Schon drei Abende hintereinander bekomme ich Geschenke. Jeden Abend füllt sich hier die Luft. Ich schlafe auf 1200m, es ist nicht so heiss wie im Tal.
In den letzten Wochen bin ich durchs schöne Jostal gefahren auf dem Weg ins Schwimmbad. Und jedes Mal sah ich riesige Mengen Störche da durchs Moor laufen. Sie staksten auf ihren langen Beinen und suchten nach Essbarem. Ganz sicher haben sie auch am kleinen Bach getrunken, der gerade eben noch Wasser führt. Ich habe oft angehalten und sie beobachtet, weil ich Störche liebe. Neben den Adlern meine liebsten Vögel. Denn sie sind stark und eigenwillig und folgen der Schwarmlogik, aber dazu gleich mehr.
Ich habe den Störchen immer Hallo gesagt. Und dann geschah ein Wunder. Es kann schon sein, dass die Störche ihre Gründe hatten, vielleicht trugen sie einfach die Thermik oder der Wind zu uns hier hoch. Aber natürlich denke ich gerne, sie wäre wegen mir hier…Vor drei Abenden begannen sie, genau hier im Dorf zu übernachten. Nicht irgendwo, sondern rund um das Haus, in dem ich wohne. Sie kamen meist als Gruppe angeflogen und setzten sich auf die hohen Dächer, auch auf das über mir. Vor allem aber genau gegenüber, in weniger als 10 Metern Entfernung von meinem Fenster. Am ersten Abend kamen mir die Tränen, weil sie so zahlreich erschienen, es waren über 60 Vögel, am zweiten Abend sogar mehr.
Der Storch ist ein Zugvogel, ein Wanderer. Er gehört nie nur an einen Ort. Er kehrt zurück und bricht wieder auf. Seine Heimat besteht aus mehreren Heimaten. Das erinnert mich an Menschen, die unterwegs sind, Menschen die gelernt haben dass Heimat nicht ein Ort ist, sondern vor allem ein Gefühl. Vielleicht liebe ich den Storch deshalb: Er muss sich nicht entscheiden wohin er gehört. Er weiss, wann es Zeit ist zu bleiben – und wann er wieder aufbrechen will.
Er diskutiert nicht mit dem Wind, er fliegt. Er folgt einem stillen Rhythmus. Und was ich besonders an ihm liebe: Er fliegt ohne Anstrengung. Er nimmt die Thermik, die warme Luft, die nach oben steigt. Er schlägt erstaunlich wenig mit den Flügeln, er nutzt die Natur.
Wenn er von Europa zurück nach Afrika fliegt dann geht er viele Umwege und meidet das Mittelmeer, weil es dort zu wenig Aufwind hat. Stattdessen fliegt er einen grossen Bogen über Land und immer durch die nächste warme Luft. Selbst ein Storch nimmt nicht den kürzesten Weg, er nimmt den, wo er am wenigsten Kraft braucht. Bei einer Weltreise von bis zu 10.000km eine kluge Wahl!
Und dann kam der erste Abend. Wie eine Karawane flogen sie zusammen hier ins Dorf. Liessen sich still nieder. Mit genügend Abstand zueinander und doch zusammen setzten sie sich auf die Dächer. Begannen das Gefieder zu putzen, klapperten manchmal für die Neuankömmlinge und dann im Laufe der untergehenden Sonne steckten sie die Schnäbel ins Gefieder, zogen ein Bein hoch und schliefen friedlich ein. Ich habe sie stundenlang beobachtet. Wie sie da standen. Eine ganz magische Ruhe war über dem Bild.
Die Dorfbewohner hatten das noch nie erlebt und deshalb bilde ich mir ein, sie wären für mich gekommen. Weil ich eben ihre Beobachterin war, gestern sogar die halbe Nacht. Ich schaute sie mir an und stellte mir vor, wieviele Kilometer die riesigen Vögel schon geflogen waren, was sie alles gesehen hatten und wie sie immer wieder den Weg zurück zu ihren Nestern fanden.
Mich fasziniert ihre Schwarmlogik. Es gibt keine Hierarchie, schon gar keinen blinden Gehorsam. Vielmehr ziehen sie einen Nutzen aus dem Schwarm. Wer zuerst die Thermik findet gleitet und die mitfliegenden Vögel folgen instinktiv. Sie lernen voneinander und profitieren voneinander und teilen, was sie haben. Das spart Kraft und sie unterstützen sich gegenseitig. Wie schön wäre es, wenn Menschen das auch täten!
Das Bild, das sich mir bot war fast schon meditativ. Wie sie da sassen und friedlich schlummerten und erst gegen 6:00 wurden sie wach und zogen dann gemeinsam wieder ins Tal, in dem ich sie später wieder sah. Sie hatten auf den höchsten Dachfirsten gesessen und den Überblick genossen. Das Licht am Abend hatte sie fast golden gefärbt. Und dann später, unten im Tal waren sie wieder die, die nach Nahrung suchten, entlang spazierten und sich scheinbar Zeit liessen besondere Leckerbissen zu finden.
Ach, ich hab sie sehr genossen und natürlich wünsche ich mir, dass sie sich heute wieder hier von mir bewundern lassen. Aber vorerst staune ich über die Bilder, die ich von ihnen machen durfte. Und das, was ich von ihnen verstanden habe. Was sie mir gespiegelt haben.
Die Störche haben mich berührt. Mit ihrer Freiheit. Mit der Tatsache dass sie ihre Kraft einteilen, weil sie auf den Wind warten, der sie trägt. Weil sie weiterziehen, wenn es Zeit ist. Weil sie instinktiv wissen was richtig ist und den richtigen Rhythmus spüren. Aber auch mit ihrer Stille wenn sie ruhen, mit ihrem respektvollen Abstand und doch dem Wissen um die Gemeinschaft. Weil sie eben wandern wohin es sie zieht.
Manche Geschenke kann man nicht auspacken. Man kann sie beobachten, sich selbst darin erkennen und sie fotografieren und weitergeben. Damit gebe ich dieses Geschenk auch an meine Leser weiter.
Ach. Ich bin doch auch so gerne ein Zugvogel.
La vie est belle, belle! Das Leben ist schön.







Liebe Maren,
was für imposante Vögel.
Was für eine schöne Geschichte.
Tausend Dank dafür!
Alexandra
LikeLike