In der vergangenen Woche hatte ich das grosse Vergnügen, die wunderbare Amelia und ihren Liebsten, Charles, kennenzulernen. Was für ein schönes und feines Paar! Sie waren ein paar Tage hier zu uns in die Ardèche gefahren um ein bisschen mitzuhelfen und Zeit mit uns allen zu verbringen. Ein sehr schönes, junges und frisches Paar.
Was gleich auffiel: Wie wunderbar die beiden miteinander umgingen. Ganz besonders aufmerksam und respektvoll und so fühlte ich mich schnell wohl mit ihnen. Amelia hatte es mir besonders angetan. Eine Frau, wie aus einem Gemälde mit grossen klaren und schönen Augen.

Augen wie Amelia’s wurden in der französischen Salon- und Porträtmalerei des zweiten Kaiserreichs etwa 1850-1870 so gemalt. In dieser Malerei in Frankreich wurden sie häufig etwas idealisiert dargestellt, gross und leuchtend und die Iris wurde deutlich herausgearbeitet, das Oberlid vergleichsweise schwer und der Blick oft nicht rein fotografisch sondern mit einer gewissen Innerlichkeit. Man wollte Schönheit, Empfindsamkeit und Persönlichkeit gleichsam vermitteln.
Ich habe ein solches Bild gefunden, es ist vom Maler W.A.Bouguereau von 1890:

Die Mischung zwischen der französischen Noblesse des Vaters und dem englischen Blut der Mutter war eine bezaubernde Kombination bei Amelia und man muss auch diese Geschichte ein bisschen erzählen. Amelia’s Papa war ein intellektueller Bohemien aus Versailles und ihre Mom ein rothaariges englisches Mädchen aus der Arbeiterklasse. Sie verliebten sich in London, hatte eine heisse Affäre und bald war klar, dass sie mit Amelia’s Bruder schwanger waren. Es wurde geheiratet und sie zogen nach Sheffield in UK, später aber nach Frankreich, in die Nähe von Paris. Es war eine stürmische Ehe, zwei Jahre nach dem Bruder wurde die kleine Amelia geboren.
Amelia’s Mom liebte schon immer Südfrankreich, die Provence, und so ging es oft in den Ferien in den Süden – oder zur englischen Grossmutter in die Nähe von Manchester. Da gab es Amelia’s Seelenfood: Bohnen auf Toast und schwarzen heissen Tee. Diese Zeit war so schön, dass Amelia oft weinte, weil sie keinesfalls erwachsen werden wollte.
Nach einer schönen Kindheit inclusive Haustiere, Karriere der Eltern aber auch ganz viel Nestsicherheit und Zärtlichkeit kam der Bohemien ein bisschen auf Abwege und hatte eine aussereheliche Affäre, aber Amelia’s Mutter kämpfte und bekam ihren Mann zurück. Sie wollten noch einen neuen Traum leben, zogen endlich in den Süden, reduzierten ihre enormen beruflichen Aktivitäten und verbrachten nochmals zehn gemeinsame Jahre, bis die Luft völlig aus der Ehe gewichen war.
Für Amelia war das tragisch. Sie hatte die letzten Jahre als Teenager bei Freunden der Eltern gewohnt, weil sie in Paris ihren Abschluss machen wollte. Das Zuhause in Südfrankreich wurde nun vom Vater bewohnt. Nur wenige Monate nach der Trennung hatte er seine Amour-fou von damals wieder belebt, eine Frau, die offenbar auf ihn gewartet hatte. Mom zog zurück nach Paris, todtraurig ihre grosse Liebe verloren zu haben. Ab diesem Moment suchte Amelia ihr Nest, ihr Zuhause, war hin und her gerissen und fühlte den Verlust von Geborgenheit.
