Wenn es etwas gibt, das mich in den letzten beiden Wochen nachhaltig beeindruckt hat, dann war es eine Licht/Ton Show in einer Zürcher Kirche. Es war ein sehr dunkler Abend und meine Stimmung wegen anhaltend schlechter Wetterlage und Endlosgrau nahezu am Boden. Eine liebe Freundin sagte mir, ich solle mir eine Show in der Jakobskirche ansehen mit dem Namen „Infinity“. Für die Nichtengländer: Unendlichkeit.
Die Zuschauer lagen auf Sitzsäcken und schauten in das sehr hohe Kirchen Deckengewölbe. Und dann ging es los. Wunderschöne Töne und eine grandiose, grandiose Lichtshow, die an die Decke und die Wände der Kirche projiziert wurde.
Es wurde eine halbstündige, immersive und magische Reise. Wir traten ein in ein Tor und wurden aufgesogen von einer fraktalen Welt, die uns Kleinheit (als Zuschauer) und gigantische Grösse in der Unendlichkeit des Universums projiziierte. Absolut zauberhaft.
Die Fraktale begeisterten mich noch viele Tage danach und liessen mich nachdenklich zurück. Fraktale sind digital erzeugte Muster, die im Wesentlichen aus Bildern entstehen, die ein einziges Muster endlos wiederholen oder sich ähnelnde Muster, die einander bedingen, ständig erweitern. Das ist beispielsweise der Fall, wenn ein Objekt aus mehreren verkleinerten Kopien seiner selbst besteht. Das Ganze erschafft einen Sog aus Farbe und Geometrie und dynamischer Gestaltung. Man wird hinein gezogen und aufgelöst. Fast wie ein digitaler Atem, der Schönheit und visuelle Perfektion auslöst.
Die Menschen verliessen die Kirche verzaubert. Und bei mir lief das tagelang nach. Auch in der Natur gibt es Fraktale. Farnblätter, Wolken, Schneeflocken, biologische Strukturen, ja sogar ein Blumenkohl ist wie ein Fraktal aufgebaut. Man spricht auch gerne von geometrischen Strukturen und damit einer gewissen, sich selbst wiederholenden Ordnung. Ich recherchierte und ging gedanklich beständig weiter…
Was, wenn unsere Leben Fraktale wären?
Was, wenn jede Begegnung mit anderen, die Berührung von Kunst, Wort und Emotion etwas Selbstähnliches auslösen und immer wieder einander bedingen? Wenn sich die Dinge so lange wiederholen, bis sie ein grosses Bild ergeben. Und jedes Teilbild im grossen Bild einen wichtigen Impuls setzt, damit sich das grosse Bild verändern und gestalten kann? Was wenn jede gedankliche, ethische, emotionale Begegnung eine andere erschafft, die ähnlich ist? Was würde das heissen in Bezug auf unsere Lebensführung?
Wenn wir also etwas denken. Wenn wir von etwas inspiriert werden. Wenn wir etwas lesen oder uns mit etwas beschäftigen, in etwas eintauchen, etwas ausprobieren, etwas fühlen oder auch handeln und damit das eigene Muster endlos wiederholen – aber eben auch dessen Form in immer schöne neue Teilstücke verändern?
Ein grandioses neues Universum würden wir da auftun und die Fraktale wären eine Innenwelt, die mit der Aussenwelt korrespondiert und schliesslich die Welt erschafft, die wir erleben.
Also ganz einfach gesagt: Mit welchen Gedanken, mit welchen Motivationen und mit welchen Themen beschäftigen wir uns? Wer begegnet uns und wessen Nähe suchen wir? Gibt es Muster, denen unser Herz und unsere Seele folgen? Sind alle Begegnungen, die wir im Leben haben, ein Plan, den wir selbst erschaffen?
Nochmals: Sind alle Begegnungen, die wir im Leben haben, ein Plan?
Also: Jeder Mensch ist ein Spiegel?
Könnte das so einfach sein?
Ich war so verliebt in diese wunderschöne Idee über Ordnung, dass ich weiter recherchierte. Und natürlich hatte den Gedanken schon mal jemand gedacht!
Prof. DDr. Christian Schubert, Leiter des Labors für Psychoneuroimmunologie am Department für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Medizinische Psychologie der MedUni Innsbruck beschreibt das Phänomen der Fraktale in seinem Buch „Die Geometrie der Seele“. Ich habe es in einer schaflosen Nacht gelesen. Und jetzt war für mich ganz klar: Das psychische (Er-)Leben folgt einer sich wiederholenden Ordnung. Juhu!
Denn das heisst für mich auch: Alle Muster die ich schon einmal hatte, werden sich früher oder später wiederholen. Gut? Ja! Weil vorhersehbar. Weil unausweichlich. Weil in sich logisch.
Jeden Widerstand gegen etwas einfach aufgeben, sondern sich der (heiligen und damit heilenden) Ordnung anvertrauen. Was für eine Entspannung!
Schaue ich auf mein Leben zurück, dann waren da immer wieder neue Tore, durch die ich in eine (scheinbar) neue Welt schreiten konnte. Menschen, die wertvoll für mich wurden, grosse und kleine Wunder, magische Begegnungen. Und ja, auch Zauber und Magie und Schönheit und Staunen.
Wie herrlich, wenn man das Leben so betrachten kann. Wie überaus bereichernd.
Ich darf also dieses Buch empfehlen. Oder die Beschäftigung mit Fraktalen. Oder so eine Lichtshow zu besuchen. Oder das nächste Mal beim Gemüsekauf auf Romanesco, Blumenkohl und Brokkoli zu schauen und das Muster zu bestaunen.
Oder geh in Deinem Leben spazieren und erkenne, was es ausmacht, welche Muster erkennbar sind, wer und was es bereichert und ausschmückt – und wohin damit zwangsläufig die Reise gehen wird. Das ist zauberhaft!
Und noch ein Gedanke zur Freiheit: Du kannst neue Farben und Richtungen in Deinen Fraktalen willentlich beeinflussen. Fang ein neues Muster an. Das Bild wird sich dynamisch verändern. Grösser werden. Neue Formen finden.
Du erschaffst Dein Bild. Ganz einfach.
Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch: C’est la vie!


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