Ça et la route barrée

Kennst Du das, wenn du zu einem Moment sagen willst: Verweile doch Du bist so schön? Es ist übrigens ein Zitat aus Goethe’s Faust. Aber heute wollte ich das sagen.

Ich fuhr knapp 700 sehr entspannte Kilometer ins Centre val de Loire, nach Bourges. Es war fantastisches Wetter, wie immer, wenn ich nach Jersey unterwegs bin, ging es direkt nach der französischen Grenze los: Stahlblauer Himmel und Schäfchenwolken. Freundliche Menschen, melodische Sprache, freie Autobahnen und charmante Hügel mit weissen Kühen und Schafen. Immer, wenn ich in Frankreich bin, fühle ich, dass ein Teil meines Herzens Französin ist und ich erträume mir ein anderes Leben.

Und als ich plötzlich dieses Schild sah – die Strasse ist hier zuende… dachte ich: Okay, ich bleibe. Ich suche mir so ein schönes verlassenes Haus (warum gibt es soviele davon, wo sind die alle hin?) und niste mich ein und schreibe. Dann treffe ich Angelique, Pierre oder Luc, gehe zum Singen mit Philippe und Antoine und schmelze so rein in dieses französische Leben.

Bis…. na ja, bis ich dann wieder weiter will. Auf meine kleine Insel im Meer, nach Südengland, in die grüngrünen Hügel von Wales, zu der scharfen und klaren Energie der schottischen Highlands, zum Tanzen nach Irland und dann immer immer weiter… Und überall verschmelze ich, wenn ich sehe, dass eine Strasse endet.

Kennst Du das, dass man an einem Ort einfach bleiben will, weil sich gerade alles richtig anfühlt? Hier sind lauwarme 24 Grad, die Vögel geben ein Abendkonzert und das Chateau, in dem ich gerade verweile, strahlt echte Ruhe und Geborgenheit und Schönheit aus. Ein Ort zum Bleiben. Zum Dasein und Hingehörenwollen.

La vie est belle!

Spürst Du das auch, dass das Leben auch manchmal einfach gut ist, ohne viel Tamtam, einfach, weil Dein Herz mal für einen Moment ausruhen kann? Heute auf der Fahrt hatte ich ein Voicemail Gespräch mit einer lieben Freundin, der ich ein Video schicken konnte, das ich schon oft hier im Blog erwähnt habe. Aber wieder und immer wieder will ich es empfehlen: https://www.youtube.com/watch?v=OVQQ3An4csE

Weil es diesen Platz im Herz gibt, in dem alles einfach nur gut, schön und nährend ist, wenn die Gedanken aufhören können uns durchzudrehen.

So, jetzt gehe ich an den See und lege mich ins Gras. Vielleicht schmelze ich einfach so in den Boden hinein und bleibe…

und wenn nicht: Geht die Reise einfach weiter. Jede Reise. Das Leben.

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch: C’est la vie!

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Rätsel

Vor einigen Jahren traf ich eine grossartige buddhistische Nonne. Sie referierte über wichtige Themen und strahlte eine unglaublich klare Präsenz aus, die mich und alle Anwesenden verzauberte. Zum Ende des Vortrags gingen einige für eine Segnung und ein paar Worte zu ihr. Sie legte die Hand auf den Kopf oder drückte einige von uns an sich. Und einigen gab sie einen Koan.

Ein Koan ist eine Fragestellung, ein Paradox oder etwas Unlogisches oder eine kleine Begebenheit, die zu einem inneren Verstehen anregen soll. Ein Koan kann auch als Rätsel verstanden werden.

Koans können nie vom Verstand her gelöst, sondern nur durch intuitives Eintauchen in die Weisheit der Frage verstanden werden. Die Frage und die Suche nach der Lösung machen den Praktizierenden für eine echte Erkenntnis empfänglich.

Koans weisen ein Stück des Weges zur letzten und am meisten möglichen Wahrheit.

Anfangs folgt der Suchende dem Koan wie auch im Leben gewohnt logisch, auf der Verstandesebene. Das ist der erste Schritt, der gemacht werden kann, um sich aus dem Verstand heraus zu bewegen – erst einmal tief in ihn hinein zu gehen. Mit der Erschöpfung durch das endlose Überdenken und Zerdenken verblasst nach und nach das Denken, es schmilzt, und reines Empfinden und Erkennen der Antwort tauchen auf.

Es gibt Ansätze, von Anfang an nicht mit dem Verstand um eine Lösung zu ringen, sondern sich ganz in das Koan “hinein zu versenken”, “hinein zu empfinden”, “in die Tiefe des Koans hinab zu steigen” – wie man den intuitiven Weg auch formulieren mag.

Auch wenn das Koan unlösbar erscheint – es gibt eine Antwort! Die Antwort erfolgt immer authentisch im Hier und Jetzt des Schülers, aus der Präsenz des Moments und bezieht sich ganz und gar auf die Frage.

Die Nonne schaute mir in die Augen, legte mir die Hand auf die Schulter und gab mir einen solchen Koan.

Warum sind wir nicht einfach glücklich?

Dann lächelte sie mir milde zu und wandte sich an den nächsten Schüler.

Ich war irgendwie erschüttert. Sofort begann mein Geist Zusatzfragen zu formulieren, den Satz auseinander zu nehmen, die Betonungen zu verändern und sich in die Antwort hinein zu denken. Das tat ich sehr sehr lange. Ehrlich gesagt: Jahre. Und meine Gefühle wechselten von Lachen zu Verzweiflung, zu Wut und zur Traurigkeit in eine emotionale Achterbahn. Ja, warum denn nun! Warum sind wir nicht einfach glücklich! Dieses Rätsel gab sie ausgerechnet mir! Ich bin doch die allermeiste Zeit glücklich! Woher sollte ich denn wissen, warum es die anderen nicht auch sind! Das ist doch mein Dilemma! Mein Beruf! Ich frage doch immer und immer wieder: Was macht Dich glücklich? Warum machst Du nicht mehr davon?

Aus dieser einen Frage formulierte ich dutzende neue Fragen. Ich behandelte sie in meiner Arbeit, ich näherte mich ihr künstlerisch, dichterisch, musikalisch, im Ausdruckstanz, in der Meditation. Sprach mit vielen Menschen darüber, las kluge Bücher, hörte mir Vorträge an. Und hey, ich googelte die Frage auch hunderte male.


