Paartanz

Das Paar sass in meiner Blickrichtung und fiel mir gleich auf, als ich ein Auge auf sie warf. Sie eine ältere Lady mit Minirock und geflochtenen Zöpfen und er ein älterer Herr, fein angezogen und mit einer schönen Ausstrahlung. Immer wieder versuchte er, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Hielt das Gespräch am laufen, schmeichelte ihr und fragte sie vieles. Sie antwortete sehr kurz. Er legte den Kopf schief, lächelte sie an, streckte hin und wieder seine Hand zu ihr hinüber. Nur ein einziges mal durfte er ihre Hand kurz halten, dann zog sie sie wieder zurück und liess ihn alleine in seinem Bemühen. Ich sah ihn schrumpfen, seine Schultern gingen nach unten, die Körperspannung zog sich zurück. Ganz offenbar zeigte seine Begleiterin ihm die kalte Schulter. Mich machte das irgendwie traurig.

Warum, fragte ich mich, haben Frauen irgendwann mal aufgehört, sich dem Mann anzuvertrauen? Warum soviel Widerstand und Zickerei? Es war nicht das erste Mal, dass ich beobachtete, dass Männer so oft ins Leere laufen. Frauen haben inzwischen Schwierigkeiten sich anzuvertrauen, geschweige denn schaffen sie eine Hingabe, die das gemeinsame Schmelzen möglich machen würde. Wie schade. Ich weiss nicht, wann und wer das angefangen hat: Das Verweigern. Waren es zuerst die Frauen, weil sie ihre eigene Stärke und Unabhängigkeit nicht mehr mit dem Partnerschaftsverhalten überein bringen können? Oder waren es die Männer, die das Interesse verlieren wenn nichts mehr von den Frauen zu erwarten ist? Wie schade. Der Paartanz hat gelitten in den letzten Jahrzehnten.

Die kleine Szene liess mich nachdenklich werden, über die Beziehungen (was für ein entsetzliches Wort Be-zieh-ung) von mir und meinem Umfeld. Auch von meinen Coachees. In ganz vielen Verbindungen sehe ich das: Dieses Ringen und Kämpfen und Verhandeln und Konkurrieren. Statt das gemeinsame Schmelzen und Unterstützen, Umgarnen und miteinander schwingen. Und dabei bräuchte es nur eins: Fortwährende gegenseitige Be-wunderung. Also: Das Wunder im Anderen sehen. Das, was ist, als wertvoll ansehen. Den Nächsten als kostbare Ergänzung sehen: Als eine Bereicherung, Inspiration, als Spiel-und Tanzpartner. Wenn das jeden Tag des Zusammenseins stattfinden würde, dann wären zwei eins. Dann wäre ein Paar ein Paar und nicht zwei Menschen, die zufällig am selben Tisch sitzen. Alle, die das nicht mehr machen möchten, sollten sich um ihrer Selbst willen und zum Wohle des Partners einfach fair loslassen. Um dann mit einem anderen zu tanzen.

Gerne wäre ich zu dem Paar an den Tisch zurück gekehrt und hätte mich eingemischt. Aber das stand mir nicht zu. Schlussendlich war es nicht sicher, ob ich das richtig gedeutet hatte. Vielleicht waren sie Geschwister oder sie hatten gerade vorher gestritten und das Zicken gehörte zum Versöhnungsspiel. Oder sie waren dabei sich zu trennen. Oder sie hatten einfach einen schlechten Tag. Was ich aber gerne gesagt hätte: Wie schön es zu beobachten gewesen war, wie er sich um sie bemüht hatte.

Im Weitergehen fielen mir dann doch noch ein paar Paare auf, die miteinander waren statt allein. Hier in Frankreich blüht die Liebe immer besonders schön. Ich sah einige Paare Hand in Hand. Im Anschluss an diesen Blog habe ich die Fotos zugefügt. Wie war das schön zu sehen, das gemeinsame Laufen, den Gleichklang, die Zugewandtheit. Händchenhalten habe ich immer gemocht. Und wenn ich überhaupt irgend etwas vermisse bei meinem Free-Solo-Tanz dann das: Einander die Hand halten.

Ich glaube, der nächste der dauerhaft meine Hand hält und mit dem ich mich gegenseitig bereichern kann, könnte mich glatt zum Dahinschmelzen bringen. Aber das ist dann vielleicht ein späterer Blog, den ich noch erzählen darf.
Solange bleibe ich – überaus amüsiert und glücklich: Eine Geschichtenerzählerin auf Beobachtungsposten.

Denn: La vie est belle! – Das Leben ist schön.

Im Transit

In der vergangenen Woche sass ich oft in Flugzeughallen, ich wollte von meiner Insel nach Ostfriesland reisen und das hiess: Dreimal fliegen und immer wieder warten. Während ich also die langen Flure durchquerte und in den diversen Lounges meine Beine streckte, betrachtete ich die Menschen, die dort mit mir warteten. Es waren sehr viele, sehr unterschiedliche Exemplare von Reisenden und es war sehr spannend, sie zu beobachten. Ich begegnete einer Gier, die mich von früh an angetrieben hatte: Der Neugier.

Wieviele Gesichter begegneten mir! Meistens sehr freundliche Exemplare im vereinigten Königreich. Und dann ein bisschen griesgrämigere auf deutschem Boden. Aber: Es war ein herrliches Gewusel aller Altersklassen, Geschlechter und Nationalitäten. Und jeder trug eine ganz eigene Geschichte, die mich oft interessiert hätte. Wie gerne wäre ich mit einigen ins Gespräch gekommen. Aber es begegnete mir auch hier wieder ein Phänomen: Menschen sitzen ganz nah beieinander. Aber sie reden nicht. Auf eine eigenartige Weise bleiben sie doch isoliert.Ich frage mich, ob es eine Gewohnheit ist, die irgendwann entstanden ist, dass wir uns nicht mehr mitteilen sondern in andere Ablenkungen versinken.

Auf einem der Flüge traf ich eine charismatische Opernsängerin, die ich wiedererkannte. Ich hatte vor einiger Zeit ein Album mit ihrer grossartigen Stimme gehört. „You drive me crazy Mozart“, von Golda Schultz. Leider hatten wir nicht viel Zeit für einen Austausch. Zu gerne hätte ich sie ausgequetscht – und vor allem gerne gewusst ob sie schon einmal für Sir Simon Rattle gesungen hatte….

In einem anderen Flug sass eine grosse, magere Dame neben mir, die hektisch im Bordprotokoll die Sicherheitsanleitungen studierte. Auf meine Einladung, sich mit mir zu unterhalten wurde sie etwas brüsk und verschloss sich. Und im letzten Flug sass ein interessanter rothaariger Mann neben meiner Schwester, den ich gerne ausgefragt hätte. Aber er schloss schnell die Augen oder schaute aus dem Fenster.

