Gehorchen

Der grosse C.G.Jung hat einmal gesagt: Wenn Du einmal das Sehnen Deines Herzens empfangen hast, weisst was es will, dann geht es nicht anders: Dann musst du ihm gehorchen. Also: Dem Herzen folgen.

Über das Gehorchen habe ich schon oft nachgedacht. Als Kind sagte man mir nicht nur zuhause, sondern auch in der Schule, dass ich gehorchen muss. Gerne fragte ich dann nach den Gründen und Motivationen, warum man der einen oder anderen Regel gehorchen sollte. Ich wollte unbedingt das „Warum“ wissen. Wenn das Warum für mich stimmig war, dann tat ich es. In den allermeisten Fällen aber war es das nicht. Es waren Normen, die mich anpassen sollten, oftmals mit Moral durchwirkt, meistens als Leitfäden für eine Gesellschaft, zu der ich ohnehin nicht gehören wollte. Ich hatte ganz und gar nicht den Eindruck, dass die Erwachsenen irgend etwas richtig machten, dass es sich lohnen könnte, die Dinge so zu machen, dass sich die Dinge wiederholen, die mir unlogisch und falsch erschienen.

Ich erinnere mich, dass es mir einmal langweilig war im Religionsunterricht und ich begann mit den Fingern zu spielen. Ich war stolz, dass ich meine Finger so biegen konnte, dass sie weitestgehend übereinander lagen. Also zeigte ich es meinem Sitznachbar. Der Religionslehrer war ausser sich, hatte er doch interpretiert, dass ich sein Geschwätz einer Lüge bezichtigte. Er stürzte auf mich zu, riss mich an meinem Pferdeschwanz hoch und schleifte mich, mit dem Griff fest um meine Haare, aus dem Klassenzimmer. Ich landete vor der Tür und er schrie mich an ich solle gefälligst darüber nachdenken was mir da einfiele. Ich war vielleicht 8 Jahre alt, der Lehrer hiess Herr Pieh, ich erinnere mich sehr gut. Ich sass völlig unwissend vor der Tür. Und da muss etwas passiert sein: Ich beschloss, keiner einzigen Regel mehr zu gehorchen, die mir unsinnig erschien. Wie um die Sache klar zu machen, bekam ich sofort eine Belohnung. Der Hausmeister kam vorbei mit kleinen warmen Milch- und Kakaotüten. Er gab mir, mich bedauernd, eine und legte einen Finger an die Lippen. Der Kakao schmeckte süss und tröstend warm. Ich wusste: Das lohnt sich, was ich gerade beschlossen habe.

Ich habe nie mehr gehorcht. Es gab fortan nur noch das: Ich denke nach, ob es sich lohnt dieser Spur zu folgen. Wenn ja, dann tue ich es freiwillig. Wenn nein, dann lasse ich es. Mogle mich raus. Tue so als ob. Lasse mich nicht erwischen. Folge meiner eigenen Überzeugung.

Wie herrlich, ein Leben in Autonomie. Aber auch: Anstrengend. Überaus anstrengend. Denn blind und taub mitzuschwimmen und alles mitzuspielen was verlangt wird, das war verführerisch einfach und wurde belohnt mit Anerkennung und Vorteilen. Den eigenen Regeln zu folgen, das hiess, ein rebellisches Herz jederzeit stärken, beweisen und verteidigen zu müssen. Und immer immer im anstrengendem Gegenstrom zu schwimmen.

Hat es sich gelohnt? Inzwischen sind mehr als 50 Jahre vergangen. Schaue ich zurück, dann freue ich mich unbändig, dass ich mir und meinem Herzen gefolgt bin. Es hat sehr viele Kapriolen geschlagen, es ist getanzt, geflogen, abgestürzt, wurde zertrümmert und vergoldet, hat ohrenbetäubend geschlagen in Euphorie und hat geblutet im Liebeskummer. Aber wenn ich es betrachte, dann lacht es. Es hat sich nicht, niemals, gebeugt. Ich danke mir selbst für diese Bilanz. Und ein bisschen bewundere ich mein Herz für seine Stärke. Nicht nur physisch.

Inzwischen kann ich nicht mehr anders. Und mehr noch: Ich habe einen Beruf daraus gemacht, eine Berufung. Vor kurzem durfte ich diese Berufung benennen. Es nennt sich:

Ermutigerin

Ich musste ein bisschen schmunzeln, als mir eine tolle Frau sagte, darin verbirgt sich das Wort „Tigerin“. So fühlt es sich auch an.

Folgst Du Deinem Herz?

Was tut es mit Dir?

Wo will es hin?

Was will es von Dir an Handlung, Wahrheit, Frechheit, Stärke, Eigen-sinn?

Obwohl unser Herz doch Dreh- und Angelpunkt unseres Lebens darstellt, hören wir oft nicht auf seinen Gesang. Wenn Dein Herz eines Tages aufhört zu schlagen, dann endet Deine gesamte Welt. Bist Du Dir dessen bewusst?

Weisst Du, dass Dein Herz die einzige Institution ist, die über Dein Leben bestimmt? Dass alles schlau-schlau reden und das Dröhnen Deines Egos nichts wert ist, wenn es um Deine Herzensmelodie geht? Von was erzählt Dein Herz? Wo will es Dich hinführen?

Schön, wenn Du Dir dafür einen Moment Zeit nimmst und es fragst. Ihm zuhörst. Wetten, dass Du überrascht sein wirst über die Antwort?

Das Wilde. Es ist nicht das Gegenteil von kultiviert. Es ist das Gegenteil von gefesselt.

