Jenseits der Komfortzone

Was für ein Glück, dass ich diese beiden Perlen wieder gefunden habe. Vor etwa 15 Jahren lernte ich dieses schöne Paar kennen und endlich hatte ich Zeit, sie in ihrem neuen Zuhause in der Ardèche zu besuchen. Da sie zwei ganz besonders wertvolle Menschen sind, erzähle ich gerne ihre Geschichte.

Carina wurde in der Ostschweiz geboren und war schon als Kind: Wild, ungezähmt, neugierig und lebensfroh. Als sie einmal als 4jähriges kleines Mädchen für die Mama schnell etwas zum Kochen fürs Mittagessen holen gehen soll im nahen Lädeli, bleibt sie auf dem Weg dahin stecken. Sie sieht die Giesskannen in den Gärten der Nachbarn und beschliesst erstmal alle Blümchen zu giessen (etwas das sie im übertragenen Sinn ein Leben lang tun wird) und mit den Nachbarn zu plaudern. Sie bekommt allerlei Schleckzeug angeboten, scherzt und lacht mit den Leuten, spricht gerne über dies und das und kommt erst wieder zuhause an, als das Mittagessen lange vorbei ist.

So bleibt sie auch als junge Frau, will immer in die grosse weite Welt, ist auf der Suche nach neuen Sensationen, spielt sich durchs Leben, hat mehrere Glücksfälle, die ihr den Weg weisen. Sie beschliesst gerne selbst, was für sie richtig ist, lässt sich nicht einengen, hat keine Lust auf Vitamin B und noch weniger auf vernünftige Lösungen. Die Halbwertzeit in ihrer beruflichen Karriere ist auf drei Jahre limitiert, spätestens dann wird es ihr langweilig. Routine ist ihr verhasst, sie will Herausforderungen, das ganze Leben, das ganze Bild, den ganzen Spass. Auch in ihren Liebesbeziehungen macht sie einen Spagat von todlangweilig bis obsessiv.

In ihrer traumwandlerischen Leichtigkeit findet sie bald ihren Weg. Von der Biolaborantin über den Verkauf im Aussendienst und dann in der Kommunikation wandert sie durch die MedTech Branche. Bildet sich weiter, wird bald ein PR Crack – Reden kann sie! Schreiben auch! Kommunikation ist alles! Sie arbeitet im Krisenmanagement und in diversen Challenges in der Pharmazie und der Medizinischen Technikwelt. Die Karriere ist steil und Carina bald eine begehrte PR- und Kommunikationschefin.

Trotzdem träumt sie: Von einem Studium der schönen Geisteswissenschaften an der Sorbonne in Paris. Schliesslich schafft sie auch das: Sie lernt ihren liebsten Mann Beat (Liebe auf den allerersten Blick) in einem der zahllosen Unternehmen kennen, in dem sie arbeitet. Nach etlichen Jahren herrlicher Partnerschaft geht es schliesslich nach Paris, Beat kann europäisch arbeiten. Hier wird geheiratet. Für Carina heisst das: Im knallroten Kleid mit lautem Lachen und grossem Glück.

Die Arbeit von Beat bringt die beiden nach California. Weil Carina eine passionierte Reiterin ist , sucht sie einen Pferdeflüsterer und macht ein Seminar beim legendären Monty Roberts „Riding with Respect“. Am Tag, als sie ihr Trainingspferd bekommt verliebt sie sich unsterblich in Magic, ihr Seelenpferd. 10 weitere Monate wird Carina mit Monty arbeiten und sich in Horsemanship und Equine Assisted Psychotherapy ausbilden lassen.

Dann geht es für die beiden 6 Jahren nach Singapore, mit Magic. Sie reisen, sie leben auf einer herrlichen Farm in Malaysia, Beat arbeitet in ganz Südostasien, sie verlieren sich nicht, sie bleiben das Powerpaar. Als sie schliesslich nach Europa zurück kehren, suchen sie einen Platz, an dem sie bleiben und leben wollen und eine Oase erschaffen können.

Nach vielen Irrungen und Wirrungen (gerade geht kein Weg für Carina, sie schaut lieber auch mal in fremde Gärten, wie als Kind) finden sie dieses herrliche Anwesen in der Ardèche. Hier haben sie einen fantastischen Ort erschaffen, an dem sie mit einer inzwischen gewachsenen Pferdeschar, Hunden und Katzen leben. Das Gästehaus und die vielen Menschen, die die Pferdetherapie suchen, finden hier ihren Platz, die Vierbeiner auf der Rentnerwiese versüssen jeden Tag. Carina ist glücklich. Und immer noch verliebt ins Leben. Was für ein Vergnügen, sie zu kennen.

Beat wird in Luzern geboren, auf einem Bauernhof und mit mehreren Geschwistern. Als Kind tobt er durch die Wälder, hat viel Schabernack im Kopf, ist jung und wild und sportlich frisch. Als Fünfjähriger fällt er einmal von einem Sofa und bohrt sich einen Schraubenzieher durch die Lippe, weil er ihn nicht loslässt. Er schraubt gerne alles auseinander und setzt es wieder zusammen. Als Siebenjähriger versetzt ihm das Radio, das er auseinander nehmen will, einen Elektroschock. Seine Leidenschaft ist entfacht, Mechanik und Elektronik werden sein Steckenpferd. Er frisiert auf dem Bauernhof als Freiluftwerkstatt seins und die Töffli der Kollegen, hat viele Freunde und noch mehr Flausen im Kopf.

Schliesslich lernt er Radio und TV Elektroniker. Zieht anschliessend in seinen beruflichen Wanderjahren durch die Schweiz, baut HiFi Anlagen in Ferraris ein, wird Werkstattleiter einer mechanischen Werkstatt, bildet sich weiter, gerät schliesslich in die Pharmazie Branche. Da trifft ihn eines Tages ein anderer Schlag: Blitzliebe mit Carina.

Trotzdem erfüllt er sich noch einen Traum: Fährt mit dem Fahrrad durch Europa und dann durch Südamerika. Und dann geht er steil. Er findet eine Anstellung als Serviceleiter in der MedTech Branche, in den nächsten 23 Jahren wird er dort immer weiter die Karriereleiter nach oben steigen. Ein Selfmademan, ein Multitalent. Und jetzt kommen auch noch das MBA dazu, die Strategieplanung, die internationalen Standorte, diverse Sprachen. Schliesslich geht er geschmeidig in immer grössere Verantwortungen. Singapore ist das letzte grosse Engagement, danach sucht er neue Wege, probiert einige aus, verwirft ein paar falsche Wege.

Irgendwann erkennt er: Er will die internationale Bühne verlassen und ein Zuhause für sich und Carina schaffen. Sie kaufen das Anwesen in der Ardèche. Beat bastelt und renoviert, installiert 15 km Weidezaun. Legt mit Carina einen Trail für die Pferde an, ist selbst inzwischen mit dem Pferdevirus infiziert, sie wachsen noch näher zusammen. Sie leben in der Natur. Sie leben in der „Transition“ Bewegung und seine jahrzehntelange fachliche Expertise lässt Beat kritisch auf die Pandemiezeit schauen. Er ist engagiert und mutig und will friedliche Veränderungsprozesse im Innen und Aussen anstossen und begleiten.

