Ich bin vom einen zum anderen Ende der Welt gewechselt. Und hier, in der Finistere, dem westlichsten Department der Grande Nation, ist es das wirklich: Das Ende der Welt. Stehe ich hier am Atlantik und schaue zum Horizont, dann wäre das nächste Land Amerika. Der Blick geht in die Weite, der Himmel fängt direkt über der Erde an – und meine Wetter-App verrät mir, das ich hier 17m über dem Meeresspiegel lebe.
Als mich der Atlantik zurück begrüsste, tat er das so, wie er es am besten kann: Mit ordentlich viel Wind. Dieses Mal waren es 37 km/h und er kühlte die tatsächlichen 12 Grad auf frostige gefühlte 3 Grad. Ich habe bereut, keine Wollmütze eingepackt zu haben, statt dessen stapeln sich Sommerkleider, Tanktops, Bikini und Sonnencreme und werden im Schrank verwaisen, bis ich weiter ziehe.
So gerne schreibe ich hier im Blog über meine Begegnungen. Und dieses mal ist es wieder eine andere Begegnung. Nicht mit Menschen, die wärmen sich mit einer Bol Milchkaffee in der Hand in ihren Strandhäusern. Nicht mit mir, weil meine Seele nach den 1200km Fahrt noch nicht angekommen ist. Nicht mit dem Land, dessen Sprache ich zu schlecht spreche. Es ist der Atlantik. Aber auch – die Gezeiten. Als ich ankam war Ebbe und Stille. Der Strand war Kilometer weit und breit, der Wind hatte den feinen Sand in Wellen über den Strand getrieben, die Stille war ohrenbetäubend, die Leere fantastisch. Jetzt kommt sie herein die Flut, donnert, sucht sich den Weg, reisst alles mit, nimmt Raum ein. Schon bald werde ich den Strand nicht mehr sehen und die Brandung wird Schaumkronen ans Land spülen.
Ein unglaubliches Schauspiel und jedes Mal frage ich mich: Was mag ich mehr? Die Ebbe? Die Flut? Beides hat seinen Reiz und beides berührt uns, wenn wir dem nachgehen können. Niemand hat das so schön beschrieben wie Anne Morrow Lindbergh in ihrem Buch „Muscheln in meiner Hand“:
„Wir jubeln der steigenden Flut entgegen und wehren uns erschrocken gegen die Ebbe. Wir haben Angst, die Flut würde nie zurück kehren. Wir verlangen Beständigkeit, Haltbarkeit und Fortdauer; und die einzig mögliche Fortdauer des Lebens wie der Liebe liegt im Wachstum, im täglichen Auf und Ab – in der Freiheit im Sinne von Tänzern, die sich kaum je berühren und doch in der gleichen Bewegung sind. Die einzig wirkliche Sicherheit liegt nicht im Soll oder Haben, im Fordern oder Erwarten, nicht einmal im Hoffen. Die Sicherheit liegt allein im lebendigen Bekenntnis zum Augenblick. Denn auch unser Leben muss wie eine Insel sein. Man muss sie nehmen wie sie ist, in ihrer Begrenzung – eine Insel, umgeben von der wechselvollen Unbeständigkeit des Meeres, immerwährend vom Steigen und Fallen der Gezeiten berührt. Man muss die Sicherheit des beschwingten Lebens anerkennen, seiner Ebbe, seiner Flut und seiner Unbeständigkeit.“
Ich mag dieses Aufgeregte, das sich gerade vor meinem Küchenfenster präsentiert. Die Flut, die mit grossen Wellen kommt. Für mich ist der Atlantik der gefährlichste Ozean der Welt. Obwohl der indische Ozean vor ganz kurzer Zeit seine gierigen Hände nach meinem Leben ausgestreckt hat. Die Wellen im Indischen waren während des Sturms haushoch. Aber die meiste Zeit war er glatt und hellblau, harmlos und voll mit bunten Fischen und Korallen. Wie anders ist der Atlantik. Er gilt als der wildeste Ozean, wegen seiner enorm hohen Wellen und ganzjährig der Gefahr von schweren Wirbelstürmen. Der Tidenhub hier in der Finistere beträgt nicht selten bis zu 15 Meter, kommt die Flut herein gibt es viele Surfer, die die grandiosen Wogen ausnutzen um ihre Kapriolen zu feiern. Er hat Kraft, er reisst mit, er spuckt aus, er tobt – und das jeden Tag.
In den letzten Wochen und Monaten habe ich unbewusst einen Ort gesucht, an dem ich eine Weile bleiben möchte. Fernost war es nicht, auch wenn ich wunderbare Menschen getroffen habe und die warmen Temperaturen meinen europäischen Winter vertreiben konnten.
Hier ist er, der Ort. Schmunzelnd habe ich mich gestern gefragt warum ich so weit weg gewesen bin von meinem geliebten Atlantik. Entspricht sein Wesen, seine Radikalität und auch das Unbequeme doch so genau meinem Charakter.
Also, ich feire.
Das Heimkommen. Die Ebbe, die Flut. Das Weite und Ausdehnende. Das Melancholische und die Stille. Die Zurückgezogenheit und das lautstarke Wiederkommen. Das Ein- und Ausatmen. Die Veränderung. Das Unbeständige.
Wo fühlst DU Dich Deinem Wesen entsprechend? Kennst Du den Ort? Lebst Du dort? Suchst Du ihn auf?
Vor allem anderen: La Vie est belle – Das Leben ist schön.



Mein Ort ist auch im Atlantik. Er ist schroff, wild, warm, und windig. Es ist die Insel La Gomera, doch ich lebe nicht mehr dort. Ich lebe ausgerechnet am Wattenmeer…ohne Wellen, doch viel Licht.
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