Ich vermisse mich

Letzte Woche wurde ich gleich zweimal mit dem selben Thema konfrontiert.

Eine Freundin erzählte mir von einer Frau, die einmal wild und stürmisch, autonom und frech, selbstbestimmt und verrückt, cool und waghalsig war.

Eine Frau, die inzwischen ein bisschen braver und angepasster und damit auch ein klein wenig unglücklicher und lethargischer ist: Sie erinnerte mich an mich selbst. Als meine Freundin mich damit triggerte, wer ich war, als wir uns kennenlernten, dachte ich: Ich vermisse mich.

Und ein paar Tage später sah ich ein Theaterstück über die wunderbare Colette, die Grande Dame der französischen Literatur in der Belle Epoque. Es war ein grossartiges Stück, in dem Teile ihres Tagebuchs und ihrer Gespräche vorgetragen wurden. Colette, inzwischen in ihren späten Jahren, erinnerte sich an die wilde und lustige, dominante und selbstverliebte junge Frau, die sie einmal war. Sie skizzierte sich mit 12. Und dann sagte sie: Ich vermisse mich.

Wie ist das bei Dir, erinnerst Du Dich an Deine Energie, die Du hattest als Du jung warst?

An Deine Ideale, an Dein Temperament, an Deine Überzeugungen?

An das Schwärmerische, das Sehnsüchtige, das Unbedingte?

An Deine Rebellion, Deinen unbedingten Willen die Welt zu verändern – oder zumindest so zu gestalten, dass sie zu Dir passt?

Erinnerst Du Dich an Deine wahnsinnigen Ziele, Deine Pläne, Deine Ideen?

Deinen Mut? Deinen totalen Glauben daran, dass Du schaffen würdest was auch immer Du Dir vornimmst?

Und: Vermisst Du Dich?

Hat Dich der Zahn der Zeit eingeholt? Der Alltag gefressen? Haben Deine Beziehungen Dich verändert und ungut angepasst? Hat das Leben die Regie übernommen oder hast Du noch die Führung über Dein Leben? Was hast Du verloren auf dem Weg?

Mut und Wut, Idealismus und Wille, Kraft und Ausdauer?

Ich erinnere mich, dass eine Coachee von mir kürzlich sagte: „Ich kann einfach nicht mehr“…

Wann können wir denn nicht mehr?

Wenn wir zu lange, viel zu lange, an einer Sache gearbeitet haben, alles dafür gegeben haben, alles dafür geopfert haben, ohne dass die gewünschten Resultate heraus schauten. Und uns selbst dafür aufgegeben, verlassen haben.

Wir haben uns alle ein bisschen vergessen. Im Rausch des Alltags, im Mainstream, in übernommenen Lebensweisen, in der Moral und dem Anstand der Gesellschaft, in vorgekauten Modellen wie wir zu sein haben. Aber auch in nicht endend wollenden Pflichten, den eigenen und den aufgezwungenen. Vielleicht sogar wegen eines Leidens, eines Schicksalsschlags.

Es gibt viele gute Gründe, sich selbst auszuweichen. Abzurücken von unseren Sehnsüchten und Herzenswünschen. Von der Rebellion und der Wildheit in unserem Herzen.

Was bringt Dich zurück?

Was bringt das zurück, was Du einmal geliebt hast?

Was bringt zurück, was Du einmal an Dir geliebt hast?

Ich vermisse mich.

Und ich vermisse auch meine Freunde. Pan, mit dem ich am Feuer stundenlang über das Leben philosophieren konnte. Georg, mit dem ich so lachte, dass ich mir in die Hosen nässte. Ralf, mit dem ich still und schwärmerisch die Alleen von Bäumen bewunderte. M mit dem ich nachts aufs Dach kletterte um den Mond anzuheulen. Toni mit dem ich ausreiten konnte und dabei ohne Zügel, die Arme nach oben gestreckt im Galopp laut schrie. Ann, mit wunden Füssen nach stundenlangem Tanzen. Beatrice auf dem Roadtrip über die Insel Sylt. Ingrid, Jolanda und Coco im nackten, eiskalten Bad zum Sonnenaufgang. Wilde Zeiten.

Sie sind noch nicht vorbei. Wir sind nicht tot. Nur eben – ein bisschen älter und gehorsamer geworden.

Hier ist noch ein Satz für Dich. Er soll dich aufrütteln:

Das Wilde ist nicht das Gegenteil von kultiviert. Es ist das Gegenteil von gefesselt.

Sprenge die Fesseln. Lass das Bravsein sausen. Komm aus der Komfortzone. Erinnere Dich – an Dich selbst – erinnere Dich an das Ungestüme, das Frische und Junge und Eigensinnige in Dir. Nimm Dir ein paar alte Fotos aus Deinem Album. Schau Dir in die Augen! Erkennst Du Dich wieder? Kitzelt es in Dir?

Brich aus. Brich auf: Zurück zu Dir.

Du bist immer noch da.
Herzlich Willkommen in der Adlerperspektive.

 

 

 

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