Ruth Zombie

Ruth ist eine Hexe. Das steht gleich am Anfang ihrer Bildergalerie. Da prangt ein Poster: „This bitch is a witch“. Ich habe es ihr lange geglaubt.

Mittlerweile kenne ich Ruth schon 12 Jahre. Wie ich sie kennengelernt habe, ist eine Geschichte für sich. Aber ich erzähle sie trotzdem, weil ich gerade in Erzähllaune bin, weil ich gerade in dem dunklen Land bin, in dem Storytelling eine Disziplin ist, die fast jeder Ire versteht und die hier Abend für Abend stattfindet.

Ich war 2014 in Killybegs gelandet, einem kleinen Küstenstädtchen mit einem irritierend grossen Hafen. Dort legen die grossen Schiffe an, die Kreuzfahrten machen dort halt und spucken Hunderte von Amerikanern aus, die hier auf ihre „Heritage“ Reise gehen um das Land ihrer Ahnen zu erkunden und den eigenen Wurzeln nachzureisen.

Ich lief bezaubert durch den kleinen Ort, streifte durch den Hafen, schaute mir die nordischen Häuser an und träumte mich in diese Realität. Längst war ich Hals über Kopf neu verliebt in Irland. Auf der Suche nach einem frischen Fisch ging ich der Nase nach um ein passendes Restaurant zu finden, als ich das Stimmen einer Fiddle hörte. Es lockte mich in einen grösseren Pub, in dem ich mit viel Überraschung meine Lieblingsband beim Soundcheck sah: We Banjo 3. Eine Band aus Galway, die aus zwei Brüderpaaren bestand. Fergal, der Fiddler, hatte es mir immer schon angetan. Ich freute mich zu hören, dass sie hier in zwei Stunden spielen würden.

Schliesslich war der Pub brechend voll und ich mischte mich unter die Gäste. Mit einer Mischung aus traditoneller Irish Music und Bluegrass hatten die Bandmitglieder uns schnell in den Bann gezogen. Nach einigen Guiness, denen meine Hemmungslosigkeit zu verdanken war, sprang ich schliesslich vom Barhocker und tanzte, warf den Rock nach allen Seiten, wie ich es bei meinen irischen Freunden gesehen hatte, tanzte wild und glücklich – und übersah, das ich eine der wenigen war, die hier feierte wie es die Iren tun: Laut und ohne Hemmungen, mit losgelöstem Tanzen und Bewegungen im Beat. Ich hatte Augenkontakt mit der Band, mein Körper antwortete auf die Musik, ich vergas wo und wer ich war, eine herrliche lange Zeit. Schliesslich war das letzte Lied verklungen, die Band drehte nochmals ordentlich auf, ich setzte mich nach dem letzten Ton zufrieden und etwas ausgepowert auf den Barhocker zurück und bestellte noch ein Bier.

Fast zeitgleich erhoben sich jetzt viele der Besucher aus dem gestuhlten Innenraum des Pubs und ich realisierte, dass es sich hier um eine Gruppe drehte, die sich wohl ausschliesslich aus Amerikanern auf einer Kreuzfahrt handelte. Sie waren mit dem Schiff hier in Killybegs gelandet und hatten das Konzert im Programm gehabt.

Schmunzelnd bedankte ich mich, als mir einer der älteren Herren einen Schein in die Hand drückte für die tanzende Begleitung. Und nun kam eine ganze Welle der Anerkennung und viele Scheine wanderte in meine Hand, schliesslich in meine Rocktasche, weil ich sie immer wieder leeren musste. Ich lachte. Die Herrschaften dachten ich gehöre zum Bühnenprogramm. Natürlich wollte ich das Geld der Band geben aber sie wollten es nicht annehmen, stattdessen ging ich mit einem Stapel CDs aus dem Pub, die Fergal mir persönlich überreichte. Wie gerne hätte ich stattdessen den schönen Iren mitgenommen!

Die Bandjungs fragten mich, woher ich komme und ich sagte „Switzerland“. Ja, aber woher denn ursprünglich, welcher County? Ich sagte: Ich sei nicht irisch. Sie lachten, umarmten mich stürmisch und behaupteten: Du bist eine Irin durch und durch! Und wenn es nicht deine DNA ist, was wir bezweifeln, dann wenigstens dein Herz!

Am nächsten Tag ging ich aus einer Laune heraus, sehr spontan und sehr glücklich, nach Donegal Town und fragte nach einem Tattoo Studio. Und ich traf auf die „Zombie Dolls“. Es gruselte mich gehörig, als ich eintrat. Alle Wände schwarz, sehr spooky Dekoration und mit Abstand die hässlichsten Gothic girls, die ich je gesehen hatte. Ich schaute an mir herunter. Wie immer trug ich Pastellfarben, weisse Sneaker, blondes Haar, blaue Augen. Im Vergleich sah ich aus wie ein – „gottverdammter Engel“ – so wurde ich begrüsst. Wäre der Wunsch nicht so gross geworden, hätte es mich schnell aus dem Laden heraus getrieben. Aber so fragte ich schüchtern nach einem Tribal Band, mein allererstes Tattoo. Ich sagte ich hätte gerne einen keltischen Ring um den Unterarm und darauf sollte stehen: Mein Herz ist irisch. In Irisch, damit mein zukünftiger Mann mich erkennt. Die Zombies rollten die Augen. Romantik geht gar nicht.

Zwei Tage später wurde ich von Ruth gestochen, mit der musikalischen Begleitung von Marilyn Manson, absolut grässlichem Metalrock. Ruth hatte ein Tribal mit zwei Adlerköpfen herausgesucht. Ich fragte sie, woher sie wisse, dass ich es mit den Adlern habe, da sagte sie: „Ich hab deine Seele gestohlen, als du reinkamst“. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Dennoch – irgend etwas war da zwischen uns. So dass ich einige Jahre später auch meinen Sohn zum Tättowieren brachte. Ruth ist eine Künstlerin mit sanfter Hand.

Dieses Jahr war es wieder soweit. Zu meinem runden Geburtstag sollte es der nächste keltische Tribal werden. Ich suchte die Zombie Dolls, Ruth war umgezogen. Zu meinem riesigen Erstaunen befand sich das Studio jetzt in einem wunderschönen hellen Gebäude aus dem 19.Jahrhundert, einer alten Fischhalle. Die Böden waren blitzblankes Parkett, die Musik lieblich irisch und die Wände weiss. Ruth kam mir entgegen, immer noch Gothic. Aber ihre Energie war völlig anders. Sie begrüsste mich wie eine alte Freundin und wir verbrachten einen herrlichen Nachmittag. Wir sprachen über dies und das und Ruth offenbarte sich als druidische Heilerin. Als sie mir erzählte, dass sie weder Fleisch ist, noch Alkohol trinkt, fragte ich sie, was sie für eine Hexe sein könne, wenn sie so „clean“ sei und wir lachten schallend.

