Da hab ich ja mal wieder richtig viel Glück gehabt! Seit zwei Wochen lebe ich in einem wunderschönen Strandhaus in der Finistere. Als ich es betrat, es war über Air BnB gebucht, war ich gleich verzaubert. Wegen der ganzen Atmosphäre des Hauses, Licht, Raumgefühl und vor allem die Ausstattung. Mit super viel gutem Geschmack eingerichtet und Liebe zum Detail in den kleinen Dingen und Installationen. Ein bisschen fühlte es sich sofort wie mein eigenes Haus an.
Da die Innenausstattung sehr hochwertig ist und die Grosszügigkeit des Grundstücks eher überdimensioniert, war ich überzeugt, dass es einem reichen Anwalt oder Bänker aus Paris gehört, wie so viele Ferienhäuser in der Bretagne.
Nach einer Woche bekam ich dann Besuch von den Besitzern und war wirklich angenehm überrascht: Zwei wahnsinnig nette Menschen, ganz aus der Nähe. Schon ein paar Mal war ich im Grand Café De La Terrasse in Morlaix gewesen, weil es dort so schön ist. Und nun stelle ich fest, dass Olivier dort Chef de Cuisine ist. Wir kamen sofort in ein nettes Gespräch und Valerie und Olivier erzählten mir, dass es schon immer ein Traum für sie war, ein Haus am Strand in Cleder zu besitzen.
Man muss vielleicht dazu sagen, dass es nicht viele Häuser am Strand hier gibt, es ist ein winziger Ort ohne nennenswertes Dorfleben. Die wenigen Häuser direkt am Strand sind handverlesen. Als Olivier aber während Corona hörte, dass eines der Häuser zum Verkauf stand rief er an. Der Verkäufer sagte, er habe schon fünf Menschen, die ganz stark interessiert sind und Olivier sagte, wo es 5 gäbe würde ein 6.ter nicht schaden. Er kämpfte wie verrückt und gewann.
Da während der Pandemie alles geschlossen war, auch seine schöne Brasserie in Morlaix, machte man sich sofort an die Arbeit. Die gesamte Familie … (sie heissen Thomas zum Nachnamen, scheinbar ein gutes Omen, alles Gute hier scheint Thomas zu heissen 🙂 …so wie in meinem letzten Blogpost)… machte sich an die Arbeit. Und das merkt man auch, das Haus ist mit Liebe gestaltet. Hat alte schöne Möbel, oft improvisiert aus alten Holztüren, dazu Industrial Elemente und natürliche Farben und Materialien.
Nun, wir kamen ins Plaudern und lachten und verstanden uns auf Anhieb. So einfache und schöne Menschen, völlig unkapriziös und selbst total dankbar, dass ihnen das Bijou hier gehört. Was mir am allermeisten gefallen hat: Die beiden haben einen schönen Umgang mit einander, mit ihren Kindern, dem Hund – und auch dem eigenen Eigentum. Sie wissen ihr Glück zu schätzen und geben den Schlüssel gerne in die richtigen Hände.
Olivier und Valerie sind ganz normale Menschen, die es mit viel Fleiss und Leidenschaft zu etwas gebracht haben, sie sind ihren Träumen gefolgt und haben daran geglaubt und jetzt pendeln sie zwischen dem charmanten Städtchen Morlaix und ihrem Strandhaus, hier am allerschönsten Strand in Cleder. Ich mag es ihnen so gönnen!
Mit einem grossen Lächeln und dankbaren Herzen werde ich das Haus diese Woche verlassen um weiter zu ziehen. Aber ich weiss jetzt schon, dass ich wieder komme.
Mein Herz hat hier jeden Moment getanzt vor Glück. Und das liegt auch an den so schönen Menschen, denen ich hier begegnet bin.
Nicht umsonst ist meine zweite Herzenssprache französisch. Allein deswegen:
Heute hatte ich einen bretonischen Flirt 🙂 Ich war auf dem Markt in Brest und schaute mir das köstliche Gemüse an, während ich das französische Wort dafür überlegte. Da stand ein Hühne von einem Mann neben mir, ein älterer herrlich französischer Mann, der mich spontan ansprach. Es war etwas regnerisch und er fragte mich, ob mir das Wetter etwas ausmacht. Ich verneinte und er sagte: Du siehst ja auch so glücklich aus, das dachte ich mir schon.
Wir trafen uns ein paar Stände weiter erneut. Inzwischen war ihm wohl meine Aussprache aufgefallen und er fragte ob ich Engländerin sei. Das beantworte ich ja immer gerne mit „Ja“, obwohl es nicht stimmt. Aber es ist vor allem in der Bretagne ohnehin nicht möglich, jemandem zu begegnen der ausgerechnet Deutsch spricht.
Wir kamen ins Gespräch, er hiess Thomas und fragte mich, ob ich Marie heisse. Nein, nein? Wie komme er denn darauf? Er sagte ich sehe aus wie eine Marie. (natürlich französisch ausgesprochen). Ich sagte so weit weg sei er da nicht, es sein Maren, auf französisch Marine. Wir lachten und plauderten ein wenig und er machte auch anderen Damen Komplimente. Ich sagte ihm: Hey Thomas, Du bist ja ein richtiger Charmeur. Das freute ihn und er fragte ob ich mit ihm einen Cafe au lait trinken gehe. Na, warum auch nicht? Ich habe gerade so viel Zeit, da kann ich völlig verschwenderisch damit sein.
Wir gingen nach einigen restlichen Einkäufen in ein Bistro und bestellten Cafe et Galette (salzige Crepes) und sprachen darüber, wer wir sind und was wir hier tun…
Thomas kommt aus einer Familie, die seit einigen Generationen mit weissem Thunfisch handelt. Die kleine Manufaktur heisst „La belle Iloise“, sie machen wunderschöne Dosen mit herrlichen Kompositionen an Fischkonserven. Wie oft habe ich diese leckeren Kreationen schon in meinem liebsten Delikatessen Geschäft in Orleans gekauft! Wir kamen schnell ins Fachsimpeln, ich als touristische Geniesserin und er als Spross der Familie, die das Unternehmen gegründet hat.
Thomas ist nur einer der zahlreichen Söhne des Firmengründers, sein Bruder Bernard leitet das Unternehmen und Thomas tingelt. Ich musste schmunzeln, als er mir erzählte dass er sich nicht so benehmen kann, wie seine Familie das von ihm möchte. Davon zeugen auch seine vielen Liebschaften, seine drei Kinder von drei schönen Frauen und seine Wohnsitze, die sich überall auf die Bretagne verteilen. Er ist ein Lebemann, versorgt seine Frauen alle gut, führt mit fast allen noch eine Beziehung, obwohl er inzwischen bald auf die 60 zugeht. Ich habe gestaunt und gelacht, weil er so ein wildes Raubein ist und ich mich in vielem, was er erzählte, wieder erkannte.