Ich habe keine Antwort gefunden.

Und dann, am Samstag. Mein Coachee war noch da und die nächste Patientin erschien etwas zu früh. Ich sagte: Gib mir bitte noch ein paar Minuten, magst Du schon mal in das hintere Zimmer tanzen? Und sie antwortete: Darf ich auch gehen statt tanzen?

Und da war sie wieder – die Frage. Warum sind wir nicht einfach glücklich?

Warum tanzen, lachen, lächeln, umarmen wir nicht viel viel mehr?

Warum feiern wir nicht?

Warum machen wir uns nicht frei, von dem, was uns schwer und unglücklich macht und lassen alles los, was uns vom Glück abhält?

Wir können das Leben nicht erst aufräumen, die ToDo Liste abarbeiten, die Probleme lösen, den Normen und Regeln gehorchen und brav sein BEVOR wir glücklich sind. Wir können das Glücklichsein nicht aufschieben! Wir können nicht warten, bis alles perfekt ist und dann glücklich sein. Vielleicht gibt es ja kein „Dann“ mehr.

Also frage ich heute Dich: Warum bist du nicht einfach glücklich?

Nimm Dir Zeit zum Reflektieren. Die Antwort kommt bestimmt. Und damit die Lösung all dessen, was Dich davon abhält.

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch: C’est la vie!

Nur ein Schritt

In der vergangenen Woche hatte ich gleich mehrere Begegnungen mit Menschen, die ganz kurz vor dem Durchbruch oder Aufbruch stehen. Allerdings standen alle an der selben Stelle: An der Klippe. Kurz vor dem Absprung.

Eine Elefantenherde, aus Liebe, Lust und Leidenschaft rannte schon hinter ihnen her. Vor ihnen: Das freie Meer. Die Unendlichkeit aller Möglichkeiten. Ein Sog, der aus Sehnsucht besteht. Und doch: Verharrten sie an dieser Stelle. Zögern. Zählen scheinbare Sicherheiten und angstvolle Unsicherheiten auf.

Ja. Es ist anspruchsvoll zu springen. In den freien Fall. In die Gefahr. In die Freiheit. Denn: Da wo ich bin ist es vielleicht gar nicht so schlecht? Vielleicht gemütlich? Sicher? Gewohnt? Angewöhnt? Geborgen?

Wenn das jemand versteht, dann ich. Auch wenn es manchmal so aussieht als ob ich kinderleicht jede Gefahr eingehe und jedes Risiko in Kauf nehme, so kenne ich doch dieses angstvolle Verharren vor dem allerletzten, dem konsequenten Schritt. Auch deshalb, weil es ja so viele gutgemeinte Rat-schläge gibt. Und unser Volksmund sagt: Lieber den Spatz in den Hand als die Taube auf dem Dach!

Aber: Will ich einen Spatz? Eine Taube? Nein. Niemals. Ich will den Adler. Du doch auch!

Manchmal tut dann folgendes gut: Vor Deinen Augen das Neuland. Das, wo Du unbedingt hin möchtest. Das Ziel. Die Vision. Die grosse Reise. Die vollkommene Erfüllung Deiner Träume…

…. und wenn du jetzt nur wenigstens diesen einen Schritt machst? Nur einen einzigen?

Du wirst schon nicht gleich von der Klippe stürzen. Aber: Du musst einen MOVE machen. Einen wirklichen entschiedenen Schritt auf Dein Ziel zu. Wie von Geisterhand ergeben sich daraus genau die nächsten Schritte.

Vor einigen Jahren hatte ich einmal eine Coachee mit einer intensiven Sozialphobie. Sie konnte sich nur noch ca. 20m von ihrem Zuhause entfernen und hatte vor allem Angst. Irgend etwas in ihr hatte ihr den Mut gemacht, sich auf Konfrontationstherapie und auf mich einzulassen. Ich packte sie mit verbundenen Augen in mein Auto und fuhr mit ihr in den Wald. Nun musste sie aussteigen und ich bat sie 10 Schritte zu gehen. Und dann noch mal einen Schritt … und noch einen Schritt … und noch einen Schritt. Manchmal musste sie zuerst eine Hand heben und den Arm strecken und dann den Körper nachkommen lassen. So entfernte sie sich immer weiter von mir und dem sicheren Auto. Am Ende rannte sie, sprang, tanzte. Der Körper hatte sie frei gelassen. Die Angst war nur im Kopf, ihr Körper wollte den Move, die Bewegung, das ins Fliessen kommen.

So möchte ich all den wunderbaren Menschen, denen ich letzte Woche begegnet bin und allen, die das Prinzip des Verharrens gerade trifft, zurufen: Mach den Schritt! Und noch einen und noch einen und noch einen!

Und dann: SPRING.

Das Leben ist immer FÜR Dich!

Da, wo du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie!

Hingabe

In der letzten Woche war ich mit meiner Freundin bei unserem liebsten Schauspieler, Ben Becker. Wir sind seine geheimen „Groupies“. Wir reisen zu jedem neuen Stück. Dann sitzen wir schmachtend im Publikum und hängen ihm mit jeder Faser an den Lippen. Und er hält unsere – und die Herzen aller anderen Zuschauer – in den Händen. Er versteht es, in eine Rolle so einzutauchen, dass er die Rolle im wahrsten Sinne des Wortes „verkörpert“. Erst zuletzt, wenn er sich verbeugt und für die immer „Standing ovations“ bedankt, kommt seine eigenwillige Persönlichkeit wieder zum Vorschein. Dann feiert er sich – und das absolut zu Recht. Unvergesslich das Stück, das wir vor einigen Jahren gesehen haben: „Ich, Judas“. Ben lief von rechts nach links im riesigen Kirchenschiff im Hamburger St.Michel. Und er proklamierte, schrie, klagte, litt, jammerte, wütete als Judas in seiner Verteidigungsrede. Wir waren so ergriffen und sprachlos, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können, als er das Stück beendete. Ben war Weltklasse. Und – er war absolut und vollkommen in diese Rolle eingetaucht, es gab kein Zipfelchen mehr seiner eigenen Persönlichkeit.