Diese beiden wunderbaren Menschen sind Idealisten, kluge Köpfe und inspirierende Denker und Gesprächspartner. Sie erschaffen jeden Tag einen Raum, in dem es sich gut leben und entspannen lässt. Sie haben den grossen, sehr grossen Sprung aus der vermeintlichen Komfortzone gewagt und die Magie, das Leben und einen neuen Raum gefunden. Was für ein Glück für mich, dass ich hier sein darf. Ich bleibe noch ein bisschen!

Denn: La vie est belle – Das Leben (vor allem dieses hier) ist schön.

Von den alten Sorten

Ich habe ein seltenes Juwel in der Schatzkiste meines Lebens. Nein, nicht nur eins. Aber über dieses möchte ich hier schreiben, weil es gerade einmal wieder in meiner Hand lag und ich es bestaunen konnte. Es glänzt betörend grün wie ein Smaragd.

«In den schwebenden Gärten des Smaragdes möchte man endlos lustwandeln und sich unablässig am phantasievollen, sich ständig ändernden Formenreichtum dieser Immergrüner Gewölbe ergötzen!»

Eduard Josef Gübelin

Mein Smaragd ist ein Freund aus Jugendtagen. Damals haben wir zusammen das Gymnasium besucht. Er war schon damals ein eigensinniger und aussergewöhnlicher Mensch. Attraktiv und streitbar, ein messerscharfer Geist und ein schönes feines Wesen.

Inzwischen sind über 43 Jahre vergangen und wir haben immer noch eine wertvolle Verbindung, die ein Geschenk der besonderen Art ist. Ich hatte nicht das Glück, mit einer Familie gesegnet zu sein, die mir Heimat und Ermutigung gewesen wäre und genau deshalb waren mir die gefundenen Freunde ein wichtiger Halt.

Anfangs verbanden wir uns aus Wunsch nach Gedanken und Handlungsfreiheit, wurden getragen aus Distanz und Impulsivität und der Faszination für die Erforschung abstrakter Ideen, geistiger Originalität und Individualität. Wir waren jung, wir hatten Kraft und wir wollten die Welt erobern. Vermutlich hat uns das niemand mehr zugetraut als wir uns gegenseitig.

Was uns wohl ausmacht: Wir haben an uns geglaubt und tun das ungebrochen auch nach vier Dekaden noch. Ich möchte sagen, wir hatten und haben einen Seelen Gleichklang.

Dafür gibt es einen schönen Namen: Resonanz.

Es kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: Widerhall. Wenn man sich einem anderen Menschen öffnen kann und über Gefühle und Gedanken spricht, die Raum im Anderen finden.

Dazu habe ich vor unendlich langer Zeit einmal ein Zitat gefunden:

Sich einem anderen öffnen können im Ozean des Lebens. Sich ausschütten bis Boden entsteht: Das wäre ein Boden zum Stehen.

Wir stehen immer noch, wenn auch mittlerweile etwas wackeliger auf den eigenen Beinen, aber der Boden hält. In diesem Zusammenhang sprachen wir die Tage über die „alten Sorten“. Und wie gut passt diese Analogie zu uns:

Es geht um Äpfel. Und das auch deswegen, weil mein Freund, das Juwel, ein schönes Grundstück besitzt, auf dem er eigenwillige Bäume, seltene Pflanzen und eine riesige Vielfalt an Insekten und Tierchen beherbergt. Hier „wandelt“ er und bestellt sein Stück Land mit Sachverstand und grosser Hingabe. Dort hat es alte Sorten Äpfel, die ihn als Nahrungsmittel durchs Jahr begleiten. Mein alter Freund ist klug und hat viel gelernt in seinem Leben. Aber hier, in seinem persönlichen Garten Eden, hat er die Dinge verstanden, die die Welt zusammen hält. Unermüdlich ist er dabei, die Welt zu be-greifen, zu gestalten und auch, dem Mysterium des Lebens zu begegnen, besser als irgendwo in seiner akademischen Welt.

Der Apfel hat wie keine andere Frucht Eingang in das Brauchtum und die Literatur früherer Kulturen gefunden. Er wird mit Begriffen wie Fruchtbarkeit, Liebe, Leben, aber auch mit dem Tod in Verbindung gebracht. Häufig trägt er wundersame, unerklärliche Kräfte in sich.

Keine andere Frucht kann sich in Bedeutung und Symbolik mit dem Apfel messen. Er ist eines der Basisprodukte unserer Ernährung seit dem Beginn der Kultivierung von Lebensmitteln. Das sagenumwobene Avalon deutet auch auf einen Zusammenhang mit Äpfeln hin: Es wurde im 12. Jahrhundert als die „Insula Pomorum“, die Apfelinsel, bezeichnet.

In der Genesis ist der Apfel das Symbol für die Bewusstseinswerdung des Menschen. Der Apfel galt als Frucht der Verlockung, als Frucht des Lebens, als Todesapfel. Er ist das Symbol der Erbsünde, aber in mittelalterlichen Abbildungen wird der Apfel in der Hand des Jesuskindes zum Symbol der Erlösung. Hiervon leitet sich auch die Bedeutung des „Weltenherrschers“ in Form des Reichsapfels ab, seit Kaiser Konstantin gehört dieser zu den Insignien der geistigen, himmlischen und weltlichen Macht.

Also ist mein alter Freund doch mehr als ein Juwel. Er ist der Hüter der alten Sorten von Äpfeln. Das gefällt mir: Auch nach vier Jahrzehnten reicht er mir ein aromareiches, überraschendes Stück Leben, das immer wieder neu genossen werden kann, das viel erzählt aus der alten Zeit, jedes Jahr neu gebildet wird und doch den köstlichen Geschmack eines gereiften Stückes Lebensmittel trägt.

Wenn man einen Freund hat wie ihn, ist das Leben immer noch ein Stück reicher.

Für heute lege ich den schönen Smaragd in meine innere Schatzkiste zurück. Was für ein Glück, dass er dort, unter weiteren Juwelen, gut aufgehoben und geschützt ist. Wir dürfen uns noch eine Weile länger geniessen.

La vie est belle – Das Leben ist schön.

In deinem Lächeln wohnt mein Glück

Am Wochenende habe ich mich verliebt. In zwei Paare. Beide waren und sind wunderbar. Das eine Paar ist sehr jung und trotzdem schon acht Jahre zusammen. Das andere Paar ist noch nicht lange verheiratet aber trotzdem ganz sicher eins: Füreinander bestimmt.

An beiden Paaren hat mir gefallen, dass die Frau eine feminine und feine Kraft hat und der Mann die liebevolle Führung übernimmt. Wie wunderbar die Polarität hier miteinander spielt. Ich konnte sehen wie der Mann die Stärke hatte und seine Frau sich genau deswegen anlehnen, fallen lassen und entspannen konnte. Wie wunderbar war das anzusehen.

Das erste Paar war in einem Coaching bei mir, um die Liebe zu verstärken und weiter wachsen zu lassen. Sie hatten keine Probleme, sie hatten einfach nur den Wunsch, das ohnehin schöne und starke Fundament weiter wachsen zu lassen. In den Übungen die sie machten, ergänzten sie sich wie zwei Puzzleteile, die ineinander passten. Eine bezaubernde Synchronizität.

