Vom Opfern zum Widmen

Die Tage hatte ich wieder einmal mit Menschen zu tun, die sich gerne und ausgiebig anderen verschenken. Edel!

Ich erinnere mich daran, wie ich schon diesen Poesiealbum-Spruch gehasst habe: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Der liebe Herr Goethe appellierte gerne an das „Göttliche“ im Menschen, an seine humanistische Moral und seinen Edelmut. Vielleicht waren die Menschen zu Zeiten von Goethe (1749-1832) noch mehr dazu bereit, sich jemandem oder einer Sache ganz und gar zu verschreiben, zu opfern.

Opferbereitschaft ist tatsächlich eine herausragende Eigenschaft des Menschen, er ist bereit, etwas zu opfern. Es gab einen Psychotherapeuten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Viktor Frankl, der hat gesagt: „Der Mensch ist bereit, alles zu tun, wenn er weiss, wofür.“

Wir haben zumeist alle eine grosse Opferbereitschaft und das kann natürlich auch in Schwierigkeiten führen, in Überarbeitung, in religiösen oder idealistischen Fanatismus, in eine ausgeprägte Opferhaltung, in der wir uns selbst und die eigenen Bedürfnisse vergessen.

Wie viele Menschen opfern sich auf für ihren Partner, die Kinder, die Eltern, die Arbeit. Denke ich zurück an all die Ausgebrannten, die ich die letzten Jahre therapieren durfte, dann erkenne ich, wie wenig noch von dem eigenen Wünschen und Hoffen, Empfinden und dem inneren Feuer übrig geblieben ist, wenn sich ein Mensch aufgeopfert hat.

Wie viele Arbeitnehmer habe ich aufrütteln müssen, wenn sie mir unter Tränen erzählten, dass sie ihren Job nicht mehr so machen können wie sie das gerne und lange getan haben. Wie oft musste ich ihnen dann sagen: Es liegt nicht alles auf Deinen Schultern! Du hast auch noch ein Leben!

Für was hast Du schon Opfer gebracht?

Für was bist Du bereit Dich aufzuopfern?

Für was bringst Du aktuell Opfer?

Tust Du das frei-willig oder erwartet man es von Dir? Oder erwartest Du es von Dir?

Bist Du gerne, leichten Herzens, tanzend, fröhlich und glücklich dabei das Opfer für etwas oder jemanden zu bringen?

Oder – uiiiii – bist Du schon in der Opferhaltung?

In der Opferhaltung fühlen wir uns machtlos gegenüber äusseren Einflüssen. Während wir diese Haltung einnehmen, unterdrücken wir meistens unsere Wut und unsere Schuldgefühle, was dazu führt, dass wir anderen die Rolle des Täters zuschieben und die Schuld bei ihnen suchen. In der Opferhaltung zeigen wir uns nach aussen meist freundlich, doch innerlich sind wir hart mit uns selbst und auch mit anderen. Es ist keine sehr aufrichtige Haltung und wir verbrauchen dabei sehr viel Energie, die wir uns und anderen Menschen rauben.

Oft genügt es, sich darüber klar zu werden, dass wir die volle Macht über unser eigenes Dasein haben, nur wir und kein anderer. Haben wir einem anderen Menschen oder einer Situation Macht über uns gegeben, dann können wir uns fragen:

Welchen Nutzen habe ich davon?

Die Antwort kann uns dann Aufschluss über unsere tiefer liegende Motivation geben.

Wenn wir uns dazu entschlossen haben, aus der Opferhaltung auszusteigen, dann kehren wir zu mehr Ehrlichkeit und zu unserer Selbstbestimmtheit zurück. Wir hören auf, andere dazu zu benutzen, uns selbst zu begrenzen und zu bestrafen. Dann halten wir wieder Ausschau nach dem, was uns ausmacht, was wir zu geben haben und wir bringen uns wieder in eine Haltung der Selbstachtung und Selbstverantwortung. Wir entdecken wieder all die Möglichkeiten, die wir haben, anstatt auf das zu schauen, was nicht so läuft, wie wir es gern hätten.

Also, frage Dich nochmals:

Opfere ich mich für etwas auf?

Wenn ja, warum?

Lass Dir Zeit, dieser Frage nach zu gehen (vielleicht bis zum nächsten Blog)

Ich gehe gerne mit dem englischen Wort „dedication“ – dem „widmen“.

Also ich widme mein Leben diesem oder jenem. Wie schön, dieses Wort: widmen. Das beinhaltet ein Geschenk.

Ein Opfer ist niemals ein Geschenk, eher ein Verlust von etwas, etwas das man gibt um damit etwas zu erreichen, aufzuzeigen. Oder etwas, das man selbst wird, wenn man zu viel von sich gibt oder geben musste.

Widme Dich dem Leben mit ganzem Herzen.


Willkommen in der Adlerperspektive.

Ein Gedanke zu “Vom Opfern zum Widmen

  1. Heidrun Jeanne Sophia Wieben

    Widmen… ein wunderbares Wort : es klingt so schön nach und läd zum Schwelgen ein..
    Ja , am Anfang habe ich mich der Liebe – meinen Kids gewidmet… irgendwann würde es dann übermächtig : zu viel – zu groß- die Kräfte schwanden… aber ich würde es trotzdem nicht „opfern“ nennen wollen, obwohl es sich vielleicht manchmal so angefühlt hat…
    Sich aus der eigens auferlegten Rolle / Verpflichtung zu befreien und diese Entscheidung zu bejahen, braucht seine Zeit und Kraft…
    In der Rückschau schaue ich mit Dankbarkeit auf diese Erfahrung und genieße jetzt wieder viel mehr das“Widmen“, aber es darf sich gerne noch mehr ausbreiten!
    Danke -für Deine anregenden Gedanken🥰

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