Von den schönen Menschen

In den letzten Wochen habe ich so viele wunderbare und schöne Nachrichten bekommen, wurde gedrückt und gelobt und mir wurde Dank und Freude ausgedrückt über gelungene und nachhaltige Veränderungen nach dem Coaching. Wie reich ich doch bin! Und all die schönen Menschen, die ich nochmals umarmen durfte! Ich wurde überschüttet mit Liebe und Wortgold und ich danke allen ganz herzlich dafür.
Ich denke an Eric, der mir vor vielen Jahren einmal erzählt hat, dass er einen Patienten beim Gang in das letzte Lebenskapitel begleiten durfte. Eric sagte damals: „Ich sah meinem Patienten in die Augen und sah das Licht von draussen gespiegelt. Das Auge war wie ein Scheinwerfer erhellt.“ Und ich sagte: „Eric, das war nicht das Licht von aussen, es war Dein Licht, das sein Wesen erhellte.“ Eric war glücklich und bedankte sich sehr bei mir. Dabei war es doch ganz offensichtlich: Jeder Mensch, dem Du begegnest, ist Dein Spiegel.

Nach den hermetischen Gesetzen gilt der Grundsatz „Alles, was mich trifft, betrifft mich“. Die hermetischen Gesetze und Schriften sind sehr alt; im Laufe der Zeit wurde diese Lehre jedoch verboten und geriet fast in Vergessenheit. Mündliche Überlieferungen berichten von den sieben wichtigsten Grundprinzipien des Lebens, durch die das Leben positiv verändert werden kann, sodass ein jeder zum Schöpfer seines Lebens wird. Der erste Grundsatz ist: Wie innen, so aussen.

Das bedeutet für uns: Wie es in mir aussieht und sich anfühlt, das spiegelt mir meine Umgebung wieder. Also Chaos im Inneren ist Chaos im Aussen. Trauer im Inneren bringt Trauer im Aussen. Angst im Inneren bedeutet viele Situationen mit Angst im Aussen. Liebe im Innen ist Liebe im Aussen.

Unsere Interaktionen mit Menschen geben uns wertvolle Einblicke in unsere eigenen persönlichen Eigenschaften und Dispositionen. Dieses Konzept, bekannt als „psychologische Projektion„, dient als entscheidender Mechanismus für Selbstwahrnehmung. Wenn wir Verhaltensweisen, Eigenschaften oder Merkmale bei anderen beobachten, die bei uns starke Emotionen auslösen, reagieren wir oft auf ein Spiegelbild unserer eigenen Eigenschaften, die uns vielleicht nicht bewusst sind.

Ausserdem geht die Vorstellung, dass Menschen Spiegel sind, über individuelle Eigenschaften hinaus und dringt in unsere Beziehungen ein. Menschen spiegeln unsere Liebe, unsere Ängste, unsere Unsicherheiten und unsere Stärken. Sie spiegeln unsere Überzeugungen über die Welt und unseren Platz darin wider und bieten ein lebendiges Abbild unserer Realität. Je besser wir dieses Konzept verstehen, desto besser können wir uns persönlich weiterentwickeln und unsere emotionale Intelligenz verbessern.

Die eigenen Spiegel zu erkennen ist nicht immer einfach, aber wenn man sich den Satz „Wie innen, so aussen“ genau einprägt und hinterfragt, dann ist bereits der erste Schritt gemacht, die Frage, was einem das Leben spiegelt, in Gang gebracht.

 „Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare“
Christian Morgenstern

Der Begriff „Emotion“ kommt vom lateinischen Wort „emovere“ und bedeutet „herauslassen“. Lass also Deine Gefühle heraus, drücke sie aus, und zwar im richtigen Rahmen! Werde Dir dem bewusst, es ist Dein einziger Körper, höre auf ihn, fühle was Du selbst brauchst, was gut für Dich ist. Löse Deine Ängste, werde wieder frei, fühle Dich und andere, lache, sei Freude und Lebenslust pur, entdecke Dein wahres Wesen, Dein Potenzial, finde zurück zu Liebe, zur göttlichen Wahrheit. Schöpfe Dein Leben aus, mit allem was dazugehört, von Natur aus sind wir heil.

Vielleicht nutzt Du das bevorstehende Fest einmal dazu, Deine Gefühle auszudrücken und zu verschenken? Das Beste aller Geschenke, ich verspreche es Dir!

Was für ein wunderbares, anstrengendes, aufregendes und auch herausforderndes Jahr war das! Es hatte alles bereit für mich, es war komplex und manchmal ganz schwer zu handeln. Aber, herrjee, wie viel Liebe hat mir dieses Jahr gebracht! Ich denke an viele unglaublich schöne Begegnungen. Auch und gerade in den letzten Wochen. Ich darf aus dem Vollen schöpfen und alles nochmal auskosten, wenn ich bald ein Resumee schreibe.

Ich wünsche Dir, geneigter Leser, geneigte Leserin ein wirklich wundeschönes Fest der Liebe. Lass sie i n f l a t i o n ä r fliessen. Das ist der eigentliche Sinn der Weihnacht.

Da, wo du das Leben – und die Liebe! spüren kannst – da ist es auch! C’est l’amour!

Burning the bridges…

2011 war es schon mal soweit: Im Dezember, im allergrössten Ansturm an alles, was entspannt, arbeitete ich wie eine Wahnsinnige. Am Ende lag ich erschöpft unter dem Weihnachtsbaum und wusste: So kann und darf das nicht weitergehen. Zwischen den Jahren nahm ich selbst Kontakt zu einem Mental Coach auf. Ich hatte von Eric gehört, die Meetings fanden per Skype statt, er lebte in Toronto.

Ich erzählte Eric mein super komplexes und vollgestopftes Leben mit Haus, Pferd, Kids, Freundeskreis und Praxis und Pflichten und er konnte mir kaum zuhören, weil er fand das sei alles viel zu viel. Ich hatte mir viel aufgeladen, auch Freizeitstress. So sagte er, ich solle eine einzige Sache aufgeben. Und nächste Woche wieder mit ihm sprechen. In der Woche nahm ich alles unter die Lupe und sagte immer wieder: Nein, das kann ich nicht lassen. Nein, das auch nicht. Das auch nicht. Nach einer Woche war ich gleich weit: Immer noch viele Felsbrocken, die ich herum schleppte. Eric war rigoros: Ich müsse etwas tun, ins Handeln kommen. Sonst wäre das Coaching beendet. Fair enough, genau mein Coachingansatz.