Das zweite Paar fand sich zu einer Zeit, in der die Liebste sehr verwirrt war und ihren Weg fast verloren hatte. Er gab ihr Halt, glaubte an sie, stabilisierte sie und liebte sie genau deswegen: Weil sie sich gewagt hatte, sich verletzbar zu zeigen. Dieses Paar ist fast 15 Jahre älter als das Erste. Man spürt die Reife – aber auch die unbedingte Entschiedenheit, sich gegenseitig den Rücken zu stärken.

Ein schöner Satz: Nimm einen Partner an Deine Seite, der es Dir ermöglicht, die beste Version von Dir selbst zu sein.

Die beiden Paare waren ehrlich, offen, authentisch und vor allem: Zugewandt. Selten habe ich in kleinen selbstverständlichen Gesten so viel Zärtlichkeit füreinander gesehen. Ich war verliebt in diese wunderbaren Paarungen. Weil es so selten ist, weil sie so besonders sind, weil sie Hoffnung geben, dass es das noch gibt: Die echte Liebe.

Rückblickend auf meine vielen Jahre habe ich nur selten geliebt (allerdings einige Male mit grosser Tiefe). Meistens war ich nur ver-liebt und das ging dann auch sehr schnell wieder vorbei. Es war eben doch nicht kompatibel. Vor allem aber: Die Partner hatten auch eine Idee von mir, wie ich zu sein hatte. Das ging nie. Ich bin nicht immer die selbe und will es auch auf keinen Fall sein. Das Leben mit mir ist kein Puzzle sondern eine lange Welle. Auf und ab und auch ab und zu mal Kapriolen. Vor allem aber: Liebe, das musste immer frei sein. Und wurde oft sehr schnell ein Käfig. Wer würde eine Adlerin im Hühnerstall wollen? Und vor allem: Was sollte sie da wohl ausrichten?

Man sieht wenig Liebe, die so schön ist wie die der beiden Paare. Emily Dickinson hat geschrieben:

Manchmal mit dem Herzen, 
Selten mit der Seele, 
Kaum je mit Kraft. 
Wenige – lieben überhaupt. 


Ich kann nur appellieren, an jeden wunderbaren Leser meines Blogs: Weiter das Herz zu öffnen und darauf zu vertrauen, dass es noch Schönheiten gibt, die auf Dich warten. So lange können wir diese wunderbaren Menschen betrachten und wissen: Es gibt sie noch, die Liebe zu zweit.

La vie! – et l’amour! – est belle. Das Leben ist schön.

Ein ganzes halbes Jahr

Ich habe ein Faible für Menschen. Immer schon. Gerne erinnere ich mich an eine Zugfahrt als kleines Kind mit meiner Oma. Natürlich weiss ich nicht mehr warum und wohin wir fuhren. Aber an einem Bahnsteig sah ich aus dem Fenster und blickte auf riesige Menschenmassen (so schien es mir zumindest als kleines Mädchen) und schaute in viele fremde Gesichter. Als wir schliesslich nach dem Stop weiterfuhren wurde ich ganz still und traurig und meine Oma fragte mich, was denn plötzlich passiert sei. Ich sah sie an und weinte fast. So viele Menschen! Und ich könne sie doch gar niemals kennenlernen! Nicht nur, weil wir die fremde Stadt gerade verliessen, sondern vor allem weil ich doch in meinem Leben niemals Zeit dazu hätte! Und meine Oma sagte mir, ich wäre noch klein und solle mir keine Sorgen darum machen. Ich würde schon noch viele treffen und die könnte ich ja dann ausfragen. Hatte ich schon erwähnt, dass ich „Fragerin“ werden wollte, wenn ich gross bin? Ich war so neugierig, ich wollte einfach alle ausfragen. Keine kleinen Sachen, nicht den üblichen Smalltalk. Ich wollte etwas über ihre Geheimnisse erfahren, ihre Sehnsüchte, Träume und auch Sorgen.

Das Phänomen kenne ich immer noch. Wie gerne würde ich Lebensgeschichten protokollieren. So wie ich das im vergangenen letzten halben Jahr bisweilen getan haben. Wie viele spannende Menschen haben meinen Weg gekreuzt auf meinen Reisen! Wieviele Perlen durfte ich auflesen! Da fällt mir gerade Andrea aus Wien ein. Eine feine kleine Lady, die ich auf Bali traf und die mir, als ich mich verabschiedete eine schöne Karte mitgab, die sie mir geschrieben hatte: Sie schrieb ich sei eine „Menschenfischerin“. Zuerst habe ich das nicht verstanden. Dann erklärte sie mir: „Menschenfischer“ ist ein Begriff, der im Neuen Testament verwendet wird, um die Jünger Jesu zu beschreiben, die von Jesus berufen wurden, Menschen für das Reich Gottes zu gewinnen. Es ist eine metaphorische Bezeichnung, die auf die Fischfangpraxis der Jünger vor ihrer Berufung anspielt. Jesus fordert seine Jünger auf, anstatt Fische nun Menschen für ihn zu gewinnen.

Ich musste lächeln. Ich bin ja nicht missionarisch unterwegs. Aber doch, sie hat ein bisschen recht: Ich möchte gerne Menschen fischen. Aus dem Strom ihrer vielen Artgenossen heraus ziehen und ihre Schönheiten entdecken. Für was aber möchte ich sie gewinnen? Das Leben wieder zu umarmen, An das Gute zu glauben, das Schöne des Lebens zu sehen. Da erkenne ich nun doch meine Mission und ich denke an all die wunderbaren Menschen, die mir in diesem halben Jahr überall auf der Welt begegnet sind. Und schon erscheinen vor meinem inneren Auge die herrlichen Ladies am Strand in Sri Lanka, die mit mir die Ayurveda Kur durchgestanden haben. Die „Sirenen“, die singenden wunderbaren Menschen, denen ich auf Bali und Lombok begegnet bin. Die Einheimischen, also Duminda und Nova und Angga. Die seebärigen, fantastischen Mitsegler, die mit mir den Sturm auf dem indischen Ozean überstanden haben. Die wunderschönen omanischen Prinzen aus dem Morgenland, die mir vor allem mit ihrer samtigen Stimme beim Erzählen geschmeichelt haben. Und dann die Bretonen! Keine Franzosen, nein! – Bretonen! Charmant und eigensinnig und auf eine ganz eigene Weise schön. Und meine Lieblichkeiten auf Jersey, die Menschen, zu denen ich so gerne immer wieder zurück kehre.

Und auch in London habe ich einen spannenden Menschen getroffen. Es war mein Taxifahrer. Ein Aphgane, der als Neunjähriger geflüchtet war vor dem Krieg. Sein Weg führte über Iran, Türkei, Griechenland, Italien, Frankreich und schliesslich vor 24 Jahren nach Grossbritannien. So ganz nebenbei erzählte er, dass er sich unten an einem Lkw festgehalten habe, um in England ein neues Leben zu beginnen. Ein schöner und glücklicher und tiefer Mensch. Eine Geschichte, die mein Weltbild ein bisschen korrigiert hat. Ich habe ihn angestaunt wie alle anderen. Eine spannende Geschichte, der ich gerne noch länger gelauscht hätte.

Ich könnte ewig weiter reisen und Menschen fischen. Ich wünschte, diese Reise würde ewig weiter gehen und ich könnte überall ein bisschen anhalten und beobachten und lauschen und fragen, fragen, fragen.

