Filmriss

Kennst Du das auch? Du sitzt im Kino. Du bist ganz und gar in einem Film eingetaucht. So sehr, dass Du die tanzenden Bilder auf der Projektionsfläche anschaust und Dein ganzes Wesen da gefangen ist. Dein Körper reagiert auch auf dieses Lichtspiel. Dein Herz fühlt mit den Protagonisten, dein Herzschlag ist höher, dein Gefühl schwingt mit dem Geschehen. Vielleicht bist Du gespannt wie es weitergeht oder Du fühlst die Gefühle, die dort produziert wurden. Und dann, ganz plötzlich: Reisst der Film. Die Leinwand wird dunkel, die Geschichte ist angehalten.

Jetzt kommt der Moment, an dem Du zurück kehrst in die Re-al-ität. Du schiesst mit Deiner Wahrnehmung zurück in Deinen Körper. Vielleicht realisierst Du, wo und wer Du bist und wer neben Dir sitzt. Du brauchst vielleicht einen Moment, um Dich von der spannenden Imagination zu lösen. Und dann geht auch gleich das Geplapper und die Geräuschkulisse los von Menschen, die im selben Film waren. Jeder im Raum will nur eins: Dass der Film wieder weiter geht und wir wissen, wie es ausgehen wird. Und insgeheim sind wir auch in einen oder mehrere der Darsteller verliebt und das Storyboard ist so verführerisch, dass wir die Geschichte gerne glauben möchten.

Du weisst schon, worauf ich hinaus will?

Wir alle sitzen in so einem Kinosaal und sehen die Projektion eines Filmes. Nur: Wir sind selbst der Regisseur, der Produzent, Kostüm, Kameramann oder -frau, Beleuchter, Requisiteur. Damit kann man ein ganzes Leben verbringen und die projizierte Geschichte für ein Leben halten, das wir uns selbst erschaffen. Mitunter führen die Schauspieler auch ein Eigenleben und die Geschichte geht auf eine Weise weiter, wie wir sie scheinbar nicht ersonnen haben. Am Ende aber wird es ein guter Film. Ein gut inszeniertes Theater.

Es sei denn, es gibt einen Filmriss. Mitten drin. Dann erleben wir das, was das Leben eigentlich ist: Das Lebendige. Denn Du, als Betrachter Deiner eigenen Geschichte: Du bist hier. Du bist wirklich wirklich ganz lebendig. Dein Körper lebt. Deine Atmung, deine Energie ist die ganze Zeit nur angespannt im Betrachten einer Projektion in einem gemütlichen Sessel gesessen, bestens unterhalten von einer Story, auf die nur Du Einfluss hattest. Alles was Du tun musstest:

Den Film anhalten.

Das Leben wieder spüren.

Denn während Du da sitzt und den Film, das Leben, an Dir vorbei ziehen lässt und jede kleine Posse, jede Tragik, jede erfundene Liebesgeschichte für dein Amusement oder Deine emotionalen Abstürze verantwortlich war, hat Dein Leben stattgefunden.

Am Ende? Wirst Du die Filmrolle abgeben beim grossen Chef, beim Verwalter der Geschichten? Der grossen Filmbibliothek? Und dann ist es gut?

In Indien gibt es die Palmblattbibliothek. Der Tradition nach wurden die Palmblattbibliotheken vor vielen Tausenden von Jahren geschrieben, es heisst, dass die Rishis spirituelle Kräfte hatten, sodass sie in der kosmischen Akasha-Chronik lesen konnten. So wurden Tausende, vielleicht Millionen Lebensläufe auf Palmblättern niedergeschrieben. In diesen Bibliotheken sind bestimmte Grundlebensläufe aufgezeichnet, verschiedene karmisch-typische Lebensläufe und die Nadi-Reader (Palmblattleser, Priester) haben eine hellsichtige Fähigkeit, sodass sie aufgrund der Wahrnehmung des Rat Suchenden in Verbindung mit dem Lesen der Palmblätter vieles erkennen können. So kann man in eine dieser Bibliotheken gehen und es wird einem quasi das eigene Leben, inclusive Todesdatum und noch zu erwartende Zukunft vorgelesen. Es funktioniert. Denn: Die Besucher dieser Bibliotheken glauben das, was sie hören.

Der Trick dabei ist, dass jedes Leben vorhersehbar ist, solange der Mensch in seinem eigenen Kino sitzt. Auch die Psychologie ist so aufgebaut: Aufgrund der Grundmuster der eigenen Geschichte weiss man, dass sich die Dinge so oder so entwickeln werden. Man kann die Muster in jedem Handeln wiedererkennen. Die Schauspieler mögen wechseln, aber die Aktionen werden gleich, wenn nicht sogar synchron sein.

Es sei denn:

Ja, es sei denn, Du stellst diesen verdammten Film ab. Freiwillig. Wirst wach. Kommst zurück aus der Illusion in die Gegenwart. Atmest. Spürst das Leben wieder. Distanzierst Dich von der Geschichte, die Du gesehen und erlebt hast. (Du kennst sie, du kennst jede Wendung und den Ausgang, warum weiter betrachten?) Fragst Dich, was Du fühlst. Fragst Dich, was Du willst. TUST es.

Zu jedem Moment wirst Du dann wach sein müssen, Dich nicht mehr von der Geschichte einlullen lassen, in die und in deren Schauspieler Du verliebt bist.

Willst Du nun wach und dein bester Ratgeber sein? Dann musst Du in die Welt. In die unbequeme Re-al-ität des Lebens. Raus aus dem komfortablen Sessel. Hinein in die Selbstverantwortung.

Lebe. Atme. Renne. Tu es.

Da ist es, das wahre Leben.

Du findest es nicht bei Netflix, im TV, in den sozialen Medien, in der Allgegenwart der virtuellen Kommunikation. Nicht in den Illusionen der Filmwelt. Nicht in den Projektionen der schönen bunten Scheinwelt. Nicht und niemals im Worlwideweb. Auch nicht in Deinen eigenen Projektionen. Du bist nicht der Spielball deiner Fantasie. Und noch wichtiger: Auch nicht der Spielball anderer Filmemacher.

Das Leben ist jetzt.

Spürst Du es?

Willkommen in der Adlerperspektive.

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