Wir sprachen fast zwei Stunden, in englisch und französisch, dessen bretonischer Akzent es mir fast unmöglich machte, alles zu verstehen. Und natürlich versuchte er, auch bei mir zu landen. Wobei ich ihm sagte, dass ich zu alt für seine „Collection d’amoureuse“ sei, was er natürlich nicht hören wollte.
Wie stolz sind die Bretonen auf ihr Department! Mehr als einmal hatte ich schon gehört, dass sie unterscheiden, ob man Franzose oder Bretone sei. Und man könne das auch nicht erwerben, selbst wenn man 30 Jahre hier lebte, man sei eben doch nur ein Franzose der in der Bretagne lebt. Ich erzählte ihm, dass ich nach 30 Jahren in der Schweiz (inzwischen hatte ich ihn eingeweiht) auch nur ein „Papierli-Schweizer“ bin und trotzdem das meine einzige Staatsbürgerschaft ist, immer noch eine „Deutsche“ sei für viele meiner Eidgenossen. Nun ja, man ist eben, was man ist. Wir lachten viel. Das Wort Papierli-Schweizer wollte er dann in Originalsprache beherrschen, wenn er die Geschichte unserer Begegnung weiter erzählen würde.
Im Anschluss an unser vergnügliches Mittagessen schlenderten wir noch durch Brest und ich machte noch ein paar Einkäufe. Er wollte, dass ich immer „Breton“ kaufe, ob das Salz, Milch, Butter oder Frischkäse war – und ich tat ihm gerne den Gefallen, weil ich auch so verzaubert bin von diesem schönen Department am Ufer meines liebsten Meeres.
Er brachte mich zu meinem Auto – ahhh! Ein englisches Auto! Also doch eine Engländerin! Und dann packte er mich und drückte mir einen dicken Kuss auf den Mund. Wie hatte er Glück, dass ich nicht nur Zeit habe, sondern im Moment auch so tiefen-entspannt bin, sonst wäre das nicht so glimpflich für ihn ausgegangen.
Ich verzeihe es ihm. Er hat mich amüsiert. Und es war eine weitere schöne Begegnung.
Ich bin vom einen zum anderen Ende der Welt gewechselt. Und hier, in der Finistere, dem westlichsten Department der Grande Nation, ist es das wirklich: Das Ende der Welt. Stehe ich hier am Atlantik und schaue zum Horizont, dann wäre das nächste Land Amerika. Der Blick geht in die Weite, der Himmel fängt direkt über der Erde an – und meine Wetter-App verrät mir, das ich hier 17m über dem Meeresspiegel lebe.
Als mich der Atlantik zurück begrüsste, tat er das so, wie er es am besten kann: Mit ordentlich viel Wind. Dieses Mal waren es 37 km/h und er kühlte die tatsächlichen 12 Grad auf frostige gefühlte 3 Grad. Ich habe bereut, keine Wollmütze eingepackt zu haben, statt dessen stapeln sich Sommerkleider, Tanktops, Bikini und Sonnencreme und werden im Schrank verwaisen, bis ich weiter ziehe.
So gerne schreibe ich hier im Blog über meine Begegnungen. Und dieses mal ist es wieder eine andere Begegnung. Nicht mit Menschen, die wärmen sich mit einer Bol Milchkaffee in der Hand in ihren Strandhäusern. Nicht mit mir, weil meine Seele nach den 1200km Fahrt noch nicht angekommen ist. Nicht mit dem Land, dessen Sprache ich zu schlecht spreche. Es ist der Atlantik. Aber auch – die Gezeiten. Als ich ankam war Ebbe und Stille. Der Strand war Kilometer weit und breit, der Wind hatte den feinen Sand in Wellen über den Strand getrieben, die Stille war ohrenbetäubend, die Leere fantastisch. Jetzt kommt sie herein die Flut, donnert, sucht sich den Weg, reisst alles mit, nimmt Raum ein. Schon bald werde ich den Strand nicht mehr sehen und die Brandung wird Schaumkronen ans Land spülen.
Ein unglaubliches Schauspiel und jedes Mal frage ich mich: Was mag ich mehr? Die Ebbe? Die Flut? Beides hat seinen Reiz und beides berührt uns, wenn wir dem nachgehen können. Niemand hat das so schön beschrieben wie Anne Morrow Lindbergh in ihrem Buch „Muscheln in meiner Hand“:
„Wir jubeln der steigenden Flut entgegen und wehren uns erschrocken gegen die Ebbe. Wir haben Angst, die Flut würde nie zurück kehren. Wir verlangen Beständigkeit, Haltbarkeit und Fortdauer; und die einzig mögliche Fortdauer des Lebens wie der Liebe liegt im Wachstum, im täglichen Auf und Ab – in der Freiheit im Sinne von Tänzern, die sich kaum je berühren und doch in der gleichen Bewegung sind. Die einzig wirkliche Sicherheit liegt nicht im Soll oder Haben, im Fordern oder Erwarten, nicht einmal im Hoffen. Die Sicherheit liegt allein im lebendigen Bekenntnis zum Augenblick. Denn auch unser Leben muss wie eine Insel sein. Man muss sie nehmen wie sie ist, in ihrer Begrenzung – eine Insel, umgeben von der wechselvollen Unbeständigkeit des Meeres, immerwährend vom Steigen und Fallen der Gezeiten berührt. Man muss die Sicherheit des beschwingten Lebens anerkennen, seiner Ebbe, seiner Flut und seiner Unbeständigkeit.“
Ich mag dieses Aufgeregte, das sich gerade vor meinem Küchenfenster präsentiert. Die Flut, die mit grossen Wellen kommt. Für mich ist der Atlantik der gefährlichste Ozean der Welt. Obwohl der indische Ozean vor ganz kurzer Zeit seine gierigen Hände nach meinem Leben ausgestreckt hat. Die Wellen im Indischen waren während des Sturms haushoch. Aber die meiste Zeit war er glatt und hellblau, harmlos und voll mit bunten Fischen und Korallen. Wie anders ist der Atlantik. Er gilt als der wildeste Ozean, wegen seiner enorm hohen Wellen und ganzjährig der Gefahr von schweren Wirbelstürmen. Der Tidenhub hier in der Finistere beträgt nicht selten bis zu 15 Meter, kommt die Flut herein gibt es viele Surfer, die die grandiosen Wogen ausnutzen um ihre Kapriolen zu feiern. Er hat Kraft, er reisst mit, er spuckt aus, er tobt – und das jeden Tag.
In den letzten Wochen und Monaten habe ich unbewusst einen Ort gesucht, an dem ich eine Weile bleiben möchte. Fernost war es nicht, auch wenn ich wunderbare Menschen getroffen habe und die warmen Temperaturen meinen europäischen Winter vertreiben konnten.
Hier ist er, der Ort. Schmunzelnd habe ich mich gestern gefragt warum ich so weit weg gewesen bin von meinem geliebten Atlantik. Entspricht sein Wesen, seine Radikalität und auch das Unbequeme doch so genau meinem Charakter.
Also, ich feire.