Im Januar 2012 sprach die ganze Welt davon, dass am 21.12.2012 laut Maya Kalender die Welt untergehen würde. Es war ein riesiger Hype. Ich dachte: wenn meine Welt untergehen würde, was wäre dann? Ich mache es kurz: Ich beschloss, meine gut gehende Praxis Phönix aufzugeben. Ein überaus radikaler Schritt, da uns das alle ernährte. Das Coaching mit Eric war also wirkungsvoll, dafür werde ich ihm für immer dankbar sein. Ich schloss die Praxis und traf einige waghalsige neue berufliche Entscheidungen.

2012/13 waren also meine Schicksalsjahre. Ich fand Jersey. Den Adlerflug. Das neue Coaching und Konzept und von Beginn an war es erfolgreich. Ich hatte die Weichen gestellt, die riskanteste Entscheidung getroffen. Und gewonnen. Auch an Selbstvertrauen für meine eigene Courage.

Jetzt sind 12 Jahre vergangen. Auch in diesem Januar habe ich eine radikale Entscheidung getroffen: Jede Sicherheit zu verlassen. Wohnung, Praxis und Komfortzone aufzugeben und mich in den freien Fall zu begeben. GO WILD. Also nicht mehr gefesselt. Frei wie ein Adler in den Wind und ins Leben zu stürzen in der klaren Ausrichtung, dass der Aufwind mich an einen Ort bringt und in ein neues Leben, das jetzt zu mir passen würde. Leben 3.0. Ein Leben ohne Kids in Deutschland. Ein Leben mit Kids, Karriere, Haustieren und Freundeskreis in der Schweiz. Und jetzt? Leben 3.0. Auf der Reise ohne Pläne, mit One-way-Tickets in die Welt.

Was wird mich erwarten?

Ich freue mich auf Leere, auf das blanke pure Sein statt Haben. Auf neue Orte. Auf Freiheit. Auf Stille. Auf Inspiration und Begegnungen. Und ich möchte gerne mein Buch schreiben, diese Sehnsucht summt in mir seit ich 15 bin.

Eine Zeit, ein Leben für mich. Wohin es mich führt? Keine Ahnung. Ich lasse mal los und schaue was kommt.

Ein bisschen ist es eben doch wie ein Adlerleben. In den Wind fallen. Sich (mit-)tragen lassen und schauen was sich ent-wickelt. Ohne Anbindung, ohne Verpflichtung, ohne Versprechen.

Vor vielen Jahren hat mir das mal jemand gesagt: Man soll über eine Brücke gehen, sie verbrennen und dann das neue Land entdecken ohne sich umzudrehen. Erst dann könne etwas Neues entstehen.

Jetzt sitze ich auf wenigen gepackten Kisten. Habe losgelassen, aufgegeben und gelöscht. Wie ein weisses Blatt mache ich meine Hände auf und warte auf die Wunder, die in sie fallen dürfen.

Wie es mit dem Blog weiter gehen wird habe ich noch nicht entschieden. Aber: Die gute Nachricht für meine Leser: Ich habe die Domain für ein weiteres Jahr bezahlt und arbeite im Hinterkopf an einer neuen Idee. Mit der ich mich und Dich, geneigter Leser, zum Anfang des neuen Jahres dann beglücken darf.

Jetzt erst mal: Über die Brücke gehen. Die Fackel in der Hand.

Da, wo wir das Leben spüren können, da ist es auch. C’est la vie.

Drei Nüssli für…

Letzte Woche hat mein Auto plötzlich geraucht und fürchterlich gestunken. Es roch verbrannt. Ich war sofort ein bisschen alarmiert. Noch mehr, als ich mit einem Coachee darüber sprach. Er meinte, das Auto habe vielleicht ein Leck im Öl und wenn das in den Motor spritzt könnte es anfangen zu brennen. Ein anderer Coachee vermutete ein bisschen Laub, das unter meine Motorhaube gefallen wäre. Das klang plausibel, denn es roch ein bisschen wie Pfeifengeruch.

Höchst alarmiert beschloss ich, mich am Sonntag nicht mit dem Auto weg zu bewegen. Höchst erfreulich, weil ich dann ja mal einen ganzen Tag zuhause sein konnte! Das hatte ich mir schon lange gewünscht, einfach mal zuhause zu sein. Nun kamen meine lieben Coachees zu mir und das Arbeiten war friedlich und leise und unabgelenkt. Trotzdem ging mir das Auto nicht ganz aus dem Sinn.

Am Montag also brachte ich meinen süssen Mini dann in seine Werkstatt. Sie ist nicht weit weg, ich dachte, ich bin sicher und gab Gas auf dem Weg. Der Motor wurde heiss und bald rauchte es auch wieder. In der Werkstatt lachten sie mich aus, weil ich sagte dass mein Auto komisch und ungewöhnlich riecht. Ich liess ihn dort und sie brauchten fast den ganzen Tag für die Diagnose.

Und dann lachten sie. Und ich mit.

Ein Eichhörnchen war wohl in mein Auto geflüchtet und hatte zwischen Turbolader und Schutzblech ein kleines Nüssli-Reservoir angelegt. Weil der Motor heiss wurde verbrannte der wertvolle Winterschmaus und der Rauch stieg auf.

Ich musste sehr schmunzeln…mein Auto ist ja mein Schatz und einmal mehr hat er sich mir erkenntlich gezeigt. Denn am Freitag hatte ich ihn abends gestreichelt und gesagt: Ich mag dich aber ich würde dich auch gerne mal einen Tag hier stehen lassen und zuhause bleiben…

Ich musste auch deswegen schmunzeln, weil es dieses Weihnachtsmärchen gibt: Drei Nüsse für Aschenbrödel. Eines Tages begegnet Aschenbrödel im Wald einem übermütigen Prinzen und verliebt sich in ihn. Wie soll sie ihm aber gegenübertreten? Da schenkt ihr der Kutscher ihres Hofes drei Haselnüsse, die wunderbare Gaben enthalten: eine männliche Jagdtracht, ein reizendes Ballkleid und ein prächtiges Hochzeitsgewand. Die drei Nüsse also stehen für drei Wünsche und alle zusammen tragen zum Schicksal von Aschenbrödel bei.

Ich danke also dem kleinen Eichhörnchen. Ich will zwar nicht mehr heiraten – aber wer weiss das schon!

Die Werkstatt hat mir versichert, dass sie so etwas Süsses noch nie in einem rauchenden Auto gefunden haben – und ich nehme das mal als gutes Zeichen für die Zukunft!

In dieser hektischen Zeit ist es ganz besonders lieblich, ein ganz kleines Wunder zu erleben und an weitere Wunder zu glauben…

na also, immer her damit.

Da, wo Du das Leben (und die Wunder) spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie!