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch: C’est la vie.

Aufbrechen

Jeder Erfolg startet mit der Entscheidung,

es zu versuchen.

John F. Kennedy

Ich versuche die Quadratur des Kreises. Das haben schon viele vor mir getan. Viele haben etwas versucht und sind gescheitert. Ich habe keine Angst vor dem Scheitern. Nur vor dem nicht-versuchen. Manchmal gibt es nur diesen einen Moment, den Du brauchst: Nach vorne zu gehen. An den Rand der Klippe. Zu springen – in den freien Fall. In der Hoffnung, dass der Aufwind Dich trägt. Es braucht Mut, wenn man etwas Unmögliches schaffen will.

Wie geht es Dir, nutzt Du diese schöne Auftriebsenergie, die der Frühling jedes Jahr mit sich bringt? Spürst Du das Drängen und Rufen der Knospen, die sich öffnen? Die Lust, etwas zu wagen?

Eine junge Frau im Coaching geht gerade diesen Sprung. Sie verabschiedet sich von den Konzepten, die andere für sie geschrieben haben und den Ideen, wie das Leben sein soll und muss. Streift alle Sicherheitsleinen ab und springt. Sie hat so viel Lust etwas Neues zu wagen, eigene Schritte auszuprobieren und sich selbst neu zu erfinden.

Wenn man noch jung ist, dann ist das leicht. Weil eben noch so viel Leben vor einem liegt. Na, zumindest theoretisch, denn eine Garantie gibt es dafür nicht. Wenn wir jung sind, erlauben wir uns neue Wendungen und das Umdrehen und Neubeginnen und wagen die Kapriolen. Werden wir älter, dann kleben wir bald an Sicherheiten, Gewohnheiten, Gemütlichkeit und nicht selten auch an Dingen, alles was wir nicht „opfern“ wollen für einen neuen Weg.

Mein wildes Herz aber lädt mich auch jetzt noch ein. Mein ganzes Leben lang, wieder und wieder. Zu hinterfragen ob das alles noch stimmig ist. Und weiterzugehen. Mein Leben besteht aus Loslassen und neu finden. Aus Sprüngen um die Ecke und Kehrtwendungen. Ganz schön anstrengend. Aber nicht anders machbar, weil mein rebellischer Kern von mir verlangt, ihm zu gehorchen. Er hat mich an fantastische Plätze und grossartige Begegnungen geführt. Ich werde das nochmals machen, Ende des Jahres. Mein Herz jubelt bereits. Aber mein kleines schwaches Ego flüstert mir die Warnungen in den Kopf. Ich habe mich entschlossen, diese Nervensäge zu überhören.

Und dann denke ich noch an einen wirklich wunderbaren Coachee, der 2007 bei mir war und seitdem ein glückliches, selbstwirksames Leben geführt hat. Jetzt sieht er sich konfrontiert mit einer schweren Diagnose, die er durchleiden muss. Ich weiss ganz sicher, dass er das auch schafft und bald wieder pfeiffend und glücklich durchs Leben radeln wird. Er hat verstanden, das Leben ist JETZT und JETZT. Keinen Tag wird er das verpassen.

Wieviel Aufbruchswille, wieviel Mut und wieviel Kraft liegt in Deinen Entscheidungen?

Wohin wirst Du Dich als nächstes orientieren?

Streckst Du den Kopf heraus aus dem Alltags-Concon? Lebst Du?

Spürst Du Dein klopfendes Herz?

Nutzt Du Dein Lebensgeschenk?

Na also, dann los.

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie.

Screenshot

Fraktale

Wenn es etwas gibt, das mich in den letzten beiden Wochen nachhaltig beeindruckt hat, dann war es eine Licht/Ton Show in einer Zürcher Kirche. Es war ein sehr dunkler Abend und meine Stimmung wegen anhaltend schlechter Wetterlage und Endlosgrau nahezu am Boden. Eine liebe Freundin sagte mir, ich solle mir eine Show in der Jakobskirche ansehen mit dem Namen „Infinity“. Für die Nichtengländer: Unendlichkeit.

Die Zuschauer lagen auf Sitzsäcken und schauten in das sehr hohe Kirchen Deckengewölbe. Und dann ging es los. Wunderschöne Töne und eine grandiose, grandiose Lichtshow, die an die Decke und die Wände der Kirche projiziert wurde.

Es wurde eine halbstündige, immersive und magische Reise. Wir traten ein in ein Tor und wurden aufgesogen von einer fraktalen Welt, die uns Kleinheit (als Zuschauer) und gigantische Grösse in der Unendlichkeit des Universums projiziierte. Absolut zauberhaft.

Die Fraktale begeisterten mich noch viele Tage danach und liessen mich nachdenklich zurück. Fraktale sind digital erzeugte Muster, die im Wesentlichen aus Bildern entstehen, die ein einziges Muster endlos wiederholen oder sich ähnelnde Muster, die einander bedingen, ständig erweitern. Das ist beispielsweise der Fall, wenn ein Objekt aus mehreren verkleinerten Kopien seiner selbst besteht. Das Ganze erschafft einen Sog aus Farbe und Geometrie und dynamischer Gestaltung. Man wird hinein gezogen und aufgelöst. Fast wie ein digitaler Atem, der Schönheit und visuelle Perfektion auslöst.

Die Menschen verliessen die Kirche verzaubert. Und bei mir lief das tagelang nach. Auch in der Natur gibt es Fraktale. Farnblätter, Wolken, Schneeflocken, biologische Strukturen, ja sogar ein Blumenkohl ist wie ein Fraktal aufgebaut. Man spricht auch gerne von geometrischen Strukturen und damit einer gewissen, sich selbst wiederholenden Ordnung. Ich recherchierte und ging gedanklich beständig weiter…

Was, wenn unsere Leben Fraktale wären?