Jetzt muss ich doch ein bisschen schmunzeln. Ich habe ja noch nie etwas anderes gemacht! Und es gab und gibt doch auch in den letzten Jahrzehnten so viele spannende Menschen, denen ich zum Beispiel auch beruflich begegnet bin! Und mein Herz ist ja auch ganz voll mit Freunden und Begegnungen und Coachees und Nachbarn. Jetzt weiss ich: Ich kann ewig weiterziehen! Und Fragen stellen. Geheimnisse heraus locken und vielleicht auch hier erzählen.

Sechs Monate sind vorbei von meiner langen Reise. Ich mache eine kleine Atempause und sehe meine liebsten Menschen hier in der Schweiz und in Deutschland. Einmal möchte ich umdrehen und erzählen und mich ausruhen und meinen Liebsten wieder begegnen, bevor es wieder hinaus geht in das nächste Abenteuer. Es wird schön und reich beschenkt sein, als nächstes darf ich im August alten Freunden und vierbeinigen Schönheiten begegnen. Aber davon dann mehr, wenn es an der Zeit ist. Jetzt darf ich mich ein bisschen ausruhen vom vielen An- und Auspacken der Koffer und den tausenden Kilometern, die meine Reise schon andauert. Ein bisschen die kleinen Kreise ziehen. Und Augen begegnen, in die ich tauchen kann, weil alles schon da ist, die Geschichten offenbart und die Freundschaft gewählt. Ankommen bei denen, die mich fragen. Und die mir Heimat sind. Ich freue mich so sehr.

Das Leben ist schön! Und wie!
La vie est belle.

Paartanz

Das Paar sass in meiner Blickrichtung und fiel mir gleich auf, als ich ein Auge auf sie warf. Sie eine ältere Lady mit Minirock und geflochtenen Zöpfen und er ein älterer Herr, fein angezogen und mit einer schönen Ausstrahlung. Immer wieder versuchte er, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Hielt das Gespräch am laufen, schmeichelte ihr und fragte sie vieles. Sie antwortete sehr kurz. Er legte den Kopf schief, lächelte sie an, streckte hin und wieder seine Hand zu ihr hinüber. Nur ein einziges mal durfte er ihre Hand kurz halten, dann zog sie sie wieder zurück und liess ihn alleine in seinem Bemühen. Ich sah ihn schrumpfen, seine Schultern gingen nach unten, die Körperspannung zog sich zurück. Ganz offenbar zeigte seine Begleiterin ihm die kalte Schulter. Mich machte das irgendwie traurig.

Warum, fragte ich mich, haben Frauen irgendwann mal aufgehört, sich dem Mann anzuvertrauen? Warum soviel Widerstand und Zickerei? Es war nicht das erste Mal, dass ich beobachtete, dass Männer so oft ins Leere laufen. Frauen haben inzwischen Schwierigkeiten sich anzuvertrauen, geschweige denn schaffen sie eine Hingabe, die das gemeinsame Schmelzen möglich machen würde. Wie schade. Ich weiss nicht, wann und wer das angefangen hat: Das Verweigern. Waren es zuerst die Frauen, weil sie ihre eigene Stärke und Unabhängigkeit nicht mehr mit dem Partnerschaftsverhalten überein bringen können? Oder waren es die Männer, die das Interesse verlieren wenn nichts mehr von den Frauen zu erwarten ist? Wie schade. Der Paartanz hat gelitten in den letzten Jahrzehnten.

Die kleine Szene liess mich nachdenklich werden, über die Beziehungen (was für ein entsetzliches Wort Be-zieh-ung) von mir und meinem Umfeld. Auch von meinen Coachees. In ganz vielen Verbindungen sehe ich das: Dieses Ringen und Kämpfen und Verhandeln und Konkurrieren. Statt das gemeinsame Schmelzen und Unterstützen, Umgarnen und miteinander schwingen. Und dabei bräuchte es nur eins: Fortwährende gegenseitige Be-wunderung. Also: Das Wunder im Anderen sehen. Das, was ist, als wertvoll ansehen. Den Nächsten als kostbare Ergänzung sehen: Als eine Bereicherung, Inspiration, als Spiel-und Tanzpartner. Wenn das jeden Tag des Zusammenseins stattfinden würde, dann wären zwei eins. Dann wäre ein Paar ein Paar und nicht zwei Menschen, die zufällig am selben Tisch sitzen. Alle, die das nicht mehr machen möchten, sollten sich um ihrer Selbst willen und zum Wohle des Partners einfach fair loslassen. Um dann mit einem anderen zu tanzen.

Gerne wäre ich zu dem Paar an den Tisch zurück gekehrt und hätte mich eingemischt. Aber das stand mir nicht zu. Schlussendlich war es nicht sicher, ob ich das richtig gedeutet hatte. Vielleicht waren sie Geschwister oder sie hatten gerade vorher gestritten und das Zicken gehörte zum Versöhnungsspiel. Oder sie waren dabei sich zu trennen. Oder sie hatten einfach einen schlechten Tag. Was ich aber gerne gesagt hätte: Wie schön es zu beobachten gewesen war, wie er sich um sie bemüht hatte.

Im Weitergehen fielen mir dann doch noch ein paar Paare auf, die miteinander waren statt allein. Hier in Frankreich blüht die Liebe immer besonders schön. Ich sah einige Paare Hand in Hand. Im Anschluss an diesen Blog habe ich die Fotos zugefügt. Wie war das schön zu sehen, das gemeinsame Laufen, den Gleichklang, die Zugewandtheit. Händchenhalten habe ich immer gemocht. Und wenn ich überhaupt irgend etwas vermisse bei meinem Free-Solo-Tanz dann das: Einander die Hand halten.

Ich glaube, der nächste der dauerhaft meine Hand hält und mit dem ich mich gegenseitig bereichern kann, könnte mich glatt zum Dahinschmelzen bringen. Aber das ist dann vielleicht ein späterer Blog, den ich noch erzählen darf.
Solange bleibe ich – überaus amüsiert und glücklich: Eine Geschichtenerzählerin auf Beobachtungsposten.

Denn: La vie est belle! – Das Leben ist schön.

Im Transit

In der vergangenen Woche sass ich oft in Flugzeughallen, ich wollte von meiner Insel nach Ostfriesland reisen und das hiess: Dreimal fliegen und immer wieder warten. Während ich also die langen Flure durchquerte und in den diversen Lounges meine Beine streckte, betrachtete ich die Menschen, die dort mit mir warteten. Es waren sehr viele, sehr unterschiedliche Exemplare von Reisenden und es war sehr spannend, sie zu beobachten. Ich begegnete einer Gier, die mich von früh an angetrieben hatte: Der Neugier.

Wieviele Gesichter begegneten mir! Meistens sehr freundliche Exemplare im vereinigten Königreich. Und dann ein bisschen griesgrämigere auf deutschem Boden. Aber: Es war ein herrliches Gewusel aller Altersklassen, Geschlechter und Nationalitäten. Und jeder trug eine ganz eigene Geschichte, die mich oft interessiert hätte. Wie gerne wäre ich mit einigen ins Gespräch gekommen. Aber es begegnete mir auch hier wieder ein Phänomen: Menschen sitzen ganz nah beieinander. Aber sie reden nicht. Auf eine eigenartige Weise bleiben sie doch isoliert.Ich frage mich, ob es eine Gewohnheit ist, die irgendwann entstanden ist, dass wir uns nicht mehr mitteilen sondern in andere Ablenkungen versinken.