Ruth Kavanagh, so heisst sie, inzwischen in den 50ern, man schätzt sie Jahrzehnte älter, war ursprünglich Goldschmiedin, hat fantastische Hände und zeichnet mit sehr feinem Pinselstrich. Ich frage sie, wie sie zum Tattoo gekommen ist und sie sagt etwas, das mich schon lange bewegt: Dass es um Heilung gehe, dass manchen Menschen eben das Leben unter die Haut gehe und es dann nur richtig ist, sich damit zu schmücken. Wir reden lange über das Leben, das unter die Haut geht und wir kommen ins Storytelling, lachen, tupfen uns ein paar Tränchen, sind uns einig, bewegen uns gegenseitig mit Geschichten, die das Leben uns in die Haut geschrieben hat. Am Ende lädt sie mich ein. Erst zu einer Lesung „Music and Poetry“ am Abend, in der es um erstaunlich poetische Texte geht und eine himmlische sentimental-irische Herzensmusik gespielt wird.

Schliesslich zum grossen Ritual „Samhain“, am 31.10., in dem Ruth wieder ganz in ihrem Element ist, an dem Abend fliegen sie, die guten Hexen, Songs werden gesungen, das Feuer entfacht, das keltische Neujahr gefeiert. Ich bin geflasht von Ruth, auch als sie am nächsten Tag ein Gongbad in ihrem Studio anbietet. Ich bin dabei. Und werde sie noch oft sehen. „Out of the darkness“ – das scheint mein Motto der nächsten Wochen zu sein. Zur dunkelsten Zeit bin ich in mein geliebtes nördliches Irland gereist. Und die Menschen hier glänzen „fecking bright like a diamond“. Ich sammle noch ein paar Seelen ein. Man weiss nie, wozu das gut ist.

Das Leben hier ist nicht immer schön, aber – die Iren, die verstehen was davon, es schön zu machen.

Slainte!

…was für ein Glück, in Irland zu sein! La vie est belle. So oder so.

Mother Goose

Als ich in der vergangenen Woche endlich nach Irland übersetzte, landete ich im Süden der grossen grünen Insel. Mein erster Ort war Bantry, ein kleines Küstenstädtchen in der Grafschaft Cork. Ich hatte mich auf ein paar stille Tage eingestellt, weil ich immer noch nicht fit war – und dann traf ich: Mother Goose. (Mutter Gans). Eigentlich ist das eine Comicfigur aus Grossbritannien, längst aber ist sie zu einem running Gag geworden, wenn Frauen eben so aussehen wie die kleine umtriebige Gans.

Meine Mother Goose also heisst eigentlich Mairead O Doole und ist eine süsse kleine Lady. Sie hat wohl eine Körpergrösse von 150cm und ist mager wie ein Kind, mit kurzen flinken Beinen. Und sie hat diesen Gang – schnell und mit kurzen kleinen Schritten und einem nach vorn gebeugten Oberkörper. Ich musste schmunzeln, als ich sie das erste Mal sah: Da kam sie auf mich zugesprungen und umarmte mich mit weit nach oben geöffneten Armen. Wie eine alte Freundin drückte sie mich und plauderte sofort los.

Alles an Mairead ist klein, ausser ihrem Temperament, das ist laut und Raum einnehmend und ihre Neugier ist zügellos. Ich glaube sie hat das Air BnB nur eingerichtet um Menschen mal ordentlich auszufragen. Wie lustig! Wenn sie ihr Smartphone in der Hand hatte, in das sie unentwegt plauderte, sah es wie ein Tablet aus, weil ihre kleinen Hände das Ding kaum halten konnten. Sie sagte, es sei ein Seniorenphone, das sei extragross. Das war wohl eine charmante Lüge des Verkäufers, weil ich doch eine gewisse Ähnlichkeit zu meinem Normalgrösse Modell sehen konnte.

Mairead wurde 1964 in Cork geboren, in eine arme Familie mit acht Kindern, sie war „mittendrin, also war immer was los“. Schon als Kind musste sie sich Gehör und eine Wichtigkeit verschaffen und sie machte das mit ihrem lebhaften Wesen und ihrem Wiesel-Charakter, Mairead war immer überall dabei und wusste zudem alles, weil sie überall ihre Nase hereinsteckte, wie sie mir glaubhaft versicherte.

Die Familie war arm, der Vater arbeitete in einem Produktionsbetrieb und die Mutter sowie nach und nach alle Kinder, packten mit an. Und: Man durfte auch draussen sammeln – Holz in den piccopello aufgeräumten Wäldern, Waldfrüchte wie Kastanien und Eicheln, aber auch Reste auf den abgeernteten Feldern. Und ja, sie gibt es zu, im Sommer gingen sie auch Apfelbäume ernten. Dabei kletterte ein Kind hoch und warf die reifen Früchte in der Mitte der Bäume den Geschwistern nach unten zu. So sah der Baum von aussen immer noch voll aus. Und sie nahmen nur jeweils so viel mit, dass sie eine Wochenration hatten um die Familie damit zu versorgen.

Die Mädchen der Familie mussten alle stricken lernen und abends sass man zusammen und verarbeitete die Schafwolle der Fabrik „Aran“, da gibt es bis heute maschinengestrickte und handgestrickte Pullover und Socken. Als Mairead schliesslich die Schulpflicht hinter sich hat, mit 14, lernt sie das Bäckerhandwerk. Sie lernt Derry kennen, mit dem sie heute noch verheiratet ist. Sie lacht, als sie mir erzählt, dass Derry eben zur Verfügung gestanden hätte. Man müsse in Irland nicht auf “was Hübscheres“ hoffen, die wären ja alle klein und nicht besonders attraktiv – und es wäre okay, ihn geheiratet zu haben, „man gewöhne sich ja an alles“. Während sie das erzählt lacht sie. In den Tagen, die ich bei ihr wohne, höre ich sie ihn immer „Darling“ rufen und sie küssen auch noch, wenn sie sich sehen – so schlecht scheint sie es nicht erwischt zu haben.

Meine Mother Goose also fegt über den Hof, hat eine kleine Bäckerei im Hinterhof aufgebaut und macht Catering für die nahe gelegenen Cafes und Kultureinrichtungen. Ihre Scones waren himmlich, die besten, die ich je probiert habe. Sie hat ihre Freundinnen eingestellt und so schnattern sie jeden Morgen gegen 5 los im Glaspalast, während die Hände ihre Arbeit machen, ein Blech nach dem anderen duftend aus dem Ofen kommt und die die Backwaren liebevoll und sorgfältig in ihre Auslieferung bringen.

