Spielball aller Winde

Und dann bin ich auch wieder im Wind gelandet. Im April war ich bei einem orkanischen Sturm auf dem indischen Ozean und wir waren ein Spielball der Winde, ausgeliefert und trotzdem: Mit Kraft und Geschicklichkeit durch gesegelt und mit unserem Schiff voran geflogen.

Dann war es ein paar Wochen still. Und jetzt hat er mich wieder. Gleich bei der Überfahrt nach Jersey bliess es ordentlich und die Fähre schaukelte intensiv. Alle Fahrzeuge mussten mit kleinen Blöcken gesichert werden, keiner der Passagiere lief auf dem Deck herum. Die meisten von uns schlossen die Augen und liessen sich schaukeln und redeten es sich ein: Dass der Wind schön ist und zum Kanal zwischen Frankreich und Grossbritannien gehört.

Kaum gelandet auf der kleinen Insel im grossen Meer ging es los, heute mit einer Spitze von 73 km/h. Mich macht Wind glücklich. Ich liebe es, wenn er an mir zieht, mich bewegt innen und aussen und fest durchbläst. Ein bisschen ist das symbolisch: Der Wind reisst ab, was nicht fest angebunden ist. Auch von uns. Kaum ein Wetterphänomen kann das so gut wie der Wind: Die Führung übernehmen und machen was er will. Man kann und muss sich hingeben und die Kontrolle abgeben.

Unvergleichlich so ein Augenblick: Wenn man da steht und den Wind spielen lässt. Ich kann mich mit dem ganzen Körper nach vorne hängen und dennoch wird er mich aufrecht stehen lassen wenn ich im Gegenwind stehe.

Ich erinnere mich an meinen nordischen Adler, der hier vor neun Jahren seine Rede auf Grosnez Cliffs hielt: Er schrie fast, hatte sich halbnackt in den eiskalten Nordwind gestellt. Acht lange Minuten war seine Rede. Am Ende konnte ich kaum mehr die Kamera halten, so sehr fror ich.

Und die wuselige herrliche Adlerin der Lebensfreude, mit der ich im vergangenen Jahr am windigen Strand tanzte. Die Wolken flitzten über unseren Köpfen, wir feierten das Leben, lachten, sie rannte und schlug Kapriolen. Der ganz ganz strenge Westwind hat uns damals gepackt und mitgerissen in die Euphorie.

Dann habe ich vor einigen Jahren auch noch einen sehr speziellen Wind erlebt, der viele Touristen früher oder später in den Wahnsinn treiben will: Der Mistral. Obwohl der Mistral mit seiner Kraft und Unberechenbarkeit die Provence oft herausfordert, verleiht er dieser einzigartigen Region auch eine unverwechselbare Magie. Er formt die Landschaft, lässt die Pflanzen und die Architektur im Wind tanzen und schenkt den Menschen klare, strahlende Tage. Der Mistral ist mehr als nur ein Wind – er ist ein Symbol der ungezähmten Natur und ein treuer Begleiter des provenzalischen Lebens. Wer ihn einmal erlebt hat, wird ihn nie vergessen, denn er ist Teil des faszinierenden Rhythmus, der die Provence zu dem macht, was sie ist: wild, wunderschön und voller Leben.

Vor sehr vielen Jahren habe ich einmal einen Wind erlebt, der uns in „Windeseile“ von der Umwelt abgeschnitten hat. Damals lebten wir nahe Boston/USA und eines Tages erlebten wir einen spektakulären Wind: Einen Blizzard.

Ein Blizzard ist ein extrem starker Schneesturm mit viel Schnee, viel Wind und sehr schlechter Sicht, der hauptsächlich in Nordamerika vorkommt. Damit es ein Blizzard ist, muss der Sturm bestimmte Bedingungen erfüllen: sehr starker Wind (mehr als 56 km/h), heftiger Schneefall, der die Sicht auf unter 400 Meter reduziert, und das Ganze muss mindestens drei Stunden lang andauern. Ein Blizzard kann das Leben auf der Straße und in den Städten zum Stillstand bringen, Stromausfälle verursachen und ist gefährlich, weil man sich im Schnee kaum noch orientieren kann. Wie herrlich war dieser Wind! Wir sassen bequem am Kamin und es fegte um unser Haus herum. Am liebsten wäre ich rausgerannt und hätte es vollständig aufgesaugt dieses Erlebnis.

Ein paar Jahre später hatte ich einen wundervollen Coachee, der mich einmal bat, am Urner See anzuhalten und wir stellten uns mit weit aufgerissenen Jacken in den Wind und hofften, wir würden losfliegen. Ein Moment für die Ewigkeit.

Ach, ich liebe den Wind. Hier auf Jersey kann ich ihm intensiv begegnen und jeden Tag verschlägt er mir die Sprache, verteilt meine ungesagten Worte überall auf der Insel und macht mich leer und glücklich.

La vie et le vent sont beaux ! Das Leben ! Und der Wind – sind schön.

Vom Leseglück

Durch Zufall bin ich in der charmanten Stadt Graz gelandet. Eigentlich nur deswegen, weil es nach einem Seminar, das ich letzte Woche besucht habe, eine weitere Nacht anhängen musste, mangels Flügen in meinen Heimatort. So schlenderte ich also durch diese schöne Stadt und war schnell verzaubert.

Graz ist die Hauptstadt des südösterreichischen Bundeslandes Steiermark. Der Hauptplatz bildet das Kernstück der mittelalterlichen Altstadt. Die umliegenden schmalen Gassen mit Gebäuden im Renaissance- und Barockstil sind von Geschäften und Restaurants gesäumt. Eine Seilbahn fährt den Schlossberg, den Hausberg der Stadt, zum jahrhundertealten Uhrturm hinauf.

Und gleich „hatten mich die Österreicher wieder“. Mit dem schönen Singsang und ihrer liebenswürdigen und gastfreundlichen Art haben sie mich von Anfang an verbal umarmt. Gleich nach dem Einchecken in ein herrliches Hotel also lief ich über eine der zahlreichen Brücken über die Mur direkt in die Altstadt. Es war Sonntag und trotzdem sehr viel los. In den vielen Strassencafes sassen schöne Menschen, tranken einen kurzen oder langen Braunen und genossen Kuchen und Mehlspeisen und schwatzten ausgiebig. Wie schnell fühlte ich mich hier willkommen!

