Deep talk

In der vergangenen Woche waren viele Leser erfreut über „Die Champagner Lady“ und einige schrieben auch: Ist das okay, seine Coachees so öffentlich darzustellen? Ja, ist es! Denn ich habe alle, die ich hier jemals erwähnt habe, gefragt. Auch bei meinem Buch habe ich ganze Kapitel an die Menschen geschickt, die erwähnt wurden. Selbstverständlich! 

Und – die Champagner Lady hat sich gefreut über den Blog. Und steht ganz öffentlich und gerne da und sagt, wer sie ist und was mit ihr ist. Denn: Sie steht damit auch exemplarisch für einen Prozess. Und für die tiefe Überzeugung: Man kann aus allem heraus kommen, wenn man sich auf den Weg macht, sich wirklich zu begegnen. Wer die Dinge ans Licht bringt, muss nichts mehr verstecken und lebt damit frei und ohne Ballast.

Ach, gäbe es doch nur mehr Menschen, die wieder ganz ehrlich sagen wie es in ihnen aussieht! Wir könnten uns endlich mal wieder begegnen! In einer Zeit, in der wir alle so stark auf unser „Wording“ (unsere Wortwahl) achten, geht immer mehr Authentizität verloren. Ich liebe Menschen, die endlich auch mal wieder ihre Stimmungen entfalten und auch mal daneben liegen. Nichts ist besser als ein ehrliches Gespräch, ein intimer Gedankenaustausch, die pure Echtheit.

In den letzten Tagen hatte ich viele tiefe Gespräche. Nicht nur wegen meiner Arbeit, bei der es darum geht, auch das Unsagbare endlich einmal auszudrücken. Auch privat habe ich so gar keine Lust mehr auf Konformität und scheinheilige Überanpassung. Ich möchte den Menschen wieder näher kommen und mich nicht feige zurück ziehen wenn es schwierig wird. Für mich oder den anderen. Es gibt nichts Schöneres als echtes Menschsein.

Ein bisschen muss ich schmunzeln. Vor vielen Jahren hatte ich einmal einen Flyer für meine Praxis, sie hiess damals noch „Phönix“ und ich kümmerte mich um den Schwerpunkt Burnout. Da schrieb ich provokant in meinem Text, dass man vor allem ausbrennt, wenn man sich nicht ausdrückt, sondern immer nur nach der Musik der Anderen spielt. Burnout – das glaube ich auch heute noch – ist in den allermeisten Fällen ein Bore-Out. Menschen, die zu Tode gelangweilt sind von den Schablonen in denen sie sich bewegen. Geistig und auch physisch.

Da rief mich eine Dame an, die den Flyer in die Finger bekommen hatte. Sie echauffierte sich an dem Satz: „Tust Du denn immer noch nicht das, was Du willst? Warum nicht?“ … das konnte sie nicht stehen lassen. Sie schrie mich unvermittelt an, was mir den einfalle mit dieser Behauptung. Und dann sagte sie mir wortwörtlich:

„Wo kommen wir denn da hin! Wenn wir alle nur noch tun was wir wollen!!!“

Sie regte sich so sehr auf, dass ich versuchte, beruhigend auf sie einzuwirken. 

Ja, wo kämen wir denn da hin! Vielleicht mal in die Ehrlichkeit? Vielleicht würden wir aufhören, anderen etwas vorzuspielen und heimlich die Faust im Hosensack zu machen? Die Dame war nicht zu bremsen. Ich wusste: Da hatte ich geradewegs in ihr eigenes Wespennest gestochen. Vermutlich passte sie sich schon so lange an, dass sie es selbstverständlich auch von anderen erwartete. Und wehe, wenn nicht! Das geht doch nicht! 

Und dann fällt mir eine Begebenheit ein, die ich vor mehr als fünfzehn Jahren mit meinem älteren Sohn hatte. Wir versuchten, zwei Fahrräder in mein Auto zu bekommen und noch genug Platz für die beiden Jungs zu haben. Wir fummelten mit den sperrigen Rädern, drehten sie in alle Richtungen. Entnervt sagte ich: „Ich kann das einfach nicht! Ich kann nicht dreidimensional und logisch denken!“ Da drehte er sich um, er war ein Junge, der niemals gerne sprach, und sagte: „Mam, Du kannst auch einfach sagen, dass Du keine Lust dazu hast, das wäre ehrlich!“

Vielleicht sind tiefe Gespräche also genau das: Ein Indikator für Ehrlichkeit. Sich wirklich einem anderen einmal ausschütten mit den ganzen Dingen, die nicht korrekt sind, nicht überlegt, nicht souverän, nicht glatt gebügelt, sondern vor allem eins: Echt. Ich liebe das. Und gleichzeitig fordert es mich auch, weil man da auch mal was aushalten muss. Ärger abfedern muss. Traurigkeit und Enttäuschung stand halten muss. Nicht eingreifen, einfach mal aushalten und da sein. Oder Widerworte und Kritik einstecken. Und eine andere Meinung gelten lassen. Puh… anstrengend! Und wunderbar!

Wie sehr begeben wir uns dann endlich mal in einen gemeinsamen Raum, der auch Vertrauen schafft: Der andere rennt nicht weg. Er hört hin. Nimmt auf, diskutiert mit mir. Noch vor einigen Jahren konnten wir alle auch mal richtig heftig streiten und anderer Meinung sein. Energie entstand da durch Reibung aneinander. Und hat auch Dinge angestossen, neue Denkweisen inspiriert, neue Entwicklungen ermöglicht. Man konnte auch noch etwas verändern. 

Vor lauter „political correctness“ passen wir jetzt auf, welche Worte wir wählen und ob wir eine Meinung haben dürfen, die von der der anderen abweicht. Wir maskieren uns, mehr denn je. Spielen etwas vor. „Fake“, das ist in den letzten Jahren das neue „echt“ geworden. 

Man könnte darüber jammern. Oder, man könnte auch: Gegen den Strom schwimmen. Sich ehrlich und authentisch, nackt und echt zeigen!

Ich bin dafür!

Nur so schaffen wir: Begegnung! Dialog! Austausch!

Halleluja, lasst uns alle tief eintauchen.

La vie est belle – Das Leben ist schön!

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