Ich hab sie ins Herz geschlossen, die kleine Irin mit den wilden Augen. Ehrlich gesagt, ich glaube sie hatte es faustdick hinter den Ohren, so viel Schalk habe ich selten in einem Menschen versteckt gesehen. Ihre derben Witze haben mich sehr amüsiert, sie hat die Dinge beim Namen genannt und sich selbst am meisten darüber amüsiert. Eine herrliche Begegnung, die ich als Auftakt verstehe und die ein Anfang sein darf einer Reihe von herrlichen Begegnungen, die ich hier auf der Insel haben werde.

La vie est vert ! Et belle! – Das Leben ist grün – und schön!

Delirium

Wenn man zu eilig unterwegs ist, verpasst man vielleicht manchmal den Moment. Das habe ich oft gehört in meinem Leben. Mein Lebenstempo war immer hoch und die Schatzkiste der Eindrücke immer prall gefüllt. Schon ein paar Tage hatte ich mich zur Ruhe gezwungen und gedacht: wenn ich in Irland bin, dann lege ich mich einen Tag ins Bett und lasse alles mal sacken. Und dann kam es doch anders.

Mit fliegenden Federn war ich ans andere, das westliche Ende der Bretagne gefahren. Zweihundert Kilometer? Ein Klacks! Auf der Fahrt hatte ich nicht gesungen wie sonst üblich, sondern schon nach Irland hinüber geschielt. Hatte nicht die letzten, grossartigen Tage Revue passieren lassen, sondern schon ausgemalt wie ich am Montag den Ring of Kerry machen würde. Angekommen in Roscoff, dem kleinen Küstenstädtchen in dem die Fähre gehen würde, hatte ich gar nicht richtig ankommen wollen. Zum einen, weil ich dieses Jahr schon viel Zeit in Roscoff verbracht hatte. Aber auch: weil ich gedanklich schon weg war.

In den wenigen Stunden, die zur Verfügung standen, ging ich lieber nochmals an den wunderschönen Strand nach Cleder und staunte über das bretonische magische Licht, das es dort so verlässlich zu finden gibt. Die Blautöne aus Meer und Himmel bezauberten mich. Ich ging am Strand entlang, führte ein Telefongespräch und hörte dann noch Debussy’s „La mer“. Aber: ich spürte ein Kratzen im Hals und Kopfschmerzen schlichen sich über das Genick in den Hinterkopf. Ich hatte das Hotelzimmer bis abends, weil die Fähre erst um Mitternacht gehen sollte, also fuhr ich zurück, nahm eine heisse Dusche, legte mich nochmals ins Bett – und kam nicht mehr hoch. Ich wurde so richtig krank. Fieber, Schüttelfrost, Kopf- und Gliederschmerzen, Hustenattacken. Einmal stand ich noch auf und dann kapitulierte ich: Ich konnte nicht mehr gerade stehen.

Es folgten fast drei Tage in denen ich flach und bei abgedunkeltem Fenster im Bett lag, hustete, fieberte und in denen es mir richtig mies ging. Schon Jahre war ich nicht mehr krank gewesen, ich habe eine Rossnatur. Aber jetzt: Flach. Keine Bewegung mehr möglich.

Was köstlich war: Mein Kopf sortierte die Bilder im Kopf. Ich war nochmals auf der Fähre von Jersey kommend, mit Abschiedsheimweh. Dann in der malerischen kleinen Stadt Cancale. Und an einem grossartigen Ort: La Pointe du Grouin. Dort auf den Felsen hatte ich gesessen und in die Weite der Smaragdküste gestaunt. Hatte den Wind um mich herum spielen lassen und die Schönheit bewundert. Und damit nicht genug. Ich war auch nochmals in meiner Lieblingsperle St.Malo gewesen und in der kleinen Abbaye Mont St. Michel. So viele Bilder und Eindrücke! Meine Reise hatte vielleicht ein bisschen zu viel Tempo gehabt, obwohl ich langsam laufe und doch „eigentlich“ jeden Moment aufsauge.

Am besten aber wurde ein Fiebertraum, da flog ich ab vom Pointe du Grouin und spannte meine Flügel und glitt über den blaublauen Atlantik. Viele Jahre war ich nicht mehr im Traum geflogen. Wie herrlich, diese Zeit im Fieberdelirium. Wie nötig hatte es mein Kopf gehabt zu verweilen. Viel zu schnell unterwegs und keine Zeit zum Atmen. Ich habe hingehört und verstanden.

Von jetzt an also: Langsamer und mit noch mehr Ruhe reisen. Einen Schritt nach dem Anderen. Ich bleibe noch zwei Tage in Roscoff und werde diese kleine süsse Stadt jetzt nochmals extra umarmen. Dann etwas später nach Irland übersetzen. Dort eine Unterkunft im Norden haben, ab Ende Oktober, in der ich denke, lange zu bleiben und zu ruhen, zu schreiben und mein Jahr Revue passieren zu lassen, das mich an so viele wunderschöne Orte hat kommen lassen. Meine Schatzkiste ist wieder prall gefüllt. Ich werde alle Steine, einen nach dem anderen, heraus holen, betrachten und bewundern, polieren und abküssen und dann zurück gleiten lassen. Ein rundes Jahr, von dem ich noch nicht weiss, wie ich es beende. Ich lasse mir Zeit, das heraus zu finden.

Unser Körper ist schon mächtig schlau, manchmal braucht es eine Vollbremsung und das ist dann auch genau richtig. Nichts geschieht ohne Grund. Und hey. Jetzt hat er mich wieder verlässlich wie immer an einem Montag um 3 Uhr in der Früh geweckt, damit ich meinen Blog eintippen kann. Ist es nicht ein Wunder!

La vie est belle! Das Leben ist schön!

Juwelen des Nordens

Am Wochenende habe ich meine grosse Liebe wieder getroffen. Die Überfahrt von Jersey war einmal mehr friedlich und langsam. Und dann erschienen die Türme von St.Malo im Nachthimmel und die Fähre tutete zur Begrüssung. Ich war zurück in meiner Perle des Nordens. Schon fuhr ich an der langen hohen Stadtmauer entlang, die sich wie ein Ring um die Altstadt zieht. Und rasch ging es auch in mein Übernachtungshotel, das mich seit inzwischen zehn Jahren begrüsst. Mein Kopf fiel auch deswegen sanft auf das Kissen, weil ich wusste dass ich meine liebste Stadt am nächsten Tag wiedersehen würde.

