Die Champagnerlady

Sie hatte gerade die französische Grenze hinter sich gelassen, als eines ihrer Lieblingslieder aus der Playlist erklang: Aretha Franklin: „Think“. Also sang sie laut mit und weil sie gerade so euphorisch unterwegs war, trat sie aufs Gas. Die Autobahn war total leer, der Sportwagen reagierte sofort und heftete sich auf die Strasse. Dass sie schliesslich fast 250 km/h fuhr, fiel ihr erst auf, als sie im Rückspiegel einen Wagen entdeckte, der das Martinshorn aufs Dach setzte und Lichthupe signalisierte. Jetzt schlug ihr Herz haushoch und sie dachte: Das war’s, die werden mir mindestens den Führerschein entziehen. Sie drosselte das Tempo, der zivile Wagen der Gendarmerie fuhr neben sie und die beiden Polizisten schauten sie an. Sie sahen: Eine schöne, energiegeladene und noch immer gut gelaunte Frau. Die Polizisten gaben ihrem französischen Charme alle Ehre. Der Beifahrer im Polizeiwagen grinste sie an und deutete mit der Hand an, dass sie langsam fahren sollte. Dann überholten die beiden und zogen vorbei, das Blaulicht wieder vom Dach nehmend. S. war davon gekommen und grinste und setzte ihre Fahrt in die Champagne jetzt gemässigter fort.

Ein paar Jahre später war sie in meinem Coaching, diese Woche auf Jersey. Das schnelle Tempo war noch immer ihr Thema. Vor allem: Das rasende Tempo in ihrem Kopf, der gerne Kapriolen schlug. S. War es gewohnt, alles selbst zu regeln und dazu gehörte auch: Schnell Entscheidungen treffen, Situationen analysieren und auf deren Wert und möglichst auch deren Ausgang hin zu analysieren. Sie war schnell im Urteilen, im Handeln und vermeintlich auch im Verstehen.

Aber – Jersey bremst eben dieses Tempo. Ich geniesse das auch jeweils. Zum einen, weil man auf Jersey maximal 30 Miles fahren darf, also 45 km/h. An vielen Stellen nur 20 Miles, also knapp 30 km/h. Und dazu kommen ja noch enge Fahrbahnen und Bodenwellen, Mäuerchen und herunter hängende Bäume. Durch das Verkehrstempo verlangsamt sich vieles und zudem sind die Menschen gemütlich, immer gibt es Zeit für Höflichkeit. Und dann das Coaching, das auch S. dazu brachte sehr sehr langsam zu gehen, die Dinge gründlich und sogfältig anzusehen, Platz und Raum im Herz zu machen und den Kopf hin und wieder einmal auszuschalten und einfach nur zu fühlen, was gerade richtig und wichtig ist.

Sie hat eine grossartige Heldenreise hingelegt. S. war seit acht Monaten unterwegs mit mentalem Training. Zuerst war es eine Krisenintervention gewesen, dann ein Wachsen nach innen und ganz hinab in die Wurzeln ihres Lebens. Wie so viele Menschen hatte auch sie eine spannende Vita mitgebracht, hatte schon als kleines Mädchen Selbstverantwortung übernehmen müssen. War übersehen und vernachlässigt worden, hatte Ablehnung und Härte erfahren. War hin und her gerissen gewesen, nirgends zuhause und willkommen geheissen worden. Und dann weiter gezogen, zuerst ein steiler Weg in eine mögliche Karriereleiter. Dann dem Charme eines kunterbunten Mannes erlegen. Sie hatte geheiratet und zwei anspruchsvolle Söhne geboren, hatte sich versucht anzupassen, sich zeitweise verloren und das Leben hatte sie weit weg von sich abgelenkt.

Wie gut, das sah sie jetzt mittlerweile auch so, dass sie zu Beginn dieses Jahres eine sehr grosse Krise gehabt hatte, die sie auf sich selbst zurück werfen konnte. So war sie gestartet. Mit noch vielen Tränen und Ressentiments, mit zeitweise Widerständen und vielen schmerzvollen Situationen. Diese Coachee konnte saftig fluchen und ich musste oft mit ihr verhandeln, wenn sie die Hausaufgaben nur mit Abneigung machte. Wir haben so viel gelacht über ihre Flüche – und sie hat sich durchgebissen.

