Dieses Jahr habe ich verliebt angefangen, sehr sogar. Ich lief am 1.1.2026 durch die Dark Hedges in Nordirland. Es war sehr früh, alle Iren schliefen ihre Silvesterfeste aus. Die Sonne war gerade aufgegangen und ich lief durch diese schöne Allee mit den alten Bäumen und dachte: Okay, hier, genau so, kann das bleiben, das Leben. Solche Gedanken hatte ich selten in meinem Leben. Ich wollte immer weiter, weiter, weiter. Aber in Nordirland dachte ich: So kann es sein, so darf es bleiben. Und ja, die Dark Hedges! Es ist eine Buchenallee aus 150 Buchen, die 1775 gepflanzt wurden. Ursprünglich um die Zufahrt zu Gracehill House im County Antrim eindrucksvoll zu inszenieren. Später sah man die Allee in der Serie „Game of Thrones“ als Kings Road. Seitdem sind jeden Tag hunderte Menschen da unterwegs. Auch, weil die Buchen eine Art natürlichen Tunnel gebildet haben, in dem sie einander zu-neigend wachsen und durch den man schreitet.
Am 1. Januar aber war ich ganz alleine da. Ich ging durch diese schöne Allee und war berührt von der Stille des Morgens, der Frische des neuen Jahres, der Anwesenheit der weisen alten Bäume.

Ich schaute zurück auf das beste Jahr meines Lebens. Und hinaus auf das neue Jahr, von dem ich nicht wusste, was es mir bringen würde.
Und ich war auch verliebt in meine ganzen letzten Monate, das Buch das ich geschrieben hatte, die Menschen, die ich traf. Ich sang mit Tommy Fleming, tagtäglich, wenn ich über Irlands Strasse cruiste. Ich war verliebt in die Strandläufe mit dem grossen, starken, feinen Al, ich war verliebt in den Sound der irischen Sprache. Den Wind, die Regenbögen. Es hätte ewig so weitergehen können.
35 Tage später war ich wieder verliebt, diesmal ganz anders. Ich war aus Kilkenny kommend nach Süden gefahren um die Fähre nach Frankreich zu nehmen. Sang den ganzen Weg. Und dann, in dem Moment, der den Film änderte, sang ich lautstark mit Tommy: „God is watching us from a distance“. Ich fragte mich: Was sieht er, wenn er wirklich jetzt gerade mich ansieht? Meine Antwort kam ganz klar und deutlich: Eine sehr glückliche Frau.
Im nächsten Moment wurde ich auf der Strasse abgeschossen. Und da dieser Zusammenprall so elementar war, dachte ich: Das war’s. Und: Ich verliebte mich in dieses glorreiche Finale meines Lebens, meiner Reise. Es war völlig klar: Das hatte der liebe Gott aber genial inszeniert! Ich machte mich bereit, abzufliegen, ich dachte: WOW was für ein fantastischer Tod! Da hat sich der Chef aber mal alle Mühe gegeben einen Moment zu kreieren, der voll perfekt zu mir passt. Während ich benommen im rauchenden Auto sass, dachte ich: Wie cool, meine Jungs können mich gerade hier, auf meiner geliebten Insel, in den Atlantik streuen. Und dann – starb ich eben doch nicht.
Nun ja, das ist es nun mal. Ich habe fünf Monate damit gehadert, nicht gestorben zu sein. Ich kämpfte mit allen möglichen Unmöglichkeiten. Zurück ins alte Leben? Und dann auch noch zerschmettert? Was für ein Mist. Dazu hatte ich gar keine Lust. Überhaupt schien mir die „Nachspielzeit“ völlig nutzlos. Für was? Besser würde es nicht mehr werden, da war ich sicher!
Und ins alte Leben zurück, das ging irgendwie auch nicht mehr. Verliebt war ich auch nicht mehr, das war alles weg, die Schmetterlinge, das Glücksgefühl, die Euphorie.
Ich erinnere mich gerne daran, dass mir mal jemand sagte: „Das Leben ist nicht nur Halleluja! Es gibt nicht nur Licht! Es gibt auch Schatten!“ Einem meiner Freunde ging ich auf den Geist, weil ich alles als Paradies bezeichnete. Es sei nicht alles immer nur superlativ, sagt er gerne, es gäbe auch dunkle Mächte, die an uns zerren. Nee, dachte ich immer, für mich nicht. Ich bin durch und durch Hedonistin. Ein Leben ohne Jubel ist sinnlos.
Nach monatelangem Ringen mit Schmerz und Wiederauferstehung, endlosen anstrengenden Stunden, mentalen Breakdowns, Schwäche und Widerstand, Humpeln und Fluchen und Ärger (oh und wie sehr ärgerte ich mich…) kam ganz ganz langsam wieder ein bisschen Licht in die Sache.
Irgendwann ging das mit dem Verlieben wieder los. Das kühle Wasser, das mich wieder geschmeidig machte. Das Wiedersehen mit vielen Wegbegleitern. Die Blutbuche bei Marina im Garten. Lange Umarmungen. Liebe Worte und schöne Bücher. Und Menschen. Einen Abend mit Jan auf dem Opernplatz. Einen mit Charlotte in einer Gartenwirtschaft. Und endlos viele vergnügte Treffen mit meinen zukünftigen Mitbewohnern. Und dann Togo, der freche Husky. Stück für Stück war es wieder gut, das Leben, auch meins.
Schliesslich stand ich in Orleans unter dem Denkmal von meiner Heldin Jeanne d’Arc. So viele Jahre stehe ich schon da und hebe mein Glas auf ihr Wohl. Und diesmal sagte ich: „Hey Jeanne, ich bin auch wieder hier“ Und sie sagte: „Manchmal wird man halt auch verwundet Maren, der Kampf um die Ideale geht trotzdem immer weiter!“ Ich schaute sie an und stimmte zu.
Dann weiter in mein über alles geliebtes St.Malo. Hallo Strand in Rochebonne! Hallo Atlantik! Als ich mit meinem Landy in den engen Boulevard de Hebert einbog um ihn dort vorne am Zugang zu Strand zu parken, kam gerade ein alt bekanntes Lied aus meiner Apple Playlist in meine Boxen: „God is watching us from a distance!“ – Zufall? Ich stieg die Treppen hinunter und stand wieder an meinem Strand. Die Tränen liefen in Strömen.

Und bald: Hallo my little lovely Island Jersey!
Der erste Abend umarmte mich mit dem allerschönsten Sonnenuntergang. Ich bin wieder verliebt. Gott sei Dank. In alles und jeden, wie eh und je! Na gut also, nehmen wir die nächste Runde. Mal schauen, was das Leben noch zu bieten hat.
Nichts dauert ewig. Nicht mal eine Krise nach einem Unfall. Irgendwann geht es wieder hoch.
denn: La vie est belle. Das Leben ist schön.

Was für ein wundervoller Text Danke gabriele
LikeLike