Storytelling

Ich liebe Geschichten. Vielleicht bin ich nur deswegen ein Coach geworden. Wegen der Geschichten. In diesem Beruf bekomme ich unendlich viele Geschichten erzählt und ich staune, amüsiere mich, fühle mit, bin begeistert oder entsetzt. Und immer hänge ich an den Lippen der Menschen, die mir ihre Geschichten offenbaren. Und in meinem Lebes habe ich auch viele Geschichten für mich selbst gesammelt. Ich bin reich geworden an Geschichten und erzähle sie auch gerne und oft. Dann hängen die Zuhörer an meinen Lippen. Manchmal wünschte ich, ich wäre hauptberuflich Storyteller, würde sammeln und weiter geben und die Menschen damit unterhalten. Geschichten mit Fragezeichen oder mit Happy End, Geschichten die bewegen und solche die uns wie eingelullt mit Wärme und Süssigkeiten zurücklassen, solche die uns aufwühlen und weiterbringen oder unsere Gefühle tief berühren.

Im Mittelalter gab es Troubadoure, sie zogen von Ort zu Ort und sangen und erzählten Geschichten. Manche von ihnen waren Hofnarren, sie waren die einzige Figur am Hofe, die die Wahrheit offenbaren durften, oft in Parabeln oder Rätseln versteckt. Troubadoure waren unterhaltsam und gerne gesehen und sie hatten ein riesiges Repertoire an Wortkünsten.

Welche Geschichten schlummern wohl in Deinem Erinnerungsschatz?

Sind sie süss und verführerisch? Wild und unbeugsam? Amüsant? Schockierend? Wühlen sie andere auf? Lernen wir etwas daraus?

Vor fast fünfzehn Jahren war jemand bei mir im Coaching, der endlos Geschichten erzählte. Und alle waren sie spannend und neu, unterhaltsam und lustig. Ich erinnere mich noch an viele. Ich hing ihm an den Lippen bis ich spürte, dass er der Arbeit mit mir auswich. Ich sollte doch an diesem Tag eine Analyse von ihm machen! Und er fesselte mich mit seinen Geschichten. Er hatte eine ganz besondere Technik: Er beantwortete mir eine (von etwa 200) Fragen und dann sagte er begeistert: Ach! Da muss ich Dir eine Geschichte erzählen! Die musst Du hören! Er erzählte und erzählte. Irgendwann am Nachmittag eines langen Tages fiel es ihm wohl auf und er sagte allen Ernstes: Du Maren, das ist ja alles ganz amüsant bisher, aber kommen wir denn so weiter?

Ich musste sehr lachen. Er auch.

Am folgenden Tag, ich hatte die Analyse dann doch noch erreicht, ging das Spiel weiter und ich fürchtete er quasselt mich unter den Tisch. Es war wirklich sehr verführerisch seinem aufregenden Leben zu folgen. Wir machten einen Waldspaziergang, bei dem er etwa 100m vor mir her gehen musste, schweigend und über eine Frage nachdenken sollte.

Und hier beginnt eine magische Geschichte. Wir liefen lange tief in den Wald hinein und ich ging hinter ihm und beobachtete ihn. Der Mann hatte mich ein bisschen an den Rand meiner rhetorischen Künste gebracht. Jetzt, das wusste ich intuitiv, musste ich etwas Zauber anwenden, um ihn zurück ins Herz zu bringen. Mit Worten konnte ich bei ihm nichts erreichen. Als wir nach einer ganzen Weile an einem Feuerplatz ankamen, bat ich ihn, auf einem Blatt aufzuschreiben was er alles aus seinem Leben entlassen wollte, worauf er verzichten könnte, was verschwinden sollte.

Ich entfachte ein kleines Feuer und bat ihn um das Feuer zu gehen und dann rituell den Zettel zu verbrennen und zu zuschauen wie sich die Dinge auflösen. Er war ein bisschen misstrauisch, was das wohl bringen sollte. Ganz ehrlich: Ich wusste auch nicht, warum wir das machten. Es war wie eine Eingebung gewesen.

Der Zettel verbrannte und zerfiel. Ich schaute noch etwas intensiver in das Feuer und erkannte, das eine kleine Zettel-Scherbe, ein winziges Stück Papier nicht ganz verbrannt war. Ich war total erstaunt, was ich sah.

Drehte mich zu ihm und fragte: Was genau war die Frage, die Du in Deinem Coaching beantworten wolltest? Und er darauf: Ich befinde mich an einem Scheideweg und wollte wissen, nach welcher Richtung ich mich wenden sollte.

Ich schaute nochmals die kleine Papierscherbe an und bat ihn die Frage laut zu sagen und dann diese Scherbe vorzulesen. Er sagte: Wohin genau soll ich mich wenden?

Die Antwort stand auf dem Papierfetzen: ZU LIEBE.

Der Rest des Coachings war nicht mehr gefüllt mit Geschichten, sondern mit vielen Tränen, Demut, tiefem Verstehen, Berührtheit und Tiefe.

Das ist nur eine meiner vielen wertvollen und wunderbaren Geschichten.

Ich habe so viel Glück. Mein Leben ist voll davon und stetig werden es mehr und mehr. Ich bin so reich.

Diesen Blogg möchte ich als Dank schreiben für die Geschichten, die mir erzählt werden, für die, die uns allen erzählt werden. Die, die wir erzählen und erleben, weitergeben und damit etwas bewegen.

Im Englischen sagen wir: Thank you for sharing. Danke fürs Teilen.

Danke fürs Mitteilen.


Willkommen in der Adlerperspektive.

Dieser Blog ist dem Scherbenfinder gewidmet. Er hat den Blogg abonniert und erinnert sich sicher lebenslänglich an den Tag im Wald.

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