Die Schönste aller Fragen: Was ist deine Geschichte?
In der vergangenen Woche hatte ich einen wunderbaren Menschen auf Jersey zum Adlerflug Coaching. Da er schon einige Jahrzehnte gelebt hat, hatte er viele Geschichten zu erzählen. Ich durfte sein Kinderleben betrachten, seine Streiche und Kapriolen anhören, mir versichern lassen, dass bei ihm in jeder Dunkelheit immer ein Licht schien. Er hatte ein spannendes und aufregendes Leben und es gab auch Momente der Hingabe, der Umkehr, des Scheiterns, des Neubeginns. Und man sah auch schnell den roten Faden durch seine Geschichten. Wie schön, dass sich irgendwann alle Fäden wieder verknüpfen, die Dinge zusammen laufen, die zusammen gehören. Wie es doch in jedem Leben eine Folgerichtigkeit gibt, die sich entfaltet und entwickelt.
Ein bisschen muss ich dann schmunzeln. Vor einigen Jahren traf ich eine höchstverwirrte Frau, sie war in einer von Fremden manipulierten Psychose, die aber ganz überzeugt vor mir sass und sagte: Maren! Wir müssen finden einen Punkt! Ehrlich gesagt, ich hatte nicht die geringste Ahnung, was sie von mir wollte. Und dann – passierte es von ganz alleine. Weil wir die Geschichte aufrollten. Die losen Enden aufhoben. Das Gesamtmuster erkannten. Am Ende des Coachings, WOW, fanden wir einen Punkt.
Vielleicht geht es genau darum: Dass das Leben als gordischer Knoten beginnt, der sich nur ganz langsam ent-wickelt. Stück für Stück des Lebens wird sichtbar und alle paar Jahre kommt wieder ein wichtiges Stück der kunterbunten Schnur zum Vorschein. Dann gilt es, abzuwägen. Nach rechts, nach links weiter laufen. Etwas zurücklassen oder etwas dazunehmen. Weiter entwickeln oder sich kurz im warmen Nest der schon entfalteten Wolle ausruhen. Dann weiter laufen, den nächsten Knotenpunkt erreichen,neue Weichen stellen, neue Entscheidungen treffen.

Bis irgendwann das ganze Garn vor uns liegt. Und wie von Zauberhand – erscheint der rote Faden, den wir erst in der Retrospektive erkennen können. Und dann? Ist das Leben dann vollkommen, erfüllt, gelungen? Oder werden wir bedauern an dem ein oder anderen Knotenpunkt abgebogen zu sein?
Ein paar Tage waren zwischen meinem lieben Coachee und dem nächsten Adlerküken. Jetzt lief ich auch wieder meine eigene Wege. Sass auf den Klippen, tauchte im Atlantik. Und schliesslich ging ich auch einmal einkaufen. Und da sah ich etwas Wunderbares:

Die Chat-Bench. Eine Bank vor dem Supermarkt. Auf der sich Menschen niederlassen, die ein Gespräch oder ein Hallo suchen würden. Ich ging einkaufen und hoffte, in der Zwischenzeit würde sich jemand darauf niederlassen. Denn dann hätte ich mich gerne dazu gesetzt. Es ist leicht für mich, Einladungen anzunehmen. Aber die Bank war leer. Ich verstaute die Einkäufe in meinem Auto, es war ein bedeckter Tag und ich müsste eigentlich nicht gleich losfahren, ich sass trotzdem schon am Steuer. Um dann festzustellen dass ich feige war. Ich hatte Angst, dass, wenn ich auf der Bank sitze, ich es nicht gut ertragen würde wenn sich niemand dazu setzt. Also nahm ich mir ein Herz und setzte mich. Schaute alle an, die kamen.
Einige gingen mit einem Lächeln vorbei, viele sagten „Hello darling“… einige zögerten, gingen dann aber doch in den Laden. Eine Dame fiel mir besonders auf, sie lief, hielt mit einem Ruck an, lief weiter, ruckte wieder, drehte sich um. Verschwand im Supermarkt. Ich wusste: Sie hoffte darauf, dass ich noch dasitzen würde wenn sie wieder kommt. Dann kam sie wieder heraus. Hatte nur zwei Pappbecher Tee in der Hand und setzte sich zu mir. Wir plauderten ein wenig. Ich bat sie – natürlich! Um ihre Geschichte. Und was für eine grossartige Geschichte das war von einer echten Dame aus Jersey. Sie wollte auch meine hören und im Flug verging eine Stunde. Am Ende haben wir uns umarmt, ganz spontan und ohne Scheu. Menschen treffen Menschen. Geschichten treffen Geschichten.
Wir alle sind Geschichten. Wir alle machen jeden Tag eine Ergänzung zu unserer Geschichte. Wir treffen Ent-scheidungen. Wir begegnen uns. Wir schauen in die Welt und die Welt schaut in uns. Wir wünschen uns, wie die Geschichte weiter gehen soll. Träumen von Happy Ends und neuen Abenteuern. Und das Leben überrascht uns auch jeden Tag neu. Nur: Wer ist der Schöpfer unserer Geschichten? Schöpfen wir selbst aus dem Meer der Möglichkeiten?
Ich glaube, wir sollten einfach nicht zu lange im Garn der Geschichte ausruhen. Lieber weiter gehen und schauen wohin wir kommen. Was als Nächstes passiert und als Nächstes und als Nächstes.
Ich bin immer noch – einfach gespannt.
Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie.











