Der Tod und das Leben im November

Jetzt stehen Sie wieder in den Supermärkten, die roten Totenkerzen, die Gestecke für die Gräber. Die Menschen gehen auf die Friedhöfe und pflegen die Gräber. Halloween, eigentlich Samhain, ist längst vorbei. Der Allerheiligen, der Totensonntag, das Gedenken an unsere Vorfahren, die Verstorbenen.

Und auch in der Natur hat das grosse Loslassen begonnen, die letzten Blätter fallen von den Bäumen, alles Leben zieht sich zurück, es wird kalt, das Wachsen und Blühen hat aufgehört, fast alles abgeerntet. Ich sehe vielen Kakibäume, an denen orangeleuchtend die Früchte noch hängen, während sich die Blätter schon auf den Weg nach unten gemacht haben.


Wir rücken zusammen, entfachen Feuer im Kamin, stecken unsere Kerzen an, lesen zusammengerollt auf dem Sofa, kochen Eintöpfe und probieren den ersten Lebkuchen. Es ist eine Zeit der Stille.

Und immer wieder auch – eine Zeit der Erinnerung.

Genau dann bekam ich das neue Lied von Silbermond zu hören im Radio, ein Lied der Erinnerung. Auch ich konnte meine Liste machen von Menschen, von denen ich mich bereits verabschieden musste. Auch junge Leben dabei, die, die nicht damit gerechnet hatten keine Lebenszeit mehr zu haben. Schon so viele Jahren sind vergangen, während ich ohne ihre Anwesenheit weiter leben durfte und musste.

Ich dachte zurück. Zum Beispiel an Martin, der sich im zarten Alter von 23 das Leben nahm, zwei Monate später Marius, sein Bruder, der mit dem wortlosen Abschied seines Vertrauten nicht zurecht kam. Stefan, der mit 27 einer akuten Leukämie erlag. Arno, der nach dem Militärdienst endlich leben wollte und dann mit seinem Auto an einem Brückenpfeiler hängen blieb. Franzi, Andrea und Edith, die ihrer Krankheit das Leben gaben. Noch viele andere Schicksale kamen mir in den Sinn. Ich kramte ein paar Fotos heraus und schaute in Stefan’s Augen. Erinnerte mich.

Und dann kam – die Erinnerung an mich mit Stefan. Mich mit Martin und Marius… mich mit meinen lieben Wegbegleitern. Inzwischen sind so viele Jahre vergangen. Auch die junge Frau, die ich einmal war, ist weg. Auch dieses Leben kann nicht mehr zurück geholt werden. Wir leben zwar weiter – aber linear gehen wir auf das selbe Ende zu. Wir laufen jeden Tag ein Stück weg von dem Leben, das wir einmal geführt haben.

Kürzlich sprach ich mit einem Mann, der gerade 60 wurde und der festhielt an seinem Bild. Er war einmal schön, athletisch, sportlich, begehrt, ein Abenteurer, auf der Höhe des Erfolgs, reich, beliebt, wichtig und mächtig. Inzwischen – vorbei – ist er ein Anderer. Und trotzdem beschwört er alte Erfolge, alte Lebensweisen, längst vergangene Abenteuer, um sich besser zu fühlen und nicht mit der Endlichkeit konfrontieren zu müssen.

In unserer Gesellschaft wird das Thema Tod ausgeklammert, verschwiegen, verdrängt. Wir wollen ewig jung, dynamisch, erfolgreich, begehrt und voll im Saft sein. Aber das sind wir nicht. Und wir leben auch nicht ewig. Wir bleiben nicht ewig geschmeidig und straff, duftend und dynamisch. Nichts ist von Dauer. Auch eine zugemauerte Strasse wird früher oder später aufbrechen und neue Blumen heraus wachsen lassen. Das Leben geht weiter, das Leben bahnt sich den Weg. Ob mit oder ohne unsere Lieben. Mit oder ohne uns.

Nehmen wir doch mal diese stille Zeit zum Anlass zurück zu fühlen, zu lachen, zu erinnern, zu danken, zu schmunzeln, Geschichten zu erzählen. Und dann: LOSLASSEN.

Lassen wir los. Wie die Blätter, die Natur.

Der nächste Schritt?

Feiern wir doch das Leben, solange wir es haben. Machen wir doch schöne Erinnerungen, für uns, für unsere Freunde und Familien. Nehmen wir doch jeden Tag die Chance einen grossartigen Tag daraus zu machen. Ganz egal wo Du heute stehst. Ganz egal, was gerade passiert, was Dich quält oder beschäftigt. Es geht weiter.

Seneca hat gesagt: Man kann niemals in den gleichen Fluss zweimal steigen. Weil er eben weiter fliesst. Alles ist in Bewegung.

Bleiben wir also in Bewegung, fühlen zurück und nach vorne, sind dankbar für Begegnungen, auch mit Menschen, die nicht mehr da sind. Aber vor allem: Für die, die jetzt (noch) da sind.

La vie e belle – Das Leben ist schön.

Willkommen in der Adlerperspektive!

 

In meiner Erinnerung, Text von Silbermond

Auf einmal steh‘ ich hier allein
Hier im März 2003
Und es war viel zu zeitig
Es war viel zu zeitig
Und ich hab‘ noch zu dir gesagt
Wie immer: „Bis zum nächsten Mal“
Und es war viel zu zeitig
Viel zu zeitig
Ich hör‘ sie sagen: „Jetzt hast du’s geschafft
Bist jetzt an einem besseren Platz“
Meine Ohren verstehen das
Doch das Herz sagt, es fehlt was

Mit jedem Tag der vergeht, lebst du weiter
In meiner Erinnerung
Hab‘ all die Bilder mit dir gespeichert
In meiner Erinnerung
Alles endlich, alles verglüht
Geht so schnell eh du dich versieht
Ich hab‘ dich hier, ich trag‘ dich bei mir
In meiner Erinnerung

Schönen Gruß von deiner kleinen Madame
Aus Frankreich, hier wollten wir hin zusammen
Du hast gesagt: „Ich nehm‘ dich mit
Wenn du groß genug bist“
Jetzt steh‘ ich hier und frage mich
Würdest du unsere Lieder feiern?
Wärst du stolz auf mich?
Was würdest du sagen, könntest du mich sehen?
Sag mir, kannst du mich sehen?
Verrätst du mir, was bleibt
Übrig von der Lebenszeit?

Mit jedem Tag der vergeht, lebst du weiter
In meiner Erinnerung
Hab‘ all die Bilder mit dir gespeichert
In meiner Erinnerung
Alles endlich, alles verglüht
Geht so schnell eh du dich versieht
Ich hab‘ dich hier, ich trag‘ dich bei mir
In meiner Erinnerung

Verrätst du mir, was bleibt
Übrig von der Lebenszeit?

In meiner Erinnerung
Alles endlich, alles verglüht
Geht so schnell eh du dich versieht
Ich hab‘ dich hier, ich trag‘ dich bei mir
In meiner Erinnerung
In meiner Erinnerung
In meiner Erinnerung

2 Gedanken zu “Der Tod und das Leben im November

  1. Nadia

    Es ist schon erstaunlich, genau dieses Lied habe ich heute zum ersten Mal gehört und es hat mich sehr berührt. Und jetzt lese ich ein paar Stunden später deinen Blog. Danke, dass du dieses Thema aufgenommen hast. Du sprichst mir aus der Seele.

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