Der Sprung

Letzte Woche hatte ich das grosse Vergnügen eine ehemalige Coachee, 10 Jahre nach ihrem Coaching, wieder zu sehen. Ich konnte mich gut an sie erinnern. Damals war sie ein Rastamädchen, sehr wild, sehr bunt, herrlich eigensinnig. Und ich erinnerte mich auch daran, wie sie damals sagte: „Bitte hilf mir doch, ein bisschen ordentlicher zu werden im Kopf und im Leben“.

Sie wollte „ihr Leben auf die Reihe bekommen“. Ich hatte damals eine Burnout Praxis und zeigte gerne Zusammenhänge anhand von Spielsachen auf. Eins davon war „die liegende Acht“. Ein Geduldsspiel, bei dem Glaskugeln langsam über Schienen bewegt werden müssen und das Konzentration und Ruhe verlangte. Ich setzte die Kugeln also in eine Reihe auf die Schiene. Und zeigte ihr, wie die Kugeln alle in einer Reihe schön brav und langweilig hintereinander laufen, niemals aus der Reihe tanzten, immer den selben Weg verfolgten. Ob sie das wollte?

Das Rastamädchen wollte genau das nicht. Wir mussten lachen. Wir lachten ohnehin viel in diesem Coaching. Und es war immer eine Befreiung. Sie musste diese Leben nicht auf die Reihe kriegen. Denn: Sie wollte nie, wirklich nie, in dieser Reihe sein. Das Coaching führte uns in herrliche Momente, in Höhenflüge und schliesslich in ihre eigene Freiheit: Zu sein wie sie eben war und sich damit eben selbst genau so anzunehmen. Ohne jede Anbindung oder Fessel an das, was für sie nicht lebens- und liebenswert ist.

Das Wilde ist nicht das Gegenteil von kultiviert. Das Wilde ist das Gegenteil von gefesselt!

Diesen Satz kann sich diese herrlich wilde Frau fortan unter die Haut tätowieren lassen. Denn sie wagt es. Das Ausbrechen aus den Strukturen und Zurücklassen der Monotonie und Langeweile. Sie wagt es, das zu leben was sie liebt. Sie wagt es, die zu sein, die sie ist.

Über die Jahre habe ich immer wieder einmal wieder einen Blick auf sie geworfen oder von ihr gehört, letzte Woche aber hatte ich die Freude, sie etwas länger zu erleben. Die Rastas sind verschwunden aber ihre Haare sind immer noch lockig wild und sie ist vielleicht ein ganz klein wenig aufgeräumter. Aber ihr Geist sprang noch immer hierhin und dahin, wirbelte, schlug Kapriolen und ich konnte ihre Lebendigkeit geniessen, ihren scharfen und kritischen Verstand aber auch ihre Tiefe. Und jetzt wagt sie den totalen Sprung aus der Schiene. In den letzten Jahren hat sie den Spagat noch gemacht: Von der Struktur, die sie in ihrem verantwortungsvollen Job braucht, in die Eigen-sinnigkeit ihres Lebens hin und her. Das System, in dem sie arbeitet, ist ihr immer noch verhasst. Sie sieht es kritisch, wie sich alles entwickelt. Und sie will endlich, endlich! nicht mehr mitspielen.

Wir sprachen darüber, dass das Leben hier und jetzt und mit all dem, was der Alltag ihr abverlangt, eine verdammt schlechte Alternative zu dem ist, was sie schon immer will: Die Sinnlichkeit. Die Einfachheit. Die Weite. Das Fremde. Das Eigenartige. Und jetzt ist sie soweit: Sie setzt alles auf diese eine Karte. Und springt hinein. Ohne doppelten Boden. Ohne Sicherheitsnetz. Ohne vermeintliche Sicherheit. Ohne Vorsicht und Rücksicht. Ohne Konventionen. Ohne Angst. Und schliesslich auch: In ihr ganz und gar eigenes Leben.

Ein grosser Sprung.

Diesen Sprung schafft nicht jeder. Meistens hapert es schon an einem allerersten Schritt, denn das Loslassen der Sicherheiten schmerzt. So wie damals als wir das erste Mal eine helfende Hand losliessen bei den ersten Schritten. Oder das Fahrrad ohne Stützräder fuhren. Oder uns in ein Abenteuer wagten. Wind in den Segeln hatten und plötzlich Angst vor der Kraft, die sich da entfaltete.

Wir alle könnten in aller Konsequenz frei sein.

Welche Fesseln halten Dich?

Welche Sicherheit besticht dein wildes Herz?


Wo hast Du Deine Freiheit verkauft?

Willst Du das noch?

Wo findest Du jetzt den Mut für Deinen eigenen Weg?

Brennt es noch, Dein Feuer?

Leitet Deine innere Sehnsucht Deine Schritte?

Was willst Du wirklich, wirklich und wirklich?

Kannst Du den allerersten Schritt machen?

Was brauchst Du, damit Du Dein eigenes Leben lebst?

Willkommen in der Adlerperspektive.

Für Tabea. Ich bewundere Deinen Mut und deine ungebremste Lust auf Dein Leben. Flieg hoch!

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