Ich wohne in einem kleinen feinen Hotel, dessen Name ich kaum richtig aussprechen kann: La Villefromoy. La Villefromoy ist ein Hotel, das sich in einem Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert im Stadtteil Paramé in Saint-Malo befindet, nicht in der historischen Altstadt, sondern an der Strandpromenade in der Nähe der Stadtmauern. Die Geschichte von La Villefromoy hängt mit der der Stadt Saint-Malo zusammen, einer historischen bretonischen Hafenstadt, die einst als Zentrum für Freibeuter und Seefahrer bekannt war. So hat das maritime Hotel eine mehr als hundertjährige Geschichte als Herberge zu erzählen und steht stolz und still an meinem liebsten Strandabschnitte: Der Plage Rochebonne.

Saint-Malo ist eine Hafenstadt in der Bretagne, im Nordwesten Frankreichs. Die Altstadt ist von hohen Granitmauern umgeben und war einst eine Hochburg für Freibeuter (vom König gebilligte Piraten). Die Kathedrale von Saint-Malo im Zentrum der Altstadt wurde im romanischen und gotischen Stil erbaut und besitzt Buntglasfenster mit Darstellungen der Stadtgeschichte. Nicht weit entfernt liegt La Demeure de Corsaire, ein Museum im Haus eines Freibeuters aus dem 18. Jahrhundert.

Die Stadt ist sehr alt, sie hat eine Geschichte aus dem 6. Jahrhundert zu erzählen. In der Zeit des zweiten Weltkriegs wurde sie fast vollständig zerstört, schliesslich aber nach alten Bildern und Plänen historisch wieder aufgebaut. Sie ist ein Bijou, ein Schmuckstück und hat viele Geschichten zu erzählen, wenn man sie durch eine der mächtigen Stadttore betritt, die kleinen Gässchen sind ineinander verschlungen.

Seit ich das erste Mal in St.Malo war, bin ich verliebt. Wie verzaubert schlendere ich dann durch die Gassen, kaufe mir in einem der unzähligen Läden kleine Kostbarkeiten und schaue, auf der Mauer sitzend, in das Treiben der Altstadt oder hinaus auf den Ärmelkanal.

St.Malo ist charmant. Und am liebsten gehe ich montags hinein, dann sind die unendlichen Besucherströme der Wochenendtouristen versiegt und es ist alles wieder sehr bretonisch, herzlich, langsam und mit Zeit. Betritt man die Altstadt, dann wird man schnell hineingezogen und kann nichts anderes machen als schlendern und schauen und die Düfte geniessen, die sie zu bieten hat. Nirgendwo sonst habe ich so viele schöne Menschen gesehen. Und nirgends wünsche ich mir mehr, so gut französisch wie englisch zu sprechen, um mit den spannenden Leuten zu reden. St.Malo ist bunt und facettenreich, die Altstadtmauer umschlingt die, die drinnen wandeln, wie ein Mutterbauch. Ich liebe es, dort in einem der zahlreichen Bistrot zu sitzen und Menschen anzuschauen, in eine Menge einzutauchen und dabei zu sein. Es ist ein Heimkommen, sobald ich hineingegangen bin und dennoch verlasse ich die Altstadt nach einigen Stunden auch gerne wieder und tauche in die endlose Weite des Strands ein.

Immer möchte ich draussen wohnen, am langen Strand von Le Sillon. Die Villen von Le Sillon in Saint-Malo sind prächtige Wohnhäuser, die Ende des 19ten und Anfang des 20ten Jahrhunderts erbaut wurden. Sie liegen am breiten Strand von Le Sillon und zeugen von der eleganten Bäderarchitektur der Belle Époque. Ich staune die Häuser an, träume mich in ihr Innenleben und mein Herz hat den brennenden Wunsch, in einem von ihnen zuhause zu sein.

Am Wochenende bin ich trotzdem fremd gegangen: Ich war an der Smaragdküste und lebte in Cancale. Die Küste um Saint-Malo war schon im 6. Jahrhundert der Anlegeort einiger irischer Mönche. Aus dieser Zeit stammen auch viele Ortsnamen, die auf diese Heiligen verweisen: Saint Malo, St.Brieuc.

Als Côte d’Émeraude (Smaragdküste) wird ein Küstenabschnitt zwischen dem Cap Frehel und der Stadt Cancale bezeichnet. Der Name ist von der grün-türkis Färbung des Meeres zu bestimmten Zeiten abgeleitet. So sass ich auf den Felsen der äussersten Landzunge und konnte mich nicht sattsehen an der Schönheit, die sich offenbarte. Der Wind und die Temperaturen waren mild und ich war wieder schockverliebt in die Bretagne. Wie oft wird mein Herz hier in diesem Dreieck noch hüpfen: Jersey. Bretagne. Irland.

Was für ein grossartiges Jahr, ich platze vor Dankbarkeit.

La vie est belle! Was denn auch sonst!

Amy

Am Wochenende bin ich einem Wirbelsturm begegnet und das war wunderschön und gar nicht so harmlos. Am Morgen war das Meer beim Morgenschwimmen schon etwas kälter als in den letzten Tagen. Ich hatte ganz stark das Gefühl, es hätten sich einige Kältegrade in einer Strömung in die Bucht geschlichen. Der Himmel war dramatisch, strahlend dunkelblau mit schweren Wolken, es brach sich viel Sonne durchs Firmament. Es war – die Ruhe vor dem Sturm.

Nach dem Frühstück wunderte ich mich, dass noch immer kein starker Wind zu spüren war. „Amy“ – ein Wirbelsturm mit einer ausgeprägten Kaltfront aus dem Norden, war angekündigt und wir waren vor seiner Kraft gewarnt worden: Seit Tagen war in der Wetterapp alles dunkelrot gefärbt.

Amy hatte einen ausgeprägten Jetstreak, also ein Windmaximum innerhalb des polaren Jetstreams. Das ist ein Starkwindband in der oberen Troposphäre, das sich im Wesentlichen zwischen polaren und subtropischen Luftmassen bildet. Die Höhenströmung beschleunigt den Wind enorm. Die Luftmassen werden intensiv auseinander gezogen, am Boden kommt es zu einem Druckabfall.

Das hat Amy uns gezeigt. Ich fuhr dem Wind entgegen.

Zunächst blies er aus SSW und für fast zwei Stunden schaute ich an der südlichen Spitze der Insel dem Spiel des Windes zu. Es raute die heranrollende Flut auf. Die Wellen wurden höher und höher, längst war es keine einfache Brandung oder Gischt mehr, sondern ähnelte einem brutalen Heranrollen und Donnern von gigantischen Wassermassen.

