Rainbows and magic!

In Irland spricht man viel von den Leprechaun. Ein Leprechaun ist eine Figur aus der irischen Folklore, die als kleines, übernatürliches Wesen dargestellt wird, oft als einsamer, bärtiger Mann mit Hut und Schürze, der Schuhe herstellt. Es wird gesagt, dass er einen Schatz aus Gold hütet, der sich am Ende des Regenbogens befindet und den er preisgibt, wenn man ihn fängt. Leprechauns sind bekannt dafür, schelmisch und trickreich zu sein, um ihr Gold zu beschützen. Ich habe in der ersten Woche hier in Nordirland nur Leprechauns gesehen, an jeder Ecke!

Denn: Die Landschaft ist magisch und pures Gold. Ich bin begeistert! Ich habe mein Land gefunden! Hier, hier!

Ein ganzes Jahr bin ich jetzt schon fast unterwegs. Die Reise brachte mich in weite Ferne, ich wurde mit sehr vielen Eindrücken beglückt. Ich erinnere mich: Im März zog ich meine Bahnen im Pool in Lombok. Der Himmel war tiefblau und die Palmen lachten mir ins Gesicht, wenn ich auf dem Rücken liegend Bahn um Bahn schwamm. Aber etwas störte am Bild. Ich lag im warmen Wasser, den Kopf in der tropischen Sonne – und sehnte mich ganz fest nach Irland. Hörte keltische Musik, träumte von Kühle und Frische und Magie, die ich verstehen kann. Ich musste einfach zurück nach Europa!

Seit dem Sommer also war ich in Europa in meinem Dreieck unterwegs. Frankreich, der britischen Insel und Irland. Auch in Irland sehnte ich mich noch. Der Süden war herrlich, der „Wild Atlantic Way“ ein Gedicht. Donegals grüne schöne Hügel und weite hohe Klippen waren wunderschön. Aber immer hatte ich das Gefühl, es fehle noch etwas zum puren Glück. Und schliesslich hatte der irische Troll mich geführt. Ich landete in Portrush an der irischen Nordküste, auf der Causeway Coastal Route. Gleich am ersten Tag nach Ankunft folgte ich den Zeichen und entdeckte kleine Köstlichkeiten. Sah auf historische Bauten, Steinmauern, auf verschlungene Pfade, in einsame Buchten, fuhr über die Hügel ans Ende der Welt. Und schliesslich:

Schlenderte ich mit meinem Mini einer Strasse entlang, die mich an mehreren Monumenten entlang an die wilde Küste von Castlerock führte, eine Strasse, die nach Downhill führte. Schon aus grosser Höhe sah ich den Atlantik, der in riesigen dunkelblauen Wellen an den Strand brandet. Und schliesslich war ich am weiten, weiten Beach von Benone in Limavady. Ich fuhr mit dem Auto auf den goldenen, endlosen Strand. Stieg aus und spürte: Das hier, das war der Ort, von dem ich geträumt habe. Der Wind fegte den Sand in kleinen Wellen zu mir, die Autotür wurde mir fast aus den Händen gerissen. Ich lief ein paar Schritte – und war da. An meinem Ende der Welt, am schönsten Ort meiner ganzen ganzen Reise. Wie zur Bestätigung erschien direkt vor mir ein doppelter Regenbogen.

Ich war alleine am Strand und stand mitten im Licht. Das war eine fast schon kitschige Filmkulisse, ein filmreifer take, ein Moment für die Ewigkeit. Ich zog ihn lange mit meinen Augen direkt und ohne Umwege in mein Herz. So weit war ich gereist und hatte schon im März gewusst wie der Ort meiner Träume sich anfühlt. Aufs Detail genau so fühlte ich mich jetzt.

Auch in den kommenden Tagen war ich immer wieder in Downhill, in Castlerock und immer wieder in Benone. Und ich werde weiter dort sein: Mich satt schauen, die kalte Meeresluft einsaugen, mein Herz nähren und anfüllen mit diesem Anblick. Ganz betrunken bin ich schon vom Glück.

Nun müssen mir die Leprechaun aber wirklich den Goldtopf präsentieren, damit ich die Zeit hier ausdehnen kann. Wichtig aber ist: Ich habe den Ort gefunden. Habe mich bis über beide Ohren unsterblich verliebt in dieses herrliche Land. Und bin nach elf Monaten Reisen angekommen. Bei mir. Im Glück. In der Magie. Da, wo ich hingehöre.

Ach, hatte ich erwähnt, dass mein Herz Iirisch ist?

Genau. Weil –

Das Leben ist schön! Tá an saol go hálainn!

Novemberblues

Heute fällt es mir ein bisschen schwer, den Blog für die vergangene Woche zu schreiben. Weil ich gerade so glücklich in Nordirland bin. Aber ich schreibe immer aus der letzten Woche und in der vergangenen Woche hatte ich den Blues. Der wollte gehört werden und den möchte ich besprechen, obwohl er so gar keinen Spass macht.

Jedes Jahr ereilt mich der Mistkerl. Sobald mein von mir verhasster Monat November kommt. Es gibt nur etwas Gutes im November. Eine meiner Besties hat Geburtstag. Aber da sie am 2.11. ihr Wiegenfest hat, kann ich den Rest des Novembers schamlos hassen. Denn: Die Blätter sind von den Bäumen gerissen, alles Bunte verschwindet. Es wird nass, kalt, dunkel, neblig. Die ganze Natur zieht sich zurück in den Winterschlaf. Und die Schwärze kommt, die lange Schwärze. Alles wird langsam und man zieht sich mit dem Leben zurück. Meine Krisen habe ich immer im November, da muss ich gegensteuern, sonst zieht es mich runter.

Sogar dieses Jahr, in meinem Jubeljahr! hat mich der Novemberblues ergriffen. Denn ich hatte nicht gut aufgepasst. Mir das falsche Haus gebucht. Ende Oktober war ich nach Bruckless, nahe Donegal, gezogen. In ein kleines sehr kaltes Cottage, das in einer riesigen Parkanlage stand. 18 Hektar Land um mich herum. Aber keine Menschen. Und schon gar keine Lieblichkeit. Der direkte Zugang zum Meer entpuppte sich als matschiger Moor, die alten Bäume tropften jeden Tag vom nicht endenden Regen. Sogar die Schafe auf den Weiden machten einen trostlosen Eindruck. Und es war kalt, sehr kalt im Haus.

Die ersten Tage fuhr ich noch fröhlich singend durch den County Donegal und sah den schönen goldenen Herbst. Dann aber musste ich mein Auto abgeben in der Garage, weil eine Sicherheitslampe glühte. Es dauerte lange, bis sie das richtige Teil hatten. Eine Woche war ich gefangen in der dunklen Hütte. Ich verbrannte sehr viel Holz. Ging sogar einmal zwei Tage nach Galway mit dem Bus, um dem Cottage zu entfliehen. Dann kam ich zurück. Das Haus war ausgekühlt, der Regen hatte alles aufgeweicht. Mit voller Wucht haute mich der Blues aus den Schuhen.