Auf einem der Flüge traf ich eine charismatische Opernsängerin, die ich wiedererkannte. Ich hatte vor einiger Zeit ein Album mit ihrer grossartigen Stimme gehört. „You drive me crazy Mozart“, von Golda Schultz. Leider hatten wir nicht viel Zeit für einen Austausch. Zu gerne hätte ich sie ausgequetscht – und vor allem gerne gewusst ob sie schon einmal für Sir Simon Rattle gesungen hatte….

In einem anderen Flug sass eine grosse, magere Dame neben mir, die hektisch im Bordprotokoll die Sicherheitsanleitungen studierte. Auf meine Einladung, sich mit mir zu unterhalten wurde sie etwas brüsk und verschloss sich. Und im letzten Flug sass ein interessanter rothaariger Mann neben meiner Schwester, den ich gerne ausgefragt hätte. Aber er schloss schnell die Augen oder schaute aus dem Fenster.

Als kleines Kind, ich war vielleicht 8 Jahre alt, wusste ich schon, was ich einmal werden wollte „wenn ich gross bin“: Fragerin. Ich wollte hemmungslos jeden alles fragen dürfen und aus den Menschen die spannenden Geschichten herauskitzeln. Das hätte eine Journalistin werden können… (es war natürlich am liebsten der Beruf des Enthüllungsjournalisten, weil die Geheimnisse mich reizten). Oder Seelsorgerin, weil mich die Verzweiflungen der Menschen interessierten und auch deren Sehnsüchte. Oder eben Psychologin, weil ich die Menschen nicht nur ausfragen, sondern auch reparieren wollte. Und diese Neugier ist ungebrochen, ich habe sie am Flughafen wieder entdeckt. Wie gerne hätte ich hier ein paar Perlen eingesammelt. Aber auch ich kapitulierte irgendwann und steckte mir die Airpods in meine gierigen Ohren und hörte stattdessen einen spannenden Podcast. („Hotel Matze“, sehr zu empfehlen)

Und dann sammelte ich doch noch zwei Geschichten ein. Mir begegnete ein älterer Mann, der ein reiches Innenleben hatte. Ganz natürlich und schön kam es zu einem Gespräch, in dem er ein bisschen sein buntes Potpourrie vor mir ausbreitete. Wir plauderten über seine früheren Leidenschaften, er war in seinen frühen Jahren gerne in die Schweiz gereist um Ski zu fahren und sprach begeistert von langen kalten, schneereichen Wintern. Als seine erste Ehefrau sich das Knie verdrehte, musste ein neues Hobby gefunden werden. Also ging es aufs Wasser und wir sprachen begeistert über das Segeln. Schnell fanden wir heraus: Wir hatten beide unseren Segelschein auf dem holländischen Ijsselmeer gemacht. Wir lachten bei der Erinnerung, dass wir manchmal mit herrlich viel Rückenwind hinaus gesegelt waren, uns die Rückkehr in den Hafen aber äusserst schwer viel, weil nun der Wind gegen die Segelboote stand. Er sagte sehnsüchtig: Nirgendwo sonst war ich so glücklich und entspannt wie auf dem Wasser, wenn der Wind uns die Wellen brachte und die Naturgewalten spielen konnten.

Der wunderbar trockene Ostfriese erzählte von früheren Träumen und Abenteuern. Ich konnte noch das Glitzern in seinen Augen sehen. Aber ich sah auch: Die Müdigkeit eines langen Lebens. Ein bisschen Traurigkeit und auch das Verschliessen des Zugangs zu seiner Herzens-Schatzkammer. Manche Menschen werden im Alter ruhig. Nun könnte man meinen: Weil alle Worte aufgebraucht sind. Weil man sich eben schon inflationär verschenkt hat. Weil man müde geworden ist. Ich möchte lieber denken: Weil man jetzt gerne nach innen sieht – und in den Palästen der schönen Erinnerungen spazieren geht und nichts mehr dazu fügen möchte.

Eine andere schöne Begegnung war unser Fahrer in London. Was für ein herrlicher und attraktiver Mensch. Seit dreissig Jahren lebt er als gebürtiger Kosovare in der englischen Hauptstadt, hat inzwischen einen britischen Pass, spricht ein schönes und akzentfreies Englisch. Er erzählte uns von dem Leben im Königreich, dass er Royalist ist, früher als Küchenchef gearbeitet hat und jetzt gerne eine schöne luxuriöse Limousine fährt. Jeden Sommer, so erzählt er, fährt er mit dem Auto zurück nach Pristina und tankt Heimatgefühle. Er erzählt schnell und schön und teilt gerne, fragt uns ein bisschen aus, ein wunderbar leichtfüssiger Dialog entsteht. Was mir geblieben ist: Er erzählte auch von Begegnungen mit seinen Gästen und – dass er von fast allen etwas lernt.

So bin ich dann doch noch befriedigt mit meiner Bilanz der letzten Woche. Eine Menge namenlose und distanzierte Menschen gesehen. Ein paar fragwürdige Persönlichkeiten gestreift. Einige Lächeln. Die norddeutsch noble und auch die norddeutsch distanzierte Spezies gesehen. Und zwei Perlen gesammelt in meine Schatzkammer.

Reisen öffnet Horizonte. Und: ich bin immer noch neugierig. Wie herrlich. Es könnte sein, ich mache das beruflich noch ein bisschen länger. Denn:

La vie est belle – Das Leben ist schön.

Schach und Matt

In der vergangenen Woche hatte ich einen schönen Menschen hier auf Jersey. Ich habe meine Reise ein bisschen pausiert und mal wieder gearbeitet. Die Woche vor ihm war auch eine Perle da, aber ich lasse sie in ihrem schönen Küsten-Nebel unerwähnt, weil sie sich so am besten bewegen kann.

Nun also der Schattenmann. Ich nenne ihn hier mal „Pi“. Seine Geschichte ist bemerkenswert. Seit ich ihn vor vielen Jahren kennenlernen durfte, versuchte er mir einzureden, dass er „ganz schön bösartig sein könne“ und ich nur seine warmherzige Seite kenne, die er angeblich nicht sehr oft auslebte. Aber ich habe ihm das nie geglaubt. In den vielen Jahren meiner Arbeit habe ich gelernt, den Illusionen nicht zu lauschen, sondern den Menschen nackt zu sehen. So gerne sehe ich den Menschen hinter ihre Masken, ganz egal wie gut getarnt sie sind. In Pi’s Fall sah ich eine feine Seele. Tiefe, Traurigkeit und auch viel Liebe.

Dass Pi oft ausrastete hatte Gründe. Es war eine Sprache, die er seit Kleinkindalter gelernt hatte. Nachdem er als Stammhalter geboren und sehr willkommen war, wendete sich das Blatt leider zu schnell. Der Vater verfiel dem Alkohol und dem Glücksspiel und war für die Familie wenig präsent. Und ausserdem hagelte es dem kleinen Jungen gegenüber Vorwürfe, weil er eben nicht so war, wie der Vater es sich gewünscht hatte. Schliesslich fing auch die Mutter mit dem Streiten an. Pi stand dazwischen, musste aushalten, brav sein, mitspielen und die Attacken der beiden gegeneinander über sich ergehen lassen.