Irgendwann war das Meer nur noch eine einzige weisse Masse und der Schaum spritzte in alle Richtungen. Die Atemluft veränderte sich. Die polare Kälte kroch in alle Knochen. Und dann drehte der Wind nach WNW und ich fuhr mit dem Auto an die Nordküste der Insel. Hier bot sich ein viel gewaltigeres Bild. Hatte ich am Leuchtturm beobachtet, wie sich der Sturm langsam aufbaute, so tobte er hier intensiv. Der Atlantik schlug haushoch an die Klippen. Ich stand gegen den Wind gelehnt und konnte nicht aufhören ihn anzustaunen. Er war so stark, dass mir die Tränen aus den Augen gedrückt wurden. Das Atmen war schwer, er blies direkt ins Gesicht und hatte längst die Haut mit einer dicken Salzschicht vom Meer belegt.

Und jetzt sah ich den Wind deutlicher als den Sturm, den ich im April auf dem indischen Ozean erlebt hatte. Damals war ich mittendrin, hatte keine Brille auf der Nase und musste jede Sekunde meinen Stand auf dem schwankenden Schiff festigen. Damals war mein ganzer Körper gespannt und es galt, Geschwindigkeit, Kraft und Gefahr auszuhalten. Heute sah ich einen vergleichsweise milderen Sturm, aber ich konnte seine gesamte Wucht sehen. Roh und spektakulär. Eine barbarische Kraft.

Die Rückfahrt nach einem langen Tag im Sturm zeigte dessen Ausmasse deutlich. Die meisten Blätter waren von den Bäumen gerissen worden. Kastanien und Eicheln waren in riesigen Mengen herunter gefallen. In dieser Nacht werden die unzähligen Squirrels und weitere Nagetiere von dem reich gedeckten Tisch profitieren und in einer einzigen Nacht ihre Winterhöhlen füllen können.

Ich blieb nachdenklich zurück. In den letzten Tagen hatte ich Nähe und Distanz gespürt. Fülle und Verlust. Einigkeit und Trennung, hatte mich mit dem Wesen der Verbindung beschäftigt und durch Amy auch erfahren, wie Luftmassen auseinander gerissen werden, im übertragenen Sinne.

„Der Wind, der Wind, das himmlische Kind“, haben wir in unserer Kindheit oft der märchenhaften Ballade des Erlkönigs gelauscht. Ich liebe den Wind schon immer. Dieses Jahr hat er mich oft scheinbar in Stücke gerissen und woanders wieder zusammen gesetzt. So oft ist es der Beginn einer Zäsur. Eine Pause. Wie in der Musik: ein markierender Einschnitt im Verlauf eines Musikstücks.

Woher kam er diesmal, dieser wunderschöne Orkan? Aus Irland. Von der nordwestlichen Atlantikküste. Ich folge den Zeichen.

La vie est belle – Das Leben ist (wild) schön.

Ready to rumble! Charlotte und Micky

Diese beiden Ladies sind wirklich der Hammer. Jeden Morgen gehe ich zum Schwimmen, vom Bett unmittelbar in meinen Badeanzug und den Surfponcho und trabe in die Bucht. Es ist kalt geworden. Die Nachttemperatur hier ist schon unter 10 Grad gesunken, der Atlantik hat noch 15, 16 Grad. In der vergangenen Woche wehte der Wind stark und ich nahm sogar das Auto mit für die kurze Fahrt, damit ich auf dem Weg zurück nicht zur Eissäule einfriere.

Und jeden Morgen gibt es diese Morgenschwimmerinnen. In der vergangenen Woche durfte ich Charlotte und Micky kennenlernen. Die Damen sind um die 70, gertenschlank und gut gebaut. Ich war schon im tosenden Meer, paddelte noch etwas verhalten herum und überlegte, ob ich es zur Boje und zurück schaffen würde bei dem enormen Seegang. Es war Hightide, etwa 12 Meter hoch schwankte das Wasser in der Bucht, als schliesslich die beiden Grazien ins Meer sprangen. Die eine blieb in meiner Nähe und fing das Gespräch an, wie es die britischen Inselbewohner es so gerne tun: Mit einem kleinen Smalltalk über das Wetter. Es war sehr windig und die Sonne blitzte ab und zu durch die jagenden Wolken. Ein grossartiges Spiel am Himmel und wir schaukelten uns im eiskalten Nass.

Die zweite Lady zog los. Mit Schwimmbrille und -Boje ausgestattet zog sie ihre Längen spielerisch leicht zur Mitte der Bucht. Ich staunte, wie sie durchs Wasser pflügte und sprach mit der anderen Dame. Schon bald wurde es lebhaft und spannend:

Charlotte, inzwischen 68, lebt hier oberhalb der Bucht, hat seit über 40 Jahren eine stabile schöne Ehe, zwei Söhne und vier Enkelkinder. Sie kam schon hier auf Jersey auf die Welt, ihre Eltern waren zu Kriegszeiten auf die Insel geflüchtet. Leider hatte es nichts genützt – sie waren zwar den Bomben über Grossbritannien entflohen, aber bald zu Gefangenen der Nazi Besetzung geworden.

Sie arbeitete lange in der Charity Bewegung, organisiert allerlei soziale Engagements, die es hier zahlreich gibt und kümmert sich leidenschaftlich gerne um ihren riesigen schönen englischen Garten, den ich inzwischen bewundern durfte, dazu noch die Familienmitglieder, die Hunde all ihrer Freunde und sie geht etwa 350 Tage im Jahr jeden Tag hier baden. Ich amüsierte mich, als sie mir sagte, man dürfe sich am Morgen gar nicht erst anziehen, dann wäre es gleich vorbei mit dem Vorsatz, vor dem Frühstück schwimmen zu gehen.

Micky ist fünf Jahre älter, eine Dame mit langen weissen Haaren, die sie in einem Dutt zusammenhält. Das Spannende: Sie hat unzählige silberne Ketten um den Hals, trägt schrille Badeanzüge und hat trotz ihrem hohen Alter eine ausladende Tätowierung auf dem Rücken, die sie vor wenigen Jahren machen liess. Ich schmunzle, als sie mir sagt die Tattoo Künstlerin hätte „Wellenbewegungen“ beim Stechen machen müssen, weil sie schon so verschrumpelt sei. Ich war gleich schockverliebt in diese Hippiefrau, die jeden Morgen hier mit Charlotte schwimmt. Sie kam in den Achtzigern auf die Insel. Der Liebe wegen. Die Liebe blieb nicht, sie schon. Sie ist eine Metallkünstlerin sagt sie mir. Richtig ist: Sie macht umwerfende Skulpturen, mit Schweissgerät und schwerem Werkzeug. Nicht mein Ding. Aber wie cool diese Frau ist! In jeder Hinsicht! Sie macht was sie will. Schon immer. Jetzt erst recht, denn sie sagt: Es käme ja nicht mehr drauf an, irgendwem zu gefallen, also könnte sie auch gleich tun, wozu sie Lust hat. Für ihre fünf Enkel ist sie eine Heldin, für mich auch. Weil sie aussergewöhnlich und ein bisschen verrückt aber durch und durch liebenswert ist. Gestern habe ich einen ganzen Nachmittag mit ihr verplaudert und wir haben uns Anekdoten aus unserem Leben erzählt, fast bis die Sonne unterging. Was für eine herrlich dynamische und eigensinnige Frau!