Als kleines Kind, ich war vielleicht 8 Jahre alt, wusste ich schon, was ich einmal werden wollte „wenn ich gross bin“: Fragerin. Ich wollte hemmungslos jeden alles fragen dürfen und aus den Menschen die spannenden Geschichten herauskitzeln. Das hätte eine Journalistin werden können… (es war natürlich am liebsten der Beruf des Enthüllungsjournalisten, weil die Geheimnisse mich reizten). Oder Seelsorgerin, weil mich die Verzweiflungen der Menschen interessierten und auch deren Sehnsüchte. Oder eben Psychologin, weil ich die Menschen nicht nur ausfragen, sondern auch reparieren wollte. Und diese Neugier ist ungebrochen, ich habe sie am Flughafen wieder entdeckt. Wie gerne hätte ich hier ein paar Perlen eingesammelt. Aber auch ich kapitulierte irgendwann und steckte mir die Airpods in meine gierigen Ohren und hörte stattdessen einen spannenden Podcast. („Hotel Matze“, sehr zu empfehlen)

Und dann sammelte ich doch noch zwei Geschichten ein. Mir begegnete ein älterer Mann, der ein reiches Innenleben hatte. Ganz natürlich und schön kam es zu einem Gespräch, in dem er ein bisschen sein buntes Potpourrie vor mir ausbreitete. Wir plauderten über seine früheren Leidenschaften, er war in seinen frühen Jahren gerne in die Schweiz gereist um Ski zu fahren und sprach begeistert von langen kalten, schneereichen Wintern. Als seine erste Ehefrau sich das Knie verdrehte, musste ein neues Hobby gefunden werden. Also ging es aufs Wasser und wir sprachen begeistert über das Segeln. Schnell fanden wir heraus: Wir hatten beide unseren Segelschein auf dem holländischen Ijsselmeer gemacht. Wir lachten bei der Erinnerung, dass wir manchmal mit herrlich viel Rückenwind hinaus gesegelt waren, uns die Rückkehr in den Hafen aber äusserst schwer viel, weil nun der Wind gegen die Segelboote stand. Er sagte sehnsüchtig: Nirgendwo sonst war ich so glücklich und entspannt wie auf dem Wasser, wenn der Wind uns die Wellen brachte und die Naturgewalten spielen konnten.

Der wunderbar trockene Ostfriese erzählte von früheren Träumen und Abenteuern. Ich konnte noch das Glitzern in seinen Augen sehen. Aber ich sah auch: Die Müdigkeit eines langen Lebens. Ein bisschen Traurigkeit und auch das Verschliessen des Zugangs zu seiner Herzens-Schatzkammer. Manche Menschen werden im Alter ruhig. Nun könnte man meinen: Weil alle Worte aufgebraucht sind. Weil man sich eben schon inflationär verschenkt hat. Weil man müde geworden ist. Ich möchte lieber denken: Weil man jetzt gerne nach innen sieht – und in den Palästen der schönen Erinnerungen spazieren geht und nichts mehr dazu fügen möchte.

Eine andere schöne Begegnung war unser Fahrer in London. Was für ein herrlicher und attraktiver Mensch. Seit dreissig Jahren lebt er als gebürtiger Kosovare in der englischen Hauptstadt, hat inzwischen einen britischen Pass, spricht ein schönes und akzentfreies Englisch. Er erzählte uns von dem Leben im Königreich, dass er Royalist ist, früher als Küchenchef gearbeitet hat und jetzt gerne eine schöne luxuriöse Limousine fährt. Jeden Sommer, so erzählt er, fährt er mit dem Auto zurück nach Pristina und tankt Heimatgefühle. Er erzählt schnell und schön und teilt gerne, fragt uns ein bisschen aus, ein wunderbar leichtfüssiger Dialog entsteht. Was mir geblieben ist: Er erzählte auch von Begegnungen mit seinen Gästen und – dass er von fast allen etwas lernt.

So bin ich dann doch noch befriedigt mit meiner Bilanz der letzten Woche. Eine Menge namenlose und distanzierte Menschen gesehen. Ein paar fragwürdige Persönlichkeiten gestreift. Einige Lächeln. Die norddeutsch noble und auch die norddeutsch distanzierte Spezies gesehen. Und zwei Perlen gesammelt in meine Schatzkammer.

Reisen öffnet Horizonte. Und: ich bin immer noch neugierig. Wie herrlich. Es könnte sein, ich mache das beruflich noch ein bisschen länger. Denn:

La vie est belle – Das Leben ist schön.

Schach und Matt

In der vergangenen Woche hatte ich einen schönen Menschen hier auf Jersey. Ich habe meine Reise ein bisschen pausiert und mal wieder gearbeitet. Die Woche vor ihm war auch eine Perle da, aber ich lasse sie in ihrem schönen Küsten-Nebel unerwähnt, weil sie sich so am besten bewegen kann.

Nun also der Schattenmann. Ich nenne ihn hier mal „Pi“. Seine Geschichte ist bemerkenswert. Seit ich ihn vor vielen Jahren kennenlernen durfte, versuchte er mir einzureden, dass er „ganz schön bösartig sein könne“ und ich nur seine warmherzige Seite kenne, die er angeblich nicht sehr oft auslebte. Aber ich habe ihm das nie geglaubt. In den vielen Jahren meiner Arbeit habe ich gelernt, den Illusionen nicht zu lauschen, sondern den Menschen nackt zu sehen. So gerne sehe ich den Menschen hinter ihre Masken, ganz egal wie gut getarnt sie sind. In Pi’s Fall sah ich eine feine Seele. Tiefe, Traurigkeit und auch viel Liebe.

Dass Pi oft ausrastete hatte Gründe. Es war eine Sprache, die er seit Kleinkindalter gelernt hatte. Nachdem er als Stammhalter geboren und sehr willkommen war, wendete sich das Blatt leider zu schnell. Der Vater verfiel dem Alkohol und dem Glücksspiel und war für die Familie wenig präsent. Und ausserdem hagelte es dem kleinen Jungen gegenüber Vorwürfe, weil er eben nicht so war, wie der Vater es sich gewünscht hatte. Schliesslich fing auch die Mutter mit dem Streiten an. Pi stand dazwischen, musste aushalten, brav sein, mitspielen und die Attacken der beiden gegeneinander über sich ergehen lassen.

Er flüchtete – zuerst ins Bett und damit den Schlaf, also die Lethargie. Und schliesslich in die Ohnmacht, die in ihm einen riesigen Schmerz verursachte. Den Schmerz betäubte er dann wiederum mit Aggression. Pi rastete oft aus, weil es zu gewaltig wurde, den Schmerz in sich hinein zu schreien. Schon bald vermisste er echte Nähe. Authentisches Sprechen über Gefühle. Ein unguter Kreislauf aus Ver-schweigen, sich zurück ziehen und distanzieren, Kälte und Streiten nahm von ihm Besitz.

