Das Goldmädchen

Ihre schönen schlanken Finger waren über den edlen Globus gewandert und ich hatte genau hingeschaut, als sie ihren Geburtsort suchte. Vor mir stand eine schöne junge Frau mit russischen Wurzeln, die Ehefrau des Goldjungen von letzter Woche. Auch sie war zu mir in das irische Schloss gereist, um einen intensiven, sogfältig zusammengestellten Coachingprozess zu machen. Jetzt zeigte sie mir eine Ecke auf der Landkarte, das südliche Sibirien, in der Nachbarschaft der Mongolei und gleich um die Ecke von China. Das war wirklich ganz ganz weit weg von dem Ort, an dem wir uns jetzt befanden. Und auch von ihrem schönen Wohnsitz in der Schweiz.

Wir stiegen schnell ein in ihre Analyse und biografische Arbeit und ich liess mir erzählen, wie das Leben und Aufwachsen an einem so kalten Ort in der Welt gewesen war. Vor meinem inneren Auge konnte ich das zarte Reh, das hier vor mir sass, dick eingepackt in Felle und mit festen Wollstrümpfen zur Schule gehen sehen. Wie in allen russischen Schulen gab es da auch Gold Medaillen für besonders gute Leistungen. Die Kinder mussten streben, alles andere gab es gar nicht im Osten. Meine Coachee war fleissig und ambitioniert, sie ging auf eine der besseren Schulen. Da gab es Kinder aus sehr wohlhabendem Haus und auch solche, die besonders begabt waren. Ihre Familie gehörte zur arbeitenden Mittelschicht, da war noch viel Luft nach oben.

Reichtum hatte in Russland, vor allem aber auch in Sibirien, seinen Preis. Man musste ein bisschen korrupt werden, man musste vielleicht ein bisschen die Legalität überwinden und man musste vor allem schneller am Goldtopf sein als die anderen. Das Zusammenbrechen des Kommunismus in der Sowjetunion machte aus den ehemaligen Genossen Kannibalen. Die Eltern meiner Coachee aber hatten sich entschieden rechtschaffen und integer zu bleiben. Sie mussten sehr hart arbeiten und gaben oft alles was sie hatten für die Kinder. Das Leben war oft entbehrungsreich und hart. In Sibirien fällt das Thermometer jeweils sechs Monate weit unter Null. Es brauchte Heizkosten und gute Kleider. Und die beiden Kinder sollten es besser haben.

Meine Coachee träumte schon als Kind von schönen Kleidern, sie war eine Eisprinzessin, eine, die aus dem Nichts etwas Schönes erschuf, vor allem in ihrer Fantasie. Wegträumen, das war elementar wichtig für sie.

Als sie einmal mit den Eltern, inzwischen war sie eine Teenagerin, auf dem Weg in die nächste Stadt fuhr, blickte sie auf graue und trostlose Wohnhäuser, in harte Gesichter, Menschen auf dem Weg zur Arbeit oder gerade wieder nach Hause, alles schien grau und trostlos und sie dachte: Das soll also mein Leben werden? Schule, Ausbildung, Berufsleben, Heirat, Kinder, deren Schule, deren Ausbildung und dann irgendwann den Deckel zu und weg?

Das kam für sie auf keinen Fall in Frage. Sie träumte sich weg in eine schöne Welt, sie wollte etwas Besonderes sein, eine schöne Russin in einem Land, in dem es nicht so viele davon gab und vielleicht auch mit einem Mann, der eine europäische, eine internationale Sprache sprach.

Während sie mir diesen Schlüsselmoment erzählte, erinnerte ich mich an meine eigene Geschichte, die auch so etwa mit 10 einen Wendepunkt genommen hatte. Damals ging es von der Grundschule in die höhere Schule. Ich war überaus neugierig und wissbegierig gewesen und las jeden Tag, stundenlang. Ich wollte ganz viel wissen, soviel wie möglich, weil Wissen eben Macht war, das hatte ich erkannt. Und Macht über mein eigenes Leben wollte ich unbedingt. Also erstmal: Abitur machen, studieren, viel Wissen, viel Gestaltungskraft.

Und später: Ganz hoch hinaus, in einen angesehenen Beruf, so weit weg wie möglich von Zuhause, von meinem Stand, meinen Eltern und den Gleisen, die mir meine Herkunft aufdrücken wollte. Ich wollte – ent-gleisen, mich ver-rücken, woanders ankommen, etwas bewegen. Bei mir und bei denen, mit denen ich mich beruflich einmal beschäftigen würde.

Wohin die Reise ging, wusste ich noch nicht, aber eins war klar: Nach oben! Wie oft hatte ich meine Mutter schimpfen gehört: Die da oben! Würden ja doch nur machen was sie wollen! Die da oben! Hätten eben eigene Gesetze! Die da oben! Hatten die Vorfahrt im Strassenverkehr gepachtet! Die da oben! Würden bestimmen, wo es lang geht! Die da oben! Interessierten sich nicht für die Kleinen hier unten! Die da oben! Nehmen sich einfach was sie wollen!

Meine Mutter hatte das mit denen da oben so oft erwähnt, dass es wie ein Mantra für mich wurde. Und es wurde auch mein erster Berufswunsch: ich wollte eine von denen da oben werden.

Hier sah ich die Parallele zu meiner Coachee und mir und ich verstand sie nicht nur, wir sahen uns auch solidarisch in einem dringenden Wunsch, die Welt zu erobern.

Meine Coachee hat es schliesslich auch geschafft. Ihre Eltern ermöglichten ihr, Mode in Mailand zu studieren. Sie handelte mit Kleidern, fand bald ein eigenes Business, eroberte die Welt, heiratete den Goldjungen, bekam ein bezauberndes Kind und lebt nun ganz weit weg vom kalten Sibirien. Aus der Eisprinzessin ist eine autonome junge Frau geworden, die mehr ist, als ein Schmuckstück. Wie oft hat sie mich im Coaching mit grandiosen Gedanken und tiefen Antworten überrascht. Ich konnte das immer noch sehen – dieses hungrige Greifen in die Welt nach Mehr. Dieser brennende Wunsch, etwas Aussergewöhnliches aus dem Leben zu machen. Ich habe sie bei den Gleisen, die wir dafür legen konnten, gerne unterstützt. Wie sehr kenne ich das Streben nach Individualität und Freigeist! Ich wünsche ihr von Herzen, dass sie sich ihre Welt erobern kann. Dass sie alle Schmetterlinge der Welt in sich fühlt, weil sie gerne auf das schaut, was sie sich erschaffen hat.

Das Streben nach oben – wie ein Adler eben.

Die Hühnerställe waren einfach keine Option.

La vie est belle – Das Leben ist schön.

Screenshot

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