Wenn es etwas gibt, was dieser grossartige Schauspieler neben seinem Spiel, neben seiner sonoren Stimme, neben seiner Intensität und seiner energetischen Körperlichkeit zur Verfügung stellt, dann ist es das, was ihn besser sein lässt als viele andere – Er gibt sich vollständig hin.

Hingabe – dieser Begriff löst bei vielen Menschen unwillkürlich Unbehagen aus. Die Vorstellung von Hingabe wird häufig verbunden mit Auslieferung, ja Kapitulation. Als käme man mit einer weissen Fahne aus einem Versteck und müsste sich auf Gedeih und Verderb einem fremden Diktat oder Zwang unterwerfen. In diesem Sinn aktiviert die Vorstellung von Hingabe eine Urangst, die viele Menschen kennen: die Angst vor Auflösung, die Angst, dass nichts mehr von einem übrig bleibt.

Und genau das Gegenteil ist der Fall – wer sich hingeben kann, der lebt eigentlich doppelt so intensiv.

Hingabe beschreibt einen Vorgang, der mit höchster Achtsamkeit verbunden ist. Alles, was mit Achtsamkeit geschieht, ist belebend, bereichernd und kraftvoll. Im „Tibetischen Buch vom Leben und Sterben“ zitiert Sogyal Rinpoche Buddhas Worte: „Einzig und allein durch Hingabe kann man die absolute Wahrheit erkennen.“ Und weiter führt er aus, Hingabe habe nichts mit kritikloser Anbetung oder dem Aufgeben der Eigenverantwortung zu tun, sondern vielmehr: „Wahre Hingabe ist eine stetige Empfänglichkeit für die Wahrheit. Wahre Hingabe hat ihre Wurzeln in einer ehrfurchtsvollen Dankbarkeit, die zugleich klar, geerdet und intelligent ist.“


In diesem Sinne versteht sich Hingabe als einen Akt der vollständigen Überantwortung an das Leben, als eine Einwilligung in das Leben. Wenn wir uns hingeben, löst sich unsere Ego-Bezogenheit langsam auf, nicht aber unsere Intelligenz, unser Unterscheidungsvermögen, unsere Stärke. Hingabe bedeutet, uns dem Leben gegenüber voller Vertrauen, nackt und schutzlos zu präsentieren. Eine solch offene Haltung ermöglicht es uns, alle Bedingungen des Augenblicks mit einzubeziehen.

Will ich also Hingabe üben, brauche ich ein Gewahrsein dessen, was im jeweiligen Moment geschieht. Dafür ist es hilfreich, die Wahrnehmung meiner Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen zu verfeinern. Es geht darum, sozusagen ein Lauschen nach innen und nach aussen zu praktizieren. Ist aufgrund der äusseren Gegebenheiten Vorsicht angesagt, wird sie sich im passenden Moment einstellen. Die Abwehr möglicher Gefahren kommt dann nicht aus der Enge, sondern aus der Weite der offenen Grundhaltung. Deshalb kann echte Hingabe nur aus einer inneren Stärke heraus entstehen.

Der große Gegenspieler der Hingabe ist die Angst. Niemand sagt das so schön und eindringlich wie Hermann Hesse in seiner Geschichte: „Klein und Wagner“:
„In Wirklichkeit gab es nur eines, vor dem man Angst hatte: das Sich-fallen-Lassen, den Schritt in das Ungewisse ­hinaus, den kleinen Schritt hinweg über all die Versicherungen, die es gab. Und wer sich einmal, ein einziges Mal hingegeben hatte, wer einmal das grosse Vertrauen geübt und sich dem Schicksal anvertraut hatte, der war befreit. Er gehorchte nicht mehr den Erdgesetzen, er war in den Weltraum gefallen und schwang im Reigen der Gestirne mit. So war das. Es war so einfach, jedes Kind konnte das verstehen, konnte das wissen.“

Ein Grossteil unseres Verhaltens zielt darauf ab, Hingabe zu vermeiden, um das Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins, der Nacktheit nicht erleben zu müssen. Wenn es uns gelänge, Gefühle von Ohnmacht anzunehmen und sie grundsätzlich zu bejahen, würden wir erkennen, dass Hingabe ohne Verletzlichkeit nicht zu haben ist. Dann könnten wir aufhören, uns selber ständig zu „schützen“.

Denn was bringt uns denn dieser ständige Schutz? Was haben wir denn zu verteidigen, was wertvoller ist als unsere intimste Wahrheit, das sich-einlassen?

Was passiert, wenn wir uns nie dem Leben, dem Moment hingeben sondern immer alles unter Kontrolle behalten, den Schein wahren, die Sicherheitslinie nicht verlassen? Wenn wir mit allen Eventualitäten und Gefahren rechnen und sie versuchen zu vermeiden? Ich habe Jahre damit verbracht, Gefühle nicht auszusprechen aus Angst vor Zurückweisung. Und ja, ich habe auch Jahre damit verbracht Gefahren zu umgehen. Wir alle umgehen das, was uns verletzen könnte. Aber: Leben wir denn dann überhaupt?

Irgendwann ist der Knoten dann geplatzt. Und seitdem….. ich sag es jetzt mal ganz platt: Ich scheisse auf Sicherheit.

Und jetzt wieder fein: Ich habe gestern einen wundervollen Coachee getroffen, der sich mit seinem vollen feinen und reichen Herzen in eine neue Liebe eingibt, obwohl er von der alten Liebe haushoch traumatisiert wurde. Er traut sich das. Voll und ganz.

Und dann ist noch dieser herrliche Eisbader, der am Wochenende durch dicken Schnee ging und ein Loch ins Eis grub, um seine Kursteilnehmer in den scharfen und absoluten Moment des Eintauchens einzuladen. Eisbaden, das geht nur mit totaler Hingabe. Jeder Widerstand kann da grossen Schaden anrichten. Man muss sich hingeben. Eine Erfahrung, die riesige Kräfte in Gang setzt. Danke Beat, du wilder Kerl, das Du das machst.