In der Folge vermauerte sich Pi immer mehr. Er liess niemanden nah an sich heran, versuchte die Nähe einzig im Sex. Hatte viele Liebschaften, lebte intensiv und leidenschaftlich. Und klug war er. Als Kompensation zu dem verlangten Männerbild seines Vaters kultivierte er seinen scharfen Geist, wurde ein Schachmeister und kletterte die Karriereleiter unangestrengt nach oben. Alles hätte gut gehen können, wenn er nicht immer diese innere Einsamkeit mit sich herum getragen hätte. Und wenn es die jähzornigen und vulkanischen Ausbrüche nicht gegeben hätte, die ihm seine Beziehungen zerstörten.

Vor einigen Jahren also machten wir die ersten Sessions miteinander. Die Symptome wurden geheilt, die Wurzel allen Übels aber schwelte weiter und nun war er bereit, sich auf Leben und Tod vollständig einzulassen. Ich musste schmunzeln, als er mir bei seiner Ankunft sagte, er habe eigentlich keine grossen Erwartungen, er sehe den Trip einfach als eine Art Erlebnisferien. Er wusste nicht, was ihn erwartete, ich schon.

Und so ist er dann auch aufgebrochen auf seine Reise. Im wahrsten Sinne des Wortes: AUF – GEBROCHEN. Nach einigen milden ersten Stunden ging es bald zur Sache und nun war er in der Lage, sich komplett dem Prozess hinzugeben. Wir lachten extrem viel über seine klugen Ausweichmanöver. Ein bisschen war es wie Schachspielen zwischen uns. Er war sich siegessicher, ich auch. Ich durchblickte seine Bewegungen und seine klugen Moves. Und irgendwann dann durften auch die Tränen fliessen, die Wut in Rage explodieren und die neue Richtung eingeschlagen werden.

Kein Schicksal ist für immer. Wir müssen nicht mit dem Trauma als Drama weiterleben. Wir können auch abspringen aus Mustern, denen wir schon jahrzehntelang blind folgen. Der Autopilot muss ausgeschalten werden. Pi ist aufgebrochen in ein Leben, in dem er authentisch sein kann, seine wahren Gefühle fühlen, benennen und aussprechen. Endlich kann er sich ganz geben, sich mitteilen und sich der Welt schenken. Was für ein Vergnügen war es, ihm bei seiner Ent-faltung zuzusehen.

Und wie reich beschenkt bin ich mit meiner Arbeit auf der schönsten Insel im Ärmelkanal.

Ach, hatte ich es schon erwähnt? La vie est belle – Das Leben ist schön.

Sweet little Lieblichkeit

Das Bild geht mir nicht mehr aus dem Kopf und wiederholt sich in Endlosschleife in meinem flachen Schlaf. Ich war am winzigen Flughafen auf Jersey und beobachtete, dort meinem nächsten Besuch entgegen freuend, die Ankommenden. Die kleine Ankunftshalle hat wenig zu bieten, kaum je mehr als 20 Menschen warten dort. Man kann die Schleuse sehen, aus der die ankommenden Passagiere kommen, nachdem sie ihr Gepäck vom einzigen Gepäckband geholt haben. Da die Menschen auf dieser Insel, meinem Gefühl nach, ganz besonders liebenswert sind, sieht man allerlei herzliche Szenen und hört schöne Worte, die sie einander laut zurufen, noch bevor sie sich allesamt in die Arme schliessen. Ich muss dort immer schmunzeln und bin jedesmal beglückt. Nicht nur weil ich dort selbst ausnehmend schöne Menschen abhole, sondern auch über all die Szenen, die ich dort beobachte.

Ich beobachtete einen langhaarigen coolen Surferboy, den seine Mam abholte die er warmherzig umarmte, alte Menschen, die sich in die Arme fielen weil sie froh waren begrüsst zu werden, Kinder die ihrem Papi entgegen sprangen, ein junges Paar, die sich nicht mehr loslassen wollten.

Und dann eine wirklich schöne ältere Dame, vielleicht in ihren Siebzigern. Schon vor der Ankunftshalle war mir ein dazu passender Herr aufgefallen, der super attraktiv war. Er fuhr seinen BMW Cabrio schnittig auf den Parkplatz und stieg mit einem riesigen Lächeln aus. Ich schaute ihn an, weil er so eine tolle Ausstrahlung hatte. Und dann kam seine Lady durch die gläserne Schleuse. Sie fiel mir vor allem auf, weil sie einen fantastischen Haarschnitt hatte und ihr Körper trotz des Alters noch eine schöne Grundspannung zeigte. Und sie war chic angezogen, stilvoll und lässig. Sie sahen einander. Die Lady liess ihre Tasche los und sprang auf ihn zu. Er war sehr gross und schlank, sie etwa 20 Zentimeter kleiner. Ich musste ein bisschen schmunzeln, als sie die Arme nach oben streckte während sie schnell auf ihn zulief. Dann, mit einem Satz, sprang sie ihm in die Arme und wickelte ihre Beine um seine Hüften und er hielt sie lachend. Setzte sie anschliessend sanft auf den Boden auf und nahm selbstverständlich die Tasche in die eine Hand und seine Liebste in den anderen Arm. Sie gingen beschwingt aus der Halle. Ich musste mir ein paar Tränchen weg tupfen. Ich liebe es, die Liebe zu sehen.

Es bewegte mich und ich dachte einmal mehr, wieviel Liebe hier auf dieser kleinen Insel im grossen Meer gefunden werden kann. Jeden Tag sehe ich hier skurile und kleine wunderbare Szenen und erlebe wirklich Menschlichkeit. Einen Tag vorher noch hatte ich wieder einmal erlebt, wie aufmerksam Menschen hier miteinander umgehen. Ich war vom Strand gekommen und auf dem Slipway war viel Sand geweht worden. Da meine lädierte Hüfte mich ein bisschen steif werden lässt ging ich langsam und vorsichtig über den rutschigen Untergrund. Sofort sprangen zwei Männer, die gerade von der anderen Seite kamen, auf mich zu und gaben mir Hand und Arm und zogen mich auf den sicheren Asphaltweg. Ich bedankte mich überschwänglich und der eine freundliche Zeitgenosse sagte, dass sei ein Akt der „Gentleness“ und eine Selbstverständlichkeit, das zu tun.