Jeden Morgen trabe ich nun hinunter in die Bucht und warte auf das kleine, altersschwache Auto, das die beiden bringt. Dann klettern wir gemeinsam die umtoste Treppe hinunter und unterhalten uns, während wir bis zur Boje und zurück schwimmen. Letzte Woche war es so windig, dass mich ein bisschen der Mut verliess, es ist so unglaublich anstrengend gegen die hohen Wellen anzuschwimmen. Ich schaffe das nicht so stromlinienförmig wie Micky. Trotzdem müssen wir ja schnell sein, weil das Wasser eiskalt ist und uns schnell auskühlt. Dann ruft sie mir in ihrem lustigen rustikalen Englisch zu: „Come on Maren, you old cookie! Let’s rumble these old bones to get back!“

Inzwischen kenne ich die ganze Bande hier jeden Morgen, sie sind alle super nett und lustig und stehen nach dem Morgenbad gerne noch mit einem Tee in der Hand zusammen und feiern das Leben. Sie sind alle Rentner und haben Zeit. Ich stelle mich dazu und wünsche mir, für immer dazu zu gehören.

Bald geht es weiter. An den noch kälteren Atlantik. Ins grüngrüne Irland. Da wartet das nächste Abenteuer.


Ach – es ist schon so: La vie est belle – Das Leben ist schön!

Vom Rhythmus

Noch nie hatte ich so viel Regen auf Jersey. Auch nachts trommeln die Regentropfen auf das Dachfenster über mir. Ich könnte mich jetzt einkuscheln und das geniessen, das werde ich wohl gleich wieder tun, dann in ein paar Stunden in den eiskalten Atlantik springen und den Tag neu anfangen, in der Hoffnung, dass die Sonne wieder kommt. Und das wird sie auch. Laut Wetterbericht gegen Mittag.

Was mich dazu bringt über Neuanfänge – oder Anfänge ganz im Allgemeinen nachzudenken.

Vielleicht genau das richtige Thema wenn man in den nächtlichen Himmel, in die Astronomie schaut. Laut dem Kalender hatten wir gestern eine Tagundnachtgleiche. Die zweite in diesem Jahr. Am 21.3. wendete sich die Sonne und begann, jeden Tag mehr Licht ins Dunkel zu bringen. Eine Frühlingstagundnachtgleiche birgt immer viel Hoffnung auf Wachstum, auf das was das Jahr an Gutem entstehen lassen möchte. Frühlingsbeginn heisst für viele: Nach einer langen Zeit der Dunkelheit wieder sehen, dass sich jeden Tag nun das Licht vermehrt.

Die Herbsttagundnachtgleiche hingegen eröffnet eine Saison der Dunkelheit. Von jetzt an wird es jeden Tag dunkler, der Zenith ist überschritten, es geht in die Nacht, jeden Tag werden die Sonnenstunden weniger bis zum Talpunkt am 21.12., den Tag der Wintersonnenwende.
Die Tagundnachtgleichen sind die Tage, an denen sich Sonnenuntergang und Sonnenaufgang etwa genau 12 Stunden voneinander entfernt angleichen. Während wir im Frühling oftmals jubeln weil nun das Licht wieder zurück kehrt, wird es im Herbst schwerer, jetzt ist es wichtig, sich zurück zu ziehen. Drinnen mehr und mehr Lichter anzuzünden und die Wärme im Innen statt im Aussen zu suchen.

Dieses Jahr ist alles ein bisschen anders, wir haben an diesem Herbstbeginn auch noch Neumond und eine Sonnenfinsternis. Ich lese, dass es eine besondere Zeit der Neuanfänge ist und auch ich lasse mich darauf ein, weil ich Anfänge liebe. Weil ich es seit je her feiere: Diesen Rhythmus der Natur, der uns aufzeigt, wohin unsere äussere – und oft die innere, genau parallel – Reise gehen wird.

Jetzt also: Rückzug. Es wird draussen wieder kälter. Gehen wir mit der Natur, dann ist es jetzt Zeit, die Ernte des Jahres einzufahren. Die Schätze zu sammeln. Die Fülle zu feiern. Den Keller zu füllen mit den Zeichen, dass es ein gutes Jahr war. Nicht nur wegen der Früchte, die wir im Garten gesammelt haben, sondern vor allem das zusammen zu tragen, was uns das Jahr Schönes gebracht hat. Die Dankbarkeit zu fühlen, für die Geschenke des Jahres. Das wird uns den Herbst (hoffentlich einen goldenen Oktober) und auch den Winter über wärmen.
Und wie leicht wäre das: An unseren Händen, an den zehn Fingern abzuzählen, welche Geschenke wir bekommen haben dieses Jahr.

Ich werde wohl mehrere Hände brauchen denn es war bislang ein grossartiges Jahr und ich bin, wie eine Goldmarie im Märchen, bereit mein Kleid auszustrecken und die nächsten Sterne zu sammeln, die vom Himmel fallen. Denn bald geht es auf die grüne Insel Irland, die aufgrund der intensiven Regenfälle genauso saftig und tropischfeucht duften wird wie gerade hier die kleine Insel im grossen Meer.

Vielleicht bist Du bereit, einmal inne zu halten und wahrzunehmen, was es an Wertvollem in Deinem Leben dieses Jahr gegeben hat. Was Du neu beginnen kannst und magst. Wozu Du jetzt neu aufbrechen möchtest. Was Deinen Winter wärmen wird.

Und wenn es Dir schwer fällt, das Offensichtliche zu sehen, dann lass Dich von dem angehängten Video dazu einladen, das Leben zu feiern. So oder so: Es bleibt jeden Tag neu ein Wunder.

Ach, hatte ich es schon erwähnt?

La vie est belle – Das Leben ist schön.

Spielball aller Winde

Und dann bin ich auch wieder im Wind gelandet. Im April war ich bei einem orkanischen Sturm auf dem indischen Ozean und wir waren ein Spielball der Winde, ausgeliefert und trotzdem: Mit Kraft und Geschicklichkeit durch gesegelt und mit unserem Schiff voran geflogen.