Was, wenn jede Begegnung mit anderen, die Berührung von Kunst, Wort und Emotion etwas Selbstähnliches auslösen und immer wieder einander bedingen? Wenn sich die Dinge so lange wiederholen, bis sie ein grosses Bild ergeben. Und jedes Teilbild im grossen Bild einen wichtigen Impuls setzt, damit sich das grosse Bild verändern und gestalten kann? Was wenn jede gedankliche, ethische, emotionale Begegnung eine andere erschafft, die ähnlich ist? Was würde das heissen in Bezug auf unsere Lebensführung?

Wenn wir also etwas denken. Wenn wir von etwas inspiriert werden. Wenn wir etwas lesen oder uns mit etwas beschäftigen, in etwas eintauchen, etwas ausprobieren, etwas fühlen oder auch handeln und damit das eigene Muster endlos wiederholen – aber eben auch dessen Form in immer schöne neue Teilstücke verändern?

Ein grandioses neues Universum würden wir da auftun und die Fraktale wären eine Innenwelt, die mit der Aussenwelt korrespondiert und schliesslich die Welt erschafft, die wir erleben.

Also ganz einfach gesagt: Mit welchen Gedanken, mit welchen Motivationen und mit welchen Themen beschäftigen wir uns? Wer begegnet uns und wessen Nähe suchen wir? Gibt es Muster, denen unser Herz und unsere Seele folgen? Sind alle Begegnungen, die wir im Leben haben, ein Plan, den wir selbst erschaffen?

Nochmals: Sind alle Begegnungen, die wir im Leben haben, ein Plan?

Also: Jeder Mensch ist ein Spiegel?

Könnte das so einfach sein?

Ich war so verliebt in diese wunderschöne Idee über Ordnung, dass ich weiter recherchierte. Und natürlich hatte den Gedanken schon mal jemand gedacht!

Prof. DDr. Christian Schubert, Leiter des Labors für Psychoneuroimmunologie am Department für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Medizinische Psychologie der MedUni Innsbruck beschreibt das Phänomen der Fraktale in seinem Buch „Die Geometrie der Seele“. Ich habe es in einer schaflosen Nacht gelesen. Und jetzt war für mich ganz klar: Das psychische (Er-)Leben folgt einer sich wiederholenden Ordnung. Juhu!

Denn das heisst für mich auch: Alle Muster die ich schon einmal hatte, werden sich früher oder später wiederholen. Gut? Ja! Weil vorhersehbar. Weil unausweichlich. Weil in sich logisch.

Jeden Widerstand gegen etwas einfach aufgeben, sondern sich der (heiligen und damit heilenden) Ordnung anvertrauen. Was für eine Entspannung!

Schaue ich auf mein Leben zurück, dann waren da immer wieder neue Tore, durch die ich in eine (scheinbar) neue Welt schreiten konnte. Menschen, die wertvoll für mich wurden, grosse und kleine Wunder, magische Begegnungen. Und ja, auch Zauber und Magie und Schönheit und Staunen.

Wie herrlich, wenn man das Leben so betrachten kann. Wie überaus bereichernd.

Ich darf also dieses Buch empfehlen. Oder die Beschäftigung mit Fraktalen. Oder so eine Lichtshow zu besuchen. Oder das nächste Mal beim Gemüsekauf auf Romanesco, Blumenkohl und Brokkoli zu schauen und das Muster zu bestaunen.

Oder geh in Deinem Leben spazieren und erkenne, was es ausmacht, welche Muster erkennbar sind, wer und was es bereichert und ausschmückt – und wohin damit zwangsläufig die Reise gehen wird. Das ist zauberhaft!

Und noch ein Gedanke zur Freiheit: Du kannst neue Farben und Richtungen in Deinen Fraktalen willentlich beeinflussen. Fang ein neues Muster an. Das Bild wird sich dynamisch verändern. Grösser werden. Neue Formen finden.

Du erschaffst Dein Bild. Ganz einfach.

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch: C’est la vie!

Flächenbrand

Vor einigen Jahren hatte ich ein Gespräch mit meinem Herzensbruder, in dem er mir sagte ich käme immer mit so einer „Liebeslawine“. Ich musste sehr schmunzeln. Er meinte, ich bin manchmal ziemlich lange abwesend und dann komme ich mit einer ganz hohen Präsenz, schütte eine riesige Menge Liebe in seinen Hof und die muss er dann erst mal Stück für Stück abtragen.

Das stimmt wohl – bei mir ist es irgendwie ganz oder gar nicht. Ich kann distanziert und kühl sein, durch Abwesenheit glänzen und dann wieder genau das Gegenteil.

Wie ist das so bei Dir? Liebst Du gleichmässig und immer warm und aufmerksam? Bist Du loyal und treu und zuverlässig und abrufbar? Oder schlägt Dein Herz Kapriolen, eroberst Du gerne und wird es Dir dann langweilig, sobald eine gewisse Routine eingekehrt ist? Spürst Du Deine Liebe täglich und tust Du was damit? Oder geniesst Du still Deine reiche Gefühlswelt und teilst sie nicht zwingend mit?

