Gezeiten

Die ganze Welt besteht aus Ein- und Ausatmen.

Hast Du einmal längere Zeit das Meer beobachtet? Kennst Du vielleicht auch die Gezeiten? Also Ebbe und Flut? Welche Bilder entstehen in Dir, wenn Du daran denkst?

Anne Morrow-Lindbergh hat einmal einen wunderbaren Text dazu geschrieben:

Wir jubeln der steigenden Flut entgegen und wehren uns erschrocken gegen die Ebbe.

Wir haben Angst, die Flut würde nie zurück kehren. Wir verlangen Beständigkeit, Haltbarkeit und Fortdauer; und die einzig mögliche Fortdauer des Lebens wie der Liebe liegt im Wachstum, im täglichen Auf und Ab – in der Freiheit im Sinne von Tänzern, die sich kaum je berühren und doch in der gleichen Bewegung sind. Die einzig wirkliche Sicherheit liegt nicht im Soll oder Haben, im Fordern oder Erwarten, nicht einmal im Hoffen. Die Sicherheit liegt allein im lebendigen Bekenntnis zum Augenblick. Denn auch unser Leben muss wie eine Insel sein. Man muss sie nehmen wie sie ist, in ihrer Begrenzung – eine Insel, umgeben von der wechselvollen Unbeständigkeit des Meeres, immerwährend vom Steigen und Fallen der Gezeiten berührt. Man muss die Sicherheit des beschwingten Lebens anerkennen, seiner Ebbe, seiner Flut und seiner Unbeständigkeit.

Wir alle befinden uns in einem Ein- und Ausatmen. Wir alle gewinnen und verlieren. Wir befinden uns tagtäglich an Wendepunkten, an Kreuzungen, im Wandel. Der Wandel hält uns gewissermassen auch am Leben, denn jeden Tag sterben in unserem Körper zwischen 50 und 70 Milliarden Zellen. Und neue werden geboren. Unser Körper ist ein einziger Stoffwechsel.

Alles ist ständig in Bewegung.

Aber unsere Psyche versucht trotzdem, die Kontrolle zu behalten.
Wir wollen gewinnen, wir wollen die Aufregung, das Abenteuer, das Grossartige im Leben, die nie endende Liebe, den stetigen Wachstum, die Karriereleiter nach oben, das jugendliche Aussehen und Auftreten festhalten, immer weiter und nur in die richtige Richtung.

Aber das entspricht eben nicht der Natur. Und wir sind Natur, egal wie schlau wir zu sein scheinen, egal wie perfekt der Geist trainiert wurde. Wir sind natürlich – und damit auch im Wechsel unterwegs.

In meiner Coachingpraxis erlebe ich immer wieder, dass Menschen panische Angst vor dem Scheitern haben. Und auch privat, bei mir und im Freundeskreis sehe ich, wie wir festhalten und auf keinen Fall versagen wollen, wie wir das, was wir hart erkämpft, erlebt und erliebt haben, nicht aufgeben möchten.

Für manche Menschen kommt es ganz hart und schmerzvoll das Loslassen. Nicht eben durch einen Schicksalsschlag, der quasi ein schnelleres Finale ist, sondern durchs Enttäuschen, durch den Herzbruch, den eine oder beide Seiten herbei geführt haben. Oder die Kündigung, den Bankrott, den Verlust von Aufträgen und Sponsoren.

Warum wollen wir nicht scheitern?

Einige Jahre zurück sagte mir ein kanadischer Coachingkollege einmal, wir im deutschsprachigen Raum wären entsetzlich feige. Wir würden so lange über die möglichen Konsequenzen und das damit befürchtete Scheitern nachdenken, bis wir gar keinen Schritt machen würden.

Damals war ich sehr wütend über diese Beurteilung und kurz danach musste ich ihm zustimmen: Wir halten extrem lang fest. Auch an Dingen und Menschen, die uns nicht mehr gut tun. An einer Vergangenheit, die vorbei ist. An einer Idee wie etwas sein sollte und sich dann nicht so entwickelt hat.

Scheitern ist eine extreme Angst in uns allen.
Was wird denn dann, wenn…?

Was passiert im worst case?

Wenn Du ehrlich zu Dir bist, hast Du aus jedem Scheitern Wertvolles gelernt. Wenn Du ehrlich zu Dir bist, siehst Du, dass gerade an diesen Wendepunkten des Lebens, als alles verloren schien, etwas Neues, Wunderbares gewachsen ist. Ein neuer Mensch kam in Dein Leben, eine nie vermutete Tür öffnete sich, manchmal war es sogar gut, alles zu verlieren.

Stirb und werde, hat Goethe einmal gesagt, ist der Kreislauf des Lebens.

Die Angst will Dich lähmen, den nächsten Schritt zu tun, der sich nur entfalten kann, wenn Du die Position, in der Du jetzt verharrst, verlassen kannst. Es ist doch nur ein Schritt! Probiere ihn aus!

Alles bewegt sich – die Ebbe. Die Flut. Alles was geht kommt durch eine andere Form zu Dir zurück. Die Natur besteht aus Ein- und Ausatmen.

Beweg Dich. Spring.

Willkommen in der Adlerperspektive.

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