Ich sah mir die Gebäude an, sass eine Weile bei meinem geistigen Freund im schönen Dom und trank schliesslich auch einen langen Braunen. Und dann kam ich zum Hauptplatz, dem Kern der Altstadt. Wie sehr hat es mich gefreut dass die Grazer noch lesen! Und nicht nur das – Sie sitzen zusammen auf grossen Sitzkissen und in Hängematten oder auch aufrechten Stühlen, greifen sich ein Buch aus dem Regal und lesen los. Zum Teil alleine, zum Teil einander vorlesend verschlangen sie die Dichtungen, lasen genüsslich oder waren erstaunt über das, was sie hier fanden. Ich war total beglückt! Menschen, die lesen statt in ihre Handies zu schauen!

Natürlich griff ich auch gerne zu und stöberte, allerdings ohne besonders fündig zu werden. Aber was ich mochte: Wie die Menschen da vor den Regalen standen. Den Blick schweifen liessen, diesen oder jenen Titel heraus zogen, blätterten. Ich beobachtete sie genau: Wann und von was sie sich fangen liessen. Wie gerne hätte ich mein Buch, leider noch unveröffentlicht, dazu gestellt und verschenkt für jemanden, der es finden und dessen Leben es bereichern könnte.

Ich genoss die Szenerie und liess in meinem Geist die Bücher Revue passieren, die mich in den letzten Jahren verzaubert und bewegt hatten. Wie lange habe ich keine Buchempfehlung mehr ausgesprochen? Das möchte ich heute nachholen. Dazu werde ich nicht die vielen wunderbaren Serien von französischen Krimis auflisten, denen ich verfallen bin. Sondern die Perlen und Juwelen. Die Bücher, die einen Nachhall bei mir hatten, bei denen ich unglücklich war, als sie zuende gelesen waren. Einige, bei denen ich direkt nochmals anfangen musste von vorne, vom ersten Satz. Denn wenn ein Buch gut ist, dann verschlinge ich es manchmal ohne zu atmen. Und dann muss ich es nochmals lesen, von Anfang an und jeden Satz in mir resonieren lassen.

Hier also sind meine Top 5. Gerne empfange ich hier auch Eure Empfehlungen!

  1. Für immer meine 1: Das Parfüm. Von Patrick Süskind
  2. Ganz schnell danach, eigentlich eine zweite 1 weil es so ein grandioses Buch ist: Die Hütte. Von William Paul Young.
  3. Sten Nadolny: Das Glück des Zauberers
  4. Nina George: Das Lavendelzimmer. Und gleich danach den zweiten Band: Südlichter
  5. Alex Capus: Königskinder

Natürlich ist das unfair, weil ich eine Vielleserin bin und gerade in diesem Jahr so unglaublich gute neue Autoren und Bücher entdeckt habe. Aber ja, man muss eben manchmal Prioritäten setzen. Jedes der angegebenen Bücher hat mich verzaubert, vier davon wegen der grandiosen Sprach-Virtuosität und eines wegen seines revolutionär grossartigen Inhalts.

Bücher zu lesen verlängert das Leben. In einer Yale Studie ist nachgewiesen, dass Lesen das Gehirn Kapriolen machen lässt die es trainiert, dass es entspannt, gegen Depressionen wirkt und die geistige Achtsamkeit unterstützt. Mich macht es einfach nur glücklich. Ich verspreche hochheilig, mein Buch so zu vollenden, dass es einmal auf einer solchen Liste zu stehen würdig wird. Es heisst: Der Sprung. Und bald, bald, bald werde ich es finalisieren.


So lange gilt es das Leben zu geniessen!

Denn: Hatte ich es schon erwähnt?

La vie est belle – Das Leben ist schön.

Zeitreise

In der vergangenen Woche habe ich unheimlich viele Parallelen gefunden zum alten und neuen Leben und vielleicht auch Hinweise auf das was kommt und bleibt. Wenn man sich langsam bewegt und zudem Zeit hat, den Gedanken in Ruhe nachzugehen, dann erscheint irgendwann ein roter Faden, man sieht Eckpunkte des eigenen Lebens, die richtungsweisend waren und Synchronizitäten von Ereignissen und Begegnungen, die in unterschiedlichen Zeiten und Menschen stattgefunden haben. Was für ein Reichtum kann sich dann zeigen!

So habe ich sehr viele Stunden auf der Weide zwischen den Pferden gelegen, die kauend um mich herum schlenderten, ab und zu mal einen Liebesbeweis bei mir liessen und dann weiter zogen. Im schönen grossen Esperito erkannte ich eine Zwillingsseele meines vor zehn Jahren verstorbenen Pferdes. Es war seine fast gleiche Art, wie er sich mir näherte, mich von hinten anschubbste während ich ihn führte und die Art, wie er mich in seinen langen Hals einwickelte.

Mit übervollem Herzen habe ich schliesslich die wunderschöne Ardeche und meine lieben Freunde verlassen. Angereichert mit so vielem Neuem, dass ich satt und glücklich die Weiterreise antreten konnte.

Und auch auf der Reise zurück in die Schweiz – für einen einzigen Tag – fuhr ich an meinem alten Leben vorbei. In Genf erinnerte ich mich an einen obsessiven Coachee, mit dem ich einmal von dort nach Jersey flog. In Avenches kamen mir Bilder von der Prüfung, die mein Pferd damals vor 30 Jahren als junger stolzer Hengst noch absolvierte und dafür seinen Schweizer Brand bekam. In Bern-Forsthaus dachte ich an die irrsinnige Situation, als wir – ich hochschwanger und mit galoppierenden Wehen an der falschen Ausfahrt herausfuhren und drei Stunden später unseren kleinen ersten Sohn in den Armen hielten. In Bern-Grauholz hielt ich zum Tanken und schmunzelte. Vor so vielen Jahren hatte sich eben dieses Goldkind in den nagelneuen Sportwagen meines damaligen Ehemanns erbrochen. Wir putzen das Auto dort, es stank gewaltig und wir kämpften beide mit dem eigenen Brechreiz.

So ging es weiter, die ganze Reise durch die Schweiz. Überall waren Erinnerungen und ich lächelte und es machte mich nachdenklich, manchmal traurig, meistens glücklich. Mir scheint die Schweiz ist geschrumpft, weil sie so voll besetzt mit meinen Bildern ist. Vielleicht soll das Leben ja auch so sein: Ein Bilderbuch mit Flashbacks. Ein schönes Rund, das voll gesammelt ist mit Wertvollem.

Reisen ist auch das: Überraschende Bilder sammeln. Gefühle konservieren. Das Herz in Bewegung setzen, Neues finden. Zu Altem dazu fügen damit sich ein Muster entwickeln kann, das einmal vom Leben erzählt.