In der vergangenen Woche beobachtete ich alle Formen von Liebe und Freundschaft. Auch ein Paar, das sich liebt, aber die ganze Zeit mit den Bedingungen ihrer Beziehung kämpft. Und einen wunderbaren Partner eines anderen Paares, der alles versucht um eine gewisse Stabilität zu erreichen, aber seine Liebste will einfach nicht immer so konstant sein. Eine andere schöne Frau, die hin und her gerissen ist zwischen Bleiben und Gehen. Eine, die mit aller Macht versucht zu bleiben aber deren wildes Herz weiterziehen muss. Und schliesslich sah ich noch einen Teil einer sehr sehr langen Ehe, die darüber sprach, dass sie jeden Tag feiert, wenn ihr Liebster noch neben ihr aufwacht.

Wieviel Liebe hast Du?

Wieviel davon gibst Du?

Vielleicht wäre das eine Idee: Denke mal darüber nach, wen Du liebst. Ich meine damit keinesfalls die romantische Liebe. Denke nach, wer Dir viel bedeutet und warum. Wen Du wertschätzt. Auf wessen Anwesenheit Du nur ungern verzichten würdest. Vielleicht auch, wen Du bewunderst.

Wollen wir gemeinsam einen Waldbrand initiieren?

Ich meine das natürlich nur im übertragenen Sinne. Draussen will, zumindest hier in der Schweiz, der Frühling nicht so richtig kommen. Vielleicht können wir das „Klima“ ein bisschen erhöhen?

Ein bisschen Wärme und Sonne in die Welt bringen?

Vielleicht hast Du jetzt gerade Zeit und Lust und simst/whatsappst den Menschen, die gerade vor deinem inneren Auge aufgetaucht sind, eine schöne wertschätzende Botschaft?

Oder Du lässt Dir ein bisschen mehr Zeit und schreibst eine Mail oder einen handgeschriebenen Brief? Eine Karte? Verschickst eine Erinnerung?

Nimm Dir aber in jedem Fall Zeit, den Mensch zu spüren, dem Du diese Botschaft sendest. Du weisst ja nicht, ob er gerade auf Empfang ist. Und wieviel Du ihm zumuten kannst.

Meinem Herzensbruder darf ich hin und wieder so eine Riesenladung schicken, er kann das aushalten. Stopft seine Kammern dann voll damit, weil er lange davon zehren kann. Denn, wie es eben so meine Art ist, manchmal bin ich dann auch wirklich sehr lange wieder unsichtbar. So geniesst er dann immer wieder ein bisschen, bis die nächste Wagenladung kommt.

Wir alle wählen die Menschen, die uns umgeben. Gleiches zieht Gleiches an. Jeder Mensch in deinem Leben ist mit guten Gründen da. Du hast ihn verdient und er Dich. Wie schön, wenn man das Band dann immer wieder schön bestätigen kann.

Lass die Blümchen aufblühen! Mal sehen, wie sie glänzen.

Da, wo du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie.

Zum Bersten voll

Heute beim Spaziergang sah ich durch Zufall einen Baum, der mitten in einer üppigen Wiese stand. Ist Dir schon aufgefallen, wie sehr grün und saftig die Wiesen schon sind?

Der Baum trägt vermutlich im Sommer Früchte, die Knospen waren schon überall in grosser Menge vorhanden und sie waren zum Bersten prall. Ich musste eine anfassen, hart und ausladend und gefüllt mit den Blüten, die sehr sehr bald aufplatzen und ihre Schönheit zeigen werden.

Ich musste ein bisschen schmunzeln über dieses „zum Bersten gefüllt“.

Wie oft waren wir das in unserem Leben? Und mit was?

Hast Du schon einmal gefühlt, dass du in voller Rage randvoll mit Wut warst und nur noch explodieren wolltest? Weil der Druck so hoch war, dass es Dich fast verjagt?

Oder Leidenschaft, hat sie mal so richtig ultimativ und elementar, fast schon animalisch, in Dir gebrannt und Du konntest nicht mehr ausweichen oder wegleugnen sondern musstest sie einfach mal rauslassen und ausleben?

Oder warst Du schon einmal randvoll mit aufgesparten Tränen? Aus Glück, Verzweiflung, Berührtsein oder Frustration? Weisst Du noch, wie Du sie dann einmal wohltuend loslassen konntest?

Ach ja – und Lust: Kannst Du Dich erinnern, etwas einmal mit allen Sinnen komplett und ausgiebig zu geniessen und zu spüren wie Dich eine Lawine ergreift? Vielleicht auf einem Konzert? Im Endorphin Rausch bei Deinem Sport?

Oder noch eine Emotion – Angst! Hat sie Dich schon einmal ganz und gar überwältigt? So dass Dir die Haare zu Berge standen und Du das lähmende Gefühl in jeder Zelle gespürt hast?

Und – Liebe! Wann hast Du einmal dieses überwältigende Liebesgefühl gehabt, eins das Dir fast die Sinne raubt und alles, wirklich alles, in Dir in Bewegung setzt um etwas zu erreichen, zu berühren, zu haben, einzunehmen.

Ach, herrliche Gefühle sind das. E-motionen. Sie bringen uns oder etwas in uns in Bewegung, sie lassen uns keine Wahl mehr, sie zwingen uns in eine Handlung, einen Ausdruck, eine Explosion oder Implosion: Sie nehmen sich jeden verfügbaren Raum.

Während ich die Knospe in den Fingern hielt kamen all diese Gefühle wieder in mein Bewusstsein, meine Er-inner-ung. Ich ging nach innen und fand sie, die Intensität, das Ausgeliefertsein und die Hingabe. Die GROSSEN Gefühle. Die, die nur in eine einzige Richtung gehen. Die sich nicht wie unser nimmermüder ach-so-schlauer Geist/Verstand im Kreise drehen.