Das Heimkommen. Die Ebbe, die Flut. Das Weite und Ausdehnende. Das Melancholische und die Stille. Die Zurückgezogenheit und das lautstarke Wiederkommen. Das Ein- und Ausatmen. Die Veränderung. Das Unbeständige.
Wo fühlst DU Dich Deinem Wesen entsprechend? Kennst Du den Ort? Lebst Du dort? Suchst Du ihn auf?
Vor allem anderen: La Vie est belle – Das Leben ist schön.
In der vergangenen Woche habe ich in interessante Gesichter geschaut und einige kulturelle Einsichten gehabt. Ich betrat ein Museum in einem Wasserpalast in Bali und schaute in stolze und schöne Gesichter ehemaliger Könige. Sie waren die Landesfürsten der einzelnen Provinzen. Diese ausdrucksstarken Menschen möchte ich Dir nicht vorenthalten:
Bali wurde vermutlich um 2.500 v. Chr. besiedelt. Im vierten Jahrhundert nach Christus kamen dann von Java vertriebene Hindus nach Bali, die ihre Religion bis heute dort erhalten haben.
Es folgten viele Jahrhunderte, in denen sich Balinesen und Javanesen regelmässig bekriegten. Im 18. Jahrhundert begannen dann die Holländer sich auf den indonesischen Inseln als Kolonialmacht zu etablieren, wobei sich ab 1850 ihre Herrschaft auch auf Bali erstreckte. Ein einschneidendes Ereignis in der Geschichte Balis war die Landung holländischer Truppen in Sanur um 1900, die die vollständige Eroberung Balis einleitete und zu einem rituellen Massenselbstmord (Puputan) vieler fürstlicher Familien Balis führte.
Die Monarchen starben lieber als sich zu unterwerfen. Sie wollten ihr eigenes kulturelles Wesen keinesfalls aufgeben. Standen stolz und wehrhaft auf und wählten die letzte Freiheit, die sie noch hatten.
Und auch auf den Strassen kämpften die Balinesen gegen die Holländer. Es kam zu einem gewaltigen Blutbad. Als ich mit meinem Fahrer Angge nach Denpassar fuhr, zeigte er mir eine Strasse, die vor 120 Jahren in Blut geschwommen hatte.
Dass die Holländer 1918, weil sie vom Selbstmord der Herrscherfamilien so entsetzt waren, ein Gesetz erliessen gegen die Ausbeutung fremder Mächte, war leider nur ein Papierversprechen.
Leider nutzte das den Balinesen nichts, der Kolonialismus war erfolgreich und die Insel wurde genauso ausgebeutet wie die vielen anderen Kolonialstaaten, die ich auf meiner Reise kennenlernte.
Heute gibt es zwar noch viel Kultur auf Bali, auch und vor allem gelebte Religion und wunderschöne Zeremonien und Rituale der Hinduisten und Tanz- und Schattenspielaufführungen. Aber es regiert auch das Geld, der Tourismus, der tägliche Kampf der armen Bevölkerung um das Überleben.
Es gibt noch kleine Handwerksbetriebe und Handarbeit für Kunsthandwerk, das man betrachten kann, es wird auch noch geschmiedet und gewebt, geflochten und geschnitzt. Und die Touristen kaufen die schönen Andenken an ihre Balireise gern. Ich war in einigen Betrieben dieser Art und hörte die Besucher um die Preise feilschen. Und immer mehr konnte ich dem Spiel der Touristen nicht mehr zusehen und fühlte mich fehl am Platz, wie ein Eindringling in eine Welt, die zunehmend abhängig ist von der Kaufkraft und dem Kaufwillen der Besucher. Viele Balinesen haben inzwischen ihr Land verkauft an die Zuwanderer aus aller Herren Länder, die digitalen Nomaden und zivilisationsmüden Auswanderer haben Boden und Platz eingenommen und residieren an den schönsten Orten der Insel.
Ich habe Indonesien nachdenklich verlassen. Und am letzten Tag noch einen modernen Balinesen gesehen, schau hier das Bild:
Meine Reise nach zwei Monaten in Indonesien ging weiter in einen reichen arabischen Ölstaat, schlimmer konnte der Kontrast nicht werden. Es trieb mich schnell zurück. Zu sehr hing mir die Armut der asiatischen Welt nach.
Immer wieder kehrte ich in Gedanken zurück zu den schönen Gesichtern der balinesischen Herrscher. Was waren ihre Werte und ihr Stolz gewesen? Woran wollten sie unbedingt festhalten? Wie war das Leben vor 150 Jahren auf der einstmals so wunderschönen Insel gewesen? Woran hatten sie geglaubt? Wie hatte das Leben sich damals für einen Bewohner des kleinen Inselstaates ausgesehen?
Ich werde diese Fragen nicht beantworten können. Aber ich nehme diese eindringliche Geschichte mit und fahre nun weiter. Zurück in Europa treibt es mich an bekannte Strände, an die bretonische Küste des Atlantiks. Finistère bedeutet: Das Ende der Welt. Tatsächlich liegt es im westlichsten Zipfel der Bretagne und bietet eine über 300km lange, wunderschöne Küste.
Ich bin gespannt, welche Geschichten mir begegnen werden. Ich verspreche, ein paar davon zu erzählen.
Ich bin eine Woche mit einem Seebären gesegelt und das war wirklich ein Traum.
Es ging schon sehr bezaubernd los. Er wünschte sich von uns vier Teilnehmern des Törns, dass wir die Smartphones höchstens eine Stunde pro Tag anschalten und nur wenn wir privat kommunizieren möchten. Die Smartphones sollten nicht an Deck wandern, er wollte das von keinem von uns sehen … Wir sollten auf keinen Fall jemals den Standort an jemanden schicken oder melden. Denn: Es ging auf die Secret Islands.
Nach unserem allerersten Ankerplatz von dem wir den Namen noch kannten, segelten wir von Insel zu Insel. Manchmal auch stundenlang über das offene Meer, in dem wir Delfine und Rochen sahen, viele bunten Fische und unendlich viele kunterbunte Korallen. Greg, unser Skipper und Seebär, möchte diese Orte vor dem Zustrom zu vieler Touristen schützen (und tatsächlich sahen wir auch nur wenige). Drei von uns Gästen, Du ahnst es schon – alle ausser mir – wollten auch tauchen oder schnorcheln und sprangen immer wieder in das aquamarinblaue Wasser und gingen unter die Oberfläche in den kristallklaren, oft einsamen Buchten.
Abends sassen wir zusammen an Bord, denn die Inseln hatten auch keine Gastronomie. Wir kochten oder grillten und dann – strickten wir Seegarn. So nennt man das Geschichtenerzählen auf der See. Da wir !zu keinem Zeitpunkt! die Smartphones in der Nähe hatten, waren wir wirklich absolut anwesend und präsent miteinander. Was für ein Vergnügen! Ungeteilte Aufmerksamkeit! Kein schnelles Googlen, keine Fotos zeigen, kein Nachschlagen von irgendwelchen Informationen. Und vor allem keinerlei Ablenkung von uns allen. Wir sassen und lauschten. Und nahmen UNS wirklich wahr.
