Wer loslässt hat die Hände frei

Was bleibt, wenn ich alles verliere? Vielleicht sogar meine Familie? Dann bin ich doch immer noch ich?

Letzte Woche durfte ich einige Male in genau dieses Thema blicken. Ich hörte einen Podcast, in dem es um eine Geschlechtsangleichung ging. Ich sprach mit einer Freundin, ob man das eigene erfolgreiche Geschäft verkauft und was danach kommen könnte. Ein Klient im Herbst hatte Angst seine feste Anstellung zu kündigen um in die Selbstständigkeit zu wechseln. Und eine andere Coachee hat den Kampf gegen ihre psychischen Herausforderungen verloren. Und dann kam dieser Satz aus dem Mund einer lieben Freundin…

Was bleibt also von Dir, wenn Du alles verlierst?

Dein Leben?

Dein Dasein?

Vielleicht auch noch deine Sehnsüchte, Träume, deine Kraft, deine Leidenschaft? Dein wahres nacktes Wesen, das nicht mehr mit allerlei Tand überschüttet wird, sondern vielleicht das erste Mal frei ist?

Vielleicht wärst Du dann endlich f r e i ?

Was wäre wenn diese ganze Last aus Pflichten, Rollen, Gewohnheiten, Verfügbarkeit, scheinbarer Sicherheit, Rechtfertigung und verdammt noch mal: Sklaverei! endlich wegfallen würde?

Wir alle schleppen ein Leben aus Pflichten, Moral, Scham, Schuld, Ver-sprechen mit uns herum und trauen uns nicht auszubrechen in die freie Welt. Wir meinen die Sachen geben uns halt, die Materie, die Familie, der Freundeskreis, die Verträge, die Versprechungen, die Abmachungen.

Das ist schon richtig: Es gibt uns Halt. Es hält uns. Es hält uns fest.

Kannst Du das mal auf den Prüfstand stellen? Ist es das wert?

Gerne zitiere ich in diesem Zusammenhang ein Gedicht von Rainer Maria Rilke, das es nicht besser beschreiben könnte:

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Vielleicht kannst Du Dich fragen, ob die Liebe, an der Du Dich festhältst, eine ist, die Bedingungen an Dich stellt? Ob die Kinder inzwischen gross und erwachsen genug sind, um selbstständig zu laufen (ganz ehrlich: Unsere Hand dazu brauchen sie nur bis sie ca. 2 Jahre alt sind) ob der Job auch ohne dich weitergehen würde? Ob Du wirklich diese Last tragen musst, Deine eigene und oft genug auch die der Anderen?

All diese Fragen bringen Dich vermutlich nirgendwohin weil Du Dich eben verantwortlich fühlst. Selbst gewählt oder auch anerzogen.


Es gibt eine wirklich wichtige Frage, die Du Dir stellen kannst:

Wofür will ich frei sein?

Wenn Du die Frage so drehst, dass sie Dir ein Potential schenken kann, dann kannst Du viel leichter los lassen! Dann ist der Weg plötzlich klar, dann kannst Du gehen. Dann kannst Du auch verlieren was Du vielleicht schon lange nicht mehr tragen kannst und willst. Dann bist Du immer noch da. Dann bist Du vielleicht das erste Mal richtig da seit langem.

Zum Schluss dieses Themas noch eine kleine Anekdote: Als ich 2012 meine eigene Praxis auflöste, brachte ich die gesammelten Papiere und Dossiers von 10 Jahren in die Kehricht-Verbrennungsanlage. Meine Praxis hiess „Phönix“. Ich wollte also unbedingt sehen wie die Papiere – und die Geschichten – ins Feuer fallen und transformiert werden. Mein Auto war sehr voll. Ich nahm Kiste um Kiste mit den Dossiers meiner Kunden und mein Herz war dann doch ein bisschen schwer, sie gehen zu lassen. Ich las die Namen an dem Rücken der Ordner und wurde ein bisschen sentimental. Da kam ein Mitarbeiter der Anlage und wollte mir helfen, das ein bisschen „schneller zu erledigen“. Er riss die Kartons heraus und schleuderte sie in den Kamin. Bevor ich mich versehen hatte öffnete er auch noch meine Beifahrertür vom Landrover. Da stand noch eine kleine Schachtel, mit Dingen, die ich aufheben musste. Darin waren: Zeugnisse, Diplome, Urkunden, Pässe, Bescheinigungen, Fortbildungsnachweise, mein ganzes Leben auf Papier. Er warf es in hohem Bogen ins Feuer. Ich konnte es in Zeitlupe sehen.

Was passiert, wenn wir alles verlieren?

Sind wir dann immer noch wir selbst?

Welchen Schatz in Dir kannst Du niemals verlieren?

Willkommen in der Adlerperspektive!

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