobachtet und gegebenenfalls behandelt werden. Es ist eine niemals endende Anhäufung von zusätzlichen Aufgaben, neben den routinierten Abläufen.
Kostbar für uns Menschen sind dann die frühen Morgen zum Sonnenaufgang, wenn wir draussen sitzen, übers Land schauen und bis zum Horizont, an dem man den Montblanc ausmachen kann. Plaudernd und in aller Ruhe den Tag beginnen, was für eine Köstlichkeit. Ich muss lachen, wenn ich uns während des Tages sehe, die Kleidung ist zunehmend schmutziger, ohnehin nicht auf Hochglanz gebügelt, aber das Strahlen im Gesicht ist gross, weil es eben Arbeit ist, die man sehen kann und physisch spürt. Abends findet man wieder zusammen, isst was der Garten hergibt und lacht über Anekdoten. Was für eine Freude, so frei zu leben!
Am Beispiel der Heuernte fällt mir auf, wie wenig wir auf unsere Lebensmittel achten, die wir im Supermarkt kaufen. Vor Jahren habe ich gesehen, wie mein Koch-Sohn das Gemüse streichelt und das Fleisch mit dem Finger überprüft, wie er Nase, Tastsinn und Geschmack benutzt, um zu beurteilen ob etwas gut produziert worden ist. Könnten wir nicht alle dieser Kette an Arbeitsschritten nachgehen, die zu einem guten Lebensmittel führt?
Lebensmittel, was für ein spezielles Wort. Ist das, was wir essen, Lebensmittel oder ein Amuse-Bouche? Eine Sinnessensation ohne Nährwert?
Und was brauchen wir sonst zum Leben? Freundschaften? Sind sie wertvoll und tief? Welche Freundschaften nähren uns – und welche halten wir einfach aus Gewohnheit aufrecht?
Gute Literatur, Musik, Filme? Kunst und Kultur?
Liebe, auch von einem Partner oder der Familie?
Inspiration jedweder Art?
Reisen um den Horizont zu erweitern?
Ein geborgenes Zuhause?
Was nährt uns wirklich?
Hier in der Ardeche denke ich über Lebensmittel nach und was ich brauche. Es wird konkreter.
Darin liegt die eigentliche Kostbarkeit dieser Tage: Sie verändern meinen Blick darauf, was ich für ein gutes Leben gehalten habe. Wenn vieles wegfällt – Status, Tempo, Komfort, die Inszenierung nach aussen – bleibt plötzlich erstaunlich deutlich übrig, was mich wirklich nährt. Und ebenso deutlich wird, was es nicht mehr tut.
Kostbarkeiten entstehen am Ende vor allem aus der Aufmerksamkeit, die wir den Dingen schenken. Der Sonnenaufgang ist überall schön, wenn man ihn denn sieht (und dafür sogar aufsteht). Die Stille ist überall hörbar, auch hinter den Geräuschen. Das Essen muss nicht exklusiv sein, aber achtsam produzierte Rohstoffe machen schon sehr viel aus. Nicht alles was wir konsumieren, nährt uns auch – alleine darauf zu achten, würde einen bedeutenden Unterschied machen.
Wo stehst Du gerade an?
Was brauchst Du an Kostbarkeiten, damit Dein Leben lebenswert ist?
Was sind Dir die Dinge wert, die Dich umgeben?
Oder ganz einfach und auf den ultimativen Punkt gebracht:
Was ist Dir Dein Leben wert?
Ich wünsche uns allen: Den Moment ganz und gar geniessen. Ihn auskosten. Das Leben feiern. Denn, so ist es nun mal:
La vie est belle! Das Leben ist schön!