Er flüchtete – zuerst ins Bett und damit den Schlaf, also die Lethargie. Und schliesslich in die Ohnmacht, die in ihm einen riesigen Schmerz verursachte. Den Schmerz betäubte er dann wiederum mit Aggression. Pi rastete oft aus, weil es zu gewaltig wurde, den Schmerz in sich hinein zu schreien. Schon bald vermisste er echte Nähe. Authentisches Sprechen über Gefühle. Ein unguter Kreislauf aus Ver-schweigen, sich zurück ziehen und distanzieren, Kälte und Streiten nahm von ihm Besitz.

In der Folge vermauerte sich Pi immer mehr. Er liess niemanden nah an sich heran, versuchte die Nähe einzig im Sex. Hatte viele Liebschaften, lebte intensiv und leidenschaftlich. Und klug war er. Als Kompensation zu dem verlangten Männerbild seines Vaters kultivierte er seinen scharfen Geist, wurde ein Schachmeister und kletterte die Karriereleiter unangestrengt nach oben. Alles hätte gut gehen können, wenn er nicht immer diese innere Einsamkeit mit sich herum getragen hätte. Und wenn es die jähzornigen und vulkanischen Ausbrüche nicht gegeben hätte, die ihm seine Beziehungen zerstörten.

Vor einigen Jahren also machten wir die ersten Sessions miteinander. Die Symptome wurden geheilt, die Wurzel allen Übels aber schwelte weiter und nun war er bereit, sich auf Leben und Tod vollständig einzulassen. Ich musste schmunzeln, als er mir bei seiner Ankunft sagte, er habe eigentlich keine grossen Erwartungen, er sehe den Trip einfach als eine Art Erlebnisferien. Er wusste nicht, was ihn erwartete, ich schon.

Und so ist er dann auch aufgebrochen auf seine Reise. Im wahrsten Sinne des Wortes: AUF – GEBROCHEN. Nach einigen milden ersten Stunden ging es bald zur Sache und nun war er in der Lage, sich komplett dem Prozess hinzugeben. Wir lachten extrem viel über seine klugen Ausweichmanöver. Ein bisschen war es wie Schachspielen zwischen uns. Er war sich siegessicher, ich auch. Ich durchblickte seine Bewegungen und seine klugen Moves. Und irgendwann dann durften auch die Tränen fliessen, die Wut in Rage explodieren und die neue Richtung eingeschlagen werden.

Kein Schicksal ist für immer. Wir müssen nicht mit dem Trauma als Drama weiterleben. Wir können auch abspringen aus Mustern, denen wir schon jahrzehntelang blind folgen. Der Autopilot muss ausgeschalten werden. Pi ist aufgebrochen in ein Leben, in dem er authentisch sein kann, seine wahren Gefühle fühlen, benennen und aussprechen. Endlich kann er sich ganz geben, sich mitteilen und sich der Welt schenken. Was für ein Vergnügen war es, ihm bei seiner Ent-faltung zuzusehen.

Und wie reich beschenkt bin ich mit meiner Arbeit auf der schönsten Insel im Ärmelkanal.

Ach, hatte ich es schon erwähnt? La vie est belle – Das Leben ist schön.

Sweet little Lieblichkeit

Das Bild geht mir nicht mehr aus dem Kopf und wiederholt sich in Endlosschleife in meinem flachen Schlaf. Ich war am winzigen Flughafen auf Jersey und beobachtete, dort meinem nächsten Besuch entgegen freuend, die Ankommenden. Die kleine Ankunftshalle hat wenig zu bieten, kaum je mehr als 20 Menschen warten dort. Man kann die Schleuse sehen, aus der die ankommenden Passagiere kommen, nachdem sie ihr Gepäck vom einzigen Gepäckband geholt haben. Da die Menschen auf dieser Insel, meinem Gefühl nach, ganz besonders liebenswert sind, sieht man allerlei herzliche Szenen und hört schöne Worte, die sie einander laut zurufen, noch bevor sie sich allesamt in die Arme schliessen. Ich muss dort immer schmunzeln und bin jedesmal beglückt. Nicht nur weil ich dort selbst ausnehmend schöne Menschen abhole, sondern auch über all die Szenen, die ich dort beobachte.

Ich beobachtete einen langhaarigen coolen Surferboy, den seine Mam abholte die er warmherzig umarmte, alte Menschen, die sich in die Arme fielen weil sie froh waren begrüsst zu werden, Kinder die ihrem Papi entgegen sprangen, ein junges Paar, die sich nicht mehr loslassen wollten.

Und dann eine wirklich schöne ältere Dame, vielleicht in ihren Siebzigern. Schon vor der Ankunftshalle war mir ein dazu passender Herr aufgefallen, der super attraktiv war. Er fuhr seinen BMW Cabrio schnittig auf den Parkplatz und stieg mit einem riesigen Lächeln aus. Ich schaute ihn an, weil er so eine tolle Ausstrahlung hatte. Und dann kam seine Lady durch die gläserne Schleuse. Sie fiel mir vor allem auf, weil sie einen fantastischen Haarschnitt hatte und ihr Körper trotz des Alters noch eine schöne Grundspannung zeigte. Und sie war chic angezogen, stilvoll und lässig. Sie sahen einander. Die Lady liess ihre Tasche los und sprang auf ihn zu. Er war sehr gross und schlank, sie etwa 20 Zentimeter kleiner. Ich musste ein bisschen schmunzeln, als sie die Arme nach oben streckte während sie schnell auf ihn zulief. Dann, mit einem Satz, sprang sie ihm in die Arme und wickelte ihre Beine um seine Hüften und er hielt sie lachend. Setzte sie anschliessend sanft auf den Boden auf und nahm selbstverständlich die Tasche in die eine Hand und seine Liebste in den anderen Arm. Sie gingen beschwingt aus der Halle. Ich musste mir ein paar Tränchen weg tupfen. Ich liebe es, die Liebe zu sehen.

Es bewegte mich und ich dachte einmal mehr, wieviel Liebe hier auf dieser kleinen Insel im grossen Meer gefunden werden kann. Jeden Tag sehe ich hier skurile und kleine wunderbare Szenen und erlebe wirklich Menschlichkeit. Einen Tag vorher noch hatte ich wieder einmal erlebt, wie aufmerksam Menschen hier miteinander umgehen. Ich war vom Strand gekommen und auf dem Slipway war viel Sand geweht worden. Da meine lädierte Hüfte mich ein bisschen steif werden lässt ging ich langsam und vorsichtig über den rutschigen Untergrund. Sofort sprangen zwei Männer, die gerade von der anderen Seite kamen, auf mich zu und gaben mir Hand und Arm und zogen mich auf den sicheren Asphaltweg. Ich bedankte mich überschwänglich und der eine freundliche Zeitgenosse sagte, dass sei ein Akt der „Gentleness“ und eine Selbstverständlichkeit, das zu tun.