Ich sass gefangen auf dem Gelände, so fühlte es sich an. Denn wenn ich mit dem Bus nach Donegal fuhr und am späten Nachmittag zurück, dann war es dunkel und ungastlich, obwohl ich Lampen und Duftkerzen laufen liess während ich weg war.

Das Leben brach über dem Dach zusammen.

Das Spannende ist: Es geht ja nicht nur mir so – und nicht nur wegen einer wohnlichen Fehlentscheidung. Das ging mir auch früher schon so, im schönsten Haus und mit den liebsten Menschen oder meinen Vierbeinern um mich herum. Der Novemberblues ist ein Phänomen, das viele trifft. Und das ist Jahreszeiten abhängig so: Es ist die Abwesenheit des Lichts, die hier stresst. Weniger Licht heisst mehr Melatonin und weniger Serotonin und das heisst: Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Stimmungsschwankungen.

Das Nervensystem läuft langsamer, Konzentration, Motivation, alles braucht viel mehr Kraft. Gleichzeitig verändert sich der innere Rhythmus. Der Körper will Rückzug und ruhen (die Bären machen das einfach: Der Winterschlaf in der Höhle steht an). Der Alltag verlangt, dass wir weiter machen, weiter laufen und weiter funktionieren. Ein riesiges Spannungsfeld entsteht. Wir ermüden uns selbst, weil wir weiter machen.

Aber auch ohne das Funktionieren drückt uns die Dunkelheit aufs Gemüt. Wir wissen, dass der lange kalte dunkle Winter kommt, die Tage kurz werden. Das geht noch bis zum 21.12., der Wintersonnenwende, so.

Ich erinnere mich an einen Novembertag vor etwa 15 Jahren. Ich war in der Praxis, hatte bequem erst um 9 Uhr angefangen, einen Patienten nach dem anderen bedient, hatte beruflich eigentlich einen guten Tag. Aber dann war um 16:30 das Tageslicht weg. Ich starrte in die Nachtschwärze auf den Zürichsee. Und fing an zu weinen, weil ich nicht warten konnte bis am nächsten Tag das Licht wieder kommen würde. Meine Patientin war erschüttert. Ich auch. Ich brauchte also einen Notfallplan für kommende November.

Was können wir also tun?

Licht tanken so oft es geht. Also Pausen draussen und diese auch intensiv nutzen. Oder: Rotlicht in der Wohnung installieren und jeden Tag etwas hinein schauen. Viele Kerzen anzünden oder ein Lagerfeuer draussen machen.

Bewegung. Euphorisches Tanzen ist besonders gut. Ich habe dafür eine CD eingelegt: Laughing drums. Zehn Minuten extatisches Tanzen, das reicht schon um die Dopamine auszuschütten.

Blutzucker stabilisieren mit gutem Essen, jetzt ist keine Zeit für Diät! Vor allem Essen mit Tryptophanen, das ist eine Aminosäure, die den Serotoninspiegel hebt: Haferflocken, Bananen, Nüsse, Linsen, Eier, Kichererbsen, Fisch, Geflügel und schwarze Schokolade. Tryptophan braucht aber Kohlenhydrate, um im Gehirn anzukommen, also gut kombinieren!

Ausserdem Vitamin B und D, Magnesium und Zink zuführen, das gibt Power.

Na ja und dann gibt es ja auch noch: Soziale Kontakte. Unbedingt viel davon. Und Berührungen! Und natürlich: Küssen.

Na, ich schau mal, wo ich da etwas finden kann, was mir gut tut. Vorerst bei mir: Einen sonnigen Tag an der Küste in Nordirland geniessen. Das dunkle Cottage habe ich verlassen und bin nach Portrush umgezogen. Um 17 Uhr fahre ich nach Hause in mein schönes Strandhaus, zünde Kerzen an und schaue auf das Meer und träume von einem chicen Nordiren, dem ich die Bedeutung von Serotonin und Endorphinen sehr nahe bringen kann. Halleluja!

Der November geht auch vorbei, dann kommt der Lichtmonat.

Und ganz wichtig, nicht vergessen: La vie est belle! Das Leben ist schön.

Gawain

Ich war übers Weekend nach Galway gefahren, die musikalischste Stadt an der Westküste Irlands. Das war endlich mal das wilde Irland, das ich kenne. Die Landschaft in Donegal County ist ein Traum und ich geniesse dort die Ruhe, das Mystische, die wunderschöne Küste. Aber jetzt sollte es mal ein bisschen Aufregung sein und die Stadt zog mich auch sofort in ihren Bann. Laut und voller Menschen, an jeder Ecke ein Musiker. Fiddle, Percussion, Gitarre, Banjo und Gesang. Gleich am ersten Abend cruiste ich durch die Pubs, bis ich die Musik fand, nach der mir gerade war. Ein paar Guiness und ein perfekter Abend.

Am nächsten Abend wollte ich wieder los. Aber ich hatte gesehen dass es in meiner Hotelbar mein Lieblingsessen gibt: Beef und Guiness Stew. Ich geniesse das sehr! Also erst mal richtig gut essen, bevor das Guiness wieder direkt in die Adern schiesst. Ich war vergnügt und bestellte mir das köstliche Dinner. Da ich schon seit Beginn des Jahres mehr oder weniger alleine esse, macht es mir inzwischen nichts mehr aus. Aber – schön ist das nicht. Man sitzt alleine an einem Tisch und alle schauen mitleidig. Meistens ziehen Alleinreisende dann das Handy heraus oder nehmen ein Buch mit. Eigentlich noch schlimmer. Ich setze mich also und schaue die Menschen an und lächle vor mich hin, weil ich mich auf einen Abend bei Taafes Bar freue, traditional Irish Music. Die Shows starten um 5:30 oder um 9. Gerade ist es 7, ich habe gemütlich Zeit.

Im nächsten Moment, woher kam er nur? Steht ein Mann vor mir und schaut mich ein bisschen schüchtern an. Er sagt er würde alleine essen und ich sässe auch alleine, ob ich mich vielleicht über Gesellschaft freuen würde? Ach ja! Natürlich! Gawain aus Doolin wäre er, sehr angenehm mich kennen zu lernen. Nice to meet you, was für eine schöne Redewendung.

Er sieht harmlos und ohne eigenartige Absichten aus. Wir kamen schnell ins Gespräch. Er war an ähnlichen Orten gesegelt wie ich, sogar die Strecke Lombok-Papua Neuguinea kannte er. War geritten hier in Irland, hatte einen Hund. Wir kamen ins Erzählen, es war kinderleicht. Mit einem Iren ist es immer einfach, alle sind sie begnadete Storyteller. Ich liebe das. Das Essen kam, wir hatten beide Stew und ein Glas Wein. Und wir lachten und plauderten und erzählten. Beschlossen erst um 10 zu gehen, in den Kings Pub, da geht die Musik erst spät los. Und dann erzählte mir Gawain seine Geschichte.