Hingabe ist Kunst. Hingabe ist messerscharf. Ist Risiko eingehen. Hingabe ist Liebe. Hingabe ist Freiheit. Mut zeigen. Weich sein. Sich vollständig einer Sache verschreiben und nicht mehr mit dem Ego eingreifen. Es ist wunderschön. Es ist gefährlich. Und schliesslich und endlich sind die Momente der Hingabe die, in denen wir wirklich wirklich leben.

Da, wo wir das Leben spüren können, da ist es auch. C’est la vie.

Gehorchen

Der grosse C.G.Jung hat einmal gesagt: Wenn Du einmal das Sehnen Deines Herzens empfangen hast, weisst was es will, dann geht es nicht anders: Dann musst du ihm gehorchen. Also: Dem Herzen folgen.

Über das Gehorchen habe ich schon oft nachgedacht. Als Kind sagte man mir nicht nur zuhause, sondern auch in der Schule, dass ich gehorchen muss. Gerne fragte ich dann nach den Gründen und Motivationen, warum man der einen oder anderen Regel gehorchen sollte. Ich wollte unbedingt das „Warum“ wissen. Wenn das Warum für mich stimmig war, dann tat ich es. In den allermeisten Fällen aber war es das nicht. Es waren Normen, die mich anpassen sollten, oftmals mit Moral durchwirkt, meistens als Leitfäden für eine Gesellschaft, zu der ich ohnehin nicht gehören wollte. Ich hatte ganz und gar nicht den Eindruck, dass die Erwachsenen irgend etwas richtig machten, dass es sich lohnen könnte, die Dinge so zu machen, dass sich die Dinge wiederholen, die mir unlogisch und falsch erschienen.

Ich erinnere mich, dass es mir einmal langweilig war im Religionsunterricht und ich begann mit den Fingern zu spielen. Ich war stolz, dass ich meine Finger so biegen konnte, dass sie weitestgehend übereinander lagen. Also zeigte ich es meinem Sitznachbar. Der Religionslehrer war ausser sich, hatte er doch interpretiert, dass ich sein Geschwätz einer Lüge bezichtigte. Er stürzte auf mich zu, riss mich an meinem Pferdeschwanz hoch und schleifte mich, mit dem Griff fest um meine Haare, aus dem Klassenzimmer. Ich landete vor der Tür und er schrie mich an ich solle gefälligst darüber nachdenken was mir da einfiele. Ich war vielleicht 8 Jahre alt, der Lehrer hiess Herr Pieh, ich erinnere mich sehr gut. Ich sass völlig unwissend vor der Tür. Und da muss etwas passiert sein: Ich beschloss, keiner einzigen Regel mehr zu gehorchen, die mir unsinnig erschien. Wie um die Sache klar zu machen, bekam ich sofort eine Belohnung. Der Hausmeister kam vorbei mit kleinen warmen Milch- und Kakaotüten. Er gab mir, mich bedauernd, eine und legte einen Finger an die Lippen. Der Kakao schmeckte süss und tröstend warm. Ich wusste: Das lohnt sich, was ich gerade beschlossen habe.

Ich habe nie mehr gehorcht. Es gab fortan nur noch das: Ich denke nach, ob es sich lohnt dieser Spur zu folgen. Wenn ja, dann tue ich es freiwillig. Wenn nein, dann lasse ich es. Mogle mich raus. Tue so als ob. Lasse mich nicht erwischen. Folge meiner eigenen Überzeugung.

Wie herrlich, ein Leben in Autonomie. Aber auch: Anstrengend. Überaus anstrengend. Denn blind und taub mitzuschwimmen und alles mitzuspielen was verlangt wird, das war verführerisch einfach und wurde belohnt mit Anerkennung und Vorteilen. Den eigenen Regeln zu folgen, das hiess, ein rebellisches Herz jederzeit stärken, beweisen und verteidigen zu müssen. Und immer immer im anstrengendem Gegenstrom zu schwimmen.

Hat es sich gelohnt? Inzwischen sind mehr als 50 Jahre vergangen. Schaue ich zurück, dann freue ich mich unbändig, dass ich mir und meinem Herzen gefolgt bin. Es hat sehr viele Kapriolen geschlagen, es ist getanzt, geflogen, abgestürzt, wurde zertrümmert und vergoldet, hat ohrenbetäubend geschlagen in Euphorie und hat geblutet im Liebeskummer. Aber wenn ich es betrachte, dann lacht es. Es hat sich nicht, niemals, gebeugt. Ich danke mir selbst für diese Bilanz. Und ein bisschen bewundere ich mein Herz für seine Stärke. Nicht nur physisch.

Inzwischen kann ich nicht mehr anders. Und mehr noch: Ich habe einen Beruf daraus gemacht, eine Berufung. Vor kurzem durfte ich diese Berufung benennen. Es nennt sich:

Ermutigerin

Ich musste ein bisschen schmunzeln, als mir eine tolle Frau sagte, darin verbirgt sich das Wort „Tigerin“. So fühlt es sich auch an.

Folgst Du Deinem Herz?

Was tut es mit Dir?

Wo will es hin?

Was will es von Dir an Handlung, Wahrheit, Frechheit, Stärke, Eigen-sinn?

Obwohl unser Herz doch Dreh- und Angelpunkt unseres Lebens darstellt, hören wir oft nicht auf seinen Gesang. Wenn Dein Herz eines Tages aufhört zu schlagen, dann endet Deine gesamte Welt. Bist Du Dir dessen bewusst?

Weisst Du, dass Dein Herz die einzige Institution ist, die über Dein Leben bestimmt? Dass alles schlau-schlau reden und das Dröhnen Deines Egos nichts wert ist, wenn es um Deine Herzensmelodie geht? Von was erzählt Dein Herz? Wo will es Dich hinführen?

Schön, wenn Du Dir dafür einen Moment Zeit nimmst und es fragst. Ihm zuhörst. Wetten, dass Du überrascht sein wirst über die Antwort?

Das Wilde. Es ist nicht das Gegenteil von kultiviert. Es ist das Gegenteil von gefesselt.

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch: C’est la vie.

Aufbrechen

Jeder Erfolg startet mit der Entscheidung,

es zu versuchen.