Reihum erzählte jeder von uns eine Geschichte. Es ging tief. Denn das war auch Greg’s Wunsch: Wir mussten ganz tief in unsere Herzkammern absteigen und aus tiefstem Inneren erzählen. Es war ein solches Vergnügen, zu erzählen. Es zu teilen. So wie für jeden von uns sieben. Wir hörten Trauriges, Tragisches, Lustiges, Unterhaltsames und Romantisches. Die Auswahl fiel mir sehr schwer. Da ich gerade an meinem Buch schreibe, hatte ich viele spannende Geschichten präsent. Ich entschied mich für eine lange Geschichte aus meinem reichen Repertoire an Liebesgeschichten.
Jeden Abend baten wir um Greg’s Geschichte und endlich endlich am letzten Abend erzählte er sie uns. Greg kommt aus Tasmanien, einer Insel vor Melbourne. Ein haariger, lustiger, wetter gegerbter Typ in den besten goldenen Jahren, zäh und gross, mit stahlblauen Augen und weissen Haaren. Ein Original. (das Fotografieren hat er uns auch verboten, entschuldige bitte dass es keine einzige Aufnahme gibt). Greg war lange verheiratet, bis seine Liebste vor 12 Jahren über die Regenbogenbrücke ging. Er erwähnte sie voller Wärme, aber das war nicht die Geschichte, die er uns erzählte. Seit Maureen’s Tod fährt er zur See. Seine schöne Yacht hat er als schwimmendes Hotel umgebaut, zwei feste Crewmitglieder angeheuert und cruised zwischen Australien und Indonesien im indischen Ozean auf allen Inseln und den schönsten Plätzen der Wasserwelt. Lädt Menschen wie uns aufs Schiff, um neue Freunde zu finden, besondere Erlebnisse zu bieten, seiner Leidenschaft zu frönen und damit Geld zu verdienen.
Jeden Tag, so erzählt er uns, schreibt er abends in ein ganz besonderes Log-Buch. Den achten Band hat er bereits voll. Jeden Abend schreibt er einen Brief an seine nächste grosse Liebe. Er freut sich auf eine Frau, der er noch begegnen wird. Er meint: „Ich suche sie! Sie sucht mich! Und ich werde sie finden! Irgendwann wird sie auf mein Schiff kommen oder ich sehe sie beim Tauchen oder in einem Laden, ich werde sie sofort erkennen und sie auch mich.“
Keine Frage, meine Mitseglerin und ich sind dahin geschmolzen, so romantisch fanden wir diese Geschichte! Aber, er konnte uns mit einem Schmunzeln in den Augen versichern, dass wir es beide nicht sind. Das hätten wir natürlich auch selbst gewusst 😉
Unser aller Geschichten gingen um Begegnungen. Und wieviele mehr hätte ich erzählen können. Jeder von uns. Im Grunde geht es um genau das im Leben: Dass jede Begegnung, jede Verbindung uns bereichert, verändert, inspiriert und zu einem Schritt bewegt. Wir haben diese 7 Tage ohne unsere Smartphones verbracht. Immer wenn wir zusammen waren, uns zu den Mahlzeiten setzten, das Steuer übergaben, den Wind feierten, die Tierwelt bejubelten, die Augen-Blicke tauschten, zusammen mit der Kaffeetasse auf dem Deck sassen waren wir vollständig präsent. Einander zugewandt. Und immer sagten wir am Ende nach jedem Gespräch: Thank you for sharing! Danke, dass Du Dich mitgeteilt hast!
Und wir erlebten auch einen nervenaufreibenden Tropensturm auf hoher See, mit riesigen Wellen, spannenden Manövern und ultraschneller Fahrt. Der Regen peitschte mir ins Gesicht, ich hatte mich angebunden und stand/schwankte draussen mit dem Seebären, dem Wetter ausgesetzt, bis in die kleinste Pore gespannt und voller aufregendem Herzklopfen. Wie habe ich das genossen! Ein Moment für die Ewigkeit. Nach einer Stunde war die Sturmzelle vorbei, wir segelten normalen Speed und am Abend ankerten wir in einer stillen Bucht. Greg war super stolz auf uns, weil wir die gefährliche Fahrt so ruhig und in uns gefestigt überstanden hatten. Ich behaupte: Das lag an der Vorbereitung aller Tage vorher. Niemand war abgelenkt. Wir waren total im Moment, auch im Sturm, als einige von uns unten das Interieur festhielten, andere sich selbst in ihren Kojen seekrank an die Wände schmiegten und Greg, Tom und ich oben den Gewalten zusahen.
Ganz ehrlich: Mit dieser Crew hätte jeder von uns weiter segeln wollen. Am liebsten einmal um Australien und Neuseeland herum und dann zurück nach Neuguinea oder Lombok oder Java. Monatelang. Aber es war eigentlich nicht der Törn: Es war das Echte, das Unabgelenkte, die Präsenz, das nackte Da-Sein ohne Abschweifen. Wir haben den Moment genossen, jede Stunde wurde lang, weil sie nicht weg gewischt wurde, nicht gefüllt mit Virtuellem oder Künstlichem. Wir haben die Fotos in unserem Herzen gemacht, uns auch ehrlich und echt ins Herz geschlossen ohne unsere Nummern zu tauschen. Auf keinen Fall wollten wir unsere reale Begegnung in eine Virtuelle wandeln.
Wir wollten: weiter ziehen und weiter sammeln. Geschichten und Verbindungen, Begegnungen und Berührungspunkte. Für immer verbunden sein ohne einander wieder zu verlieren (wieviele ehemals schöne Kontakte habe ich schon gelöscht in den Jahren? – das sollte niemals mit uns passieren)
Wir werden den Seebären in unserem Herzen tragen und jeder von uns freut sich für die nächste grosse Liebe von Greg, dass sie mit ihm segeln darf. Was für ein unglaubliches Geschenk, ihm und meinen Crewmitgliedern zu begegnen. Das wird mein kostbarstes Herzstück von vier Monaten in der Ferne sein. Ganz bestimmt werde ich noch lange, sehr lange, geniessen und daraus lernen, wie wertvoll diese Erfahrung war. Ich platze vor Dankbarkeit.
Ach, und bevor ich es vergesse zu erwähnen: La vie est tres tres belle. Das Leben ist (einfach) (wunder)schön.
In der vergangenen Woche habe ich ein lustiges Paar kennengelernt. Das heisst, erst lernte ich sie kennen. Sie: quirlig, lustig, extrovertiert, hungrig, lebendig und raumeinnehmend. Wir redeten schon eine ganze Weile, bis er auf der Bildfläche erschien: Überlegt, in sich ruhend, freundlich, wohlwollend. Es stellte sich heraus, dass die beiden seit 44 Jahren zusammen sind. Sie erzählte fröhlich, sie haben jung geheiratet, damit er nicht in den Kriegsdienst eingezogen wird.