Gift

In der letzten Woche hatte ich es mit allerlei Vergiftungen zu tun. Und alle waren im Kopf. Auch in meinem Kopf gibt es bisweilen diese Denk Kapriolen, die keinen Spass machen, sondern kleine Giftpfeile gegen dies und das produzieren. Dagegen zu halten braucht mentale Kraft. Und die steht nicht bei jedem in beliebiger Menge zur Verfügung.

Du hast es sicher gemerkt: Das Zeitgeschehen nimmt wieder Fahrt auf, es wird gewaltig schnell zum Jahresende hin. Jetzt haben wir alle noch das Gefühl To-do-Listen abarbeiten zu müssen und dann kommt für viele Menschen genau das Gegenteil der besinnlichen Zeit. Und – die Menschen um uns herum sind gereizter, die Termine knapp, jeder will alles noch erledigen und erledigt haben. Mehr als sonst fällt mir das dieses Mal auf: Weil es meine letzte „Winter-Weihnachts-Saison“ ist.

In der vergangenen Woche sprach ich mit einem Mann, der meinte keine Zeit für einen WC Besuch zu finden, so voll sei seine Agenda. Ein anderer wurde von Kollegen und Mitarbeitern so stark demoralisiert, dass er jede extrinsische Motivation verlor, weiter zu machen und auszuhalten. Ein anderer zerbricht an dem eigenen Perfektionsanspruch und ist verzweifelt darüber, dass er nicht mehr funktionieren kann wie gewöhnlich. Und bei allen sah und ich hörte ich das gleiche Phänomen: Dass sie von ihren Gedanken besetzt sind, die sie fest im Griff haben, ihnen keine (Nacht-)Ruhe lassen, sie gefangen halten in einem nicht endend wollenden Strom von variablen Lösungen oder Befürchtungen oder Hochrechnungen, die sich anbieten angedacht zu werden.

Schon wenn ich das schreibe spüre ich die Atemlosigkeit, die meine Klienten – und manchmal auch mich – befällt. Da denke ich dann gerne an eine Ausbildnerin von mir, die mir einmal sagte: Wenn Du Deinen Gedanken glaubst, hast Du schon das grösste Problem!

Am Freitag war es dann wieder einmal so weit. Nach endlosen Arbeitstagen rannte ich schon früh am Morgen, hatte zu wenig geschlafen, hatte schon neue Pläne im Kopf, war in Gedanken bei den nächsten drei Terminen und hetzte aus dem Opera Parking. Ich spürte meine Atemlosigkeit, der Kopf war voll. Aber der Körper bremste mich aus. Ich schlich, obwohl ich rennen wollte. Durch Zufall sah ich meinen Sohn im Food-Truck im Weihnachtsdorf. Ich hielt an – obwohl ich natürlich keine Zeit hatte – und sagte: Hey mein Schatz! Komm schnell für eine Umarmung! Er sprang raus. Wir drückten uns ein bisschen. Sprachen 2 Sätze, verabschiedeten uns. Mein Tag war gerettet.
Ich ging langsam weiter, weil ich nachspüren und innehalten und fühlen wollte.

Das Leben geht niemals in dem Tempo, in dem unser Kopf rast. Die Gedanken sind NICHT unser Leben. Kannst Du das glauben?

Wir alle denken uns kaputt, urteilen schnell, besinnen uns nicht auf das Wesentliche, lenken uns ab, rechnen Möglichkeiten durch. Wie überaus gefährlich ist es, wenn wir Gehirnjogging betreiben statt zu fühlen was gerade gut tut.

Dabei müssten wir doch nur die Perspektive wechseln.

Was ist jetzt wirklich schön?
Wofür bin ich gerade enorm dankbar?

Was gefällt mir jetzt?

Was brauche ich wirklich, wirklich gerade?

Einer meiner Klienten hatte erst am nächsten Morgen, nach einer neuen Gedanken Eskalation den Wunsch gefunden, dass er eigentlich nur ein bisschen Nähe gebraucht hätte. Es fiel ihm einfach nicht ein am Abend zuvor. Wie denn auch? Der Kopf war übervoll! Die Gedanken quollen in alle Richtungen und liessen keinen Platz fürs Fühlen. Fatalerweise meinte er, es würde ihn entspannen wenn er etwas im TV ansieht. Dabei war das ja nur noch mehr Futter statt Fühlen.

Ich habe gerade einen lieben Mensch im Coaching, der nur das braucht: Eine Hand, die ihn hält. Zuversicht. Zuwendung. Stille. Abschalten. Nähe.

Wie einfach – und wie schwer das zu fühlen was ihm fehlt.

Die Giftpfeile gehen nie nur nach aussen, sie vergiften auch allmählich uns selbst und unterdrücken das was uns noch von KI unterscheidet: Die Seelenruhe, die Begegnung, die Menschlichkeit.

Albert Einstein hat einmal gesagt: Das selbe Gehirn, das uns die Probleme bastelt wird keine Lösung dafür finden.

Ich lade dich ein: Atme. Geh nach innen, finde deine Ruhe, hör deinem Herzen zu, fühle das Rauschen deines Blutes. Deinen Puls. DU LEBST. Du bist hier, du bist gesund und dich umgibt so viel Schönes und Wertvolles wenn du bereit bist es zu sehen.


Das Aussen ist unwichtig, die Gedanken auch, das Ausrechnen von Befürchtungen und Konsequenzen, das Verurteilen von allem was falsch zu sein scheint. Es ist im Prinzip völlig egal was aussen ist. Du bist das Leben, du kannst es geniessen oder deinen Gedanken zuhören. Was wählst Du?

Da, wo du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie.

Screenshot

Sprachlose Pause

Mein Blog kommt einmal zu einer ungewöhnlichen Zeit. Ich war aus der Zeit herausgefallen und sprachlos geworden, das gibt es selten bei mir, aber es kommt vor, wenn etwas passiert, für das es keine Worte gibt. Ich hatte einen Abschied von einem geliebten Weggefährten, der mich hart traf. Natürlich war ich vorbereitet und hatte es sogar geplant und war dabei, als seine letzten Atemzüge ihn verliessen. Ich musste etwas erfahren, das ich in diesen Tagen oft erfahre: Dass ich etwas „das letzte Mal“ mache.

Ich hatte auch nicht damit gerechnet, dass es mich so umhauen würde. Auch wenn ich gut im Loslassen bin und eigentlich nie an etwas festhalte – und mich auch nicht festhalten lasse.

