Trotzdem

In der vergangenen Woche war eine ganz besondere Coachee bei mir auf Jersey. Im Mai 2018 war sie schon einmal da. Damals hatte sie ein grossartiges Coaching gemacht und war sehr sehr hoch abgesprungen ins neue, freie wilde Leben – im freien Fall. Sie hatte ein „dickes Paket“ mitgebracht und alles, was unheilvoll war entsorgt und über die Klippen geworfen. Ihre Rede wurde für viele spätere Coachees eine grosse Inspiration und ihre Reise in die mentale Gesundheit war exzeptionell und einfach nur grossartig.

Sie flog für viele Jahre, ganz weit oben, mit der Thermik. In Liebe gebadet von ihrer Familie, in der neuen Rolle fest verankert. Sie hat sich alles erobert, was ihr Herz begehrte. Und dann kam das Leben und warf ihr ein paar wirklich dicke Knüppel auf den Weg. Das Leben wurde anstrengend und das Wort „Herausforderung“ wäre eine Untertreibung dessen, was sie alles bewerkstelligen musste. Trotzdem machte sie das aussergewöhnlich gut. Voller Mut und Hingabe und innerer Stärke und Kraft.

Anstrengend war es trotzdem, mehr als anstrengend: So langsam aber sicher ging ihr die Kraft aus. Einmal mehr verlangte ihr das Leben unmenschliches Aushalten aus. Ich verneige mich vor ihr, angesichts dessen, was sie alles in den letzten Jahren gemeistert hat.

Nur: Die Reise nach innen wurde immer schwerer. Es war fast nie Zeit, sich auf ihr schönes Herz zu besinnen und alle Versuche, wieder etwas mehr Energie zu bekommen, waren schliesslich gescheitert. Die Zeit fehlte schlichtweg – und auch irgendwann der Eingang in sich selbst. Meine wunderbare Coachee hatte sich „gepanzert“, wie sie das schon so viele Jahre früher gemacht hatte. 

Denn eine einmal erreichte persönliche Entwicklung macht niemanden immun gegen neue Erschöpfung, Überforderung oder alte Schutzmechanismen. Die Rückkehr alter Schutzmechanismen bedeutet nicht, dass die frühere Entwicklung gescheitert ist. Sie war nicht am Ausgangspunkt von 2018 angekommen, sie war jetzt eine neue Frau, die unter neuen Belastungen erneut den Zugang zu sich selbst verloren hatte.

Da erinnerte sie sich an die Befreiungsreise nach Jersey, etwas mehr als acht Jahre zuvor. Und wie sie sich gefühlt hatte danach. Das wollte sie wieder haben – und sie wollte wieder diese Frau sein, die sie damals gefunden und ent-faltet hatte. Sie buchte – allem zum Trotz! – eine ganze Woche auf Jersey und den Go-Wild-Prozess und brach schliesslich auf – zu sich selbst zurück. 

Ein paar Tage vorher schrieb sie mir immer wieder und ich wusste, sie zögerte wirklich, abzureisen. Zu schwer der ganze Weg. Alles zuhause organisieren. Die finanzielle Last. Die Verantwortung, die sie abgeben musste. Das schlechte Gewissen, gerade jetzt zu gehen. Aber ihr Ruf war inzwischen ohrenbetäubend laut geworden. Sie wusste, dass sie musste. Und endlich war es soweit.

Ich nahm sie in Empfang am winzigen Flughafen und sie war erschöpft und kraftlos und sie konnte nicht aufhören mir zu erzählen, wie schwer die vergangenen Jahre gewesen waren. Ich gab ihr zunächst ausreichend Raum, ihre Erschöpfung und ihre Erfahrungen auszusprechen, auch immer wieder, aber nur bis ich es ihr schliesslich verbot, das immer wieder zu wiederholen. Ich wollte nicht, dass sie in dieser Situation gefangen bleibt.