Er blieb dennoch lange weg von zuhause, fuhr zur See, arbeitete schliesslich als Chemiker mit Karriere, sie bekamen Kinder und Enkelkinder, bauten Häuser, machten Urlaube, haben viele Freunde und wanderten vor zwei Jahren in die Karibik aus. Vom Auswanderort müssen sie jetzt ab und zu in die Ferien gehen, um Neues zu erleben, vor allem wegen ihr, eine wilde Hummel, die mit beiden Armen weit in die Welt greift und sich nicht leicht mit etwas zufrieden gibt.
Die beiden sind sehr unterschiedlich und trotzdem konnte ich sehen, wieviel Freude sie noch aneinander haben. Sie übertreibt alles ein bisschen und will immer noch viel Action und Abwechslung, er würde am liebsten einfach auf der Karibikinsel bleiben und mit den Delphinen dort schwimmen, jeden Tag einfach geniessen. Aber ihr ist die Insel zu klein, die Welt zu verlockend.
An einem Abend habe ich aber besonders das erlebt: Dass sie sich gegenseitig alles lassen und nicht aufeinander einwirken, keine Erziehungsmassnahmen irgendeiner Art, keine Massregelungen, nicht einmal gut gemeinte Tips oder Rat-Schläge. Wunderbar! Mitten am Abend steht sie auf und sagt: Diesen Anruf muss ich annehmen. Als sie schnell verschwindet sagt er: Das kann jetzt Stunden gehen. Aber er rollt nicht mit den Augen, atmet nicht geräuschvoll aus. Er lacht und schmunzelt. Ich sage ihm: Wie toll ihr miteinander umgeht und Euch Raum lasst! Und er: Jeden Morgen wenn ich aufwache und meine Frau ansehe denke ich: Ich hab alles richtig gemacht.
Am nächsten Tag schaue ich ihm zu, wie er umher tigert. Er läuft ans Meer, zurück, steht mal hier, mal dort, macht einen kleinen Plausch mit den Angestellten, kommt wieder, fragt sie ob sie etwas trinken möchte? Ich auch? Danke ja, er bringt unsere Getränke und tigert weiter. Ich frage sie, ob es ihr nichts ausmache, dass er nicht bei ihr sitzt und sie lacht. „Vierundvierzig Jahre sitzt er jetzt schon bei mir! Er guckt ja nur, ist gerne in Bewegung, ist doch toll! Manchmal nervt er mich auch, wir nerven uns. Aber ich liebe ihn. Ich will keinen anderen Mann haben, auch wenn ich das manchmal so flapsig sage.“
Was die beiden mir gezeigt haben: Grosszügigkeit. Sie gehen grosszügig mit den Launen des anderen um. Sie schauen grosszügig über Unterschiede hinweg. Sie gehen grosszügig auf die Wünsche des Partners ein. Sie geben sich Raum, zeigen sich einverstanden, sind fürsorglich und gleichzeitig auch autonom. Und vor allem: Sie verzeihen sich auch Schrulligkeiten. Er erträgt ihr exzessives Wesen und Sprechen, sie seine Besonnenheit und seinen Gleichmut (statt Übermut).
Über das Thema Grosszügigkeit habe ich oft nachgedacht in den letzten Wochen. Als Gegenthema zu Eifersucht und Neid. Ich denke, ich halte Grosszügigkeit für die schönste Form der Liebe. Und damit meine ich auf keinen Fall nur die materielle Grosszügigkeit, wobei die auch sehr lieb sein kann, wenn es von Herzen kommt.
Aber: Den anderen so sein lassen wie er ist, nicht eingreifen, nicht versuchen zu erziehen, nicht massregeln, nicht zurecht weisen. Wie oft habe ich das erlebt, diese klugen Rat-Schläge in meinen Partnerschaften, jedes Mal ist damit meine Liebe mehr gestorben. Denn: Grosszügig sein heisst auch: Die Dinge so lassen wie sie sind. Nicht recht haben wollen. Nicht (ver-)urteilen. Man muss auch nicht alles ansprechen, nicht überall mit dem Finger darauf zeigen. Und schon gar nicht: Der andere muss so sein wie ich das will. Das ist wohl das grösste Problem bei den meisten Partnerschaften, dass sie aneinander rum (er-)ziehen um den anderen passender zu machen. Solchen Menschen rate ich gerne zu Solitude. Dann lieber alleine bleiben, sich selbst alles recht machen und dem anderen seine Ruhe lassen 😉
Wie gerne denke ich da an einen lieben Freund von mir, der einmal auf eine äusserst zweifelhafte Eigenart von mir aufmerksam gemacht wurde. Und mein Freund sagte: Na und! Ich finde sie toll und sie kann so verrückt und kopflos handeln wie sie will. Ich sehe das Juwel (letzter Blog) und nicht die Schrottsteine. Danke dafür!
Zurück auf das Paar. Ich habe sie drei Tage beobachtet, es hat mir sehr gefallen wie gelassen er mit ihrem aufwühlenden Wesen umgegangen ist. Viele Male hat sie seine Loyalität provoziert. Er blieb immer: Wohlwollend, dankbar, wertschätzend, liebevoll und zärtlich. Ich musste ihm das sagen und ihn zu seinem schönen Wesen beglückwünschen. Er lächelte nur und sagte: „Happy wife, happy life“.
Heute morgen ziehe ich die zweite meiner 33 Bahnen im Pool… drehe mich auf den Rücken und sehe in den blaublauen Himmel, der heute strahlt – und ich werde mir bewusst wie viel Glück ich habe, gerade hier zu sein und wie anders mein Leben jetzt ist als vor einem Jahr, vor einem halben Jahr, vor einigen Monaten. Das beschäftigt mich seit Tagen. Ich fühle mich beschenkt vom Leben. Aber ich bin auch nachhaltig erschüttert.
In der vergangenen Woche sprach ich mit einem Einheimischen und er zeigte mir die Hütte, die er mit seiner Familie (7 Personen) bewohnt. Er sprach davon, wie glücklich er sich schätzen kann, jetzt einer regelmässigen Arbeit nachzugehen und damit alle zu versorgen. Das durchschnittliche Einkommen pro Monat beträgt hier auf der Insel im besten Fall ca. 170,–Euro.
Wie absurd kommt mir hier das Leben vor, das wir in der Schweiz führen. Ich ging ja gerne ins Cafe Odeon zum Frühstücken, oder zu Babu’s in die Theaterstrasse, absurde Preise… Schon ein Frühstück dort, die Parkspesen und ein paar Stunden auf dem Opernplatz mit lieben Menschen, das hätte ein Monatsgehalt von hier gekostet. Natürlich kann man das niemals vergleichen und soll es auch nicht. Aber ich sehe es klar, was unsere Welt mit uns macht. Und was die Welt hier mit den Menschen hier macht.
Das wohl Wichtigste: Die Menschen hier rücken zusammen. Sie helfen sich gegenseitig, schauen aufeinander, sind enorm dankbar.