Die ganze Insel ist hier voller Liebe. Und das sehe ich nicht das erste Mal. Es lässt mich immer wieder zurück kommen. Ich geniesse es, hier Mensch unter Menschen zu sein. Die vielen liebevollen Worte zu hören. Die „Süssigkeit“ in der Sprache. Hier sprechen Menschen noch in Telefonzellen, feiert man die Flut mit hoch gestreckten Armen, bedankt man sich für alles, was einem Gutes wiederfährt (auch bei allen Menschen an der Kasse, dem Parkwächter, dem Passanten der einem Platz macht), man spricht sich mit „love“, „darling“ und „sweetheart“ an, ganz natürlich und in allen Altersgruppen. Und man macht sich Komplimente, einfach so, beim Vorbeigehen. Am Morgen, manchmal am Abend, treffe ich eine kleine Gruppe ältere Ladies, mit denen ich in den eiskalten Atlantik springe, immer quiekend wegen dem Kälteschock und immer frisch fröhlich.

In der vergangenen Woche sass ich einmal auf einem kleinen Mäuerchen am langen Strand und beobachtete versonnen die Szenerie. Es waren viele Menschen unterwegs am Strand, sassen zusammen, Kinder spielten. Klappstühle waren aufgeklappt worden, Gläser in der Hand, die Menschen kamen zusammen und sprachen miteinander. Weit und breit niemand zu sehen der sein Smartphone vor der Nase hatte. Drachen steigen in den immer windigen Himmel. Jugendliche spielen Fussball, Hunde rennen sich nach, während die Frauchen lachend schwatzen. Ich sass auf meiner Mauer und schmunzelte und lachte beglückt mit. Da lief ein älterer Herr an mir vorbei, sah mich an und sagte „Hello my love, I wish you a good afternoon“. Natürlich habe ich das gerne erwidert. Er lief weiter, ich sass weiter und beide hatten wir ein gutes Gefühl, weil wir einander begegnet waren.

Der kleine Kosmos hier auf Jersey dreht sich um Begegungen. Die Welt ist noch heil. Ich könnte ewig bleiben.

Denn hier mehr als irgendwo anders auf der Welt und auch auf meiner Reise um die Welt sehe ich es: La vie est belle – Das Leben ist schön.

George und Harriet

Diese beiden „lovebirds“ sitzen jeden Tag im botanischen Garten und lesen Bücher aus der Bibliothek. Sie sind mir gleich aufgefallen als ich meine Freundin Maria in Samares Gardens besucht habe. Das Paar sitzt dort, hat eine Thermoskanne mit Tee bei sich, belegte Brote und ihre Bücher. Harriet liest Liebesromane und historische Familiengeschichten, George Geschichtsbücher und Kriminalthriller. Sie sitzen fast den ganzen Tag dort, haben eine Jahreskarte, sitzen zwischen Rosenbüschen und in lauschigen Ecken in der chinesischen Gartenanlage.

Auf mein Ansprechen hin erzählten sie, dass sie schon über 80 sind und seit mehr als 60 Jahren ein Liebespaar. Das war keine hohle Phrase, es war eine grosse Zärtlichkeit zwischen den beiden, mehrmals strich George seiner Liebsten über die faltige Wange, stiess sie ein bisschen an beim Aufstehen und hielt ihr den Arm beim Hinsetzen. „Die Athrose“, so sagte er, sei ihr einziger Feind beim Älterwerden.

George wurde auf der Insel geboren, noch während des Kriegs. Mit einem Schmunzeln erzählt er, dass die Eltern während der deutschen Besetzung wohl Langeweile gehabt hätten und in den letzten Jahren des Kriegs viele Kinder geboren wurden. Während der Besetzung war Ausgangssperre, die Insulaner mussten jeden Abend und vor allem die Nacht in den Häusern verbringen, elektrisches Licht oder gar Versammlungen waren verboten, die meisten Pubs geschlossen. So entstanden viele Kinder, auch diese beiden hier, die so gerne leben und auch gerne auf ihr schönes Leben zurück sehen.

Es sind keine reichen Menschen, auch wenn sie jetzt auf dieser wohlhabenden Insel leben. George hat sein Leben lang im Hafen gearbeitet, Harriet war Lehrerin. Sie sind gebildete und vor allem herzliche Menschen, die sehr aufeinander aufpassen und jeden Tag mit Sonne draussen verbringen wollen. Dann ziehen sie los, mit ihren Büchern und dem warmen Wolltuch, dem Essen aus dem mitgebrachten Korb. Eigentlich sei Picknicken im botanischen Garten verboten sagt Harriet, am Anfang haben sie das heimlich gemacht (sie giggelt ein bisschen und zeigt wie sie heimlich in ein Brot beisst). Inzwischen sind sie ein bisschen wie eine weitere Attraktion im Park geworden, weil sie so herrlich schrullig und altmodisch sind und Menschen sie gerne bestaunen und wie ich, fotografieren und ansprechen.

Beide lesen für ihr Leben gern. Aus ganz unterschiedlichen Gründen. Harriet lässt sich gerne verzaubern und in ferne Länder oder fremde Kulturen versetzen, liebt Liebesgeschichten, will mitschwärmen und schmelzen. George verdreht amüsiert die Augen, als sie mir davon erzählt. Sie sagt, in einer Welt, in der alles nicht so heil wäre, würde sie gerne ein bisschen Zuckerguss in den Büchern geniessen und eine Weile davon träumen, dass die Welt so ist wie in den Romanen.

George las anfang,s weil er ein grosses Interesse hat für Geschichte und alles wissen wollte, wie sich die Dinge entwickelt haben. Dann brauchte er auch noch ein bisschen, wie er sagt „männliche Aufregung“, also Heldenepos und Herzklopfen.

Manchmal streiten sie ein bisschen wenn einer schon nach Hause zurück möchte und der andere noch ein Kapitel hat und es gerade so spannend ist. Dann machen sie Kompromisse. Einer vertritt sich schon die Beine, schaut ein bisschen im Park herum oder wäscht sich die Hände, der andere muss sich ein bisschen beeilen damit sie zusammen nach Hause gehen können. Sie wohnen in der Stadt, es ist ein gutes Stück zu gehen und neuerdings müssen sie ab und zu mal absitzen auf dem Weg, weil es etwas schwierig geworden ist, die ganze Strecke auf einmal zu schaffen.

Ich frage sie, was das Geheimnis ihres langen Lebens, ihrer schönen langen Ehe ist. „Humor“ sagt George, sie können über alles lachen, manchmal denken sie sich Stories über die Menschen aus, die sie im Park antreffen und dann kommen absurde Twists heraus, Kapriolen und unmögliche Wendungen. „A little bit Edgar Allen Poe is in everone of us“ sagt George. Sie schmunzeln. George schaut mich an und sagt: „Wenn ich mir eine Geschichte über Dich ausdenken müsste Maren, dann wärst du entweder eine geheime Blumenflüsterin oder eine Agentin, die mit Geheimnissen handelt“… Ich muss nun auch lachen. So weit weg ist er bei der zweiten Vermutung nicht…

Harriet’s Antwort auf das lange glückliche Leben heisst „Zärtlichkeit und Hingabe“. Sie hält seine Hand, er schaut sie liebevoll an. Am liebsten würde ich nun zu meinem Auto gehen, einen Klappstuhl holen und den Nachmittag mit den beiden hier verbringen. Oder sie zu Maria in den Teegarten einladen zu Cream-tea und einem Glas kühlen Weisswein. Aber ich entscheide mich trotzdem zu gehen. Das schöne lange Leben mit Poesie und Zusammengehörigkeit macht mich melancholisch. Ich bin spontan verliebt in die beiden und beschliesse, bald wieder in den Botanischen Garten zu gehen um sie zu sehen.

