Ich habe ein Faible für Menschen. Immer schon. Gerne erinnere ich mich an eine Zugfahrt als kleines Kind mit meiner Oma. Natürlich weiss ich nicht mehr warum und wohin wir fuhren. Aber an einem Bahnsteig sah ich aus dem Fenster und blickte auf riesige Menschenmassen (so schien es mir zumindest als kleines Mädchen) und schaute in viele fremde Gesichter. Als wir schliesslich nach dem Stop weiterfuhren wurde ich ganz still und traurig und meine Oma fragte mich, was denn plötzlich passiert sei. Ich sah sie an und weinte fast. So viele Menschen! Und ich könne sie doch gar niemals kennenlernen! Nicht nur, weil wir die fremde Stadt gerade verliessen, sondern vor allem weil ich doch in meinem Leben niemals Zeit dazu hätte! Und meine Oma sagte mir, ich wäre noch klein und solle mir keine Sorgen darum machen. Ich würde schon noch viele treffen und die könnte ich ja dann ausfragen. Hatte ich schon erwähnt, dass ich „Fragerin“ werden wollte, wenn ich gross bin? Ich war so neugierig, ich wollte einfach alle ausfragen. Keine kleinen Sachen, nicht den üblichen Smalltalk. Ich wollte etwas über ihre Geheimnisse erfahren, ihre Sehnsüchte, Träume und auch Sorgen.
Das Phänomen kenne ich immer noch. Wie gerne würde ich Lebensgeschichten protokollieren. So wie ich das im vergangenen letzten halben Jahr bisweilen getan haben. Wie viele spannende Menschen haben meinen Weg gekreuzt auf meinen Reisen! Wieviele Perlen durfte ich auflesen! Da fällt mir gerade Andrea aus Wien ein. Eine feine kleine Lady, die ich auf Bali traf und die mir, als ich mich verabschiedete eine schöne Karte mitgab, die sie mir geschrieben hatte: Sie schrieb ich sei eine „Menschenfischerin“. Zuerst habe ich das nicht verstanden. Dann erklärte sie mir: „Menschenfischer“ ist ein Begriff, der im Neuen Testament verwendet wird, um die Jünger Jesu zu beschreiben, die von Jesus berufen wurden, Menschen für das Reich Gottes zu gewinnen. Es ist eine metaphorische Bezeichnung, die auf die Fischfangpraxis der Jünger vor ihrer Berufung anspielt. Jesus fordert seine Jünger auf, anstatt Fische nun Menschen für ihn zu gewinnen.
Ich musste lächeln. Ich bin ja nicht missionarisch unterwegs. Aber doch, sie hat ein bisschen recht: Ich möchte gerne Menschen fischen. Aus dem Strom ihrer vielen Artgenossen heraus ziehen und ihre Schönheiten entdecken. Für was aber möchte ich sie gewinnen? Das Leben wieder zu umarmen, An das Gute zu glauben, das Schöne des Lebens zu sehen. Da erkenne ich nun doch meine Mission und ich denke an all die wunderbaren Menschen, die mir in diesem halben Jahr überall auf der Welt begegnet sind. Und schon erscheinen vor meinem inneren Auge die herrlichen Ladies am Strand in Sri Lanka, die mit mir die Ayurveda Kur durchgestanden haben. Die „Sirenen“, die singenden wunderbaren Menschen, denen ich auf Bali und Lombok begegnet bin. Die Einheimischen, also Duminda und Nova und Angga. Die seebärigen, fantastischen Mitsegler, die mit mir den Sturm auf dem indischen Ozean überstanden haben. Die wunderschönen omanischen Prinzen aus dem Morgenland, die mir vor allem mit ihrer samtigen Stimme beim Erzählen geschmeichelt haben. Und dann die Bretonen! Keine Franzosen, nein! – Bretonen! Charmant und eigensinnig und auf eine ganz eigene Weise schön. Und meine Lieblichkeiten auf Jersey, die Menschen, zu denen ich so gerne immer wieder zurück kehre.
Und auch in London habe ich einen spannenden Menschen getroffen. Es war mein Taxifahrer. Ein Aphgane, der als Neunjähriger geflüchtet war vor dem Krieg. Sein Weg führte über Iran, Türkei, Griechenland, Italien, Frankreich und schliesslich vor 24 Jahren nach Grossbritannien. So ganz nebenbei erzählte er, dass er sich unten an einem Lkw festgehalten habe, um in England ein neues Leben zu beginnen. Ein schöner und glücklicher und tiefer Mensch. Eine Geschichte, die mein Weltbild ein bisschen korrigiert hat. Ich habe ihn angestaunt wie alle anderen. Eine spannende Geschichte, der ich gerne noch länger gelauscht hätte.
Ich könnte ewig weiter reisen und Menschen fischen. Ich wünschte, diese Reise würde ewig weiter gehen und ich könnte überall ein bisschen anhalten und beobachten und lauschen und fragen, fragen, fragen.
Jetzt muss ich doch ein bisschen schmunzeln. Ich habe ja noch nie etwas anderes gemacht! Und es gab und gibt doch auch in den letzten Jahrzehnten so viele spannende Menschen, denen ich zum Beispiel auch beruflich begegnet bin! Und mein Herz ist ja auch ganz voll mit Freunden und Begegnungen und Coachees und Nachbarn. Jetzt weiss ich: Ich kann ewig weiterziehen! Und Fragen stellen. Geheimnisse heraus locken und vielleicht auch hier erzählen.
Sechs Monate sind vorbei von meiner langen Reise. Ich mache eine kleine Atempause und sehe meine liebsten Menschen hier in der Schweiz und in Deutschland. Einmal möchte ich umdrehen und erzählen und mich ausruhen und meinen Liebsten wieder begegnen, bevor es wieder hinaus geht in das nächste Abenteuer. Es wird schön und reich beschenkt sein, als nächstes darf ich im August alten Freunden und vierbeinigen Schönheiten begegnen. Aber davon dann mehr, wenn es an der Zeit ist. Jetzt darf ich mich ein bisschen ausruhen vom vielen An- und Auspacken der Koffer und den tausenden Kilometern, die meine Reise schon andauert. Ein bisschen die kleinen Kreise ziehen. Und Augen begegnen, in die ich tauchen kann, weil alles schon da ist, die Geschichten offenbart und die Freundschaft gewählt. Ankommen bei denen, die mich fragen. Und die mir Heimat sind. Ich freue mich so sehr.
Das Leben ist schön! Und wie!
La vie est belle.