Angekommen bei meiner Freundin empfing mich eine lange herzhafte Umarmung. Und auch das ist Reisen: Zurück kommen und willkommen sein, das Neue mit dem Alten verstricken. Und dann wieder weiter ziehen auf dieser herrlich hungrigen Reise, auf der sich die Köstlichkeiten sammeln.

Bei meiner Freundin Carina im Gästezimmer habe ich bei Abreise einen Kalenderspruch gelesen: Wer schöne Erinnerungen hat, lebt doppelt.

Ich glaube, ich habe sieben Leben.

Ach, hatte ich es schon erwähnt?

La vie est belle – Das Leben ist schön.

Verweile doch…

Kennst Du das auch: Dass es Momente gibt, in denen man die Zeit anhalten will? In den vergangenen 8 Monaten gab es unendlich viele solche Momente. Wenn ich zurück blicke dann sehe ich mich in Sri Lanka in der Lagune liegen am Morgen und vom indischen Ozean umarmt werden. Sehe mich auf Bali nachdenklich aufs Meer schauen, während einzelne Sätze in mich eintropfen und mein Buch sich von alleine schreibt. Auf Lombok morgens meine Bahnen schwimmen mit dem Blick auf den blaublauen Himmel und die einzelnen Palmen, die sich hinunter neigten. Und ich sehe mich angegurtet und voller Adrenalin auf dem Segelschiff stehen und den tosenden Wind um uns herum, der jede Sekunde kostbar macht. Sehe mich in Oman in die rote Wüste starren und den Duft der Kamele einatmen. Sehe mich in der Bretagne die ersten Schritte an den weiten Strand in Cleder machen und staunen. Auf Jersey in den eiskalten Atlantik springen oder auf den Klippen in Grosnez liegen und meine Adlergeschichten repetieren. Mit meiner Schwester im Touristenschiff unter der Towerbridge cruisen. In Frankfurt, nahe dem Städelschen Kunstinstitut meinem Bruder köstlich lange lauschen. Eine Umarmung mit meinem alten lieben Freund, dem Smaragd, geniessen. Meine Söhne und meine Lieblingsmenschen drücken nach langer Reise im Zwischenhalt der Schweiz. Und schliesslich in der Ardeche ankommen, den weiten Blick über die Hügel, den blauen Himmel, den Atem mit den Pferden und dem weissen Hund und die Begegnungen mit meinen Freunden wertschätzen.

Und schon reihen sich neue Augenblicke dazu, die die Zeit anhalten hätten sollen. Nach achtzehn Jahren meiner Lebensliebe für fast zwei Stunden am Telefon begegnen, ach das war ein kostbarer, tief liebender Moment. Und die Tage danach, in Erinnerungen schwelgen. Im Garten die Zwetschgen abnehmen und sich ab und zu eine in den Mund stecken und das süsse Aroma schmecken. Und auf dem Quad im wilden Tempo über hügelige trockene Weiden düsen. Abends mit meinem Smaragdfreund gemeinsam „Die Hütte“ lesen, darüber sprechen und einander nah sein wie lange nicht. Und am nächsten Morgen mit dem Tee auf der Terrasse sitzen, während der Hund zu meinen Füssen vertrauensvoll sitzt und wir schauen beide in die Landschaft und denken: Wie schön.

Goethe hat einmal in seinem Faust geschrieben: „Und sag ich doch zum Augenblicke: Verweile doch, Du bist so schön“. Leider geht das Stück – Faust 1 – nicht so weiter, wie ich es hier proklamiere. Während Goethe die Gunst des Augenblicks da nicht festhalten möchte – tue ich es durchaus.

Die ganze letzte Woche war durchtränkt von Liebe und einem sanften und tiefen Sicheinlassenkönnen. Hingabe.

Hingabe – dieser Begriff löst bei so vielen Menschen unwillkürlich Unbehagen aus. Die Vorstellung von Hingabe wird häufig verbunden mit Auslieferung, ja Kapitulation. Als käme man mit einer weissen Fahne aus einem Versteck und müsste sich auf Gedeih und Verderb einem fremden Diktat oder Zwang unterwerfen. In diesem Sinn aktiviert die Vorstellung von Hingabe eine Urangst, die viele Menschen kennen: die Angst vor Auflösung, die Angst, dass nichts mehr von einem übrig bleibt.

Dabei ist es doch ganz anders: Hingabe beschreibt einen Vorgang, der mit höchster Achtsamkeit verbunden ist.
In diesem Sinne verstehe ich Hingabe als einen Akt der vollständigen Überantwortung an das Leben, als eine Einwilligung in das Leben. Wenn wir uns hingeben, löst sich unsere Ego-Bezogenheit langsam auf, nicht aber unsere Intelligenz, unser Unterscheidungsvermögen, unsere Stärke. Hingabe bedeutet, uns dem Leben gegenüber voller Vertrauen, nackt und schutzlos zu präsentieren. Eine solch offene Haltung ermöglicht es uns, alle Bedingungen des Augenblicks mit einzubeziehen.

Der große Gegenspieler der Hingabe ist die Angst. Niemand sagt das so schön und eindringlich wie Hermann Hesse in seiner Geschichte: „Klein und Wagner“:
„In Wirklichkeit gab es nur eines, vor dem man Angst hatte: das Sich-fallen-Lassen, den Schritt in das Ungewisse ­hinaus, den kleinen Schritt hinweg über all die Versicherungen, die es gab. Und wer sich einmal, ein einziges Mal hingegeben hatte, wer einmal das grosse Vertrauen geübt und sich dem Schicksal anvertraut hatte, der war befreit. Er gehorchte nicht mehr den Erdgesetzen, er war in den Weltraum gefallen und schwang im Reigen der Gestirne mit. So war das. Es war so einfach, jedes Kind konnte das verstehen, konnte das wissen.“

Was hat mir also die letzte Woche einmal mehr immer deutlicher und klarer und schärfer und zarter gezeigt? Dass mit der Hingabe jeder Moment kostbar ist, unwiderruflich. Dass das im Moment, der Gegenwart sein, etwas Magisches hat. Dass es nur um das geht. Ums ganz und gar da sein. Wie herrlich sich das Leben dann leben lässt!

Ich sammle die Schätze der letzten Woche ein und bade im Glück, der Nähe, der Liebe, der Schönheit.

Was für ein Jahr!

Worte genügen nicht zu beschreiben, wie kostbar dieses Jahr ist!

Schon der letzte Satz meiner Blogs macht es deutlich, aber ich könnte es tatsächlich jeden Tag laut raus in die Welt jubeln:

Das Leben ist schön – La vie est belle!

