Ich hatte mich letzte Woche gefreut, wieder zu meinem Autohändler zu fahren, weil ich mein Auto winterfest für die lange Reise in den Norden machen musste. Wie immer fuhr ich fröhlich auf den Hof und freute mich auf die Plauderei mit Patrick. Und dann zeigte er mir, was sich hinter der Ecke seines Geländes verbarg. Wo noch vor wenigen Wochen die allerschönsten Range Rover und Land Rover standen, eine Galerie von Begierden, verbarg sich jetzt – ein Trümmerfeld. Der Hagelsturm der vergangenen Woche hatte eine totale Zerstörung angerichtet. Alle Windschutzscheiben eingeschlagen, handgrosse Beulen und Löcher in den Karosserien, abgerissene Aussenspiegel, Lackschäden, weg gefetzte Teile und der Boden übersät mit Glassplittern. Auch alle Fenster seiner Stellhalle hatte es erwischt, die Scherben waren flächendeckend auf den Boden und die Autos geknallt. In eineinhalb Minuten war ein gigantischer Schaden entstanden.
Wie sehr bewunderte ich ihn, dass er nicht gebrochen war. Ich war so schockiert beim Anblick und er sprach nur von dem Schaden und wieviel Arbeit es macht, nun alle Schäden aufzunehmen und die teilweise Reparatur der Wagen zu organisieren, die noch zu retten waren. Er blieb verhältnismässig gelassen, vor allem wie immer super freundlich. Obwohl seine Existenz einen empfindlichen Schaden genommen hatte, der ihn noch sehr sehr lange beschäftigt halten wird.
Und er sagte etwas Wichtiges: „Es ist doch nur Geld! Wir haben noch unser Leben!“ Ich staunte ihn an. Dieser Optimismus hat sogar mich verblüfft. Obwohl gerade ich das in diesem Schicksalsjahr ja auch tief verstanden hatte. Was für eine grandiose Haltung!
Am selben Tag besuchte ich Stephan, einen Biobauer in der Schneise, die der Hagelsturm im Norden von Zürich verwüstet hatte. Er hatte in sechs Minuten seine gesamte Ernte verloren. Dreissig Hektar Land, alle Kulturen zerstört. Seine fast schon erntereifen Früchte, die er sehr viele Monate gepflegt und fast täglich mit seinen und den Händen seiner Mitarbeiter behandelt hatte, waren nur noch ein grosser Haufen Kompost. Von vielen Gemüsen waren nur noch Blätter übrig, man sah kaum was hier gewachsen war. Den ganzen heissen Sommer hatte er künstlich bewässert, fast 200.000 Franken war allein seine Wasserrechnung, weil er die Früchte ziehen wollte um seine wertvollen Lebensmittel vor der Dürre zu retten.
Er zeigte mir die zertrümmerten Gewächshäuser. Die zerfetzten Folien über den neuen Erdbeerpflanzen. Die Erntewagen, mit denen am Morgen des Hagels die Erntehelfer auf dem Feld gewesen waren um die Karotten zu ernten. Sie hatten nach Einsetzen des Gewitters unter dem Dach einer Schutzhütte gestanden und dabei zugesehen, wie der Hagel das gesamte Gemüse zermalmt hatte. Die gesamte frische Ernte war in zentimeterkleine Stückchen gehäckselt worden. Es war nichts mehr übrig, als der Sturm vorbei war. Ein paar Minuten hatten fast sechs Monate harte Arbeit zerstört, die gesamten Einnahmen pulverisiert und die Existenz der Biobauern ruiniert. Während er erzählte musste Stephan immer wieder weinen. Es war vor allem die Arbeit und die Fürsorge, die er in das Gemüse gesteckt hatte, was jetzt am meisten schmerzte. „Alles umsonst“, sagte er.