Die Natur des Laubbaums macht alles richtig: Schläft tief und fest im Winter. Taut langsam auf im frühen Frühling, beginnt zaghaft wieder zu trinken und das Sonnenlicht zu nutzen. Füllt sich an mit Leben. Explodiert in die Expansion. Steht in voller Blüte. Reift in süsse Früchte. Stellt ihre Gaben zur Verfügung und nährt damit andere. Zieht sich ausgereift zurück, lässt Altes und schützende Hüllen nach unten rieseln, lässt los. Gleitet sanft in die Ruhe, überlässt sich dem Nebel, dem Regen, der ersten Kälte, schläft wieder ein … und dann wieder und wieder und wieder das selbe Spiel.

Niemals verharrt die Natur in einem einzigen Zustand, sie wandelt und verändert sich, geht mit dem Flow der Jahreszeiten, der Gegebenheiten, trotzt den widrigen Umständen oder zerbricht komplett daran. Aber lauwarm, halbherzig, zögerlich, widerspenstig – das kennt die Natur nicht.

Darin sind wir Menschen die Meister. Die, die etwas verweigern, die so grosse Mühe mit Hingabe haben, die den nächsten Schritt nicht gehen wollen. Ich kenne leider leider so viele Menschen, die das Bersten nicht wagen. Die ihre Knospen nicht öffnen wollen. Die die eigene herrliche Kraft nicht aushalten.

Lieber sind sie Nadelbäume. Immergrün. Stoisch und mit langen Nadeln, die das Ungetier von sich fern halten. Die sich an Felsen krallen, auf karge Böden setzen und versuchen zu überleben, in dem sie die gesamte Kraft darauf verwenden, den widrigen Umständen zum Trotz da zu bleiben.

Als ich einen Kamin hatte verbrannte ich Nadelholz und Laubholz. Das Nadelholz hielt nicht lange durch, ging schnell in Flammen auf. Das Laubholz blutete das Leben aus sich heraus, bevor es sich den Flammen übergab.

Wer bist Du? Spürst du Deine Kraft? Jetzt – und jetzt – und jetzt?

Und wohin wirst Du expandieren, explodieren?

Geniesst Du das Sammeln in der Knospe?

Und – was wirst Du mit beiden Händen inflationär der Welt schenken, wenn Deine Blüten zu Früchten werden?

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie.

Pioniere

Steckt in Dir noch der kindliche Eroberungsdrang? Die Neugier? Die Lust und die Frechheit und der absolute Wille, Dich zu entfalten? Wieviel von dem Sturm und dem Drang spürst Du noch, etwas zu erreichen und die (scheinbaren, antrainierten) Grenzen zu sprengen?

Gestern habe ich auf einer längeren Autofahrt ein Interview mit dem wunderbaren Bertrand Piccard gehört. Ein Umweltpioneer. Ein Abenteurer. Aber auch: Ein excellenter Psychiater. Mehr als Rekorde und Abenteuer fesseln ihn beim Fliegen das Studium des menschlichen Verhaltens und die Beobachtung der verschiedenen Bewusstseinsebenen in Extremsituationen. Und so kam er auch zu seinem allerersten Abenteuer: Als er zu spät auf einen Kongress kam, gab es nur noch einen einzigen freien Platz. Durch Zufall – wie es eben so zufiel – war sein Sitznachbar ein Mann, der als Ballonflieger um die Welt fahren wollte. Er erzählte Bertrand, dass er noch einen Partner sucht. Und dieser bot ihm an, als psychologische Stütze mitzufahren, um ihm mit Hilfe von Hypnose (sein bevorzugtes Therapieangebot) zu helfen, die Dinge mental zu schaffen und auch schlafen und ruhen zu können. Der Deal war gemacht, Bertrand Piccard war an Bord – und seitdem folgt Bertrand seinen Ahnen – er erobert die Welt. Die Luft, der Himmel, hat es ihm besonders angetan.

Im Interview erzählt Bertrand auch, dass er als Kind sehr stark durch die beiden grossen Eroberer, seinen Vater und Grossvater, inspiriert wurde. Schon als 11 Jähriger durfte er in den USA die Starts der Apollo Raketen erleben. Seinen Vater bei U-Boot-Fahrten in den Marianengraben beobachten.

Ja, so sagt er, sein Abenteuerdrang wurde sicher durch seine Vorfahren und seine faszinierende Kindheit begünstigt.

Er sagt aber auch: Jeder Mensch könne diese Kraft entwickeln, Grosses zu leisten, den eigenen Bezugsrahmen zu sprengen, sich selbst bis zum Limit entfalten. Glücklichsein hängt nicht davon ab, dass jedem alles gelingt. Glücklichsein heisst: Sich selbst erkunden und entdecken und sich dann zur besten Version für sich selbst zu entwickeln.

Ent – wickeln

ein schönes Wort. Sich also aus etwas heraus wickeln. Vielleicht aus den eigenen Einschränkungen aus Angst und Zweifel? Vielleicht aus selbst auferlegten Pflichten und Perfektionswahn? Vielleicht aus limitierenden Ideen, wie etwas zu sein hat? Vielleicht aus der Angst nicht zu genügen? Vielleicht aus der Unsicherheit, wie man mit etwas Neuem umgehen soll? Vielleicht aus der vermeintlichen Komfortzone?

Leider sehe ich immer wieder Menschen, die sich in ein eigenes bequem gepolstertes Gefängnis aus Verpflichtungen, Gewohnheiten, Kompensationshandlungen, Beruhigungsmitteln aller Art, Beziehungen und To-Do’s begeben haben und ihr Leben nur noch verwalten statt zu geniessen. Das macht mich sehr traurig und während den vielen vielen Jahren in meinem Job als Coach bin ich wohl vor allem einer Mission nach gegangen: Den Mensch zum AUSBRECHEN zu bewegen und zu ermutigen.