Menschliche Wärme

Ich könnte jetzt sagen in der letzten Woche hatte ich keine besondere Begegnung. Aber das wäre gelogen, weil ich doch jeden Tag Beat und Carina begegnet bin. Also wirklich: Begegnet. Denn wir haben Aufmerksamkeit füreinander. Sind immer wohlwollend und interessiert und neugierig und jeden Tag passiert etwas Neues, offenbart sich eine weitere Ge-schichte (im Sinn von vielen Schichten, die sich entfalten). Und dann sind da noch dieser weise weisse Wolf namens Aya, die frechen Katzen Ludilu und Ricola. Und die Pferde, natürlich.

Aber da sind auch: Die charmante Postbotin, die mir Samstag ein kleines Paket brachte. Der dünne schlacksige und lustige Claude, der seine Waren in einem winzigen rollenden Einkaufswagen in die entfernten Orte bringt. Der feinsinnige Remi, der seine magischen Hände über unsere Körper massierend bewegt. Die schönen schönen Menschen auf dem Markt in St.Felice. Die rotbackige Lady, die uns in der Bäckerei die köstlichen Croissants verkauft. Die aparte Dame im Antiquitätenladen, die zärtlich die kleinen Juwelen einpackt, die Carina gefunden hat.

Nach acht Monaten ziehe ich das erste mal Revue. Wo habe ich die schönsten Menschen gesehen? Alle sind hier im Blog verewigt, der zarte Duminda in Sri Lanka, die schönen Begegnungen in Bali, Nova auf Lombok, den Seebär und meine Segelfreunde durch den Indischen Ozean. Olivier und Valerie in der Bretagne, Ida und Richard, George und Harriet auf Jersey. Meine Liebsten in Deutschland und der Schweiz. Und jetzt also: Die Franzosen in der Archeche. Ich bin geneigt zu sagen, dass ich nirgends so viele wertvolle Begegnungen hatte wie hier.Weil alleine das Beobachten so köstlich ist. Auf dem Markt in St.Felice sah ich sie überall und genoss ihre Präsenz, die obligatorischen drei Küsse auf die Wangen, die ich beobachtete – nicht wie früher in der kühlen Schweiz Luftküsse – ganz im Gegenteil: Dicke Schmatzer und echte Umarmungen. Und überall: Freude sich zu treffen, freundliches Miteinander.

Und dann sitzen sie schnell beisammen auf dem Marktplatz, auf einen Pastis oder ein kühles Glas Rose und Pierre sitzt mit seiner Gitarre und singt französische Chansons. Bei „Oh Champs Elysee“ singen sie alle mit, klatschen begeistert, feiern ihr Leben. Das ist:

Savoir Vivre

Die Kunst, das Leben zu geniessen!

Hier geht das noch: Im heissen Department in der Rhone Gegend. Menschen rücken zusammen. Sind freundlich und liebevoll und schauen einander an. Nirgends sonst auf meiner Reise habe ich so wenige Handys gesehen. Und so viel echte menschliche Begegnungen. Ähnlich wie meine französischen Lieblinge, die Bretonen, und doch ganz anders. Irgendwie noch wärmer, noch echter und noch berührbarer.Frankreich ist wunderbar.

Nur: ich bewege mich natürlich in einer Seifenblase. An den feinen und ländlichen Orten, weg von der Zivilisation, von den Städten, den sozialen Brennpunkten, den politischen Bewegungen. Das war überall so. Ob es nun die singalesischen und indonesischen Kreise waren, die Wüstenkinder im Oman, die glücklichen Menschen in der Bretagne und auf Jersey. Oder hier, die Community aus fröhlichen, einfachen Menschen in der Ardeche: Es sind alles Menschen ausserhalb der grossen globalen Probleme.

Das Gute ist: Es gibt sie noch die schönen Menschen. Und dieses köstliche Jahr ist voll davon. Noch habe ich ein weiteres Drittel. Meine Reise wird mich noch nach Irland bringen, nach Schottland, in die keltische und mystische Welt. Wie ich es geniesse, die Edelsteine einzusammeln, die mir – und meinen Lesern – immer zeigen können: Menschen sind wunderbar. Vermutlich überall. Aber man muss auch Zeit haben, sie wahrzunehmen.

Und, was ich ja immer schon sage:

La vie est belle – Das Leben ist schön.

Harissa

Sie hat mich ausgesucht. So geht das bei den Pferden. Niemals sucht ein Mensch das Pferd aus. Würde er es tun, dann würde es schief gehen. Ähnlich wie bei uns Menschenpaaren gibt es solche, die sich vom schönen Schein blenden lassen. Das ist jedem schon passiert. Und wir haben es alle bereut, nicht wahr?

Nun aber zurück zu diesem ganz speziellen Exemplar von Pferd. Sie ist eine eher robust gebaute Schönheit mit einem herben, eigensinnigen Charme. Es gibt weitaus elegantere und anschmiegsamere Stuten in der Herde, aber Harissa hat: Charakter. Seit einigen Wochen ist sie verliebt. In einen schönen stolzen Wallach, der neu in die Herde kam und der ihr nun nicht mehr von der Seite weicht. Sie sind beide total in Love. Aber Harissa gibt deswegen ihre Eigenarten nicht auf, sie bleibt sich treu.

So auch bei unserer ersten Begegnung. Sie verbindet sich mit meiner Energie und wir gehen in einen schönen Moment miteinander. Zwei Stuten, die sich beschnuppern, nur das ich eben auf zwei Beinen stehe. Wir haben Zeit uns kennenzulernen und nähern uns zaghaft an, sind aber bald einig, dass wir uns mögen. Und jetzt kommt auch der stolze Herr an ihrer Seite, der wissen will, mit wem Harissa jetzt ins Schmusen kommt. Sie spürt ihn kommen, legt die Ohren an und fletscht die Lippen. Er versteht das sofort und wendet sich schnell ab. Harissa hat ihren Raum verteidigt, den sie gerade mit mir teilt. Ich schmunzle. Ich habe die Botschaft verstanden: Harissa ist nicht blind vor Liebe und gibt alles her, was sie hat. Sie nimmt sich ihren Platz, will alleine in Verbindung gehen und verzichtet dafür einen Moment auf ihren Paartanz, den sie nach unserer Begegnung fortsetzt.

Harissa hat auch eine Geschichte. Irgendwann einmal ist das Halfter gerissen, das sie, in noch anderen Menschenhänden, als junges Pferd trug. Der starke Gurt schnitt ihr in Gesicht und Hals. Seitdem will sie nicht mehr „gezäumt“ werden. Sie hat eben ihren eigenen Kopf.