Ich wagte mich nicht zu sagen, was Patrick gesagt hatte, dass wir immerhin noch am Leben seien. Während sowohl Patrick als auch seine Liebste und auch ich wussten, was es heisst, etwas zu über-leben, welchen Wert Gesundheit hat und dass dieser nicht mit Geld zu bezahlen ist, geht es im Fall von Stephan und seiner Familie um die Existenz, die wirtschaftlich und finanziell auf dem Spiel steht. Wenn der Bund und die Hagelversicherung nicht zahlen, dann wird er mit seiner Familie den Hof verlassen müssen, den er in dritter Generation führt. Damit verliert er Heimat, Zugehörigkeit, Sicherheit und Lebenssinn.
Es gibt unterschiedliche Arten von Existenzbedrohung, oft merkt man erst, wenn etwas erschüttert wird, worauf man sein Leben gegründet hat.
Auch wenn sie „immerhin noch am Leben sind“, dachte ich. Wir liefen den Weg zum Haupthaus zurück und es ging zum Mittagessen. Es gab Pasta und frische Tomaten aus dem Gewächshaus, das ganz nah an dem Wohnhaus stand und durch ein Wunder nichts abbekommen hatte. Ich schaute auf den liebevoll angerichteten Teller, die duftenden Basilikumblätter und in die herzlichen, unbekümmerten Gesichter der kleinen Kinder, die die Tragweite der Katastrophe draussen noch nicht verstehen. Sie assen alle mit gutem Appetit, während ich vor lauter Schock kaum einen Bissen hinunter brachte.
An einem Tag hatte ich zwei grossartige Menschen erlebt, die mit einem plötzlichen minutenlangen Schicksalsschlag grossen Schaden ertragen mussten und die mich beide auf ihre Weise erstaunten. Sie standen immer noch gerade, sie waren zwar geschockt, aber suchten nach Lösungen. Jeder der Beiden wird sehr lange damit zu tun haben, das zu überstehen.
Und dennoch ging es bei beiden nicht um das körperliche Überleben. Ihr Leben war noch da. Aber etwas, auf dem ihr Leben gebaut war, war in wenigen Minuten beschädigt oder zerstört worden. Ich staunte. Und das war vielleicht die wichtigste Lektion in einer enorm arbeitsreichen Woche die mich mit allerlei anderen „Problemen“ in Verbindung brachte: Dass man alles überstehen kann, wenn man weiss, was uns im Inneren zusammen hält.
Wie sehr habe ich das in den vergangenen Jahren immer wieder bei meinen Klienten machen müssen: Sie daran zu erinnern, dass – solange unser Herz schlägt! – Das Leben durch uns pulsiert und wir die Wahl haben: Wir können leiden oder tanzen. Man darf auch zunächst leiden und weinen und ein bisschen in das Tal hinein fallen, mit dem Leiden und der Trauer um das Verlorene umgehen (wie im Fall von Stephan) – aber nach einer Weile stehen wir dann doch wieder auf und machen im besten Falle mit gestärkter Kraft weiter.
So pflegte ich das immer zu sagen. Es ist immer unsere Wahl, wie wir dem Leben begegnen. Was wir daraus machen. Wie wir es gestalten. Vor allem aber: Dass wir es er-leben! Und zu schätzen wissen. Und im besten Falle: Geniessen.
Im Rest der langen Woche dachte ich viel über dieses Geniessen nach und sah im feinen Zürich den Wohlstand, den Luxus, das Zelebrieren des Lifestyles. Ach, wie wünschte ich, wir würden das Dasein alle so wertschätzen wie diese beiden schönen Menschen, denen der Hagel die Kraft des Lebens gezeigt hatte.
Was für ein verrücktes Jahr. Ein Auf und Ab und Hin und Her.
Und in unserer goldenen Mitte: Das Herz das (NOCH!) scheinbar unzerstörbar schlägt. Das uns alles ermöglicht.
Es war eine intensive Woche, die ich erst verdauen musste, bevor ich sie im Blog zusammendichte. Und sie brachte mir auch wunderschöne Begegnungen, alte liebevolle Verbindungen, denen ich wieder begegnen durfte. Neue Geschichten, die sich vor mir entfalteten, Vertiefungen im Dialog. Die Gespräche bekamen eine Schärfe, die mir die Begegnung mit dem Existenziellen geschenkt hatte.
Es geht um das Leben. Wir haben es noch.
La vie est belle! Belle! – Das Leben ist schön.

