Das unsichtbare Netz

In der vergangenen Woche habe ich mein Manuskript redigiert und das war nicht so eine kleine Aufgabe, wie ich mir vorgestellt hatte. Da mussten etliche „Brückenkapitel“ geschrieben werden, die den Handlungslauf homogener machen und es war auch sehr viel Korrekturarbeit. Ich musste schmunzeln, als ich sah, welche Worte ich inflationär zu oft benutzt hatte: Schön – schrullig – Freiheit – eigensinnig. Die kamen so oft vor, da musste ich manchmal in die Synonym Trickkiste greifen.

Bei Durchsicht meiner Kapitel und auch manchmal sogar beim Schreiben schon, war ich sehr überrascht, wie sehr sich manchmal Dinge wiederholt hatten. Viele Geschichten bekamen ein Äquivalent zu einer späteren Episode, auch wenn die beiden scheinbar gar nichts miteinander zu tun hatten. Das war mir 2025 auch auf meiner weiten und langen Reise passiert. Es versetzte mich so sehr ins Staunen, dass ich etwas recherchierte. Und ich fand – auch Dank dem Tip eines Freundes – das hinduistische Indra Net das Juwelennetz. Es ist eine Metapher für die unendliche Vernetzung und Interdependenz des Universums: Ein riesiges unendliches Netz mit einem Juwel an jedem Knotenpunkt, wobei jedes Juwel alle anderen Juwelen reflektiert und in sich trägt, was die Einheit von Allem und die gegenseitige Abhängigkeit aller Erscheinungen symbolisiert.

Ich kann Euch dazu eine höchst merkwürdige Geschichte erzählen, die ich letztes Jahr erlebt hatte. Sie geschah auf Bali. Ich war dort in einem Yoga-Ressort, in dem ich unglaublich tolle Menschen kennenlernte. Abends sassen alle meist zusammen an einem grossen runden Tisch. Es wurden viele spannende Geschichten erzählt und gemeinsam genossen und gelacht. Gleich am zweiten Abend erzählten sie alle von einem Herrmann, einem Mann, den ich noch nicht kennengelernt hatte. Er war der Bruder der Besitzerin und besuchte die Gäste fast jeden Abend.

Am dritten Abend also erschien er und es war von Anfang an für mich eine merkwürdige Begegnung. Da schien ein unsichtbares Band zwischen uns zu bestehen, das ich nicht deuten konnte. Auf eine eigensinnige Art war er mir vertraut, obwohl ich ihn natürlich noch nie gesehen hatte. An einem der Abende kamen wir also ins sehr inspirierende Gespräch. Was ich spürte: Eine seltsame Anziehung und gleichzeitig einen komischen Widerstand, der aber nichts mit ihm zu tun hatte. Beim Abschied streifte er mir mit dem Zeigefinger über die Schulter. Ich kannte diese Geste! Und jetzt sah ich auch seinen Gang! Auch der: vollkommen vertraut.

Ich musste noch ein paar Tage beobachten und dann traf es mich wie einen Blitz. Er erinnerte mich an jemanden, an den ich mich nun wirklich nicht erinnern wollte. Ich nenne ihn hier mal: Meinen grössten Irrtum. Einen Mann, den ich schon viele Jahre aus meinem Gedächtnis zu verdrängen versuchte. Trotzdem war nach all den Jahren ein Rest Ärger immer noch in meinem Herzen übrig geblieben, wenn ich an ihn dachte. In Wahrheit konnte ich mir einfach selbst meinen Irrtum nicht verzeihen. Wir gingen auf Bali auch zu einige rituellen Zeremonien und in diesem Rahmen lief mir auch dieser Irrtum wieder über den Weg. Wie gerne wollte ich meinen Ärger, mich damals so getäuscht zu haben, vergessen.

Und nun sass Herrmann vor mir. Es erstaunte mich, wie ähnlich er meiner Erinnerung sah! Wie er sich bewegte, sogar seine Körpergrösse, sein Haar, seine Geschichte, seine Selbstsicherheit, sein musisches Wesen. Und schliesslich fand ich auch heraus: der selbe Geburtsmonat inclusive des Jahres. Das konnte doch nicht sein! Was aber ganz erstaunlich war: Den Irrtum hatte ich wegen den Eigenschaften gewählt, die dieses Exemplar hier auf wunderschöne Art auslebte. Ich war neugierig. Was sollte mir das sagen?

Bevor ich abfuhr aus Bali hatte mich Herrmann zu einem Essen in sein Haus eingeladen und weil ich immer noch rätselte, nahm ich das gerne an. Es regnete aus allen Eimern an dem Tag. Als ich aus dem Taxi stieg, sah ich ihn dort stehen, am Rande seiner Terrasse. Genau die selbe Haltung wie der Irrtum. Ich ging auf ihn zu und wir umarmten uns. Das selbe Gefühl. Er führte mich durch sein Haus, war charmant, witzig, geistreich. Und schliesslich standen wir vor einem riesigen Ölbild, das er selbst gemalt hatte. Mir wurde ein bisschen schwindelig, als ich es sah: Vor vielen Jahren hatte ich dem Irrtum ein Bild von Hermes, dem Götterboten, geschenkt. Dieses Bild hier sah ihm gespenstisch ähnlich, es war aber viel schöner und detailreicher gemalt. Ich war geflasht.

Und dann wurde es richtig eigenartig. Beim Essen gesellte sich Herrmann’s Freund zu uns. Ein total feiner Mensch, den ich sofort mochte. Und die beiden leben sehr harmonisch zusammen.
Wenn es etwas gibt, was den Irrtum, unter vielen anderen Gesichtspunkten, zu einem solchen machte, dann ist es auch, dass ich ihm immer unterstellte, dass er in Wahrheit eigentlich besser einen Mann an seiner Seite hätte. Plötzlich sass ich jetzt hier, im fernen Bali. Mit einem Mann, der alle guten Eigenschaften meines Irrtums verkörperte, wie er aussah, sich wie er anfühlte und dazu noch mit einem so freundlichen Mann zusammen war. Bald danach verabschiedete ich mich. Ich bekam es einfach nicht auf die Reihe, das musste ich erst mal verdauen.

Im Nachgang habe ich mir gedacht: Vielleicht gibt es ja mehrere Variationen von uns. In unterschiedlichen Leben. Auf unterschiedlichen Umlaufbahnen. Keinesfalls wollte ich mich da esoterisch hineinsteigern, aber es war auch zu deutlich, als dass ich es als Koinzidenz abstempeln konnte.

Könnte es sein, dass wir im Leben immer wieder gleiche Menschen anziehen? In unterschiedlichen Ausprägungen? Aber doch immer wieder die gleichen Begegnungen, aus irgendeinem Grund? Und dann noch die Muster, denen wir folgen. Die gleichen Dinge, die wir wählen, Fettnäpfchen, in die wir treten. Fehler, die sich wiederholen bis wir sie gelernt und verstanden und damit endgültig korrigiert haben? Den Fragen werde ich noch ein bisschen auf den Grund gehen.

Fakt ist: Herrmann war die um so vieles bessere Version des Irrtums. Ich bin dankbar, dass ich ihm begegnen durfte. Seitdem hat mein Herz Frieden. Die Erinnerung hat sich korrigiert.

Das Leben ist sonderbar ab und zu – oder eben auch wunderbar.
Na, nennen wie es eben beim Namen: La vie est belle – Das Leben ist schön!

In dem Moment, das ich diesen Blogbeitrag schreibe, sehe ich vor meinem Stubenfenster einen Regenbogen. Der Atlantik, Nordirland, das Land voller Magie und Wunder.

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