Dann war es ein paar Wochen still. Und jetzt hat er mich wieder. Gleich bei der Überfahrt nach Jersey bliess es ordentlich und die Fähre schaukelte intensiv. Alle Fahrzeuge mussten mit kleinen Blöcken gesichert werden, keiner der Passagiere lief auf dem Deck herum. Die meisten von uns schlossen die Augen und liessen sich schaukeln und redeten es sich ein: Dass der Wind schön ist und zum Kanal zwischen Frankreich und Grossbritannien gehört.

Kaum gelandet auf der kleinen Insel im grossen Meer ging es los, heute mit einer Spitze von 73 km/h. Mich macht Wind glücklich. Ich liebe es, wenn er an mir zieht, mich bewegt innen und aussen und fest durchbläst. Ein bisschen ist das symbolisch: Der Wind reisst ab, was nicht fest angebunden ist. Auch von uns. Kaum ein Wetterphänomen kann das so gut wie der Wind: Die Führung übernehmen und machen was er will. Man kann und muss sich hingeben und die Kontrolle abgeben.

Unvergleichlich so ein Augenblick: Wenn man da steht und den Wind spielen lässt. Ich kann mich mit dem ganzen Körper nach vorne hängen und dennoch wird er mich aufrecht stehen lassen wenn ich im Gegenwind stehe.

Ich erinnere mich an meinen nordischen Adler, der hier vor neun Jahren seine Rede auf Grosnez Cliffs hielt: Er schrie fast, hatte sich halbnackt in den eiskalten Nordwind gestellt. Acht lange Minuten war seine Rede. Am Ende konnte ich kaum mehr die Kamera halten, so sehr fror ich.

Und die wuselige herrliche Adlerin der Lebensfreude, mit der ich im vergangenen Jahr am windigen Strand tanzte. Die Wolken flitzten über unseren Köpfen, wir feierten das Leben, lachten, sie rannte und schlug Kapriolen. Der ganz ganz strenge Westwind hat uns damals gepackt und mitgerissen in die Euphorie.

Dann habe ich vor einigen Jahren auch noch einen sehr speziellen Wind erlebt, der viele Touristen früher oder später in den Wahnsinn treiben will: Der Mistral. Obwohl der Mistral mit seiner Kraft und Unberechenbarkeit die Provence oft herausfordert, verleiht er dieser einzigartigen Region auch eine unverwechselbare Magie. Er formt die Landschaft, lässt die Pflanzen und die Architektur im Wind tanzen und schenkt den Menschen klare, strahlende Tage. Der Mistral ist mehr als nur ein Wind – er ist ein Symbol der ungezähmten Natur und ein treuer Begleiter des provenzalischen Lebens. Wer ihn einmal erlebt hat, wird ihn nie vergessen, denn er ist Teil des faszinierenden Rhythmus, der die Provence zu dem macht, was sie ist: wild, wunderschön und voller Leben.

Vor sehr vielen Jahren habe ich einmal einen Wind erlebt, der uns in „Windeseile“ von der Umwelt abgeschnitten hat. Damals lebten wir nahe Boston/USA und eines Tages erlebten wir einen spektakulären Wind: Einen Blizzard.

Ein Blizzard ist ein extrem starker Schneesturm mit viel Schnee, viel Wind und sehr schlechter Sicht, der hauptsächlich in Nordamerika vorkommt. Damit es ein Blizzard ist, muss der Sturm bestimmte Bedingungen erfüllen: sehr starker Wind (mehr als 56 km/h), heftiger Schneefall, der die Sicht auf unter 400 Meter reduziert, und das Ganze muss mindestens drei Stunden lang andauern. Ein Blizzard kann das Leben auf der Straße und in den Städten zum Stillstand bringen, Stromausfälle verursachen und ist gefährlich, weil man sich im Schnee kaum noch orientieren kann. Wie herrlich war dieser Wind! Wir sassen bequem am Kamin und es fegte um unser Haus herum. Am liebsten wäre ich rausgerannt und hätte es vollständig aufgesaugt dieses Erlebnis.

Ein paar Jahre später hatte ich einen wundervollen Coachee, der mich einmal bat, am Urner See anzuhalten und wir stellten uns mit weit aufgerissenen Jacken in den Wind und hofften, wir würden losfliegen. Ein Moment für die Ewigkeit.

Ach, ich liebe den Wind. Hier auf Jersey kann ich ihm intensiv begegnen und jeden Tag verschlägt er mir die Sprache, verteilt meine ungesagten Worte überall auf der Insel und macht mich leer und glücklich.

La vie et le vent sont beaux ! Das Leben ! Und der Wind – sind schön.

Vom Leseglück

Durch Zufall bin ich in der charmanten Stadt Graz gelandet. Eigentlich nur deswegen, weil es nach einem Seminar, das ich letzte Woche besucht habe, eine weitere Nacht anhängen musste, mangels Flügen in meinen Heimatort. So schlenderte ich also durch diese schöne Stadt und war schnell verzaubert.

Graz ist die Hauptstadt des südösterreichischen Bundeslandes Steiermark. Der Hauptplatz bildet das Kernstück der mittelalterlichen Altstadt. Die umliegenden schmalen Gassen mit Gebäuden im Renaissance- und Barockstil sind von Geschäften und Restaurants gesäumt. Eine Seilbahn fährt den Schlossberg, den Hausberg der Stadt, zum jahrhundertealten Uhrturm hinauf.

Und gleich „hatten mich die Österreicher wieder“. Mit dem schönen Singsang und ihrer liebenswürdigen und gastfreundlichen Art haben sie mich von Anfang an verbal umarmt. Gleich nach dem Einchecken in ein herrliches Hotel also lief ich über eine der zahlreichen Brücken über die Mur direkt in die Altstadt. Es war Sonntag und trotzdem sehr viel los. In den vielen Strassencafes sassen schöne Menschen, tranken einen kurzen oder langen Braunen und genossen Kuchen und Mehlspeisen und schwatzten ausgiebig. Wie schnell fühlte ich mich hier willkommen!

Ich sah mir die Gebäude an, sass eine Weile bei meinem geistigen Freund im schönen Dom und trank schliesslich auch einen langen Braunen. Und dann kam ich zum Hauptplatz, dem Kern der Altstadt. Wie sehr hat es mich gefreut dass die Grazer noch lesen! Und nicht nur das – Sie sitzen zusammen auf grossen Sitzkissen und in Hängematten oder auch aufrechten Stühlen, greifen sich ein Buch aus dem Regal und lesen los. Zum Teil alleine, zum Teil einander vorlesend verschlangen sie die Dichtungen, lasen genüsslich oder waren erstaunt über das, was sie hier fanden. Ich war total beglückt! Menschen, die lesen statt in ihre Handies zu schauen!