Wie gut, dass sie Jahre zuvor, mit zarten 16 Jahren, ihren Charles kennengelernt hatte. Sie hatten sich über gemeinsame Freunde getroffen und schliesslich herausgefunden, dass sie in Sichtdistanz voneinander wohnten. Nun gingen sie jeden Tag gemeinsam mit ihren Hunden spazieren und es entwickelte sich erst tiefe Freundschaft und schliesslich auch romantische Liebe. Was durchaus nicht einfach war, weil Charles viele weibliche enge Freunde hatte und er diese Mädchen gerne in die Kategorie „Geschwister“ einordnete. Irgendwie ist Amor dann aber doch vorbei geflogen und hat den Liebespfeil abgeschossen, auf beide und sie wurden ein echtes schönes Liebespaar.
Sie wurden auch gemeinsam erwachsen, was durchaus Herausforderungen und Ablenkungsmöglichkeiten mit sich brachte. Aber sie schafften es durch Höhen und Tiefen und ganz besonders: Sie wollten immer die nächste Version des Anderen miterleben und verliebten sich auch in die neuen Variationen des Anderen. Sie wuchsen – jeder für sich und doch miteinander.
Inzwischen sind sie 12 lange Jahre ein Paar und das erste mal traut sich Amelia, an eine Zukunft, vielleicht sogar mit Kindern, zu glauben. Die Erschütterung sitzt tief, weil die Ehe der Eltern, trotz der grossen Liebe, zerbrochen ist. Wie kann man wieder an die Ehe glauben wenn das Vorbild so vehement gezeigt hat, dass Liebe eben doch nicht alles ist? Wie kann man es schaffen für immer zusammen zu bleiben?
Ich glaube, die Lösung liegt darin, dass Amelia an eine Liebe glauben kann, für die es eben keine Garantie gibt. Niemand kann Amelia oder Charles versprechen, dass sie für immer zusammen bleiben werden.
Kein Mensch kann das einem anderen versprechen, vor allem nicht mit jener Sicherheit, nach der ein verängstigtes inneres Kind verlangt. Menschen verändern sich und das Leben hat allerlei Überraschungen für uns bereit. Und trotzdem kann Liebe sicher sein.
Hier bei uns haben sie ein neues Role-Model gefunden. Die Ehe und Liebe und Beziehung und Freundschaft und Romantik zwischen meinen Freunden Beat und Carina dauert nun auch schon über Dekaden. Aber die beiden sind trotzdem- zum Glück nicht!- kein Vorzeigepaar, das sagen würde: „Schau es geht doch!“. Sie zeigen etwas Wertvolleres: Wie man eine Beziehung immer wieder herstellt. Wie zwei eigenständige (und durchaus unterschiedliche!) Menschen verbunden bleiben, ohne voneinander Stillstand zu verlangen. Wie sie Veränderungen ausgehalten haben, Konflikte überstanden, sich Freiräume liessen und immer wieder zueinander gefunden haben.
Vielleicht ist genau das die Liebe nach vielen Jahren: Dass man nicht dieselben bleiben muss. Sondern dass man – so wie es Charles und Amelia es ja auch schon so lange tun – jede neue Version auch wieder neu liebt.
Sind das Beweise genug für Dich, Amelia?
Ich glaube es gibt zwei Fragen, die wir uns alle stellen dürfen:
Wie verhindere ich, dass unsere Liebe endet?
Und noch viel wichtiger:
Wie will ich lieben, solange ich liebe?
Die Liebe zwischen Charles und Amelia und auch die zwischen Beat und Carina hat mir einmal mehr gezeigt, dass Liebe ein schöner Tanz ist, der alle anderen auch anstecken kann. Also nichts wie auf die Tanzfläche liebe Amelia! Ohne Garantie. Aber mit ganzem Herzen.
(ein anderes Mal, vielleicht, plaudere ich aus meinem Schatzkästchen)
Wo sonst als hier – könnte man das in voller Inbrunst rufen:
La vie est belle! Das Leben ist schön!