Beissen, das war seit jeher ein Thema bei ihr gewesen. Das ganze Gebiss hatte sie sich durchgebissen und geknurrt hatte sie ausserdem, wenn man neben ihr sass. Dann knurrte sie und räusperte sich oft und ich wusste schnell, dass da vieles Ungesagtes in ihrer Kehle hängen geblieben war. Oh wie herrlich sie schimpfen und fluchen konnte. Ihre Rage explodierte schnell und voller Leidenschaft. Ich habe mich sehr amüsiert mit ihr – und sie hat fantastisch gut mitgearbeitet, von Anfang an.

S. hatte einen Überlebensmodus angenommen, der schon als kleines Kind nötig gewesen war. Sie hatte sich damals nicht dazu entschieden, er war einfach notwendig gewesen. Ein Kind, das früh lernen muss, auf sich selbst aufzupassen, entwickelt feine Antennen: Was passiert gerade? Wo könnte Gefahr drohen? Was muss ich tun, damit ich sicher bin? Bei S. hiess das: schnell sein, vorausdenken, Situationen kontrollieren, selbst entscheiden, lieber handeln als abwarten. Was ihr damals geholfen hatte, war später zu ihrem ganz normalen Leben geworden. Schnelligkeit war für sie nicht nur das Tempo, es war ihre Strategie geworden.

Im Laufe der vielen Monate, aber vor allem hier auf Jersey, hat sie erkannt, dass dieser Überlebensmodus nicht mehr nötig war. Vom Über-leben zum Er-leben, das war eine wirkliche Reise für sie gewesen. Und schliesslich gingen alle Knoten auf, sie sah das grosse Bild. Jeden Tag mehr begann sie, sich selbst zu achten und mehr und mehr aufzuweichen. Was für eine grosse Freude war das, ihr dabei zu zuschauen, wie sie sich immer mehr entfaltete. Wie eine Lotusblüte. 

Denn von den Lotusblüten weiss man, dass sie im Schlamm gross werden, sich dann in die Höhe schrauben und schliesslich mit einem betörenden Duft ihre vielen Blütenblätter entfalten. Sie steht für Reinheit, Erneuerung und geistige Entwicklung und gilt seit jeher als Symbol für eine Schönheit, die aus schwierigen Umständen erblüht.

S hat schliesslich das Tempo wirklich rausgenommen und am letzten Tag im Coaching war sie fast so tiefenentspannt wie ich. Da stand sie dann auf der hohen Klippe in Grosnez, bei strahlendem Sonnenschein und tiefblauem Himmel. Sogar der Wind hatte sich gelegt. Alles war ruhig und konzentriert, als sie ihre Adlerrede hielt. Sie war über sich hinaus gewachsen, hatte sich Raum genommen und euphorisch aber konzentriert ihr eigenes Leben definiert. In einer orchestrierten Reise auf Jersey hatte jede Symbolik tief verstanden, alles umgesetzt und befreit.

Was für eine unglaubliche Reise war das!

Ach, hatte ich erwähnt, dass sie mit Champagner handelt? Eine der edlen Flaschen hatte ich im Auto mitgenommen nach Jersey und am letzten Abend prickelte er in unseren Kehlen, als wir auf ihren Erfolg anstiessen. Der köstliche Schluck barg alles, was S. ausmacht: Ein reiches Bouquet aus Aromen, auftreibende Energie, ein ausgewogenes Verhältnis von Säure und Süsse und einen echten Charakter. Das Ganze gepaart mit echter Handwerkskunst einer spannenden Winzerin. Dieser Champagner ist wie S. selbst – eine Klasse für sich.

Ich werde es vermissen sie zu coachen – und gleichzeitig bin ich glücklich dass sie jetzt frei und leichten Herzens in die Welt fliegt, um sie zu erobern. Daran zweifle ich keine Sekunde. Es ist ein Vergnügen, sie kennenzulernen. Wir werden alle noch viel von ihr hören.

Denn, das ist unbedingt nicht zu vergessen, auch von ihr nie mehr:

La vie est belle! Das Leben ist schön!

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