Ich sagte, es gehe um das JETZT und vielleicht noch ein bisschen um ein BALD. Aber nicht mehr um vorher. Sie akzeptierte und liess sich ein. Auch diesmal haben wir gerungen mit dem Weg. Aber jeden Tag sah ich sie aufrechter, sah, wie die Insel, der Ozean, der Wind, das Wetter ihr Kraft gaben, zuerst atmeten wir ihr Dasein auf der Insel ein – und dann ging es los mit der Arbeit.

Diesmal nicht spektakulär und radikal wie im Adlerflug. Sondern sanft und Schritt für Schritt.

Wir konnten in unserem Coaching etwas Neues verstehen: Dass manchmal der Weg „trotz“ aller bisherigen Arbeit doch noch mal neu anstrengend werden kann und wir einem inneren Ruf folgen, wenn er uns zurück in die Höhle führt, damit wir in der Stille neue Gedanken und Entscheidungen treffen können.

Wie sinnbildlich war das: Ich ging am ersten Tag mit ihr an den wunderschönsten Strand von Jersey, nach Plemont Bay. Dort war sie damals auch gestartet. Da war es um den Himmel, die Höhe und die Weite gegangen. Sie hatte die Schuhe abgestreift und war ins Meer gerannt. 

Diesmal ging sie die lange Treppe sehr langsam nach unten und es zog sie in eine der wunderschönen Höhlen, bevor sie langsam den Meeressaum abschritt. Diesmal also die Höhle, die Stille, die Rückkehr. Die Heldin, die sich einmal den Himmel erobert hatte, musste jetzt zurück in die Tiefe, um sich erneut zu begegnen. Sehr achtsam und entschieden – aber in einem ganz anderen Tempo. Ich wusste an diesem Tag, dass ich diese Reise zwar als Coach begleitete, sie aber ihr inneres Wissen anzapfen würde, das sie da hinbringen könnte, wohin sie gehen mochte.

Wir begaben uns auf eine Heldinnenreise und sie hat sie wirklich hervorragend gemeistert. Mit grosser Hingabe. Und kam schliesslich an – nach sechs Tagen war sie wieder voll „durchblutet“. Sie hob die Arme, jubelte auf der hohen Klippe in Grosnez und war schliesslich wieder da. Bei sich. In ihrer Stärke. In ihrem Vertrauen auf sich selbst.

Sie war trotzdem gefahren, obwohl alle Parameter dagegen sprachen. 

Und diese persönliche Krise war trotzdem entstanden, obwohl sie 2018 ihren Adlerflug bravourös gemacht hatte und für viele eine lebende Legende war, auch für mich.

Weil – das Leben ist eben nicht nur rosarot und Zuckerwatte. Es ist auch überaus anstrengend, sehr unberechenbar, vollgepackt mit allen Kraftakten und Krisen und neuen Abenteuern und Wagnissen. Immer wieder bekommen wir neue Wachstumschancen. Die wunderbare N hatte eine Feuerprobe bestanden – und sich richtig entschieden: Für sich und (nochmals) einen Neuanfang. 

Schliesslich war sie frei geworden. Weil sie es sich zugestanden hatte, auch einmal schwach zu sein und nicht mehr alles in der Hand zu haben. Sie öffnete die Hände und liess die Insel quasi alle Geschenke hineinlegen. Sie flog jetzt wieder leicht und erleichtert, mit vollem Herzen und grossem Mut zurück ins alte Leben. Dieses Leben ist nicht leichter geworden. Aber sie weiss jetzt wieder, dass sie sich regelmässig besinnen und nähren und inspirieren und auch für sich selbst sorgen darf.

Diese Selbstfürsorge ist kein weiteres „Muss“ auf ihrer To-do-Liste, sondern ein innerer Anker.

Wie sehr feiere ich sie dafür, dass sie erkannt hatte, was sie brauchte.


Wir alle müssen manchmal Dinge „trotzdem“ machen, auch wenn alles dagegen spricht. Auch wenn es unvernünftig ist. Auch wenn es (scheinbar) keinen Sinn macht. Wichtig: Wir müssen unserem Herzen folgen. Das führt uns immer, immer an den besten und richtigen Ort.

Denn:

La vie est belle! Das Leben ist schön!

Kommentar verfassen