Er hatte 1989 seine grosse Liebe geheiratet, zwei Söhne bekommen, ein schönes Leben geführt. Er ist Bauingenieur, seine Frau Architektin. Alles war wunderbar, bis sich seine Frau vor zwei Jahren über Unwohlsein beklagte. Der Termin war schnell gemacht. Seit der Diagnose kämpft sie gegen einen bösartigen Krebs. Sie hat Therapie, schont sich, Operationen, gestreute neue Tumore. Inzwischen ist sie erschöpft und die ganze Familie mit ihr. Dieses Weekend hat sie ihn überredet, einmal abzuschalten, sich ein schönes Hotel zu nehmen, Musik zu hören, vielleicht ein Tänzchen zu machen. Er ist dem gerne gefolgt. Gawain sagt, die ganze Lebenskraft ist, wie bei ihr, auch aus ihm gewichen. Aber, hey, jetzt sitzt er hier und spricht mit einer „Swiss lady“, wer hätte das geahnt. Wir sprechen lange und tief und ich freue mich, ihm ein bisschen den Geist erhellen zu können. So ein wunderbar liebender Mann. Und so ein feiner Mensch.

Es wird später und später, wir nehmen noch ein Glas Primitivo. Im Geist hake ich die Guiness Biere ab. Wein und Bier, keine gute Kombi. Es wird 10, dann halb elf und wir sitzen immer noch und schliesslich geben wir auf und bleiben einfach in der Bar, bis sie um 1:30 schliesst. Wir erzählen, lachen, schmunzeln, sind amüsiert und lernen auch Neues im Gespräch. Wir kommen ins Philosophieren, immer sind die Themen weit weg von der Oberfläche. Und dazu kommt, dass wir uns ja eigentlich nicht kennen, keine Absicht irgendeiner Art im Raum steht, also kann man ungeschminkt alles sagen was man denkt. Wir haben einen herrlichen Dialog, spielen uns die Bälle zu, alles ist leicht, auch wenn wir bisweilen kontroverse Haltungen einnehmen.

Schliesslich ist es spät, mein Kopf fällt schon fast nach vorne. Wir haben den Musikabend verpasst – aber einen „craig“ gefunden, eine herrliche Zeit des Erzählens und Austauschens und Miteinanders. Wie schön war das! Die Bar schliesst. Wir gehen zum Aufzug. In der Halle torkeln noch ein paar Typen, die in den vielen Pubs zu tief ins Glas geschaut haben. Aber wir stehen Seite an Seite. Ich schaue ihn mir an, ein überraschend attraktives Exemplar von einem Iren, etwas grösser und immer noch athletisch gebaut, gepflegt und mit schönem vollen grauen Haar. Dieser Mann ist sehr geliebt worden, wird immer noch sehr geliebt, auch wenn eine grosse Traurigkeit bei ihm ist. Für mich spiegelt er Irland wieder – eigensinnig, natürlich, wild, schön, etwas melancholisch und ganz auf dem Boden der Welt stehend. Er gefällt mir.

Auf dem Weg nach oben werden wir plötzlich still und stehen nur einen Kuss voneinander entfernt. Ich trete aus dem Aufzug, er muss noch weiter nach oben, hält seine Hand an die Lifttür und wir lächeln schüchtern: „In an other life…“ – yes.

Mit oder ohne Partner. Mit oder ohne Musik: La vie est belle – Das Leben ist schön.

Ruth Zombie

Ruth ist eine Hexe. Das steht gleich am Anfang ihrer Bildergalerie. Da prangt ein Poster: „This bitch is a witch“. Ich habe es ihr lange geglaubt.

Mittlerweile kenne ich Ruth schon 12 Jahre. Wie ich sie kennengelernt habe, ist eine Geschichte für sich. Aber ich erzähle sie trotzdem, weil ich gerade in Erzähllaune bin, weil ich gerade in dem dunklen Land bin, in dem Storytelling eine Disziplin ist, die fast jeder Ire versteht und die hier Abend für Abend stattfindet.

Ich war 2014 in Killybegs gelandet, einem kleinen Küstenstädtchen mit einem irritierend grossen Hafen. Dort legen die grossen Schiffe an, die Kreuzfahrten machen dort halt und spucken Hunderte von Amerikanern aus, die hier auf ihre „Heritage“ Reise gehen um das Land ihrer Ahnen zu erkunden und den eigenen Wurzeln nachzureisen.

Ich lief bezaubert durch den kleinen Ort, streifte durch den Hafen, schaute mir die nordischen Häuser an und träumte mich in diese Realität. Längst war ich Hals über Kopf neu verliebt in Irland. Auf der Suche nach einem frischen Fisch ging ich der Nase nach um ein passendes Restaurant zu finden, als ich das Stimmen einer Fiddle hörte. Es lockte mich in einen grösseren Pub, in dem ich mit viel Überraschung meine Lieblingsband beim Soundcheck sah: We Banjo 3. Eine Band aus Galway, die aus zwei Brüderpaaren bestand. Fergal, der Fiddler, hatte es mir immer schon angetan. Ich freute mich zu hören, dass sie hier in zwei Stunden spielen würden.

Schliesslich war der Pub brechend voll und ich mischte mich unter die Gäste. Mit einer Mischung aus traditoneller Irish Music und Bluegrass hatten die Bandmitglieder uns schnell in den Bann gezogen. Nach einigen Guiness, denen meine Hemmungslosigkeit zu verdanken war, sprang ich schliesslich vom Barhocker und tanzte, warf den Rock nach allen Seiten, wie ich es bei meinen irischen Freunden gesehen hatte, tanzte wild und glücklich – und übersah, das ich eine der wenigen war, die hier feierte wie es die Iren tun: Laut und ohne Hemmungen, mit losgelöstem Tanzen und Bewegungen im Beat. Ich hatte Augenkontakt mit der Band, mein Körper antwortete auf die Musik, ich vergas wo und wer ich war, eine herrliche lange Zeit. Schliesslich war das letzte Lied verklungen, die Band drehte nochmals ordentlich auf, ich setzte mich nach dem letzten Ton zufrieden und etwas ausgepowert auf den Barhocker zurück und bestellte noch ein Bier.

Fast zeitgleich erhoben sich jetzt viele der Besucher aus dem gestuhlten Innenraum des Pubs und ich realisierte, dass es sich hier um eine Gruppe drehte, die sich wohl ausschliesslich aus Amerikanern auf einer Kreuzfahrt handelte. Sie waren mit dem Schiff hier in Killybegs gelandet und hatten das Konzert im Programm gehabt.

Schmunzelnd bedankte ich mich, als mir einer der älteren Herren einen Schein in die Hand drückte für die tanzende Begleitung. Und nun kam eine ganze Welle der Anerkennung und viele Scheine wanderte in meine Hand, schliesslich in meine Rocktasche, weil ich sie immer wieder leeren musste. Ich lachte. Die Herrschaften dachten ich gehöre zum Bühnenprogramm. Natürlich wollte ich das Geld der Band geben aber sie wollten es nicht annehmen, stattdessen ging ich mit einem Stapel CDs aus dem Pub, die Fergal mir persönlich überreichte. Wie gerne hätte ich stattdessen den schönen Iren mitgenommen!