Die ganze Insel ist hier voller Liebe. Und das sehe ich nicht das erste Mal. Es lässt mich immer wieder zurück kommen. Ich geniesse es, hier Mensch unter Menschen zu sein. Die vielen liebevollen Worte zu hören. Die „Süssigkeit“ in der Sprache. Hier sprechen Menschen noch in Telefonzellen, feiert man die Flut mit hoch gestreckten Armen, bedankt man sich für alles, was einem Gutes wiederfährt (auch bei allen Menschen an der Kasse, dem Parkwächter, dem Passanten der einem Platz macht), man spricht sich mit „love“, „darling“ und „sweetheart“ an, ganz natürlich und in allen Altersgruppen. Und man macht sich Komplimente, einfach so, beim Vorbeigehen. Am Morgen, manchmal am Abend, treffe ich eine kleine Gruppe ältere Ladies, mit denen ich in den eiskalten Atlantik springe, immer quiekend wegen dem Kälteschock und immer frisch fröhlich.

In der vergangenen Woche sass ich einmal auf einem kleinen Mäuerchen am langen Strand und beobachtete versonnen die Szenerie. Es waren viele Menschen unterwegs am Strand, sassen zusammen, Kinder spielten. Klappstühle waren aufgeklappt worden, Gläser in der Hand, die Menschen kamen zusammen und sprachen miteinander. Weit und breit niemand zu sehen der sein Smartphone vor der Nase hatte. Drachen steigen in den immer windigen Himmel. Jugendliche spielen Fussball, Hunde rennen sich nach, während die Frauchen lachend schwatzen. Ich sass auf meiner Mauer und schmunzelte und lachte beglückt mit. Da lief ein älterer Herr an mir vorbei, sah mich an und sagte „Hello my love, I wish you a good afternoon“. Natürlich habe ich das gerne erwidert. Er lief weiter, ich sass weiter und beide hatten wir ein gutes Gefühl, weil wir einander begegnet waren.

Der kleine Kosmos hier auf Jersey dreht sich um Begegungen. Die Welt ist noch heil. Ich könnte ewig bleiben.

Denn hier mehr als irgendwo anders auf der Welt und auch auf meiner Reise um die Welt sehe ich es: La vie est belle – Das Leben ist schön.

George und Harriet

Diese beiden „lovebirds“ sitzen jeden Tag im botanischen Garten und lesen Bücher aus der Bibliothek. Sie sind mir gleich aufgefallen als ich meine Freundin Maria in Samares Gardens besucht habe. Das Paar sitzt dort, hat eine Thermoskanne mit Tee bei sich, belegte Brote und ihre Bücher. Harriet liest Liebesromane und historische Familiengeschichten, George Geschichtsbücher und Kriminalthriller. Sie sitzen fast den ganzen Tag dort, haben eine Jahreskarte, sitzen zwischen Rosenbüschen und in lauschigen Ecken in der chinesischen Gartenanlage.

Auf mein Ansprechen hin erzählten sie, dass sie schon über 80 sind und seit mehr als 60 Jahren ein Liebespaar. Das war keine hohle Phrase, es war eine grosse Zärtlichkeit zwischen den beiden, mehrmals strich George seiner Liebsten über die faltige Wange, stiess sie ein bisschen an beim Aufstehen und hielt ihr den Arm beim Hinsetzen. „Die Athrose“, so sagte er, sei ihr einziger Feind beim Älterwerden.

George wurde auf der Insel geboren, noch während des Kriegs. Mit einem Schmunzeln erzählt er, dass die Eltern während der deutschen Besetzung wohl Langeweile gehabt hätten und in den letzten Jahren des Kriegs viele Kinder geboren wurden. Während der Besetzung war Ausgangssperre, die Insulaner mussten jeden Abend und vor allem die Nacht in den Häusern verbringen, elektrisches Licht oder gar Versammlungen waren verboten, die meisten Pubs geschlossen. So entstanden viele Kinder, auch diese beiden hier, die so gerne leben und auch gerne auf ihr schönes Leben zurück sehen.

Es sind keine reichen Menschen, auch wenn sie jetzt auf dieser wohlhabenden Insel leben. George hat sein Leben lang im Hafen gearbeitet, Harriet war Lehrerin. Sie sind gebildete und vor allem herzliche Menschen, die sehr aufeinander aufpassen und jeden Tag mit Sonne draussen verbringen wollen. Dann ziehen sie los, mit ihren Büchern und dem warmen Wolltuch, dem Essen aus dem mitgebrachten Korb. Eigentlich sei Picknicken im botanischen Garten verboten sagt Harriet, am Anfang haben sie das heimlich gemacht (sie giggelt ein bisschen und zeigt wie sie heimlich in ein Brot beisst). Inzwischen sind sie ein bisschen wie eine weitere Attraktion im Park geworden, weil sie so herrlich schrullig und altmodisch sind und Menschen sie gerne bestaunen und wie ich, fotografieren und ansprechen.

Beide lesen für ihr Leben gern. Aus ganz unterschiedlichen Gründen. Harriet lässt sich gerne verzaubern und in ferne Länder oder fremde Kulturen versetzen, liebt Liebesgeschichten, will mitschwärmen und schmelzen. George verdreht amüsiert die Augen, als sie mir davon erzählt. Sie sagt, in einer Welt, in der alles nicht so heil wäre, würde sie gerne ein bisschen Zuckerguss in den Büchern geniessen und eine Weile davon träumen, dass die Welt so ist wie in den Romanen.

George las anfang,s weil er ein grosses Interesse hat für Geschichte und alles wissen wollte, wie sich die Dinge entwickelt haben. Dann brauchte er auch noch ein bisschen, wie er sagt „männliche Aufregung“, also Heldenepos und Herzklopfen.

Manchmal streiten sie ein bisschen wenn einer schon nach Hause zurück möchte und der andere noch ein Kapitel hat und es gerade so spannend ist. Dann machen sie Kompromisse. Einer vertritt sich schon die Beine, schaut ein bisschen im Park herum oder wäscht sich die Hände, der andere muss sich ein bisschen beeilen damit sie zusammen nach Hause gehen können. Sie wohnen in der Stadt, es ist ein gutes Stück zu gehen und neuerdings müssen sie ab und zu mal absitzen auf dem Weg, weil es etwas schwierig geworden ist, die ganze Strecke auf einmal zu schaffen.

Ich frage sie, was das Geheimnis ihres langen Lebens, ihrer schönen langen Ehe ist. „Humor“ sagt George, sie können über alles lachen, manchmal denken sie sich Stories über die Menschen aus, die sie im Park antreffen und dann kommen absurde Twists heraus, Kapriolen und unmögliche Wendungen. „A little bit Edgar Allen Poe is in everone of us“ sagt George. Sie schmunzeln. George schaut mich an und sagt: „Wenn ich mir eine Geschichte über Dich ausdenken müsste Maren, dann wärst du entweder eine geheime Blumenflüsterin oder eine Agentin, die mit Geheimnissen handelt“… Ich muss nun auch lachen. So weit weg ist er bei der zweiten Vermutung nicht…

Harriet’s Antwort auf das lange glückliche Leben heisst „Zärtlichkeit und Hingabe“. Sie hält seine Hand, er schaut sie liebevoll an. Am liebsten würde ich nun zu meinem Auto gehen, einen Klappstuhl holen und den Nachmittag mit den beiden hier verbringen. Oder sie zu Maria in den Teegarten einladen zu Cream-tea und einem Glas kühlen Weisswein. Aber ich entscheide mich trotzdem zu gehen. Das schöne lange Leben mit Poesie und Zusammengehörigkeit macht mich melancholisch. Ich bin spontan verliebt in die beiden und beschliesse, bald wieder in den Botanischen Garten zu gehen um sie zu sehen.