Ich sehe heute deutlicher als früher, dass die Zeit läuft. Und viele, auch bisweilen ich selbst, immer noch an der selben Stelle stehen und blind und abgestumpft gehorchen, weil es leichter ist, sich anzupassen, mitzuspielen, sich zu fügen und zu funktionieren. Leider, leider – sind viele dabei zutiefst unglücklich. Weil eben so viel mehr möglich gewesen wäre. Weil eben so viele andere Wege noch offenstehen würde. Weil es eben auch noch Leben 2.0, 3.0, 4.0 geben könnte – wenn man sich eben trauen würde. VERTRAUEN würde.

Es geht nicht darum, völlig egoistisch nur den eigenen Impulsen zu folgen und sich nicht mehr um Dinge zu kümmern, die wir zu verantworten haben. Auch nicht darum, autonom und ohne gesellschaftliche Anpassung zu leben. Aber es geht darum, sich zu fragen: Zu was wäre ich in der Lage? Was könnte ich in meinem Leben erreichen? Was könnte ich ganz persönlich tun, um meinen Herzschlag zu spüren, meine Freiheit auszuweiten, mich aufs Leben vollständig einzulassen?

Es geht schliesslich im Leben nicht nur darum, etwas zu beobachten und zu beurteilen und sich irgendwie durchzukämpfen und einen Lebensstandart zu erreichen, der vermeintlich erstrebenswert ist. Glück, so sagt auch Bertrand Piccard, ist nicht, möglichst reich und erfolgreich zu werden – sondern sich selbst gut kennengelernt zu haben und sich selbst das gewagt zu haben, wonach wir uns sehnen.

Wonach sehnst Du Dich?

Spürst Du (noch, wieder, jetzt gerade) Deinen Herzschlag?

Als ich nach zwei Stunden Autofahrt das Interview zu Ende gehört hatte, hörte ich mein Lieblingslied in Endlosschlaufe „Überdosis Glück“ von Rosenstolz. Ich sang laut mit. Auf einer gerade Strecke einer Landstrasse gab ich – vollkommen verboten und absolut unvernünftig – richtig Gas. Ich spürte wie mein Motor die Kraft übertrug, mich in den Sitz presste und mein Auto losschoss. Die Kraft der Beschleunigung und der Reiz des Verbotenen liess mein Herz laut und stürmisch schlagen. Was für ein herrlicher Rausch.

Ich will mehr davon. Ich glaube, ich mache eine Liste von Unmöglichkeiten, die ich dieses Jahr alle realisieren will.

Und Du?

Da, wo Du das Leben spürst, da ist es auch. C’est la Vie.

Pioniere sind bahnbrechende Menschen, die erst in sich selbst alle Grenzen sprengen und dann in der Welt.

(Bertrand Piccard)

Perlen

In der vergangenen Woche hatte ich gleich mehrere wundersame Begegnungen.
Astrid Lindgren ist mir begegnet. In einer Dokumentation über ihr nicht ganz einfaches Leben. Am Ende des Films singt ein Kinderchor für sie: Du musst springen. Durch den Tod ins Leben. Durch die Dunkelheit ins Licht. Pass auf, dass Du wirklich lebst. Astrid Lindgren wurde die Geschichten Erzählerin für Kinderherzen. Auch für meins. Wenn es etwas gab, das mir als Kind Mut gegeben hat, dann war es die Geschichte von Pipi Langstrumpf.

Und dann bin ich einem schönen Menschen wieder begegnet, der vor einigen Jahren in meinem Coaching war. Er hat seinen Vater verloren. Es war keine einfache Beziehung zwischen den beiden aber mein Coachee war immer loyal und auf die Familie bezogen. Er hatte das Privileg, den letzten Tag mit seinem Vater zu haben. Aus seinen Erzählungen hörte ich viel Dankbarkeit und Respekt. Auch wenn der Vater kein einfacher Mensch war – mein Coachee hält noch immer die Familie zusammen und sorgt sich auch um seine eigene mentale Gesundheit. Ich sah einen aufrechten Mann, einen, der verzeihen konnte. Einen, der sich selbst nicht zu wichtig nimmt und seiner eigenen Herzenswahrheit folgt.

Und dann sprach ich noch mit einer lieben Freundin, die zur Opernsängerin ausgebildet wurde. Sie singt eine seltene Stimme, den lyrischen Sopran. In einem schönen und tiefen Gespräch erzählte mir sie von frühkindlichen Ereignissen, die in ihr viel Schmerz und Trauer hinterlassen haben. Auf meinen Einwand hin, das habe sie mir nie erzählt, das hätten wir doch gemeinsam heilen können, sagte sie: Ich brauche diesen Schmerz für meine Stimme. Nur so ist sie beseelt.

Schöne, tiefe Begegnungen in einer einzigen Woche, in der ich glaubte, dass nichts Bedeutendes passiert wäre. Und doch war es etwas Wertvolles, einige Perlen sind mir wieder in den Schoss gefallen.

Kennst Du die Geschichte der Entstehung einer Perle?

Am Anfang dringt ein Sandkorn in die Muschelschale. Es reibt an dem feinen Muschelfleisch. Die Muschel will sich vor dem Schmerz schützen und beginnt, ein Sekret aus ihrer Schale (das Perlmutt) um das Sandkorn zu schlingen, damit es nicht mehr schmerzt. Hunderte, tausende Lagen an Perlmutt werden um das Korn gelegt, bis es eine feine, glatte Oberfläche bekommt und schliesslich zu einem wunderschönen Juwel wird.