Als Herdentiere leben Pferde in einer hierarchischen Sozialstruktur und verfügen über einen ausgeprägten Fluchtinstinkt. Sie leben absolut im Augenblick. Sie überprüfen jede Sekunde aufs Neue die Situation und entscheiden, ob sie flüchten, Schutz suchen oder die Lage als neutral bewerten.

Mit dieser hochsensiblen Aufmerksamkeit und Wahrnehmung begegnen sie auch den Menschen. Mit ihrer feinen und ausgeprägten Intuition reagieren sie ohne Zögern auf deren Gefühle, das Verhalten und die Körpersprache. Sie sind total ehrlich und reagieren auf das, was gerade ist bei dem Menschen. Sie spiegeln uns und unsere Persönlichkeit kompromisslos.

In den vergangenen Tagen habe ich auch mit den anderen Pferden der Herde Kontakt aufgenommen – oder sie mit mir. Aber es war klar – Harissa und ich sind die Seelenverwandten. Ich schmunzle, wenn ich sie betrachte. Schon von unserer ersten Begegnung habe ich viel gelernt, jetzt zeigt sie mir Nuancen der selben Lektion:

Es ist okay seinen Raum zu verteidigen, auch wenn man noch so himmelhochjauchzend verliebt ist.

Es ist völlig natürlich dem Partner Nähe und Führung zu überlassen, oder diese zu übernehmen wenn es wieder ans Tanzen geht.

Es ist schön und entspannend, sich auszuruhen wenn ein anderer in dieser Zeit wacht.

Jeden Tag entscheiden die Pferde neu, ob sie in Verbindung gehen möchten. Das ist vor allem hier bei Carina und Beat möglich, weil die Pferde frei und auf einem Trail unterwegs sind. In einem für die Pferde natürlichen Lebensraum. Ohne „Tüttel-i-Tüü“ so wie ich es aus den diversen Pensionsställen kenne, in denen ich mein Pferd gehalten habe.

Hier sehen uns die Zauberwesen, kommen für Futter oder die Fliegenmasken, eine Streicheleinheit oder ein ausgiebiges genüssliches Kratzen zu uns. Manchmal drehen sie uns das Hinterteil zu und jetzt müssen wir erkennen: Sie wollen nicht ausschlagen, sie wollen, dass wir ihnen die Pobacken kratzen, weil die Insekten sie da gebissen haben und sie nicht gut dran kommen. Oder sie kommen kurz, schauen was es gibt und schlendern dann weiter, was heisst: Ich habe heute keine Lust auf Dich Zweibeiner. Und dann gibt es solche wie Habibi, die nicht genug küssen und kuscheln kann und manchmal vergisst, dass sie das Fünffache von uns wiegt. Jeden Tag ist jede Begegnung neu. Und immer wieder wird neu entschieden ob – und wie – wir uns begegnen.


Was für eine Bereicherung diese Zeit hier mit der Herde. Ich bin wirklich sehr beschenkt.

La vie est belle – Das Leben ist schön.

Jenseits der Komfortzone

Was für ein Glück, dass ich diese beiden Perlen wieder gefunden habe. Vor etwa 15 Jahren lernte ich dieses schöne Paar kennen und endlich hatte ich Zeit, sie in ihrem neuen Zuhause in der Ardèche zu besuchen. Da sie zwei ganz besonders wertvolle Menschen sind, erzähle ich gerne ihre Geschichte.

Carina wurde in der Ostschweiz geboren und war schon als Kind: Wild, ungezähmt, neugierig und lebensfroh. Als sie einmal als 4jähriges kleines Mädchen für die Mama schnell etwas zum Kochen fürs Mittagessen holen gehen soll im nahen Lädeli, bleibt sie auf dem Weg dahin stecken. Sie sieht die Giesskannen in den Gärten der Nachbarn und beschliesst erstmal alle Blümchen zu giessen (etwas das sie im übertragenen Sinn ein Leben lang tun wird) und mit den Nachbarn zu plaudern. Sie bekommt allerlei Schleckzeug angeboten, scherzt und lacht mit den Leuten, spricht gerne über dies und das und kommt erst wieder zuhause an, als das Mittagessen lange vorbei ist.

So bleibt sie auch als junge Frau, will immer in die grosse weite Welt, ist auf der Suche nach neuen Sensationen, spielt sich durchs Leben, hat mehrere Glücksfälle, die ihr den Weg weisen. Sie beschliesst gerne selbst, was für sie richtig ist, lässt sich nicht einengen, hat keine Lust auf Vitamin B und noch weniger auf vernünftige Lösungen. Die Halbwertzeit in ihrer beruflichen Karriere ist auf drei Jahre limitiert, spätestens dann wird es ihr langweilig. Routine ist ihr verhasst, sie will Herausforderungen, das ganze Leben, das ganze Bild, den ganzen Spass. Auch in ihren Liebesbeziehungen macht sie einen Spagat von todlangweilig bis obsessiv.

In ihrer traumwandlerischen Leichtigkeit findet sie bald ihren Weg. Von der Biolaborantin über den Verkauf im Aussendienst und dann in der Kommunikation wandert sie durch die MedTech Branche. Bildet sich weiter, wird bald ein PR Crack – Reden kann sie! Schreiben auch! Kommunikation ist alles! Sie arbeitet im Krisenmanagement und in diversen Challenges in der Pharmazie und der Medizinischen Technikwelt. Die Karriere ist steil und Carina bald eine begehrte PR- und Kommunikationschefin.

Trotzdem träumt sie: Von einem Studium der schönen Geisteswissenschaften an der Sorbonne in Paris. Schliesslich schafft sie auch das: Sie lernt ihren liebsten Mann Beat (Liebe auf den allerersten Blick) in einem der zahllosen Unternehmen kennen, in dem sie arbeitet. Nach etlichen Jahren herrlicher Partnerschaft geht es schliesslich nach Paris, Beat kann europäisch arbeiten. Hier wird geheiratet. Für Carina heisst das: Im knallroten Kleid mit lautem Lachen und grossem Glück.

Die Arbeit von Beat bringt die beiden nach California. Weil Carina eine passionierte Reiterin ist , sucht sie einen Pferdeflüsterer und macht ein Seminar beim legendären Monty Roberts „Riding with Respect“. Am Tag, als sie ihr Trainingspferd bekommt verliebt sie sich unsterblich in Magic, ihr Seelenpferd. 10 weitere Monate wird Carina mit Monty arbeiten und sich in Horsemanship und Equine Assisted Psychotherapy ausbilden lassen.