Die Bandjungs fragten mich, woher ich komme und ich sagte „Switzerland“. Ja, aber woher denn ursprünglich, welcher County? Ich sagte: Ich sei nicht irisch. Sie lachten, umarmten mich stürmisch und behaupteten: Du bist eine Irin durch und durch! Und wenn es nicht deine DNA ist, was wir bezweifeln, dann wenigstens dein Herz!

Am nächsten Tag ging ich aus einer Laune heraus, sehr spontan und sehr glücklich, nach Donegal Town und fragte nach einem Tattoo Studio. Und ich traf auf die „Zombie Dolls“. Es gruselte mich gehörig, als ich eintrat. Alle Wände schwarz, sehr spooky Dekoration und mit Abstand die hässlichsten Gothic girls, die ich je gesehen hatte. Ich schaute an mir herunter. Wie immer trug ich Pastellfarben, weisse Sneaker, blondes Haar, blaue Augen. Im Vergleich sah ich aus wie ein – „gottverdammter Engel“ – so wurde ich begrüsst. Wäre der Wunsch nicht so gross geworden, hätte es mich schnell aus dem Laden heraus getrieben. Aber so fragte ich schüchtern nach einem Tribal Band, mein allererstes Tattoo. Ich sagte ich hätte gerne einen keltischen Ring um den Unterarm und darauf sollte stehen: Mein Herz ist irisch. In Irisch, damit mein zukünftiger Mann mich erkennt. Die Zombies rollten die Augen. Romantik geht gar nicht.

Zwei Tage später wurde ich von Ruth gestochen, mit der musikalischen Begleitung von Marilyn Manson, absolut grässlichem Metalrock. Ruth hatte ein Tribal mit zwei Adlerköpfen herausgesucht. Ich fragte sie, woher sie wisse, dass ich es mit den Adlern habe, da sagte sie: „Ich hab deine Seele gestohlen, als du reinkamst“. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Dennoch – irgend etwas war da zwischen uns. So dass ich einige Jahre später auch meinen Sohn zum Tättowieren brachte. Ruth ist eine Künstlerin mit sanfter Hand.

Dieses Jahr war es wieder soweit. Zu meinem runden Geburtstag sollte es der nächste keltische Tribal werden. Ich suchte die Zombie Dolls, Ruth war umgezogen. Zu meinem riesigen Erstaunen befand sich das Studio jetzt in einem wunderschönen hellen Gebäude aus dem 19.Jahrhundert, einer alten Fischhalle. Die Böden waren blitzblankes Parkett, die Musik lieblich irisch und die Wände weiss. Ruth kam mir entgegen, immer noch Gothic. Aber ihre Energie war völlig anders. Sie begrüsste mich wie eine alte Freundin und wir verbrachten einen herrlichen Nachmittag. Wir sprachen über dies und das und Ruth offenbarte sich als druidische Heilerin. Als sie mir erzählte, dass sie weder Fleisch ist, noch Alkohol trinkt, fragte ich sie, was sie für eine Hexe sein könne, wenn sie so „clean“ sei und wir lachten schallend.

Ruth Kavanagh, so heisst sie, inzwischen in den 50ern, man schätzt sie Jahrzehnte älter, war ursprünglich Goldschmiedin, hat fantastische Hände und zeichnet mit sehr feinem Pinselstrich. Ich frage sie, wie sie zum Tattoo gekommen ist und sie sagt etwas, das mich schon lange bewegt: Dass es um Heilung gehe, dass manchen Menschen eben das Leben unter die Haut gehe und es dann nur richtig ist, sich damit zu schmücken. Wir reden lange über das Leben, das unter die Haut geht und wir kommen ins Storytelling, lachen, tupfen uns ein paar Tränchen, sind uns einig, bewegen uns gegenseitig mit Geschichten, die das Leben uns in die Haut geschrieben hat. Am Ende lädt sie mich ein. Erst zu einer Lesung „Music and Poetry“ am Abend, in der es um erstaunlich poetische Texte geht und eine himmlische sentimental-irische Herzensmusik gespielt wird.

Schliesslich zum grossen Ritual „Samhain“, am 31.10., in dem Ruth wieder ganz in ihrem Element ist, an dem Abend fliegen sie, die guten Hexen, Songs werden gesungen, das Feuer entfacht, das keltische Neujahr gefeiert. Ich bin geflasht von Ruth, auch als sie am nächsten Tag ein Gongbad in ihrem Studio anbietet. Ich bin dabei. Und werde sie noch oft sehen. „Out of the darkness“ – das scheint mein Motto der nächsten Wochen zu sein. Zur dunkelsten Zeit bin ich in mein geliebtes nördliches Irland gereist. Und die Menschen hier glänzen „fecking bright like a diamond“. Ich sammle noch ein paar Seelen ein. Man weiss nie, wozu das gut ist.

Das Leben hier ist nicht immer schön, aber – die Iren, die verstehen was davon, es schön zu machen.

Slainte!

…was für ein Glück, in Irland zu sein! La vie est belle. So oder so.

Mother Goose

Als ich in der vergangenen Woche endlich nach Irland übersetzte, landete ich im Süden der grossen grünen Insel. Mein erster Ort war Bantry, ein kleines Küstenstädtchen in der Grafschaft Cork. Ich hatte mich auf ein paar stille Tage eingestellt, weil ich immer noch nicht fit war – und dann traf ich: Mother Goose. (Mutter Gans). Eigentlich ist das eine Comicfigur aus Grossbritannien, längst aber ist sie zu einem running Gag geworden, wenn Frauen eben so aussehen wie die kleine umtriebige Gans.

Meine Mother Goose also heisst eigentlich Mairead O Doole und ist eine süsse kleine Lady. Sie hat wohl eine Körpergrösse von 150cm und ist mager wie ein Kind, mit kurzen flinken Beinen. Und sie hat diesen Gang – schnell und mit kurzen kleinen Schritten und einem nach vorn gebeugten Oberkörper. Ich musste schmunzeln, als ich sie das erste Mal sah: Da kam sie auf mich zugesprungen und umarmte mich mit weit nach oben geöffneten Armen. Wie eine alte Freundin drückte sie mich und plauderte sofort los.

Alles an Mairead ist klein, ausser ihrem Temperament, das ist laut und Raum einnehmend und ihre Neugier ist zügellos. Ich glaube sie hat das Air BnB nur eingerichtet um Menschen mal ordentlich auszufragen. Wie lustig! Wenn sie ihr Smartphone in der Hand hatte, in das sie unentwegt plauderte, sah es wie ein Tablet aus, weil ihre kleinen Hände das Ding kaum halten konnten. Sie sagte, es sei ein Seniorenphone, das sei extragross. Das war wohl eine charmante Lüge des Verkäufers, weil ich doch eine gewisse Ähnlichkeit zu meinem Normalgrösse Modell sehen konnte.

Mairead wurde 1964 in Cork geboren, in eine arme Familie mit acht Kindern, sie war „mittendrin, also war immer was los“. Schon als Kind musste sie sich Gehör und eine Wichtigkeit verschaffen und sie machte das mit ihrem lebhaften Wesen und ihrem Wiesel-Charakter, Mairead war immer überall dabei und wusste zudem alles, weil sie überall ihre Nase hereinsteckte, wie sie mir glaubhaft versicherte.