Natürlich griff ich auch gerne zu und stöberte, allerdings ohne besonders fündig zu werden. Aber was ich mochte: Wie die Menschen da vor den Regalen standen. Den Blick schweifen liessen, diesen oder jenen Titel heraus zogen, blätterten. Ich beobachtete sie genau: Wann und von was sie sich fangen liessen. Wie gerne hätte ich mein Buch, leider noch unveröffentlicht, dazu gestellt und verschenkt für jemanden, der es finden und dessen Leben es bereichern könnte.

Ich genoss die Szenerie und liess in meinem Geist die Bücher Revue passieren, die mich in den letzten Jahren verzaubert und bewegt hatten. Wie lange habe ich keine Buchempfehlung mehr ausgesprochen? Das möchte ich heute nachholen. Dazu werde ich nicht die vielen wunderbaren Serien von französischen Krimis auflisten, denen ich verfallen bin. Sondern die Perlen und Juwelen. Die Bücher, die einen Nachhall bei mir hatten, bei denen ich unglücklich war, als sie zuende gelesen waren. Einige, bei denen ich direkt nochmals anfangen musste von vorne, vom ersten Satz. Denn wenn ein Buch gut ist, dann verschlinge ich es manchmal ohne zu atmen. Und dann muss ich es nochmals lesen, von Anfang an und jeden Satz in mir resonieren lassen.

Hier also sind meine Top 5. Gerne empfange ich hier auch Eure Empfehlungen!

  1. Für immer meine 1: Das Parfüm. Von Patrick Süskind
  2. Ganz schnell danach, eigentlich eine zweite 1 weil es so ein grandioses Buch ist: Die Hütte. Von William Paul Young.
  3. Sten Nadolny: Das Glück des Zauberers
  4. Nina George: Das Lavendelzimmer. Und gleich danach den zweiten Band: Südlichter
  5. Alex Capus: Königskinder

Natürlich ist das unfair, weil ich eine Vielleserin bin und gerade in diesem Jahr so unglaublich gute neue Autoren und Bücher entdeckt habe. Aber ja, man muss eben manchmal Prioritäten setzen. Jedes der angegebenen Bücher hat mich verzaubert, vier davon wegen der grandiosen Sprach-Virtuosität und eines wegen seines revolutionär grossartigen Inhalts.

Bücher zu lesen verlängert das Leben. In einer Yale Studie ist nachgewiesen, dass Lesen das Gehirn Kapriolen machen lässt die es trainiert, dass es entspannt, gegen Depressionen wirkt und die geistige Achtsamkeit unterstützt. Mich macht es einfach nur glücklich. Ich verspreche hochheilig, mein Buch so zu vollenden, dass es einmal auf einer solchen Liste zu stehen würdig wird. Es heisst: Der Sprung. Und bald, bald, bald werde ich es finalisieren.


So lange gilt es das Leben zu geniessen!

Denn: Hatte ich es schon erwähnt?

La vie est belle – Das Leben ist schön.

Zeitreise

In der vergangenen Woche habe ich unheimlich viele Parallelen gefunden zum alten und neuen Leben und vielleicht auch Hinweise auf das was kommt und bleibt. Wenn man sich langsam bewegt und zudem Zeit hat, den Gedanken in Ruhe nachzugehen, dann erscheint irgendwann ein roter Faden, man sieht Eckpunkte des eigenen Lebens, die richtungsweisend waren und Synchronizitäten von Ereignissen und Begegnungen, die in unterschiedlichen Zeiten und Menschen stattgefunden haben. Was für ein Reichtum kann sich dann zeigen!

So habe ich sehr viele Stunden auf der Weide zwischen den Pferden gelegen, die kauend um mich herum schlenderten, ab und zu mal einen Liebesbeweis bei mir liessen und dann weiter zogen. Im schönen grossen Esperito erkannte ich eine Zwillingsseele meines vor zehn Jahren verstorbenen Pferdes. Es war seine fast gleiche Art, wie er sich mir näherte, mich von hinten anschubbste während ich ihn führte und die Art, wie er mich in seinen langen Hals einwickelte.

Mit übervollem Herzen habe ich schliesslich die wunderschöne Ardeche und meine lieben Freunde verlassen. Angereichert mit so vielem Neuem, dass ich satt und glücklich die Weiterreise antreten konnte.

Und auch auf der Reise zurück in die Schweiz – für einen einzigen Tag – fuhr ich an meinem alten Leben vorbei. In Genf erinnerte ich mich an einen obsessiven Coachee, mit dem ich einmal von dort nach Jersey flog. In Avenches kamen mir Bilder von der Prüfung, die mein Pferd damals vor 30 Jahren als junger stolzer Hengst noch absolvierte und dafür seinen Schweizer Brand bekam. In Bern-Forsthaus dachte ich an die irrsinnige Situation, als wir – ich hochschwanger und mit galoppierenden Wehen an der falschen Ausfahrt herausfuhren und drei Stunden später unseren kleinen ersten Sohn in den Armen hielten. In Bern-Grauholz hielt ich zum Tanken und schmunzelte. Vor so vielen Jahren hatte sich eben dieses Goldkind in den nagelneuen Sportwagen meines damaligen Ehemanns erbrochen. Wir putzen das Auto dort, es stank gewaltig und wir kämpften beide mit dem eigenen Brechreiz.

So ging es weiter, die ganze Reise durch die Schweiz. Überall waren Erinnerungen und ich lächelte und es machte mich nachdenklich, manchmal traurig, meistens glücklich. Mir scheint die Schweiz ist geschrumpft, weil sie so voll besetzt mit meinen Bildern ist. Vielleicht soll das Leben ja auch so sein: Ein Bilderbuch mit Flashbacks. Ein schönes Rund, das voll gesammelt ist mit Wertvollem.

Reisen ist auch das: Überraschende Bilder sammeln. Gefühle konservieren. Das Herz in Bewegung setzen, Neues finden. Zu Altem dazu fügen damit sich ein Muster entwickeln kann, das einmal vom Leben erzählt.

Angekommen bei meiner Freundin empfing mich eine lange herzhafte Umarmung. Und auch das ist Reisen: Zurück kommen und willkommen sein, das Neue mit dem Alten verstricken. Und dann wieder weiter ziehen auf dieser herrlich hungrigen Reise, auf der sich die Köstlichkeiten sammeln.

Bei meiner Freundin Carina im Gästezimmer habe ich bei Abreise einen Kalenderspruch gelesen: Wer schöne Erinnerungen hat, lebt doppelt.

Ich glaube, ich habe sieben Leben.

Ach, hatte ich es schon erwähnt?

La vie est belle – Das Leben ist schön.