Von den Mächten

In der vergangenen Woche habe ich in interessante Gesichter geschaut und einige kulturelle Einsichten gehabt. Ich betrat ein Museum in einem Wasserpalast in Bali und schaute in stolze und schöne Gesichter ehemaliger Könige. Sie waren die Landesfürsten der einzelnen Provinzen. Diese ausdrucksstarken Menschen möchte ich Dir nicht vorenthalten:

Bali wurde vermutlich um 2.500 v. Chr. besiedelt. Im vierten Jahrhundert nach Christus kamen dann von Java vertriebene Hindus nach Bali, die ihre Religion bis heute dort erhalten haben.

Es folgten viele Jahrhunderte, in denen sich Balinesen und Javanesen regelmässig bekriegten. Im 18. Jahrhundert begannen dann die Holländer sich auf den indonesischen Inseln als Kolonialmacht zu etablieren, wobei sich ab 1850 ihre Herrschaft auch auf Bali erstreckte. Ein einschneidendes Ereignis in der Geschichte Balis war die Landung holländischer Truppen in Sanur um 1900, die die vollständige Eroberung Balis einleitete und zu einem rituellen Massenselbstmord (Puputan) vieler fürstlicher Familien Balis führte.

Die Monarchen starben lieber als sich zu unterwerfen. Sie wollten ihr eigenes kulturelles Wesen keinesfalls aufgeben. Standen stolz und wehrhaft auf und wählten die letzte Freiheit, die sie noch hatten.

Und auch auf den Strassen kämpften die Balinesen gegen die Holländer. Es kam zu einem gewaltigen Blutbad. Als ich mit meinem Fahrer Angge nach Denpassar fuhr, zeigte er mir eine Strasse, die vor 120 Jahren in Blut geschwommen hatte.

Dass die Holländer 1918, weil sie vom Selbstmord der Herrscherfamilien so entsetzt waren, ein Gesetz erliessen gegen die Ausbeutung fremder Mächte, war leider nur ein Papierversprechen.

Leider nutzte das den Balinesen nichts, der Kolonialismus war erfolgreich und die Insel wurde genauso ausgebeutet wie die vielen anderen Kolonialstaaten, die ich auf meiner Reise kennenlernte.

Heute gibt es zwar noch viel Kultur auf Bali, auch und vor allem gelebte Religion und wunderschöne Zeremonien und Rituale der Hinduisten und Tanz- und Schattenspielaufführungen. Aber es regiert auch das Geld, der Tourismus, der tägliche Kampf der armen Bevölkerung um das Überleben.

Es gibt noch kleine Handwerksbetriebe und Handarbeit für Kunsthandwerk, das man betrachten kann, es wird auch noch geschmiedet und gewebt, geflochten und geschnitzt. Und die Touristen kaufen die schönen Andenken an ihre Balireise gern. Ich war in einigen Betrieben dieser Art und hörte die Besucher um die Preise feilschen. Und immer mehr konnte ich dem Spiel der Touristen nicht mehr zusehen und fühlte mich fehl am Platz, wie ein Eindringling in eine Welt, die zunehmend abhängig ist von der Kaufkraft und dem Kaufwillen der Besucher. Viele Balinesen haben inzwischen ihr Land verkauft an die Zuwanderer aus aller Herren Länder, die digitalen Nomaden und zivilisationsmüden Auswanderer haben Boden und Platz eingenommen und residieren an den schönsten Orten der Insel.


Ich habe Indonesien nachdenklich verlassen. Und am letzten Tag noch einen modernen Balinesen gesehen, schau hier das Bild:

Meine Reise nach zwei Monaten in Indonesien ging weiter in einen reichen arabischen Ölstaat, schlimmer konnte der Kontrast nicht werden. Es trieb mich schnell zurück. Zu sehr hing mir die Armut der asiatischen Welt nach.

Immer wieder kehrte ich in Gedanken zurück zu den schönen Gesichtern der balinesischen Herrscher. Was waren ihre Werte und ihr Stolz gewesen? Woran wollten sie unbedingt festhalten? Wie war das Leben vor 150 Jahren auf der einstmals so wunderschönen Insel gewesen? Woran hatten sie geglaubt? Wie hatte das Leben sich damals für einen Bewohner des kleinen Inselstaates ausgesehen?

Ich werde diese Fragen nicht beantworten können. Aber ich nehme diese eindringliche Geschichte mit und fahre nun weiter. Zurück in Europa treibt es mich an bekannte Strände, an die bretonische Küste des Atlantiks. Finistère bedeutet: Das Ende der Welt. Tatsächlich liegt es im westlichsten Zipfel der Bretagne und bietet eine über 300km lange, wunderschöne Küste.

Ich bin gespannt, welche Geschichten mir begegnen werden. Ich verspreche, ein paar davon zu erzählen.

La vie est belle – Das Leben ist schön.

Ein Gedanke zu “Von den Mächten

  1. Wow, starkes Lesestück. Ich war auf Bali, die Geschichte kannte ich nicht. Aber von solchem Selbstmord der Ureinwohner hörte ich auch auf La Gomera, die Guanchen sprangen vom Berg, als die Spanier ihre Versprechen brachen. Leider überall das Elend. Vor Jahrzehnten reiste ich von den armen Phillipinen nach Tokio, und war erschlagen von dem Luxus der Kaufhäuser und allem anderen.

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