Dann geht es für die beiden 6 Jahren nach Singapore, mit Magic. Sie reisen, sie leben auf einer herrlichen Farm in Malaysia, Beat arbeitet in ganz Südostasien, sie verlieren sich nicht, sie bleiben das Powerpaar. Als sie schliesslich nach Europa zurück kehren, suchen sie einen Platz, an dem sie bleiben und leben wollen und eine Oase erschaffen können.

Nach vielen Irrungen und Wirrungen (gerade geht kein Weg für Carina, sie schaut lieber auch mal in fremde Gärten, wie als Kind) finden sie dieses herrliche Anwesen in der Ardèche. Hier haben sie einen fantastischen Ort erschaffen, an dem sie mit einer inzwischen gewachsenen Pferdeschar, Hunden und Katzen leben. Das Gästehaus und die vielen Menschen, die die Pferdetherapie suchen, finden hier ihren Platz, die Vierbeiner auf der Rentnerwiese versüssen jeden Tag. Carina ist glücklich. Und immer noch verliebt ins Leben. Was für ein Vergnügen, sie zu kennen.

Beat wird in Luzern geboren, auf einem Bauernhof und mit mehreren Geschwistern. Als Kind tobt er durch die Wälder, hat viel Schabernack im Kopf, ist jung und wild und sportlich frisch. Als Fünfjähriger fällt er einmal von einem Sofa und bohrt sich einen Schraubenzieher durch die Lippe, weil er ihn nicht loslässt. Er schraubt gerne alles auseinander und setzt es wieder zusammen. Als Siebenjähriger versetzt ihm das Radio, das er auseinander nehmen will, einen Elektroschock. Seine Leidenschaft ist entfacht, Mechanik und Elektronik werden sein Steckenpferd. Er frisiert auf dem Bauernhof als Freiluftwerkstatt seins und die Töffli der Kollegen, hat viele Freunde und noch mehr Flausen im Kopf.

Schliesslich lernt er Radio und TV Elektroniker. Zieht anschliessend in seinen beruflichen Wanderjahren durch die Schweiz, baut HiFi Anlagen in Ferraris ein, wird Werkstattleiter einer mechanischen Werkstatt, bildet sich weiter, gerät schliesslich in die Pharmazie Branche. Da trifft ihn eines Tages ein anderer Schlag: Blitzliebe mit Carina.

Trotzdem erfüllt er sich noch einen Traum: Fährt mit dem Fahrrad durch Europa und dann durch Südamerika. Und dann geht er steil. Er findet eine Anstellung als Serviceleiter in der MedTech Branche, in den nächsten 23 Jahren wird er dort immer weiter die Karriereleiter nach oben steigen. Ein Selfmademan, ein Multitalent. Und jetzt kommen auch noch das MBA dazu, die Strategieplanung, die internationalen Standorte, diverse Sprachen. Schliesslich geht er geschmeidig in immer grössere Verantwortungen. Singapore ist das letzte grosse Engagement, danach sucht er neue Wege, probiert einige aus, verwirft ein paar falsche Wege.

Irgendwann erkennt er: Er will die internationale Bühne verlassen und ein Zuhause für sich und Carina schaffen. Sie kaufen das Anwesen in der Ardèche. Beat bastelt und renoviert, installiert 15 km Weidezaun. Legt mit Carina einen Trail für die Pferde an, ist selbst inzwischen mit dem Pferdevirus infiziert, sie wachsen noch näher zusammen. Sie leben in der Natur. Sie leben in der „Transition“ Bewegung und seine jahrzehntelange fachliche Expertise lässt Beat kritisch auf die Pandemiezeit schauen. Er ist engagiert und mutig und will friedliche Veränderungsprozesse im Innen und Aussen anstossen und begleiten.

Diese beiden wunderbaren Menschen sind Idealisten, kluge Köpfe und inspirierende Denker und Gesprächspartner. Sie erschaffen jeden Tag einen Raum, in dem es sich gut leben und entspannen lässt. Sie haben den grossen, sehr grossen Sprung aus der vermeintlichen Komfortzone gewagt und die Magie, das Leben und einen neuen Raum gefunden. Was für ein Glück für mich, dass ich hier sein darf. Ich bleibe noch ein bisschen!

Denn: La vie est belle – Das Leben (vor allem dieses hier) ist schön.

Von den alten Sorten

Ich habe ein seltenes Juwel in der Schatzkiste meines Lebens. Nein, nicht nur eins. Aber über dieses möchte ich hier schreiben, weil es gerade einmal wieder in meiner Hand lag und ich es bestaunen konnte. Es glänzt betörend grün wie ein Smaragd.

«In den schwebenden Gärten des Smaragdes möchte man endlos lustwandeln und sich unablässig am phantasievollen, sich ständig ändernden Formenreichtum dieser Immergrüner Gewölbe ergötzen!»

Eduard Josef Gübelin

Mein Smaragd ist ein Freund aus Jugendtagen. Damals haben wir zusammen das Gymnasium besucht. Er war schon damals ein eigensinniger und aussergewöhnlicher Mensch. Attraktiv und streitbar, ein messerscharfer Geist und ein schönes feines Wesen.

Inzwischen sind über 43 Jahre vergangen und wir haben immer noch eine wertvolle Verbindung, die ein Geschenk der besonderen Art ist. Ich hatte nicht das Glück, mit einer Familie gesegnet zu sein, die mir Heimat und Ermutigung gewesen wäre und genau deshalb waren mir die gefundenen Freunde ein wichtiger Halt.

Anfangs verbanden wir uns aus Wunsch nach Gedanken und Handlungsfreiheit, wurden getragen aus Distanz und Impulsivität und der Faszination für die Erforschung abstrakter Ideen, geistiger Originalität und Individualität. Wir waren jung, wir hatten Kraft und wir wollten die Welt erobern. Vermutlich hat uns das niemand mehr zugetraut als wir uns gegenseitig.

Was uns wohl ausmacht: Wir haben an uns geglaubt und tun das ungebrochen auch nach vier Dekaden noch. Ich möchte sagen, wir hatten und haben einen Seelen Gleichklang.

Dafür gibt es einen schönen Namen: Resonanz.

Es kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: Widerhall. Wenn man sich einem anderen Menschen öffnen kann und über Gefühle und Gedanken spricht, die Raum im Anderen finden.

Dazu habe ich vor unendlich langer Zeit einmal ein Zitat gefunden:

Sich einem anderen öffnen können im Ozean des Lebens. Sich ausschütten bis Boden entsteht: Das wäre ein Boden zum Stehen.