Das Wohlstandsleben im fernen Zürich kommt mir hier völlig fremd vor. Ich war auch dabei auf dem Spielplatz. Habe es jahrelang beobachtet, es hat mich zunehmend befremdet. Ich möchte keinesfalls schwarz-weiss malen. In meinem Leben, in meiner „Bubble“ gab und gibt es nur wunderbare Menschen. Und ich hatte enorm viel Glück mit meinen Mitmenschen, Coachees, Kollegen, Freunden.
Aber das Leben in Zürich, in der Schweiz… trotz all dem Reichtum, der guten Jobs, dem attraktiven Aussehen, den tollen Autos, dem Haben-haben … ist es wirklich
g l ü c k l i c h ?
Ich erinnere mich an einen lieben Kollegen, der morgens barfuss auf einen Grünstreifen geht und im Winter in T-Shirt und kurzer Hose dort ein paar Thai-Chi-Übungen macht. Er erzählte mir, dass Menschen die Strassenseite wechseln und ihn einmal die Polizei angefragt habe, ob mit ihm alles in Ordnung wäre.
Ist denn noch alles in Ordnung mit uns?
Das geht mir diese Tage durch den Kopf: Wie natürlich leben wir noch? Wo sind unsere Prioritäten? Wie nehmen wir uns und unsere Verbindung mit der Welt wahr? Was fühlen wir? Sind wir sicher, da – wo wir sind? Werden wir genährt? Stehen uns liebevolle Menschen zur Seite? Können wir uns entspannen?
Und: Bist Du in der Lage diese Fragen auch wirklich zu beantworten?
In den letzten drei Monaten, heute ist der letzte Tag des dritten Monats, habe ich nichts anderes getan als mich zu entspannen. Und dabei hätte ich gar nicht gedacht wie extrem angespannt ich war! Ich wurde jeden Tag weicher, dabei war mir nicht bewusst wie hart ich schon war! Ich wurde achtsamer und dabei war mir nicht bewusst wie sehr mein Blick im Tunnel war. Unglaublich.
Was mache ich jetzt mit diesem Blick, dem neuen Blick?
Vielleicht ist das auch eine Begegnung, die ich auf meiner Reise hatte und habe: Die Begegnung mit mir selbst, meinem Leben und meinen Gedanken. Das Wahrnehmen von Sinnlichkeiten, Schönheit, Stille, der Weite. Der weiche Blick, der nirgends fest hält, sondern die Welt und Wahrnehmung erweitert.
Und dabei war ich ja ohnehin schon privilegiert in meiner Selbständigkeit. Hatte viele Wochen pro Jahr einen Perspektivenwechsel auf der kleinen Insel im grossen Meer. Hatte meinen eigenen Rhythmus, meine eigenen Entscheidungen. Tolle Menschen um mich, ein schönes Zuhause, wunderbare Wegbegleiter. Ich war in einem friedlichen Land zuhause, konnte weitestgehend tun was meinem Herz entspricht.
Aber hier kommt noch eine neue Nuance der Freiheit dazu: Dass ich gar nichts muss. Jeden Tag kann ich wählen was ich tue, meinem eigenen Tempo folgen, meine Ideen in mich „einfallen“ lassen, neue Gedanken denken. Und ganz oft kehre ich dann auch glücklich und frei-willig zu den alten Freunden und Menschen zurück, mit denen ich Kontakt haben möchte. Was für ein Glück.
Sollte nicht jede(r) von uns ab und zu so einen radikalen Stop machen um wieder bei sich anzukommen? Also: ALLEIN – all-ein sein?
Wo stehst du gerade? Was ist dir wichtig? Wie fühlst du dich?
Inzwischen ist mein Tag hier fast vorbei, die Sonne steht schon tief, das Meer kommt in sanften Wellen an den Strand. Die ersten Fischer stehen im ruhigen Meer und werfen ihre Angeln aus. Ich sitze mit mir auf der Kaimauer und bin total zufrieden, schreibe meinen Blogeintrag, wünsche dir eine schöne Woche, einen Moment der inneren Einkehr – und ein bisschen Sehnsucht im Herzen, einmal zur Ruhe zu kommen und dich zu fragen, wie gut dein Leben gerade ist.
Vor einigen Jahren erzählte mir eine befreundete Juwelierin einmal die Geschichte, wie man wertvolle Schmucksteine kauft. Überaus beeindruckend und deswegen erwähne ich das hier gerne: Kommt man zu einer Mine, in der es zum Beispiel edle Aquamarine gibt, dann zeigt der Händler gerne zuerst seine schönsten Stücke. Er breitet ein schwarzes Samttuch aus, beleuchtet das Sichtfeld mit starkem Spotlicht und breitet seine Schätze darauf aus. Aus einem kleinen Säckchen holt er die allerschönsten brillant glänzenden Steine. Es funkelt und strahlt und man ist versucht auf die feinsten Stücke zu deuten, um sie zu kaufen.
Aber so geht das nicht: Die Steine werden nur im Kilopreis verkauft. Um eins der Juwelen zu bekommen, kauft man einen ganzen Sack Aquamarine. Über 90% der Steine sind da die sogenannten „Schrottseine“. Die, mit denen sich nicht viel anfangen lässt. Meist sind sie weder besonders klar noch makellos. Sie dienen einzig dazu, sogenannte „Trommelsteine“ zu werden: Steine, die man für wenig Geld verkaufen kann und die als Begleiter in Hosentaschen oder Deko in Schalen dienen. Oder in den Armbändchen, die Steinperlen auf Gummibändern um das Handgelenk zieren.
Auch edler Wein wird so verkauft. Zum Beispiel der fantastische Bordeaux von Château Pétrus. Da möchte man ein oder zwei echte Flaschen haben und muss ein 12er Gebinde kaufen, mit 10 Begleitweinen vom gleichen Weingut. Eine Investition, die in riesige Höhen gehen wird.
Aber zurück zu den Steinen: Um also ein oder zwei einzigartige Steine zu bekommen, kauft man einen Haufen Schrott mit, weil eben eine Mine nicht nur die edelsten Juwelen liefert, sondern eben auch sehr viel Beiwerk.
Ähnlich verhält es sich in meinen Augen mit Menschen und Begegnungen.Wie viel gewöhnlichen Smalltalk muss man ertragen, bis man mal zu einem echten Gespräch kommt! Wieviele Menschen lernt man kennen, die an der Oberfläche bleiben oder die sich wirkungsvoll tarnen und ihr inneres Strahlen niemandem offenbaren. Wie viele Begegnungen hat man, die nichts bedeuten, nichts in einem bewegen, nicht inspirieren und nichts auslösen! Und dann kommt jemand um die Ecke und man ist geflasht und berührt und man hat Lust, sich einzulassen, sich der Begegnung hin zu geben, sich zu offenbaren. Echte Juwelen, solche Menschen! Ein Geschenk!
In den vergangenen Wochen habe ich so viele Juwelen bekommen. Die meisten, allermeisten Menschen, die mir begegnet sind waren wirkliche „Schätze“ und keine Schrottsteine. Ganz schnell entfaltete sich vor meinen Augen eine Persönlichkeit, die Charakter, Tiefe und Schönheit zeigte. Ich war wirklich bezaubert, in einer solchen Fülle hatte ich das nie in so kurzer Zeit erlebt.