Es sind diese Begegnungen, die Jersey zu meiner Wahlheimat machen.

La vie est belle – Das Leben ist schön.

Sebastian

Sebastian war schon immer verrückt nach dem Meer. Seine Mom Lauren erzählte mir, wie er schon als Zweijähriger wenig Interesse für die Sandförmchen und Schäufelchen hatte, die sie mit zum langen Strand nahm. Statt dessen warf er sich mit dem Bauch auf den nassen Sand und ruderte … sein Dad missverstand das und hob ihn hoch um mit ihm Flieger zu spielen, er solle doch nur seine kleinen Ärmchen ausbreiten, dann könne er fliegen. Aber Seb schrie aus Leibeskräften, bis der Vater ihn wieder auf die Beine stellte. Sofort liess er sich wieder auf seinen kleinen Babybauch fallen und ruderte.

Erst ein Jahr später verstanden die Eltern: Der Kleine wollte paddeln, auf dem Bauch liegend. Sie kauften ihm sein erstes Swimming Board. Er lernte schnell. Schon bald danach schwamm er. Und er wollte immer an den Strand. Sein liebstes Wort war nicht etwa Mom oder Dad sondern „Beach“. Kaum angekommen rannte er los. Aber: Der Atlantik ist nun mal kalt und die Brandung auch nicht ungefährlich. Es war anstrengend für die Eltern, den Kleinen ständig zum Schwimmen zu begleiten. So meldeten sie ihn zur Schwimmschule an. Dreimal in der Woche konnte er nun trainieren, meistens im Lido Havre des Pas. Später aber auch im Meer. Seb wollte alles – schwimmen, surfen, mit dem kleinen „Optimist“ Segelboot segeln lernen. Und er durfte auch alles. Für ihn war klar: Er würde Lifeguard werden. Erst, seit er 14 war, freiwillig, später sollte es sein Beruf werden. Bademeister und Lifeguard, am liebsten immer am Five-miles-Beach in St Ouen.

So oft es ging klemmte er sein Brett unter den Arm und surfte. Seine Clique bestand nur aus Surfern, sie träumten von den grossen Wellen, fuhren ab und zu mit der Fähre über den Kanal und dann an die Hotspots in der Bretagne. Sie lebten den Traum. Als er 19 war liess er sich auf den Rücken „Ripcurl“ tätowieren, den Namen seines Wetsuits. Ich fragte Lauren, ob sie denn nicht Angst gehabt hätte um ihren Sohn, der so riskante Manöver surfte, sich in den wilden Ozean stürzte, mit den Gezeiten spielte. Aber sie fragte mich, welche Art von Mutter sie denn dann gewesen sei, wenn sie wegen ihrer eigenen Angst ihrem Sohn das Liebste genommen hätte, das er hatte.

Es kam anders und jetzt wird es tragisch. Nach einem abendlichen grossartigen Surf mit seinen Freunden tranken alle noch aufgekratzt und glücklich einen heissen Tee und machten ein kleines Barbecue am Strand. Sie feierten, wie so oft, das Leben, die Wellen, den Tag. Ohne Alkohol, aber mit ganz viel Euphorie im Blut. Sie waren jung, wild und bezähmten täglich die Wellen. So sollte es ewig weitergehen. Nachdem es nachtschwarz wurde, räumten sie zusammen, stiegen in ihre Autos. Sebastian fuhr als erster los. Gemächlich, im gechillten Modus liess er sein Auto über die Schotterpiste rollen und wollte nach rechts abbiegen als es zu einem infernalischen Lärm kam. Seine Jungs sprangen aus ihren Wagen und rannten. Von links war ein unbeleuchtetes, gestohlenes Auto gekommen, mit einem betrunkenen Mann, der weder Fahrerlaubnis noch Versicherungskarte hatte. Er war ungebremst ist Seb’s Seite gefahren.

Weil Sebastian so schwer verletzt war, wurde sofort der Rettungshelikopter angefordert und er wurde auf die grosse Insel geflogen, in eine Traumaklinik nahe London. Sie kämpften um ihn. Seine Kopfverletzungen waren dramatisch, es bestand fast von Beginn an keine Hoffnung, dass er nochmals genesen würde. Und so kam es dann auch. Es war schnell klar, dass er es nicht schafft. Sie liessen ihn gehen.

Sie liessen seinen Körper verbrennen und die Asche nahmen die Jungs mit auf den Brettern in den Ozean. Lauren und Stan baten die Freunde, weiter zu surfen, sich das nicht nehmen zu lassen. Es gibt diese Bank am langen Strand, hier auf Jersey, die seine Freunde für ihn machen liessen. Ich sitze da ab und zu eine halbe Stunde bei ihm, dort habe ich auch Lauren kennengelernt. Noch immer ist der Strand wunderbar und mit unendlich vielen Surfern bevölkert. Die Wellen sind bei manchen Sturmfluten haushoch.

Ich muss auch an Ueli Steck denken, diesen verrückten und wilden Speed Kletterer aus der Schweiz. Gestern Abend habe ich eine Dokumentation über ihn auf Netflix gesehen. Er starb bei einem Trainingslauf und wurde nur 41 Jahre alt. Den Abend vor seinem Tod soll er euphorisch und glücklich gewesen sein. Ueli sagte, er hätte lieber einen Moment des wilden Herzklopfens in Gefahr, als hundert Jahre in der Gleichtönigkeit eines langweiligen Alltags.

Ich nenne Menschen, die die Sicherheit dem wilden Leben vorziehen gerne die Bordsteinmenschen. Sie stehen auf dem sicheren Bordstein und verlassen den eingetretenen Weg nicht. Vielmehr fürchten sie die Gosse (in die sie vielleicht treten werden) und vor allem die Fahrbahn, die so viele Gefahren birgt. Das kann man so machen – aber glücklich macht es eben wahrscheinlich nicht. Ohne Neues, ohne das Fremde, das Risiko, das Leidenschaftliche – gibt es keine Entwicklung, keine Kreativität und auch keine Euphorie. Man kann so leben und die allermeisten tun das auch so. Aber es gibt eben auch die anderen, die die Kopf und Kragen riskieren und deren Herz unbändig laut klopft und explodiert und die grossen Höhen der eigenen Belastbarkeit ausreizt.