John F. Kennedy

Ich versuche die Quadratur des Kreises. Das haben schon viele vor mir getan. Viele haben etwas versucht und sind gescheitert. Ich habe keine Angst vor dem Scheitern. Nur vor dem nicht-versuchen. Manchmal gibt es nur diesen einen Moment, den Du brauchst: Nach vorne zu gehen. An den Rand der Klippe. Zu springen – in den freien Fall. In der Hoffnung, dass der Aufwind Dich trägt. Es braucht Mut, wenn man etwas Unmögliches schaffen will.

Wie geht es Dir, nutzt Du diese schöne Auftriebsenergie, die der Frühling jedes Jahr mit sich bringt? Spürst Du das Drängen und Rufen der Knospen, die sich öffnen? Die Lust, etwas zu wagen?

Eine junge Frau im Coaching geht gerade diesen Sprung. Sie verabschiedet sich von den Konzepten, die andere für sie geschrieben haben und den Ideen, wie das Leben sein soll und muss. Streift alle Sicherheitsleinen ab und springt. Sie hat so viel Lust etwas Neues zu wagen, eigene Schritte auszuprobieren und sich selbst neu zu erfinden.

Wenn man noch jung ist, dann ist das leicht. Weil eben noch so viel Leben vor einem liegt. Na, zumindest theoretisch, denn eine Garantie gibt es dafür nicht. Wenn wir jung sind, erlauben wir uns neue Wendungen und das Umdrehen und Neubeginnen und wagen die Kapriolen. Werden wir älter, dann kleben wir bald an Sicherheiten, Gewohnheiten, Gemütlichkeit und nicht selten auch an Dingen, alles was wir nicht „opfern“ wollen für einen neuen Weg.

Mein wildes Herz aber lädt mich auch jetzt noch ein. Mein ganzes Leben lang, wieder und wieder. Zu hinterfragen ob das alles noch stimmig ist. Und weiterzugehen. Mein Leben besteht aus Loslassen und neu finden. Aus Sprüngen um die Ecke und Kehrtwendungen. Ganz schön anstrengend. Aber nicht anders machbar, weil mein rebellischer Kern von mir verlangt, ihm zu gehorchen. Er hat mich an fantastische Plätze und grossartige Begegnungen geführt. Ich werde das nochmals machen, Ende des Jahres. Mein Herz jubelt bereits. Aber mein kleines schwaches Ego flüstert mir die Warnungen in den Kopf. Ich habe mich entschlossen, diese Nervensäge zu überhören.

Und dann denke ich noch an einen wirklich wunderbaren Coachee, der 2007 bei mir war und seitdem ein glückliches, selbstwirksames Leben geführt hat. Jetzt sieht er sich konfrontiert mit einer schweren Diagnose, die er durchleiden muss. Ich weiss ganz sicher, dass er das auch schafft und bald wieder pfeiffend und glücklich durchs Leben radeln wird. Er hat verstanden, das Leben ist JETZT und JETZT. Keinen Tag wird er das verpassen.

Wieviel Aufbruchswille, wieviel Mut und wieviel Kraft liegt in Deinen Entscheidungen?

Wohin wirst Du Dich als nächstes orientieren?

Streckst Du den Kopf heraus aus dem Alltags-Concon? Lebst Du?

Spürst Du Dein klopfendes Herz?

Nutzt Du Dein Lebensgeschenk?

Na also, dann los.

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie.

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Fraktale

Wenn es etwas gibt, das mich in den letzten beiden Wochen nachhaltig beeindruckt hat, dann war es eine Licht/Ton Show in einer Zürcher Kirche. Es war ein sehr dunkler Abend und meine Stimmung wegen anhaltend schlechter Wetterlage und Endlosgrau nahezu am Boden. Eine liebe Freundin sagte mir, ich solle mir eine Show in der Jakobskirche ansehen mit dem Namen „Infinity“. Für die Nichtengländer: Unendlichkeit.

Die Zuschauer lagen auf Sitzsäcken und schauten in das sehr hohe Kirchen Deckengewölbe. Und dann ging es los. Wunderschöne Töne und eine grandiose, grandiose Lichtshow, die an die Decke und die Wände der Kirche projiziert wurde.

Es wurde eine halbstündige, immersive und magische Reise. Wir traten ein in ein Tor und wurden aufgesogen von einer fraktalen Welt, die uns Kleinheit (als Zuschauer) und gigantische Grösse in der Unendlichkeit des Universums projiziierte. Absolut zauberhaft.

Die Fraktale begeisterten mich noch viele Tage danach und liessen mich nachdenklich zurück. Fraktale sind digital erzeugte Muster, die im Wesentlichen aus Bildern entstehen, die ein einziges Muster endlos wiederholen oder sich ähnelnde Muster, die einander bedingen, ständig erweitern. Das ist beispielsweise der Fall, wenn ein Objekt aus mehreren verkleinerten Kopien seiner selbst besteht. Das Ganze erschafft einen Sog aus Farbe und Geometrie und dynamischer Gestaltung. Man wird hinein gezogen und aufgelöst. Fast wie ein digitaler Atem, der Schönheit und visuelle Perfektion auslöst.

Die Menschen verliessen die Kirche verzaubert. Und bei mir lief das tagelang nach. Auch in der Natur gibt es Fraktale. Farnblätter, Wolken, Schneeflocken, biologische Strukturen, ja sogar ein Blumenkohl ist wie ein Fraktal aufgebaut. Man spricht auch gerne von geometrischen Strukturen und damit einer gewissen, sich selbst wiederholenden Ordnung. Ich recherchierte und ging gedanklich beständig weiter…

Was, wenn unsere Leben Fraktale wären?

Was, wenn jede Begegnung mit anderen, die Berührung von Kunst, Wort und Emotion etwas Selbstähnliches auslösen und immer wieder einander bedingen? Wenn sich die Dinge so lange wiederholen, bis sie ein grosses Bild ergeben. Und jedes Teilbild im grossen Bild einen wichtigen Impuls setzt, damit sich das grosse Bild verändern und gestalten kann? Was wenn jede gedankliche, ethische, emotionale Begegnung eine andere erschafft, die ähnlich ist? Was würde das heissen in Bezug auf unsere Lebensführung?

Wenn wir also etwas denken. Wenn wir von etwas inspiriert werden. Wenn wir etwas lesen oder uns mit etwas beschäftigen, in etwas eintauchen, etwas ausprobieren, etwas fühlen oder auch handeln und damit das eigene Muster endlos wiederholen – aber eben auch dessen Form in immer schöne neue Teilstücke verändern?