Und dann – Achtung, dachte ich darüber nach, ob man erst so weit weg gehen muss um eine so reiche „Ausbeute“ zu haben. Ich dachte wieder an die Aquamarin Geschichte. Bereits im Namen wird die Verbindung zum Meer deutlich: „Aquamarin“ bedeutet wörtlich „Wasser des Meeres“ und setzt sich aus den lateinischen Wörtern „aqua“ (Wasser) und „marinus“ (zum Meer gehörig) zusammen. Der Aquamarin gilt auch als die „Mutter der Edelsteine“ und kommt ursprünglich aus Minen aus Brasilien, später auch aus Afrika. Heute findet man ihn in Ländern wie Nigeria, Madagaskar, Mosambik und Sambia.
Muss man also ebenso weit reisen um Juwelen zu finden, die so wunderschön sind?
Nein. Ganz im Gegenteil. In den vergangenen Jahrzehnten habe ich unendlich viele wertvolle, wunderschöne Menschen kennengelernt. Ich behaupte sogar, alle meine Coachees und Patienten waren schön. Alle! Warum? Weil sich Menschen, die sich öffnen, immer als klar, rein, pur und schön entpuppen. Der Schrott ist nur aussen, die Hüllen um den Mensch sind meistens dicht und auch manchmal dreckig. Schleifft man ein bisschen daran herum, zeigt sich bald vollendete Schönheit.
Mein Job war (und ist) vielleicht das: Den Dreck und die Schutzhüllen abzuschleifen um das wunderschöne Innere frei zu legen. Denn: In jedem von uns schlummert das Juwel. Wie wunderbar wäre es, würden wir uns nicht (nur) mit den Schutzhüllen zufrieden geben, sondern tiefer graben.
Und noch schöner: Die Hüllen einfach fallen lassen und geradeaus in unser Herz, unsere Menschlichkeit schauen lassen. Das kann in einem Gespräch passieren, einer Berührung oder einem Augen-blick.
Vielleicht ist das das Geheimnis der Juwelen meiner letzten Wochen: Wir hatten Zeit uns einzulassen, wir konnten uns im Gespräch begegnen ohne Zweck und ohne Ziel. Es war Zeit da, sich zu begegnen, es war ein Raum da, der es möglich gemacht hat, zusammen ein paar Atemzüge zu nehmen zwischen den Zeilen. Etwas zu spüren oder entstehen zu lassen. Wohlwollen und Zeit haben, Hingabe und Wahrheit. Wie bezaubernd.
Das Leben ist voller Schmuckstücke.
La vie est belle – Das Leben (und Du!) (b)ist schön!
Ich könnte einen Text schreiben welchen wunderbaren Menschen ich begegnet bin seit ich unterwegs bin. Aber es würde wohl immer nur eine Art Satzanfang werden, weil ich die Geschichten nicht alle erzählen kann… Also mache ich es ganz einfach: Ich lasse Dich ihnen in die Augen sehen. Siehst Du das? Das LEBEN, das sich hier ausdrückt? Die Leidenschaften, die Brüche, die Liebe, das Zarte, das Herbe, das Wilde, die Freiheit?
Begegnungen können grosse Umbrüche in Gang setzen, Inspiration sein, berühren und berührend sein, Mut machen, neue Perspektiven eröffnen. Und so bin ich jetzt schon reich beschenkt von den Menschen zwischen 21 und 79, die mir begegnet sind, die mein Leben mit ihren Gedanken und Geschichten berührt haben.
Heute sass ich mit einer jungen Frau auf einem Schiff und wir jagten auf dem indischen Ozean an ein gemeinsames Ziel. Wir haben nicht viel gesprochen aber als die Delfine über die Meeresoberfläche tanzten, da hatten wir diesen gemeinsamen Moment und wir feierten das Leben. Weil es eben genau das ist: Wir sind zur selben Zeit hier, wir atmen ein und aus, spüren die ganze Kraft, teilen den gleichen Ort. Und doch schreibt jede von uns eine eigene Geschichte, ist von etwas angetrieben, folgt einer Sehnsucht, fühlt sich individuell an einem Punkt, zu dem wir nie mehr zurück kehren können.
Feiern wir also das Leben – umarmen wir das Leben und uns. Verbinden wir unsere Kräfte und lassen sie wachsen. Und nun, begegnet den Schönheiten in den Gesichtern meiner Wegbegleiterinnen. Was für ein Fest!
Das Erste was bei Christine auffällt ist ihr Lachen, laut und exzessiv, herrlich lebendig und farbenfroh. Und sie bewegt sich sehr speziell, vielleicht wie ein wildes Tier auf der Suche nach reichhaltiger und köstlicher Nahrung. Sportlich, mit einer guten Grundspannung. Die Frau hat eine Ladung im Körper, von der man nicht weiss, wohin sie sich als nächstes wenden wird. Und sie ist voller Genuss und Lebensfreude, vom Scheitel bis zur Sohle.
Erst als ich mit ihr – natürlich! ins Gespräch komme, offenbart sich ihre erstaunliche Vita. Und wir alle am Tisch staunen nicht schlecht, denn vor uns sitzt eine, die ihre eigene Heldenreise geschrieben hat, die aber felsenfest (steinböckisch) auf dem Boden steht.
Christine wird 1969 am Weihnachtstag in der zauberhaften Stadt Wien geboren. Die Eltern lernen sich in der Universität kennen, der Vater ist bald danach schon in einer höheren Position als Betriebswirtschaftler. Die steile Karriere des Vaters zeigt auf, wie sie in den 70ern beispielhaft ist, die Mutter legt zunächst ihre akademsichen Ambitionen zur Seite und zieht die vier Kinder gross. Es ist ein wohlhabender Haushalt mit klarer Rollenteilung und einem Vater, vor dem die Kinder auf den Fusspitzen gehen, wenn er einmal zuhause ist. Die meiste Zeit aber sitzt er im Büro, arbeitet jeden Tag, tagundnacht und die Mutter tut zunächst ihr Bestes, um das Familienleben stabil und korrekt zu halten.
Und Christine hat Glück. Sie wird mit einem sonnigen Gemüt geboren, als Christkind und Nesthäkchen hat sie viele Freiheiten und die, die sie nicht hat, erobert sie sich. Die drei Geschwister vor ihr mussten um jeden kleinen Spielraum kämpfen, bei Christine ist alles ein bisschen eingespielt und sie erobert auch ihr Terrain. Schon mit 16 sitzt sie auf dem Moped mit kurzem Röckchen und tut, was sie will. Da sie eine Vorzeigeschülerin ist, kann man ihr die kleinen Kapriolen verzeihen. Die Leistung stimmt – also darf sie auch eine Kür tanzen.