Ich ging durch eine bewegte Woche und musste über mich selbst schmunzeln. Denn noch vor kurzem hatte ich geschrieben: Bis die Liebe fliesst. Der Blog vor zwei Wochen. Jetzt spürte ich selbst, wie die Liebe und der Schmerz Hand in Hand in mir blockiert waren. Also ging ich in den Wald und schlich um die Bäume und atmete und zählte mir auf, was alles an Wunderbarem in meinem Leben ist und immer sein wird.

Und dann ereilte mich das Video eines anderen Mental-Coaches. Sie sagte: Du bist dir nicht begegnet, bevor du nicht in deine dunkelsten Momente abgestiegen bist. Und erst da erfährst Du, wer Du selber bist. Und das wird deine Superpower. Denn: In Dir selbst liegt die Person, die Dir am besten helfen kann.

Geh dem einmal nach und sehe, wie es Dich vielleicht liebevoll berühren kann. Mehr als es ein anderer Mensch kann – und wenn er noch so wunderbar ist.

Nach dem Abschied von George bekam ich unheimlich schöne und liebevolle Worte und Gesten. Jede einzelne half ein bisschen. Nur: Am Ende des Tages war ich diejenige, die mit der Realität konfrontiert wurde. Und niemandem hatte er so viel bedeutet wie mir und niemandem wird er so fehlen wie mir. Also: In meine eigene Dunkelheit absteigen und in meiner geheimen Schatzkammer nach meinem Lieblingsmenschen suchen. Und: Es klappte!

Ich fand viele Variationen von mir, in allen Lebensaltern, in diversen Lebenssituationen, in vielen unterschiedlichen Momenten mit unterschiedlichen Gefühlslagen. Eine war nur für Liebeskummer zuständig, eine Krankheit, die mich in den 20er und 30er Jahren begleitet hatte. Eine war für Lebensumbrüche zuständig mit den ängstlichen Momenten des Zweifels, sie war das ganze Leben anwesend und ist es auch jetzt wieder. Eine hatte mich als Kind vor Grobheit und Einsamkeit beschützt. Eine war mir Trost, wenn die harte Welt mir verbal entgegenschlug (sie strich Poesie und Feinsinn aufs Honigbrot) …Eine war für Verluste zuständig, diese war ganz besonders zart. Eine hat mich ermuntert wenn ich gescheitert war und mir Mut eingeflüstert es weiter zu versuchen. Ich fand die besten Freundinnen in mir selbst – und müsste ich es benennen, dann würde ich sagen, sie behauptet: Du wirst alles schaffen, überleben, durchleben und in Dir selbst heil sein wenn du an dich glaubst und bei dir bleibst.

Also ja, die letzten Male kommen die nächsten Wochen immer mehr. Ich habe auch das gewählt. Ich hätte weitermachen können und einfach da bleiben wo ich bin und tun was ich immer getan habe. Das hat gut funktioniert und man kann das Leben so führen und auf Nummer Sicher gehen und sich nirgends mehr hin bewegen. Das hat geklappt und mich auch oft glücklich gemacht.

Aber bei meinem Abstieg in die Schatzkammer meines Herzens habe ich auch die wilde Rebellin wieder gefunden, die Wagemutige und Riskante. Die Geschichtenerzählerin die ihre Geschichten erzählen will. Die Meertänzerin die in den Wellen tanzen will. Die Französin und Irin und Schottin und Weltreisende in mir, die nach Heimat verlangt. Meine Geschichte ist noch nicht fertig, erkannte ich da – sie muss weiter erzählt werden und komplett ausgelebt werden. Es warten noch einige Ichs und dafür muss ich die, die ich war – und auch die, die mit George durch die Schweizer Wälder streifte und die, die mit den wunderbaren Menschen in meinem Coaching mit mir lachten und weinten – verlassen. Das sichere Nest, die Anforderungen, die Pflichten, die Anstandsregeln, die Arbeit, meine liebste Praxiskollegin, meine Routinen… Also dies und das noch das letzte Mal. Das letzte köstliche Mal.

Und dann weiter. Den Kopf hoch. In den Himmel schauen.

Meine Geschichte geht weiter. In die Tiefe, geradeaus und nach vorne.

CG.Jung hat einmal gesagt: Irgendwann in deinem Leben musst Du Dich entscheiden: Willst Du gut sein? Oder ganz.

Ganz.

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie.

Bis die Liebe fliesst…

Vor sehr vielen Jahren hatte ich eine eindrückliche Begegnung, die mein Leben – aber vor allem meinen beruflichen Werdegang verändern sollte. Ich muss heute noch schmunzeln.

Ich besuchte einen Kongress für Psychologie mit dem Titel „Was ist ein gut gelebtes Leben?“. Am ersten Tag hatten wir viele spannende Impulse und Referenten, am zweiten und dritten Tag konnten wir uns in Workshops einschreiben, nach dem wir das „Amuse Bouche“ (ein Appetithäppchen) als köstlich empfunden hatten.

Ich entschied mich für Jirina Prekop. Eine tschechische Psychologin vom „alten Schlag“. Ein Monsterweib, unglaublich überzeugend. Damals war sie schon an die 80 Jahre alt, eine gewaltige Erscheinung von dynamischer und extrovertierter Art, die uns am ersten Tag ihre Festhaltetherapie vorgestellt hatte. Sie gehörte zu der konfrontativen und provokativen Art. Durchgreifend, autonom und furchtlos.

Bei der Festhaltetherapie halten sich Erwachsene in gegenseitiger Umarmung. Sie schauen sich dabei in die Augen, bis schmerzliche Gefühle, aggressive Impulse oder Ängste auftauchen. Das Halten und In-die Augen-Schauen wird so lange fortgesetzt, bis sich die negativen Gefühle auflösen und das Festhalten zur liebevollen Umarmung wird. Ursprünglich war die Therapie vor allem für Menschen mit Bindungsstörung entwickelt worden.

Jirina machte uns klar, dass wir alle meist eine tiefe Angst vor Hingabe und Mitfliessen entwickelt haben, vor allem wenn wir in Kindheit und Jugend keine oder zu wenig oder eine gestörte persönliche Nähe bekommen hatten. Bevor wir das als „Bindungsstörung“ wahrnehmen, steht erst einmal die oft nicht erlernte gesunde Form der Berührung und das „ursprüngliche“ Gefühl, Liebe überhaupt annehmen zu können.

Studien haben gezeigt, dass bei zwischenmenschlichen Bindungen Botenstoffe im Gehirn, so genannte Neurotransmitter, eine wichtige Rolle spielen. Dazu gehören das Bindungshormon Oxytocin, das „Belohnungshormon“ Dopamin und endogene Opioide. Sie werden bei Berührungen und zwischenmenschlicher Nähe ausgeschüttet und lösen positive Gefühle und das Gefühl von Nähe und Verbundenheit aus. Das führt dazu, dass jemand die Nähe zu diesem Menschen immer wieder erleben möchte – es entsteht eine Bindung zu dieser Person.

