Erste oder zweite Wahl?

Am Grab der meisten Menschen trauert, tief verschleiert, ihr ungelebtes Leben

Georg Jellinek

Vor einigen Jahren hatte ich einen Coachee, der sich verlaufen hatte. Er war ein braver Familienvater mit einem gesicherten Job in der Finanzbranche, hatte es zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht, zwei Kinder, Ehefrau, Eigenheim mit Garten und Familienhund. Er war erst Anfang 40 und sein Leben war überschaubar. Irgendwann hatte ihm jemand von einem Computerspiel erzählt, „second life“. Er stieg ein und spielte. Erst ein bisschen und bald jede Nacht, wenn alle anderen schliefen. Er erschuf sich einen Avatar, der alles war, was er scheinbar nicht war: Wild, ungehobelt, rücksichtslos, in den Drogen, cool, frech, ein Betrüger, ein „Böser“, der seine Frauen schlug und sich nahm was er will.

Das Computerspiel war bald zur Sucht geworden und er „lebte“ nachts bald lieber als tagsüber. Der permanente Schlafentzug tat sein übriges und mein Klient bekam bald Realitätsverluste und die Grenze zwischen ihm und seinem Avatar bröckelte. Als ihm bei seiner, bis dahin lieb behandelten, Frau die Hand ausrutschte kam er in meine Praxis und wollte „sein Leben wieder haben“.

In vielen Sitzungen lernte er, dass er etwas von sich unterdrückt hatte und dass er durchaus auch noch ein anderes Leben leben könnte. Mit mehr Mut, mit mehr Kraft, mit mehr Freiheiten, mit mehr Abenteuern.
Er schreibt mir heute noch ab und zu, es geht ihm gut mit seinem neuen, bunten Leben.

Als ich diese Tage wieder mit einer Klientin über das Thema „das zweite Leben“ sprach, sagte sie: Wir haben doch alle ein nicht gelebtes Leben, Träume, die wir unterdrückt haben, Wünsche die wir uns nie erfüllt haben…

Hast Du das auch – einen ganz anderen Lebensentwurf, den Du gerne gelebt hättest?

Was hat Dich davon abgehalten?

Warst Du es selbst? Oder Deine Eltern und Erzieher? Die Gesellschaft?

Oder – die ANGST?

In einem Gespräch ein paar Tage später mit einem jungen Mann, sagte er, er meine, wir vergessen eigentlich alle unser eigenes erträumtes Leben wenn wir über die Zukunft nachdenken, wenn wir aufhören im Jetzt zu leben. Wenn wir über Rente und scheinbare finanzielle Sicherheit, Ansehen und Image, Status und Karriere nachdenken.

Nach über 20 Jahren als Coach weiss ich, dass diese stille Sehnsucht mit den Jahren immer lauter wird und schliesslich ohrenbetäubend schreit. So viele von meinem Klienten, die Supermanager und Karrieregewinner waren, haben sich nach dem einfachen Leben gesehnt. Ärzte, die lieber eine Bar mit einem Harleytreff hätten, Bankmanager die lieber eine Ziegenherde hüten als über Millionen zu verhandeln. Die allermeisten hatten viel erreicht und erkämpft aber heimlich sah es anders aus: Sie träumten alle von diesem Second Life.

Und – um es mal ganz ehrlich zu sagen: Sehr viele ! Sehr viele! Menschen, die ich gecoacht habe, wären dann doch lieber frei als Mutter und Vater, Ehefrau und Ehemann.

Warum folgen wir dem ersten Lebensentwurf?

Warum entscheiden wir uns für einen Beruf?

Für eine Beziehungsform?

Haben wir diese Entscheidung selbst gefällt oder weil wir dazu animiert wurden durch den Druck von aussen?

Welches second life erträumst Du?

Und warum lebst Du es nicht?

Wie viel Zeit willst Du noch verstreichen lassen?

Könnte es einen Weg geben Dein erstes und Dein zweites Leben zu verbinden?

Geh einmal zurück in Deiner Vita und frage Dich an einem neuralgischen Punkt, an dem Du eine grosse Entscheidung getroffen hast: Was wäre gewesen wenn ich in die andere Richtung gegangen wäre? Wenn ich komplett anders entscheiden hätte? Erträume Dir dieses andere Leben, das Du dann geführt hättest.

Und dann komm in die Gegenwart zurück. Vergleiche. Entscheide Dich neu.

Vielleicht musst Du nur etwas justieren. Vielleicht einen radikalen Schritt machen.

Wirst Du den Mut dazu haben?

Vielleicht hat die momentane Corona Krise dazu geholfen, alles noch mal zu überprüfen. Hat Dich durchgeschüttelt. In Unordnung gebracht. Das wäre doch ein grossartiges Geschenk.
Zu welchem nächsten Schritt bist Du jetzt bereit?

SPRING!

Willkommen in der Adlerperspektive.

 

Ungelebte-Leben

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