Wir stehen immer noch, wenn auch mittlerweile etwas wackeliger auf den eigenen Beinen, aber der Boden hält. In diesem Zusammenhang sprachen wir die Tage über die „alten Sorten“. Und wie gut passt diese Analogie zu uns:

Es geht um Äpfel. Und das auch deswegen, weil mein Freund, das Juwel, ein schönes Grundstück besitzt, auf dem er eigenwillige Bäume, seltene Pflanzen und eine riesige Vielfalt an Insekten und Tierchen beherbergt. Hier „wandelt“ er und bestellt sein Stück Land mit Sachverstand und grosser Hingabe. Dort hat es alte Sorten Äpfel, die ihn als Nahrungsmittel durchs Jahr begleiten. Mein alter Freund ist klug und hat viel gelernt in seinem Leben. Aber hier, in seinem persönlichen Garten Eden, hat er die Dinge verstanden, die die Welt zusammen hält. Unermüdlich ist er dabei, die Welt zu be-greifen, zu gestalten und auch, dem Mysterium des Lebens zu begegnen, besser als irgendwo in seiner akademischen Welt.

Der Apfel hat wie keine andere Frucht Eingang in das Brauchtum und die Literatur früherer Kulturen gefunden. Er wird mit Begriffen wie Fruchtbarkeit, Liebe, Leben, aber auch mit dem Tod in Verbindung gebracht. Häufig trägt er wundersame, unerklärliche Kräfte in sich.

Keine andere Frucht kann sich in Bedeutung und Symbolik mit dem Apfel messen. Er ist eines der Basisprodukte unserer Ernährung seit dem Beginn der Kultivierung von Lebensmitteln. Das sagenumwobene Avalon deutet auch auf einen Zusammenhang mit Äpfeln hin: Es wurde im 12. Jahrhundert als die „Insula Pomorum“, die Apfelinsel, bezeichnet.

In der Genesis ist der Apfel das Symbol für die Bewusstseinswerdung des Menschen. Der Apfel galt als Frucht der Verlockung, als Frucht des Lebens, als Todesapfel. Er ist das Symbol der Erbsünde, aber in mittelalterlichen Abbildungen wird der Apfel in der Hand des Jesuskindes zum Symbol der Erlösung. Hiervon leitet sich auch die Bedeutung des „Weltenherrschers“ in Form des Reichsapfels ab, seit Kaiser Konstantin gehört dieser zu den Insignien der geistigen, himmlischen und weltlichen Macht.

Also ist mein alter Freund doch mehr als ein Juwel. Er ist der Hüter der alten Sorten von Äpfeln. Das gefällt mir: Auch nach vier Jahrzehnten reicht er mir ein aromareiches, überraschendes Stück Leben, das immer wieder neu genossen werden kann, das viel erzählt aus der alten Zeit, jedes Jahr neu gebildet wird und doch den köstlichen Geschmack eines gereiften Stückes Lebensmittel trägt.

Wenn man einen Freund hat wie ihn, ist das Leben immer noch ein Stück reicher.

Für heute lege ich den schönen Smaragd in meine innere Schatzkiste zurück. Was für ein Glück, dass er dort, unter weiteren Juwelen, gut aufgehoben und geschützt ist. Wir dürfen uns noch eine Weile länger geniessen.

La vie est belle – Das Leben ist schön.

In deinem Lächeln wohnt mein Glück

Am Wochenende habe ich mich verliebt. In zwei Paare. Beide waren und sind wunderbar. Das eine Paar ist sehr jung und trotzdem schon acht Jahre zusammen. Das andere Paar ist noch nicht lange verheiratet aber trotzdem ganz sicher eins: Füreinander bestimmt.

An beiden Paaren hat mir gefallen, dass die Frau eine feminine und feine Kraft hat und der Mann die liebevolle Führung übernimmt. Wie wunderbar die Polarität hier miteinander spielt. Ich konnte sehen wie der Mann die Stärke hatte und seine Frau sich genau deswegen anlehnen, fallen lassen und entspannen konnte. Wie wunderbar war das anzusehen.

Das erste Paar war in einem Coaching bei mir, um die Liebe zu verstärken und weiter wachsen zu lassen. Sie hatten keine Probleme, sie hatten einfach nur den Wunsch, das ohnehin schöne und starke Fundament weiter wachsen zu lassen. In den Übungen die sie machten, ergänzten sie sich wie zwei Puzzleteile, die ineinander passten. Eine bezaubernde Synchronizität.

Das zweite Paar fand sich zu einer Zeit, in der die Liebste sehr verwirrt war und ihren Weg fast verloren hatte. Er gab ihr Halt, glaubte an sie, stabilisierte sie und liebte sie genau deswegen: Weil sie sich gewagt hatte, sich verletzbar zu zeigen. Dieses Paar ist fast 15 Jahre älter als das Erste. Man spürt die Reife – aber auch die unbedingte Entschiedenheit, sich gegenseitig den Rücken zu stärken.

Ein schöner Satz: Nimm einen Partner an Deine Seite, der es Dir ermöglicht, die beste Version von Dir selbst zu sein.

Die beiden Paare waren ehrlich, offen, authentisch und vor allem: Zugewandt. Selten habe ich in kleinen selbstverständlichen Gesten so viel Zärtlichkeit füreinander gesehen. Ich war verliebt in diese wunderbaren Paarungen. Weil es so selten ist, weil sie so besonders sind, weil sie Hoffnung geben, dass es das noch gibt: Die echte Liebe.

Rückblickend auf meine vielen Jahre habe ich nur selten geliebt (allerdings einige Male mit grosser Tiefe). Meistens war ich nur ver-liebt und das ging dann auch sehr schnell wieder vorbei. Es war eben doch nicht kompatibel. Vor allem aber: Die Partner hatten auch eine Idee von mir, wie ich zu sein hatte. Das ging nie. Ich bin nicht immer die selbe und will es auch auf keinen Fall sein. Das Leben mit mir ist kein Puzzle sondern eine lange Welle. Auf und ab und auch ab und zu mal Kapriolen. Vor allem aber: Liebe, das musste immer frei sein. Und wurde oft sehr schnell ein Käfig. Wer würde eine Adlerin im Hühnerstall wollen? Und vor allem: Was sollte sie da wohl ausrichten?

Man sieht wenig Liebe, die so schön ist wie die der beiden Paare. Emily Dickinson hat geschrieben:

Manchmal mit dem Herzen, 
Selten mit der Seele, 
Kaum je mit Kraft. 
Wenige – lieben überhaupt. 


Ich kann nur appellieren, an jeden wunderbaren Leser meines Blogs: Weiter das Herz zu öffnen und darauf zu vertrauen, dass es noch Schönheiten gibt, die auf Dich warten. So lange können wir diese wunderbaren Menschen betrachten und wissen: Es gibt sie noch, die Liebe zu zweit.