Als sie 12 ist geht die Mutter zurück an die Universität, macht hopplahopp ihr Jura Studium und die Anwaltszulassung und lässt die kleine Christine als Schlüsselkind aufwachsen. Wenn diese jetzt nach Hause kommt, dann ist es seltsam still im Haus und sie beginnt das TV anzudrehen und amerikanische Serien zu schauen. Dann MTV und schliesslich FAME – ein Highschoolfilm aus den 80ern, in dem die Schüler nicht nur fleissig lernen sondern spektakulär durchs Leben tanzen. Christine’s Herz schlägt donnernd laut: DA will sie hin! In die USA! Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten! Eine neue Welt erobern und raus aus Wien und dem Schoss der Familie.
Sie trällert den Titelsong von Fame …
Baby, look at me And tell me what you see You ain’t seen the best of me yet Give me time, I’ll make you forget the rest
I got more in me And you can set it free I can catch the moon in my hands Don’t you know who I am? Remember my name
Fame! I’m going to live forever!
Fame! I’m gonna learn how to fly!
Jede Zeile des Songs wird Christine’s Weg beeinflussen.
Christine will in die Welt! Weit weg, nach oben, nach vorne, voran. Sie ist hungrig und hat Ambitionen die bis in den Himmel reichen.
Mit 18 hat sie die Matura bestanden und hat das Ziel Wirtschaft zu studieren in den USA ins Auge gefasst, schon bald hat sie das Ticket in der Hand. Auf ein College nördlich von Chicago für ein Wirtschaftsstudium soll es gehen. Sie sitzt alleine im Flieger, mit ihren zwei Koffern im Bus und schliesslich in ihrem Zimmer auf dem Campus. Und jetzt geht es los, schnell und intensiv. Eins ist klar: Auf keinen Fall will sie zurück. Das ist ihre Zeit und ihre Chance und sie will jede Möglichkeit nutzen.
Sie fiebert den Kursen über Aktien und Trading entgegen, ist eine Mathekünstlerin, brilliert im Studium. Schon nach drei statt vier Jahren hat sie den Bachelor in der Tasche. Und nebenbei schaut sie jeden Abend die Bill Cosby Show, um auch noch den amerikanischen Sprachwitz zu lernen. Schon im Studium beginnt sie zu arbeiten in den Sommermonaten, sie will an die Wallstreet und sie schafft es auch: Sie schreibt einfach ehemalige Studenten ihres Colleges an, die jetzt in New York City arbeiten und wird Junior Analystin in einer Investmentbank. Eine Männerdomäne! Sie ist 21, blutjung, klug, geistreich UND witzig und sie bekommt die Stellen, die sie will.
Schon bald sieht sie, dass sie eine weitere Ausbildung braucht, den CFA Abschluss muss sie haben, den Chartered Financial Analyst, auch diesen Schein hat sie bald in der Tasche. Und sie will noch mehr. Sie will sich behaupten in der Welt der Anzüge, ist noch immer ambitioniert und hungrig und – sie will unbedingt Senior Aktien Analyst bei einem der Key-Player der Branche werden. Schon bald arbeitet sie unglaublich viele Stunden, bekommt von der Firma ein kostenloses Abendessen, weil sie so lange bleibt. Und das Unternehmen lässt ihre Angestellten auch mit ein Chauffeur nach Hause fahren, wenn sie bis 22 Uhr arbeiten. Privatleben kennt Christine die nächsten Jahre nicht, aber es macht ihr nichts aus, noch immer brennt das innere Feuer lichterloh.
Jetzt möchte sie die Green Card, schon längst ist klar, dass sie in den USA bleiben will. Und sie möchte ihren Platz in der Aktien Analysten Welt, sie will Investments analysieren und dabei sein, wenn auf dem Finanz-Spielplatz gespielt wird. Nicht irgendwo, bei einem der grossen Fünf soll es sein. Dafür verlässt sie NYC noch einmal und macht das Masterstudium MBA an der angesehenen Wharton University in Philadelphia. Nur 6%! der Studenten, die eine Bewerbung abschicken, werden hier angenommen. Und als Frau in der Wirtschaftswelt ist Christine hier auch federführend.
Schon im Abschlussjahr der Wharton hat sie den Platz bei einer der grössten prestigeträchtigen Fondmanagement Unternehmungen der Welt. Hier wird sie in den nächsten 13 Jahren eine unglaubliche Karriere machen. Bald schon, 26jährig, sitzt sie an den Tischen der Konzernleitungen weltweit und lässt sich die Wirtschaftsdaten vorlegen und davon überzeugen, dass es eine nachhaltig erfolgreiche Investition sein wird. Und sie hat einen guten Riecher, betreut ihr eigenes Portfolio mit sehr vielen „Nullen“ hinter der 1 und wird ein „Crack“ auf ihrem Gebiet.
Als sie 39 ist, sieht Christine, dass sie eigentlich alles hat, ausser einem privaten Leben, es verlangt sie nach anderem, sie ist neugierig und will wissen, was die Welt sonst noch zu bieten hat. Längst hat sie bei den vielen Geschäftsreisen einen Geschmack für Asien bekommen, hat Yoga und neue Kulturen kennengelernt, ist interessiert an Kreativem und Interior Design. Sie steigt aus der Branche aus – sehr zum Entsetzen aller Kollegen und Mitmenschen. Eine solche Karriere zu beenden, dafür braucht man Mut, denn es würde ja mühelos so weitergehen.
In den kommenden Jahren wird sie ein Unternehmen für Interior Design gründen und führen, verschiedene Aufsichtsratsitze ausfüllen, sich zur Yoga Instruktorin ausbilden, um die Welt reisen, endlich eine lange liebevolle Beziehung führen und die Familie und Freundschaften pflegen. Sie probiert sich aus und ist entspannt und sie verwandelt alchemistisch alles zu Gold, was sie beginnt.
Inzwischen ist sie in einem Zirkel von Menschen, der in Startups investiert. Nur 3% aller Startups die mit Venture Capital versorgt werden sind von Frauen gegründet worden. Hier sieht sie neue Chancen, sich in Position zu bringen und etwas für andere mutige Frauen zu tun.
Aber jetzt steht sie wieder „an der Kante“, wie sie sagt: Sie will noch mal etwas Grosses machen! Das letzte Kapitel schreiben in ihrer unglaublichen Heldenreise. Nur was? Wo? Wie? Darüber hat sie jetzt genug Zeit, nachzudenken.
Ich freue mich sehr über diese Begegnung. Christine ist eine Frohnatur. Ein Freigeist. Eine die immer wieder gesagt hat: Ich werde das schon schaffen! Ich will meinen eigenen Weg! Mit Leidenschaft, Disziplin und Fleiss hat sie ihre Träume gejagt und alle Ziele selbst erreicht. Und dabei ist sie niemals abgehoben, sie ist fröhlich und locker, antastbar und saftig. Was für ein Vergnügen!
Ich wünsche ihr, dass sie noch einen weiteren goldenen Weg findet, der ihrem lebendigen und aufgewühlten Herzen entspricht, auf dem sie dann noch mal Vollgas geben kann. Sie ist ein schönes Beispiel für eine Frau, die ihren eigenen Weg gefunden hat. Für mich: Eine moderne Heldin.