Was richtig ist?

Lauren hat mir gesagt, sie sei vor allem glücklich für ihren Sohn Sebastian. Weil er die allermeiste Zeit seines Lebens glücklich war. Und auch die letzten Momente seines realen Lebens geliebt und gefeiert wurde. Ich habe sie umarmt und bewundert und ich bin dankbar, dass ich sie kennengelernt habe. Denn: Seit er gegangen ist lebt sie bewusst und liebt ohne Rückhalt. Ihren Mann, die zwei weiteren Söhne und auch die Freunde ihres Sohnes. Inzwischen sind über 20 Jahre vergangen. Aber von ihm bleibt: Lebensfreude. Und – sie surfen alle noch für ihn weiter.

Manchmal ist das Leben bitter. Aber meistens – ist es schön: La vie est belle.

Valerie et Olivier

Da hab ich ja mal wieder richtig viel Glück gehabt! Seit zwei Wochen lebe ich in einem wunderschönen Strandhaus in der Finistere. Als ich es betrat, es war über Air BnB gebucht, war ich gleich verzaubert. Wegen der ganzen Atmosphäre des Hauses, Licht, Raumgefühl und vor allem die Ausstattung. Mit super viel gutem Geschmack eingerichtet und Liebe zum Detail in den kleinen Dingen und Installationen. Ein bisschen fühlte es sich sofort wie mein eigenes Haus an.

Da die Innenausstattung sehr hochwertig ist und die Grosszügigkeit des Grundstücks eher überdimensioniert, war ich überzeugt, dass es einem reichen Anwalt oder Bänker aus Paris gehört, wie so viele Ferienhäuser in der Bretagne.

Nach einer Woche bekam ich dann Besuch von den Besitzern und war wirklich angenehm überrascht: Zwei wahnsinnig nette Menschen, ganz aus der Nähe. Schon ein paar Mal war ich im Grand Café De La Terrasse in Morlaix gewesen, weil es dort so schön ist. Und nun stelle ich fest, dass Olivier dort Chef de Cuisine ist. Wir kamen sofort in ein nettes Gespräch und Valerie und Olivier erzählten mir, dass es schon immer ein Traum für sie war, ein Haus am Strand in Cleder zu besitzen.

Man muss vielleicht dazu sagen, dass es nicht viele Häuser am Strand hier gibt, es ist ein winziger Ort ohne nennenswertes Dorfleben. Die wenigen Häuser direkt am Strand sind handverlesen. Als Olivier aber während Corona hörte, dass eines der Häuser zum Verkauf stand rief er an. Der Verkäufer sagte, er habe schon fünf Menschen, die ganz stark interessiert sind und Olivier sagte, wo es 5 gäbe würde ein 6.ter nicht schaden. Er kämpfte wie verrückt und gewann.

Da während der Pandemie alles geschlossen war, auch seine schöne Brasserie in Morlaix, machte man sich sofort an die Arbeit. Die gesamte Familie … (sie heissen Thomas zum Nachnamen, scheinbar ein gutes Omen, alles Gute hier scheint Thomas zu heissen 🙂 …so wie in meinem letzten Blogpost)… machte sich an die Arbeit. Und das merkt man auch, das Haus ist mit Liebe gestaltet. Hat alte schöne Möbel, oft improvisiert aus alten Holztüren, dazu Industrial Elemente und natürliche Farben und Materialien.

Nun, wir kamen ins Plaudern und lachten und verstanden uns auf Anhieb. So einfache und schöne Menschen, völlig unkapriziös und selbst total dankbar, dass ihnen das Bijou hier gehört. Was mir am allermeisten gefallen hat: Die beiden haben einen schönen Umgang mit einander, mit ihren Kindern, dem Hund – und auch dem eigenen Eigentum. Sie wissen ihr Glück zu schätzen und geben den Schlüssel gerne in die richtigen Hände.

Olivier und Valerie sind ganz normale Menschen, die es mit viel Fleiss und Leidenschaft zu etwas gebracht haben, sie sind ihren Träumen gefolgt und haben daran geglaubt und jetzt pendeln sie zwischen dem charmanten Städtchen Morlaix und ihrem Strandhaus, hier am allerschönsten Strand in Cleder. Ich mag es ihnen so gönnen!

Mit einem grossen Lächeln und dankbaren Herzen werde ich das Haus diese Woche verlassen um weiter zu ziehen. Aber ich weiss jetzt schon, dass ich wieder komme.

Mein Herz hat hier jeden Moment getanzt vor Glück. Und das liegt auch an den so schönen Menschen, denen ich hier begegnet bin.

Nicht umsonst ist meine zweite Herzenssprache französisch. Allein deswegen:

La vie est belle! – Das Leben ist schön

Thomas

Heute hatte ich einen bretonischen Flirt 🙂 Ich war auf dem Markt in Brest und schaute mir das köstliche Gemüse an, während ich das französische Wort dafür überlegte. Da stand ein Hühne von einem Mann neben mir, ein älterer herrlich französischer Mann, der mich spontan ansprach. Es war etwas regnerisch und er fragte mich, ob mir das Wetter etwas ausmacht. Ich verneinte und er sagte: Du siehst ja auch so glücklich aus, das dachte ich mir schon.

Wir trafen uns ein paar Stände weiter erneut. Inzwischen war ihm wohl meine Aussprache aufgefallen und er fragte ob ich Engländerin sei. Das beantworte ich ja immer gerne mit „Ja“, obwohl es nicht stimmt. Aber es ist vor allem in der Bretagne ohnehin nicht möglich, jemandem zu begegnen der ausgerechnet Deutsch spricht.

Wir kamen ins Gespräch, er hiess Thomas und fragte mich, ob ich Marie heisse. Nein, nein? Wie komme er denn darauf? Er sagte ich sehe aus wie eine Marie. (natürlich französisch ausgesprochen). Ich sagte so weit weg sei er da nicht, es sein Maren, auf französisch Marine. Wir lachten und plauderten ein wenig und er machte auch anderen Damen Komplimente. Ich sagte ihm: Hey Thomas, Du bist ja ein richtiger Charmeur. Das freute ihn und er fragte ob ich mit ihm einen Cafe au lait trinken gehe. Na, warum auch nicht? Ich habe gerade so viel Zeit, da kann ich völlig verschwenderisch damit sein.

