Der Goldjunge

Ganz erstaunlich. Ganz ganz erstaunlich. Das ist das, was ich immer wieder dachte in den letzten Tagen. Ich sass mit meinem Coachee in einem feinen Golfhotel in der Nähe von Dublin. Wir hatten uns in dem riesigen Schloss eine stille Ecke gesucht. Die Suite hiess „Fitzgerald“, wir sassen auf zwei kleinen Sesseln und schauten auf den Schlosspark. Draussen – alte Bäume und etwas weiter weg der berühmte englische Golfrasen, der Green, so wie man die Spielfläche nennt für die Golfer.

Buntes Herbstlaub wurde wieder und wieder vom wilden irischen Wind herum geweht. Manchmal in einem kreisrunden Wirbel, der die Blätter tanzen liess. Hin und wieder sahen wir Eichhörnchen flitzen und Hunde und Katzen spazieren. Der Park war belebt.


Während wir dort sassen und seine Vita entfalteten um einige Geheimnisse zu lösen. Ganz erstaunlich war aber schon, dass wir beide hier zusammen sassen. Zwei gebürtige Deutsche, die von unterschiedlichen Planeten in Deutschland kamen. Unsere Grosseltern hatten Geschichte geschrieben, auf unterschiedliche Arten, weiter voneinander hätten diese Vorfahren nicht sein können. Aber wir sassen hier, die übernächste Generation – und reichten uns die Hände.

Mein Coachee war einer, der durch ein transgenerationales Trauma geprägt war, so wie ich. Den seine Herkunft, vor allem aber sein eiskaltes Klima zuhause, gespickt mit einigen warmen kleinen Ausnahmen, geprägt hatte, so wie mich. Der einen Tyrann in seiner Familie hatte, so wie ich. Der sein Leben trotzdem erobert hatte. Sich ent-wickelt hatte, seine eigenen Kapriolen gemacht hatte. Der leider in einiges ungutes Kompensieren gekommen war. Der meinte, der Schmerz des inneren Kindes könne betäubt werden. Wir hatten viele Parallelen.

Allem voran wohl diese: Er glaubte unerschütterlich, bisweilen gefährlich leichtfertig, an etwas, woran ich auch glaube: An das Gute im Menschen.

Ganz erstaunlich aber eben dennoch wahr: In diesem Leben war ich der Coach und er der Coachee. Es hätte genauso gut auch anders herum sein können.

Aber in diesem Leben hatte er eine beispiellose Karriere gemacht. Und war ganz nebenbei eben von dieser Karriere und dem dadurch verdienten Gold immer mehr gefressen worden. Er hatte viele Jahre den Boden unter den Füssen verloren, nicht auf sich geachtet, war in ungute Liebesgeschichten geraten, hatte das Drama als tägliche Dosis Intensität gesucht und gefunden. Alles exzessiv. Alles laut, alles übertrieben.

Und schliesslich war ein Effekt entstanden, den ich in meiner Arbeit im feinen Zürich schon so oft gesehen und behandelt hatte: Er hatte sich selbst überholt. Ich hatte dafür dieses Bild: Ein Mann rennt einen Berg hinunter, die Schritte werden immer länger, weil er irgendwann nicht mehr selbst rennt, sondern von der Geschwindigkeit getrieben wird. Irgendwann begann er zu versuchen mit seiner eigenen Geschwindigkeit Schritt zu halten. Aber der Hang hatte schon die Kontrolle übernommen. Dann überschlug es ihn.

Nun sass er hier und wir setzten die Scherben zusammen. Die, die seine Familie in ihm hinterlassen hatte, das war der grösste Teil. Und die, die er sich selbst verursacht und die ihn tief ins Fleisch geschnitten hatten. Es wurde eine schmerzhafte Zeit. Dieser schöne Mensch hatte sich über Jahrzehnte versteckt, abgelenkt, verleugnet, betäubt. Viele mögliche Lieben hatte er damit verprellt. Sein überaus exzentrisches Verhalten hatte jedes Eindringen in seine dichte Schale unmöglich gemacht.

Und dabei war hinter dieser Schale doch das Allerbeste von ihm gewesen: Ein Herz aus Gold. Eine feine und tiefe Melancholie. Er arbeitete an verschiedenen Coachingtools und eines sprach ganz besonders zu ihm: Die Traurigkeit. Das Los aller tiefer Seelen.

Es wurde eine intensive Reise zurück in sich selbst, aller Ballast der letzten Jahrzehnte, vor allem aber das Ablegen seiner Tarnungen war eine Herausforderung für ihn. Er war hinter seiner Fassade, mit der er sich so wirkungsvoll verborgen hatte das er sich nicht einmal mehr selbst erkannte, vergraben gewesen. Der Schanzengraben wurde verlassen, er trat nun in seine wahre Natur.

Nach durch orchestrierten sechs Tagen Arbeit sah ich ihn am Morgen des letzten Tages im Schlosspark und fotografierte ihn. Die Schatten um die Augen waren verschwunden, sein Blick war jetzt weich und frei, geöffnet und echt und wahr. Wir lachten uns zu. Er war noch ein bisschen zart in seinem Ausdruck, das neue Lebensgefühl muss sich erst noch ver-wirklichen.

Eine schöne Reise ging da zu Ende. Am Ende reichten wir uns gerne – wieder – die Hände. Auch stellvertretend für die ungute Geschichte, die unser Land erzählt hatte. Vor allem aber: Wir glauben weiter an das Gute im Menschen. Und er nun auch: In sich selbst.

Ich liebe meine Arbeit. Und – das Leben.

La vie est belle – Das Leben ist schön.

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