Aus Schmerzen werden also – im besten Fall – wunderschöne, glänzende und wertvolle Edelsteine.

Auch deshalb kann man Perlen erst in einem höheren Alter tragen: Weil man schon Schmerz überlebt hat. Weil man ihn betrachtet, ausgehalten, mühsam umschlungen (umarmt) hat und etwas daraus transformiert hat.

Eine ganze Reihe an Schicksalen fallen mir zu dieser Geschichte ein. In loser Folge erinnere ich mich an die Gesichter meiner Coachees, deren Schmerzen ich betrachten und beim Entwickeln eines Juwels helfen durfte. Immer mehr Bilder kommen in meinen Kopf. Momentaufnahmen. Wie ein Film mit vielen Gesichtern. Auch meine Geschichte. Auch die meiner Liebsten. Meiner Freunde und Familie. Und am Ende sehe ich nur eins: Schönheit.


Schönheit, die wachsen konnte. Das bedeutet wirklich zu leben:

Das Schmerzhafte zu wandeln. Das Leben zu umarmen. Die Perlen – sichtbar oder unsichtbar zu tragen.

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch: C’est la Vie.

Gepflegtes Ausrasten

Gestern kam ich in den eigenartigen Genuss in einem Restaurant zu sitzen, in das nach und nach immer mehr Fastnächtler herein kamen. Es wurde sehr sehr laut und sehr sehr bunt, es wurde gelacht und ausgelassen mit jedem gesprochen und gefeiert. Eigentlich, dachte ich, eigentlich sind die hier ja jetzt endlich mal locker. Etwas, das ich mir ja oft wünsche, da in der Schweiz vor allem Tradition, Anstand und höfliche Distanz gelebt wird.

Menschen in aussergewöhnlichen Kostümen zogen durch die Stadt und plötzlich war ich die Ordentliche, weil ungeschminkt und ungeschmückt und zudem noch in einem schwarzen Auto mit Zürich Kennzeichen unterwegs. Plötzlich war ich die Spassbremse. Vielleicht, weil ich Fastnacht, Fasching, nicht verstehe. Weil ich es komisch finde, dass Menschen einmal im Jahr so richtig losgelöst von der Etikette und ausschweifend lustig sind. Die Betonung liegt hier bei „einmal im Jahr“.

Was soll das Ganze eigentlich?

Erste Vorläufer des Karnevals liegen bereits 5000 Jahre zurück. Alte Schriften berichten von ausgelassenen Festen in Mesopotamien. Dabei verkleideten sich die Menschen auch schon als Geister und Dämonen. Bei dem Fest zum Ende des Winters wurden die bösen Geister vertrieben. Die Frühlingsgeister wurden mithilfe von Schellen und Trommeln geweckt.

Wahrscheinlicher ist jedoch ein christlicher Ursprung des Faschings. Das Wort leitet sich wie Fas(t)nacht auch vom mittelhochdeutschen „vaschang“ ab, was „Ausschank des Fastentrunks“ bedeutet. Der Begriff Karneval stammt vom lateinischen „carne vale“, übersetzt „Fleisch, lebe wohl“.

Fasching hat also etwas mit der Fastenzeit zu tun. Diese dauert im Christentum von Aschermittwoch bis Ostern, also immer 40 Tage lang. In der Zeit davor – dem Fasching – finden ausgiebige Feiern statt, begleitet von Essen und Trinken, um noch mal richtig auf den Putz zu hauen.

Nachdem ich die Erklärungen im Netz nochmals recherchiert hatte, fing mir diese Tradition an, Spass zu machen. Warum denn auch nicht? Warum denn nicht noch mal richtig feiern? Sozusagen vor dem Torschluss, wenn alles wieder rationiert wird und wir uns in Askese begeben.

Nur: Ich bin hedonistisch veranlagt. Ich finde, wir sollten jeden Tag das Leben feiern. Jeden Tag zelebrieren was wir sind und was wir haben. Die Masken zum Spass tragen – aber auch immer wieder fallen lassen. Andere Menschen einfach anstecken mit guter Laune und herzlicher Offenheit. Auf die Strasse gehen, durch die Häuser ziehen, das Bunte in uns ausleben. Die Lässigkeit in die Welt tragen.

Vor einigen Wochen habe ich mit einer Dame gesprochen, die sich unheimlich exponierte, mit dem was sie alles weiss und kann. Und dass sie den Menschen „helfen“, ihnen „den Weg weisen“ und sie „retten“ möchte. Sie glühte geradezu vor Opferbereitschaft und Hilfs-Lust. Ich musste schmunzeln: Ich sagte ihr, wir müssen ALLE mal anfangen, uns weniger wichtig zu nehmen. Ganz egal welchem Beruf wir nachgehen. Ganz egal wieviele akademische Würden uns schmücken. Ganz egal wie sehr wir uns unserer mühsam gefundenen „Lebensaufgabe“ versklaven.

Vielleicht ist das Leben einfach zum Feiern da?

Zum Geniessen?

In einigen Jahrzehnten wird keiner von uns mehr hier sein und alles, was wir gelernt, gelehrt, gewusst und gesagt haben wird Schutt und Asche sein. Mit dem Wind abgeflogen.

Das Leben – ein Geschenk!

Wetten?

Ach, ich hab gut reden. Ich wurde an einem Faschingssonntag geboren. Draussen haben Kinder Konfetti geworfen. Die Narrenkappe hatte ich immer an. Die gebe ich nicht ab.