Wir gingen nach einigen restlichen Einkäufen in ein Bistro und bestellten Cafe et Galette (salzige Crepes) und sprachen darüber, wer wir sind und was wir hier tun…

Thomas kommt aus einer Familie, die seit einigen Generationen mit weissem Thunfisch handelt. Die kleine Manufaktur heisst „La belle Iloise“, sie machen wunderschöne Dosen mit herrlichen Kompositionen an Fischkonserven. Wie oft habe ich diese leckeren Kreationen schon in meinem liebsten Delikatessen Geschäft in Orleans gekauft! Wir kamen schnell ins Fachsimpeln, ich als touristische Geniesserin und er als Spross der Familie, die das Unternehmen gegründet hat.

Thomas ist nur einer der zahlreichen Söhne des Firmengründers, sein Bruder Bernard leitet das Unternehmen und Thomas tingelt. Ich musste schmunzeln, als er mir erzählte dass er sich nicht so benehmen kann, wie seine Familie das von ihm möchte. Davon zeugen auch seine vielen Liebschaften, seine drei Kinder von drei schönen Frauen und seine Wohnsitze, die sich überall auf die Bretagne verteilen. Er ist ein Lebemann, versorgt seine Frauen alle gut, führt mit fast allen noch eine Beziehung, obwohl er inzwischen bald auf die 60 zugeht. Ich habe gestaunt und gelacht, weil er so ein wildes Raubein ist und ich mich in vielem, was er erzählte, wieder erkannte.

Wir sprachen fast zwei Stunden, in englisch und französisch, dessen bretonischer Akzent es mir fast unmöglich machte, alles zu verstehen. Und natürlich versuchte er, auch bei mir zu landen. Wobei ich ihm sagte, dass ich zu alt für seine „Collection d’amoureuse“ sei, was er natürlich nicht hören wollte.

Wie stolz sind die Bretonen auf ihr Department! Mehr als einmal hatte ich schon gehört, dass sie unterscheiden, ob man Franzose oder Bretone sei. Und man könne das auch nicht erwerben, selbst wenn man 30 Jahre hier lebte, man sei eben doch nur ein Franzose der in der Bretagne lebt. Ich erzählte ihm, dass ich nach 30 Jahren in der Schweiz (inzwischen hatte ich ihn eingeweiht) auch nur ein „Papierli-Schweizer“ bin und trotzdem das meine einzige Staatsbürgerschaft ist, immer noch eine „Deutsche“ sei für viele meiner Eidgenossen. Nun ja, man ist eben, was man ist. Wir lachten viel. Das Wort Papierli-Schweizer wollte er dann in Originalsprache beherrschen, wenn er die Geschichte unserer Begegnung weiter erzählen würde.

Im Anschluss an unser vergnügliches Mittagessen schlenderten wir noch durch Brest und ich machte noch ein paar Einkäufe. Er wollte, dass ich immer „Breton“ kaufe, ob das Salz, Milch, Butter oder Frischkäse war – und ich tat ihm gerne den Gefallen, weil ich auch so verzaubert bin von diesem schönen Department am Ufer meines liebsten Meeres.

Er brachte mich zu meinem Auto – ahhh! Ein englisches Auto! Also doch eine Engländerin! Und dann packte er mich und drückte mir einen dicken Kuss auf den Mund. Wie hatte er Glück, dass ich nicht nur Zeit habe, sondern im Moment auch so tiefen-entspannt bin, sonst wäre das nicht so glimpflich für ihn ausgegangen.

Ich verzeihe es ihm. Er hat mich amüsiert. Und es war eine weitere schöne Begegnung.

Denn: La vie est belle! Das Leben ist schön.

Zwischen den Meeren

Ich bin vom einen zum anderen Ende der Welt gewechselt. Und hier, in der Finistere, dem westlichsten Department der Grande Nation, ist es das wirklich: Das Ende der Welt. Stehe ich hier am Atlantik und schaue zum Horizont, dann wäre das nächste Land Amerika. Der Blick geht in die Weite, der Himmel fängt direkt über der Erde an – und meine Wetter-App verrät mir, das ich hier 17m über dem Meeresspiegel lebe.

Als mich der Atlantik zurück begrüsste, tat er das so, wie er es am besten kann: Mit ordentlich viel Wind. Dieses Mal waren es 37 km/h und er kühlte die tatsächlichen 12 Grad auf frostige gefühlte 3 Grad. Ich habe bereut, keine Wollmütze eingepackt zu haben, statt dessen stapeln sich Sommerkleider, Tanktops, Bikini und Sonnencreme und werden im Schrank verwaisen, bis ich weiter ziehe.

So gerne schreibe ich hier im Blog über meine Begegnungen. Und dieses mal ist es wieder eine andere Begegnung. Nicht mit Menschen, die wärmen sich mit einer Bol Milchkaffee in der Hand in ihren Strandhäusern. Nicht mit mir, weil meine Seele nach den 1200km Fahrt noch nicht angekommen ist. Nicht mit dem Land, dessen Sprache ich zu schlecht spreche. Es ist der Atlantik. Aber auch – die Gezeiten. Als ich ankam war Ebbe und Stille. Der Strand war Kilometer weit und breit, der Wind hatte den feinen Sand in Wellen über den Strand getrieben, die Stille war ohrenbetäubend, die Leere fantastisch. Jetzt kommt sie herein die Flut, donnert, sucht sich den Weg, reisst alles mit, nimmt Raum ein. Schon bald werde ich den Strand nicht mehr sehen und die Brandung wird Schaumkronen ans Land spülen.

Ein unglaubliches Schauspiel und jedes Mal frage ich mich: Was mag ich mehr? Die Ebbe? Die Flut? Beides hat seinen Reiz und beides berührt uns, wenn wir dem nachgehen können. Niemand hat das so schön beschrieben wie Anne Morrow Lindbergh in ihrem Buch „Muscheln in meiner Hand“:

„Wir jubeln der steigenden Flut entgegen und wehren uns erschrocken gegen die Ebbe. Wir haben Angst, die Flut würde nie zurück kehren. Wir verlangen Beständigkeit, Haltbarkeit und Fortdauer; und die einzig mögliche Fortdauer des Lebens wie der Liebe liegt im Wachstum, im täglichen Auf und Ab – in der Freiheit im Sinne von Tänzern, die sich kaum je berühren und doch in der gleichen Bewegung sind. Die einzig wirkliche Sicherheit liegt nicht im Soll oder Haben, im Fordern oder Erwarten, nicht einmal im Hoffen. Die Sicherheit liegt allein im lebendigen Bekenntnis zum Augenblick. Denn auch unser Leben muss wie eine Insel sein. Man muss sie nehmen wie sie ist, in ihrer Begrenzung – eine Insel, umgeben von der wechselvollen Unbeständigkeit des Meeres, immerwährend vom Steigen und Fallen der Gezeiten berührt. Man muss die Sicherheit des beschwingten Lebens anerkennen, seiner Ebbe, seiner Flut und seiner Unbeständigkeit.“

Ich mag dieses Aufgeregte, das sich gerade vor meinem Küchenfenster präsentiert. Die Flut, die mit grossen Wellen kommt. Für mich ist der Atlantik der gefährlichste Ozean der Welt. Obwohl der indische Ozean vor ganz kurzer Zeit seine gierigen Hände nach meinem Leben ausgestreckt hat. Die Wellen im Indischen waren während des Sturms haushoch. Aber die meiste Zeit war er glatt und hellblau, harmlos und voll mit bunten Fischen und Korallen. Wie anders ist der Atlantik. Er gilt als der wildeste Ozean, wegen seiner enorm hohen Wellen und ganzjährig der Gefahr von schweren Wirbelstürmen. Der Tidenhub hier in der Finistere beträgt nicht selten bis zu 15 Meter, kommt die Flut herein gibt es viele Surfer, die die grandiosen Wogen ausnutzen um ihre Kapriolen zu feiern. Er hat Kraft, er reisst mit, er spuckt aus, er tobt – und das jeden Tag.

