In der Ruhe liegt die Kraft

„Man muss das Chaos in sich tragen, um einen tanzenden Stern zu gebären“ (Nietzsche)
Als ich noch ein Pferd hatte, gab es eine Regel jeden Frühling im Stall: Die Pferde nicht länger als 20 Minuten auf die Weide im Frühjahr. Das lag am frischen Gras, das zu dieser Zeit ganz besonders viel Eiweiss enthielt. Da ich schon immer ein Rebell gegen Regeln war, musste ich das unbedingt bewiesen haben. Wir hatten eine Reiterin, die immer viel redete und ewig lang da war um Sattelzeug zu putzen, aufzuräumen, zu fegen und so allerlei zu tun. An einem Tag im März also brachte sie ihr Pferd auf die Weide und schaute nicht auf die Uhr. Während wir anderen unsere Vierbeiner schnell wieder herein holten, blieb ihres grasend viel länger draussen. Das Schauspiel das sich mir bot, als ich es später beobachtete, war höchst amüsant. Es war, als hätte das edle Tier das „restless leg syndrom“ an allen vier Beinen individuell. Mit der in ihm entstehenden wilden Kraft konnte es kaum umgehen, es schien fast zu explodieren vor Energie und Tatendrang. Unnötig zu sagen dass die Reiterin ihre schöne Mühe hatte, auf dem Rücken des Pulverfass zu bleiben.

So geht es uns allen auch in diesem Frühling. Kaum kommen die ersten Sonnenstrahlen und angenehme Plusgrade, kaum bersten die ersten Knospen, schon geht es los das hektische Treiben. Mehr als eine meiner Freundinnen und Klienten erzählt mir diese Tage von endlosen To-do-Listen, von Dingen die zu erledigen sind, die aufgeschoben wurden, vom Aufräumen und Entrümpeln, von neuen Plänen und Visionen die möglichst gleich und sofort umgesetzt werden müssen. Zudem das neue Aufpolieren von Figur, Frisur und Outfit, alles muss neu, frisch, schön sein. Bereit, endlich bereit für das Jahr. Der Frühling hat immer eine explosive Kraft, auch und vor allem dann wenn der Winter lange, dunkel und kalt war.

Dass wir aber in der Hektik und Schnelligkeit oft das Tempo und den Einsatz überschätzen, darf auch ich schmerzhaft erkennen, wenn ich mal wieder eine meiner geliebt-gehassten Schnellfahrerbussen bekomme.

Nehmen wir uns also ein Beispiel an der Natur, Schritt für Schritt zu gehen, nicht alles auf einmal, nicht zu schnell zu viel.

Ein Freund sagte mir kürzlich: Das Gras wächst nicht schneller wenn man daran zieht. Also: Ruhe im Sturm?

Nein, aber ein bisschen mehr Achtsamkeit kann uns helfen, wenn das Leben wieder einmal überwältigend wird. Unter dem mörderischen Tempo leiden wir alle. Wie viele Fehler werden alleine dadurch gemacht, dass wir zu schnell sind.

Aus der Schnelligkeit kann schnell Chaos entstehen. Lorenz, ein bekannter Meteorologe hat 1963 die Chaostheorie begründet, bei der es darum geht, dass selbst kleinste Veränderungen aus der Ordnung/der Logik heraus riesige Auswirkungen haben können, die kaum mehr berechenbar sind.

Ein Schmetterling der zum Beispiel in Shanghai mit seinen Flügeln wackelt, könnte damit – so die plakative Vereinfachung und Übertreibung – einen Wirbelsturm in New York auslösen. Diese Metapher steht dafür, dass Wetter global und langfristig nicht vorhersagbar ist. Dafür sind die Zusammenhänge einfach zu komplex. Schon ein kleiner, unvorhergesehener Einfluss kann dafür sorgen, dass alles eben doch ganz anders wird.

Das ist zwar schön und kreativ – aber es kann auch viel Hektik auslösen und Dinge, die wir so nicht wollten. Also beides – Die Ordnung und die Unordnung hat ihre Wichtigkeit. Einen tanzenden Stern gebären wollen wir alle gerne. Aber dann darauf tanzen, weil wir unsere Füsse noch auf dem Boden haben, das wäre wirklich schön.

Die Dosis macht das Gift, sagt die Medizin.

Also: 20 Minuten das eiweissreiche Grünfutter essen wie die Pferde – und dann noch alle Beine unter Kontrolle haben.

Lasst Euch Zeit, die Aufbruchstimmung zu geniessen. Dann seht Ihr auch die Chancen besser.

Willkommen in der Adlerperspektive!

 

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