Inselleben

Das Leben auf Jersey ist unendlich langsam. Und genügsam. Geduldig. Sehr höflich. Alles Dinge, die ich nur hier „aushalte“ und trotzdem – total bereichernd.

Auf Jersey, dieser kleinen Insel im Ärmelkanal zwischen Frankreich und Grossbritannien, gibt es nur ganz enge Strassen. So eng, das man sich ausweichen muss, wenn etwas Grösseres, wie ein Bus oder ein kleiner Lastwagen, einem entgegen kommen. Dann drängelt man sich ganz eng an die Mauer oder Hecke auf der einen Seite damit maximal Platz für das grössere Gefährt bleibt. Manchmal geht nicht einmal das, dann muss man selbst und vielleicht noch weitere Autos hinter dir rückwärts bis zur nächsten Ministrassenbucht fahren.

Und alles fliesst bei einer Maximalgeschwindigkeit von 48 km/h. Und auf der linken Strassenseite.

Der grösste Spass sind dann die *green lanes“. Da darf man nur 24 km/h fahren, die green lane ist so eng, dass keine zwei Autos aneinander vorbei passen. Man muss also damit rechnen sehr weit zurück zu fahren und darauf zu vertrauen, dass das geht, oder der Andere es besser kann.

Wenn man bedenkt, dass es so langsam ist, dann kann man kalkulieren. Von meinem Haus im Norden der Insel brauche ich 8,4 km bis zum Airport um meine Coachees abzuholen. Eine Fahrt von 25 Minuten, wenn es keine Ausweichmanöver gibt. Und unterwegs bist du so langsam dass du jedes Lächeln der Passanten siehst. Man winkt sich auch freundlich zu, wenn man besonders achtsam fährt. Lässt immer Vortritt. Nimmt eventuell Menschen ein Stück mit. Nickt sich zu.

Man spricht mit jedem über das Wetter. Bejubelt wird alles. Dass die Sonne wieder scheint. Dass es endlich mal wieder regnet. Dass heute so toller Wind ist. Dass heute endlich mal kein Wind ist. Es gibt immer etwas zu feiern. Immer etwas, das man toll findet. Und man spricht darüber. Wenn ich an meinem Lieblingsstrand sitze und dem Reinkommen der Flut zusehe, kommt immer jemand und sagt, dass das doch einfach wunderschön ist. Die Menschen sprechen sich auch gerne mit „Darling“ oder „Love“ an. Natürlich meinen sie das nicht so intim. Aber ich freue mich darüber, jedes Mal. Weil es Wertschätzung zeigt. Nur an diesem Ort in der Welt empfinde ich das so wertvoll.

Vielleicht ist Jersey deshalb für mich so eine Wohltat: Langsamkeit. Höflichkeit. Achtsamkeit. Auch weil hier alles so langsam ist, haben die Menschen Zeit, sich zu sehen. Und auch, weil alle auf einer Insel sind. Eine ganz kleine Welt in der Welt. Es fühlt sich ein bisschen an, wie die Zeit anzuhalten. Und vor allem – es ist ein bisschen altmodisch, nostalgisch, ja vielleicht sogar ein bisschen verschroben hier auf Jersey.

Können wir das mit in unser Leben nehmen, das Gefühl das wir in den Ferien haben? Oder an dem Ort, der uns entspricht? Wie schnell beschleunigen wir unser Tempo wieder, wenn wir zurück kehren?

Welche guten Gefühle lösen Deine Lieblingslebensorte bei Dir aus?

Wie transportierst Du sie zurück in Deinen Alltag?

Wie kannst Du Dein Leben so führen, wie Du es führst wenn Du dort bist, wo Deine Seele Gleichklang hat?

An solchen Orten ist es sehr einfach, die beste Version von Dir selbst zu sein. Wir reden uns ein, dass in den Ferien, oder zumindest wenn wir dort sind, wo wir uns wohl fühlen, ja schliesslich viele Pflichten und Einflüsse weg fallen. Dass wir nicht mehr getrieben sind. Aber: Das ist Deine Entscheidung wie Du dann auf den Alltag reagierst. Du lässt Dich hetzen. Du wirst re-aktiv statt pro-aktiv.

Wir lassen uns schnell wieder einlullen wenn wir zurück kehren von einem Ort, an dem wir uns total wohlfühlen. Dann gehen wir bald wieder mit dem Flow dort, mit den Pflichten, den Menschen die etwas von uns verlangen, den Sorgen und den Problemen die unser Alltag oft mit sich bringt.

Dabei wäre es leicht, da zu bleiben, in den Stimmungen, die unser „Inselleben“ uns schenkt: Konserviere die Leichtigkeit in einer inneren Schatzkiste. Wenn Du morgens deine erste Tasse trinkst dann schliesse für eine Minute die Augen und er-innere Dich. Und bevor Du den Zündschlüssel im Auto drehst oder auf dein Fahrrad steigst: Eine Minute nur. Kurz innehalten. Er-innern. Langsam in den Tag starten. Bei Dir bleiben. Diese kleinen Momente kannst Du einbauen in den Tag. Immer wieder zu Dir zurück finden: Zur besten Version von Dir selbst.

So nach und nach schleicht sich dann Dein Ferien-Ich in Dein Alltags-Ich ein. Das kann gelingen.

Du musst dran bleiben. Das ist Arbeit für Dich selbst, die mit Glück belohnt wird.

Nun, genug davon: Ich muss wieder Augen-Blicke sammeln gehen. Noch bin ich auf der langsamen Insel. Ich bin gespannt auf die nächsten Begegnungen.

Willkommen in der Adlerperspektive.

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