Jirina erklärte uns diese Zusammenhänge anschaulich und gipfelte schliesslich in ihrer Überzeugung, dass wir – in einer zunehmend distanzierenden Gesellschaft – immer mehr Misstrauen gegen menschliche Begegnung entwickeln und im Laufe des Lebens zusehends „zumachen“ statt ein liebevolles Einlassen auf andere Menschen zu zulassen. Dann fehlt das Ausschütten von Oxytocin und mehr und mehr vereinsamen wir innerlich, mauern, verschliessen uns und werden schliesslich irgendwann auch unerreichbar für die Menschen, die uns am nächsten stehen.

Während sie das proklamierte ging sie durch die Reihen und ihr Blick fiel auf Teilnehmer, die wegschauten oder sich zu entziehen versuchten. Wie konnte es anders sein: Sie wählte mich aus. Sie zog mich hoch und sagte: Du kommst mit!

Mit ihrem starken Balkandeutsch und ihrer ganz und gar einnehmenden Art sagte sie, sie würde jetzt zeigen wie es geht. Fragte mich aus und fand – natürlich! das ungeliebte Kind in mir. Dann sagte sie: So! Ich werde Dich jetzt halten bis die Liebe fliesst! Und damit umarmte sie mich fest und drückte mich (damals noch schmal und steif wie ein Brett) an ihrer riesige mütterliche Brust. Sie hielt mich fest und fester und ich wollte sofort loslassen. Aber sie liess mich nicht heraus und ich schwitzte Blut, Schweiss und Tränen. Es war fürchterlich! Jede Zelle meines Körpers war Widerstand. Aber immer mehr kroch sie mir in mein selbst gebautes Zwangsjäckchen aus Widerspenstigkeit und Wegdrücken von allen Emotionen, denen drinnen und denen draussen.

Um es zu verkürzen: Nach einer ewig scheinenden Zeit hatte sie mich soweit. Ich wurde zusehends weicher und durchlässiger und schliesslich gab ich alle Gegenkraft ganz auf und floss in ein Gefühl der Geborgenheit. Erst dann war es möglich, den inneren Schmerz der Vereinsamung zu spüren.

Das Festhalten wurde schliesslich eine Form meiner eigenen Arbeit. Und nicht nur physisch, sondern vor allem als ver-bindliche Energie im Coachingprozess. Einen Menschen halten, auch verbal, auch in dem man einen Raum von Intimität erschafft, der echte Begegnung mit sich selbst ermöglicht, das braucht Mut auf beiden Seiten. Man muss sich eben einlassen. Vertrauen und anvertrauen.

Kein Platz für die Gegenseite der Liebe – die Angst.

Wie oft verweigern Menschen sich aus Angst. Begegnen dem anderen lieber mit Schönreden, Ausweichen, übertriebener Vorsicht, Zurück-haltung und Gesicht wahren statt in ein echtes Zusammensein zu kommen. Ich bin selbst auch nicht immer eine Heldin darin, mich einzulassen. Menschen, die es als Kind nicht erfahren und gelernt haben, bleiben ewig ein bisschen misstrauisch. Aber jeder kann das lernen, jeder kann den Moment der Zurück-haltung überwinden und sich einlassen, wenn er die Stufe der Furcht überschreitet, vom anderen verletzt oder zurück gewiesen zu werden.

In den vergangenen beiden Wochen hatte ich zwei wunderschöne Paare im Coaching, die lernen wollten, wieder aufeinander zu zugehen und sich wieder aufeinander einzulassen. Nach einer langen „Eiszeit“ den Taupunkt zu verschieben und einander wieder zu vertrauen. Wie schön war es, zu beobachten, wie die Liebe wieder floss. Sie war in beiden Fällen einfach angestaut und nicht mehr ausgedrückt worden.

Es brauchte nur das Aufräumen einiger trennender Faktoren, die den beiden im Weg standen. Ein spielerisch leichter Prozess, der vor allem darin besteht, wieder ehrlich und intim miteinander zu sprechen, sich den anderen mitzuteilen und die vielen Facetten der Angst hinter sich zu lassen.

Ich winde noch mal ein Ehrenkränzchen für meine Mentorin Jirina Prekop. Wie viel habe ich die Jahren nach dem Workshop von ihr gelernt! Als Person und auch als Coach. Die Liebe nicht mehr als Wagnis zu sehen ist heute fast natürlich geworden und inzwischen umarme ich seit zwei Jahrzehnten richtig gerne, ehrlich und innig. Und die Coachees der letzten beiden Paarcoachings tun das auch wieder. Sie halten wieder Hände, liegen sich in den Armen, offenbaren ihren inneren schönen Kern. Vertrauen und lassen sich ein, sehen sich wieder, nehmen sich wahr und freuen sich aneinander. Wie wunderbar, dass das gelungen ist.

Im Grunde geht es immer nur darum, ob Verbundenheit möglich ist. Wir haben ein Grundbedürfnis nach menschlicher Nähe. Das macht uns wesentlich aus. Und das macht alles möglich.

Da, wo Du das Leben (und die Liebe) spüren kannst, da ist es auch: C’est la vie!

Keine schöne Geschichte.

Es war ein stürmischer Tag. Ich hatte diesen wunderbaren Coachee abgeholt als ich von der Süd- in die Nordschweiz fuhr. Ausnahmsweise. Weil dieser eine Coachee mir besonders am Herzen lag. Ich mochte ihn persönlich. Ich fand ihn schön und fein und er war zerbrechlich. So gerne wollte ich mit ihm durch den langen Tunnel fahren, der ihm grosse Probleme bereitete. Der Tunnel und das ganze Leben war schwer.

Als ich ihn schliesslich im Auto hatte, verlangte ich ihm kleine Schönheiten ab. Ich hatte ihm aufgetragen, die vergangenen Tage in seinem Ferienhaus unterhalb des Gotthards nach Juwelen des Alltags zu suchen. Ihm waren ein paar aufgefallen, ich war hoffnungsfroh für ihn. Und als wir gerade aus dem Tunnel kamen und die Achsenstrasse fuhren, war da dieser Sturm. Fasziniert schauten wir auf den tiefgrünen See, sahen Schaumkronen und gewaltige Windspiele im Wasser. Gleichzeitig hatten wir den Impuls das Auto sofort zu verlassen.

