Vor sehr vielen Jahren hatte ich eine eindrückliche Begegnung, die mein Leben – aber vor allem meinen beruflichen Werdegang verändern sollte. Ich muss heute noch schmunzeln.
Ich besuchte einen Kongress für Psychologie mit dem Titel „Was ist ein gut gelebtes Leben?“. Am ersten Tag hatten wir viele spannende Impulse und Referenten, am zweiten und dritten Tag konnten wir uns in Workshops einschreiben, nach dem wir das „Amuse Bouche“ (ein Appetithäppchen) als köstlich empfunden hatten.
Ich entschied mich für Jirina Prekop. Eine tschechische Psychologin vom „alten Schlag“. Ein Monsterweib, unglaublich überzeugend. Damals war sie schon an die 80 Jahre alt, eine gewaltige Erscheinung von dynamischer und extrovertierter Art, die uns am ersten Tag ihre Festhaltetherapie vorgestellt hatte. Sie gehörte zu der konfrontativen und provokativen Art. Durchgreifend, autonom und furchtlos.
Bei der Festhaltetherapie halten sich Erwachsene in gegenseitiger Umarmung. Sie schauen sich dabei in die Augen, bis schmerzliche Gefühle, aggressive Impulse oder Ängste auftauchen. Das Halten und In-die Augen-Schauen wird so lange fortgesetzt, bis sich die negativen Gefühle auflösen und das Festhalten zur liebevollen Umarmung wird. Ursprünglich war die Therapie vor allem für Menschen mit Bindungsstörung entwickelt worden.
Jirina machte uns klar, dass wir alle meist eine tiefe Angst vor Hingabe und Mitfliessen entwickelt haben, vor allem wenn wir in Kindheit und Jugend keine oder zu wenig oder eine gestörte persönliche Nähe bekommen hatten. Bevor wir das als „Bindungsstörung“ wahrnehmen, steht erst einmal die oft nicht erlernte gesunde Form der Berührung und das „ursprüngliche“ Gefühl, Liebe überhaupt annehmen zu können.
Studien haben gezeigt, dass bei zwischenmenschlichen Bindungen Botenstoffe im Gehirn, so genannte Neurotransmitter, eine wichtige Rolle spielen. Dazu gehören das Bindungshormon Oxytocin, das „Belohnungshormon“ Dopamin und endogene Opioide. Sie werden bei Berührungen und zwischenmenschlicher Nähe ausgeschüttet und lösen positive Gefühle und das Gefühl von Nähe und Verbundenheit aus. Das führt dazu, dass jemand die Nähe zu diesem Menschen immer wieder erleben möchte – es entsteht eine Bindung zu dieser Person.
Jirina erklärte uns diese Zusammenhänge anschaulich und gipfelte schliesslich in ihrer Überzeugung, dass wir – in einer zunehmend distanzierenden Gesellschaft – immer mehr Misstrauen gegen menschliche Begegnung entwickeln und im Laufe des Lebens zusehends „zumachen“ statt ein liebevolles Einlassen auf andere Menschen zu zulassen. Dann fehlt das Ausschütten von Oxytocin und mehr und mehr vereinsamen wir innerlich, mauern, verschliessen uns und werden schliesslich irgendwann auch unerreichbar für die Menschen, die uns am nächsten stehen.
Während sie das proklamierte ging sie durch die Reihen und ihr Blick fiel auf Teilnehmer, die wegschauten oder sich zu entziehen versuchten. Wie konnte es anders sein: Sie wählte mich aus. Sie zog mich hoch und sagte: Du kommst mit!