Die Familie war arm, der Vater arbeitete in einem Produktionsbetrieb und die Mutter sowie nach und nach alle Kinder, packten mit an. Und: Man durfte auch draussen sammeln – Holz in den piccopello aufgeräumten Wäldern, Waldfrüchte wie Kastanien und Eicheln, aber auch Reste auf den abgeernteten Feldern. Und ja, sie gibt es zu, im Sommer gingen sie auch Apfelbäume ernten. Dabei kletterte ein Kind hoch und warf die reifen Früchte in der Mitte der Bäume den Geschwistern nach unten zu. So sah der Baum von aussen immer noch voll aus. Und sie nahmen nur jeweils so viel mit, dass sie eine Wochenration hatten um die Familie damit zu versorgen.

Die Mädchen der Familie mussten alle stricken lernen und abends sass man zusammen und verarbeitete die Schafwolle der Fabrik „Aran“, da gibt es bis heute maschinengestrickte und handgestrickte Pullover und Socken. Als Mairead schliesslich die Schulpflicht hinter sich hat, mit 14, lernt sie das Bäckerhandwerk. Sie lernt Derry kennen, mit dem sie heute noch verheiratet ist. Sie lacht, als sie mir erzählt, dass Derry eben zur Verfügung gestanden hätte. Man müsse in Irland nicht auf “was Hübscheres“ hoffen, die wären ja alle klein und nicht besonders attraktiv – und es wäre okay, ihn geheiratet zu haben, „man gewöhne sich ja an alles“. Während sie das erzählt lacht sie. In den Tagen, die ich bei ihr wohne, höre ich sie ihn immer „Darling“ rufen und sie küssen auch noch, wenn sie sich sehen – so schlecht scheint sie es nicht erwischt zu haben.

Meine Mother Goose also fegt über den Hof, hat eine kleine Bäckerei im Hinterhof aufgebaut und macht Catering für die nahe gelegenen Cafes und Kultureinrichtungen. Ihre Scones waren himmlich, die besten, die ich je probiert habe. Sie hat ihre Freundinnen eingestellt und so schnattern sie jeden Morgen gegen 5 los im Glaspalast, während die Hände ihre Arbeit machen, ein Blech nach dem anderen duftend aus dem Ofen kommt und die die Backwaren liebevoll und sorgfältig in ihre Auslieferung bringen.

Ich hab sie ins Herz geschlossen, die kleine Irin mit den wilden Augen. Ehrlich gesagt, ich glaube sie hatte es faustdick hinter den Ohren, so viel Schalk habe ich selten in einem Menschen versteckt gesehen. Ihre derben Witze haben mich sehr amüsiert, sie hat die Dinge beim Namen genannt und sich selbst am meisten darüber amüsiert. Eine herrliche Begegnung, die ich als Auftakt verstehe und die ein Anfang sein darf einer Reihe von herrlichen Begegnungen, die ich hier auf der Insel haben werde.

La vie est vert ! Et belle! – Das Leben ist grün – und schön!

Delirium

Wenn man zu eilig unterwegs ist, verpasst man vielleicht manchmal den Moment. Das habe ich oft gehört in meinem Leben. Mein Lebenstempo war immer hoch und die Schatzkiste der Eindrücke immer prall gefüllt. Schon ein paar Tage hatte ich mich zur Ruhe gezwungen und gedacht: wenn ich in Irland bin, dann lege ich mich einen Tag ins Bett und lasse alles mal sacken. Und dann kam es doch anders.

Mit fliegenden Federn war ich ans andere, das westliche Ende der Bretagne gefahren. Zweihundert Kilometer? Ein Klacks! Auf der Fahrt hatte ich nicht gesungen wie sonst üblich, sondern schon nach Irland hinüber geschielt. Hatte nicht die letzten, grossartigen Tage Revue passieren lassen, sondern schon ausgemalt wie ich am Montag den Ring of Kerry machen würde. Angekommen in Roscoff, dem kleinen Küstenstädtchen in dem die Fähre gehen würde, hatte ich gar nicht richtig ankommen wollen. Zum einen, weil ich dieses Jahr schon viel Zeit in Roscoff verbracht hatte. Aber auch: weil ich gedanklich schon weg war.

In den wenigen Stunden, die zur Verfügung standen, ging ich lieber nochmals an den wunderschönen Strand nach Cleder und staunte über das bretonische magische Licht, das es dort so verlässlich zu finden gibt. Die Blautöne aus Meer und Himmel bezauberten mich. Ich ging am Strand entlang, führte ein Telefongespräch und hörte dann noch Debussy’s „La mer“. Aber: ich spürte ein Kratzen im Hals und Kopfschmerzen schlichen sich über das Genick in den Hinterkopf. Ich hatte das Hotelzimmer bis abends, weil die Fähre erst um Mitternacht gehen sollte, also fuhr ich zurück, nahm eine heisse Dusche, legte mich nochmals ins Bett – und kam nicht mehr hoch. Ich wurde so richtig krank. Fieber, Schüttelfrost, Kopf- und Gliederschmerzen, Hustenattacken. Einmal stand ich noch auf und dann kapitulierte ich: Ich konnte nicht mehr gerade stehen.

Es folgten fast drei Tage in denen ich flach und bei abgedunkeltem Fenster im Bett lag, hustete, fieberte und in denen es mir richtig mies ging. Schon Jahre war ich nicht mehr krank gewesen, ich habe eine Rossnatur. Aber jetzt: Flach. Keine Bewegung mehr möglich.

Was köstlich war: Mein Kopf sortierte die Bilder im Kopf. Ich war nochmals auf der Fähre von Jersey kommend, mit Abschiedsheimweh. Dann in der malerischen kleinen Stadt Cancale. Und an einem grossartigen Ort: La Pointe du Grouin. Dort auf den Felsen hatte ich gesessen und in die Weite der Smaragdküste gestaunt. Hatte den Wind um mich herum spielen lassen und die Schönheit bewundert. Und damit nicht genug. Ich war auch nochmals in meiner Lieblingsperle St.Malo gewesen und in der kleinen Abbaye Mont St. Michel. So viele Bilder und Eindrücke! Meine Reise hatte vielleicht ein bisschen zu viel Tempo gehabt, obwohl ich langsam laufe und doch „eigentlich“ jeden Moment aufsauge.

Am besten aber wurde ein Fiebertraum, da flog ich ab vom Pointe du Grouin und spannte meine Flügel und glitt über den blaublauen Atlantik. Viele Jahre war ich nicht mehr im Traum geflogen. Wie herrlich, diese Zeit im Fieberdelirium. Wie nötig hatte es mein Kopf gehabt zu verweilen. Viel zu schnell unterwegs und keine Zeit zum Atmen. Ich habe hingehört und verstanden.