In den letzten Wochen und Monaten habe ich unbewusst einen Ort gesucht, an dem ich eine Weile bleiben möchte. Fernost war es nicht, auch wenn ich wunderbare Menschen getroffen habe und die warmen Temperaturen meinen europäischen Winter vertreiben konnten.

Hier ist er, der Ort. Schmunzelnd habe ich mich gestern gefragt warum ich so weit weg gewesen bin von meinem geliebten Atlantik. Entspricht sein Wesen, seine Radikalität und auch das Unbequeme doch so genau meinem Charakter.

Also, ich feire.

Das Heimkommen. Die Ebbe, die Flut. Das Weite und Ausdehnende. Das Melancholische und die Stille. Die Zurückgezogenheit und das lautstarke Wiederkommen. Das Ein- und Ausatmen. Die Veränderung. Das Unbeständige.

Wo fühlst DU Dich Deinem Wesen entsprechend? Kennst Du den Ort? Lebst Du dort? Suchst Du ihn auf?

Vor allem anderen: La Vie est belle – Das Leben ist schön.

Von den Mächten

In der vergangenen Woche habe ich in interessante Gesichter geschaut und einige kulturelle Einsichten gehabt. Ich betrat ein Museum in einem Wasserpalast in Bali und schaute in stolze und schöne Gesichter ehemaliger Könige. Sie waren die Landesfürsten der einzelnen Provinzen. Diese ausdrucksstarken Menschen möchte ich Dir nicht vorenthalten:

Bali wurde vermutlich um 2.500 v. Chr. besiedelt. Im vierten Jahrhundert nach Christus kamen dann von Java vertriebene Hindus nach Bali, die ihre Religion bis heute dort erhalten haben.

Es folgten viele Jahrhunderte, in denen sich Balinesen und Javanesen regelmässig bekriegten. Im 18. Jahrhundert begannen dann die Holländer sich auf den indonesischen Inseln als Kolonialmacht zu etablieren, wobei sich ab 1850 ihre Herrschaft auch auf Bali erstreckte. Ein einschneidendes Ereignis in der Geschichte Balis war die Landung holländischer Truppen in Sanur um 1900, die die vollständige Eroberung Balis einleitete und zu einem rituellen Massenselbstmord (Puputan) vieler fürstlicher Familien Balis führte.

Die Monarchen starben lieber als sich zu unterwerfen. Sie wollten ihr eigenes kulturelles Wesen keinesfalls aufgeben. Standen stolz und wehrhaft auf und wählten die letzte Freiheit, die sie noch hatten.

Und auch auf den Strassen kämpften die Balinesen gegen die Holländer. Es kam zu einem gewaltigen Blutbad. Als ich mit meinem Fahrer Angge nach Denpassar fuhr, zeigte er mir eine Strasse, die vor 120 Jahren in Blut geschwommen hatte.

Dass die Holländer 1918, weil sie vom Selbstmord der Herrscherfamilien so entsetzt waren, ein Gesetz erliessen gegen die Ausbeutung fremder Mächte, war leider nur ein Papierversprechen.

Leider nutzte das den Balinesen nichts, der Kolonialismus war erfolgreich und die Insel wurde genauso ausgebeutet wie die vielen anderen Kolonialstaaten, die ich auf meiner Reise kennenlernte.

Heute gibt es zwar noch viel Kultur auf Bali, auch und vor allem gelebte Religion und wunderschöne Zeremonien und Rituale der Hinduisten und Tanz- und Schattenspielaufführungen. Aber es regiert auch das Geld, der Tourismus, der tägliche Kampf der armen Bevölkerung um das Überleben.

Es gibt noch kleine Handwerksbetriebe und Handarbeit für Kunsthandwerk, das man betrachten kann, es wird auch noch geschmiedet und gewebt, geflochten und geschnitzt. Und die Touristen kaufen die schönen Andenken an ihre Balireise gern. Ich war in einigen Betrieben dieser Art und hörte die Besucher um die Preise feilschen. Und immer mehr konnte ich dem Spiel der Touristen nicht mehr zusehen und fühlte mich fehl am Platz, wie ein Eindringling in eine Welt, die zunehmend abhängig ist von der Kaufkraft und dem Kaufwillen der Besucher. Viele Balinesen haben inzwischen ihr Land verkauft an die Zuwanderer aus aller Herren Länder, die digitalen Nomaden und zivilisationsmüden Auswanderer haben Boden und Platz eingenommen und residieren an den schönsten Orten der Insel.


Ich habe Indonesien nachdenklich verlassen. Und am letzten Tag noch einen modernen Balinesen gesehen, schau hier das Bild:

Meine Reise nach zwei Monaten in Indonesien ging weiter in einen reichen arabischen Ölstaat, schlimmer konnte der Kontrast nicht werden. Es trieb mich schnell zurück. Zu sehr hing mir die Armut der asiatischen Welt nach.

Immer wieder kehrte ich in Gedanken zurück zu den schönen Gesichtern der balinesischen Herrscher. Was waren ihre Werte und ihr Stolz gewesen? Woran wollten sie unbedingt festhalten? Wie war das Leben vor 150 Jahren auf der einstmals so wunderschönen Insel gewesen? Woran hatten sie geglaubt? Wie hatte das Leben sich damals für einen Bewohner des kleinen Inselstaates ausgesehen?

Ich werde diese Fragen nicht beantworten können. Aber ich nehme diese eindringliche Geschichte mit und fahre nun weiter. Zurück in Europa treibt es mich an bekannte Strände, an die bretonische Küste des Atlantiks. Finistère bedeutet: Das Ende der Welt. Tatsächlich liegt es im westlichsten Zipfel der Bretagne und bietet eine über 300km lange, wunderschöne Küste.

Ich bin gespannt, welche Geschichten mir begegnen werden. Ich verspreche, ein paar davon zu erzählen.

La vie est belle – Das Leben ist schön.