Ein grandioses neues Universum würden wir da auftun und die Fraktale wären eine Innenwelt, die mit der Aussenwelt korrespondiert und schliesslich die Welt erschafft, die wir erleben.

Also ganz einfach gesagt: Mit welchen Gedanken, mit welchen Motivationen und mit welchen Themen beschäftigen wir uns? Wer begegnet uns und wessen Nähe suchen wir? Gibt es Muster, denen unser Herz und unsere Seele folgen? Sind alle Begegnungen, die wir im Leben haben, ein Plan, den wir selbst erschaffen?

Nochmals: Sind alle Begegnungen, die wir im Leben haben, ein Plan?

Also: Jeder Mensch ist ein Spiegel?

Könnte das so einfach sein?

Ich war so verliebt in diese wunderschöne Idee über Ordnung, dass ich weiter recherchierte. Und natürlich hatte den Gedanken schon mal jemand gedacht!

Prof. DDr. Christian Schubert, Leiter des Labors für Psychoneuroimmunologie am Department für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Medizinische Psychologie der MedUni Innsbruck beschreibt das Phänomen der Fraktale in seinem Buch „Die Geometrie der Seele“. Ich habe es in einer schaflosen Nacht gelesen. Und jetzt war für mich ganz klar: Das psychische (Er-)Leben folgt einer sich wiederholenden Ordnung. Juhu!

Denn das heisst für mich auch: Alle Muster die ich schon einmal hatte, werden sich früher oder später wiederholen. Gut? Ja! Weil vorhersehbar. Weil unausweichlich. Weil in sich logisch.

Jeden Widerstand gegen etwas einfach aufgeben, sondern sich der (heiligen und damit heilenden) Ordnung anvertrauen. Was für eine Entspannung!

Schaue ich auf mein Leben zurück, dann waren da immer wieder neue Tore, durch die ich in eine (scheinbar) neue Welt schreiten konnte. Menschen, die wertvoll für mich wurden, grosse und kleine Wunder, magische Begegnungen. Und ja, auch Zauber und Magie und Schönheit und Staunen.

Wie herrlich, wenn man das Leben so betrachten kann. Wie überaus bereichernd.

Ich darf also dieses Buch empfehlen. Oder die Beschäftigung mit Fraktalen. Oder so eine Lichtshow zu besuchen. Oder das nächste Mal beim Gemüsekauf auf Romanesco, Blumenkohl und Brokkoli zu schauen und das Muster zu bestaunen.

Oder geh in Deinem Leben spazieren und erkenne, was es ausmacht, welche Muster erkennbar sind, wer und was es bereichert und ausschmückt – und wohin damit zwangsläufig die Reise gehen wird. Das ist zauberhaft!

Und noch ein Gedanke zur Freiheit: Du kannst neue Farben und Richtungen in Deinen Fraktalen willentlich beeinflussen. Fang ein neues Muster an. Das Bild wird sich dynamisch verändern. Grösser werden. Neue Formen finden.

Du erschaffst Dein Bild. Ganz einfach.

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch: C’est la vie!

Flächenbrand

Vor einigen Jahren hatte ich ein Gespräch mit meinem Herzensbruder, in dem er mir sagte ich käme immer mit so einer „Liebeslawine“. Ich musste sehr schmunzeln. Er meinte, ich bin manchmal ziemlich lange abwesend und dann komme ich mit einer ganz hohen Präsenz, schütte eine riesige Menge Liebe in seinen Hof und die muss er dann erst mal Stück für Stück abtragen.

Das stimmt wohl – bei mir ist es irgendwie ganz oder gar nicht. Ich kann distanziert und kühl sein, durch Abwesenheit glänzen und dann wieder genau das Gegenteil.

Wie ist das so bei Dir? Liebst Du gleichmässig und immer warm und aufmerksam? Bist Du loyal und treu und zuverlässig und abrufbar? Oder schlägt Dein Herz Kapriolen, eroberst Du gerne und wird es Dir dann langweilig, sobald eine gewisse Routine eingekehrt ist? Spürst Du Deine Liebe täglich und tust Du was damit? Oder geniesst Du still Deine reiche Gefühlswelt und teilst sie nicht zwingend mit?

In der vergangenen Woche beobachtete ich alle Formen von Liebe und Freundschaft. Auch ein Paar, das sich liebt, aber die ganze Zeit mit den Bedingungen ihrer Beziehung kämpft. Und einen wunderbaren Partner eines anderen Paares, der alles versucht um eine gewisse Stabilität zu erreichen, aber seine Liebste will einfach nicht immer so konstant sein. Eine andere schöne Frau, die hin und her gerissen ist zwischen Bleiben und Gehen. Eine, die mit aller Macht versucht zu bleiben aber deren wildes Herz weiterziehen muss. Und schliesslich sah ich noch einen Teil einer sehr sehr langen Ehe, die darüber sprach, dass sie jeden Tag feiert, wenn ihr Liebster noch neben ihr aufwacht.

Wieviel Liebe hast Du?

Wieviel davon gibst Du?

Vielleicht wäre das eine Idee: Denke mal darüber nach, wen Du liebst. Ich meine damit keinesfalls die romantische Liebe. Denke nach, wer Dir viel bedeutet und warum. Wen Du wertschätzt. Auf wessen Anwesenheit Du nur ungern verzichten würdest. Vielleicht auch, wen Du bewunderst.

Wollen wir gemeinsam einen Waldbrand initiieren?

Ich meine das natürlich nur im übertragenen Sinne. Draussen will, zumindest hier in der Schweiz, der Frühling nicht so richtig kommen. Vielleicht können wir das „Klima“ ein bisschen erhöhen?

Ein bisschen Wärme und Sonne in die Welt bringen?

Vielleicht hast Du jetzt gerade Zeit und Lust und simst/whatsappst den Menschen, die gerade vor deinem inneren Auge aufgetaucht sind, eine schöne wertschätzende Botschaft?

Oder Du lässt Dir ein bisschen mehr Zeit und schreibst eine Mail oder einen handgeschriebenen Brief? Eine Karte? Verschickst eine Erinnerung?