Von jetzt an also: Langsamer und mit noch mehr Ruhe reisen. Einen Schritt nach dem Anderen. Ich bleibe noch zwei Tage in Roscoff und werde diese kleine süsse Stadt jetzt nochmals extra umarmen. Dann etwas später nach Irland übersetzen. Dort eine Unterkunft im Norden haben, ab Ende Oktober, in der ich denke, lange zu bleiben und zu ruhen, zu schreiben und mein Jahr Revue passieren zu lassen, das mich an so viele wunderschöne Orte hat kommen lassen. Meine Schatzkiste ist wieder prall gefüllt. Ich werde alle Steine, einen nach dem anderen, heraus holen, betrachten und bewundern, polieren und abküssen und dann zurück gleiten lassen. Ein rundes Jahr, von dem ich noch nicht weiss, wie ich es beende. Ich lasse mir Zeit, das heraus zu finden.

Unser Körper ist schon mächtig schlau, manchmal braucht es eine Vollbremsung und das ist dann auch genau richtig. Nichts geschieht ohne Grund. Und hey. Jetzt hat er mich wieder verlässlich wie immer an einem Montag um 3 Uhr in der Früh geweckt, damit ich meinen Blog eintippen kann. Ist es nicht ein Wunder!

La vie est belle! Das Leben ist schön!

Juwelen des Nordens

Am Wochenende habe ich meine grosse Liebe wieder getroffen. Die Überfahrt von Jersey war einmal mehr friedlich und langsam. Und dann erschienen die Türme von St.Malo im Nachthimmel und die Fähre tutete zur Begrüssung. Ich war zurück in meiner Perle des Nordens. Schon fuhr ich an der langen hohen Stadtmauer entlang, die sich wie ein Ring um die Altstadt zieht. Und rasch ging es auch in mein Übernachtungshotel, das mich seit inzwischen zehn Jahren begrüsst. Mein Kopf fiel auch deswegen sanft auf das Kissen, weil ich wusste dass ich meine liebste Stadt am nächsten Tag wiedersehen würde.

Ich wohne in einem kleinen feinen Hotel, dessen Name ich kaum richtig aussprechen kann: La Villefromoy. La Villefromoy ist ein Hotel, das sich in einem Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert im Stadtteil Paramé in Saint-Malo befindet, nicht in der historischen Altstadt, sondern an der Strandpromenade in der Nähe der Stadtmauern. Die Geschichte von La Villefromoy hängt mit der der Stadt Saint-Malo zusammen, einer historischen bretonischen Hafenstadt, die einst als Zentrum für Freibeuter und Seefahrer bekannt war. So hat das maritime Hotel eine mehr als hundertjährige Geschichte als Herberge zu erzählen und steht stolz und still an meinem liebsten Strandabschnitte: Der Plage Rochebonne.

Saint-Malo ist eine Hafenstadt in der Bretagne, im Nordwesten Frankreichs. Die Altstadt ist von hohen Granitmauern umgeben und war einst eine Hochburg für Freibeuter (vom König gebilligte Piraten). Die Kathedrale von Saint-Malo im Zentrum der Altstadt wurde im romanischen und gotischen Stil erbaut und besitzt Buntglasfenster mit Darstellungen der Stadtgeschichte. Nicht weit entfernt liegt La Demeure de Corsaire, ein Museum im Haus eines Freibeuters aus dem 18. Jahrhundert.

Die Stadt ist sehr alt, sie hat eine Geschichte aus dem 6. Jahrhundert zu erzählen. In der Zeit des zweiten Weltkriegs wurde sie fast vollständig zerstört, schliesslich aber nach alten Bildern und Plänen historisch wieder aufgebaut. Sie ist ein Bijou, ein Schmuckstück und hat viele Geschichten zu erzählen, wenn man sie durch eine der mächtigen Stadttore betritt, die kleinen Gässchen sind ineinander verschlungen.

Seit ich das erste Mal in St.Malo war, bin ich verliebt. Wie verzaubert schlendere ich dann durch die Gassen, kaufe mir in einem der unzähligen Läden kleine Kostbarkeiten und schaue, auf der Mauer sitzend, in das Treiben der Altstadt oder hinaus auf den Ärmelkanal.

St.Malo ist charmant. Und am liebsten gehe ich montags hinein, dann sind die unendlichen Besucherströme der Wochenendtouristen versiegt und es ist alles wieder sehr bretonisch, herzlich, langsam und mit Zeit. Betritt man die Altstadt, dann wird man schnell hineingezogen und kann nichts anderes machen als schlendern und schauen und die Düfte geniessen, die sie zu bieten hat. Nirgendwo sonst habe ich so viele schöne Menschen gesehen. Und nirgends wünsche ich mir mehr, so gut französisch wie englisch zu sprechen, um mit den spannenden Leuten zu reden. St.Malo ist bunt und facettenreich, die Altstadtmauer umschlingt die, die drinnen wandeln, wie ein Mutterbauch. Ich liebe es, dort in einem der zahlreichen Bistrot zu sitzen und Menschen anzuschauen, in eine Menge einzutauchen und dabei zu sein. Es ist ein Heimkommen, sobald ich hineingegangen bin und dennoch verlasse ich die Altstadt nach einigen Stunden auch gerne wieder und tauche in die endlose Weite des Strands ein.

Immer möchte ich draussen wohnen, am langen Strand von Le Sillon. Die Villen von Le Sillon in Saint-Malo sind prächtige Wohnhäuser, die Ende des 19ten und Anfang des 20ten Jahrhunderts erbaut wurden. Sie liegen am breiten Strand von Le Sillon und zeugen von der eleganten Bäderarchitektur der Belle Époque. Ich staune die Häuser an, träume mich in ihr Innenleben und mein Herz hat den brennenden Wunsch, in einem von ihnen zuhause zu sein.

Am Wochenende bin ich trotzdem fremd gegangen: Ich war an der Smaragdküste und lebte in Cancale. Die Küste um Saint-Malo war schon im 6. Jahrhundert der Anlegeort einiger irischer Mönche. Aus dieser Zeit stammen auch viele Ortsnamen, die auf diese Heiligen verweisen: Saint Malo, St.Brieuc.

Als Côte d’Émeraude (Smaragdküste) wird ein Küstenabschnitt zwischen dem Cap Frehel und der Stadt Cancale bezeichnet. Der Name ist von der grün-türkis Färbung des Meeres zu bestimmten Zeiten abgeleitet. So sass ich auf den Felsen der äussersten Landzunge und konnte mich nicht sattsehen an der Schönheit, die sich offenbarte. Der Wind und die Temperaturen waren mild und ich war wieder schockverliebt in die Bretagne. Wie oft wird mein Herz hier in diesem Dreieck noch hüpfen: Jersey. Bretagne. Irland.

Was für ein grossartiges Jahr, ich platze vor Dankbarkeit.

La vie est belle! Was denn auch sonst!

Amy

Am Wochenende bin ich einem Wirbelsturm begegnet und das war wunderschön und gar nicht so harmlos. Am Morgen war das Meer beim Morgenschwimmen schon etwas kälter als in den letzten Tagen. Ich hatte ganz stark das Gefühl, es hätten sich einige Kältegrade in einer Strömung in die Bucht geschlichen. Der Himmel war dramatisch, strahlend dunkelblau mit schweren Wolken, es brach sich viel Sonne durchs Firmament. Es war – die Ruhe vor dem Sturm.