Was meinst Du, willst Du das Leben feiern? Oder bist Du lieber wichtig ?

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch: C’est la vie.

Wir küssen Amok

Die Tage hörte ich dieses Lied von Rosenstolz: „Wir küssen Amok im schönsten Regen“… ich wanderte mit meinen Gedanken in meine Kussbilanz… sie war gewaltig. Ich habe schrecklich viele Menschen geküsst. Vielleicht unzählig. Ich griff ein paar Juwelen aus meiner Schatzkiste und muss sagen, es fiel mir schwer, mich zu entscheiden, welche ich am bemerkenswertesten fand.

Ein Kuss ist eigentlich doch immer das ganz sichere Indiz ob etwas Erotisches entstehen kann zwischen zwei Menschen oder nicht. Hast Du das auch so erfahren?

Wie war dein erster Kuss?

Meinen bekam ich mit 13. Es war schockierend. Und ich wollte es nie mehr wiederholen. Heute muss ich lachen, dass ich sogar noch weiss wo und wer es war. Der Mensch hatte keinerlei Relevanz in meinem Leben. Viel später erst war der zweite erste Kuss eine richtige Bombe. Das wollte ich dann ganz oft wiederholen. Ich war gerne eine Küsserin, es gab allerlei Abenteuerland im Küssen.

Mein geistiger Freund Napoleon, den ich schon im letzten Blog erwähnte, schrieb seiner liebsten Josephine: „Inzwischen, mon amour, empfange Millionen Küsse, aber schick mir selbst keinen, denn Du verbrennst mir das Blut“.

Hat Dich mal ein Kuss so voll erwischt und angezündet?

Und küsst Du männliche und weibliche Partner? Wohin? Warum?

Und was küsst Du sonst noch so? Dein Haustier? Dein Pferd auf die Nüstern?

Ich habe mal eine 1000Franken Note geküsst, weil ich sie geschenkt bekam und dachte: kann doch nicht wahr sein… und ich habe auch meinen Füller geküsst, als ich ihn wieder fand. Und ein Haus, das ich unbedingt bekommen wollte (hat genützt). Ich habe fatale Sachen geküsst und die Muse küsst mich auch hin und wieder.

Diese unsäglichen drei Begrüssungs-Bussis haben wir dankbarerweise abgeschafft, als die Pandemie kam. Was für eine Erleichterung für mich! Ich küsse nicht gern Fremde und Menschen, die mir nicht nah stehen. Du?

Meine armen Söhne habe ich oft geküsst. Als sie noch klein waren, spielten wir „Kussmonster“. Ich jagte sie durch alle Zimmer und wenn ich einen der beiden zu greifen bekam, küsste ich ihn ab. Das hat viel Lachen ausgelöst bei uns dreien und irgendwann musste ich leider damit aufhören: es gibt den Tag, an dem man sein Kind nicht mehr abküssen darf, nicht mal mehr auf die Backe, schon gar nicht in der Öffentlichkeit und sie wollen es auch nicht zugeben, dass sie mal von Mama geküsst worden sind. Na gut. Der Storch hat sie ja auch gebracht, was soll man da sagen….

Ja, die drei Juwelen…. unter wirklich sehr vielen Küssen. Ich bin dankbar für alle. Auch für die gestohlenen. Und die, die mir aufgedrückt und von mir händeklatschend beantwortet wurden…

Das erste Juwel. Ich war vielleicht 20. Meine Güte, in dem Alter waren es wirklich viele. Ein verbotener Kuss. Ich wusste sofort, dass das nie und niemals richtig war oder je sein würde. Gut, dass wir es versucht haben. Die Sache war sofort erledigt. Wir wurden ganz ganz eng, ich würde sagen, zwischen uns passt kein Blatt Papier. Aber das war klar: geküsst wird nie mehr.

Das zweite Juwel. Ein Eroberungskuss. Vielleicht auch ein verbotener. Weil er mein Lehrer war. Ich wollte ihn unbedingt. Aber 15 Jahre älter, weise, abgebrüht, der Lehrer eines Fachs in dem ich versagte – und ausserdem ging das gar nicht. So kurz vor dem Abitur wurde kein Lehrer geküsst. War dieses verbotene Ding nicht etwas, das den Kuss begünstigte? Ich kann mich nur noch an meine Frechheit und sein Erstaunen erinnern. Nicht daran, ob es Spass machte, das war irgendwie zweitrangig. Also ein Kuss, dessen Zweck die Mittel heiligte. Ich muss heute noch schmunzeln.

Das dritte Juwel: Einer, der mir das Blut verbrannte. Ein Mann, den ich lange wollte. Aber er war unberührbar und unerreichbar. Ich war Anfang 20, als er mich einmal vor meiner Haustür küsste. Habe ich danach etwas gesagt? Ich glaube nicht. Vermutlich war es nachtschwarz, denn ich bin sicher, ich hatte einen knallroten Kopf. Ich taumelte durch die Haustür und weiss heute noch, dass ich eine schrecklich lange Zeit mit weichen Knien auf der steinernen Treppe sass. Bis heute schmunzle ich bei der Erinnerung. Wir haben das nie wiederholt und wurden kein Paar. Aber ein schönes Juwel.

Ach, das war schon tol,l das Amok-Küssen.

Welche Juwelen ziehst Du aus dem Zauberhut?

Spürst Du der Magie nach, wenn Du daran denkst?

Mach doch einen kleinen Gedankenspaziergang. Und geniesse.

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch: C’est la vie.

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Wiebke Maren