Weisst Du noch?

Kennst Du das, das Weisst-Du-noch? Ach, wie schön, in Erinnerungen zu schwelgen. Vergangene Woche hatte ich meine Freundin zu Besuch, die schon über 20 Jahre an meiner Seite tanzt. Wir hatten viele Weisst-Du-noch-Geschichten. Am Schönsten aber war, dass wir herzhaft lachen konnten über uns selbst. Denn unabhängig von den Situationen, Orten und Menschen an die wir uns erinnerten, waren da auch kleine Erinnerungsfetzen aneinander.

Was wir mal gesagt und mit dem Brustton der Überzeugung behauptet hatten. Woran wir glaubten, wofür wir demonstrierten oder gar kämpften und welche Glaubensbekenntnisse wir verrieten. Wie wir uns getäuscht hatten. Wie wir auf dem falschen Weg eingebogen waren und aus Freundschaft einander zwar beistanden, aber nicht eingriffen auf dem Irrweg. Ja und dann noch die Dinge die wie nicht gesagt oder sogar bewusst verschwiegen hatten.

Wir alle kennen das, dass wir nach sehr vielen Jahren jemanden wieder treffen, in den wir einmal verliebt waren und dann sagen können: Weisst Du noch damals? Da war ich unsterblich in Dich verschossen. Nicht selten bedauern wir dann, dass wir Wichtiges nicht gesagt haben, dass wir nicht geholfen haben oder etwas nicht bemerkt haben obwohl wir doch dachten das sei für alle offensichtlich gewesen.

Ich hatte heute morgen einen solchen Weisst-Du-noch Moment. Ich musste ein paar Dinge im Bad aufräumten und mir fiel ein kleiner Rest eines Kajal-Stifts in die Hand. Die perfekte Farbe für meine türkisfarbenen Augen. Ich liebte diesen Stift immer und inzwischen, das fiel mir ein, ist er nahezu 30 Jahre alt. Gekauft hatte ich ihn auf der Maximilianstrasse in München in einer winzigen Parfümerie mit meinem damaligen Herzmann, einem kühlen, egozentrischen Mann aus Hamburg, der mich immer gerne geschminkt und zurecht gemacht sah. Der Flashback war amüsant, denn neben der Erinnerung an den Moment kam ja auch das alte Ego zum Vorschein, das Lebensgefühl von damals, die 80er, die Schulterpolster und Sturmfrisuren, die Coolness und die Musik. Herrlich, diese kleine Zeitreise!

Was macht das mit uns, dieses Weisst-Du-noch? Im günstigsten Fall amüsiert und bereichert uns das. Zeigt uns auf, was in der Schatzkiste verborgen ist.

Und im günstigsten Fall erinnern wir uns an die schönen, spannenden Momente in unserem Leben, an Menschen, die uns einmal viel bedeutet haben, an Orte, die wir immer noch gerne erinnern.

In manchen Fällen erinnern wir uns aber auch an Dinge, die wir nicht mehr mit uns herum tragen wollen und die dann getriggert werden, wenn wir jemandem begegnen, der sie noch weiss. Oder die Weisst-Du-noch Geschichten, die nicht gut ausgegangen sind. Die verpassten Chancen, die unerledigten Geschichten in unserem Herzen, die Lieben ohne Happy-end. Die Umzüge und Verluste, die Kränkungen und Fehlentscheide und immer wieder – die Momente in denen wir etwas verpasst und das nachher bereut haben.

Ich wünsche Dir, dass Deine Weisst-Du-noch Geschichten schöne Geschichten sind, die Du wie ein Foto betrachten kannst aus einer alten vergilbten Kiste und dann zurück legen kannst. Vielleicht mit einem kleinen Seufzer der Melancholie, vielleicht mit einem lieben Dankesagen, mit einem belustigten Lächeln. Und dann – nach vorne gehen.

Im Italienischen sagt man gerne „Tempi passati“ – die Zeiten sind vorbei.

Verpassen wir also vor lauter Vergangenheit das JETZT nicht. Denn: Sich feiern wegen der alten Erinnerungen macht viel Freude. (In diesem Sinne vielen lieben Dank an Dich, meine Freundin H.J.S.W.)

Wir sind ja immer noch da. Und haben jeden Tag die Chance für einen Neubeginn.

Der Adler klebt nicht an Vor-stellungen und Rück-blicken. Er muss aus der Situation heraus entscheiden, jedes Mal wieder neu die Bedingungen einschätzen, wie das Leben jetzt ist. Die alten (Jagd-)erfolge sind passati. Die alten Gefährten vielleicht längst weiter geflogen. Das Wetter hat sich geändert, die Winde sowieso.

Was ist denn nun das JETZT?

Ich wünsche Euch viel Freude wenn Ihr Euch an Weisst-Du-noch-Geschichten erinnert. Und dann, das ist das Gesetz der Stunde: Volle Kraft voraus in die Tage die (noch) auf uns warten.

Geniesse den aufkommenden Frühling, er duftet schon, der Winter ist bald vorbei. Die Weisst-Du-noch-Geschichten auch.

Willkommen in der Adlerperspektive!

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