Nach dem Frühstück wunderte ich mich, dass noch immer kein starker Wind zu spüren war. „Amy“ – ein Wirbelsturm mit einer ausgeprägten Kaltfront aus dem Norden, war angekündigt und wir waren vor seiner Kraft gewarnt worden: Seit Tagen war in der Wetterapp alles dunkelrot gefärbt.

Amy hatte einen ausgeprägten Jetstreak, also ein Windmaximum innerhalb des polaren Jetstreams. Das ist ein Starkwindband in der oberen Troposphäre, das sich im Wesentlichen zwischen polaren und subtropischen Luftmassen bildet. Die Höhenströmung beschleunigt den Wind enorm. Die Luftmassen werden intensiv auseinander gezogen, am Boden kommt es zu einem Druckabfall.

Das hat Amy uns gezeigt. Ich fuhr dem Wind entgegen.

Zunächst blies er aus SSW und für fast zwei Stunden schaute ich an der südlichen Spitze der Insel dem Spiel des Windes zu. Es raute die heranrollende Flut auf. Die Wellen wurden höher und höher, längst war es keine einfache Brandung oder Gischt mehr, sondern ähnelte einem brutalen Heranrollen und Donnern von gigantischen Wassermassen.

Irgendwann war das Meer nur noch eine einzige weisse Masse und der Schaum spritzte in alle Richtungen. Die Atemluft veränderte sich. Die polare Kälte kroch in alle Knochen. Und dann drehte der Wind nach WNW und ich fuhr mit dem Auto an die Nordküste der Insel. Hier bot sich ein viel gewaltigeres Bild. Hatte ich am Leuchtturm beobachtet, wie sich der Sturm langsam aufbaute, so tobte er hier intensiv. Der Atlantik schlug haushoch an die Klippen. Ich stand gegen den Wind gelehnt und konnte nicht aufhören ihn anzustaunen. Er war so stark, dass mir die Tränen aus den Augen gedrückt wurden. Das Atmen war schwer, er blies direkt ins Gesicht und hatte längst die Haut mit einer dicken Salzschicht vom Meer belegt.

Und jetzt sah ich den Wind deutlicher als den Sturm, den ich im April auf dem indischen Ozean erlebt hatte. Damals war ich mittendrin, hatte keine Brille auf der Nase und musste jede Sekunde meinen Stand auf dem schwankenden Schiff festigen. Damals war mein ganzer Körper gespannt und es galt, Geschwindigkeit, Kraft und Gefahr auszuhalten. Heute sah ich einen vergleichsweise milderen Sturm, aber ich konnte seine gesamte Wucht sehen. Roh und spektakulär. Eine barbarische Kraft.

Die Rückfahrt nach einem langen Tag im Sturm zeigte dessen Ausmasse deutlich. Die meisten Blätter waren von den Bäumen gerissen worden. Kastanien und Eicheln waren in riesigen Mengen herunter gefallen. In dieser Nacht werden die unzähligen Squirrels und weitere Nagetiere von dem reich gedeckten Tisch profitieren und in einer einzigen Nacht ihre Winterhöhlen füllen können.

Ich blieb nachdenklich zurück. In den letzten Tagen hatte ich Nähe und Distanz gespürt. Fülle und Verlust. Einigkeit und Trennung, hatte mich mit dem Wesen der Verbindung beschäftigt und durch Amy auch erfahren, wie Luftmassen auseinander gerissen werden, im übertragenen Sinne.

„Der Wind, der Wind, das himmlische Kind“, haben wir in unserer Kindheit oft der märchenhaften Ballade des Erlkönigs gelauscht. Ich liebe den Wind schon immer. Dieses Jahr hat er mich oft scheinbar in Stücke gerissen und woanders wieder zusammen gesetzt. So oft ist es der Beginn einer Zäsur. Eine Pause. Wie in der Musik: ein markierender Einschnitt im Verlauf eines Musikstücks.

Woher kam er diesmal, dieser wunderschöne Orkan? Aus Irland. Von der nordwestlichen Atlantikküste. Ich folge den Zeichen.

La vie est belle – Das Leben ist (wild) schön.

Ready to rumble! Charlotte und Micky

Diese beiden Ladies sind wirklich der Hammer. Jeden Morgen gehe ich zum Schwimmen, vom Bett unmittelbar in meinen Badeanzug und den Surfponcho und trabe in die Bucht. Es ist kalt geworden. Die Nachttemperatur hier ist schon unter 10 Grad gesunken, der Atlantik hat noch 15, 16 Grad. In der vergangenen Woche wehte der Wind stark und ich nahm sogar das Auto mit für die kurze Fahrt, damit ich auf dem Weg zurück nicht zur Eissäule einfriere.

Und jeden Morgen gibt es diese Morgenschwimmerinnen. In der vergangenen Woche durfte ich Charlotte und Micky kennenlernen. Die Damen sind um die 70, gertenschlank und gut gebaut. Ich war schon im tosenden Meer, paddelte noch etwas verhalten herum und überlegte, ob ich es zur Boje und zurück schaffen würde bei dem enormen Seegang. Es war Hightide, etwa 12 Meter hoch schwankte das Wasser in der Bucht, als schliesslich die beiden Grazien ins Meer sprangen. Die eine blieb in meiner Nähe und fing das Gespräch an, wie es die britischen Inselbewohner es so gerne tun: Mit einem kleinen Smalltalk über das Wetter. Es war sehr windig und die Sonne blitzte ab und zu durch die jagenden Wolken. Ein grossartiges Spiel am Himmel und wir schaukelten uns im eiskalten Nass.

Die zweite Lady zog los. Mit Schwimmbrille und -Boje ausgestattet zog sie ihre Längen spielerisch leicht zur Mitte der Bucht. Ich staunte, wie sie durchs Wasser pflügte und sprach mit der anderen Dame. Schon bald wurde es lebhaft und spannend:

Charlotte, inzwischen 68, lebt hier oberhalb der Bucht, hat seit über 40 Jahren eine stabile schöne Ehe, zwei Söhne und vier Enkelkinder. Sie kam schon hier auf Jersey auf die Welt, ihre Eltern waren zu Kriegszeiten auf die Insel geflüchtet. Leider hatte es nichts genützt – sie waren zwar den Bomben über Grossbritannien entflohen, aber bald zu Gefangenen der Nazi Besetzung geworden.

Sie arbeitete lange in der Charity Bewegung, organisiert allerlei soziale Engagements, die es hier zahlreich gibt und kümmert sich leidenschaftlich gerne um ihren riesigen schönen englischen Garten, den ich inzwischen bewundern durfte, dazu noch die Familienmitglieder, die Hunde all ihrer Freunde und sie geht etwa 350 Tage im Jahr jeden Tag hier baden. Ich amüsierte mich, als sie mir sagte, man dürfe sich am Morgen gar nicht erst anziehen, dann wäre es gleich vorbei mit dem Vorsatz, vor dem Frühstück schwimmen zu gehen.

