Anfassen ist simpel, Berühren ist Kunst

Wie fühlt sich das an, was um Dich herum ist?

Bevor Du den Blog liest: Fühle 5 Dinge die in Deiner unmittelbaren Umgebung sind…. nimm Dir Zeit.

Bei mir ist das: Mein Hund, genauer gesagt sein Kopf, der ganz weich ist und sich erstaunlich kuschelig anfühlt. Mehr als alles andere an seinem Körper. Seine Bauchhaare sind eher strohig, dafür fühlt man da sein Herz. Der Stoff meines Sofas, weiches breites Samt, sehr sanft und anschmiegsam. Die Schale einer Ananas. Furchig, rau, uneinladend. Das warme Steingut meiner Teetasse, noch etwas erhitzt vom Tee. Und schliesslich die Tasten meines Laptops. Genau richtig für meine Fingerspitzen, glatt, eher warm als kalt und gibt nach, wenn man sie berührt.

Hast Du schon bemerkt wie wichtig der Tastsinn für Dich ist?

Wie entscheidend es ist wie sich etwas anfühlt wenn man es berührt?

Der Kauf der meisten Textilien wird fast ausschliesslich über die Haptik entschieden. Die Vorlieben sind bei jedem anders – manche Menschen finden glatte Oberflächen ganz wunderbar, bei anderen ist es der raue, ungebügelte Stoff. Manche Menschen lieben Cashmere, andere eher die raue Schafwolle, wieder andere Leder, Leinen, Jute, Bambusfasern.

Unsere Haptik, also der Tastsinn, ist auch von Vorlieben beeinflusst. Nicht jeder mag einen Pfirsich mit haariger Oberfläche, nicht jeder streichelt gerne eine Katze oder ein Kaninchen, es gibt Menschen, die es gerne „handfest“ haben, andere versenken ihre Hände gerne in Weiches, in Fingerfarben, in Teig, in Sand, in Seide oder Fell, in Wolle oder streichen über frisch aufgerautes abgeschliffenes Holz.

Haptik beeinflusst uns mehr, als wir denken.

Die Haut ist nicht nur unser grösstes Organ, das mit anderthalb bis zwei Quadratmetern Fläche das Körperinnere schützend umhüllt – sie ist auch eines unserer wichtigsten Sinnesorgane. Sensoren in der Haut helfen uns, die Umwelt durch Tasten wahrzunehmen: jeden Druck, jede Berührung, jeden Windhauch oder auch die Temperaturschwankungen zu erfühlen.

Dazu sitzen verschiedene Sinneszellen und Nervenenden unterschiedlich tief in den Hautschichten. Die einen reagieren empfindlich auf feinste Berührungen, die anderen auf grossflächigen Druck. Einige sind auf Wärme und Kälte spezialisiert und wieder andere nur auf Schmerz. Dabei sind die Hautflächen aber unterschiedlich empfindsam, so dass einige die Berührung nur sehr grob wahrnehmen, während andere feinste Abstufungen ertasten können.

Und auch die Körperhaare liefern Berührungsinformationen, weil Nervenenden an ihrer Wurzel jede Erschütterung melden. Dieses System ist bei vielen Tieren besonders empfindlich: Die Schnurr- oder Tasthaare, von Katzen, aber auch von Nagetieren oder Seehunden sind so fein eingestellt, dass sie ihre Augen für die Nahrungssuche und Jagd kaum brauchen. Fische besitzen das Seitenlinienorgan, um feinste Wasserbewegungen wahrzunehmen, Spinnen, Insekten oder andere Gliedertiere tragen Erschütterungssensoren an den Beinen und Fühlern.

Alle Sinneszellen melden ihre Erregung über Nervenzellen durch das Rückenmark an das Hirn, und erst dort wird das Gesamtbild analysiert und interpretiert. Denn erst, wenn zum reinen Fühlen auch das Umfeld „hinzugerechnet“ wird, können Mensch oder auch Tier angemessen reagieren: Soll man auf Berührung erschrocken zurückzucken oder wohlig erschauern? Ist der Windhauch wegen der Kälte der Umgebung unangenehm oder wegen der Hitze erfrischend kühl? Kann ich Schmerz aushalten oder habe ich Angst davor?

Wenn ich zurück denke an meine haptischen Lieblingserinnerungen dann erscheint sehr schnell: Als sich das erste Mal die kleinen Finger meiner Babys um meinen Finger wickelten. Wie sich mein Pferd unter seiner Achsel anfühlte, auch seine Nase und die riesigen Lippen. Wie ich mit dem Tastsinn erkennen kann, ob ein Brotteig genug geknetet ist. Wie ich in meiner Arbeit als Körpertherapeut das Vibrieren deuten konnte, das unter meinen Händen stattfand. Aber auch: Wie sich wichtige Umarmungen für mich anfühlten. Allen voran eine, die etwa 30 Jahre her ist, ein Inder. Seine Umarmung war ein Umschlingen, ein völliges Fliessen und Vereinigen, eine Minute nur. Aber in dieser Minute war alles Körper, war alles hochsensibel.

Der Tastsinn ist der erste Sinn, der sich im Mutterleib entwickelt, und der letzte, der vor dem Tod erlischt. Und der einzige, ohne den wir nicht leben können. Das Berühren, das Tasten, das Erfühlen ist lebensnotwendig und dennoch vergessen wir es so oft.

Erlebe, erobere, empfinde diese Woche einmal ganz intensiv das Tasten, das Fühlen, das Berühren – und werde berührt.

Zeit für eine Umarmung, eine Massage, Schwimmen und damit die Berührung mit dem Wasser. Oder Wind, Kälte, Hitze, verschiedene Unterlagen, barfuss Laufen, Dinge, Menschen, Tiere, Pflanzen streicheln oder berühren. Oder Deinen Lieblingsmenschen. Geniesse es.

Ich wünsche Dir eine berührte Woche.

Willkommen in der Adlerperspektive.

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