Ich fuhr in eine kleine, verkehrstechnisch allerdings verbotene Bucht. Das war es uns wert. Wir gingen auf eine kleine Landzunge und schrien vor Vergnügen. Und dann stellte er sich ganz vorne auf einen Felsen und riss seine Jacke auf. Er sammelte den stürmischen Wind unter seinen Armen und schrie vor Begeisterung. Er wollte fliegen. Ich musste mich wegdrehen, weil die Szene mich wie ein Messer ins Herz traf.

Als kleines Kind hatte ich das wieder und wieder gemacht: Bei jedem Sturm war ich rausgerannt und hatte meine Windjacke aufgerissen. Immer hatte ich mit laut klopfendem Herzen geglaubt, dass der Wind mich jetzt gleich vom Boden heben und in ein besseres Leben fliegen lassen würden, der Wunsch war so heiss und eindringlich gewesen wie die ganz tiefe Sehnsucht wo anders zu landen. Den Status Quo, das Hier und Jetzt, war das Letzte, wo ich bleiben wollte.

Und jetzt stand mein Coachee da und jubelte und schrie und verlangte vom Wind, ihn mitzunehmen. Ich verstand ihn. Sein Körper hatte Spannung, sein Gesicht war total glückselig, seine Arme spannten sich weit und hoch mit dem Stoff seiner Jacke. So feierten wir einen Moment. Ein paar köstliche Minuten die totale Hoffnung, dass nun alles anders werden würde. Bis der Wind schliesslich drehte und an anderer Stelle Wirbel produzierte. Wir gingen zurück zum Auto, beide mit kaltem Gesicht und eisigen Händen und noch getragen von dem Gefühl der eroberten Freiheit.

Und die Ernüchterung kam dann leider auch postwendend, als er sagte, dass dieses kleine gesamelte Juwel leider sein Leben nicht gerettet hatte, wie auch all die anderen nicht. Wir fuhren schweigend nach Hause. Ich wollte ihn nicht aufgeben. Aber ich wusste, ich würde seine Geschichte nicht mehr drehen können.

Mein Coachee hatte einen schweren Burnout erlitten. Seit Kindesbeinen hatte man ihm ein falsches Leben aufgezwungen. Er musste leisten, wenn er spielen wollte. Er musste mitspielen, wenn ihm nach Rückzug war. Er musste sprechen wenn er schweigend in seine eigene Welt weg träumte. Er hatte eine feine Kinderseele, war sensibel und zart und wurde gedrillt, gezwungen, verbal aufgepeitscht und grob angefasst. Viele Jahre passte er sich an. Machte, was von ihm verlangt wurde, gehorchte, folgte dem Diktat. Eines Tages wollte er nicht zu seinem Grossvater, einem Mann mit kalten Augen und stahlharter Autorität, und versteckte sich im Gartenhaus. Er wurde heraus gezerrt und gegen seinen Willen auf die Rückbank der grossväterlichen Limousine geprügelt. Seine Tränen, anfangs noch heiss und emotional, versiegten über die kommenden Jahre. Er wurde brav und tat, was alle tun, leistete und lernte, arbeitete und log sich und alle anderen vor, dass er das schon schaffen würde mit dem Leben.

Ich lernte ihn kennen als er, knapp über 40, einen gewaltigen psychopathologischen Burnout hatte.

An dem Modell des Burn-outs ist ein Aspekt kritikwürdig. Das Konzept Burn-out lebt von einer Ursachenzuschreibung. Zumeist wird die Arbeitsbelastung als Ursache der Beschwerden ausgemacht. Dies kann durchaus zutreffen, muss aber nicht. Die moderne Psychiatrie hat die klare Ursachenzuschreibung (mit wenigen Ausnahmen wie z.B. der akuten Belastungsreaktion) zugunsten einer beschreibenden Krankheitslehre aufgegeben. Hierdurch wurden die psychopathologischen Symptome als kleinste Bausteine psychischer Störungen aufgewertet. Die Störungsbilder sind damit wissenschaftlich untersuchbar und vergleichbar geworden.

Für die meisten „grossen“ Krankheiten der Psychiatrie (z.B. Depression, Schizophrenie) gelten als Ursache mehrere Faktoren – z.B. genetische, lerngeschichtliche, aber auch situative und protektive. Vererbt und lerngeschichtlich ausgeformt werden meist individuelle Anfälligkeiten und Abwehrkräfte. Für jedes Individuum ist dann eine unterschiedliche auslösende Situation erforderlich; dies kann Stress auf der Arbeit sein, aber auch ein realer oder nur befürchteter Verlust.

Oder in seinem Fall: Der Verlust der eigenen, unterdrückten Identität und den regenerativen inneren Möglichkeiten, sich selbst zu erholen über die eigenen Freuden. Er hatte eine schwere Depression. Ängste. Antriebsschwäche. Er taumelte.

Burn-out ist also keine Krankheit, sondern ein Risikozustand.

Und mein Coachee hatte dann wirklich alle Auffälligkeiten entwickelt, die dieser Risikozustand mit sich bringt.

Über die Jahre war der schöne Mensch in falsche Hände geraten. Hatte unzählige miese psychiatrische Kliniken durchlaufen, war durch viele falsche Therapieansätze gegangen, hatte händeweise Psychopharmaka bekommen, die er bald nicht mehr absetzen konnte. Der Cocktail an Psychodrogen hatte ihn im Griff, inzwischen warf er Benzodiazepine wie Smarties ein und taumelte zwischen erzwungener Beruhigung und stabilisierenden Happypills.

Ich konnte ihm auch nicht mehr helfen, das schmerzt bis heute. Aber es war zu spät.

In der vergangenen Woche bekam ich die Information, dass er mithilfe der Sterbeorganisation Exit das Leben verlassen hat. Mein Herz ist schwer. Ich hatte zehn Jahre nichts mehr von ihm gehört und kann mir vorstellen, wie seine Leidensgeschichte weiter ging. Ich ziehe den Hut vor ihm und seinem Mut, dem Leben ein Ende zu geben. Eine unendlich mutige Entscheidung. Ein letzter und konsequenter Schritt, von dem ich denke, dass er ihm endlich die Autonomie zurück gegeben hat, die er sich so sehnlichst wünschte.

Ich werde für ihn auf einer Klippe stehen und im Wind jubeln, wenn der nächste Sturm kommt.

Da, wo man das Leben – nicht – mehr spüren kann, da ist es auch nicht mehr.

Auch das: C’est la vie.

für Stefano.

Stille Wasser sind tief

In der vergangenen Woche war ich auf einer tollen Kunstausstellung. Einer der Künstler war mein Favorit. Seine Bilder waren expressiv und eigensinnig, beeindruckend und farbenfroh. Ich stand lange davor und schaute und schaute. Das Gespräch mit dem Künstler war überraschend offen. Überraschend weil er ein Introvertierter ist, der mich nicht immer an seinem Innenleben teilhaben lässt. Aber hier, mit seiner Kunst im Rücken, begann er zu glänzen und wagte sich eine kleine Öffnung in sein schönes Wesen. Überaus bezaubernd.