Micky ist fünf Jahre älter, eine Dame mit langen weissen Haaren, die sie in einem Dutt zusammenhält. Das Spannende: Sie hat unzählige silberne Ketten um den Hals, trägt schrille Badeanzüge und hat trotz ihrem hohen Alter eine ausladende Tätowierung auf dem Rücken, die sie vor wenigen Jahren machen liess. Ich schmunzle, als sie mir sagt die Tattoo Künstlerin hätte „Wellenbewegungen“ beim Stechen machen müssen, weil sie schon so verschrumpelt sei. Ich war gleich schockverliebt in diese Hippiefrau, die jeden Morgen hier mit Charlotte schwimmt. Sie kam in den Achtzigern auf die Insel. Der Liebe wegen. Die Liebe blieb nicht, sie schon. Sie ist eine Metallkünstlerin sagt sie mir. Richtig ist: Sie macht umwerfende Skulpturen, mit Schweissgerät und schwerem Werkzeug. Nicht mein Ding. Aber wie cool diese Frau ist! In jeder Hinsicht! Sie macht was sie will. Schon immer. Jetzt erst recht, denn sie sagt: Es käme ja nicht mehr drauf an, irgendwem zu gefallen, also könnte sie auch gleich tun, wozu sie Lust hat. Für ihre fünf Enkel ist sie eine Heldin, für mich auch. Weil sie aussergewöhnlich und ein bisschen verrückt aber durch und durch liebenswert ist. Gestern habe ich einen ganzen Nachmittag mit ihr verplaudert und wir haben uns Anekdoten aus unserem Leben erzählt, fast bis die Sonne unterging. Was für eine herrlich dynamische und eigensinnige Frau!

Jeden Morgen trabe ich nun hinunter in die Bucht und warte auf das kleine, altersschwache Auto, das die beiden bringt. Dann klettern wir gemeinsam die umtoste Treppe hinunter und unterhalten uns, während wir bis zur Boje und zurück schwimmen. Letzte Woche war es so windig, dass mich ein bisschen der Mut verliess, es ist so unglaublich anstrengend gegen die hohen Wellen anzuschwimmen. Ich schaffe das nicht so stromlinienförmig wie Micky. Trotzdem müssen wir ja schnell sein, weil das Wasser eiskalt ist und uns schnell auskühlt. Dann ruft sie mir in ihrem lustigen rustikalen Englisch zu: „Come on Maren, you old cookie! Let’s rumble these old bones to get back!“

Inzwischen kenne ich die ganze Bande hier jeden Morgen, sie sind alle super nett und lustig und stehen nach dem Morgenbad gerne noch mit einem Tee in der Hand zusammen und feiern das Leben. Sie sind alle Rentner und haben Zeit. Ich stelle mich dazu und wünsche mir, für immer dazu zu gehören.

Bald geht es weiter. An den noch kälteren Atlantik. Ins grüngrüne Irland. Da wartet das nächste Abenteuer.


Ach – es ist schon so: La vie est belle – Das Leben ist schön!

Vom Rhythmus

Noch nie hatte ich so viel Regen auf Jersey. Auch nachts trommeln die Regentropfen auf das Dachfenster über mir. Ich könnte mich jetzt einkuscheln und das geniessen, das werde ich wohl gleich wieder tun, dann in ein paar Stunden in den eiskalten Atlantik springen und den Tag neu anfangen, in der Hoffnung, dass die Sonne wieder kommt. Und das wird sie auch. Laut Wetterbericht gegen Mittag.

Was mich dazu bringt über Neuanfänge – oder Anfänge ganz im Allgemeinen nachzudenken.

Vielleicht genau das richtige Thema wenn man in den nächtlichen Himmel, in die Astronomie schaut. Laut dem Kalender hatten wir gestern eine Tagundnachtgleiche. Die zweite in diesem Jahr. Am 21.3. wendete sich die Sonne und begann, jeden Tag mehr Licht ins Dunkel zu bringen. Eine Frühlingstagundnachtgleiche birgt immer viel Hoffnung auf Wachstum, auf das was das Jahr an Gutem entstehen lassen möchte. Frühlingsbeginn heisst für viele: Nach einer langen Zeit der Dunkelheit wieder sehen, dass sich jeden Tag nun das Licht vermehrt.

Die Herbsttagundnachtgleiche hingegen eröffnet eine Saison der Dunkelheit. Von jetzt an wird es jeden Tag dunkler, der Zenith ist überschritten, es geht in die Nacht, jeden Tag werden die Sonnenstunden weniger bis zum Talpunkt am 21.12., den Tag der Wintersonnenwende.
Die Tagundnachtgleichen sind die Tage, an denen sich Sonnenuntergang und Sonnenaufgang etwa genau 12 Stunden voneinander entfernt angleichen. Während wir im Frühling oftmals jubeln weil nun das Licht wieder zurück kehrt, wird es im Herbst schwerer, jetzt ist es wichtig, sich zurück zu ziehen. Drinnen mehr und mehr Lichter anzuzünden und die Wärme im Innen statt im Aussen zu suchen.

Dieses Jahr ist alles ein bisschen anders, wir haben an diesem Herbstbeginn auch noch Neumond und eine Sonnenfinsternis. Ich lese, dass es eine besondere Zeit der Neuanfänge ist und auch ich lasse mich darauf ein, weil ich Anfänge liebe. Weil ich es seit je her feiere: Diesen Rhythmus der Natur, der uns aufzeigt, wohin unsere äussere – und oft die innere, genau parallel – Reise gehen wird.

Jetzt also: Rückzug. Es wird draussen wieder kälter. Gehen wir mit der Natur, dann ist es jetzt Zeit, die Ernte des Jahres einzufahren. Die Schätze zu sammeln. Die Fülle zu feiern. Den Keller zu füllen mit den Zeichen, dass es ein gutes Jahr war. Nicht nur wegen der Früchte, die wir im Garten gesammelt haben, sondern vor allem das zusammen zu tragen, was uns das Jahr Schönes gebracht hat. Die Dankbarkeit zu fühlen, für die Geschenke des Jahres. Das wird uns den Herbst (hoffentlich einen goldenen Oktober) und auch den Winter über wärmen.
Und wie leicht wäre das: An unseren Händen, an den zehn Fingern abzuzählen, welche Geschenke wir bekommen haben dieses Jahr.

Ich werde wohl mehrere Hände brauchen denn es war bislang ein grossartiges Jahr und ich bin, wie eine Goldmarie im Märchen, bereit mein Kleid auszustrecken und die nächsten Sterne zu sammeln, die vom Himmel fallen. Denn bald geht es auf die grüne Insel Irland, die aufgrund der intensiven Regenfälle genauso saftig und tropischfeucht duften wird wie gerade hier die kleine Insel im grossen Meer.

Vielleicht bist Du bereit, einmal inne zu halten und wahrzunehmen, was es an Wertvollem in Deinem Leben dieses Jahr gegeben hat. Was Du neu beginnen kannst und magst. Wozu Du jetzt neu aufbrechen möchtest. Was Deinen Winter wärmen wird.

Und wenn es Dir schwer fällt, das Offensichtliche zu sehen, dann lass Dich von dem angehängten Video dazu einladen, das Leben zu feiern. So oder so: Es bleibt jeden Tag neu ein Wunder.

Ach, hatte ich es schon erwähnt?

La vie est belle – Das Leben ist schön.