Nimm Dir aber in jedem Fall Zeit, den Mensch zu spüren, dem Du diese Botschaft sendest. Du weisst ja nicht, ob er gerade auf Empfang ist. Und wieviel Du ihm zumuten kannst.

Meinem Herzensbruder darf ich hin und wieder so eine Riesenladung schicken, er kann das aushalten. Stopft seine Kammern dann voll damit, weil er lange davon zehren kann. Denn, wie es eben so meine Art ist, manchmal bin ich dann auch wirklich sehr lange wieder unsichtbar. So geniesst er dann immer wieder ein bisschen, bis die nächste Wagenladung kommt.

Wir alle wählen die Menschen, die uns umgeben. Gleiches zieht Gleiches an. Jeder Mensch in deinem Leben ist mit guten Gründen da. Du hast ihn verdient und er Dich. Wie schön, wenn man das Band dann immer wieder schön bestätigen kann.

Lass die Blümchen aufblühen! Mal sehen, wie sie glänzen.

Da, wo du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie.

Zum Bersten voll

Heute beim Spaziergang sah ich durch Zufall einen Baum, der mitten in einer üppigen Wiese stand. Ist Dir schon aufgefallen, wie sehr grün und saftig die Wiesen schon sind?

Der Baum trägt vermutlich im Sommer Früchte, die Knospen waren schon überall in grosser Menge vorhanden und sie waren zum Bersten prall. Ich musste eine anfassen, hart und ausladend und gefüllt mit den Blüten, die sehr sehr bald aufplatzen und ihre Schönheit zeigen werden.

Ich musste ein bisschen schmunzeln über dieses „zum Bersten gefüllt“.

Wie oft waren wir das in unserem Leben? Und mit was?

Hast Du schon einmal gefühlt, dass du in voller Rage randvoll mit Wut warst und nur noch explodieren wolltest? Weil der Druck so hoch war, dass es Dich fast verjagt?

Oder Leidenschaft, hat sie mal so richtig ultimativ und elementar, fast schon animalisch, in Dir gebrannt und Du konntest nicht mehr ausweichen oder wegleugnen sondern musstest sie einfach mal rauslassen und ausleben?

Oder warst Du schon einmal randvoll mit aufgesparten Tränen? Aus Glück, Verzweiflung, Berührtsein oder Frustration? Weisst Du noch, wie Du sie dann einmal wohltuend loslassen konntest?

Ach ja – und Lust: Kannst Du Dich erinnern, etwas einmal mit allen Sinnen komplett und ausgiebig zu geniessen und zu spüren wie Dich eine Lawine ergreift? Vielleicht auf einem Konzert? Im Endorphin Rausch bei Deinem Sport?

Oder noch eine Emotion – Angst! Hat sie Dich schon einmal ganz und gar überwältigt? So dass Dir die Haare zu Berge standen und Du das lähmende Gefühl in jeder Zelle gespürt hast?

Und – Liebe! Wann hast Du einmal dieses überwältigende Liebesgefühl gehabt, eins das Dir fast die Sinne raubt und alles, wirklich alles, in Dir in Bewegung setzt um etwas zu erreichen, zu berühren, zu haben, einzunehmen.

Ach, herrliche Gefühle sind das. E-motionen. Sie bringen uns oder etwas in uns in Bewegung, sie lassen uns keine Wahl mehr, sie zwingen uns in eine Handlung, einen Ausdruck, eine Explosion oder Implosion: Sie nehmen sich jeden verfügbaren Raum.

Während ich die Knospe in den Fingern hielt kamen all diese Gefühle wieder in mein Bewusstsein, meine Er-inner-ung. Ich ging nach innen und fand sie, die Intensität, das Ausgeliefertsein und die Hingabe. Die GROSSEN Gefühle. Die, die nur in eine einzige Richtung gehen. Die sich nicht wie unser nimmermüder ach-so-schlauer Geist/Verstand im Kreise drehen.

Die Natur des Laubbaums macht alles richtig: Schläft tief und fest im Winter. Taut langsam auf im frühen Frühling, beginnt zaghaft wieder zu trinken und das Sonnenlicht zu nutzen. Füllt sich an mit Leben. Explodiert in die Expansion. Steht in voller Blüte. Reift in süsse Früchte. Stellt ihre Gaben zur Verfügung und nährt damit andere. Zieht sich ausgereift zurück, lässt Altes und schützende Hüllen nach unten rieseln, lässt los. Gleitet sanft in die Ruhe, überlässt sich dem Nebel, dem Regen, der ersten Kälte, schläft wieder ein … und dann wieder und wieder und wieder das selbe Spiel.

Niemals verharrt die Natur in einem einzigen Zustand, sie wandelt und verändert sich, geht mit dem Flow der Jahreszeiten, der Gegebenheiten, trotzt den widrigen Umständen oder zerbricht komplett daran. Aber lauwarm, halbherzig, zögerlich, widerspenstig – das kennt die Natur nicht.

Darin sind wir Menschen die Meister. Die, die etwas verweigern, die so grosse Mühe mit Hingabe haben, die den nächsten Schritt nicht gehen wollen. Ich kenne leider leider so viele Menschen, die das Bersten nicht wagen. Die ihre Knospen nicht öffnen wollen. Die die eigene herrliche Kraft nicht aushalten.

Lieber sind sie Nadelbäume. Immergrün. Stoisch und mit langen Nadeln, die das Ungetier von sich fern halten. Die sich an Felsen krallen, auf karge Böden setzen und versuchen zu überleben, in dem sie die gesamte Kraft darauf verwenden, den widrigen Umständen zum Trotz da zu bleiben.

Als ich einen Kamin hatte verbrannte ich Nadelholz und Laubholz. Das Nadelholz hielt nicht lange durch, ging schnell in Flammen auf. Das Laubholz blutete das Leben aus sich heraus, bevor es sich den Flammen übergab.

Wer bist Du? Spürst du Deine Kraft? Jetzt – und jetzt – und jetzt?

Und wohin wirst Du expandieren, explodieren?

Geniesst Du das Sammeln in der Knospe?

Und – was wirst Du mit beiden Händen inflationär der Welt schenken, wenn Deine Blüten zu Früchten werden?

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie.