La vie! – et l’amour! – est belle. Das Leben ist schön.

Ein ganzes halbes Jahr

Ich habe ein Faible für Menschen. Immer schon. Gerne erinnere ich mich an eine Zugfahrt als kleines Kind mit meiner Oma. Natürlich weiss ich nicht mehr warum und wohin wir fuhren. Aber an einem Bahnsteig sah ich aus dem Fenster und blickte auf riesige Menschenmassen (so schien es mir zumindest als kleines Mädchen) und schaute in viele fremde Gesichter. Als wir schliesslich nach dem Stop weiterfuhren wurde ich ganz still und traurig und meine Oma fragte mich, was denn plötzlich passiert sei. Ich sah sie an und weinte fast. So viele Menschen! Und ich könne sie doch gar niemals kennenlernen! Nicht nur, weil wir die fremde Stadt gerade verliessen, sondern vor allem weil ich doch in meinem Leben niemals Zeit dazu hätte! Und meine Oma sagte mir, ich wäre noch klein und solle mir keine Sorgen darum machen. Ich würde schon noch viele treffen und die könnte ich ja dann ausfragen. Hatte ich schon erwähnt, dass ich „Fragerin“ werden wollte, wenn ich gross bin? Ich war so neugierig, ich wollte einfach alle ausfragen. Keine kleinen Sachen, nicht den üblichen Smalltalk. Ich wollte etwas über ihre Geheimnisse erfahren, ihre Sehnsüchte, Träume und auch Sorgen.

Das Phänomen kenne ich immer noch. Wie gerne würde ich Lebensgeschichten protokollieren. So wie ich das im vergangenen letzten halben Jahr bisweilen getan haben. Wie viele spannende Menschen haben meinen Weg gekreuzt auf meinen Reisen! Wieviele Perlen durfte ich auflesen! Da fällt mir gerade Andrea aus Wien ein. Eine feine kleine Lady, die ich auf Bali traf und die mir, als ich mich verabschiedete eine schöne Karte mitgab, die sie mir geschrieben hatte: Sie schrieb ich sei eine „Menschenfischerin“. Zuerst habe ich das nicht verstanden. Dann erklärte sie mir: „Menschenfischer“ ist ein Begriff, der im Neuen Testament verwendet wird, um die Jünger Jesu zu beschreiben, die von Jesus berufen wurden, Menschen für das Reich Gottes zu gewinnen. Es ist eine metaphorische Bezeichnung, die auf die Fischfangpraxis der Jünger vor ihrer Berufung anspielt. Jesus fordert seine Jünger auf, anstatt Fische nun Menschen für ihn zu gewinnen.

Ich musste lächeln. Ich bin ja nicht missionarisch unterwegs. Aber doch, sie hat ein bisschen recht: Ich möchte gerne Menschen fischen. Aus dem Strom ihrer vielen Artgenossen heraus ziehen und ihre Schönheiten entdecken. Für was aber möchte ich sie gewinnen? Das Leben wieder zu umarmen, An das Gute zu glauben, das Schöne des Lebens zu sehen. Da erkenne ich nun doch meine Mission und ich denke an all die wunderbaren Menschen, die mir in diesem halben Jahr überall auf der Welt begegnet sind. Und schon erscheinen vor meinem inneren Auge die herrlichen Ladies am Strand in Sri Lanka, die mit mir die Ayurveda Kur durchgestanden haben. Die „Sirenen“, die singenden wunderbaren Menschen, denen ich auf Bali und Lombok begegnet bin. Die Einheimischen, also Duminda und Nova und Angga. Die seebärigen, fantastischen Mitsegler, die mit mir den Sturm auf dem indischen Ozean überstanden haben. Die wunderschönen omanischen Prinzen aus dem Morgenland, die mir vor allem mit ihrer samtigen Stimme beim Erzählen geschmeichelt haben. Und dann die Bretonen! Keine Franzosen, nein! – Bretonen! Charmant und eigensinnig und auf eine ganz eigene Weise schön. Und meine Lieblichkeiten auf Jersey, die Menschen, zu denen ich so gerne immer wieder zurück kehre.

Und auch in London habe ich einen spannenden Menschen getroffen. Es war mein Taxifahrer. Ein Aphgane, der als Neunjähriger geflüchtet war vor dem Krieg. Sein Weg führte über Iran, Türkei, Griechenland, Italien, Frankreich und schliesslich vor 24 Jahren nach Grossbritannien. So ganz nebenbei erzählte er, dass er sich unten an einem Lkw festgehalten habe, um in England ein neues Leben zu beginnen. Ein schöner und glücklicher und tiefer Mensch. Eine Geschichte, die mein Weltbild ein bisschen korrigiert hat. Ich habe ihn angestaunt wie alle anderen. Eine spannende Geschichte, der ich gerne noch länger gelauscht hätte.

Ich könnte ewig weiter reisen und Menschen fischen. Ich wünschte, diese Reise würde ewig weiter gehen und ich könnte überall ein bisschen anhalten und beobachten und lauschen und fragen, fragen, fragen.

Jetzt muss ich doch ein bisschen schmunzeln. Ich habe ja noch nie etwas anderes gemacht! Und es gab und gibt doch auch in den letzten Jahrzehnten so viele spannende Menschen, denen ich zum Beispiel auch beruflich begegnet bin! Und mein Herz ist ja auch ganz voll mit Freunden und Begegnungen und Coachees und Nachbarn. Jetzt weiss ich: Ich kann ewig weiterziehen! Und Fragen stellen. Geheimnisse heraus locken und vielleicht auch hier erzählen.

Sechs Monate sind vorbei von meiner langen Reise. Ich mache eine kleine Atempause und sehe meine liebsten Menschen hier in der Schweiz und in Deutschland. Einmal möchte ich umdrehen und erzählen und mich ausruhen und meinen Liebsten wieder begegnen, bevor es wieder hinaus geht in das nächste Abenteuer. Es wird schön und reich beschenkt sein, als nächstes darf ich im August alten Freunden und vierbeinigen Schönheiten begegnen. Aber davon dann mehr, wenn es an der Zeit ist. Jetzt darf ich mich ein bisschen ausruhen vom vielen An- und Auspacken der Koffer und den tausenden Kilometern, die meine Reise schon andauert. Ein bisschen die kleinen Kreise ziehen. Und Augen begegnen, in die ich tauchen kann, weil alles schon da ist, die Geschichten offenbart und die Freundschaft gewählt. Ankommen bei denen, die mich fragen. Und die mir Heimat sind. Ich freue mich so sehr.

Das Leben ist schön! Und wie!
La vie est belle.