Mit ihrem starken Balkandeutsch und ihrer ganz und gar einnehmenden Art sagte sie, sie würde jetzt zeigen wie es geht. Fragte mich aus und fand – natürlich! das ungeliebte Kind in mir. Dann sagte sie: So! Ich werde Dich jetzt halten bis die Liebe fliesst! Und damit umarmte sie mich fest und drückte mich (damals noch schmal und steif wie ein Brett) an ihrer riesige mütterliche Brust. Sie hielt mich fest und fester und ich wollte sofort loslassen. Aber sie liess mich nicht heraus und ich schwitzte Blut, Schweiss und Tränen. Es war fürchterlich! Jede Zelle meines Körpers war Widerstand. Aber immer mehr kroch sie mir in mein selbst gebautes Zwangsjäckchen aus Widerspenstigkeit und Wegdrücken von allen Emotionen, denen drinnen und denen draussen.
Um es zu verkürzen: Nach einer ewig scheinenden Zeit hatte sie mich soweit. Ich wurde zusehends weicher und durchlässiger und schliesslich gab ich alle Gegenkraft ganz auf und floss in ein Gefühl der Geborgenheit. Erst dann war es möglich, den inneren Schmerz der Vereinsamung zu spüren.
Das Festhalten wurde schliesslich eine Form meiner eigenen Arbeit. Und nicht nur physisch, sondern vor allem als ver-bindliche Energie im Coachingprozess. Einen Menschen halten, auch verbal, auch in dem man einen Raum von Intimität erschafft, der echte Begegnung mit sich selbst ermöglicht, das braucht Mut auf beiden Seiten. Man muss sich eben einlassen. Vertrauen und anvertrauen.
Kein Platz für die Gegenseite der Liebe – die Angst.
Wie oft verweigern Menschen sich aus Angst. Begegnen dem anderen lieber mit Schönreden, Ausweichen, übertriebener Vorsicht, Zurück-haltung und Gesicht wahren statt in ein echtes Zusammensein zu kommen. Ich bin selbst auch nicht immer eine Heldin darin, mich einzulassen. Menschen, die es als Kind nicht erfahren und gelernt haben, bleiben ewig ein bisschen misstrauisch. Aber jeder kann das lernen, jeder kann den Moment der Zurück-haltung überwinden und sich einlassen, wenn er die Stufe der Furcht überschreitet, vom anderen verletzt oder zurück gewiesen zu werden.
In den vergangenen beiden Wochen hatte ich zwei wunderschöne Paare im Coaching, die lernen wollten, wieder aufeinander zu zugehen und sich wieder aufeinander einzulassen. Nach einer langen „Eiszeit“ den Taupunkt zu verschieben und einander wieder zu vertrauen. Wie schön war es, zu beobachten, wie die Liebe wieder floss. Sie war in beiden Fällen einfach angestaut und nicht mehr ausgedrückt worden.
Es brauchte nur das Aufräumen einiger trennender Faktoren, die den beiden im Weg standen. Ein spielerisch leichter Prozess, der vor allem darin besteht, wieder ehrlich und intim miteinander zu sprechen, sich den anderen mitzuteilen und die vielen Facetten der Angst hinter sich zu lassen.
Ich winde noch mal ein Ehrenkränzchen für meine Mentorin Jirina Prekop. Wie viel habe ich die Jahren nach dem Workshop von ihr gelernt! Als Person und auch als Coach. Die Liebe nicht mehr als Wagnis zu sehen ist heute fast natürlich geworden und inzwischen umarme ich seit zwei Jahrzehnten richtig gerne, ehrlich und innig. Und die Coachees der letzten beiden Paarcoachings tun das auch wieder. Sie halten wieder Hände, liegen sich in den Armen, offenbaren ihren inneren schönen Kern. Vertrauen und lassen sich ein, sehen sich wieder, nehmen sich wahr und freuen sich aneinander. Wie wunderbar, dass das gelungen ist.
Im Grunde geht es immer nur darum, ob Verbundenheit möglich ist. Wir haben ein Grundbedürfnis nach menschlicher Nähe. Das macht uns wesentlich aus. Und das macht alles möglich.
Da, wo Du das Leben (und die Liebe) spüren kannst, da ist es auch: C’est la vie!