Pioniere

Steckt in Dir noch der kindliche Eroberungsdrang? Die Neugier? Die Lust und die Frechheit und der absolute Wille, Dich zu entfalten? Wieviel von dem Sturm und dem Drang spürst Du noch, etwas zu erreichen und die (scheinbaren, antrainierten) Grenzen zu sprengen?

Gestern habe ich auf einer längeren Autofahrt ein Interview mit dem wunderbaren Bertrand Piccard gehört. Ein Umweltpioneer. Ein Abenteurer. Aber auch: Ein excellenter Psychiater. Mehr als Rekorde und Abenteuer fesseln ihn beim Fliegen das Studium des menschlichen Verhaltens und die Beobachtung der verschiedenen Bewusstseinsebenen in Extremsituationen. Und so kam er auch zu seinem allerersten Abenteuer: Als er zu spät auf einen Kongress kam, gab es nur noch einen einzigen freien Platz. Durch Zufall – wie es eben so zufiel – war sein Sitznachbar ein Mann, der als Ballonflieger um die Welt fahren wollte. Er erzählte Bertrand, dass er noch einen Partner sucht. Und dieser bot ihm an, als psychologische Stütze mitzufahren, um ihm mit Hilfe von Hypnose (sein bevorzugtes Therapieangebot) zu helfen, die Dinge mental zu schaffen und auch schlafen und ruhen zu können. Der Deal war gemacht, Bertrand Piccard war an Bord – und seitdem folgt Bertrand seinen Ahnen – er erobert die Welt. Die Luft, der Himmel, hat es ihm besonders angetan.

Im Interview erzählt Bertrand auch, dass er als Kind sehr stark durch die beiden grossen Eroberer, seinen Vater und Grossvater, inspiriert wurde. Schon als 11 Jähriger durfte er in den USA die Starts der Apollo Raketen erleben. Seinen Vater bei U-Boot-Fahrten in den Marianengraben beobachten.

Ja, so sagt er, sein Abenteuerdrang wurde sicher durch seine Vorfahren und seine faszinierende Kindheit begünstigt.

Er sagt aber auch: Jeder Mensch könne diese Kraft entwickeln, Grosses zu leisten, den eigenen Bezugsrahmen zu sprengen, sich selbst bis zum Limit entfalten. Glücklichsein hängt nicht davon ab, dass jedem alles gelingt. Glücklichsein heisst: Sich selbst erkunden und entdecken und sich dann zur besten Version für sich selbst zu entwickeln.

Ent – wickeln

ein schönes Wort. Sich also aus etwas heraus wickeln. Vielleicht aus den eigenen Einschränkungen aus Angst und Zweifel? Vielleicht aus selbst auferlegten Pflichten und Perfektionswahn? Vielleicht aus limitierenden Ideen, wie etwas zu sein hat? Vielleicht aus der Angst nicht zu genügen? Vielleicht aus der Unsicherheit, wie man mit etwas Neuem umgehen soll? Vielleicht aus der vermeintlichen Komfortzone?

Leider sehe ich immer wieder Menschen, die sich in ein eigenes bequem gepolstertes Gefängnis aus Verpflichtungen, Gewohnheiten, Kompensationshandlungen, Beruhigungsmitteln aller Art, Beziehungen und To-Do’s begeben haben und ihr Leben nur noch verwalten statt zu geniessen. Das macht mich sehr traurig und während den vielen vielen Jahren in meinem Job als Coach bin ich wohl vor allem einer Mission nach gegangen: Den Mensch zum AUSBRECHEN zu bewegen und zu ermutigen.

Ich sehe heute deutlicher als früher, dass die Zeit läuft. Und viele, auch bisweilen ich selbst, immer noch an der selben Stelle stehen und blind und abgestumpft gehorchen, weil es leichter ist, sich anzupassen, mitzuspielen, sich zu fügen und zu funktionieren. Leider, leider – sind viele dabei zutiefst unglücklich. Weil eben so viel mehr möglich gewesen wäre. Weil eben so viele andere Wege noch offenstehen würde. Weil es eben auch noch Leben 2.0, 3.0, 4.0 geben könnte – wenn man sich eben trauen würde. VERTRAUEN würde.

Es geht nicht darum, völlig egoistisch nur den eigenen Impulsen zu folgen und sich nicht mehr um Dinge zu kümmern, die wir zu verantworten haben. Auch nicht darum, autonom und ohne gesellschaftliche Anpassung zu leben. Aber es geht darum, sich zu fragen: Zu was wäre ich in der Lage? Was könnte ich in meinem Leben erreichen? Was könnte ich ganz persönlich tun, um meinen Herzschlag zu spüren, meine Freiheit auszuweiten, mich aufs Leben vollständig einzulassen?

Es geht schliesslich im Leben nicht nur darum, etwas zu beobachten und zu beurteilen und sich irgendwie durchzukämpfen und einen Lebensstandart zu erreichen, der vermeintlich erstrebenswert ist. Glück, so sagt auch Bertrand Piccard, ist nicht, möglichst reich und erfolgreich zu werden – sondern sich selbst gut kennengelernt zu haben und sich selbst das gewagt zu haben, wonach wir uns sehnen.

Wonach sehnst Du Dich?

Spürst Du (noch, wieder, jetzt gerade) Deinen Herzschlag?

Als ich nach zwei Stunden Autofahrt das Interview zu Ende gehört hatte, hörte ich mein Lieblingslied in Endlosschlaufe „Überdosis Glück“ von Rosenstolz. Ich sang laut mit. Auf einer gerade Strecke einer Landstrasse gab ich – vollkommen verboten und absolut unvernünftig – richtig Gas. Ich spürte wie mein Motor die Kraft übertrug, mich in den Sitz presste und mein Auto losschoss. Die Kraft der Beschleunigung und der Reiz des Verbotenen liess mein Herz laut und stürmisch schlagen. Was für ein herrlicher Rausch.

Ich will mehr davon. Ich glaube, ich mache eine Liste von Unmöglichkeiten, die ich dieses Jahr alle realisieren will.

Und Du?

Da, wo Du das Leben spürst, da ist es auch. C’est la Vie.

Pioniere sind bahnbrechende Menschen, die erst in sich selbst alle Grenzen sprengen und dann in der Welt.

(Bertrand Piccard)