Es sind diese Begegnungen, die Jersey zu meiner Wahlheimat machen.

La vie est belle – Das Leben ist schön.

Sebastian

Sebastian war schon immer verrückt nach dem Meer. Seine Mom Lauren erzählte mir, wie er schon als Zweijähriger wenig Interesse für die Sandförmchen und Schäufelchen hatte, die sie mit zum langen Strand nahm. Statt dessen warf er sich mit dem Bauch auf den nassen Sand und ruderte … sein Dad missverstand das und hob ihn hoch um mit ihm Flieger zu spielen, er solle doch nur seine kleinen Ärmchen ausbreiten, dann könne er fliegen. Aber Seb schrie aus Leibeskräften, bis der Vater ihn wieder auf die Beine stellte. Sofort liess er sich wieder auf seinen kleinen Babybauch fallen und ruderte.

Erst ein Jahr später verstanden die Eltern: Der Kleine wollte paddeln, auf dem Bauch liegend. Sie kauften ihm sein erstes Swimming Board. Er lernte schnell. Schon bald danach schwamm er. Und er wollte immer an den Strand. Sein liebstes Wort war nicht etwa Mom oder Dad sondern „Beach“. Kaum angekommen rannte er los. Aber: Der Atlantik ist nun mal kalt und die Brandung auch nicht ungefährlich. Es war anstrengend für die Eltern, den Kleinen ständig zum Schwimmen zu begleiten. So meldeten sie ihn zur Schwimmschule an. Dreimal in der Woche konnte er nun trainieren, meistens im Lido Havre des Pas. Später aber auch im Meer. Seb wollte alles – schwimmen, surfen, mit dem kleinen „Optimist“ Segelboot segeln lernen. Und er durfte auch alles. Für ihn war klar: Er würde Lifeguard werden. Erst, seit er 14 war, freiwillig, später sollte es sein Beruf werden. Bademeister und Lifeguard, am liebsten immer am Five-miles-Beach in St Ouen.

So oft es ging klemmte er sein Brett unter den Arm und surfte. Seine Clique bestand nur aus Surfern, sie träumten von den grossen Wellen, fuhren ab und zu mit der Fähre über den Kanal und dann an die Hotspots in der Bretagne. Sie lebten den Traum. Als er 19 war liess er sich auf den Rücken „Ripcurl“ tätowieren, den Namen seines Wetsuits. Ich fragte Lauren, ob sie denn nicht Angst gehabt hätte um ihren Sohn, der so riskante Manöver surfte, sich in den wilden Ozean stürzte, mit den Gezeiten spielte. Aber sie fragte mich, welche Art von Mutter sie denn dann gewesen sei, wenn sie wegen ihrer eigenen Angst ihrem Sohn das Liebste genommen hätte, das er hatte.

Es kam anders und jetzt wird es tragisch. Nach einem abendlichen grossartigen Surf mit seinen Freunden tranken alle noch aufgekratzt und glücklich einen heissen Tee und machten ein kleines Barbecue am Strand. Sie feierten, wie so oft, das Leben, die Wellen, den Tag. Ohne Alkohol, aber mit ganz viel Euphorie im Blut. Sie waren jung, wild und bezähmten täglich die Wellen. So sollte es ewig weitergehen. Nachdem es nachtschwarz wurde, räumten sie zusammen, stiegen in ihre Autos. Sebastian fuhr als erster los. Gemächlich, im gechillten Modus liess er sein Auto über die Schotterpiste rollen und wollte nach rechts abbiegen als es zu einem infernalischen Lärm kam. Seine Jungs sprangen aus ihren Wagen und rannten. Von links war ein unbeleuchtetes, gestohlenes Auto gekommen, mit einem betrunkenen Mann, der weder Fahrerlaubnis noch Versicherungskarte hatte. Er war ungebremst ist Seb’s Seite gefahren.

Weil Sebastian so schwer verletzt war, wurde sofort der Rettungshelikopter angefordert und er wurde auf die grosse Insel geflogen, in eine Traumaklinik nahe London. Sie kämpften um ihn. Seine Kopfverletzungen waren dramatisch, es bestand fast von Beginn an keine Hoffnung, dass er nochmals genesen würde. Und so kam es dann auch. Es war schnell klar, dass er es nicht schafft. Sie liessen ihn gehen.

Sie liessen seinen Körper verbrennen und die Asche nahmen die Jungs mit auf den Brettern in den Ozean. Lauren und Stan baten die Freunde, weiter zu surfen, sich das nicht nehmen zu lassen. Es gibt diese Bank am langen Strand, hier auf Jersey, die seine Freunde für ihn machen liessen. Ich sitze da ab und zu eine halbe Stunde bei ihm, dort habe ich auch Lauren kennengelernt. Noch immer ist der Strand wunderbar und mit unendlich vielen Surfern bevölkert. Die Wellen sind bei manchen Sturmfluten haushoch.

Ich muss auch an Ueli Steck denken, diesen verrückten und wilden Speed Kletterer aus der Schweiz. Gestern Abend habe ich eine Dokumentation über ihn auf Netflix gesehen. Er starb bei einem Trainingslauf und wurde nur 41 Jahre alt. Den Abend vor seinem Tod soll er euphorisch und glücklich gewesen sein. Ueli sagte, er hätte lieber einen Moment des wilden Herzklopfens in Gefahr, als hundert Jahre in der Gleichtönigkeit eines langweiligen Alltags.

Ich nenne Menschen, die die Sicherheit dem wilden Leben vorziehen gerne die Bordsteinmenschen. Sie stehen auf dem sicheren Bordstein und verlassen den eingetretenen Weg nicht. Vielmehr fürchten sie die Gosse (in die sie vielleicht treten werden) und vor allem die Fahrbahn, die so viele Gefahren birgt. Das kann man so machen – aber glücklich macht es eben wahrscheinlich nicht. Ohne Neues, ohne das Fremde, das Risiko, das Leidenschaftliche – gibt es keine Entwicklung, keine Kreativität und auch keine Euphorie. Man kann so leben und die allermeisten tun das auch so. Aber es gibt eben auch die anderen, die die Kopf und Kragen riskieren und deren Herz unbändig laut klopft und explodiert und die grossen Höhen der eigenen Belastbarkeit ausreizt.

Was richtig ist?

Lauren hat mir gesagt, sie sei vor allem glücklich für ihren Sohn Sebastian. Weil er die allermeiste Zeit seines Lebens glücklich war. Und auch die letzten Momente seines realen Lebens geliebt und gefeiert wurde. Ich habe sie umarmt und bewundert und ich bin dankbar, dass ich sie kennengelernt habe. Denn: Seit er gegangen ist lebt sie bewusst und liebt ohne Rückhalt. Ihren Mann, die zwei weiteren Söhne und auch die Freunde ihres Sohnes. Inzwischen sind über 20 Jahre vergangen. Aber von ihm bleibt: Lebensfreude. Und – sie surfen alle noch für ihn weiter.

Manchmal ist das Leben bitter. Aber meistens – ist es schön: La vie est belle.