Zeit, sich einmal einen introvertierten Menschen genau anzusehen.

Als der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung die Unterscheidung zwischen introvertiert und extrovertiert erstmals klinisch geprägt hat, war seine Leitfrage: Wohin geht die Energie? Zwischen Intro- und Extrovertierten lassen sich da grosse Unterschiede feststellen. Introvertierte nehmen ihre Umwelt als anstrengender wahr als Extrovertierte, weil Extrovertierte ihre Energie aus der Umwelt beziehen, vergleichbar mit Windrädern.

Introvertierte geben dagegen viel Energie in die Umwelt ab. Je mehr Stimulationen die Umwelt bietet, umso anstrengender wird es für eine introvertierte Person. Je mehr Ruhe und Sicherheit sie hat, umso besser kann sie beispielsweise kreative Arbeit erledigen. Eine extrovertierte Person ist tendenziell eher risikobereit und strebt stärker nach «Belohnung». Als Jung die Unterschiede zwischen den Menschentypen beschrieben hat, wusste man noch nichts von den physiologischen Unterschieden im Gehirn, in dem je nach Ausprägung der Persönlichkeit manche Bereiche stärker erregt werden. Dies können wir heute im Brainscan erkennen. Bei einem sicherheitsbedürftigen Menschen ist beispielsweise die Amygdala hochaktiv, der Teil des limbischen Systems, in dem die Entstehung von Angstgefühlen verankert ist.

Es handelt sich also bei Extro- und Introversion nicht um Stärken oder Schwächen, sondern um Eigenschaften, die im Gehirn codiert sind.

Bevor Jung diese Termini einführte, hatte der Psychologe William James die Aufmerksamkeit auf den Unterschied zwischen „tough-minded“ und „tender-minded“ (zähen und zarten) Menschen gelenkt – also zwischen solchen, die sich nach aussen wenden und solchen, die sich nach innen wenden. Der Extravertierte, sagt Jung, wird beherrscht, durch die Aussenwelt und die soziale Realität; der Introvertierte nähert sich der Welt in subjektiver Weise – ihm ist die Relevanz für sich selbst wichtig.

Ich kenne den introvertierten Künstler (s)ein Leben lang und habe erst spät verstanden, wie vorsichtig man mit solchen Menschen umgehen muss. Sie sind gefühlsmässig scheu und gehen schnell in den Rückzug. Ihre Distanz kann missverstanden und als kühl empfunden werden. Im Umgang mit Extravertierten (wie mir) schrecken sie schnell zurück und es wird ihnen zu viel. Wenn also der Extravertierte es nicht schafft, die feine Sprache des zarten Menschen zu verstehen, dann geht sehr viel Geschirr kaputt. Aber die gute Nachricht: Auch das nimmt der Introvertierte nicht allzu lange übel. Er zieht sich einfach wieder in sein Alleinsein und die damit einhergehende Ruhe zurück. Sie brauchen diese Zeit, um sich wieder aufzutanken und in den eigenen stillen Kern zurück zu kehren. Erst dann ist die nächste Bewegung nach aussen möglich.

In einer Kunstausstellung kann man dann den ganzen Schatz sehen, der da verborgen liegt: Eine reiche Innenwelt, Phantasie, Spürsinn, Tiefe und – Schönheit.

Ach, hatte ich erwähnt dass der Künstler mein Sohn ist?

Und ich bin seine Glücksschwein-Mama.

Da, wo man das Leben spüren kann, da ist es auch: C’est la vie.

Herbstzeit

In den vergangenen Tagen ist es auf einmal blitzartig Herbst geworden. Die Blätter fielen in riesigen Mengen von den Bäumen, der Himmel verfärbt sich zweimal täglich in den wunderschönsten Farben und es duftet nach Erde, Nebel, Laub und Kastanienfeuern.
Niemand hat den Herbst so stimmungsvoll verdichtet wie Rainer Maria Rilke.

Im „Buch der Bilder“ beschreibt er:


Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Magst Du das – das Loslassen? Lässt Du gut los?

Oder hältst Du fest? Tut es Dir gut, Dingen, Situationen, alten Ideen und Plänen einen Platz einzuräumen, den sie behalten dürfen?

Ich habe immer wieder in diesem Blog geschrieben, wie gut es tut, Dinge loszulassen, wenn man zu viele davon hat. Und dann sehe ich, dass es auch ein paar Dinge gibt, die ich nicht loslassen kann oder will. Allen voran mein Auto, zu dem ich schon immer eine emotionale Bindung habe. Als ich einmal einen Monat einen Führerschein Entzug hatte habe ich mich jeden Tag in mein Auto gesetzt und bin nicht gefahren, habe aber im Auto gesessen und genossen, das ich es habe. Auto ist und war – Freiheit.

Vielleicht ist es leichter loszulassen, wenn man dem, was man hat, ein Thema geben kann. Und vorher bestimmt, welches Thema wir beschützen möchten. Und dann fragt man sich: Dient das — meiner Liebe, meiner Freiheit, meiner Leidenschaft, meinem Genuss, meiner Lebensfreude, meiner süssen Erinnerung an glückliche Tage? Wenn es so ist: Behalten. Wenn ein Ding kein Thema hat, dann leichten Herzens eine sanfte Trennung aussprechen. Weitergeben oder entsorgen. Sich er-leichtern. Neuen Raum gewinnen.

Gestern haben eine Freundin und ich ein paar Dinge geräumt. Es ging nicht um viel, wir baden beide nicht in einer Fülle von Sachen. Ich beobachtete sie, wie sie ihre Gewürze und Lebensmittelvorräte aufräumte und dabei murmelte: Davon habe ich viel zu viel, das mag ich eigentlich gar nicht so gern, das verwende ich eigentlich nie. Ich konnte sehen wie sie losliess. Der Abfallsack war nachher tonnenschwer, auch von meinen Sachen. Aber wie schön, dass nachher wieder ein bisschen mehr Raum entstand!

Nicht (mehr) festhalten ist fein.

Und festhalten ist auch fein. In meinem Fall: Ich habe jemandem seine Hände fest gehalten. Weil er Schmerz fühlte und ich ihm sagen wollte: Ich bin hier. Ich bin bei Dir. Ich fühle mit Dir. Ich gebe dir meine Hand. Ich lasse Dich nicht los. Ich bleibe mit Dir in diesem Moment.

