Immer der Nase nach

Hast Du den Sommer schon gerochen?

Nach was duftet er bei Dir? Wo hast Du Dich aufgehalten?

Die Tage war ich gleich mehrfach mit den Sinnen und der Sinnlichkeit beschäftigt. So sagte mein Sohn zu mir: Das Coolste am Motorradfahren ist, dass man alles so gut riecht, das man sozusagen der Nase lang fahren kann.

Und am Tag danach übernachtete ich in einem fremden Zimmer. Mitten in der Nacht öffnete ich die Balkontür zum Garten. Und da war er: Der würzige Duft nach feuchter Erde, nach Gras und Blumen, nach Frische und dem See, der in naher Ferne lag. Der Duft war so intensiv, weil es die Stunde war, in dem die Feuchtigkeit der Nacht gerade eben so beginnt wieder zu atmen. Ich atmete mit und dieser Duftteppich war so üppig, das ich ihn nicht für das Weiterschlafen eintauschen wollte.

Ein paar Tage später erzählte mir eine Freundin, dass sie in Thailand war und dass sie diesen Duft blind erkennen würde. Die feuchtwarme Tropenluft mit dem Geschmack von Orchideen, Kokosnuss und Gewürzen.

Jedes Land hat seinen eigenen Duft, jeder Ort riecht anders und jeder Mensch, jedes Ding scheint da auch noch Informationen zu liefern, die für uns wesentlich sind. Du kennst bestimmt auch Menschen, die an allem schnüffeln. Zum Beispiel an einem brandneuen Buch, an frischer Bettwäsche, an Kräutern, am Essen, an Textilien und auch an Orten, bevor sie sie betreten.

Frisches Brot, das gerade aus dem Ofen kommt?

Frisch geschnittenes Gras?

Wäsche auf der Leine?

Babykopf?

Kaffee, der eben gemahlen wurde?

Zimtschnecken im Ofen?

Erinnere Dich. Was hat Dir diesen Sommer ganz besonders in der Nase geschmeichelt?

Der Geruchssinn ist der Unmittelbarste der menschlichen Sinne. Während visuelle, akustische oder haptische Signale erst in der Grosshirnrinde des Gehirns verarbeitet werden müssen, wirken Düfte im Gehirn direkt auf das limbische System, wo Emotionen verarbeitet und Triebe gelenkt werden.

Wenn man zum ersten Mal einen Raum betritt oder einen unbekannten Menschen trifft, ist es in der Regel der Geruchssinn, der einem den ersten Eindruck verschafft.

Zudem ist die menschliche Erinnerung eng mit Düften und Gerüchen verknüpft. Ein Geruch kann einen urplötzlich in eine lange zurückliegende und längst vergessene Situation zurückversetzen, in der man ihn zum ersten Mal wahrnahm.

Dieser „Proust-Effekt“ ist nach dem französischen Autor Marcel Proust benannt. In seinem Hauptwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ beschreibt er einen Mann, der ein Stück Gebäck in seinen Tee tunkt, worauf er eine Fülle an Erinnerungen an seine Kindheit hat, die tief in seinem Unterbewusstsein verschüttet waren.

Jedes Lebewesen und viele Gegenstände und Materialien sondern Duft in Form von Molekülen ab. Beim Einatmen gelangen die Moleküle zur Riechschleimhaut am oberen Ende der Nasenhöhle.

In diesem fünf Quadratzentimeter grossen Organ befinden sich zwischen zehn und 30 Millionen Nervenzellen, die sich alle vier bis sechs Wochen erneuern und Rezeptoren für zirka 400 verschiedene Duftstoffe besitzen.

Die Nervenzellen münden in den Riechkolben, den Übergang zum Gehirn. Von dort werden die Informationen an verschiedene Bereiche des Hirns weitergeleitet, kombiniert und verarbeitet. Gerüche sind in der Regel sehr komplex und setzen sich oft aus mehreren hundert Elementen zusammen.

Beim Riechen kommen zwei Nerven ins Spiel. Der Olfaktorius steuert das eigentliche Riechen, während der schmerzempfindliche Trigeminus auf beissende Gerüche wie Chlor, Salmiak, Rauch oder auch Zwiebel reagiert. Der Geruchssinn ist eng mit dem Geschmackssinn verknüpft, und erst diese Verknüpfung liefert ein differenziertes Geschmackserlebnis.

Ein gesunder Mensch kann mehr als 10.000 verschiedene Duftnoten unterscheiden. Wer sich gezielt Düften aussetzt und versucht, diese zu kategorisieren, steigert seine Wahrnehmung und kann die Geruchsinformationen besser verarbeiten und benennen.

 

Nun, woran erinnerst Du Dich diesen Sommer?

Die Sonnenmilch?

Den Geruch von Chlor, nachdem Du lange im Schwimmbad warst?

Das gegrillte Fleisch beim Barbecue?

Das Meer – das Salz, die Algen, die Fische, die Frische?

Mach doch in den nächsten Tagen mal einen Nasenspaziergang und lass Dich inspirieren wo es Dir am besten „schmeckt“. Und dann: Geniesse.

Wie schön, dass wir unsere Sinne haben. Die nächsten Blogs widme ich unseren Sinnen, lass Dich mitziehen und geniesse Deine Sinnlichkeit.

Willkommen in der Adlerperspektive.

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