Oder auch: Sich lange umarmen. Nicht nur drück drück schnell schnell. Sich Zeit lassen für einen oder mehrere gemeinsame Atemzüge. Zeigen: Ich bin da. Immer noch hier. Bei Dir. Weil es gerade gut ist. So lange, bis wir uns wieder loslassen aber immer noch die gemeinsame Wärme spüren. Die bleibt, auch nicht physisch. Eine schöne Erinnerung, die kein Festhalten braucht.

Alles zu seiner Zeit.

Der Herbst hat wunderschöne Farben, Düfte, Rituale, goldenes Licht, Einkehr und auch eine gewisse Eindringlichkeit. Wie wunderbar, wenn sich unser Leben wieder nach innen lenkt. Natürlich birgt das eine gewisse Melancholie. Aber auch: Schönheit. Wenn wir im Aussen loslassen können und im Innen die reiche Ernte geniessen dürfen. Das volle Herz, mit Erinnerungen und Schätzen angefüllt, ausgefüllt mit dem, um was es wirklich geht.

Magst Du mit mir feiern? Den Herbst?

Bist Du bereit, mutig loszulassen was Dir nicht mehr gut tut? Und gleichzeitig zu feiern, was Du behalten willst und kannst?

Lass Dich verzaubern. Auch nochmals von Rilke.

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süsse in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Aus: Das Buch der Bilder, Rilke

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch: C’est la vie.

Das Ende der Welt

In der vergangenen, wunderschönen Woche habe ich meinen grossartigen Adler von Jersey verabschiedet und den Tag darauf meine Siebensachen gepackt und das Schiff nach St.Malo genommen. Nach einer herrlichen stürmischen Atlantiknacht bin ich am nächsten Tag in die Finistère gefahren. Es liegt im Nordwesten des Landes in der Bretagne und ist das westlichste kontinentale Département Frankreichs.

Ich hatte mir für drei freie Tage einen Ort ausgewählt, an den ich schon lange reisen wollte, den ich auf der Karte und in meinem Reiseführer schon studiert hatte und von dem ich glaubte, es müsse ein herrlicher Ort sein. Nach einer kurzen regnerischen Anreise landete ich schliesslich in einer etwas grauen Hafenstadt, die sich mittelalterlich und eng, düster und verwinkelt präsentierte. Als ich das Auto am Hafen abstellte spürte ich – nichts. Die sonst so liebliche Atmosphäre der Bretagne entfaltete sich nicht. Es roch nicht gut. Mein Blick fiel auf nichts, was ich sehen wollte. Ich lief ein bisschen durch die Gassen, schaute hier und da hin, ver-suchte den Zauber zu finden, den ich erwartet hatte.

Ich bin nicht nur ein Glücksschwein, sondern durchaus auch ein Trüffelschwein. Ich finde immer etwas Kostbares, wenn ich mich darauf einstelle. Und doch fand ich dann in dieser kleinen Stadt, die mit ihren engen und pittoresken Gassen den Flair des 19.Jahrhunderts spiegelt – nichts! das mein Herz begehrte. In einer der vielen kleine Crêperien ass ich eine Galette mit ganz besonderen Zwiebeln aus diesem Ort. Lecker, aber leider konnte das meine Enttäuschung über den Ort nicht gut machen.

Ich schlenderte in den Hafen, noch immer auf der Suche nach etwas. Dort kam ich mit einem Fischer ins Gespräch, der gerade seine gewaltigen Netze auseinander knüpfte und mir erzählte, wie man mit Schleppleinen den weissen Thunfisch fängt, den es nur in der Bretagne gibt. Mein Blick fiel auf die Netze, auf Leinen und Seile und Taue und in weisse Plastikwannen. Ich musste weiter.

Nach zwei Stunden wusste ich, dass dies nicht der Ort ist, an dem ich eine längere Zeit verweilen könnte. Ich fühlte mich dort gefangen, wie einer der Thunfische, verloren in einer Zeit, die ich nicht mochte und in einer Enge, die ich nicht ertrage.
Gleich am nächsten Morgen machte ich mich auf den Weg in die nächsten Buchten. Richtung Brest sollte es gehen, immer dem Meer – oder der Nase – entlang. Ich fuhr erst mit dem Navi, aber irgendwann ging es nicht mehr weiter, viele Strassen waren gesperrt, das Ding „Route barrée“, das mir schon im Frühling so viele Wege versperrt hatte, begegnete mir wieder. Die Umleitungen in Frankreich sind äusserst verwirrend und nicht selten landet man schliesslich im Nirgendwo. Ich musste schmunzeln und liess mich vom Gefühl leiten.

Wie ich dort hinkam, wo es mich hinleitete, weiss ich nicht mehr. Aber schliesslich fand ich einen grossen Parkplatz irgendwo im Nirgendwo. Ein ganz und gar unspektakulärer Ort. Aber: ich sah einen dieser typischen Dünenzugänge ans Meer. Folgte den vielen Spuren von Menschen und Hunden. Kam über eine kleine Dünenlandschaft und – da war es: Mein Schatz.

Vor mir eröffnete sich ein wunderschöner Strand. Die Sonne brach gerade durch die dichten Wolken und die Flut donnerte schon heran. Überall blau-blau-blau in unendlich vielen Nuancen. Und dazu die Wolkenbilder und Sonnenspiegelungen in den spiegelglatten Flächen am Strand. Ein Bild wie gemalt. Das Licht! Das Licht! Genau so kenne ich die Bretagne. Bezaubernd. Wunderschön! Einzigartig! Traumhaft! Der Atlantik! Wild und eigensinnig, stark und zauberhaft.

Ich war sehr lange an dem Strand. Faltete meinen Klappstuhl auf und sass dort stundenlang und schaute und schaute. Jedes Zeitgefühl ging verloren. Ich konnte eintauchen und da-sein und ankommen und atmen. Unbeschreiblich. Mich satt sehen, mich visuell betrinken an diesem wunderschönen Ort. Und ja, die Bretonen! Sie gingen einzeln und zusammen spazieren, mit Hunden und Freunden und sie plauderten und viele sprachen mich auch an. Ein fantastischer, ein glücklicher Tag. Ich wurde sehr sehr reich beschenkt.

In diesem Blog möchte ich vor allem Bilder sprechen lassen, weil es nicht möglich ist, die richtigen Worte zu finden für meinen Ort in der Finistère. Übersetzt: Fisterra (galic.), abgeleitet von lat. finis terrae (‚Ende der Welt/des Festlandes‘), also: Das Ende der Welt.

Der allerschönste Tag am allerschönsten Ort für mich. Das Trüffelschwein war mal wieder ganz in seinem (ganz eigenen) Element.

Ach, und dann wäre ja noch: Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie!